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Weil federleicht nicht immer schwerelos bedeutet.
Für Olivia erfüllt sich ein Traum: Sie darf am CineStage Hills, einem Retreat für Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Schauspiel & Musical, teilnehmen. Womit sie jedoch nicht gerechnet hat, ist Tristan Kingsley – Stargast des Events, bekannter Musicaldarsteller, älterer Bruder ihrer besten Freundin … und der Mann, dem sie einst das Herz gebrochen hat. Auch wenn Olivia ihre Entscheidung von damals mittlerweile bereut, ist Tristan abweisend, und die unausgesprochenen Gründe für die Trennung thronen noch immer wie eine Mauer zwischen ihnen. Aber da sind auch heimliche Blicke, fliegende Funken und eine unerschütterliche Anziehungskraft, die es beiden zunehmend schwerer machen, ihre Vergangenheit zu ignorieren …
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch
Für Olivia erfüllt sich ein Traum: Sie darf am CineStage Hills, einem Retreat für Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Schauspiel & Musical, teilnehmen. Womit sie jedoch nicht gerechnet hat, ist Tristan Kingsley – Stargast des Events, bekannter Musicaldarsteller, älterer Bruder ihrer besten Freundin … und der Mann, dem sie einst das Herz gebrochen hat. Auch wenn Olivia ihre Entscheidung von damals mittlerweile bereut, ist Tristan abweisend, und die unausgesprochenen Gründe für die Trennung thronen noch immer wie eine Mauer zwischen ihnen. Aber da sind auch heimliche Blicke, fliegende Funken und eine unerschütterliche Anziehungskraft, die es beiden zunehmend schwerer machen, ihre Vergangenheit zu ignorieren …
Zur Autorin
Marie Weis wurde 1999 geboren und lebt aktuell in Bonn zwischen unzähligen Büchern. Die ausgebildete Buchhändlerin liebt es, in Geschichten zu versinken, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben. Wenn sie nicht gerade in gemütlichen Cafés schreibt, schaut sie vermutlich zum zehnten Mal „Pretty Little Liars“, hört Taylor Swift oder wartet sehnsüchtig auf die Weihnachtszeit. Die Autorin freut sich immer von ihren Lesern zu hören, z.B. auf Instagram unter @mariesliteratur.
Marie Weis
Words like feathers
Roman
reverie
Originalausgabe
© 2025 reverie in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von Alexander Kopainski unter Verwendung von Shutterstock
E-Book Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783745704778
www.reverie-verlag.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für Lara,weil ich weiß, dass wir uns in jedem Universum finden würden.Till the end of the line und weit darüber hinaus, Twinnie.
Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.
Wir wünschen euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.
Eure Marie und euer Team von reverie
Playlist
Baby Can I Hold You – Tracy Chapman
What If I Never Get Over You – Lady A
Two Weeks Ago – Maisie Peters
Cornelia Street (Live From Paris) – Taylor Swift
I Love You, I’m Sorry – Gracie Abrams
Kissing In Swimming Pools – Holly Humberstone
Hope You’re Happy – Megan Moroney
I Should Have Kissed You – One Direction
All I Ever Wanted – Dean Lewis
oh my – Alessi Rose
loml – Taylor Swift
Night Changes – One Direction
MESSEDUPASME – Keith Urban
The Heart Of The Matter – Don Henley
I Almost Do (Taylor’s Version) – Taylor Swift
BIRDSOF A FEATHER – Billie Eilish
28th of June – Megan Moroney
Moments – One Direction
Empire – Dean Lewis
teenage dream – Olivia Rodrigo
23 – Reneé Rapp
i wish i hated you - Ariana Grande
Born With A Broken Heart – Damiano David
You & I – One Direction
Defying Gravity (From »Wicked« Original Broadway Cast Recording/2003) – Stephen Schwartz, Kristin Chenoweth, Idina Menzel
»Hope« is the thing with feathers –That perches in the soul –And sings the tune without the words –And never stops – at all –
Emily Dickinson
Ich wusste mit absoluter Sicherheit, dass die Position der Vase auf meinem Küchentisch nichts damit zu tun hatte, ob ich später die Zusage bekam oder nicht. Dennoch wollte ich das Glück heute nicht herausfordern, weshalb ich die frischen Tulpen ein Stück weiter nach links und dann wieder nach rechts schob, so lange, bis sie genau in der Mitte des Tisches standen. Ich war froh, dass mich dabei niemand beobachtete. Wie bitte sollte man jemandem verständlich machen, dass man minutenlang einen dämlichen Gegenstand hin und her bewegte, weil einem das eigene Gehirn einredete, dass die guten Nachrichten, auf die man hoffte, nur dann eintreffen würden, wenn er an genau der richtigen Stelle des Tisches stand? Nach getaner Arbeit seufzte ich erleichtert auf, ließ die Blumenvase endlich hinter mir und lief in den Flur. Der Fußboden knarzte, als ich in meine geliebten, mittlerweile stark abgenutzten braunen hohen Stiefel schlüpfte und nach meinem Shakespeare & Company-Stoffbeutel griff.
»Guten Morgen«, ertönte eine verschlafene Stimme, gefolgt von einem ausgiebigen Gähnen. Ich drehte mich zu meiner besten Freundin Schrägstrich Mitbewohnerin um. Sienna lehnte im Türrahmen ihres Zimmers, die halblangen blonden Haare standen wild in alle Richtungen ab, und ein Kissenabdruck prangte auf ihrem Gesicht.
»Morgen, wieso bist du schon wach?«, fragte ich, während ich mein Handy in den braun karierten Blazer steckte, den ich mit einem knielangen dunkelblauen Kleid und einem Schal kombiniert hatte. Meine beste Freundin arbeitete an der Rezeption eines Hotels hier in Bath und hatte, wie so häufig, Nachtschicht gehabt. Normalerweise schlief sie dann immer bis mittags durch.
Sienna grinste und kam auf mich zu. »Na ja, heute ist doch der große Tag, und ich wusste, du wirst aufgeregt sein, also wollte ich dir viel Glück wünschen.« Sie schlang ihre Arme um mich und vergrub mich unter einer warmen Umarmung.
»Hilfe, du erdrückst mich«, rief ich lachend und tat so, als wollte ich mich wehren, auch wenn ich das Gefühl von Geborgenheit ziemlich genoss.
»Das ist so lieb«, sagte ich gerührt, nachdem Sienna sich von mir gelöst hatte. »Du glaubst gar nicht, wie aufgeregt ich bin. Die Zusage würde mir einfach alles bedeuten, das wäre so eine riesige Chance.«
Sienna stupste mir kurz und liebevoll mit dem Zeigefinger gegen die Nase. »Natürlich wirst du eine Zusage bekommen, ich hab das im Gefühl.« Erneut gähnte sie laut und rieb sich über die leicht verquollenen Augen. »Aber jetzt muss ich wieder ins Bett, ich kann kaum klar denken, so müde bin ich.« Sie drückte mich noch mal kurz, ehe sie zurück in ihr Zimmer tapste.
»Heute Abend feiern wir«, rief sie noch durch die halb geschlossene Tür.
Gerade als ich die Wohnung verlassen wollte, fiel mir auf, dass ich meinen Laptop vergessen hatte. Schnell lief ich zurück in mein Zimmer und griff nach dem Gerät, das unter meiner weißen Bettwäsche, auf der kleine Sonnen, Monde und Sterne gedruckt waren, vergraben war. Na gut, jetzt konnte ich auch eben noch das Bett machen. Mein innerer Monk schrie regelrecht danach. Seufzend legte ich meinen Stoffbeutel auf dem Boden ab und machte mich daran, Decke und Kissen aufzuschütteln. Dabei fiel mein Blick wie immer auf das signierte Poster von Shawshank Redemption, das über dem Kopfteil hing und mir jedes Mal einen kleinen Stich versetzte. Dennoch konnte ich mich nicht dazu überwinden, es abzuhängen. Es erinnerte mich zwar immer daran, was ich verloren, aber auch daran, was ich mal gehabt hatte. Der Rest der Wand hinter meinem Bett war übersät mit künstlichen Efeu-Girlanden, während an den restlichen kleine Poster und Bilder von meinen liebsten Filmen und Serien hingen. Ich liebte mein Zimmer. Umso schwerer fiel es mir jeden Morgen, es zu verlassen. Wieso raus in die Welt, wenn man sich auch in dieser gemütlichen kleinen Höhle verkriechen konnte? Lediglich heute trieben mich die Ungeduld und die Vorfreude auf den Tag raus. Ich schnappte also erneut nach meinem Stoffbeutel – diesmal mit Laptop – und machte mich auf den Weg.
