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Olivenöl: Lebensmittel, Hausapotheke, Kulturgut Olivenöl ist mehr als ein Lebensmittel – es ist ein Kulturgut, ein Heilmittel, ein Symbol der Ewigkeit. Seit Jahrtausenden wird ihm eine besondere Kraft zugeschrieben: Schon Homer pries es als „flüssiges Gold“, die Göttin Athene schenkte den Menschen den Ölbaum, Hildegard von Bingen empfahl es als Arznei. Heute bestätigen hochrangige wissenschaftliche Studien, was die Alten instinktiv wussten: Olivenöl schützt unsere Gesundheit – besser als jede Pille aus dem Labor. Der renommierte Wissenschaftsjournalist Werner Siefer – ehemaliger Chefredakteur von National Geographic und Redaktionsleiter von Focus Gesundheit – verbindet in diesem Buch fundierte naturwissenschaftliche Recherche mit erzählerischer Tiefe und kulturhistorischer Perspektive. Auf Grundlage modernster Erkenntnisse der Molekularbiologie, Ernährungsmedizin und Epidemiologie schildert er, warum echtes, hochwertiges Olivenöl so heilsam ist – und was es mit dem Begriff flüssige Wunderpille tatsächlich auf sich hat. Gegen welche Krankheiten Olivenöl schützt – und warum: • Herzinfarkt & Schlaganfall: Polyphenole wie Hydroxytyrosol und Oleuropein schützen die Blutgefäße, verhindern gefährliche Ablagerungen und senken den Blutdruck – entscheidend für Herz-Kreislauf-Gesundheit. • Alzheimer & Demenz: Bestimmte Antioxidantien hemmen den Abbau von Nervenzellen, bekämpfen chronische Entzündungen im Gehirn und können kognitive Funktionen länger erhalten. • Typ-2-Diabetes: Olivenöl verbessert die Insulinsensitivität und senkt den Blutzuckerspiegel – schon kleine tägliche Mengen zeigen eine messbare Wirkung. • Krebs: Der Bitterstoff Oleocanthal wirkt ähnlich wie Ibuprofen – entzündungshemmend und zellschützend. Studien zeigen eine vielversprechende Wirkung gegen Brust-, Prostata- und Lungenkrebs. • Sarkopenie (altersbedingter Muskelabbau): Inhaltsstoffe wie Oleuropein fördern die Regeneration von Muskelzellen und helfen, körperliche Kraft und Mobilität im Alter zu erhalten. • Zellalterung & oxidativer Stress: Olivenöl schützt durch seine hohe antioxidative Kapazität vor freien Radikalen – es verlangsamt Alterungsprozesse auf zellulärer Ebene und wirkt wie ein natürliches Anti-Aging-Mittel. Dabei erzählt Siefer nicht nur von molekularen Signalwegen, Enzymen und klinischen Studien – sondern auch von der symbolischen Kraft des Ölbaums, den Mythen der Antike und der Magie einer Pflanze, die Menschen seit Jahrtausenden nährt, heilt und begleitet.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Erste Ausgabe
Copyright © Werner Siefer 2025, alle Rechte vorbehalten
Werner Siefer ist Buchautor, Wissenschaftsjournalist, Diplom-Biologe – und seit Jahren selbst Hobby-Ölmüller. Er war Chefredakteur der deutschen Ausgabe von National Geographic.
Von Werner Siefer sind erschienen:
Ich – wie uns selbst erfinden (Spiegel Bestseller)
Tatort Gehirn – Auf der Suche nach dem Ursprung des VerbrechensDas Genie in mir – Warum Talent erlernbar ist
Wir und was uns zu Menschen macht
Der Erzählinstinkt
Die Bücher sind als eBooks beim Autor erhältlich.
