Beschreibung

Werden wir gut regiert? Oder bleibt die Politik hinter ihren Möglichkeiten zurück? Und wenn das so ist – woran liegt das? Gibt es Techniken guten Regierens?

In seinem neuen Buch beschreibt Thilo Sarrazin die Mechaniken von Politik, ihre typischen Fehler und die Gründe für den Erfolg oder Misserfolg von Gesellschaften. Er verdeutlicht, warum die Vorstellungen und Träume von einer besseren Gesellschaft oft nichts Gutes hervorgebracht haben.

Von hier schlägt der Autor den Bogen zu den gravierenden Fehlern der aktuellen deutschen Politik von der Einwanderung bis zur Energiewende und erklärt ihre tieferen Ursachen. Auf dieser Grundlage gibt er seine Antworten auf die großen Fragen zur Zukunft Deutschlands.

Wer dieses Buch gelesen hat, wird Politik mit anderen Augen betrachten und besser verstehen, wie politische Fehlentwicklungen zustande kommen und wie sie vermieden werden können.

"Zu lange hat die Politik versäumt, die wirklich wichtigen Fragen zu adressieren. Deutschlands Zukunft wird sich nicht an Genderfragen oder Klimadebatten entscheiden - Deutschlands Zukunft entscheidet sich an den Themen Währung, Einwanderung, Bildung. Damit steht zugleich auch die Zukunft Europas auf dem Spiel." Thilo Sarrazin



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Seitenzahl: 841

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Das Buch

Werden wir gut regiert? Oder bleibt die Politik hinter ihren Möglichkeiten zurück? Und wenn das so ist – woran liegt das? Wie kommen politische Fehlentwicklungen zustande und wie kann man sie vermeiden?

Thilo Sarrazin beschreibt die Bedingungen und Möglichkeiten guten Regierens und untersucht typische Formen politischen Versagens. Und er verdeutlicht, warum die Träume von einer besseren Welt meist nichts Gutes hervorbringen. Dabei zeigt sich: Die gravierenden Fehler der aktuellen deutschen Politik lassen sich häufig auf gute Absichten und weltfremde Vorstellungen zurückführen.

»Deutschlands Zukunft wird sich nicht an Genderfragen oder Klimadebatten entscheiden – Deutschlands Zukunft entscheidet sich an den Themen Währung, Einwanderung, Bildung. Damit steht zugleich auch die Zukunft Europas auf dem Spiel.« Thilo Sarrazin

Der Autor

Thilo Sarrazin ist einer der profiliertesten politischen Köpfe der Republik, ein Querdenker, der sich nicht scheut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Als Fachökonom war er Spitzenbeamter und Politiker, er war verantwortlich für Konzeption und Durchführung der deutschen Währungsunion, beaufsichtigte die Treuhand und saß im Vorstand der Deutschen Bahn Netz AG. Von 2002 bis 2009 war er Finanzsenator in Berlin, anschließend eineinhalb Jahre Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Sein Buch Deutschland schafft sich ab (2010) wurde ein Millionenerfolg und löste eine große gesellschaftliche Debatte aus. Bei der DVA erschien zuletzt von ihm Europa braucht den Euro nicht (2012) und Der neue Tugendterror (2014).

THILO SARRAZIN

WUNSCHDENKEN

Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert

Deutsche Verlags-Anstalt

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1. Auflage 2016Copyright © 2016 by Deutsche Verlags-Anstalt, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: Jorge Schmidt, MünchenLektorat und Satz: Ditta Ahmadi, BerlinISBN 978-3-641-11408-4V001www.dva.de

In memoriam Mechthild Sarrazin

Inhalt

Einleitung

1 Weshalb einige Gesellschaften Erfolg haben und andere nicht

Zur Entwicklung des Menschen

Zur Entwicklung der Zivilisation

Klima, Geografie, Umwelt

Herkunft und Abstammung

Kulturelle Tradition

Religion

Institutionelle Rahmenbedingungen

Kognitives Kapital

Gesellschaftliches Vertrauen und Sozialkapital

Freiheit und Sicherheit

2 Träume und Phantasien vom glücklichen Zusammenleben Grundsätzliches zur Entwicklung der demokratischen Staatsform

Von der Rolle der Religion

Zum religiösen Kern der Ideen von der menschlichen Gesellschaft

Utopien der Vergangenheit

Die Herrschaft der Philosophen – Platons idealer Staat

Der Gottesstaat des Augustinus

Das Utopia des Thomas Morus

Das Reich der Freiheit des Karl Marx

Was wir von Utopien lernen können – und warum sie so gefährlich sind

Utopien der Gegenwart

Neue Utopien vom irdischen Gottesstaat

Die Ideologie der Gleichheit

Eine Gesellschaft ohne Wachstum und Erwerbstrieb

Eine Welt ohne Grenzen

Eine Welt ohne CO₂

Die offene Gesellschaft

Politik als Problem der Erkenntnistheorie

Utopische Sozialtechnik und Stückwerk-Sozialtechnik

Offene Gesellschaft und geschlossene Gesellschaft

Der Marktmechanismus als erkenntnistheoretische Antwort auf die Probleme der Sozialplanung

3 Gegenstand, Regeln und Prinzipien guten Regierens Grundsätzliches zum Miteinander in demokratischen Gesellschaften

Zum Aktionsraum von Politik

Positive Regierungsziele

Illegitime Regierungsziele

Zehn Regeln für den guten Regenten

Grundsätze guter Regierung

Wandel der Staatsaufgaben, Fließen der Institutionen

Über die Grenzen der Demokratie

Über den Einfluss des Einzelnen

Zur Rolle der staatlichen Bürokratie

Zur Effizienz des staatlichen Handelns

Umfang und Qualität von Regulierungen

Qualität und Wirtschaftlichkeit

Finanzierung der Staatsaufgaben

Subsysteme der staatlichen Leistungserstellung

4 Wie politische Fehler entstehen und was sie bewirken Fallstudien aus der deutschen Politik

Der souveräne Staat und seine Grenzen

Staatliche Ebenen

Die europäische Ebene

Die Bedeutung von Grenzen

Das Konzept des Schengen-Raums und seine Mängel

Der Zusammenbruch des Grenzregimes

Hilflose Lösungen

Unaufgelöste Widersprüche: der Widerstreit zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Ursachen des Versagens

Staat und Währung

Vorgeschichte und Begründung der Europäischen Währungsunion

Die große Krise und ihre Folgen

Der griechische Patient: Das Währungsdrama als Burleske

Hoffnungstrümmer

Wohlstand

Bildung

Demografie und Einwanderung

Gerechtigkeit

Chancengerechtigkeit

Verteilungsgerechtigkeit

Zukunftsgerechtigkeit

Die Politik in der Gerechtigkeitsfalle

Klima und Umwelt

Das CO₂-Problem

Zur CO₂-Strategie

Prognoserechnungen

Die Mängel der deutschen Energiewende

Metagründe des Versagens

5 Wie ich die Weltlage sehe und was ich mir für Deutschland wünsche

Deutschland in der Welt

Was wir uns und anderen schulden

Wie wir zum Weltfrieden beitragen können

Wie wir anderen Ländern am besten helfen können

Wie wir mit den Flüchtlingsströmen aus Vorderasien und Afrika umgehen sollten

Deutschland in Europa

Die Zukunft Europas braucht sichere Grenzen

Souveränität und Würde der Völker

Zur staatlichen Gestalt der Europäischen Union

Deutschland bei sich zu Hause

Das kulturelle Erbe achten und pflegen

Einwanderer richtig auswählen und integrieren

Mehr Kinder aus stabilen Familien

Begabungen nutzen und entwickeln

Arbeit für alle!

