World of Wonders - Michael Stets - E-Book

World of Wonders E-Book

Michael Stets

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Beschreibung

Michael Stets nimmt euch in seinem Defender Henry mit auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa und Arabien bis nach Südostasien. Das Abenteuer begann mit dem mutigen Entschluss, dem Alltag zu entfliehen und neue Horizonte zu erkunden. Atemberaubende Landschaften, faszinierende Kulturen und inspirierende Begegnungen prägen seine Erlebnisse – ebenso wie Rückschläge und Herausforderungen, die zum Alltag on the road gehören. Als Zaungast in fremden Welten erlebt er kleine, teils verstörende Geschichten, die das Unterwegssein würzen und die Reise unvergesslich machen. Im zweiten Teil beschreibt er den Rückweg über die Seidenstraße.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michael Stets

World of Wonders

Teil 1 - Von der Weser an den Mekong

© 2024 Michael Stets

Umschlag, Illustration: Michael Stets

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Paperback978-3-384-39038-7

e-Book978-3-384-41034-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Prolog

Ich schau mich mal um!

Eine Weltreise - immer weiter in unbekannte Länder vordringen. Hast du dir das auch schon mal vorgestellt? Von der Idee bis zur Entscheidung, die Koffer zu packen? Einen Cut zu machen, alles hinter sich zu lassen? Fremde Kulturen kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern? Dem Leben einen Schub zu verpassen? Einen sicheren, guten Job aufzugeben, eine Zeitlang das soziale Umfeld zu verlassen, es zu wagen? Keine einfache Entscheidung. Aber schon die Vorbereitung ist der Hype. Fokussiert auf das selbst gesteckte Ziel, ist der Plan euphorisierend. Alles liegt in meiner Hand, ich bin Manager, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person.

ABER…, 2022, befindet sich die Welt im Chaos. Krieg in Europa, Pandemie, teils geschlossene Grenzen. Mehr als ungünstige Voraussetzungen. Oder doch gerade jetzt, bevor es noch schlimmer wird?

Ich nehme es als Weltreiseversuch. Ob es klappt, wer weiß das schon? Ich will mir aber keine Vorwürfe machen, später einmal, es nicht wenigstens versucht zu haben. “Ach hätte ich damals bloß …, jetzt ist zu spät“. Ich hör mich schon jammern.

Wie bei jedem Projekt brauche ich ein Ziel. Wie kann ich es beschreiben? Was will ich erreichen? So lange wie möglich auf Reisen sein? So weit wie möglich wegkommen? So günstig wie möglich unterwegs sein, oder Hauptsache Sonne? Das maximale Abenteuer erleben, immer am Limit reisen und spektakuläre Videos im Grenzbereich drehen? Ein Mix scheint mir am wahrscheinlichsten, aber ein klares Ziel ist das nicht.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist das vermutlich das erste Indiz für ein Abenteuer. Mein Weltreiseversuch braucht aber ein motivierendes Motto, das ist vielleicht noch wichtiger als ein Ziel.

IMMERWEITER soll mich vor dem Aufgeben bewahren.

Befreiung

Zwei Monate und zwei Wochen vor der Abreise. Was ich fühle? Befreiung? Aber wovon muss ich mich denn bitte schön befreien? Nein, ich muss Voraussetzungen für ein temporär anderes, aufregenderes Leben schaffen. Den Mantel des Trotts, der Monotonie, der Normalität abstreifen. Also doch Befreiung, von diesem viel zu schweren Mantel, der die Bewegung lähmt.

Die Wohnung ist gekündigt. Potenzielle Nachmieter geben sich die Klinke in die Hand. Jeden Abend und mehrmals in der Mittagspause. Stress. Die meisten Bewerber sind Flüchtlinge aus der Ukraine. Ich trete in Kontakt mit den Opfern des entfesselten Wahnsinns, der auch meine Reiseroute bestimmt.

In der Firma soll noch niemand etwas von meinen Plänen mitbekommen. Die Kündigung steht ja erst noch bevor. Leichte Panik stellt sich ein, die Realität nagt an meiner Euphorie. Der finale Schritt steht bevor. Unzählige Fragen trommeln in meinem Kopf. Wie bereite ich mich auf das Gespräch vor? Kündigung und gut? Oder doch besser in Teilzeit weiterarbeiten? Für ein bis zwei Tage pro Woche digitaler Nomade werden? Soll ich das als Idee in das Gespräch einbringen? Welcher Teil meiner Tätigkeit kann digital erledigt werden? Wie kann ich die Arbeit in meinem Team organisieren, um meine Abwesenheit zu kompensieren? Möchte ich das überhaupt?

Soll es trotz der Bedenken in diese Richtung gehen, muss mein Plan exakt durchdacht sein, und alle Aspekte und Eventualitäten berücksichtigen. Die Panik nimmt zu. Wenn ich nur wüsste, was richtig ist. Welches Ziel verfolge ich? Die Idee in Teilzeit zu arbeiten hat ihren Reiz, schränkt aber das Reisen ein, glaube ich. Erfahrung fehlt mir noch. Ein Kalender, in dem nur Geburtstage und ein paar Termine auf der Reise stehen, ist doch was ich will.

Später werde ich feststellen, dass es fast unmöglich ist, während des Reisens einer geregelten Arbeit nachzugehen. Neben diesen Fragen laufen die Vorbereitungen unbeirrt weiter. Morgen wird beim Defender die defekte Standheizung ersetzt. In den letzten Wochen kommt alles zusammen.

Gestern habe ich in einem Podcast von Traumlandschaften im Süden der Türkei gehört. Gleich gegoogelt. Muss unbedingt auf die Liste. Da ist sie wieder, die belebende Euphorie. Alles richtig, alles wird gut. Innere Unruhe schüttelt mich, begleitet mich bis in den Schlaf.

Freitag, 20.05.2022, ein Monat und zwei Wochen bis zur Kündigungsfrist. Heute nach dem Weekly mache ich es zum Thema, nehme ich mir vor. Das Weekly fängt später an, endet pünktlich, mein Chef wird zum Essen abgeholt. Chance vertan. Mir läuft die Zeit davon.

Wochenende. Die schicke Pendlerwohnung abgeschlossen. Mit dem Firmenwagen geht es nach Hause. Mir fehlt es an nichts. Das Gedankenkarussell beginnt sich wieder zu drehen. „Matthias, wir haben noch ein Thema …“. Ach, wäre es doch nur so weit gekommen. Gerade zum Wochenende, grüble ich wieder.