Der Frühling war angebrochen, und Bath zeigte sich von seiner schönsten Seite. Überall blühten erste bunte Blumen, und die Blätter der Bäume schimmerten in einem frischen Hellgrün, das zärtlich von den lauwarmen Sonnenstrahlen der Morgensonne liebkost wurde. Ich war in Bath aufgewachsen und hatte noch nie woanders gelebt. Und zumindest für jetzt wollte ich das auch gar nicht. Ich liebte meine Heimatstadt mit ihren honigfarbenen Gebäuden im Stil der georgianischen Architektur, denen man ihr Alter teilweise ansah und die dadurch noch mehr Charme besaßen. Oft fragte ich mich, was die Häuser schon alles gesehen und erlebt hatten, welche Geheimnisse sich im Schutz ihrer Wände anvertraut worden waren und welche Geschichten sie wohl erzählen würden, könnten sie sprechen. Manchmal, wenn ich die Touristen sah, die bei den römischen Bädern anstanden, die Abteikirche bewunderten, im Royal Victoria Park frühstückten oder Fotos auf der Pulteney Bridge schossen, konnte ich gar nicht glauben, dass ich diese wunderschöne Stadt mein Zuhause nennen durfte. Dass Bath dann auch noch viel an Kultur bot, war für mich, die Filme und Bücher über alles liebte, umso besser.
Da unsere Wohnung sehr zentral lag, brauchte ich zu Fuß nur wenige Minuten zu meinem Arbeitsplatz. Wie jedes Mal, wenn ich die Außenfassade des kleinen Kinos erblickte, breitete sich ein wohliges Gefühl in mir aus. CineHeaven prangte in goldenen Lettern über der knallroten Eingangstür, neben der auf beiden Seiten zwei rund geformte Buchsbäume standen. Auf dem Flachdach über dem Eingang hatte Jude ein paar etwa hüfthohe Pflanzen aufgestellt, die das Kino zu einem noch größeren Blickfang machten, als es das ohnehin schon war. An der angrenzenden Wand hinter dem Dach prangte in roten Neonbuchstaben das Wort »Cinema«. Rechts neben der Eingangstür zierten Filmplakate der Filme, die wir im Programm hatten, die Hauswand. Schon während der Schulzeit hatte ich als Aushilfe im CineHeaven gearbeitet, und nach meinem Abschluss hatten Jude und Ellen, die Besitzer, mich als Vollzeitkraft eingestellt. Das Kino mit den zwei Sälen und der alten Popcornmaschine, das sowohl Blockbuster als auch Arthouse Filme und Klassiker zeigte, war mittlerweile zu meinem zweiten Zuhause geworden.
Als ich die Eingangstür aufschloss, wehte mir bereits ein buttriger und köstlicher Duft entgegen. »Cooper, wir haben noch nicht mal neun Uhr, sag mir nicht, dass du schon wieder Popcorn zum Frühstück isst«, rief ich und legte meine Sachen an der Garderobe ab.
»O doch, und wie er das tut, mir ist schon schlecht beim Zuschauen, ich … Cooper, stopf nicht so!«, ertönte Tashas leicht angewiderte Stimme und brachte mich zum Lachen.
Ich bog um die Ecke und sah Tasha, die auf dem Verkaufstresen saß, während Cooper dahinter stand und sich genau in dem Augenblick eine weitere Handvoll in den Mund schob.
»Wie kannst du das nur jeden Morgen essen?«, fragte ich grinsend und schwang mich neben Tasha auf den Tresen. Meine Kollegin und mittlerweile gute Freundin schenkte mir ein breites Lächeln zur Begrüßung. Die langen schwarzen Haare fielen ihr in sanften Wellen über die Schultern, während das weiße mit kleinen Erdbeeren bedruckte Kleid ihre wunderschönen Kurven absolut großartig zur Geltung brachte. Tasha war wunderschön, und sie wusste es nicht mal. »Ihr Banausen habt ja keine Ahnung, was gut ist«, gab Cooper grinsend zurück. Dabei entging mir nicht, wie meine Freundin ihn ansah. Wie ihr Blick erst über seine Grübchen wanderte, dann über die kurz geschorenen dunkelbraunen Haare und schließlich seinen Kehlkopf, der sich beim Schlucken leicht bewegte. Auch wenn wir noch nie darüber gesprochen hatten, war für mich glasklar, dass Tasha Cooper liebte. Die Art und Weise, wie sie ihn ansah, wenn sie dachte, niemand würde es bemerken, wie sie über ihn sprach, ihn neckte und über jeden seiner Witze lachte – all das wirkte nicht mal wie verliebt sein, es wirkte wie pure und unumstößliche Liebe. Ich kannte diesen Blick. Er erinnerte mich an jemanden, den ich auch mal so angesehen hatte. Nur durfte ich meine Gedanken an diese Person nicht vertiefen, denn auch nach drei Jahren war die Erinnerung an ihn immer noch so schmerzhaft, dass ich kaum Luft bekam. Also schob ich sie wieder in die tiefste Ecke meines Bewusstseins und konzentrierte mich auf meine Freunde.
Cooper war schwieriger zu lesen als Tasha, und ich hoffte aus ganzem Herzen, dass er sie auch liebte. Meiner Meinung nach waren die beiden füreinander bestimmt. Dazu kam jedoch auch, dass ich es nicht ertragen würde, bräche unsere Gruppe eines Tages auseinander. Ein Leben ohne diese beiden Menschen, die genauso filmverrückt wie ich und einfach immer für mich da waren, war mittlerweile unvorstellbar.
»Okay, können wir jetzt bitte gemeinsam die Mails checken? Ich halte es nicht eine Minute länger aus«, stieß Tasha plötzlich hervor, woraufhin sich sofort mein Herzschlag beschleunigte.
»Ich dachte schon, ihr fragt nie«, erwiderte Cooper und stellte die Popcorntüte beiseite, nur um seinen Laptop hinter dem Tresen hervorzuholen. Er klappte das Gerät auf und schob es mir mit einem feierlichen Gesichtsausdruck über den Tresen zu.
»Ihr glaubt gar nicht, wie aufgeregt ich bin«, sagte ich und knabberte nervös auf meiner Unterlippe herum. Das Hochfahren dauerte eine gefühlte Ewigkeit, und als Cooper endlich die Zugangsdaten eingeben konnte und ich anschließend das Mailprogramm öffnete, zitterten meine Finger. Tasha verschränkte die Hände, Cooper stützte sich auf dem Tresen ab, beide sahen mich erwartungsvoll an, während ich den Posteingang aktualisierte.
Als eine neue Mail aufploppte, schnappte ich nach Luft.
»Was, was, was, was?«, rief Tasha, während Cooper versuchte, einen Blick auf das Display zu erhaschen.
»Sie haben geschrieben, aber ich weiß noch nicht, was, denn in der Betreffzeile steht nur CineStage Hills Bewerbung«, sagte ich, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Ich traue mich nicht, sie zu öffnen.«
»Liv, das ist ja nicht auszuhalten, ich mach das jetzt«, entgegnete Cooper bestimmt und griff nach dem Laptop. Ohne zu zögern, klickte er auf die Mail, und mir rutschte das Herz in die Hose, als ich beobachtete, wie sich die Zeilen in seinen Augen spiegelten. Ich hielt die Luft an, Tasha wippte ungeduldig auf ihren Fußballen auf und ab, ehe Cooper ein »O mein Gott!« ausstieß.
»Und?«, fragten Tasha und ich synchron, woraufhin Cooper anfing, laut vorzulesen.
»Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Olivia Yates vom CineHeaven in Bath als Teilnehmerin für das diesjährige CineStage Hills Festival ausgewählt wurde. Es erwarten sie zwei spannende Wochen auf einem Schloss in den schottischen Highlands gefüllt mit Workshops, Ausflügen, Vorträgen, Aufführungen und Gesprächen mit unseren Stargästen. Das komplette Programm und Line-up erfahren Sie vor Ort. Seien Sie gespannt! Bitte bestätigen Sie Ihre Teilnahme und füllen das unten angefügte Formular aus. Weitere Infos finden Sie im Anhang … bla bla … wir freuen uns auf Sie! Liv, du bist dabei!«
Tasha und ich fingen gleichzeitig an zu kreischen und fielen uns um den Hals. Cooper jubelte und schlang seine Arme um uns, sodass wir ein großes Gewusel bestehend aus Armen, Beinen und glücklichen Gesichtern waren.
»Ich kann nicht glauben, dass ich es tatsächlich geschafft habe«, sagte ich atemlos, nachdem wir uns beruhigt hatten. Unsicher, was ich mit der angestauten Energie machen sollte, zog ich mir als Erstes das T-Shirt mit dem Logo des Kinos über, das ich aus meiner Tasche gekramt hatte. Dabei fielen mir ein paar kastanienbraune Haarsträhnen ins Gesicht, die ich mir hinter die Ohren strich. Ich musste mich noch an die Curtain Bangs gewöhnen, die ich mir letzte Woche aus einem Impuls heraus hatte schneiden lassen, doch ich liebte sie. Es fühlte sich an, als verliehen sie mir ein wenig Mut. Und den konnte man schließlich immer gebrauchen.
»Wenn es jemand verdient, dann du. Das ganze letzte Jahr über hast du von nichts anderem gesprochen und deine Bewerbung war grandios. Es musste einfach klappen!« Tasha lächelte breit, und Wärme füllte meinen Brustkorb. Freunde, die sich für einen freuten und einen immer von der Seitenlinie aus anfeuerten, ohne auch nur einen Funken Neid oder Missgunst auszustrahlen, die immer an einen glaubten und einen unterstützten, waren so wertvoll. Jeden Tag war ich dankbar dafür, dass ich mit Sienna, Cooper und Tasha nicht nur einen, sondern gleich drei solcher Menschen in meinem Leben hatte.