Zu den Hobbys der Gesinnungsfetischisten

Grenzen der Erkenntnis – offene Zukunft

ANHANG

Erläuterungen zur Politik

Das Moralische in der Politik

Das Menschliche in der Politik

Das Handeln in der Politik

Politik und Gesellschaft

Anmerkungen

Register

Einleitung

Nach dem Erscheinen von Deutschland schafft sich ab wurde ich oft gefragt, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle, wie man es besser macht. Das hat so seine Tücken, denn das Gute und Richtige ist tendenziell weniger eindeutig als das Schlechte, Falsche oder Fehlerhafte.1 Die eine Sache ist also, dass man das Falsche und seine Ursachen überhaupt erst erkennt. Das habe ich intellektuell und beruflich lebenslang geübt. Aus der Erkenntnis des Falschen, seiner Risiken und deren Abhilfe folgt aber nicht zwingend die Erkenntnis des Richtigen.

Dies gilt in noch viel stärkerem Maß für die künftige Entwicklung menschlicher Gesellschaften. Wenn ich den Kommunismus falsch finde, wenn ich das islamische Modell ablehne, wenn ich gegen die Ausbreitung von immer mehr Dummheit bin, so weiß ich damit noch lange nicht, wie eine »gute« Gesellschaft aussehen soll. Die Offenheit der Zukunft, ihre positiven und negativen Möglichkeiten, kann ich sogar prinzipiell gar nicht vorausdenken. Das ist ein wichtiger Kerngedanke der offenen Gesellschaft, den man selbst leicht vergisst und der immer wieder zur Bescheidenheit anhält. Überdies führen bestimmte Wege unter dem einen oder anderen Aspekt zwingend ins Unglück, während man auf anderen Wegen Unglück vermeiden und die Chancen auf Glück erhöhen kann. Die Bedingungen dafür arbeite ich in diesem Buch heraus, leite sie aus der menschlichen Geschichte her und stelle die Mechanik von Politik, ihre Einbettung in die menschliche Natur und ihre typischen Fehler so anschaulich dar, wie ich kann.

Die Fehler deutscher Politik haben mir dabei viel Anschauungsmaterial geliefert. Die Abfassung des Buches überschnitt sich schließlich mit dem wohl größten Fehler der deutschen Nachkriegspolitik, nämlich der undurchdachten und utopischen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der Bundesregierung. Die daraus resultierende verfehlte Entwicklung hat dieses Buch maßgeblich geprägt, und zwar nicht nur die Fehleranalyse, sondern auch bezüglich der politischen Antworten, die ich gebe. Meine Ablehnung dieser spezifisch deutschen Spielart utopischer Politik erfolgt nicht aus willkürlichen Setzungen, sondern erwächst vielmehr schlüssig und ziemlich zwingend aus meiner Analyse des Antriebs und der Mechanik von gesellschaftlicher und politischer Entwicklung. Als das Buch Deutschland schafft sich ab, in dem ich unter anderem vor den Gefahren einer falschen Einwanderung und eines radikalen Islam warnte, im August 2010 erschien, ließ Angela Merkel über den Regierungssprecher Steffen Seibert erklären, dergleichen sei »nicht hilfreich«, und betrieb meine Entlassung aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank. Angela Merkel wünschte sich den Lauf der Welt eben anders, als ich ihn beschrieb. Dass es den Überbringer schlechter Nachrichten hart treffen kann, dafür gibt es viele Beispiele in der Geschichte. Ich konnte damals meine bürgerliche Ehre nur mit Mühe retten.

Es gibt gut regierte und schlecht regierte Länder. Das gilt im historischen Vergleich, es gilt aber auch, wenn man zu einem beliebigen Zeitpunkt den Blick über die Welt schweifen lässt und sie betrachtet, wie sie gerade ist. Das gilt global. Aber selbst im regionalen oder auch nationalen Rahmen stehen besser und schlechter regierte Einheiten recht unverbunden nebeneinander. Ad hoc und mit wünschenswerter Eindeutigkeit lässt sich kaum sagen, wodurch sich der Unterschied denn nun ergibt. Bis zum Beginn der großen Flüchtlingswelle im Sommer 2015 machte Deutschland einen wesentlich besser regierten Eindruck als Frankreich, und dieser Eindruck lässt sich durch die Wirtschafts- und Sozialdaten leicht erhärten. Aber was sind die Ursachen solcher Unterschiede?

Selbst innerhalb von Nationen gibt es große Unterschiede. Diese zeigen sich zum Beispiel, wenn man beliebige Daten des Bundeslandes Bayern mit jenen des Bundeslandes Bremen vergleicht. Da beginnen aber auch schon die Probleme mit der Faktenanalyse und der Ursachenzuschreibung. Der Bürgermeister von Bremen kann in jeder beliebigen Diskussionsrunde faktenreich darstellen, weshalb Bremen mindestens genauso gut regiert wird wie Bayern und aus der Ungunst der Umstände das Beste gemacht hat. Die Bremer loben ihre hohe Abiturientenquote, und die Bayern loben den Umstand, dass ihre Schüler wesentlich mehr lernen – selbst wenn sie kein Abitur machen. Das Beispiel zeigt bereits, dass ganz wesentlich subjektive Ziele und Maßstäbe darüber bestimmen, was man für gutes Regieren hält und was nicht: Wer die Gleichheit formaler Bildungsabschlüsse in den Mittelpunkt stellt und in der Tiefe seines Herzens das Abitur für alle möchte, wird eine andere Bildungspolitik betreiben als jener, der das individuelle Leistungsvermögen herausfordern und möglichst gut entwickeln will. Andere Menschenbilder bedingen eben auch andere Politikentwürfe.

Wer als deutscher Politiker der Meinung ist, dass alle Menschen auf der Welt, sobald sie die deutsche Grenze passiert haben, vor dem Grundgesetz die gleichen Rechte und an den Sozialstaat die gleichen Ansprüche haben sollten, wird eine andere Flüchtlings- und Einwanderungspolitik betreiben als jener, der die Interessen der deutschen Bevölkerung in den Mittelpunkt stellt.

Stellen wir uns vor, die UNO versammelte in einem Konklave einen neokonservativen Republikaner aus dem amerikanischen Mittelwesten, einen Muslimbruder aus Ägypten, einen grünen Fundi aus Kreuzberg und einen Wirtschaftsexperten aus der chinesischen KP mit dem Auftrag, gemeinsame Ziele und Maßstäbe guten Regierens zu entwickeln. Unterstellen wir ferner, alle vier seien intelligent, gebildet und guten Willens. Dennoch werden sie nach ihrem Konklave mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr vorzuweisen haben als den gemeinsamen Willen, Kriege zu vermeiden und den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Wer Maßstäbe guten Regierens entwickeln will, kommt um Wertmaßstäbe nicht herum. Solange man die Existenz einer letzten und höchsten göttlichen Instanz ausschließt – denn das ist bereits eine Wertung –, sind Werte grundsätzlich beliebig und stehen in keinem Rangverhältnis zueinander. Allerdings unterliegen sie den universalen Gesetzen der Logik – ebenfalls eine Wertung – und sollten möglichst widerspruchsfrei gestaltet werden, damit sie sich nicht gegenseitig aufheben und das auf ihnen gegründete politische Handeln ad absurdum führen.