Montag. Eine Woche bis zur Kündigungsfrist. Der schönste Moment des Tages, die erste Tasse Kaffee, lecker, frisch gebrüht aus gemahlenen ganzen Bohnen. Hmmmh. Koffein pusht, ich habe ein kreatives Hoch. Gleich schreibe ich die Einladung. Heute muss es sein. Ich will mir später nicht anhören, warum ich nicht schon früher was gesagt habe. „Woher soll ich denn so schnell Ersatz bekommen“? Okay, spät ist es allemal. Aber welch eine Entscheidung. Ihr macht euch keine Vorstellung.

14 Uhr, gleich ist es so weit. Ahnt er was? Die Einladung hat das Thema „Akademiestruktur ab September“. Es geht los. Was hatte ich mir nur alles an Worten zurechtgelegt. Nichts davon kann ich abrufen. Meine Stimme zittert. Ich hatte eingeladen, der Gesprächsauftakt liegt also bei mir. Die Tür ist zu. Ungewöhnlich. Nach einer kurzen Begrüßungsfloskel sprudelt es nur so aus mir heraus. „Ich will, ich muss auf Weltreise, Wohnung ist gekündigt. Ich zieh ab September in den Landy“. Mir ist in diesem Moment nichts Besseres eingefallen. BÄM, es ist raus. Ich entspanne mich, atme durch, warte auf die Reaktion. Dann lege ich nach. Hole meinen Vorschlag für eine Übergangslösung heraus.

Mir scheint, er wusste, dass so etwas kommt. Er zeigt Verständnis für mein Abenteuer, betont aber, dass es schade sei, dass ich das Team verlasse. Es folgt Smalltalk. Wieso, weshalb, warum? Was gab den Ausschlag? „Nur private Gründe“, erkläre ich. 56 ist ein gutes Alter, spätes Alter. Die Frage ist nicht, ob man losfährt, sondern wann es zu spät dafür ist. Ich kann nicht glauben, dass es für einen beruflichen Wiedereinstieg gut ist, eine Sechs vorne stehen zu haben.

Dem Vorschlag, von unterwegs zu arbeiten, erteilt er eine dezente Absage, will aber nochmal darüber nachdenken. Ich habe es der Vollständigkeit halber angesprochen. Die Stelle muss jetzt neu besetzt werden. So schnell ist man seinen Job los. Auf der Checkliste kann ein Haken gesetzt werden. Der nächste Haken wird folgen, wenn ich Anfang Juni mein Team über meine Pläne informiere. Das wird kein Spaß werden.

Zwei Stunden später ist Feierabend. Jetzt ist klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Corona ist am Abflauen, zur Normalität geworden. Man hört von Affenpocken, soll wohl weniger schlimm sein. Der größenwahnsinnige Russe macht mir Angst. Ob sich China jetzt Taiwan einverleiben wird? Mit Russland als Vorbild? Da will ich doch unbedingt hin. Die Zeiten sind verrückt. Der Glaube an ewigen Frieden in Europa ist dahin. Ungebremstes wirtschaftliches Wachstum nur ein Traum. Die Klimaziele verschwinden aus dem Blickfeld. Die Welt ist auf dem besten Weg wieder in zwei Blöcke zu zerfallen.

Wozu also mehr Besitz, mehr Reichtum anhäufen? Die Rücklagen für den Wiedereinstieg sind unsicher genug. Der Zeitpunkt ist gut, oder? Die Abfahrt ist für den siebten August geplant. Arbeitsamt, Visum und Carnet des Passage (der Reisepass fürs Fahrzeug, wird von vielen Ländern zur zollfreien Einfuhr verlangt) sind die nächsten Baustellen. Und noch so viel Kleinkram zu erledigen. Hoffentlich kann ich gut schlafen an dem Tag, an dem ich freiwillig meinen Job aufgegeben habe.

Ich fühle mich schlecht als ich am nächsten Morgen wieder im Büro bin. Aber so muss es sein: niedergeschlagen, dann wieder Bäume ausreißen können, die Freiheit zum Greifen nah. Ich habe eine der letzten Abfahrten genommen, bevor ich in die Einbahnstraße des Lebens einbiege. Möchte es rausposaunen, dass ich mich das getraut habe. Gemach, gemach, alter Freund, rufe mich im Geiste zur Ordnung, es gibt eine Reihenfolge. Erst die Abteilung informieren.

Wie geht man als Führungskraft in dieser nicht alltäglichen Situation vor? Ich habe ein tolles Team, wir sind zusammengewachsen, und ziehen an einem Strang. In großer Runde? Ich hau in den Sack, mache was Verrücktes. Wobei, verrückt ist es eigentlich nicht, das Netz ist voll von ähnlich tickenden Leuten. Viele von ihnen haben mich motoviert, es ihnen gleich zu tun. Ich entscheide mich für das vertrauliche Einzelgespräch. Ich teile meine Beweggründe mit und sichere zu, alles so gut vorzubereiten und zu übergeben, damit ein Führungswechsel problemlos vonstattengehen kann. Trost ist das nicht, aber ich vermittele ein Gefühl der Sicherheit. Die ersten Sätze bis wir auf den Kern gekommen sind, waren sehr schwierig und immer individuell. Das kann man nicht nach Checkliste abarbeiten. Es folgte immer eine Pause bevor es zu Erläuterung kam, was mich dazu gebracht hat und warum jetzt. Wie soll es jetzt weitergehen, was wird passieren? Zum Glück habe ich eine ausgearbeitete Theorie auf die ich zurückgreifen kann, um beruhigend das Gespräch zu beschließen. Das waren dann auch die letzten Mitarbeitergespräche.

Was war schwerer, die Kündigung auszusprechen oder das Team zu verlassen, zurück zu lassen? Das habe ich ja tatsächlich so gemacht. Meine Kündigung war mit weniger Emotionen verknüpft, sachlicher, professioneller. Eine Veränderung im Organigramm, aus der sich neue Aufgaben ergeben, die es jetzt zu bearbeiten gilt. Managementding eben. Emotionen sind ja eh nicht so meine ganz große Stärke, bin eher kühl veranlagt. Schlicht halt. Von daher waren die Mitarbeitergespräche der schwierigere Teil. Es lag ja auch eine Vorahnung in der Luft. Was passiert denn jetzt? Was gibt es denn so kurz nach den regulären Mitarbeitergesprächen schon wieder zu besprechen?

Eine große Last war damit abgefallen. Jetzt kann der Flurfunk starten. Die Gespräche die dann folgten drückten im wesentlichen Respekt vor meiner Entscheidung aus. Und wer weiß, wenn alles gut verläuft, vielleicht motiviert es den einen oder anderen sein Leben zu überdenken und neue Schwerpunkte zu setzen. Würde mich freuen, wenn durch mich Lebensläufe neu geschrieben werden.