Der Olivenbaum und sein Öl sind magisch. Ich sage das in aller Nüchternheit, ohne Übertreibung, ohne den üblichen Kitsch vom schönen Landleben am Mittelmeer und dem Gläschen Wein dazu. Wir alle kennen diese Bilder. Ich sage das nicht obwohl, sondern weil ich mich an die wissenschaftlichen Evidenzen halte. Ich bin Wissenschaftsjournalist und ich war lange Chefredakteur von National Geographic, ein Magazin, das mit seiner Faktentreue und gründlichen Recherche besticht. Ich bin auch Hobby-Olivenmüller. Und mir geht es um die Magie der Realität. Das kopfschüttelnde sich wundern über das Gefüge dieser Welt. Denn wie anders als magisch wäre zu nennen, wie sich bei der Olive alles verbindet? Sie prägt die Kultur des Menschen. Sie bewegt seine Gefühle. Sie hält ihn gesund. Was für den Menschen am wichtigsten ist, die Olive hat es.
Da sind die Mythen des griechischen Götterhimmels. Die Erzählungen des Dichters Homer, der den ersten Roman Europas verfasste. Das Heilwissen antiker Volksmedizin. Eine Hildegard von Bingen im Mittelalter. Schließlich die moderne epidemiologische und molekularbiologische medizinische Forschung mit all ihren Gerätschaften und Analyse-Methoden. Das alles ist zu einem stimmigen Gesamtbild verwoben, das ein Jahrtausende überdauerndes Naturwunder zeigt. Eines, das völlig real ist.
Die magische Realität des Olivenöls.
Die Magie beginnt schon beim Baum selbst. Ständig wächst, ständig erneuert er sich. Auf kargstem Grund gedeiht er und unsterblich zumindest wirkt er. Aus ihm entspringt ein Öl, das die Menschen nicht nur ernährt, sondern eine Art Jungbrunnen ist, Schönheit verleiht, gesundes Altern verspricht. Anti-Aging und Superfood. Das ist heute beweisbar, ganz jenseits von esoterischer Traditionsduselei und Klickbaiting im Internet. Das ist real. In der Wissenschaft gibt es Techniken für derartige Nachweise. Die Gaschromatographie und das MRT zum Beispiel, die Methoden der Molekularbiologie im Kleinen und der Epidemiologie im Großen. Diese Werkzeuge sind ausgefeilt; sie blicken in uns hinein, auf die Organe, die Zellen und die Proteine darin, auf die Erbsubstanz selbst und ihre Codes und wissen auch sehr gut, was Korrelation von Kausalität unterscheidet. Ihre Ergebnisse sagen nichts anderes, als was die Alten schon wussten, oder vielleicht besser: ahnten, und ihren Kindern weitergaben. Nicht so präzise vielleicht und ohne Begründung, aber eben schon seit Jahrtausenden. Dass dieser Baum, der im Mittelmeerraum in jedem Garten steht, und das Öl, das er Jahr für Jahr produziert ein Geschenk der Götter ist.
Naja, vielleicht muss man heutzutage nüchterner, aber nicht weniger demütig so sagen: Wir sollten dankbar sein, dass wir auf dieser Erde den Ölbaum und sein Öl haben. Und ich bin sicher, sollten irgendwann Außerirdische bei uns landen, so werden sie den Ölbaum mitnehmen – so wie Kolumbus (oder einer seiner Nachfolger) einst die Kartoffel, den Mais, die Tomate oder den Tabak aus der neuen Welt nach Europa gebracht hat.
Der Legende nach gab Athene, die Göttin mit den strahlenden Augen, der nach ihr benannten Stadt den Olivenbaum. Auf der Akropolis pflanzte sie einen Setzling ein, schlug mit einem Stab gegen den Felsen und ein riesiger, voll entwickelter Baum voller Früchte trat in die Welt. Das kann man so glauben oder nicht, das ist jedenfalls die Geschichte, die sich die alten Griechen erzählten. Das Was und das Wie der Erzählungen vom Olivenbaum zeigt zumindest eines: was das Gewächs den Menschen bedeutete.