Um das Wesen, die Grundlagen und die Ziele von Politik wird es in diesem Buch immer wieder gehen. Allerdings bin ich, was die Definition von Begriffen angeht, Pragmatiker. Ihre Inhalte sind Konvention, sie entwickeln sich historisch und können sich ändern, ohne dass sie deshalb »falscher« oder »richtiger« werden. Entscheidend ist, dass die beteiligten Partner eines Austausches unter einem bestimmten Begriff dasselbe verstehen, sonst entsteht nämlich eine babylonische Sprachverwirrung, und mit der haben wir es im kommunikativen Raum des Politischen leider oft zu tun. Der Kern der Politik ist erstens das Erringen, der Ausbau und die Verteidigung von Macht und zweitens ihr Einsatz für die Ziele, die angestrebt werden. Macht ist nach Max Weber die Fähigkeit, einem anderen seinen Willen aufzuzwingen. Sie ist Voraussetzung und Instrument politischer Gestaltung. Ohne Macht kann man weder gut noch schlecht regieren.

Wer die politische Macht hat, kann Gesetze und die unterschiedlichsten Statuten und Regularien des Staates und der Gesellschaft ändern, selbst wenn die Möglichkeiten dazu vielfach formalisiert und begrenzt sind. Das gilt für die überkommene Stammesgesellschaft ebenso wie für die moderne parlamentarische Demokratie. Nur unter autokratischen und diktatorischen Regierungsformen lassen sich solche Begrenzungen teilweise – und nur sehr selten und dann auch nur für kurze Zeit ganz – aufheben.

Politisches Denken und Handeln ist von Motiven, Zielen und Wünschen geleitet. Diese können auf die Gestaltung der Gesellschaft oder auf die eigene Rolle in ihr gerichtet sein. Der politisch Handelnde kann Utopist, Idealist, Realist, machthungriger Psychopath oder schlicht ein Ausbeuter oder Umverteiler von Ressourcen sein, auf die er durch politische Macht Zugriff erhält. Ein Wahrheitssucher ist er eher nicht, denn mit der Wahrheit hat der politische Akteur im Regelfall abgeschlossen.

Wer nach Erkenntnis, nach künstlerischer oder wissenschaftlicher Selbstverwirklichung strebt, geht eher nicht in die Politik, und wer nur schlicht seinen Lebensunterhalt sichern, seinen Wohlstand mehren und seine Familie ernähren will, wird sich ebenfalls nicht der Politik verschreiben. Zu allen Zeiten und in allen gesellschaftlichen Systemen war die Politik das Geschäft einer kleinen Minderheit. Wer in die Politik strebt, muss Macht wollen, und er muss seine Ziele zäh und beharrlich verfolgen können. Denn aus den Wechselwirkungen von politischen Motivationen, dem Charakter von Politik und den inneren Gesetzen des politischen Handelns erwachsen immer wieder typische Fehler und Irrtümer, die dem politischen Prozess quasi immanent sind. Die Aussage: Schau mal, wie verlogen, opportunistisch, kurzsichtig und geistig beschränkt diese oder jene politische Entscheidung oder dieser oder jener Politiker ist, kann man sich schenken, denn die typischen politischen Fehler passieren auch in Staaten und Gesellschaften, die im Weltmaßstab vorbildlich sind. Wir werden generell weit unter unseren Möglichkeiten regiert, auch das Deutschland der Gegenwart.

Wenn man die Natur dieser Fehler erkennt und Wege findet, ihre Entstehung wie ihre Auswirkungen einzuschränken, dann steigen die Chancen für gutes Regieren. Die großen Fortschritte der Menschheit in Kultur und Zivilisation sind nicht zuletzt erzielt worden, weil der Raum des Politischen eingehegt und mit Regularien versehen wurde. Auch dies war ein durch und durch politischer Prozess, denn er beruhte auf politischen Entscheidungen. Letztlich ist eben alles Handeln politisch, auch die Einhegung von Politik und ihre Unterordnung unter höherrangige Ziele, die immer wieder neu verhandelt werden müssen. Der preußische König Friedrich II. erkannte dies, wovon Generationen von Schulkindern durch die Geschichte des Müllers von Sanssouci erfuhren. Der arme Mann hatte sich vom König nicht einschüchtern lassen und entschlossen gezeigt, das Berliner Kammergericht anzurufen. Friedrich hatte daraufhin eingelenkt, was er als absoluter Herrscher nicht hätte tun müssen.2

Viele Zeitgenossen beklagen die Unsinnigkeit oder Schädlichkeit bestimmter politischer Entscheidungen auf Gebieten, von denen sie etwas verstehen, und wundern sich, dass die Politik auf sachliche Argumente einfach nicht hören will. Man denke nur an die argumentativen Breitseiten, die renommierte Ökonomen in großer Eintracht Ende 2013 und Anfang 2014 gegen die neuen gesetzlichen Regelungen zum Mindestlohn abgefeuert haben. Zu ihrem fassungslosen Erstaunen haben sie die Politik großenteils gar nicht erreicht, denn hier wirkten gleich mehrere Mechanismen politischer Verzerrung oder Fehlsteuerung in die entgegengesetzte Richtung. Jammern und Klagen über Mängel der Politik führt zu nichts. Ich möchte daher nicht die Zustände beklagen, sondern die Ursachen und den Charakter politischer Verzerrungen und Fehlsteuerungen näher analysieren und Vorkehrungen und Regeln beschreiben, die dem entgegenwirken.

Die Historikerin Barbara Tuchman klagte vor drei Jahrzehnten: »Warum agieren die Inhaber hoher Ämter so oft in einer Weise, die der Vernunft und dem aufgeklärten Eigeninteresse zuwiderläuft? Warum bleiben Einsicht und Verstand so häufig wirkungslos?«3 Sie sprach von »Torheit«, und damit hatte sie Recht. Sie analysierte solche Torheit anhand schlagender historischer Beispiele vornehmlich aus dem Bereich der Außenpolitik. Und doch taugt der Begriff Torheit nur zur Beschreibung, nicht zur Erklärung. Denn es ist die Dynamik widersprüchlicher Elemente und Motive, die politisches Handeln objektiv töricht werden lässt, weniger die Dummheit und Borniertheit des einzelnen Politikers. Das Problem liegt eben nicht auf der Ebene des Verstandes – dann könnte man der politischen Torheit leicht vorbeugen, indem man einen Mindest-IQ für Politiker vorgibt –, sondern auf der Ebene der Gefühle. Keinesfalls unterschätzen darf man das Potential der Politik zur Desinformation in komplexen Sachfragen – vor allem dann nicht, wenn diese im Bündnis mit einem großen Teil der Medien verbreitet wird. Ein Beispiel: Selbst gebildete und verständige Zeitgenossen scheuen die inhaltliche Befassung mit Währungs- und Haushaltsfragen. Meistens glauben sie das, was dazu in den Medien steht, oder überschlagen die entsprechenden Artikel gleich ganz. So haben Politik und Medien freie Bahn. Beide interessieren sich in ihrer großen Mehrheit aber gar nicht für die Währungsfrage als solche, ausschließlich für den europäischen Gedanken: Der Euro soll das Zusammenwachsen Europas fördern, und darum muss man an ihm um jeden Preis festhalten.

Man hat in den neunziger Jahren sehr wohl noch versucht, den durchaus bekannten Risiken entgegenzuwirken, aber dazu hätte die somnambule politische Klasse zumindest die Absicht erkennen lassen müssen, sich an die von ihr selbst formulierten vertraglich fixierten Vorgaben zu halten. Doch es zeigte sich wieder einmal: In zentralen Fragen ist diese politische Klasse nicht willens, die logischen Implikationen symbolischer politischer Akte vorauszuberechnen und die absehbare Entwicklung auf ihre Handlungen rückwirken zu lassen.