Kein zurück

Der Druck steigt wieder. Die Liste am Auto wird immer länger. Hier noch was dran, da was optimieren, fertig wird man nie. Der Landy als fahrender Lebensmittelpunkt. Sechs Quadratmeter auf zwei Etagen, üppig geht anders. Da muss alles passen und sicher soll er auch sein.

Noch einen Monat arbeiten, fühlt sich gut. Den Monatskalender muss ich nicht mehr abreißen, der August ist sichtbar. Die Website ist am Werden, das erste Video steht für YouTube bereit. Was für ein Aufwand, mir fehlt die Übung. In der Firma will ich alles vernünftig hinterlassen, alles für einen reibungslosen Übergang vorbereiten. Job in gute Hände abzugeben. Die Zeit rennt, der Stresspegel steigt. Der ADAC schreibt von Schwierigkeiten und hohen Zollgebühren im Falle von Grenzschließungen, sollte das Fahrzeug nach Überschreiten des Visums noch im Iran sein. Katastrophe. Beim Auslandsdienst des ADAC werden die Ängste genommen. Die Ausreise per Schiff in die Emirate war während der Coronapandemie nie ausgesetzt. Alles wieder cool. Ein Wechselbad der Gefühle, dafür bin ich echt zu alt. Emirate, wie fern sich das anhört, aber schon bald bin ich auf dem Weg dorthin. Unglaublich.

Am Auto geht es auch voran. Rückfahrkamera eingebaut, Wartungen durchgeführt. Er ist ein letztes Mal in der Werkstatt. Keilriemen und Spannrolle will ich wechseln lassen, sicher ist sicher. Danach steht er zum Packen in der Garage. Es wird Zeit das Jordanien Visum zu beantragen.

Ein weiterer Meilenstein, den es zu bewältigen gilt, ist die Meldung bei der Agentur für Arbeit. Arbeitssuchend, arbeitslos, Arbeitslosengeld, oder doch keine Leistung beziehen? Persönlich melden am ersten Tag des neuen Lebens, geht das vielleicht schon früher?

Um es vorweg zu nehmen, alles total easy. Aber der Reihe nach. Nach meiner Kündigung habe ich zuerst direkt in meinem Arbeitsamt angerufen. Es hieß, ich müsste am ersten Tag, an dem ich dem Arbeitsmarkt theoretisch zur Verfügung stehe, persönlich vorstellig werden, also nach Ende der Resturlaubstage. Geschätzt bin ich da im Norden Griechenlands. Antwort der Agentur: „Das geht aber nicht anders, es ist ein persönliches hallo sagen notwendig.“ Wie soll ich das machen? Bin ja nicht hier sondern da?! Mit der Aussage hatte ich ein Problem. Aber o.k., es war der erste Anlauf, davon lasse ich mir den Start nicht vermiesen, Termin ist Termin.

Im zweiten Anlauf habe ich mir die Online Präsenz der Agentur für Arbeit aufgerufen. Alles innerhalb der ersten Woche der Kündigung. Die Mühlen mahlen nicht immer schnell. Nach der Registrierung kam der PIN per Post. Verifizierung und Werdegang muss ich darlegen, und ich werde aufgefordert einen Beratungstermin zu wählen, digital im Videoformat. Da hat sich was getan auf dem Weg vom Arbeitsamt zur Agentur für Arbeit, habe ich mir gedacht – toll. Zwei Wochen später war es dann soweit.

Teil eins begann mit dem Abgleich der Daten. Vor 35 Jahren war ich das letzte Mal beim „Amt“.

Teil zwei startet mit der Darstellung meines beruflichen Werdeganges, der aktuellen detaillierten Aufgabenbeschreibung und endet mit Angabe des aktuellen Verdienstes. „Das hört sich doch alles super an, was führte denn zur Aufgabe des Arbeitsverhältnisses?“ Anmerkung: Als ich das alles so wiedergab, musste ich mir eingestehen, dass meine berufliche Karriere sehr positiv verlaufen ist, Stößchen.

Mit der Antwort kamen wir direkt in Teil drei des Interviews an, der Begründung. „Ich gönne mir eine Auszeit und mache eine Weltreise.“ Neugier beim Gegenüber und eine Phase tiefster Entspannung bei mir. Das war jetzt mein Thema. „Ja, wie jetzt, das ist aber toll, für mich wäre das nichts, wir fahren immer nach Holland“, war die Reaktion auf meine Begründung. „Holland ist doch auch schön, aber ich möchte mehr sehen von der Welt“, führe ich das Gespräch fort. Die Darstellung der Route und die dafür benötigte, geplante Zeit entlockte meinem Gesprächspartner ein hörbares Kopfschütteln. Es war super nett, sein aufrichtiges Interesse beflügelt mich.

Mit der Frage, wann es denn losgehen soll, sind wir wieder beim Thema. „Ich nehme an, dann brauchen sie unsere Leistungen ja auch nicht?! Sie wissen bestimmt, wie sie die Zeit finanzieren wollen!“ „Genau“, war mein Antwort. Ab hier wusste ich, es wird kein Problem sein. „Wenn es am siebten August los gehen soll, dann nehme ich sie ab dem 5. August aus meinem System, mit dem Vermerk: Abmeldung auf eigenen Wunsch ohne Leistungsanspruch. Aber wenn sie zurück sind, melden sie sich umgehend bei uns arbeitssuchend. Also nicht direkt vom Flughafen hierher, aber kurz danach“. Wenn ich mit dem Flugzeug zurückkommen muss, ist was falsch gelaufen, denke ich mir. Dieser zeitliche Horizont liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Er wünscht mir viel Glück, ich bedanke mich für das nette, lockere Interview.

Keiner sucht mir einen Job, zwingt mich was zu tun. Ich suche meine Beschäftigung selbst, werde schreiben, Erlebtes verarbeiten und mit anderen teilen. Dafür habe ich mir Reserven zurückgelegt, um mir diesen Luxus zu gönnen. Ich bin mir sicher es wird immer was zu tun geben.

Arbeit und Reisen zu verbinden, digitaler Nomade sein, ist die wahrscheinlich günstigere Variante. Ein regelmäßiges, wenn auch bescheideneres Einkommen, sichert das Verschieben des Reiseendes, des zeitlichen Horizontes nach eigenem Gusto. Aber gut, es wird auch als arbeitsloser Nomade gehen - bestimmt.

Carnet des Passage, der Reisepass meines Land Rover Defender, den ich Henry getauft habe. Ins Leben gerufen, um Fahrzeuge vorübergehend zollfrei in andere Länder einzuführen.