»Du musst uns versprechen, dass du uns ganz viele Updates und Fotos schickst, hörst du?« Cooper zeigte gespielt mahnend mit dem Zeigefinger auf mich, während die Popcornmaschine vor sich hin brummte.
»Versprochen«, antwortete ich grinsend und machte mich auf den Weg ins Lager, um die Tüten mit den Nachos zu holen. Ich wusste nicht, wie ich mich heute auch nur eine Minute lang auf die Arbeit konzentrieren sollte. Für einen kurzen Augenblick setzte ich mich auf eine der Getränkekisten, um durchzuatmen. Das CineStage Hills war ein bekanntes und exklusives Retreat für Künstlerinnen und Künstler in den Bereichen Film, Theater und Musical. Es fand jedes Jahr für zwei Wochen auf einem wunderschönen alten Schloss mitten in den schottischen Highlands statt. Aus den Tausenden Kinos und Theatern auf der ganzen Welt wurden nur insgesamt zwanzig Teilnehmer zugelassen. Und nun war ich tatsächlich eine von ihnen.
Seit einer halben Stunde saß ich auf meinem Koffer in der Eingangshalle des Edinburgh Airport und wartete nervös auf den Shuttle, der mich gemeinsam mit anderen Teilnehmenden zu dem Schloss in den Highlands bringen sollte. Doch entweder war ich die Erste, die angekommen war, oder die anderen saßen genauso verloren irgendwo hier herum. Ich zupfte unruhig an der Haut um meine Fingernägel herum und verfluchte mich gleich darauf selbst, als es an einer Stelle anfing zu schmerzen und leicht zu bluten. Das Knibbeln an den Fingern war der einzige Teil meiner Zwangsstörung, der für Außenstehende sichtbar war, und ich hasste alles daran. Dennoch hatte ich es bisher einfach nicht geschafft, damit aufzuhören. Meine Mum sagte immer, die Hände wären die Visitenkarte eines Menschen und würden eine Menge über dessen Gemütszustand verraten. Ich wusste nicht, ob das auf alle zutraf, aber auf mich definitiv. Immerhin war es deutlich besser geworden, seit ich mir mit Sienna zusammen alle paar Wochen die Nägel in einem Studio schön machen ließ. Doch auch wenn ich wünschte, es würde mich gänzlich davon abhalten, diese unschönen Spuren auf meiner Haut zu hinterlassen, tat es das leider nicht. Hoffentlich irgendwann. Es gefiel mir nicht, dass mir andere dadurch meinen Gefühlszustand ansehen konnten, vor allem, da es einem Teil von mir nach wie vor verdammt schwerfiel, Schwäche zu zeigen.
»Willst du auch zum CineStage Hills Retreat?«, riss mich eine helle Stimme aus den Gedanken. Ich zuckte kurz zusammen. Vor mir stand eine zierliche junge Frau mit feuerroten Haaren, die ihr bis knapp über die Schultern hingen, einer Jeanslatzhose, die mit kleinen Regenbogen bedruckt war, und einem Koffer, der doppelt so groß war wie meiner. Sie trug einen bunt gestreiften Pullover, braune Wanderschuhe und Sommersprossen im Gesicht. Ich mochte sie sofort. Hastig stand ich auf. »Ja, hi, ich bin Olivia«, sagte ich lächelnd, woraufhin auch die Mundwinkel meines Gegenübers in die Höhe wanderten.
»O Gott, ich bin ja so erleichtert. Es hätte mich nicht gewundert, wenn das der falsche Treffpunkt ist, das wäre so typisch für mich gewesen.« Sie deutete ein Winken an. »Gracie, hi.«
Ich lachte auf und nickte hastig. »Ja, geht mir auch so, ich sitze seit einer halben Stunde hier und hab mich gefragt, ob sie mich vielleicht einfach vergessen haben.« Fröhlich hob ich ebenfalls die Hand. »Freut mich.«
Gracie ließ ihren scheinbar tonnenschweren Rucksack mit einem leisen Ächzen fallen und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Völlig unbeeindruckt davon, was sich dort wohl alles für Dreck und Bakterien tummeln könnten. Augenblicklich mochte ich sie noch ein bisschen mehr. Unbeholfen setzte ich mich wieder auf meinen Koffer und zog die Ärmel meines Sweatshirts über meine Hände. Meine blutigen Finger würden vielleicht nicht unbedingt für einen guten ersten Eindruck sorgen.
Gracie wackelte verschmitzt mit den Augenbrauen und beugte sich leicht vor, als wollte sie mir ein Geheimnis zuflüstern.
»Bist du auch überzeugt davon, dass sie sich vertan haben mit deiner Einladung und alles nur ein großer Irrtum war? Ich kann nämlich immer noch nicht glauben, dass ich wirklich hier bin.«
»Ich auch!«, stieß ich hervor, erleichtert, dass es nicht nur mir so ging. »Ich bin weder Schauspielerin noch Musical-Darstellerin, sondern einfach nur jemand, der Filme abgöttisch liebt und in einem kleinen Kino in Bath arbeitet. Seit ich die Zusage bekommen habe, frage ich mich, wieso sie ausgerechnet mich ausgesucht haben. Es ist komplett surreal, ich träume schon so lange davon.« Beim Gedanken an die letzten Wochen konnte ich gar nicht anders, als breit zu grinsen. Zusammen mit Tasha, Cooper und Sienna hatte ich sämtliche Reiseführer über Schottland, die Highlands und Glencoe durchgearbeitet. Ich hatte mir alle Videos der letzten Jahre angeschaut und die Profile der bisherigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchforstet.
Gracie kicherte. »Wem sagst du das! Ich mache eine Ausbildung zur Visagistin in Boston und liebe alles, was mit Filmen und Musicals zu tun hat, aber ansonsten hab ich in dem Bereich gar keine Erfahrung.«
»Das klingt so cool. Und Boston, wow, dann hast du sicherlich einen langen Flug hinter dir, oder?«
Sie seufzte und fuhr sich durch die roten Haare. »Fast sieben Stunden, aber das war es mir absolut wert. Auch wenn ich vor Nervosität fast gestorben bin. Aber ich bin sehr froh, dass ich auf dich gestoßen bin, Olivia, jetzt bin ich schon viel entspannter.« Sie lächelte so breit, dass sich ihr ganzes Gesicht erhellte und damit ein warmes Gefühl in meiner Brust hinterließ.
»Ich bin auch sehr froh, dass wir uns getroffen haben«, entgegnete ich und meinte es so. Ich freute mich schon jetzt darauf, Gracie in den nächsten Tagen besser kennenzulernen.
Nach und nach trudelten weitere Teilnehmende ein, und unsere Gruppe wurde größer. Jedes Jahr wurden zwanzig Plätze vergeben, davon ging die Hälfte an Personen aus Schottland und die andere an welche auf der ganzen Welt. Als wir schließlich zum Shuttle liefen, waren wir allerdings nicht mehr als zehn. Vor dem Flughafengebäude warteten ein 7-Sitzer und ein Landrover. Als wir uns aufteilen sollten, schnaubte ein Typ in einem Ralph-Lauren-Pullover.
»Also, ich fahre sicherlich nicht mit dieser dreckigen Schrottkarre, die aussieht, als würde sie gleich auseinanderfallen«, stieß er empört hervor und ging zielstrebig auf den Bulli zu. Gracie und ich warfen uns einen vielsagenden Blick zu, bevor wir, ohne auch nur eine weitere Sekunde darüber nachzudenken, auf den Landrover zusteuerten.
»Sympathisch«, flüsterte ich, und Gracie fing an zu kichern. Mithilfe des Fahrers wuchteten wir unser schweres Gepäck in den Kofferraum und nahmen auf der Rückbank Platz. Ein schlaksiger Junge namens Phillip, der nicht viel älter als 18 sein konnte und aus Salzburg stammte, ließ sich auf dem Vordersitz nieder, als wir auch schon losfuhren.
Mein Magen kribbelte vor Aufregung, als wir die Stadt hinter uns ließen. Ich war tatsächlich hier, in Schottland, als Teil des CineStage Hills. Was mich in den nächsten zwei Wochen wohl erwarten und wen ich alles kennenlernen würde? Ich konnte es kaum abwarten.