Ergeben sich solche Mängel quasi zwangsläufig aus dem Wesen von Politik? Und welches könnten die Heilmittel beziehungsweise Präventionsmaßnahmen sein? Gut organisierter Wettbewerb nach klaren Regeln, mehr Transparenz, mehr Dezentralität und mehr Delegation?

Natürlich ist es nicht seriös, die aufgeführten Mängel einfach der Politik anzuhängen. Die handelnden und Macht ausübenden Politiker sind stets auch ein Spiegel der Gesellschaft, aus der sie stammen: In einem gesellschaftlichen System des Klientelismus zum Beispiel, in dem Beziehungen, Gefälligkeiten und Korruption dominieren, wird ein Politiker, der sich dieser Instrumente nicht bedient und sie nicht quasi verinnerlicht hat, gar nicht erst an die Macht gelangen. Das ist das vielfach unterschätzte Problem der Governance in einem Staat wie Griechenland. In einer Stammesgesellschaft, wie sie in großen Teilen Afrikas und in vielen arabischen Staaten dominiert, spielt das Leistungsprinzip bei der Elitenauswahl nur eine geringe Rolle, und für die politischen Führer ist es selbstverständlich, dass sie vor allem die eigene Familie und den eigenen Stamm bedenken. Der unentschlossene Zauderer und Reformfeind François Hollande ist nicht von ungefähr französischer Präsident geworden, sondern weil die Franzosen mehrheitlich keinen tatkräftigen Reformer als Präsidenten wollten. Politiker, die willens und in der Lage sind, komplex und in großen Zeiträumen zu denken, werden viele der genannten Mängel nicht zeigen. Bedeutende Politiker tun dies zumindest auf Teilgebieten, denen sie sich besonders verpflichtet fühlen.

Es ist letztlich ein komplexes Wechselspiel, in dem sich Gesellschaften und politische Systeme »ihre« Politiker erschaffen, und diese wiederum verändern die Gesellschaften und die politischen Systeme.

Manch einer wird einwenden, hier handele es sich doch um allgemeine Mängel des menschlichen Denkens und Entscheidens, die nicht auf die Politik beschränkt sind. Das ist grundsätzlich richtig, aber nirgendwo haben diese Mängel eine so große praktische Relevanz wie im politischen Raum. Im privaten Bereich oder in Wirtschaftsunternehmen wird man nämlich mit den Folgen seiner Irrtümer nicht immer unmittelbar, aber doch relativ schnell konfrontiert. Nur in der Liebe, in der Religion und in der Politik ist es möglich, über längere Zeit Wunschträumen nachzuhängen. Willenskraft und Redetalent können in politischen Spitzenämtern und erst recht in politischen Diskussionen über weite Strecken tragen. In der Wirtschaft endet solch ein Unterfangen dagegen oft schon im übernächsten Bilanzjahr. Das musste der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch im August 2014 bitter erfahren: Nachdem er die Gewinnprognosen für das laufende Jahr mehrfach hatte senken müssen, sah er sich nach nur 36 Monaten von heute auf morgen aus dem Amt als Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger gedrängt und schlug dem Aufsichtsrat die einvernehmliche Trennung vor, die sofort angenommen wurde.

Im politischen Prozess gewinnen die Mängel ihre konkrete Relevanz und auch ihre Brisanz nicht aus sich selbst, sondern aus den Abweichungen vom Pfad des guten Regierens, die sie verursachen.

Jede Vorstellung vom guten Regieren beruht implizit oder explizit auf einem normativen Bild vom Menschen, von seinem Glück und seiner Bestimmung, und dieses Bild vom Menschen ist in ein bestimmtes Bild von der menschlichen Gesellschaft eingebettet. Ein empirisch gehaltvolles und einigermaßen korrektes Bild von Mensch und Gesellschaft entsteht aber nur teilweise durch einen normativen Willensakt, auch nicht durch religiöse Offenbarung oder durch philosophisches Grübeln, sondern vor allem durch unser vermeintliches oder tatsächliches Wissen über die menschliche Natur und die menschliche Geschichte. Dieses Wissen mag tiefer oder oberflächlicher, vollständiger oder unvollständiger, aktuell oder veraltet sein. Es wird immer unterschiedliche Perspektiven eröffnen und damit auch unterschiedliche Urteile begründen können. Damit ergeben sich zwingend auch unterschiedliche Maßstäbe, was dem Menschen frommt und was eigentlich die Kriterien guter Politik sind. Jeder grundsätzliche Streit über diese Maßstäbe ist seiner Natur nach uferlos, gleichzeitig aber sachlich geboten und sowieso unvermeidlich, wenn die Welt nicht in Stillstand verfallen soll. Früher oder später wird man feststellen, dass man dabei ohne Werturteile, die man einfach setzt, nicht auskommt. Jede Fragestellung, jedes Sachinteresse ergibt sich aus menschlichen Antrieben und wird damit zwangsläufig von Werturteilen gesteuert.

Wer Maßstäbe für die Gesellschaft und damit auch Maßstäbe für gutes Regieren entwickelt, kann also niemals frei von Werturteilen sein. Das muss keine geistige Willkür bedeuten. Werturteile kann man sachlich diskutieren, und man sollte auch versuchen, sie rational zu begründen. Man muss sich aber stets der Tatsache bewusst sein, dass diese Urteile letztlich aus dem vorrationalen Raum emotionaler Antriebe kommen und damit niemals im strengen Sinn beweisbar sind. Und man muss sich zudem darüber im Klaren sein, dass unsere Handlungen oder die Handlungen des Staates neben der gewünschten Wirkung immer zahlreiche Nebenwirkungen haben. Diese müssten umfassend abgewogen werden, was aber selten möglich ist und kaum jemals ausreichend geschieht. Mit der Ethik wird es häufig umso schwieriger, je näher die konkrete Entscheidung rückt. Das zeigten etwa die Diskussionen um die Auswirkungen der jüngsten Finanzkrise,4 aber auch um das richtige Verhalten in der Flüchtlingskrise. Angela Merkel antwortete am 15. September 2015 auf die Kritik an ihrer Entscheidung, die deutschen Grenzen für die Flüchtlinge über die Balkanroute zu öffnen: »Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.«5 Die größte politische Torheit, die ein deutscher Regierungschef seit dem Zweiten Weltkrieg beging, wurde moralisch begründet, während ihre Nebenwirkungen verdrängt oder missachtet wurden.

Gutes Regieren braucht Werturteile. Soll Politik aber erfolgreich sein, reichen moralische Maßstäbe nicht aus.

1 Weshalb einige Gesellschaften Erfolg haben und andere nicht

Unsere Motivationen und Antriebe, unsere Hoffnungen und Ängste wohnen in uns und sind integraler Teil unserer Persönlichkeit. Vieles davon teilen wir mit den Menschen um uns herum. Aus diesem Umfeld und aus dem Zustand der Gesellschaft, wie wir ihn wahrnehmen, entwickeln wir unsere Forderungen an die Politik. Niemand muss sich dazu erst historische Kenntnisse aneignen, denn wir alle tragen ein umfangreiches Wissen in uns, das unsere Sicht auf die Welt prägt, und zwar unterschiedlich nach

– der regionalen und staatlichen Herkunft,

– der Generation,

– dem Bildungsstand und der Schichtzugehörigkeit,

– den Zufälligkeiten des Elternhauses, Freundeskreises, der Lektüre und der Reiseerfahrung.