Das Prinzip ist denkbar einfach, man hinterlegt eine Bürgschaft, bekommt dafür das Carnet und lässt es beim Grenzübergang abstempeln, und die Ausreise brav wieder bestätigen. So wiederholt es sich bei allen Ländern, die auf deiner Strecke liegen und die ein Carnet bei der Einreise fordern.

Richtig, nicht für alle Staaten wird es verlangt, und die, für die es vorgeschrieben oder empfohlen ist, unterscheiden sich in der Höhe der zu hinterlegenden Bürgschaft.

Daher gibt es drei Kategorien vom Carnet. Für den Landweg nach Indien über den Iran und Pakistan, brauche ich die Kategorie eins. Die Kategorie eins, als teuerstes Variante, beinhaltet aber auch alle anderen Carnet-pflichtigen Länder. Kategorie zwei ist für die Südafrikanische Zollunion und man darf die Länder der Kategorie drei bereisen, aber man darf nicht über den Landweg nach Indien. In der Dritten sind dann alle anderen Staaten mit Carnet-Pflicht, außer Indien, Pakistan, Iran und südafrikanische Zollunion. Kompliziert? Nein, der ADAC, der das Monopol dafür in Deutschland hat, hat es auf seiner Seite sehr gut dargestellt.

Wird das Fahrzeug in ein Land eingeführt, aber aufgrund von Unfall, Diebstahl, oder anderen blöden Sachen nicht wieder ausgeführt, werden die Forderungen nach dem Einfuhrzoll durch die Bürgschaft gedeckt. Geld und Auto futsch, zurück in den Arbeitsmarkt, Frust, schlechte Laune. Überschreitet das Fahrzeug die Grenze Deutschlands aber wieder, und das Carnet ist nicht verloren gegangen, alle Stempel sind drin, meldet man sich beim ADAC und bekommt die Kohle zurück. Der Idealfall eines Reiseverlaufes.

Zurück zur Bürgschaft. Ich wollte über den Landweg nach Indien, also brauche ich ein Carnet der Kategorie eins. Bei einem Fahrzeugwert kleiner 25000 Euro beträgt die zu hinterlegende Summe 15000 Euro. Ein echter Batzen, der der Reisekasse nicht zur Verfügung steht. Die oberste Schmerzgrenze meines Budgets. Im Netz habe ich gelesen, dass der Fahrzeugwert niedriger angegeben wurde, um die Bürgschaft zu verringern. Hat bei einigen geklappt, bei mir nicht. Der ADAC verlangt neuerdings für Wohnmobile einen Wertnachweis. Blöde Situation mit großer Wirkung.

Ich habe eine Telewerteinschätzung für 150 Euro bei einem renommierten Anbieter machen lassen. Der Sachverständige und ich haben uns also nie getroffen. Auf Basis eines umfangreichen Sachstandsberichts mit Fotos und technischen Angaben, sowie einem ausführlichen Telefoninterview, wurde die Einschätzung erstellt. Hat super funktioniert. Der Wert lag natürlich jenseits der 25000 Euro, was ich ja wusste. Demzufolge verdoppelte sich die Bürgschaft auf 30000 Euro. Nicht machbar für mich. Jetzt der saure Apfel, ich muss die Route anpassen. Iran, Pakistan und Indien, also der Landweg nach Südostasien fallen als Option aus.

Zu Ländern der Kategorie drei gehört auch Saudi-Arabien. Bürgschaft 7500 Euro, das gibt der Hof her, Carnet Antrag geändert, halbe Stunde später hinterhertelefoniert, Antrag war schon in der Bearbeitung – Mega ADAC! – eine Stunde später Bürgschaft überwiesen, Drops gelutscht.

Neue Reiseroute geht also über Israel, Jordanien und Saudi-Arabien in den Oman, dann mal sehen. Happiness! Wenn ich den Oman erreichen würde, wäre es schon toll.

Grundsätzlich ist das Carnet ein Jahr gültig. Um keine Zeit zu verlieren, habe ich den Start der Gültigkeit auf Mitte September datiert, und lasse mir das Dokument an eine Adresse in der Türkei schicken, 90 Euro extra. Hoffe es klappt. Das Nachsenden ist beim ADAC gewohnte Praxis versichert man mir, also kein Problem. Ich bin zuversichtlich.

Das Leben beginnt, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt. Angekommen in der neuen, meiner Realität. Wenn auch nur auf Zeit. Wie lang wird es dauern, sich hier zurecht zu finden? Ohne Termine, ohne Fremdsteuerung, nur für sich selbst und das eigene Projekt verantwortlich. Oder ist das nur ein Trugschluss, und man wird getrieben von anderen Faktoren, von Ängsten, Bedrohungen, Geldsorgen, kaputter Technik, Scheitern an der Selbstorganisation, Korruption, Grenzern? Die Liste der Einflussfaktoren lässt sich beliebig erweitern.

Es geht los, heute geht es wirklich los. Ein halbes Jahr Vorbereitung, Kreisel im Kopf. Annette begleitet mich die ersten Wochen. Das gibt ein gutes Gefühl. Sanftanlauf für die weitere Zeit, in der ich dann allein bin.

EUROPA

Bis an die Donau

Die Reise beginnt mit einem problemlosen Start am Sonntag, dem 07.08.2022 nach gemütlichem Frühstück. Gaaanz easy. Nachbarn und Freunde sind auch da. Naja, die Abfahrt selbst müssen wir zweimal aufnehmen. Für Freunde, Familie, und vor allem für mich, wird die Reise ab jetzt dokumentiert, und auf dem YouTube Kanal „imerweiter-defender“ zur Verfügung gestellt.

Grobe Richtung Südost nach Dresden, was für uns aus dem Leine- und Weserbergland B 6 bedeutet, am Nordharz vorbei, den Brocken zu unserer Rechten im Blick. Gepäck und Ausrüstung sind gut verstaut, nichts klappert, die Früchte der Testfahrt ins Baltikum 2021. Trotzdem, wir müssen uns noch eingrooven. Die passende Musik dazu kommt aus der Soundbox per Bluetooth. Die Quelle ist das Reservehandy, auf dem meine Musikbibliothek hinterlegt ist.

