Wunschkompetenz - Joseph Rieforth - E-Book

Wunschkompetenz E-Book

Joseph Rieforth

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Beschreibung

Wie gelingt es, sich als erwachsene Person die Kraft des Wunsches zu erhalten? Dieses Buch handelt von der besonderen Kompetenz, die es ermöglicht, die eigenen Wünsche (wieder) zu spüren, sie in Worte zu fassen und mit eigenen Potenzialen zu gestalten. Wie viel Wunsch ist möglich? Was ist mein Wunsch? Und vor allem: Wofür ist mein Wunsch wichtig? Joseph Rieforth erklärt, dass das Wünschen nicht aufhören sollte, wenn man erwachsen geworden ist. Denn Wünsche helfen, den eigenen Empfindungen und den dahinterliegenden emotionalen Bedürfnissen nachzuspüren. Hierfür bedarf es aber einer bestimmten Fähigkeit: der Wunschkompetenz. Sie ermöglicht es, das eigene Leben nicht zu sehr an die äußeren Bedingungen anzupassen, sondern reflexiven Prozessen Raum zu geben. Das vom Autor entwickelte FächerModell zur Selbstentwicklung (FäMoS) zeigt Wege auf, wie Wünsche als sinnstiftendes Moment für die eigene Lebensgestaltung bewusst gemacht und eingesetzt werden können. Aufbauend auf psychodynamischen und systemischen Selbstkonzepten fokussiert das Modell auf die Steigerung von Selbstakzeptanz und erlebter Selbstwirksamkeit als wesentliche Bestandteile eines dynamischen Selbstkonzeptes. Das Modell ermöglicht einen direkten Bezug zwischen dem Selbstkonzept der Person und dem aktuellen Anliegen bzw. dem Konflikt. So kann im Beratungs- und Therapiekontext die Dynamik zwischen aktueller Situation und Entwicklung des Selbst gleichzeitig erfasst und bearbeitet werden. Das FächerModell zur Selbstentwicklung (FäMoS) ist der gedruckten Ausgabe als Fächer beigefügt. Die elektronischen Ausgaben werden ohne Fächer geliefert.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Joseph Rieforth

Wunschkompetenz

Von der Fähigkeit, das eigene Lebensinnvoll zu gestalten

Mit 7 Abbildungen und beiliegendem Fächer

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,

Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Delpixel/shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99912-8

Inhalt

Vorwort

Teil A

1Die Bedeutung des Wunsches im Rahmen der Selbstentwicklung

1.1 Die Kraft des Wünschens für eine sinnvolle Lebensgestaltung

1.2 Die Wiederentdeckung der Kraft des Wünschens

1.3 Die Sinnhaftigkeit des Wünschens

1.4 Der andere und mein Wunsch

1.5 Der Unterschied zwischen Erwartung und Wunsch

1.6 Was das Wünschen erschweren kann

2Wunschkompetenz

2.1 Eigenschaften der Wunschkompetenz

2.2 Entwicklung von Wunschkompetenz – der Prozess der bewussten Balance

2.3 Wunschkompetenz als Schlüssel im Veränderungsprozess

2.3.1 Die Bedeutung des Wunsches für die Veränderung – die Kunst des Loslassens

2.3.2 Die Bedeutung des Unbewussten bei der Entwicklung der Wunschkompetenz

2.3.3 Von der Fähigkeit, dem Unbewussten mit Freude zu begegnen

3Wirkungsweise der Wunschkompetenz in Beratung und Psychotherapie

3.1 Modelle für Gesundheit und Wohlbefinden

3.2 Beziehungsgestaltung und professioneller Rahmen

3.3 Das Selbst

3.3.1 Perspektiven zum Verständnis des Selbst

3.3.2 Weitere Aspekte des Selbst

4Einführung in das FächerModell zur Selbstentwicklung

4.1 Darstellung des FächerModells zur Selbstentwicklung (FäMoS)

  4.1.1 Bereich 1: Das Problem

  4.1.2 Bereich 2: Der Wunsch

  4.1.3 Bereich 3: Das Potenzial

  4.1.4 Bereich 4: Die Selbstentwicklung

4.1.5 Die drei Zeitdimensionen

4.1.6 Der Zusammenhang zwischen Selbstentwicklung und Selbstverstehen im Kontext des Problemerlebens

4.2 Interventionen für die Gestaltung von Veränderungsprozessen

4.3 Die Bedeutung der Fragen

4.4 Anwendung des Modells

  4.4.1 Bereich Problem

  4.4.2 Bereich Wunsch

  4.4.3 Bereich Potenziale

  4.4.4 Bereich Selbstentwicklung

5Mentalisieren, Triangulieren und Reflektieren – drei Entwicklungslinien zum Aufbau von Wunschkompetenz