Dieses Wissen ist oft unbewusst. Es kann falsch oder unausgegoren sein und hat dann einen fließenden Übergang zum Vorurteil. Aber wirkmächtig ist es in jedem Fall und trägt viel zu dem bei, was man Volkscharakter nennt. So wird jenes deutsche Lebensgefühl, das die Angelsachsen gerne »German Angst« nennen, offenbar mitgeprägt von den traumatischen kollektiven Erfahrungen der Deutschen im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), als das Land kreuz und quer von großenteils ausländischen Heeren durchpflügt wurde und in einer Generation 40 Prozent seiner Menschen verlor. Ähnliches erlebten sie rund anderthalb Jahrhunderte später in abgemilderter Form während der napoleonischen Kriege.1

Philosophen und Staatstheoretiker haben für Theorien und Erklärungen immer wieder die Geschichte bemüht, und die Politiker haben für ihre Zwecke gerne auf propagandataugliche historische Mythen zurückgegriffen oder diese geschaffen. Kaum ein Volk, kaum eine Religion und kaum eine Kultur kommen ohne historische Mythen aus:

– Der römische Staatsdichter Vergil leitete in seiner Aeneis die Gründung Roms aus dem Untergang Trojas ab und verlieh somit dem Römischen Reich eine Legimitation, die ebenso alt war wie Homers Ilias.

– Das Alte Testament beschreibt nicht nur die Entstehung der Welt, sondern erzählt auch die Geschichte von Gottes auserwähltem – jüdischen – Volk.

– Noch heute nehmen die Kreationisten in den USA, immerhin ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung, wörtlich, was in der Bibel steht, etwa dass die Welt von Gott in sechs Tagen erschaffen wurde und 6000, höchstens 10000 Jahre alt ist, dass mithin die Erkenntnisse der Physik und der Evolutionsbiologie über die Welt und die Entwicklung des Lebens falsch sind.

– Historische Mythen entstehen immer wieder neu: Der türkische Präsident Tayyip Erdogan erheiterte die westlichen Medien im Sommer 2014 mit der Behauptung, muslimische Seefahrer hätten Amerika bereits vor Kolumbus entdeckt. Das ist Ausdruck des Bemühens, Behauptungen über eine religionsimmanente Rückständigkeit der islamischen Kultur durch eine Erzählung abzulösen, die die Überlegenheit dieser Kultur begründen soll.

– Die Nazis erfanden den Mythos von der Überlegenheit der germanischen Rasse, und der Marxismus erfand den Mythos von der gesetzmäßigen Stufenentwicklung der menschlichen Geschichte, die zwangsläufig in die Überwindung des Kapitalismus und die klassenlose Gesellschaft führt.

– In den USA, in Russland und bei den meisten europäischen Völkern (besonders anschaulich bei den Briten, den Franzosen, den Spaniern, den Serben) gibt es eine historische Erzählung, die »beweist«, dass und weshalb das jeweilige Volk wahlweise das vortrefflichste, von der größten Tragik umgebene oder vom schlimmsten Leid geprüfte ist.

Die Existenz falscher oder zumindest höchst merkwürdiger historischer Mythen ist kein Argument gegen die Nützlichkeit historischen Wissens für politische Zwecke, auch wenn jede historische und politische Konstellation anders ist und nur weniges von dem, was wir historisch wissen, in eine andere Zeit, ein anderes Umfeld linear übertragen werden kann.

Dass jede Situation neu und anders ist, gilt als Binsenweisheit: Zu allen Zeiten wusste der fähige Heerführer, dass die Logik einer jeden kriegerischen Auseinandersetzung eine andere ist, und verließ sich darum nicht auf platte Analogien zu vorangegangenen Feldzügen. Gleichermaßen ist jede Wirtschaftskrise anders als die vorhergehende. Die politische Antwort darauf kann also nicht mechanisch sein. Sie ist aber, wenn sie adäquat ist, durch intelligente Anwendung früherer Erkenntnisse geprägt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das historische Wissen im Allgemeinen eher rudimentär. Wo es nicht ausreichte, wurde es durch Glauben beziehungsweise durch theologischen Rat aufgefüllt. Dem kam im Zweifelsfall sowieso höhere Autorität zu als der schieren Beobachtung der Wirklichkeit. Daneben gewann ganz allmählich der Fortschritt in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und im technischen Können wachsende Bedeutung für die Politik. Es waren nämlich Kompass und Sextant, die den Seefahrern der Neuzeit zur Herrschaft über die Meere und zur Erschließung neuen Reichtums verhalfen, und keineswegs die Gebete der Geistlichen. Das merkten auch die besonders Frommen unter den Fürsten.

Zur Entwicklung des Menschen

In den letzten 200 Jahren hat die Menschheit ein ungeheures Wissen über den Ursprung der Welt, die Entstehung des Lebens, die Entwicklung des Menschen und die menschliche Geschichte angehäuft. 1859 veröffentliche Charles Darwin Die Entstehung der Arten und 1871 Die Abstammung des Menschen. Wir wissen seitdem, dass der Mensch in seiner Entstehung und Entwicklung grundsätzlich kein von der Natur abgesonderter Teil, sondern deren integraler Bestandteil ist und dass er im komplexen Prozess der Evolution wie alles Leben auf der Welt durch natürliche Auslese geformt wurde und weiter geformt wird. Diese Erkenntnisse wurden durch die empirische Psychologie, die Evolutionsbiologie und die genetische Forschung zu einem immer detaillierteren Bild von der menschlichen Natur und von der Evolution des Menschen zusammengefügt.

Wir wissen heute, dass nicht nur die menschliche Intelligenz, sondern auch alle anderen psychischen Eigenschaften überwiegend erblich sind2 und fortlaufend durch die natürliche Selektion weiter geformt werden.3 Selbst der klassische Gegensatz von Leib und Seele kann heute als aufgelöst gelten. Das, was wir als menschliches Bewusstsein empfinden, ist quasi der Spiegel des Körpers im Hirn und existiert in ähnlicher Form auch bei anderen höheren Lebewesen.4 Auch sittliches Empfinden kann dem Grad der Funktionsfähigkeit bestimmter Hirnareale zugeordnet werden.5

In die Politik scheinen diese Erkenntnisse bis heute nicht vorgedrungen zu sein. Nachdem man die Ideologie des Sozialdarwinismus verworfen und eugenische Überlegungen aus dem Raum der Politik und der Politikberatung gänzlich verbannt hatte, schien Anfang der siebziger Jahre bei dem Thema der natürlichen Evolution allgemein der Konsens zu herrschen, dass die Darwin’sche Entwicklungslehre zwar grundsätzlich gültig sei, für den Menschen aber keine praktische Relevanz habe, denn erstens sei die natürliche Evolution des Menschen lange vor dessen Auszug aus Afrika, also vor mindestens 100000 Jahren, zum Stillstand gekommen, und zweitens seien die menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten im Wesentlichen sozial vermittelt, also weitgehend formbar durch Politik und Gesellschaft.