Die Sonne scheint. Es macht Spaß Richtung Osten zu cruisen. Die Geschwindigkeit pendelt sich bei 90 km/h ein. Die ersten Videos entstehen. Als Übernachtungsplatz haben wir uns einen Yachthafen an der Saale bei Halle ausgesucht. Stellplatz Nummer eins, abgespeichert in Google Maps, die erste digitale Stecknadel, die Serie beginnt. Wir stehen unter einem Baum, ein paar Meter vom Wasser und den kleinen Schiffchen entfernt, die an Holzstegen festgemacht sind. Tisch und Stühle sind schnell aufgestellt, Kaffee wird gekocht, jeder hat seine Aufgabe. Ein Uhrwerk, dank vorangegangener Touren. Eine alte Fähre zieht sich klappernd an einer Kette über die Saale, während wir das Hier und Jetzt genießen.

Das erste Abendessen im Sonnenuntergang. Wir stellen das Dach auf, die Dämmerung verschlingt langsam das Licht. Die Temperaturen sind immer noch angenehm. „Ein Glas Wein?“ „Sicher doch!“

Nebel liegt über der Saale, als wir morgens das erste Mal den Kopf heben. Mit 413 Kilometern der zweitlängste Zufluss der Elbe nach der Moldau. Langsam beginnt der Tag. Bald duftet der Kaffee. Kein Stress. Alles hat seinen Platz, schnell ist der Henry vom Tiny Haus zum Fortbewegungsmittel geworden. Die Dachtasche aus LKW-Plane hat sich bestens bewährt, nimmt alles auf was sperrig ist, was im Innenraum stören würde. Weiter geht es, „immerweiter“ Richtung Osten. Wie schön ist das Grün auf den Hügeln des Erzgebirges. Tschechien wir kommen. Keine abgestorbenen Fichtenwälder, wie bei uns im Harz. Gesunde und starke Wälder, soweit ich das als Laie beurteilen kann.

Wir sind hin und weg. Tapfer kämpft sich der 19 Jahre alte Defender hügelauf und hügelab. Wir überschreiten die erste Grenze. Auf einem Campingplatz, der von einem Hotel verwaltet wird, finden wir unseren Stellplatz. Kühl war die erste Nacht auf tschechischer Seite. Die Luft mit Feuchtigkeit gesättigt vom schnell dahinfließenden Fluss, der das Tal in dem wir stehen wahrscheinlich mal geschaffen hat. Langsam schaut die Sonne über die Kuppen im Osten. Die Zeit der Kühle nähert sich dem Ende. Ewig gleicher Ablauf. Doch an jedem Ort was Besonderes. Das Erzgebirge, auf beiden Seiten der Grenze ein beliebtes Wandergebiet, kommt auf die Bucketlist, da sind wir uns einig. Das geht ja toll los. Statt die Liste abzuarbeiten füllt sie sich schon wieder, verrückt. Aber warum nicht, wir können uns ja nicht tagelang an einem Ort aufhalten, wollen so schnell wie möglich nach Rumänien und Griechenland. Es wird die Bucketlist 60 plus ins Leben gerufen. Immer weiter ins Landesinnere von Tschechien. Gute Straßen, gepflegte Orte. Ein bisschen fremd, ein bisschen aufregend, Neues halt. Autobahnen haben wir dem Navi untersagt, wollen ja was vom Land sehen. Karlsbad, das Thermalbad kurz hinter der Grenze beeindruckt mit Ruhe, wunderschönen Gebäuden und gutem Essen. Touristisch? Na klar, aber trotzdem schön. Wir streifen durch die Straßen, schlendern durch die Gassen, lassen alles auf uns wirken. Schauen den Kindern beim Spielen zu.

Angekommen im Reisemodus, mit Karlsbad hat sich was verändert, wir haben Lust auf mehr. Der Hunger nagt, die böhmische Küche ist allgegenwärtig, deftig und lecker.

Wir halten an einer Brücke hoch über der Moldau, die tief in ihr Bett zurückgezogen ist, zerfranst ihre Ufer, wild romantisch. Aber ausgelaugt von der Hitze des Sommers. Schiffsverkehr beschränkt sich auf vereinzelte Fischer- und Sportboote. Klimawandel oder normal in der heißen Jahreszeit? Ich konnte es nicht in Erfahrung bringen. Der Spritpreis ist stabil, aber hoch, bei etwa zwei Euro für den Liter Diesel, und das an jeder Tankstelle. Es gibt keine fragwürdigen Schwankungen von zehn Prozent im Tagesverlauf, wie bei uns in Deutschland. Bei 200 Kilometern pro Tag liegt unser Durchschnitt, das war schon im Baltikum so. Klar, wir könnten auch schneller, aber der Defender ist kein Rennpferd. Ich finde, wir sind noch immer zu schnell. Es gibt so viel zu sehen und wir kratzen nur an der Oberfläche. Auf der anderen Seite zieht natürlich der Osten und der Süden. Ganz andere Landschaften und Kulturen reizen uns. Wir füttern die neue Bucketlist und sind dankbar für die Eindrücke, die wir gewinnen können.

Angekommen in der Slowakei - wir werden empfangen mit einer wunderschönen Heidelandschaft, in der wir einen einsamen Stellplatz finden wollen. Das erste Mal auf der Reise Freistehen. Wir biegen von der Landstraße ab, folgen einem Feldweg und steuern auf ein Waldstück zu. Zu dicht an der Straße? Doch etwas zu einsehbar? Weiter um die nächste Ecke? Wird die Wiese wohl bewirtschaftet? Dürfen wir das? Zu einsam? Wir tun uns noch etwas schwer, sind noch nicht geübt. Aber wer hätte das gedacht, es ist so schön hier, der Hammer. Ich parke den Henry schließlich neben einem sandigen Weg, der ein nicht eingezäuntes Grasland vom Wald trennt.

Wir packen aus, haben beide Hunger. Das Dach stellen wir erst später auf, wer weiß, vielleicht kommt der Jäger noch vorbei. Ein Hochsitz ist in Sichtweite.

Ein fetter Vollmond über den Kiefern erhellt die Nacht. Ein mystisches Bild. Ich warte auf den 12 Ender, der majestätisch im Mondlicht aus dem Wald tritt, über den sanften Hügel das Grasland in das gegenüberliegende Waldstück durchschreitet. Aber nicht einmal ein Hase kommt vorbei. Ich schlafe ein, Annette sind die Augen schon beim Lesen zugefallen. Die Nacht ist ruhig, aber meine Sinne kommen nicht zur Ruhe. Die Befürchtung früh am Morgen vom Jäger oder einem Landwirt geweckt zu werden, bestätigt sich nicht. Blödsinnige Gedanken, die mir den Schlaf geraubt haben. Da muss ich noch sehr viel entspannter werden.