Von welcher Kategorie der Spross Athenes war, erwies sich in der Krise. Im August 480 v.u.Z. eroberten, plünderten die Perser deren Stadt – Athen – und brannten mit den Häusern und Tempeln auch ihren ersten Ölbaum nieder. Bereits am zweiten Tage nach dem Feuer, so schrieb es der Geschichtsschreiber Herodot, entspross dem Stumpf ein frischer „ellenlanger Schoss“ – und gab den Athenern, die von ihrer Verzweiflung schier erdrückt wurden, das Signal für den Wiederaufbau. Es ist wahr, dass auch starkes Feuer dem Olivenbaum nichts anhaben kann. Der Oleaster, so sein wissenschaftlicher Name, treibt aus den Wurzeln wieder aus (wenn auch nicht im Sommer, sondern im Frühjahr oder Winter, wenn genug Regen gefallen ist) und bildet einen neuen, nach einigen Jahren auch ertragreichen, fruchtbaren Stamm.
Die Geschichte berichtet davon, dass der Ölbaum mit seiner unbändigen Wuchskraft, Mut und Trost spendete. Er war und ist daneben aber auch ein Symbol für Beständigkeit und Treue. Odysseus, so ist es bei Homer nachzulesen, baute sein eheliches Bett auf dem Stumpf eines Olivenbaumes. Er drückte damit die Hoffnung und den Willen aus, dass die Verbindung mit seiner Ehefrau Penelope ewig währen sollte. Als er nach 20 Jahren, darunter zehnjähriger Irrfahrt, aus dem Trojanischen Krieg nach Hause zurückkehrte, erkannte er die Einfahrt in den Hafen von Ithaka an einem alten Oleaster. Er stand genau dort, wo er ihn zuletzt gesehen hatte, obwohl sich die Szenerie drumherum verändert hatte. Was für ein Bild! Und als er bei den Phäaken angelangt war, verschmutzt und verlottert, führten junge Frauen ihn an einen Fluss, wo er baden durfte. Zur Reinigung und Pflege gaben sie ihm eine Phiole Öl mit, ein kleines Gefäß. Es übernahm dann Athene selbst, ihm das Olivenöl über Haupt und Schultern zu gießen, woraufhin er ans Ufer ging, so sexy, „strahlend von Schönheit und Reiz“, formulierte es Homer, dass ihn die ebenso wohl gewachsene Nausikaa, Tochter des Königs Alkinoos, liebend gerne zum Gatten genommen hätte. Ging aber nicht, er war ja an Penelope vergeben – und zwar mit dem Bund des Olivenbaums.
Dies sind die Geschichten, die sich hinter einem Produkt stehen, das heute in jedem schnöden Supermarkt im Regal steht, in einer Qualität und für einen Preis, welche die meisten Menschen nicht verstehen. In der Antike war Olivenöl extrem wertvoll und einer der wichtigsten Wirtschaftsgüter. Es erleuchtete die Häuser, Tempel und später die christlichen Kirchen, wo Licht die Auferstehung und das ewige Leben symbolisierte. In der längsten Zeit seiner Geschichte fand es als Brennstoff für Lampen Verwendung. Aber nicht nur das Öl war und ist ein Tausendsassa. Es würzte die Speisen und war gleichzeitig ein Grundnahrungsmittel wie Getreide oder Bohnen. Es diente der Pflege und verlieh Sexappeal. Es wurde als Salböl zum Bestandteil heiliger Riten, bei Griechen, Römern, Christen, Juden und Moslems. Aus Quellen der alten Römer ist ein jährlicher Verbrauch von bis zu 50 Litern überliefert – pro Person. Selbst das Holz galt den alten Griechen als heilig und kein Bauer durfte in einem Jahr mehr als zwei Bäume verpflanzen – eine Regelung, die so ähnlich noch heute in Italien gilt. Für einen gefällten Olivenbaum drohte sogar die Todesstrafe.