1975 veröffentlichte der renommierte Biologe und Ameisenforscher Edward O. Wilson sein Buch Sociobiology. Darin strukturierte er »die Kenntnisse im Sozialverhalten zu der neuen auf der Populationsbiologie aufbauenden Disziplin … aus der später die Evolutionspsychologie hervorgehen sollte«.6Mit seinen Erkenntnissen löste der Autor einen Skandal aus. Der gerne von Geisteswissenschaftlern und Journalisten erhobene Vorwurf des »Biologismus« hat seinen Ursprung in dieser Debatte. Wilson und anderen Soziobiologen wurde vorgeworfen, Rassismus, Sexismus, Ungleichheit, Sklaverei und Völkermord zu verteidigen. Ihre Vorlesungen wurden gestört, Universitäten sagten Auftritte ab, weil sie Tumulte befürchteten.7 Seitdem hat die Evolutionspsychologie die damaligen Erkenntnisse erheblich vertieft und weiterentwickelt. Sie sind heute bei aller Diskussion im Detail grundsätzlich unstreitig. In seinem jüngsten Buch fasst Wilson den Erkenntnisstand wie folgt zusammen:

»Alle Einheiten und Prozesse des Lebens folgen den Gesetzen der Physik und Chemie; und alle Einheiten und Prozesse des Lebens sind in der Evolution durch natürliche Selektion entstanden.« Auch die komplexesten Formen des menschlichen Verhaltens sind letztlich biologisch begründet und stellen »Spezialisierungen dar, die unsere Primaten-Vorfahren über Millionen von Jahren ausgebildet haben«. Entsprechend schränken auch »die Sinneskanäle des Menschen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit« ein, sofern wir diese Grenze nicht durch Hilfsmittel überwinden. Der »unzerstörbare Stempel der Evolution« wird dadurch bestätigt, »wie Programme zur genetischen Bereitschaft und Gegenbereitschaft die geistige Entwicklung bestimmen«.8

Als unabhängige Wesen sind wir genauso frei wie der Löwe in der Savanne. Aber wegen unserer ungleich größeren Hirnkapazität ist die Bandbreite und umweltbezogene Formbarkeit unseres Verhaltens wesentlich größer. Die von vielen Philosophen immer noch behauptete Freiheit des menschlichen Willens ist jedoch nichts, was den Menschen vor anderen Lebewesen auszeichnet, vielmehr vermittelt »das unbewusste Entscheidungszentrum des Gehirns«, so Wilson, »dem Zerebralkortex die Illusion unabhängigen Handelns«. Der freie Wille ist letztlich biologisch begründet, denn »unsere Entscheidungen sind nicht von sämtlichen organischen Prozessen zu entkoppeln, die unser persönliches Gehirn und unsere Kognition entstehen ließen«.9

Das Schwanken des Menschen zwischen Altruismus und Egoismus, das »jeden von uns halb zum Heiligen, halb zum Sünder« macht, erklärt Wilson aus der »natürlichen Multilevel-Selektion«: Auf einer höheren Ebene »konkurrieren Gruppen mit Gruppen und fördern kooperative soziale Merkmale bei den Mitgliedern derselben Gruppe. Auf der unteren Ebene konkurrieren Mitglieder derselben Gruppe so miteinander, dass eigennütziges Verhalten gefördert wird.«10

Auf die »Gruppenselektion als Hauptantriebskraft der Evolution« ist zurückzuführen, dass »der Mensch sich zur Zugehörigkeit zu einer Gruppe genötigt fühlt und die eigene Gruppe als konkurrierenden Gruppen überlegen erachtet«.11 Andererseits löst das Spannungsverhältnis zwischen Gruppen- und Individualselektion bei jedem einzelnen Menschen widersprüchliche Impulse aus. Wilson hält »die Konflikte, die sich aus der Multilevel-Selektion ergeben«, für den »Urquell der Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Mensch ist fasziniert von anderen Menschen, so wie alle anderen Primaten von ihren eigenen Artgenossen fasziniert sind. Es bereitet uns nie endendes Vergnügen, unsere Verwandten, Freunde und Feinde zu mustern und zu analysieren … Wir sind Genies darin, die Absichten der anderen zu lesen, die ja selbst auch in jedem Moment mit ihren eigenen Engeln und Dämonen kämpfen. Um den Schaden zu begrenzen, den wir mit unseren unvermeidlichen Fehltritten anrichten, haben wir unsere bürgerlichen Gesetzbücher.«12

Die Evolutionsforscher müssen weit in die Vergangenheit zurückgehen. Aber die Ergiebigkeit archäologischer Stätten sinkt dramatisch mit wachsendem Alter. Aus der Zeit vor 15000 Jahren und früher, dem Datum der frühesten menschlichen Siedlungen, gibt es außer einigen Knochenfunden fast nichts. Doch gerade hier haben die in den letzten Jahrzehnten erzielten Fortschritte bei der Erforschung des menschlichen Genoms der Erforschung der menschlichen Geschichte, insbesondere der Vor- und Frühgeschichte, eine neue Dimension hinzugefügt. Aus der menschlichen DNA lassen sich weitgehende Schlüsse über die regionale Herkunft und ethnische Zusammensetzung der Vorfahren eines Menschen ziehen. Heute lässt sich anhand der DNA-Analyse von archäologischen Funden menschlicher Überreste und von heute lebenden Menschen immer präziser nachvollziehen, woher ihre Vorfahren kommen und wie sich die unterschiedlichen Grade der genetischen Verwandtschaft über die Welt verteilen. Die daraus entstehende »Genetic History« des Menschen wird zunehmend wichtiger nicht nur für die Vor- und Frühgeschichte, sondern auch für die letzten 2000 bis 3000 Jahre. Selbst für das Mittelalter liegen bereits zahlreiche genetische Studien vor.13

Vor ca. 50000 Jahren machte sich eine sehr kleine Gruppe von etwa 150 Menschen des Typs Homo sapiens, also des modernen Menschen, von Ostafrika über eine damals bestehende Landbrücke (oder Inselkette) zur Arabischen Halbinsel auf. Aus dieser »Urzelle« breitete sich in den folgenden Jahrtausenden die menschliche Besiedlung über die Welt aus. Dies geschah nicht in groß angelegten Wanderungen – die Menschen lebten und starben zumeist da, wo sie geboren wurden –, sondern indem kleine Gruppen einige Kilometer weiterzogen und sich dort niederließen. Da diese Menschen sich lediglich auf lokaler Ebene vermischten, kann die DNA jener, die weiterzogen, unterschieden werden von denen, die blieben. Die kleine Gruppe, die Afrika verließ, umfasste nur einen Bruchteil des damaligen menschlichen Erbgutes. So kommt es, dass heute die genetische Variation der Menschen in Afrika selber viel größer ist als im gesamten Rest der Welt. 14

Die weitverbreitete Ansicht, die menschliche Evolution sei bereits vor dem Auszug aus Afrika zum Stillstand gekommen oder sie vollziehe sich so langsam, dass sie in historischen Dimensionen ohne praktische Relevanz sei, oder sie beziehe sich nur auf Oberflächliches wie die Farbe von Augen, Haut und Haar, ist mit dem aktuellen Erkenntnisstand der Genforschung also nicht vereinbar.15 Vielmehr führten und führen die Bedingungen von Umwelt und Kultur kontinuierlich zur genetischen Anpassung auch innerhalb relativ kurzer Zeiträume.16 Je nach den Unterschieden im physischen, geografischen, zivilisatorischen und kulturellen Umfeld waren und sind davon die Rassen, Ethnien und sozialen Gruppen unterschiedlich betroffen, so dass sich auch unterschiedliche genetische Antworten entwickeln, die sich wiederum auf die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung auswirken.17 Nicholas Wade schließt daraus, dass »Evolution und Geschichte keine voneinander getrennten Prozesse« sind, »wobei der eine auf den anderen folgt wie der Wechsel zwischen königlichen Dynastien. Eher ist es so, dass Evolution und Geschichte einander überlappen, wobei die historische Periode einen immer noch anhaltenden Prozess des evolutionären Wandels überlagert.«18 Über die ganze Welt sind »die Menschen als Individuen sehr ähnlich, aber Gesellschaften unterscheiden sich stark wegen evolutionsbedingter Unterschiede im sozialen Verhalten«.19 Bezogen auf die Gegenwart ist es keineswegs belanglos, wie sich politische Entscheidungen auf die weitere menschliche Evolution auswirken.