Wir hatten dieses schöne Fleckchen für uns allein. Nach dem Frühstück checke ich noch kurz den Wagen, dann sind wir auch schon wieder abfahrbereit. Im Transit geht es durch die Slowakei. Schnell wechselt das Bild, aus der Heidelandschaft wird landwirtschaftlich geprägtes, flaches Land. Sonnenblumenfelder wechseln sich ab mit vertrockneten Maisfeldern. Das Getreide ist bereits abgeerntet. Dieses Bild wird uns bis Griechenland begleiten.

Im ungarischen Gran, zu Fuße der Esztergomi Basilika, erreichen wir dann endlich die Donau. Wundervoll, darauf habe ich mich gefreut. Das ist das erste Teilziel des ersten Abschnittes. Das Auto läuft, es gibt kein rappeln, kein klappern, alles hat seinen Platz. Läuft rund, würde ich sagen, guter Start.

Die folgende Nacht verbringen wir an einem ruhigen, fantastischen Ort an einer Seitenbucht der Donau, nicht weit vom Grenzübergang entfernt.

Im Uferbereich sitzen immer wieder Angler. Zu blöd, als angehender Overlander sollte man eigentlich angeln können. Ich wollte es schon vor unserer Baltikum Reise lernen, aber dieser Punkt verharrt vehement auf der Liste fehlender Kompetenzen, klebt regelrecht fest. Dabei kenne ich so viele Angler. Irgendwann, ja irgendwann, werde ich angeln können, mit Rute und Ruhe das Abendessen organisieren. Ganz so, wie es schon seit jeher die Rollenverteilung vorsieht. Bevor es das nächste Mal nach Skandinavien geht, muss ich diese Lücke schließen, spätestens.

Das Wasser der Donau ist herrlich erfrischend. Meinen Handwasserfilter für Notfälle, unterziehe ich einem ersten Test. Es funktioniert prima, das gereinigte Wasser schmeckt nicht übel. Wenn ich will, wenn ich muss, könnte ich also, das beruhigt.

Zum Wahnsinn bringt mich mein Videoprogramm. Der Friede im Auto ist in ernsthafter Gefahr. Permanente Abstürze verhindern die künstlerische Aufbereitung des Erlebten. Es vergehen zwei weitere Etappen bis ich checke, dass er immer dann abbricht, wenn ich ein Handyvideo einbinden möchte. Nicht ganz richtig, einbinden kann ich es sogar, aber bei der weiteren Bearbeitung bricht er immer dann ab, wenn er genau an diesem Punkt ankommt. Der Grund ist das Format, mit dem mein Handy die Videos speicheroptimiert. Mein Videoprogramm kann theoretisch auch damit umgehen, macht mich aber nicht darauf aufmerksam, dass ein Codec dafür fehlt. Im Forum erfahre ich die Lösung. Für ein paar Euro erwerbe ich das notwendige Tool, spiele es auf und siehe da, seitdem läuft es stabil.

Ein kleiner Hinweis des Programms auf den Fehler hätte gereicht. Stunden hätten wir mit Rotwein draußen sitzen können, und uns über das Erlebte des Tages unterhalten können, mit dem Sonnenuntergang vor uns. Stattdessen saß ich fluchend vor dem Rechner, wollte alles hinschmeißen und YouTube vergessen. Aber wie wichtig YouTube für die Aufarbeitung der Reise noch werden soll, erfahre ich erst später. Zurück zur Donau.

Wie jeden Morgen wachen wir auf, was hoffentlich noch sehr oft passiert, und schauen zum Fenster hinaus. Wieder kündigt sich ein sonniger Tag an. Ein Laken aus Nebelschwaden liegt auf der Donau. Hose an und raus. Schwäne ziehen an mir vorbei Richtung aufgehender Sonne. Das erste Video des Tages entsteht, mega cool. Die Drohne bannt dieses Idyll in 4K. Henry thront zehn Meter über dem Ufer. In diesem Moment passt alles. Kaffee, Frühstück, Seele baumeln lassen in dieser faszinierenden Umgebung. Glücklich, diesen Schritt gemacht zu haben, und dankbar für das Fünkchen Mut, das es dazu brauchte.

Budapest, du Perle an der Donau, Hauptstadt Ungarns - wir kommen. Unaufgeregt, hipp, kulturell und monumental in der Architektur. So präsentiert sie sich uns. Dank unserer Trödelei sind wir erst nach 10:00 Uhr in der Stadt. Glück gehabt, der Berufsverkehr kann uns nicht mehr stressen.

Das Fahren in Städten ist ja nicht so meins. Insbesondere wenn das Navi wieder Probleme mit den Entfernungen hat, oder Straßennamen so lange vorliest, dass ich die Abzweigung verpasse. In 1000 Metern wenden, na super! Henry haben wir auf einem bewachten Parkplatz für fünf Euro abgegeben. Zwei Kilometer bis Down Town Budapest. Ein Blick in die zahlreichen Seitenstraßen lohnt sich allemal. Uns hat es in eine Gasse mit Flohmarkt und Cafés gezogen. Wir genießen das Treiben. Bei 35 Grad bloß kein Stress. Wir gehen entlang der Donau, auf der Pester Seite, bis zum Parlamentsgebäude, das sich groß und prächtig präsentiert. Am gegenüberliegenden Ufer schauen wir auf den Stadtteil Buda. Kaffee trinken, Straßenbild genießen, Aufnahmen machen, lecker Essen, viel laufen - so geht der Tag dahin.

Natürlich gibt es auch einen Baumstriezel, der seinen Ursprung in Siebenbürgen hat und in Ungarn Kürtőskalács heißt. Dafür wird ein Hefeteig, der mit viel Zucker, Butter und Eigelb zubereitet wird, in lange Rollen um einen Ahornstab gewickelt, nochmal in Zucker gerollt und über Kohlefeuer knusprig erhitzt. Dabei karamellisiert der Zucker. Unser Striezel hat die Form einer Eiswaffel, und wird dann natürlich mit Eis gefüllt. Eine süße Leckerei.

Ein sehr schöner Tag geht zu Ende, und wie an jedem Abend stellt sich die Frage nach dem Stellplatz. Zum Weiterfahren ist es bereits zu spät, also raus der Stadt, wieder an die Donau. Wir biegen von der Hauptstraße in einen Feldweg ab, ob wir hier fahren dürfen ist uns nicht ganz klar. Die Schilder sind eher verwirrend. Wir wagen es. Erst ein Feldweg, dann führt die Spur der wir folgen über eine nicht eingezäunte Wiese mit Kühen und weiter durch dichten Baumbestand bis zum Ufer. Größer hätte Henry nicht sein dürfen. Mit einer Aufsetzkabine wäre es schon eng geworden. Wir parkieren direkt am Ufer, nur getrennt durch eine Baumreihe als Sichtschutz. Bei Käse und Rotwein blicken wir den kleinen und großen Schiffen auf der Donau nach. Die dicken Pötte, die stromaufwärts fahren, quälen sich sehr. In aller Ruhe können wir so das Schauspiel genießen. Bis sie komplett aus unserem Sichtfeld verschwunden sind vergeht fast eine Stunde. Im Gegensatz zur Moldau ist die Donau noch gut schiffbar. Fahrradfahrer und Spaziergänger kommen zum Ufer, genießen wie wir die angenehme Abendwärme.