Den Großteil der Fahrt verbrachten wir in Stille, was niemanden zu stören schien, da Gracie und Phillip sichtlich erschöpft von der Reise schwiegen, höchstens mal gähnten. Ich dagegen war komplett überwältigt von den neuen Eindrücken sowie der Vorfreude, die mich mit großen Augen und einem breiten Lächeln aus dem Fenster starren ließ. Zwischendurch erzählte unser Fahrer Hugh uns etwas über die Orte, an denen wir vorbeifuhren, und ich saugte jede einzelne Info auf, während die Bilder, die seine Erzählungen in meinem Kopf entstehen ließen, sich mit der Landschaft vermischten. Obwohl Schottland nicht allzu weit weg von Bath war, war ich noch nie hier gewesen, hatte jedoch schon immer davon geträumt. Wir passierten Linlithgow, den Geburtsort von Maria Stuart, 30 Meter hohe Kelpie Statuen direkt an der Autobahn, die im Sonnenlicht schimmerten, sowie unzählige alte Burgen und Gemäuer wie Stirling Castle. Ich wollte am liebsten an jedem Ort halten, mir alles anschauen und erkunden. Doch da die Fahrt auch so schon fast drei Stunden dauern würde, hielten wir lediglich, um kurz Pause zu machen. Die wahre Magie begann jedoch, als es um uns herum immer grüner wurde und die ersten Lochs auftauchten. Die Landschaft nahm eine rauere Note an, die Berge wuchsen immer höher. Die Szenerie vor uns machte es mir schwer, den Mund nicht die ganze Zeit über offen stehen zu lassen. Ich blickte rüber zu Gracie, die mittlerweile wieder wach war und ebenso beeindruckt aus ihrem Fenster schaute. Als sich unsere Blicke trafen, quietschte sie aufgeregt auf, und ich musste lachen. Sobald sie nach meiner Hand griff, flutete ein Gefühl heller Vorfreude meinen ganzen Körper.
»Willkommen in den Highlands«, verkündete Hugh begeistert, als er unsere Reaktion im Rückspiegel bemerkte. Auch der bis dahin so stille Phillip stieß ein »Wow« nach dem anderen aus. Wenn die Landschaft schon jetzt durch die Fensterscheiben des Rovers so einen Zauber ausstrahlte, wie würde es dann erst sein, wenn wir auf einem Schloss mittendrin wohnen würden? Ich zog eilig mein Handy aus der Jackentasche und machte ein kurzes Video von den vorbeiziehenden Hügeln, das ich nicht nur auf dem Instagram Account des Kinos hochlud, sondern auch an meine Familie und Freunde verschickte. Die restliche Fahrzeit verging wie im Flug, und als wir schließlich die Three Sisters of Glencoe, eine riesige grün befleckte und wunderschöne Formation dreier Berge, passierten, wusste ich, dass wir bald da sein würden. Vorher hielt Hugh jedoch bei einem Viewpoint, damit wir die drei Schwestern auf uns wirken lassen konnten. Er sagte, es wäre eine Schande, einfach an ihnen vorbeizufahren. Als ich die Autotür öffnete, peitschte mir ein kalter Wind entgegen, und ich war froh über den dicken Fleece Pullover, den Sienna mir vor meiner Abreise geschenkt hatte. Ich kuschelte mich enger in den warmen Stoff und folgte Gracie, die über den Parkplatz auf die grün-braunen Riesen zulief. Um uns herum tummelten sich Menschen mit Selfiesticks, die versuchten, das perfekte Foto zu schießen, doch sobald ich vor dem Bergmassiv stand, blendete ich alles um mich herum aus. Mein Blick schweifte über die saftigen grünen Wiesen und Büsche, über die dunklen, ebenfalls bewachsenen Steinriesen vor uns, die so mächtig schienen, dass einem schier der Atem stockte. Ich war mir absolut sicher, dass ich noch nie in meinem Leben etwas Schöneres gesehen hatte. Ehrfurcht und Magie schwebten über diesem Ort sowie die Erkenntnis, was für unheimlich kleine Punkte wir Menschen auf dieser Erde doch waren.
Nachdem auch wir Fotos geschossen und einen Moment lang die Aussicht genossen hatten, ging es schließlich weiter. Die schottischen Highlands zogen an uns vorbei, ein Berg beeindruckender und schöner als der andere. Ich war noch keine Stunde hier und hatte mein Herz schon an die Landschaft verloren.
Die restliche Fahrt betrug von hier aus nur noch knapp zwanzig Minuten, und mit jeder Sekunde, die verging, wurde ich aufgeregter. Normalerweise fiel es mir nicht sonderlich schwer, neue Menschen kennenzulernen, auch wenn ich eher introvertiert war und gerne Zeit allein verbrachte. Doch so viele Fremde auf einem Haufen zu treffen, worunter dann vielleicht sogar bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler oder Regisseure waren – das war doch eine andere Nummer.
Schließlich bog Hugh bei einer Abzweigung ab, und wir passierten einen kleinen Loch. Das Wasser des Sees schimmerte tiefblau im einfallenden Sonnenlicht und warf Schattenspiele auf die Blätter der umstehenden Bäume. Wir fuhren durch ein kleines Wäldchen, das sich mit seinen hohen, dichten Waldkiefern anfühlte wie eine Art Abschottung zur Außenwelt, und als sich das saftige, volle Grün lichtete, war es endlich zu sehen: das Schloss, auf dem wir die nächsten zwei Wochen verbringen würden. Mein Herz fing an, schneller zu schlagen, und als Hugh den Rover parkte, hielt uns nichts mehr im Wagen. Gracie und ich sprangen fast synchron aus dem Auto, und ich lief zu ihr auf die andere Seite, um einen besseren Blick auf das alte Gemäuer zu haben. Vor uns lag Glenloch Castle in all seiner Pracht. Es bestand aus massivem grauem Granitstein, einzig die zwei kleinen Türmchen, Erker und die Umrandungen der hohen Fenster waren aus braunem Sandstein, der von den einfallenden Sonnenstrahlen geküsst und in ein warmes Licht getunkt wurde. Es hatte ein schwarzes Schieferdach, aus dem weitere kleine Erkerfenster hervorlugten, deren Holzrahmen weiß gestrichen waren. Überall verteilt erkannte ich schon von Weitem kunstvolle Verzierungen, die in den Stein gehauen worden waren. Glenloch Castle lag mitten auf einer ellenlangen Wiese, hinter der die majestätischen Highlands des Glencoe hervorragten. Ich kam mir vor wie in einem Film, und ich liebte einfach alles daran. Fehlte nur noch, dass Jamie Frasier oder Merida um die Ecke kämen – wundern würde es mich bei dieser Kulisse jedenfalls nicht.
Gracie knuffte mich mit dem Ellbogen sanft in die Seite und lächelte mich so strahlend an, dass auch meine Mundwinkel automatisch in die Höhe wanderten. Obwohl ich sie erst so kurz kannte, kam sie mir vor wie Sonnenschein in menschlicher Form.
»Jetzt sind wir wirklich hier, oder?«, fragte sie andächtig, und ein aufgeregtes Kichern sammelte sich in meiner Kehle.
»Ja«, sagte ich und atmete tief aus. »Jetzt sind wir wirklich hier.«
»Herzlich willkommen beim diesjährigen CineStage Hills Retreat im atmosphärischen Glenloch Castle in Glencoe. Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie alle unserer Einladung gefolgt sind und gut hergefunden haben.«
Evelyn Dunmuir, bekannte Broadway-Regisseurin sowie Gründerin und Leiterin des CineStage Hills ließ ihren aufmerksamen Blick über die einzelnen rot gepolsterten Stuhlreihen schweifen. Nachdem wir unser Gepäck in der imposanten Eingangshalle abgestellt hatten, befanden wir uns nun alle in einem großen Saal. Gracie und ich saßen am Rande, und ich hoffte inständig, dass wir gemeinsam in ein Zimmer ziehen konnten.
»Wie Sie alle vermutlich wissen, bewerben sich jedes Jahr Tausende potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das CineStage Hills Retreat. Dieses Jahr ist unsere Wahl auf Sie gefallen, und ich hoffe, Sie sind stolz auf sich. Denn diese Entscheidung spricht für Ihre Kreativität, Ihr Engagement und Ihre Liebe zu Film, Schauspiel und Musical. Ohne diese Eigenschaften säßen Sie nicht hier.«
Applaus brandete im Saal auf, und auch Gracie und ich stimmten ein. Jedes einzelne Gesicht, dem ich entgegenblickte, strahlte. Alles in mir kribbelte vor Aufregung, dennoch hoffte ein kleiner Teil von mir, nicht doch fehl am Platz zu sein bei all den vermutlich sehr talentierten Menschen. Evelyn klatschte ebenfalls und verzog ihre dunkelrot geschminkten Lippen zu einem breiten Lächeln. Ihre hellgrauen Haare waren zu einem strengen Dutt nach hinten gesteckt, aus dem sich nicht eine einzige Haarsträhne löste. Sie trug passend zum Lippenstift ein dunkelrotes Bleistiftkleid, das wie angegossen saß. Alles an ihr war anmutig und elegant, gleichzeitig strahlte sie jedoch auch Wärme und Herzlichkeit aus. Sie war schon mit Dutzenden Filmstars abgelichtet worden und staubte jedes Jahr bei den Tony-Awards ordentlich ab. Sogar für einen Oscar war sie bereits nominiert worden, was dazu führte, dass ich allein bei dem Gedanken, mit was für Größen sie zusammengearbeitet hatte, glatt eine Gänsehaut bekam.