Zur Entwicklung der Zivilisation

Die Entwicklung des Menschen bis zu seiner heutigen Gestalt mit allen ihren Differenzierungen – also zu seinem »So-Sein« in all seiner Vielfalt – fand, wie die gesamte Entwicklung der Natur und des Lebens, ohne einen Schöpfer oder Spiritus Rector im ursprünglichen Wortsinn wildwüchsig statt. Ordnung kam in diesen Wildwuchs durch die natürliche Selektion: Nur was funktionstüchtig oder wandlungsfähig ist oder in einer ökologischen Nische vorübergehend keinem Selektionsdruck unterliegt, überlebt.

Genauso wildwüchsig verliefen von Anfang an die allmähliche Ausdifferenzierung und die weitere Entwicklung von Kultur und Zivilisation von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Einige Meilensteine in dieser Entwicklung zähle ich hier auf:

– die Entstehung und Entwicklung von Sprache,20

– die Nutzung des Feuers,

– die Entstehung und Verbreitung einfacher Werkzeuge und Waffen sowie deren allmähliche Weiterentwicklung,

– die Entstehung von Weltbildern in Form von Religionen,

– Pflanzenzucht, Ackerbau und der Beginn der Sesshaftigkeit,

– der Übergang von den Kleingruppen der Jäger und Sammler zu größeren Einheiten wie Stämmen und später Staaten,

– die Gewinnung und Verarbeitung von Metallen, zunächst Bronze, später Eisen,

– die Erfindung von Schrift und die Entstehung erster Hochkulturen,

– die Ausbildung wissenschaftlichen Denkens und die Entstehung der Naturwissenschaften,

– die systematische Erforschung und Entdeckung der Welt,

– die technischen Erfindungen und die bis heute anhaltende wissenschaftlich-technische Revolution,

– die durch die Fortschritte bei Ernährung und Medizin ausgelöste Explosion der Weltbevölkerung und

– die Veränderung von Flora, Fauna und Klima durch die Ausbreitung des Menschen über die Erde und seine Vermehrung.

An allen diesen Entwicklungen waren menschlicher Geist und menschliches Handeln millionenfach als ursprüngliche Verursacher beteiligt. Und doch folgte die Entwicklung niemals einem Plan. Sie war vielmehr genauso wildwüchsig wie die gesamte Evolution von Mensch und Natur. Das Handeln des Menschen beeinflusste, da es die Umweltbedingungen änderte, gleichzeitig auch seine weitere Evolution: Wir sehen dies am immer graziler werdenden Körperbau, am kleiner werdenden Gebiss, an der Verschlechterung der Zähne, an der Veränderung sensorischer Fähigkeiten, an der Anpassung des Immunsystems und an der Veränderung von Krankheitsbildern.

Die Entwicklung von Kultur und Zivilisation hat mit Politik, Regierungsformen, guter und schlechter Regierungspraxis (wie immer man die Maßstäbe setzt) nur mittelbar zu tun. Ihre eigentlichen Antriebe können so nicht erklärt werden: Als ein Urmensch vor ca. 1,5 Millionen Jahren erstmals einen Stein zu einem Faustkeil behaute, gab es sicherlich kein Komitee von Dorfältesten, die das Design vorgaben, begutachteten, verwarfen und so quasi eine steinzeitliche Technologiepolitik betrieben. Es gab allerdings ein geistiges Klima, in dem einzelne Menschen über die Verbesserung von Werkzeugen und Waffen nachdachten. Als Albert Einstein, technischer Angestellter 3. Klasse beim Schweizer Patentamt in Bern, vor 110 Jahren über den Grundlagen der Relativitätstheorie brütete, geschah das nicht, weil ein Politiker die Kernspaltung und damit die Atombombe geplant hätte. Allerdings trieb ihn das geistige Klima seiner Zeit zu seiner Forschung an, und der Besuch des Münchner Gymnasiums sowie des Polytechnikums in Zürich befähigten ihn dazu.

Der Raum für Politik entsteht überall dort, wo sich Menschen zur Verfolgung gemeinsamer Ziele zusammenfinden oder aus bestimmten Zwecken einem kollektiven Zwang unterworfen werden. Da die Entwicklung von Kultur und Zivilisation niemals möglich gewesen wäre ohne Zusammenschlüsse, die zu einer sozialen Ordnung führten, wäre sie auch ohne Politik niemals möglich gewesen.

Genauso notwendig war eine ausreichende Ernährungsbasis. Dennoch lassen sich Kultur und Zivilisation kausal weder auf politische Strukturen noch auf Ernährung zurückführen. Beide waren lediglich notwendige Bedingungen – unter einer Vielzahl von anderen – dafür, dass eine Entwicklung überhaupt stattfinden konnte – oder eben nicht. Der Verlauf dieser Entwicklung war zu jeder Zeit gänzlich offen.

Ob und in welchem Grade Maßstäbe guten Regierens überhaupt in die Wirklichkeit umgesetzt werden können, hängt in erster Linie vom Entwicklungsstand einer Gesellschaft ab. Darum ist es zweckmäßig, sich damit zu befassen, welche Faktoren einen hohen Entwicklungsstand fördern und welche ihn behindern oder verhindern. Die meisten Erfolgsmaßstäbe sind dabei hoch miteinander korreliert: So haben Gesellschaften, in denen es wenig Gewalt gibt, in der Regel einen hohen Grad bürgerlicher Freiheiten, eine gute Volksgesundheit, einen guten Bildungsstand und einen hohen Lebensstandard gemessen am kaufkraftbereinigten Bruttosozialprodukt pro Kopf.

Dabei spielen Erfahrungen aus der jeweiligen Geschichte für die Entwicklung der Gesellschaften eine besondere Rolle. Besonders interessant ist, welche Faktoren im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution ausgelöst haben und noch immer zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis und zum technischen Fortschritt beitragen, durch die sich die Lebensbedingungen der Menschen so nachhaltig verändert haben und sich ihre Ernährungsbasis dermaßen vergrößert hat, dass heute sieben Mal so viele Menschen auf der Welt leben können wie noch vor 200 Jahren.

Der Wirtschaftshistoriker David S. Landes untersucht in seinem profunden Werk Wohlstand und Armut der Nationen, wie die industrielle Revolution entstand und sich über die Welt verbreitete. Er zeigt, dass sich der Ursprung der industriellen Revolution im England des 18. Jahrhunderts sowie ihre schnelle Übernahme und Fortführung in den USA und weiten Teilen Europas durch eine Mischung von kulturellen und institutionellen Faktoren schlüssig erklären lässt. Der Rest der Welt nahm die Einflüsse des Westens mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und unterschiedlicher Intensität auf und tat sich mit einer entsprechenden Modernisierung der Staaten, Gesellschaften und Volkswirtschaften teilweise leicht, teilweise bis heute schwer. Auch diese Unterschiede können jeweils aus kulturellen, institutionellen und politischen Traditionen erklärt werden. Dabei zeigt sich, dass sich jene Gesellschaften eher entwickeln, die bereits Hochkulturen waren, eine ausgebildete Staatlichkeit hatten und/oder in einer Tradition von Arbeitsethik und hoher Bildungsneigung standen.21

Historisch gesehen schuf die wissenschaftlich-technische Entwicklung Europas seit dem ausgehenden Mittelalter die Voraussetzungen für die industrielle Revolution. Diese begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England, verbreitete sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts im nördlichen und westlichen Europa und in Nordamerika, abgeschwächt und zeitlich verzögert auch im östlichen und südlichen Europa. Ende des 19. Jahrhunderts sprang sie auf Japan über und erfasste schließlich – zumindest mit ihren technischen Erkenntnissen und ihren Produkten – die ganze Welt. Durch die Verbreiterung der Ernährungsbasis und die Verbesserung der Volksgesundheit führte sie zu einem explosiven Anstieg der Weltbevölkerung. Dieser hält in Afrika und Teilen von Asien nach wie vor an.