Die medizinischen Verwendungen standen den kulinarischen und spirituellen in nichts nach. „Die Olive war eine kugelrunde Hausapotheke“, schreibt der Dichter Ralph Dutli in seinem Büchlein „Liebe Olive“ (dass die meisten Oliven nicht rund sind, sondern oval, die griechische Koroneiki ausgenommen, sehen wir ihm nach). Man verwendete es bei Wunden und Ekzemen, Hämorrhoiden, Insektenstichen, Verbrennungen, Gicht, Rheuma, Kopf- und Magenschmerzen, Gallensteinen, Vergiftungen sowie Menstruationsbeschwerden. Es galt als fiebersenkend, entzündungshemmend, desinfizierend und nervenberuhigend. Die moderne Forschung bestätigt und vertieft dies weitgehend.
Im Mittelalter pries die Äbtissin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen das Olivenöl als ein hervorragendes Arzneimittel, aber fürchterliches Nahrungsmittel – und spricht mit letzterem noch heute manchem Verbraucher nördlich der Alpen, aber auch Italiener, der nicht auf dem Land aufgewachsen ist, aus der Seele.
Ich kann mich dem nicht anschließen.
Ich liebe Olivenöl. Ich freue mich, wenn mich meine Mitmenschen zweifelnd anschauen, wenn ich meinen Salat oder Gemüse darin bade. Ich kann nicht mehr ohne. Jedoch vermeide es auch ich, eine frische Olive vom Baum zu pflücken und hineinzubeißen. Wer das tut, wird merken, welches herbe, bittere, pelzige, trocknende, ja fast narkotisierende Gefühl der Saft und das Fruchtfleisch auf der Zunge und am Gaumen hinterlassen, unweigerlich gefolgt von einem Reflex auszuspucken. Die Inhaltsstoffe der frischen Olive sind scharf und bitter. Anders formuliert: Schärfe und Bittere sind die natürlichen Eigenschaften der Olivenfrucht, wie die Eigenschaft der Kirsche die Süße und eben das Kirschige ist, das man nicht weiter beschreiben kann. Und wie jemand der Kirsch- oder Apfelsaft herstellt, die Eigenschaften der Frucht in die Flaschen bringen möchte, so wird auch das Streben des ehrgeizigen Öl-Produzenten dahin gehen, die Natürlichkeit der Olive zu erhalten und seinem Kunden in seinem Gebinde zu präsentieren. So kann es sein, dass man seine Nase unversehens in einer Tomatenstaude wiederfindet, dazu am Gaumen Artischocke und eine wahrnehmbare Bittere schmeckt, die langsam einer pfeffrigen Schärfe Platz macht (Extra Vergine Lazzaro Bio 2024 von Fop - Ai Massi, Toskana). Schrecklich, die herrliche Frische eines guten Öls wäre nicht nur eingeebnet, sondern zu Muffigkeit verhunzt. Es wäre wie Apfelsaft, dem der Apfel fehlt und der stattdessen etwas Wässriges oder Fauliges zu bieten hat. Immerhin, bei Apfelsaft würde das mutmaßlich schnell zu Verbraucher-Protesten führen. Warum nicht beim Öl?
Je schonender es dem Produzenten gelingt, das Öl aus der Frucht herauszuholen, desto schärfer gerät es im Hals. Es ist dann so, wie in der Furcht selbst. Pur genossen löst es für Augenblicke einen unwiderstehlichen Hustenreiz aus, dem oft Tränen, Augenblinzeln und ein anerkennendes Kopfnicken folgen. Kenner schätzen und verlangen geradezu nach diesen Eigenschaften. Für ehrgeizige Produzenten bedeutet es einen immensen Aufwand, der nicht selten mit Schwielen, Schlafmangel und Sorgenfalten einhergeht, den öligen Saft mit möglichst wenig Qualitätsverlust von der Frucht in die Flasche zu bekommen. Solche traumhaften Produkte gibt es nicht im Supermarkt, um es gleich zu sagen. Die Öle dort sind oft chemisch bearbeitet und nicht mit dem Ziel verfasst, die reine Frucht abzufüllen. Sie sind unter der Maßgabe der Ökonomie und der Masse hergestellt – und das pervertiert sie nicht nur, es macht sie wertlos.