»Meine liebe Kollegin Samantha wird Ihnen gleich eine kurze Führung durch das Schloss geben und Sie danach auf Ihre Zimmer bringen, damit Sie sich etwas ausruhen können. Da Sie alle sicherlich erschöpft von der Anreise sind, starten wir erst morgen mit dem Programm. Um 18 Uhr gibt es Abendessen im großen Salon, ansonsten steht Ihnen die Zeit heute zur freien Verfügung. Sie können alle Räume im Schloss sowie den angrenzenden Garten nach Belieben nutzen und sich frei bewegen. Frühstück ist morgen um 7:30 Uhr, danach beginnen um 9 Uhr die ersten Workshops. Mehr zum Programm und der Einteilung in verschiedene Gruppen erfahren Sie dann. Ich wünsche Ihnen einen schönen ersten Abend und uns allen eine unvergessliche Zeit auf Glenloch Castle!«
Erneuter Applaus und eiliges Stühle verrücken, bevor die ganze Gruppe sich langsam daranmachte, den Saal zu verlassen und Samantha, der großen blondhaarigen Assistentin, die ungefähr in unserem Alter sein musste, zu folgen wie Küken ihrer Entenmama. Ich konnte es kaum abwarten, auch den Rest der Burg zu sehen.
»Glenloch Castle wurde im 15. Jahrhundert von der adeligen Familie Sinclair errichtet. Über die Jahrhunderte hinweg wurde das Schloss immer wieder der Zeit angepasst und renoviert. Die ursprünglichen mittelalterlichen Elemente wurden sorgfältig restauriert, wobei die alten Steinmauern beibehalten wurden. Heute dient Glenloch Castle als luxuriöses Retreat, das historische Architektur mit modernem Komfort vereint«, fing Samantha an zu erzählen, während wir durch die große Eingangshalle liefen. Der Fußboden bestand hier aus glänzendem Marmor, der in einer breiten Holztreppe mündete. Die Wände wurden von Gemälden in Goldrahmen geschmückt, und das Ticken einer – mit Sicherheit sehr wertvollen – Standuhr erfüllte den Raum.
»Im Obergeschoss findet ihr eure Zimmer, es gibt insgesamt zehn, das bedeutet, ihr seid immer zu zweit. Wir haben euch vorab eingeteilt, doch wenn ihr bereits jemanden kennengelernt habt, mit dem ihr euch ein Schlafzimmer teilen möchtet, machen wir das gerne möglich.«
Gracie und ich warfen uns einen verschwörerischen Blick zu, und Erleichterung machte sich in mir breit.
»Es gibt oben außerdem eine kleine Bibliothek, in der ihr Aufgaben aus den Workshops erarbeiten oder euch eine kleine Ruhepause gönnen könnt. Natürlich dürft ihr euch auch gerne jederzeit Bücher ausleihen, wir bitten euch nur darum, diese am Ende des Retreats wieder zurückzustellen.«
Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer beim Gedanken an die Bibliothek. Da ich vor allem Klassiker und Lyrik liebte, musste ich dort unbedingt etwas stöbern. Zuerst folgten wir allerdings Samantha in den großen Salon. Es war ein wunderschöner Raum. Der Boden bestand aus schwarz-weißen Fliesen in einem schachbrettartigen Muster, versehen mit goldenen Verzierungen. In der Mitte stand ein großer Esstisch, der locker die Hälfte des Raumes einnahm und Platz für unsere gesamte Gruppe bot. Darüber hing ein silberner Kronleuchter, der das einfallende Licht im Raum tanzen ließ. Das Highlight waren jedoch die vier bodentiefen Korbbogenfenster, die eine grandiose Aussicht auf die Landschaft boten und außen von Efeuranken umrahmt waren.
»Dort hinten seht ihr den Glencoe Lochan. Er ist nur fünf Gehminuten entfernt und bietet einige sehr schöne, nicht allzu anstrengende Wanderwege.«
Normalerweise war ich nicht der größte Wanderfan, doch bei dieser Kulisse wollte selbst ich sofort loslaufen.
Der Rest des Erdgeschosses bestand aus mehreren Arbeitszimmern, einer Terrasse mit Blick auf den Glencoe Lochan, der Küche und einem gemütlichen Wohnzimmer mit mehreren Sesseln, in dem ein Kamin vor sich hin prasselte. Als wir wieder in der Eingangshalle ankamen, zeigte Samantha auf eine unscheinbare Holztür hinter der Treppe.
»Im Untergeschoss findet ihr die richtig spannenden Sachen«, sagte sie mit einem Schmunzeln. »Unten befindet sich unser großes Filmzimmer. Es ist wie ein kleiner Kinosaal mit Leinwand und Popcornmaschine, aber auch einer Bühne, auf der unsere Stargäste während des Retreats natürlich etwas vorführen werden. Seid gespannt!«
Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge, gefolgt von leise gemurmelten Gesprächen, doch Samantha war noch nicht fertig und hob kurz die Hand.
»Eine letzte Sache noch, dann seid ihr mich los für heute. Unten ist nämlich nicht nur das Filmzimmer, sondern auch unser Swimmingpool. Ich finde, es ist der schönste Ort im ganzen Haus, aber wieso das so ist, müsst ihr selbst herausfinden. Handtücher und Bademäntel findet ihr auf euren Zimmern. Danke für eure Aufmerksamkeit und eine tolle Zeit wünsche ich euch allen!«
Einige klatschten, andere riefen »Danke« und wieder andere stürzten zu ihrem Gepäck und liefen sofort zum Aushang, um herauszufinden, wer mit wem in welchem Zimmer war.
»Ich klär das mal eben«, sagte Gracie lächelnd und steuerte die Liste an, bevor sie schließlich zu Samantha ging und mit ihr sprach. Bildete ich mir das ein oder wurde sie rot dabei? Samantha gestikulierte und grinste, woraufhin Gracie laut loslachte und ihr Gegenüber damit ansteckte. Ich selbst konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Das musste ich auf jeden Fall im Auge behalten.
Nachdem sie Gracie noch ein letztes Mal angelächelt hatte, ging Samantha zu zwei anderen Teilnehmerinnen, um mit ihnen zu sprechen. Sobald beide nickten, zeigte sie Gracie einen Daumen hoch, woraufhin diese fröhlich angehüpft kam.
»Alles geregelt«, rief sie. Bevor wir uns auf den Weg zu unseren Zimmern machten, legten wir unsere Handys noch in eine Sammelbox, die neben der Tür zum großen Saal aufgebaut war. Es war allseits bekannt, dass Mobiltelefone beim CineStage Hills abgegeben werden mussten, um sich besser auf die Zeit hier konzentrieren zu können. Im Notfall durften sie natürlich genutzt werden, doch ansonsten sollten unsere Köpfe möglichst frei sein. Obwohl es sicherlich eine Herausforderung werden würde, freute ich mich auch auf diese Pause. Ein Social-Media-Detox konnte ich wirklich gut gebrauchen.
Gemeinsam schleppten wir unsere Koffer die knarzende Holztreppe hoch. Der ebenfalls von Gemälden und kunstvollen Tapeten gesäumte Flur im Obergeschoss schien endlos. Ich hatte die Vermutung, dass selbst jedes kleinste Staubkorn hier auf irgendeine Art und Weise ästhetisch war. Meine Finger zuckten regelrecht, weil ich am liebsten sofort nach meinem Handy greifen und jede Kleinigkeit fotografieren wollte. Meine Galerie war ein Sammelsurium unterschiedlichster Dinge, die mir im Alltag begegneten. Ich mochte es, Erinnerungen auf diese Art zu konservieren und mich daran zu erinnern, wie schön ein Moment gewesen war. Vielleicht, weil ich durch die sorgenvolle Stimme in meinem Inneren oft das Gefühl hatte, dass ich meinem Gehirn nicht so richtig trauen konnte. Manchmal befürchtete ich, die guten Dinge in dem Chaos, das in meinem Kopf herrschte, zu verlieren oder so zu verdrehen, dass ich sie im Nachhinein nicht mehr als gut empfand.
Wir liefen an mehreren verschlossenen Holztüren vorbei und kamen schließlich vor der Tür mit einer goldenen 13 zum Stehen.
»Da sind wir«, murmelte Gracie schnaufend, während ich mir den Schweiß von der Stirn wischte. Mein Koffer war deutlich schwerer gewesen als gedacht.
Gracie öffnete die Tür schwungvoll, ich betrat das Zimmer hinter ihr, und mir blieb der Mund offen stehen. Uns entwich gleichzeitig ein »Wow«, während keine von uns wusste, wo man zuerst hinschauen sollte. Das Interieur hätte 1:1 aus einem Jane-Austen-Film stammen können, ich war wirklich hin und weg. Das Zimmer bestand aus zwei schmalen Himmelbetten, die traumhaft bequem aussahen, einem kleinen, aber sehr gemütlichen Sitzbereich inklusive Kamin und einem antiken Schreibtisch, von dem aus man durch ein hohes Erkerfenster einen wunderbaren Blick in den Garten hatte. Es war ein Platz zum Schreiben, den meine Lieblingspoetin Emily Dickinson geliebt hätte, da war ich mir absolut sicher. Staunend ließ ich mein Gepäck fallen und strich mit den Fingern über die Tapete, die in sanften Pastelltönen gehalten war. Ich spürte die leichten Erhebungen, die die dezenten Muster an die Wand malten. Auf dem Laminatboden lag ein großer Teppich, der so weich aussah, dass ich in die Hocke ging und meine Hand in das Meer aus flauschigen Fasern sinken ließ. Vor dem Kamin stand ein samtbezogenes dunkelgrünes Sofa und daneben eine Chaiselongue in derselben Farbe. Seufzend erhob ich mich, um mich auf das Sofa fallen zu lassen. Es war so bequem, dass ich nie mehr aufstehen wollte. Das Ganze wurde abgerundet durch einen Beistelltisch, der viel zu teuer aussah, als dass er nur als solcher herhalten sollte. Darauf thronte eine weiße Porzellanvase, die geschmückt wurde durch einen wunderschönen bunten Blumenstrauß und einige Disteln – der schottischen Nationalblume.