Es gibt eine reiche historische, ideengeschichtliche, soziologische und ökonomische Forschung darüber, weshalb sich die wissenschaftlich-technische Revolution und in ihrer Folge die industrielle Revolution gerade in Europa, genauer im Norden und Westen Europas, und in Nordamerika – also im westlichen Abendland – vollzog. Diese ist nicht nur aus historischer Sicht spannend und aufschlussreich, sondern enthält auch Hinweise auf die kulturellen Bedingungen nachhaltiger Entwicklung. David Landes verdichtet seine Erklärung zu drei wesentlichen Faktoren:

– die wachsende Autonomie und innere Unabhängigkeit des forschenden Geistes,

– die Herausbildung einer auf Messung und Empirie beruhenden wissenschaftlichen Methode und

– die »Erfindung der Erfindung« durch die systematische Verbreitung und Vermehrung des Wissens in einem kulturell in dieser Hinsicht recht homogenen Raum.22

Der britische Historiker Niall Ferguson identifiziert sechs Faktoren für die Entwicklung der westlichen Zivilisation:

– politischer Wettbewerb (zwischen den Staaten) und wirtschaftlicher Wettbewerb (zwischen den Individuen),

– Wissenschaft auf der Grundlage von Messung und Empirie,

– gesicherte Eigentumsrechte und Herrschaft des Gesetzes,

– medizinischer Fortschritt auf naturwissenschaftlicher Grundlage,

– industrielle Produktion von Konsumgütern und

– Arbeitsethik im Sinne einer bestimmten Geistes- und Lebenshaltung.23

Die US-Ökonomen Daron Acemoğlu und James Robinson heben die Rolle institutioneller Faktoren, insbesondere Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und gesicherte Eigentumsrechte hervor. Für sie ist die Glorious Revolution in England, mit der das Parlament und damit das demokratisch erlassene Gesetz 1688 endgültig Vorrang vor der Macht des Königs erhielt, der eigentliche Wendepunkt in der modernen Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.24

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit in ihrer ganzen farbigen Fülle ist immer wieder faszinierend und bietet mit dem Reichtum an Fallbeispielen und Analogien viel Lehrreiches für Gegenwart und Zukunft. Zum Glück muss aber niemand die Vergangenheit wiederholen: Wer ein Smartphone bedienen oder das Internet nutzen will, muss sich nicht mit der Geschichte der Fernmeldetechnik auskennen. Für die gedeihliche Entwicklung von Staaten und Gesellschaften reicht es aus, jene Institutionen auszuformen, die heute wichtig sind, und den Bürgern jene Mentalitäten und Kenntnisse zu vermitteln, die jetzt und in Zukunft wichtig sind. Warum gelingt das je nach Region und Staat nur mit sehr unterschiedlichem Erfolg? Weshalb haben einige Teile der Welt die vom Westen ausgehende wissenschaftlich-technische Kultur sehr gut adaptiert und stehen mittlerweile selber an der Spitze (oder sie sind auf dem Weg dorthin), während andere Teile der Welt erkennbar gar nicht Schritt halten und sogar mehr oder weniger in Unordnung und Gewalt versinken? Gemessen an den Maßstäben der wissenschaftlich-technischen Welt erscheinen manche Kulturen, Religionen und Ethnien besonders erfolgreich, andere dagegen besonders erfolglos.

Soweit man Erfolg oder Misserfolg überhaupt konkret messen kann, sind die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse nicht trivial. Sie können uns helfen zu erkennen, was gesellschaftlich zu tun ist und was vermieden werden sollte, wenn man den Lebensstandard und die Lebensqualität in einer Gesellschaft verbessern oder zumindest sichern will. Allerdings stößt man dabei immer wieder auf das bekannte Henne-Ei-Problem: Offenbar hängen ökonomische, kulturelle, religiöse, historische und geografische Faktoren auf komplexe Weise miteinander zusammen und bedingen sich gegenseitig. In logischer Hinsicht muss man trennen zwischen der Feststellung von Unterschieden und ihrer Erklärung. Feststellungen sollten abgesichert sein und Erklärungen nicht voreilig.

Ich werfe zunächst einen globalen Blick auf die gebräuchlichste Messziffer für den Wohlstand eines Landes, nämlich auf das um Unterschiede in der Kaufkraft bereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf der Bevölkerung:25 Von den 30 reichsten Ländern auf der Welt liegen 22 in Europa, eines in Nahost, drei in Ostasien und zwei in Ozeanien. Davon haben 26 Länder als vorherrschende Religion das Christentum, eines den jüdischen Glauben, drei stehen in der Tradition konfuzianischen Denkens. Von den 30 ärmsten Ländern auf der Welt liegen 26 in Afrika, eines in der Karibik und eines in Ozeanien. 16 von ihnen haben den Islam als Mehrheitsreligion. Unter den insgesamt untersuchten 146 Ländern haben 55 ein Pro-Kopf-BIPüber dem Weltdurchschnitt von 14400 Dollar. Davon liegen 32 in Europa, 19 in Asien und Ozeanien, 11 in Amerika, eines in Afrika. 91 Länder haben ein Pro-Kopf-BIP unter dem Weltdurchschnitt, darunter 8 Länder aus Europa, 14 aus Amerika, 25 aus Asien und Ozeanien und 44 Länder aus Afrika. Die 30 reichsten Länder liegen allesamt in Zonen mit gemäßigtem oder kaltem Klima. Unter den 30 ärmsten Ländern gilt das nur für Tadschikistan, den Norden Afghanistans und Nepal.

Die mit diesen wenigen Kennziffern zusammengefassten Unterschiede sind einfach da. Sie spiegeln sich auch in zahlreichen anderen Unterschieden bei Gesundheit, Bildung, bürgerlichen Freiheiten, Umweltbedingungen etc. Die Wirkung dieser Unterschiede kann man sich gar nicht brutal genug vorstellen: Während der Stadtbewohner in Singapur sich eines (kaufkraftbereinigten) Sozialprodukts pro Kopf von 78800 Dollar erfreut und die Mitteleuropäer es sich bei einem Sozialprodukt pro Kopf zwischen 35000 und 45000 Dollar gut gehen lassen, geht es bei den Griechen mit einem Sozialprodukt pro Kopf von 25800 Dollar bereits erheblich bescheidener zu, und sie beklagen das ja auch entsprechend. Ihr Los ist jedoch weitaus besser als das der Bürger von Ghana, die mit 4000 Dollar im Jahr auskommen müssen und die meisten ihrer Ärzte und Ingenieure nach Europa senden, damit sie dort für die heimischen Großfamilien Geld verdienen. Aber auch in Ghana kann man sich steinreich fühlen, wenn man den Vergleich mit den zehn ärmsten Staaten Afrikas anstellt, denn dort beläuft sich das Sozialprodukt pro Kopf nur auf 600 bis 1200 Dollar.

ENDE DER LESEPROBE