Denn zum Olivenöl und seiner Magie gehört es auch, dass gerade jene Eigenschaften am gesündesten sind, die es scharf und bitter machen. Und die für Olivenöl-Einsteiger sowie Menschen aus Ländern, in denen mit Butter oder Sonnenblumenöl gekocht wird, eine geschmackliche Hürde darstellen. Der Inhaltsstoff Oleocanthal gehört zu jenen, die etwa für das Brennen verantwortlich sind. Er wirkt, das zeigen Studien, wie der nicht steroidale Entzündungshemmer Ibuprofen, ein pharmazeutisches Produkt aus dem Labor. Oleocanthal hemmt die Entzündungsenzyme Cox-1 und Cox-2. Sehr ermutigenden Studien zufolge wirkt er vorbeugend gegen verschiedene Krebsformen, darunter Brustkrebs, Lungenkrebs und Prostata-Krebs. Bei Brustkrebs diskutieren Wissenschaftler sogar über seine Rolle als Therapeutikum, etwa in Kombination mit pharmazeutischen Krebsmitteln. Oleocanthal kann helfen, deren Dosierung zu senken und hat selbst keine Nebenwirkungen.
Tyrosol- und Hydroxytyrosol, ebenfalls Schärfe erregend und ebenfalls entscheidender Bestandteil guten Öls, bremsen die Arterienverkalkung und beugen damit Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz vor. Schon ein kleiner Teelöffel täglich reduziert das Risiko an Alzheimer zu erkranken. Oleuropein, unentbehrlicher Inhalt eines guten Öls, mag schwierig auszusprechen sein, und ist doch ein magisches Stöffchen: Hochwertige Studien zeigen, dass es dem Muskelverlust im Alter vorbeugt, uns also länger jung und fit hält. Oder sexy wie Odysseus. Schon nach einmaliger Gabe konnten Forscher bei Mäusen bessere Laufleistungen verzeichnen. Schließlich greifen die Inhaltsstoffe der Olive in jene molekularen Signalwege ein, die sich beim Alterungsprozess ungünstig verändern. Die Details gibt es auf den folgenden Seiten.
Olivenöl ist ein wahre Wunderpille. Sie ist bitter und scharf, wie sich das für gute Medizin gehört. Aber sie ist enorm gesund – und zwar auf breiter Front.
Woher Athene, die Göttin mit den strahlenden Augen, die erste Olive hatte, erklären die Legenden nicht. Eine Göttin muss das auch gar nicht preisgeben. Wir Heutige fragen aber danach, denn wir erzählen uns Geschichten heute anders, sachlicher, wissenschaftlicher, aufdeckender. Aber immer noch fasziniert von den Legenden, die einst die Wahrheit waren. Kam sie aus dem Zweitstromland, in dem so viele Kulturpflanzen, von denen wir heute leben, ihren Ursprung nahmen? Aus Persien oder Nordafrika, wo sich in der Sahara 12.000 Jahre alte Sporen erhielten? Auf 37.000 Jahre v.u.Z. datieren versteinerte Blätter, die Archäologen auf Santorin fanden. Andere Hinweise reichen sogar 50.000 Jahre zurück. Belege für einen ersten systematischen Anbau des Fettbaumes traten auf Kreta zutage, 6500 Jahre alt. Die älteste Abbildung einer Ölpresse datiert auf 2500 Jahre v.u.Z.