»Das ist der absolute Wahnsinn«, sagte Gracie, worauf ich nur nicken konnte. Ehe ich mich versah, öffnete sie die angrenzende Schiebetür zum Badezimmer, und ich folgte ihr eilig. Dort gab es zwei frei stehende Kupferbadewannen mit goldenen Applikationen, zwei Waschbecken und eine Regendusche mit Mosaikboden, die größer war als Siennas und mein komplettes Badezimmer in Bath.
Gracie und ich starrten uns kurz sprachlos an, bevor wir in hysterisches Gelächter ausbrachen und aufgeregt durch das Zimmer tanzten. Ich verstand jetzt, warum es ein Luxus-Retreat war, und als ich mich auf das federweiche Himmelbett fallen ließ, fühlte ich mich wie eine Prinzessin, die mitten in einem Traum aufgewacht war.
Ich schreckte hoch, als ein schrilles Klingeln mich unsanft aus dem Schlaf riss. Für einen kurzen Moment blickte ich mich orientierungslos um, bevor mir wieder bewusst wurde, wo ich war. Ich warf einen Blick auf die große Uhr, die an der Zimmerwand hing. Unsere Ankunft war bereits drei Stunden her, ich hatte also fast den kompletten Nachmittag geschlafen. Scheinbar steckten auch mir die Anreise und Aufregung in den Knochen. Aus dem Badezimmer war das Rauschen der Dusche zu vernehmen, während ich den lärmenden Wecker auf meinem Nachttisch ausschaltete.
Ich rieb mir die Augen, bevor ich aufstand, um mich ordentlich zu strecken. Anschließend entfernte ich vor dem Spiegel etwas verschmierte Wimperntusche, richtete meine Haare und trug etwas Gesichtscreme sowie Lippenpflege auf.
Das beruhigende Rauschen der Dusche wurde vom lauteren Gebläse des Föhns abgelöst. Ich nutzte die Zeit, um meinen Koffer auszupacken. Es konnte ja nicht schaden, es sich hier ein wenig gemütlich zu machen.
»Na, konntest du ein bisschen schlafen?«, fragte Gracie, die sich mittlerweile einen Pullover und eine Jogginghose angezogen hatte.
»Ja, richtig tief und fest«, entgegnete ich lachend, während auch Gracie begann, ihre Sachen auszupacken und zu verräumen. Sobald mein Koffer leer war, bewegte sich meine Hand automatisch zum Nachttisch, um mein Handy auf neue Nachrichten zu checken. Natürlich ertastete ich nur Leere. »O Gott, ich bin abhängiger von meinem Smartphone, als ich dachte.«
»Das kann ich gut verstehen. Ich hab vorhin auch schon verzweifelt danach gesucht, weil ich dachte, ich hätte es verlegt. Was tatsächlich nicht ungewöhnlich wäre, mein Bruder Graham zieht mich immer damit auf, dass ich auch meinen Kopf liegen lassen würde, wäre er nicht angewachsen.« Energisch bürstete sie ihre roten Strähnen durch. »Ja, ich weiß, meine Eltern fanden Gracie und Graham unglaublich originell«, erzählte sie und zog dabei die Nase kraus. Ich hatte schon nach der kurzen gemeinsamen Zeit gemerkt, dass Gracie viel und gern redete. Aber auch, dass ich ihr gern zuhörte.
»Ich mag die Namen«, sagte ich aufrichtig, und Gracies Mundwinkel wanderten leicht in die Höhe. »Habt ihr ein gutes Verhältnis, du und dein Bruder?«
Gracie nickte und setzte sich mir gegenüber auf die Bettkante. »O ja, und wie. Graham ist drei Jahre älter, aber wir sind wirklich unzertrennlich. Er ist schon seit meiner Kindheit mein bester Freund, ist immer für mich da und unterstützt mich bei einfach allem.« Sie senkte den Kopf und musterte ihre bunt lackierten Fingernägel, bevor ein trauriger Ausdruck über ihr Gesicht huschte. Ganz kurz und flüchtig, dennoch entging er mir nicht. »Das Verhältnis zu meinen Eltern ist nicht unbedingt … das beste. Deshalb bin ich umso dankbarer für ihn.« Sie warf mir ein verhaltenes Lächeln zu, das in mir den Wunsch weckte, sie in den Arm zu nehmen. Stattdessen legte ich meine Hand auf ihre und drückte sie kurz.
»Ich weiß, wir kennen uns erst seit heute. Aber wenn du darüber sprechen möchtest, bin ich da, okay? Und wenn nicht, dann ist das auch mehr als in Ordnung. Wir sind jetzt ein Team und müssen zusammenhalten.«
Gracies Augen schimmerten leicht. »Okay. Dasselbe gilt aber auch für dich, ja?« Sie erwiderte den Druck meiner Finger mit ihren. »Wir sind jetzt die Thelma und Louise des CineStage Hills.«
Ich lachte auf und war froh darüber, dass Gracie wieder strahlte. »Damit bin ich absolut einverstanden.«
»Hast du auch Geschwister?«, wollte sie wissen, während ihre Augen mich interessiert fixierten.
Schnell schüttelte ich den Kopf. »Nein. Meine Mum hat mit Anfang zwanzig gesagt bekommen, dass sie keine Kinder bekommen kann. Tja, und dann irgendwann, Überraschung, kam ich.« Grinsend legte ich die Hände unter mein Kinn, was Gracie zum Kichern brachte. »Meine Eltern waren dann einfach so froh, dass sie ein gesundes Kind bekommen hatten, dass sie es nicht weiter versucht haben.«
»Verständlich«, erwiderte Gracie mit einem Nicken. »Hättest du denn manchmal gern einen Bruder oder eine Schwester gehabt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Seit ich in der Schule meine beste Freundin und auch mittlerweile Mitbewohnerin Sienna kennengelernt habe, hat mir nie was gefehlt. Sie ist wie eine Schwester.«
»Das hört sich wirklich schön an.« Sie setzte an, um noch etwas zu sagen, wurde jedoch von einem lauten Bauchgrummeln unterbrochen.
Wir prusteten beide gleichzeitig los, während sie sich den Bauch hielt. »Ich glaube, ich brauche dringend etwas zu Essen.«
Nachdem auch ich schnell geduscht hatte – und am liebsten dort eingezogen wäre, weil es so geräumig und entspannend war –, machten wir uns auf den Weg zum Abendessen. Als wir die knarzende Holztreppe hinunterliefen, stieg mir bereits ein köstlicher Duft in die Nase, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Im großen Salon war ein riesiges Buffet aufgebaut worden, das keine Wünsche offenließ. Es gab eine große Auswahl an frischem Gemüse, Fisch und Fleisch, Kartoffeln und Nudeln und sogar Haggis, wobei ich auf die schottische Spezialität bestehend aus Schafsmagen sehr gut verzichten konnte. Zum Dessert gab es Sticky Toffee Pudding, buttrig-weiche Scones, die noch warm vom Ofen waren, und jede Menge Clotted Cream. Ich schlug mir den Bauch voll, trank köstlichen Cider und lernte ein paar neue Gesichter kennen. Da war z. B. Erin aus London, die im West End schon in Stücken mit Tom Hiddleston und Andrew Scott mitgespielt hatte und vom Broadway träumte. Dann gab es Henri aus Frankreich, dessen Vater der künstlerische Leiter der Filmfestspiele in Cannes war und der selbst eines Tages ein preisgekrönter Regisseur werden wollte. Misuki, eine Tänzerin aus Tokyo, die schon ihr eigenes Stück produziert hatte, und Will, ein Filmstudent aus Edinburgh. Da war so viel Talent in einem Raum, dass ich mich plötzlich furchtbar fehl am Platz fühlte. Jeder hier schien ein aufstrebender Stern am Film-/Theater- oder Musical-Himmel zu sein, während ich mich zum wiederholten Mal fragte, was ich hier zu suchen hatte. Ich liebte die Arbeit im kleinen Kino in Bath, hoffte sogar, dass ich es eines Tages vielleicht übernehmen konnte, doch hier kam ich mir unfassbar klein vor und traute mich gar nicht, zu erzählen, dass ich »nur« in einem Kino arbeitete und Filme liebte, aber sonst keine besonderen Talente vorzuweisen hatte. Gracie beruhigte mich zwar und versicherte mir immer wieder, dass es bei ihr ja ähnlich war, doch so richtig überzeugen konnte mich das nicht – immerhin war es schon ziemlich cool, wenn man die Fähigkeiten einer Visagistin hatte.