Am nächsten Tag verlassen wir fürs erste die Donau, diesen herrlichen Fluss, weiter Richtung Osten.

Es zieht uns in die Berge, in der Hoffnung, dass es hier etwas kühler sein wird. Im Nationalpark Bükk finden wir in der Nähe der Stadt Eger, auf einer großen Lichtung einen wunderbar ruhigen Platz für die Nacht. Der Ort bietet sich an die Gegend zu Fuß zu erkunden. Schluchten, Hügel und herrlicher Wald umgeben uns.

Am Morgen wecken uns Glocken, nicht die von Kirchen, sondern solche, die man Schafen um den Hals hängt. Wir sind sofort wach, was für ein Schauspiel. T-Shirt und Hose an, Kamera und Actioncam geschnappt und raus. Von 0 auf 100 in Sekunden. Mit wenigen Metern Abstand zum Auto glotzen und fressen die Wollknäuel, machen sich lang, um von den niedrig hängenden Ästen die Blätter zu knuspern.

Wenn wir schonmal wach sind, können wir uns auch gleich fertig machen und vor dem Frühstück zu einer Wanderung aufbrechen. Im Wald stoßen wir auf eine kilometerlange Karstschlucht, die wir entlanglaufen. Oben neigen sich die Bäume über die Schlucht, sodass wir wie in einem Tunnel laufen. Immer wieder sehen wir kleine Höhlen, die in die Wände gehauen wurden. Platz für eine Person, wahrscheinlich zum Schutz vor Wetter, genau wissen wir es aber nicht.

Nach der Wanderung und dem Frühstück brechen wir auf. Am Vormittag deutet es sich bereits an, es wird wieder sehr warm, sogar heiß werden. Zur Mittagszeit knacken wir die 40 Grad Marke. Die Gegend erinnert jetzt eher an Savanne und Steppe in Afrika. Knorriges, hartes Gras, flirrende Hitze und Staub. Ein Springbrunnen in Debrecen, weit im Osten Ungarns, ist unsere Rettung. Eine Wohltat die Füße darin zu baden, wie es uns die Einheimische vormachen. Einkaufen und weiter. Viel hat die Stadt nicht zu bieten, zumindest offenbart sie es uns nicht in der Kürze, in der wir hier sind.

Eine sandige Piste führt uns zu unserem Platz für die Nacht. Erste Wahl zur Stellplatzsuche ist die App „Park for night“. Auch wenn wir nicht immer den ausgewiesenen Platz wählen oder finden, stimmt doch die Richtung, in der ein friedliches Eckchen für die Nacht wartet.

Ruhig und ungestört wird es hier allerdings nicht. Wenn auch keine Personen und Autos vorbeikommen, so werde ich doch immer wieder wach durch Hundegebell und aktive Jäger, die die halbe Nacht rumballern. Unter den Bäumen ist Henry schwer zu erkennen, aber wir bleiben ohne Treffer aus einer verirrten Jagdbüchse. Es ist die letzte Nacht vor dem Grenzübertritt nach Rumänien.

Rumänien und Bulgarien – Eine Zeitreise

Grenzstation Ungarn – Rumänien. Es wird kontrolliert, wie früher. „Pässe, Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“. Auf die Kontrolle des Führerscheins war ich nicht vorbereitet. Hektisch suche ich das Dokument im Auto, peinlich. Hinter mir eine Schlange. „Wo ist das blöde Ding, das kann doch nicht wahr sein.“ Es wird dem Beamten zu bunt, er schickt mich in eine kleine Parkbucht hinter seinem Häuschen, damit ich aus dem Weg bin und in Ruhe suchen kann. Oh man, endlich. Ich laufe mit meinem Kram zurück, warte die Abfertigung eines Wagens ab, und springe dann an sein geöffnetes Fenster. Er verzieht keine Miene, kontrolliert, vergleicht, alles okay. Im Laufschritt die paar Meter zurück zum Auto.

Auf schmaler Landstraße reisen wir nach Rumänien ein, das erste Mal Rumänien, keine Ahnung was uns hier erwartet.

Wenn du mich fragst, was mir bei Rumänien als Erstes wieder einfällt, dann ist es die Ursprünglichkeit in den Bergen und in Siebenbürgen. Die kleinen Dörfer, geprägt von Selbstversorgung und Natürlichkeit. Familien, die abends auf den Bänken im Schatten ihrer kleinen bunten Häuser zusammenkommen, erzählen und dem Treiben auf der Straße zuschauen. Das ist Rumänien für mich, eine kleine Zeitreise. Dabei habe ich nicht den Eindruck gewonnen, die Menschen sind in ihrer Situation gefangen und unglücklich. Im Gegenteil, viel Zufriedenheit habe ich wahrgenommen.

Fragst du Henry, wird er sich an die Quälerei in den Karpaten erinnern. Rauf und runter, Kehre um Kehre, rauf und wieder runter. Warm ist ihm geworden, dankbar um jede Pause, die wir ihm gegönnt haben. Die zahlreichen Kilometer auf Schotter und unbefestigten Straßen hat er dafür klaglos weggesteckt. Traumlandschaften. Aber der Reihe nach.

Erstmal empfängt uns leichter Nieselregen. Sonnenblumen entlang der Straße stehen in Reih und Glied, wie ein Heer im Feld. Die hängenden Köpfe schaukeln schwermütig im Rhythmus des Windes. Nicht mehr lang, dann kommt der Schnitter, holt die Ernte ein. Das erste Dorf hinter der Grenze ist Valea lui Mihai. Am Geldautomaten ziehen wir uns die Landeswährung Lei. Es ist Mittagszeit. Eine gute Gelegenheit den Hunger zu stillen bietet sich auf dem Markt, ein würziger Schaschlik Spieß, echt lecker.

Jetzt wird es aber Zeit das Quartier für die Nacht zu finden. In der Nähe von Baia Mare verlassen wir die E 58. Auf dem Navi entdecken wir ein gut erreichbares Waldstück. Scheint ein idealer Platz zu sein, den schauen wir uns mal an. Die zwei Kilometer lange Schotterpiste bietet genug Abstand zur Straße. Eine tiefe Auswaschung queren wir noch, dann stehen wir mitten unter mächtigen Eichen. Ein top Platz.