Biologisch gesehen ist Olea europea sylvestris kein Baum, sondern ein Strauch. Erst der fortwährende Schnitt des Pflegers, lässt einen zentralen Stamm wachsen, der nach Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten „an die zerfurchte Haut unserer Väter“ erinnert, schrieb der griechische Literatur-Nobelpreisträger aus dem Jahr 1963, Georgis Seferis. Die Pflanze gehört zur Familie der Ölbaumgewächse. Diese umfasst rund 700 Arten. Neben dem Baum oder Strauch mit seinen öligen Früchten gehören dazu auch Jasmin, Flieder, Forsythie, Liguster sowie die Esche mit ihren gefiederten Blättern.
Blütezeit ist der Mai. Dann wehen Fahnen eines zarten Duftes, der an Zitrone und Jasmin erinnert, über die Haine und die Landschaft ist übersät von weißen Tupfern. Der Luftzug wird sie bald als Blütenblätter vor sich hertreiben. Der Oleaster ist ein Windbestäuber, der mangels Zielgenauigkeit auf Masse setzt. Aus 100 Blüten entstehen fünf Oliven – aber nur, wenn alles gut geht. Zum Leidwesen der Bauern manchmal auch keine aus Hunderttausend, etwa wenn der Regen im Frühjahr zur falschen Zeit kommt, im Sommer die zehrende Trockenheit zu lange anhält oder die Olivenfliege wütet und die Früchte am Baum verderben und abfallen, noch bevor sie reifen.
Je mehr sich der November nähert, die Erntezeit, beginnen die Menschen über die Oliven zu reden. Wie wird das Jahr? Wie sind sie, wie viele? Das steigert sich noch einmal, sobald die Weinernte vorüber ist und der Winter seine ersten feuchten Vorhuten über das vertrocknete Land schickt. Und die Oliven?, fragen sie. Am Ende des Zyklus´ macht sich noch einmal der Duft des Baumes bemerkbar, wenn das Feuer seines Holzes süß wie Sandel die Luft erfüllt. Der magische Baum nährt die Menschen nicht nur und schützt ihre Gesundheit. Er wärmt sie auch. Heute nicht nur mit seinem Holz, sondern den gehäckselten Kernen im Pellet-Ofen.
Die Olivenernte ist oft immer noch Sache der ganzen Familie, Volkskultur, vor allem in Italien, wo die Grundstücke oft klein sind. Bewegung kommt in die sonst oft still liegende Landschaft, die kaum noch Menschen sieht, ganz im Gegensatz zu früher. Man rückt mit Netzen, Stecken oder Rüttelrechen an. Die größeren Produzenten fahren mit schweren Maschinen auf. Sie vermögen eine Art Regenschirm unter den Baum zu spannen, versetzen das ganze Gewächs in Vibration, schütteln die Früchte ab, lassen sie in einen Trichter fallen und gleich weiter in die mit dem Gabelstapler tragbare Großkiste. Die Ernte mit der Hand ist am schonendsten (und am schönsten, denn sie macht keinen Krach und man kann sich Geschichten dabei erzählen).
Danach muss es schnell gehen. Die Olive ist fast so sensibel wie die Erdbeere. Wird sie einmal zu stark gedrückt oder gar verletzt, schreiten die Verfallsprozesse umso schneller voran und die Qualität sinkt. Jedoch erfordert die Handernte – wie der Name sagt – zahlreiche Hände, die oft nicht verfügbar und wenn doch, teuer sind – und lohnt daher meist nicht. Auch der kleinere Produzent muss sehen, wie er mit seinen Kosten haushält.