Letztlich wunderte es mich also wenig, dass, als wir abends im Bett lagen und Gracie leise neben mir schnarchte, ich wach lag und mal wieder versuchte, gegen die Sorgenspirale in meinem Kopf anzukämpfen. Mein Körper war so erschöpft von dem Tag und all den neuen Eindrücken, doch meine Gedanken wollten einfach nicht zur Ruhe kommen. Mittlerweile gelang es mir durch Zählen, Atemtechniken oder Meditation ganz gut, meine innere Stimme zum Schweigen zu bringen, doch heute war sie einfach zu laut. Aufregung und Veränderungen verschlimmerten die Zwangsgedanken häufig, weshalb ich dann manchmal für einen kurzen Augenblick vergaß, was ich in den letzten Jahren alles gelernt und geschafft hatte. Dass ich diejenige war, die die Zügel in der Hand hielt, und nicht die Zwänge. Stattdessen hatte ich mir vorhin akribisch viermal die Hände gewaschen, weil die Vier meine Glückszahl war und mein Verstand mir vorgaukelte, dass vermutlich etwas Schlimmes passierte, wenn ich sie mir häufiger oder seltener wusch. Ich hatte meine Pantoffeln ganz gerade vor den Nachttisch gestellt und kurz unter das Bett geschaut, als Gracie schon schlief, damit sich mein Herzschlag etwas beruhigte. Und ich hatte vier tiefe Atemzüge genommen, meinen alten Teddy, der immer dabei sein musste, egal wo ich war, fest an mich gedrückt und gehofft, dass mein Kopf endlich Ruhe gab. Doch die Sorgen, sie kamen, überrollten mich wie eine Welle und zogen mich immer tiefer und tiefer hinunter.
Was, wenn ich heute Nacht laut schnarche und komische Geräusche mache, sodass Gracie dann nicht mehr mit mir auf einem Zimmer bleiben möchte und alle mich komisch finden? Was, wenn morgen sowieso alle merken, dass ich hier gar nicht hergehöre und sich über mich lustig machen und ich mich blamiere und wieder nach Hause geschickt werde? Was, wenn meine Freunde zu Hause dann auch merken, dass ich eigentlich viel zu uncool für sie bin und sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen? Was, wenn auch Sienna klar wird, dass in meinem Kopf noch immer irgendwas kaputt ist und ich alles wie ein Freak viermal mache und geraderücke und denke, dass ich dadurch Unheil verhindere, obwohl ich genau weiß, dass das kompletter Bullshit ist … ich es aber dennoch einfach nicht ändern kann? Was, wenn ich dann wieder zu meinen Eltern ziehen muss, weil Sienna nicht mehr mit mir zusammenwohnen möchte? O Gott, meine Eltern werden immer älter, und irgendwann sterben sie, und dann bin ich ganz allein, und wie soll ich ohne meine Eltern nur klarkommen? Was, wenn ihnen was passiert, während ich hier bin, und dann bin ich zu weit weg, um schnell genug da zu sein, und dann kann ich mich nicht mehr verabschieden, und ich werde sowieso nie bereit dafür sein, mich zu verabschieden. Irgendwann werde ICH sterben, und, o Gott, das macht mir so eine Angst, dass ich kaum noch atmen kann. Hör jetzt bitte endlich auf, sei jetzt bitte endlich still, wieso machst du dir so viele unnötige Gedanken, sei doch bitte einfach normal, es geht dir doch nicht mehr so schlecht wie früher, wieso bist du so verdammt komisch?
Ich bin verrückt.
Ich bin verrückt.
Ich bin verrückt.
Ich bin verrückt.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert und alles andere als erholt. Seufzend rieb ich mir über die verquollenen Augen und blickte rüber zu Gracie, die tief und fest schlief. Draußen war es dunkel, und der Wecker zeigte gerade mal 5:30 Uhr an. Es dauerte also noch zwei Stunden bis zum Frühstück. Ich beschloss trotzdem, schon aufzustehen, da ich mit Sicherheit eh nicht mehr schlafen konnte. Leise tapste ich zum Fenster und blickte hinaus auf die Berge des Glencoe, über denen der Morgendunst waberte, während die Sonne versuchte, sich den Weg nach oben zu erkämpfen. Die ganze Szenerie war so atmosphärisch, dass ich mich augenblicklich etwas besser fühlte. Als würde der Nebel in meinem Kopf von den ersten Sonnenstrahlen des Tages gelichtet werden. Ich griff nach meinem Kulturbeutel und ging ins Badezimmer, um ein ausgiebiges Bad zu nehmen und mich auf den Tag vorzubereiten. Nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, nahm ich schnell die kleine weiße Tablette, die mir dabei half, die Zwänge besser im Zaum zu halten, und gleichzeitig die innere Anspannung linderte, um mir so etwas psychische Stabilität zu verschaffen. Anfangs hatte ich mich strikt gegen Antidepressiva gewehrt, mich geschämt und gelogen, dass es sich um irgendwelche Allergietabletten handelte, wenn mich jemand darauf angesprochen hatte. Heute war ich zumindest so weit, dass ich keine Probleme mehr damit hatte, wenn andere davon erfuhren. Andere Menschen nahmen ja schließlich auch Schmerztabletten oder Medikamente für ihre körperliche Gesundheit, wieso war es dann seltsam, wenn man für die seelische auch ein wenig Unterstützung benötigte?
Ich zog ein schwarzes, enges langärmeliges Sweatshirt an sowie einen meiner heißgeliebten langen weißen Boho-Röcke, der bis über die Knöchel ging. Dazu schwarze Stiefel und eine goldene Gürtelkette, an der Sonne, Mond und Sterne baumelten. Zum Schluss noch die schmale, ebenfalls goldfarbene Halskette mit der Meerjungfrauenflosse und dem kleinen Smaragdstein, die mir ein wichtiger Mensch geschenkt hatte und die ich jeden Tag trug – auch wenn diese Person nicht mehr Teil meines Lebens war. Nachdem Lidstrich und Labello aufgetragen waren, fühlte ich mich mehr wie ich selbst und bereit für diesen Tag, der sicherlich spannend und schön werden würde. Und das würde ich mir von nichts und niemandem verderben lassen – schon gar nicht von mir selbst.
»Mein Gott, ich möchte in diesen Pancakes baden!«, stieß Gracie stöhnend aus. Ich konnte ihr nur zustimmen. Genau wie beim Abendessen gab es auch zum Frühstück ein Buffet mit einer so vielfältigen Auswahl, dass man gar nicht wusste, wo man anfangen sollte. Wir hatten uns beide für Pancakes mit Früchten und Ahornsirup entschieden, was sich als großartige Entscheidung herausgestellt hatte. »Die sind wirklich gut«, murmelte ich zustimmend und nahm einen großen Schluck von meinem schwarzen Kaffee.
»Ich bewundere dich dafür, dass du den so komplett schwarz trinken kannst, ich brauche immer Tonnen an Milch dazu«, kommentierte Misuki grinsend und deutete auf mein Getränk, woraufhin Will nickte und einen ordentlichen Schuss Milch in seinen schwarzen Tee gab. Wir hatten uns gestern Abend so gut mit der Tänzerin und dem Theaterstudenten unterhalten, dass wir uns direkt wieder zusammengesetzt hatten.
Ich musste lachen und stellte die Tasse auf dem Tisch ab. »Ich weiß auch nicht, wieso, ich mag diesen puren Kaffeegeschmack einfach total gerne und brauche das morgens.«
»Das kann ich sehr gut verstehen, geht mir auch so«, sagte Gracie und machte damit auf eine weitere Gemeinsamkeit aufmerksam, die uns verband. Obwohl wir uns erst gestern begegnet waren, kam es mir so vor, als würden wir uns schon viel länger kennen. Mit ihr Zeit zu verbringen war leicht, vor allem, weil sie so etwas Helles ausstrahlte. Heute hatte sie ihre roten Haare zu zwei Zöpfen geflochten, trug einen gelben Pullover mit Gänseblümchen darauf und ein Latzkleid, das ihr bis kurz über die Knie ging. Obwohl unser Stil so unterschiedlich war, liebte ich es, wie sie sich kleidete. Wenn man Gracie ansah, war es, als würde die Sonne aufgehen und man verspürte automatisch gute Laune.
»Seid ihr auch schon so gespannt, welche bekannten Gäste diesmal dabei sein werden?«, fragte Will und schob sich einen Löffel mit Cornflakes in den Mund. Seine langen dunkelbraunen Haare waren wie gestern zu einem Dutt zusammengebunden, das dunkelgrüne Holzfällerhemd unterstrich seinen eher rustikalen Look.
»O ja«, erwiderte Misuki, während Gracie und ich nickten. »Hoffentlich ist es nicht Tom Holland, sonst kann ich mich nicht konzentrieren.« Sie kicherte, und wir stimmten mit ein.
»Ich hab gehört, dass der Fokus dieses Jahr wohl eher auf Theater und Musical liegen soll, während es im letzten Jahr hauptsächlich um Filme ging«, sagte Will und wischte sich mit der Serviette ein wenig Milch aus dem Dreitagebart.