In der Nacht nähert sich ein Auto mit Jugendlichen. Sie trinken und hören Musik. Wir sind beide wach, und schrecken auf, werden aber nicht weiter gestört.

Am nächsten Morgen durchdringen die ersten Sonnenstrahlen die mächtigen Kronen der Eichen. Der Himmel ist wolkenfrei. In der Ferne sehen wir die Gipfel und Kämme der Maramures Berge. Tische und Stühle richten wir so aus, dass wir beim Frühstück das Panorama genießen können. Der Gebirgszug reicht bis in die Ukraine hinein, die keine 70 Kilometer entfernt ist. Eine beliebte Freizeitregion mit über 170 Kilometern an ausgeschilderten Wanderrouten.

Wir aber wollen nach Siebenbürgen. Die ersten Orte mit deutschen Namen sind Straßburg am Mieresch, Karlsburg, und Mühlbach. Hermannstadt (Sibiu), Schäßburg (Sighisoara), Deutsch-Weißkirch (Viscri) folgen. Ein Stück deutscher Geschichte. Seit dem 12. Jahrhundert gibt es hier eine deutsche Minderheit, die Siebenbürger Sachsen, die der Region auch ihren Namen gegeben haben. Die Städte sind kleine Schmuckstücke, durch die man in aller Ruhe flanieren kann. Mir scheint, wir haben einen Geheimtipp entdeckt.

Mein Bild von Rumänien verwirklicht sich dann in Deutsch-Weißkirch. Die Dorfstraße ist ungeteert. Gänse und Ferkel laufen frei auf der Straße und zwischen den bunten Häusern umher. Eine historische Burg überragt alle Häuser. Die Kirche ist am Sonntagmorgen bis auf den letzten Platz besetzt. König Charles hat hier auch ein Anwesen. Als bekennender Bio Fan genau der richtige Ort. Die Böden wurden nicht durch große Maschinen und intensive Landwirtschaft belastet, aus dem einfachen Grund, weil die Bauern zu arm waren, um sich Dünger und teuer Geräte zu leisten.

Wunderschöne idyllische Dörfer, zumindest aus unserer Perspektive, findet man überall in Siebenbürgen. Die Nacht in Deutsch-Weißkirch habe wir am Waldrand oberhalb des Dorfes verbracht, sehr sauber. Leider ist das nicht überall der Fall. Es ist ansonsten ein Problem, in der tollen Natur Rumäniens einen sauberen Platz zu finden. Ob in Wäldern, an Flüssen oder Seen, überall findet man den Unrat der Zivilisation. Auch die Jugendlichen an unserem ersten Stellplatz unter den Eichen, haben ihre Flaschen und anderen Müll einfach liegen lassen. Aber es gilt, je unzugänglicher ein Ort ist, desto sauberer finden wir ihn vor. In Hermannstadt haben wir aus Bequemlichkeit in der Stadt auf einem Campingplatz gestanden, ist zwischendurch auch mal recht willkommen.

Wir verlassen Siebenbürgen und fahren nach Transsilvanien. Die Besichtigung von Schloss Bran, in dem Graf Dracula wohnte, fällt aufgrund einer heftigen Magenverstimmung aus, die ich mir wahrscheinlich in einem Restaurant eingefangen habe. Also beim nächsten Mal.

Auskuriert nehmen wir die Transfagarasan unter die Stollen, eine der Traumstraßen Europas.

Man kennt sie auch unter dem Namen Transsilvanische Hochstraße. Sie verbindet Siebenbürgen im Norden mit der Großen Walachei im Süden. Die 151 Kilometer lange Straße wurde nach vier Jahren Bauzeit 1974 für den Verkehr freigegeben. Kehre um Kehre schrauben wir uns nach oben. Immer wieder stehen Fahrzeuge in Parkbuchten mit offenen Motorhauben, um den überhitzen und gestressten Aggregaten die Chance zur Regeneration zu geben. Auch Henry gönne ich zwischendurch eine Pause. Dann geht es weiter die Spitzkehren hoch. Ein Eldorado für Motorradfahrer.

Der dichte Wald wird zunehmend lichter. Oberhalb der Baumgrenze, in ca 1900 Metern Höhe, gibt es nur noch Geröll, Fels und Gras. Bären haben wir in der Baumregion leider nicht gesehen. Je näher wir dem Pass auf 2042 Metern Höhe kommen, desto langsamer wird der Verkehr, bis er im Stau endet. Grund ist der Trubel am Pass und am Balea See. Autos fahren ab oder wollen sich wieder in den Verkehr eingliedern. Die vielen Buden mit Souvenirs und Essen erwecken den Eindruck einer Jahrmarktsveranstaltung. Aber die Aussicht über die Serpentinen ist phänomenal.

Der Weg bergab startet mit einer Fahrt durch den höchstgelegenen Tunnel Rumäniens. Der fast 900 Meter lange Balea Tunnel ist nichts für schwache Nerven. 350 Meter Fels des Paltinu Gipfels liegen über uns, einem Berggrat der Karpaten. Die Röhre ist zweispurig, eng, schlecht beleuchtet und feucht. Außerdem muss man höllisch auf plötzlich überholende Straßenrowdies Acht geben.

Auf der Fahrt hoch musste ich auf die Motortemperatur ein Auge werfen, bergab in die Walachei begleitet uns das Quietschen der Bremsen. Bei Henry ist das leider immer vorn rechts. Das Problem konnte ich auf der gesamten Reise nicht abstellen.

Die Walachei heißt in der deutschen Übersetzung einfach nur Rumänisches Land. Sie zieht sich von den Südkarpaten bis an die Donau, und damit bis zur Grenze nach Bulgarien. Wir erreichen wieder die Baumgrenze, fahren entlang der Bogenstaumauer des Vidraru Stausees, und biegen bald rechts ab in einen Waldweg. Der Weg liegt komplett im Schatten der Bäume, die ein Tunnelgewölbe über uns bilden. Tiefe und lange Pfützen muss ich durchfahren, links der Abgrund der sich steil zum See neigt. Die Sonne strahlt durchs Chlorophyll des Blätterdaches und zaubert ein wunderbares Licht. Sie wird aber noch sehr lange brauchen, um den Weg zu trocknen. Der Eckige muss ins dreckige, ich habe meinen Spaß. Unseren Stellplatz für die Nacht finden wir am Ufer des Stausees. Wir sitzen mit einem Glas Rotwein vorm Auto und lassen die Gedanken um das Erlebte kreisen. Der Tag neigt sich dem Ende, Abendstimmung.