In der heutigen Welt der optimierten Erträge, Weltmarktpreise und Tanklaster ist es geradezu unmöglich, mit einem Spitzenöl einen ausreichenden Gewinn zu erzielen. Und etwas Besseres als Nativ Extra darf auf dem Etikett nicht stehen – jene dem Schein nach höchste Qualitätsstufe, wie sie in den Supermärkten Europas massenweise und zu Discountpreisen bereitsteht. Das Spitzenprodukt steht also neben der Standardware und auf beidem steht Extra Vergine. Für den Verbraucher ist leider nicht erkennbar, worin sich das Nativ Extra oder Extra Vergine eines dieser umwerfenden Spitzenöle von dem Nativ Extra im Discounter unterscheidet. Dass es sich beim Inhalt im Supermarkt nur in sehr seltenen Fällen tatsächlich um Nativ Extra handelt, ist ein Skandal, der seit Jahren bemängelt wird und gleichwohl fortdauert und uralte Kulturlandschaften bedroht.
So besteht die Magie des Öls auch in dessen Dialektik. Aus jenen Panschern, die in dessen goldenen Schatten ein minderwertiges Produkt feilbieten und damit die größten Gewinne erzielen. Und leider auch in der Unkenntnis vieler Verbraucher darüber, was gutes Öl ausmacht und wie der Produktionsprozess dahinter aussieht – sei es beim einen Extra Vergine oder beim anderen Extra Vergine.
Dass Verbraucher aus Europas Norden sich mit dem traditionellsten aller Lebensmittel aus dessen Süden nicht auskennen, ist keine Schande. Geschmack lernen wir als Kinder, teilweise sogar noch im Bauch der Mutter, er ist sehr stark kulturell geprägt, aber auch von persönlichen Vorlieben und Erinnerungen, an Landschaften, an Situationen, an Menschen. Wer im Norden hat schon Erinnerungen an den Duft frischen, fruchtigen Öls über warmen Spaghetti? Kinder in der Toskana wachsen damit auf und gießen sich mit Freude die giftgrüne Substanz über den Teller, sobald sie auch nur die Flasche halten können. Von ihrer persönlichen Madeleine, um an Proust zu erinnern, werden sie nie mehr lassen können. Sie lieben es grünfruchtig, sie schätzen die Herbe, die Bittere, die starke, anhaltende Schärfe (Extra Vergine Chianti Classico DOP Bio 2024 von Villa Calcinaia – Conti Capponi, Toskana). Deutsche Geschmäcker sind nicht an das gewöhnt, was die Frucht liefert, sondern die Regale des Supermarkts. Und so ist die Unsicherheit des deutschen Verbrauchers groß, größer noch, als jene bei Wein.
Mir wird das bei Verkostungen meines eigenen Öls hin und wieder vor Augen geführt. Als kleine Geschmackschule veranstalte ich gelegentlich Blindproben. Es gibt zwei Öle in Glasschälchen (zur Not auch kleinen Plastikbechern), mein eigenes und ein gekauftes. Die Teilnehmer sollen sich die Farbe ansehen, daran riechen und es in den und im Mund schlürfen und sich eine Meinung bilden, was sie vor sich haben und was sie bevorzugen würden. Es kann passieren, dass sich jemand für die blasse, manchmal nur belanglose, manchmal offen muffige Version aus dem Discounter entscheidet. Ich kläre dann auf, erinnere an die frischen Noten, weise auf die muffigen Töne hin. Ich lasse die Vorlieben aber stehen und frage nach, warum es denn überhaupt Olivenöl sein muss? Milde Öle gibt es haufenweise und sie sind deutlich billiger als das frisch extrahierte Fett unseres Ölbaums.
Allerdings wohnt ihnen keine Leidenschaft inne und auch nicht die Mühen des Erzeugers. Sie besitzen nicht die magische Kraft der Athene und keine lange, scharfe Paprika, die die Speiseröhre ölt (Extra Vergine Sardegna DOP Giuseppe Fois Fruttato verde 2024 von Accademia Olearia, Sardinien). Vor allem aber: in ihnen sitzt keine kugelrunde Hausapotheke.