Leichte Anspannung machte sich in mir breit. »Meint ihr, es ist schlimm, dass ich mich in dem Bereich nicht ganz so gut auskenne? Filme liegen mir eher …«
Gracie schüttelte den Kopf. »Nein, das denke ich nicht. Wir sind alle hier, weil sie in unseren Bewerbungen etwas gesehen haben, was zum diesjährigen Retreat passt. Sonst wären wir gar nicht erst ausgesucht worden.«
»Sehe ich auch so. Ich habe gestern auch mitbekommen, dass einige aus dem Bereich Film und Fernsehen hier sind«, fügte Misuki hinzu und lächelte mich ermutigend an. »Wahrscheinlich sind die Workshops trotzdem so gestaltet, dass sie uns allen etwas bringen. Ich bin ja auch keine Expertin für Musicals.« Dass Misuki eine Tänzerin war, sah man vor allem an ihrer anmutigen Körperhaltung. Während ich mich zu oft dabei erwischte, wie ich mit vorgezogenen Schultern irgendwo saß und dabei vermutlich aussah wie ein Shrimp, hielt sich Misuki kerzengerade auf ihrem Stuhl. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr über den Rücken bis hinunter zur Taille, während ihr enges schwarzes Strickkleid sich an ihre Kurven schmiegte. Sie war eine echte Erscheinung mit den dunkellila geschminkten Lippen und den strahlend blauen Augen. Es war gar nicht so einfach, sich neben ihr nicht absolut unscheinbar zu fühlen, doch gleichzeitig war sie einer dieser Menschen, bei denen man ein seltsames Gefühl von Stolz verspürte, wenn sie ausgerechnet mit einem selbst Zeit verbringen wollten.
»Ihr seid lieb, danke«, entgegnete ich und versuchte, mich auf ihre Worte zu besinnen.
Gerade als ich den letzten Schluck Kaffee aus meiner Tasse nahm, betrat Evelyn Dunmuir den Esssaal. Sofort verstummten die Gespräche, und Aufregung legte sich über die ganze Gruppe. Heute war Evelyn etwas legerer gekleidet als gestern, sah mit ihrem grünen Jumpsuit aber noch immer elegant aus. »Guten Morgen, meine Lieben, ich hoffe, Sie haben alle gut geschlafen«, fing sie an und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Zustimmendes Gemurmel erklang, woraufhin sie breit lächelte.
»Heute startet offiziell der erste Tag unseres CineStage Hills Retreats. Ich freue mich sehr darauf, Sie alle in den nächsten Tagen ein wenig besser kennenzulernen und beobachten zu können, wie Sie sich kreativ ausleben. Uns alle verbindet die Liebe zur Kunst, egal in welcher Form, und genau das werden wir feiern.«
Nun ertönte enthusiastischer Applaus, und auch ich spürte eine Welle der Vorfreude durch meinen Körper rauschen. So lange hatte ich davon geträumt, hier sein zu dürfen, und so langsam realisierte ich, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. Die ganze Anreise über hatte ich Angst gehabt, dass meine Zusage vielleicht ein Irrtum war und man mich jede Sekunde wieder nach Hause schicken würde. Doch nun war es nicht mehr zu leugnen, dass ich dazugehörte. In diesem Augenblick entschied ich mich dazu, mir endlich zu erlauben, dieses Retreat zu genießen und mich ganz auf die Erfahrung einzulassen.
»Samantha wird Ihnen gleich die Einteilung vorlesen. Es gibt insgesamt vier Gruppen, das heißt, Sie werden immer zu fünft die verschiedenen Workshops durchlaufen. Begleitet werden Sie dabei jeweils von zwei Profis aus den Bereichen Theater und Musical. Wir haben uns intensiv mit Ihren Bewerbungen beschäftigt und Sie bewusst einzelnen Schwerpunkten zugeteilt. Wir bitten Sie deshalb auch, uns zu vertrauen und nicht die Gruppen zu tauschen. Aber keine Sorge, Sie haben am Nachmittag und Abend sowie am Wochenende immer noch genug Zeit, um sich mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszutauschen.« Gracie und ich warfen uns einen enttäuschten Blick zu. Da sie sich mit Make-up bzw. Theaterschminken beschäftigte und ich im Kino arbeitete, war es vermutlich unwahrscheinlich, dass wir in derselben Gruppe landeten.
»Ich werde immer zwischen den Workshops wechseln und am Ende des Retreats auch Einzelgespräche mit Ihnen führen. Jetzt wünsche ich Ihnen aber erst einmal einen tollen ersten Tag. Wir sehen uns später wieder!«
Evelyn hob winkend die Hand, woraufhin erneut leiser Applaus ertönte, bevor Samantha mit einer Liste vortrat und sich ans Kopfende unseres Tisches setzte.
Sie strich sich ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht und räusperte sich kurz. Dann fing Sie an, die Gruppeneinteilung vorzulesen.
Wie erwartet war ich nicht mit Gracie in einem Team, dafür aber wenigstens mit Will. Außerdem noch mit Henri, dem Regisseur, und zwei jungen Frauen namens Alice und Sanna, mit denen ich mich bisher noch nicht unterhalten hatte. Beide wirkten auf den ersten Blick aber sehr sympathisch, weshalb ich zuversichtlich war, dass wir uns alle gut verstehen würden.
»Jede eurer Gruppen wird sich mit einem anderen Thema befassen. Die erste bleibt hier im großen Salon, die zweite geht in das Macbeth-, die dritte in das Hamlet-Arbeitszimmer und die vierte in die Bibliothek«, erklärte Samantha, ehe sie aufstand und uns viel Spaß wünschte.
Mein Herz machte einen Hüpfer bei der Vorstellung, dass mein Workshop in der Bibliothek stattfinden würde.
Will und ich verabschiedeten uns von Gracie und Misuki, bevor wir den anderen aus unserer Gruppe folgten und uns auf den Weg ins Obergeschoss machten. Die Stufen der Holztreppe ächzten unter unseren Schritten, und die Aufregung in meinem Inneren nahm stetig zu. Gleich würden wir erfahren, wer unser »Stargast« war und wer den Workshop zu welchem Thema leitete. Als wir die Bibliothek betraten, legte sich sofort ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe über meine angespannten Nerven. Diese Wirkung hatten Bücher immer auf mich. Überall standen dunkle, große Holzregale, gefüllt mit bunten Buchrücken und magischen Geschichten, mit schwarzen Buchstaben und farbigen Bildern, mit endlos vielen Gefühlen und Gedanken.
Ein imposanter Kristallkronleuchter hing von der hohen Decke und tauchte den Raum in ein warmes Licht. Vor einem breiten Erkerfenster stand ein runder Tisch, um den sieben Stühle aufgestellt waren und auf dem eine kleine Auswahl an Getränken und Snacks bereitstand.
»Das ist so cool«, sagte Henri mit seinem melodischen französischen Akzent, während wir uns setzten. Er hatte so was von recht.
Gerade als wir Platz genommen hatten, öffnete sich die Tür der Bibliothek erneut, und eine junge Frau mit schulterlangen hellblonden Haaren lief strahlend auf uns zu. Bei ihrem Anblick klappte mir die Kinnlade herunter. Das war Betty Garrick, eine der vielversprechendsten jungen Regisseurinnen überhaupt. Sie war letztes Jahr mit ihrem Filmdebüt für einen Oscar nominiert gewesen und hatte drei Golden Globes abgestaubt. Greta Gerwig war ihre Mentorin, Stephen Spielberg hatte sich als großer Fan von ihr geoutet, und Gerüchten zufolge sollte sie demnächst bei einem großen Filmprojekt Regie führen, zu dessen Besetzung unter anderem Florence Pugh, Margot Robbie, Leonardo DiCaprio und Chris Evans zählten. Sie war momentan auf jedem roten Teppich, jeder wichtigen Gala und Veranstaltung zu sehen, und nun stand sie im selben Raum wie wir. Ich stellte fest, dass auch Sanna und Alice sie mit großen Augen anstarrten, während Henris’ Wangen sich sogar leicht rötlich gefärbt hatten. Zum Glück schien ich nicht das einzige Fangirl im Raum zu sein. Auch Will stieß mir leicht mit dem Ellbogen in die Seite, und wir grinsten uns an. Falls Betty unsere Aufregung bemerkte, so ließ sie es sich nicht anmerken. Völlig entspannt setzte sie sich zu uns an den Tisch und sah fröhlich in die Runde. »Hallo ihr Lieben, ich hoffe, es ist okay, dass ich euch duze. Mein Name ist Betty Garrick, ich bin Regisseurin und freue mich riesig, euch kennenzulernen.« Wir murmelten verlegene Begrüßungen. Als ob wir ihren Namen nicht in den letzten zwei Jahren in Dutzenden Artikeln gelesen und ihr Gesicht überall gesehen hätten.
»Ich werde diesen Workshop leiten und hoffe, ihr seht mir nach, dass ich sehr aufgeregt bin, ich habe das nämlich noch nie gemacht.« Sie lachte auf und war mir sofort sympathisch. Betty Garrick hätte jedes Recht darauf, eingebildet zu sein, bei allem, was sie in ihrem jungen Alter bereits geschafft hatte und bei all den Stars, die zu ihren Freunden zählten. Stattdessen gab sie uns direkt das Gefühl, eine von uns zu sein. Auch die anderen schienen sich ein wenig zu entspannen, und ich wechselte mit Henri und Alice vorfreudige Blicke.