5.1 Mentalisierung im Rahmen von Wunschkompetenz

5.2 Triangulieren im Rahmen von Wunschkompetenz

5.3 Reflektieren im Rahmen der Wunschkompetenz

5.4 Das FächerModell und die Bedeutung des »Dazwischen«

Teil B

6Wunschkompetenz in der Praxis

6.1 Wunschkompetenz im Kontext von Psychotherapie

Fallbeispiel 1: Autonomie und Sicherheit zugleich – wie soll das gehen?

Fallbeispiel 2: Auf der Suche nach den eigenen Wünschen – Selbsterkenntnis und wofür das alles?

Fallbeispiel 3: Ich und die anderen – die Reflexion des Fremdbildes als Brücke zur Selbstentwicklung

Fallbeispiel 4: Der Wunsch und die anderen – Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis

6.2 Wunschkompetenz im Kontext von Supervision und Coaching

Fallbeispiel 5: Verborgener Wunsch und persönliche Entwicklung – vom Ärger über die Angst zum Sinn

Fallbeispiel 6: Coaching oder Psychotherapie? Oder: Nicht jedes depressive Verhalten ist eine Depression

6.3 Wunschkompetenz im Kontext von Mediation

Fallbeispiel 7: Interkulturelle Familienmediation und friedvoller Wandel über die besonderen Wünsche

Fallbeispiel 8: Erfolg und Angst – über die Wunschkompetenz, Enttäuschung zu überwinden und Neues zu wagen

6.4 Wunschkompetenz im Kontext von Organisationsentwicklung

Fallbeispiel 9: Was lange währt … – Wunschkompetenz und die Nachfolgeregelung in einem Handwerksbetrieb

Fallbeispiel 10: Der Wunsch nach Führung – und die neu gelebte Zusammenarbeit

6.5 Wunschkompetenz im Kontext von Universität und wissenschaftlicher Weiterbildung

Fallbeispiel 11: Studium – wie Wünsche die Reflexion stimulieren und zu Erkenntnissen führen

Fallbeispiel 12: Supervisoren und Coaches – postgraduale Gruppenerfahrung zur Selbstentwicklung

6.6 Wunschkompetenz im Alltag – die Kunst, sich selbst zu führen

7Eine Geschichte zum Schluss

Literatur

»Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Was wir können und möchten, stellt sich unserer Einbildungskraft außer uns und in der Zukunft dar; wir fühlen eine Sehnsucht nach dem, was wir schon im Stillen besitzen. So verwandelt ein leidenschaftliches Vorausergreifen das wahrhaft Mögliche in ein erträumtes Wirkliches.«

(von Goethe, 1811–12/1985, S. 418)

Vorwort

Dieses Buch hat eine längere Geschichte, obgleich es konkret erst nach dem im September 2018 an der Universität Oldenburg veranstalteten Kongress »Selbstorganisation und Selbststeuerung und die Frage nach dem Sinn« entstanden ist (Rieforth, 2018). Es integriert die Ideen und Erfahrungen, die mich in der Konzeption und Leitung unterschiedlicher Aus- und Weiterbildungsangebote sowie meiner eigenen beruflichen Entwicklungen an Hochschulen und in verschiedenen Praxisfeldern von Therapie und Beratung begleitet und auf vielfältige Art und Weise angeregt haben.

So bin ich in meiner Vorbereitung dieses Buchs auch wieder einem Werk von Erich Jantsch (1979) begegnet: »Die Selbstorganisation des Universums«, das mich damals, als ich 1979 im dritten Semester Psychologie in Münster studierte, so faszinierte, dass ich es sogleich las und ein Seminar dazu besuchte.

Jantsch beschäftigte sich damals im Rahmen seiner beratenden Tätigkeit bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Alexander King, dem Mitbegründer des Club of Rome, mit der Systemtheorie und den Grundlagen langfristiger Planung und ging der Frage nach, wie die Welt ganz ohne Zielvorstellungen unter dem Einfluss zufälliger Schwankungen und zunehmender Komplexität immer raffiniertere, ja, wertvollere Gestaltungsformen entwickeln konnte und auch musste (Kafka, 1992): Eine Frage, die angesichts der aktuellen Debatte über die Zerstörung der irdischen Biosphäre und der damit verbundenen Krise der menschlichen Wertschöpfung vierzig Jahre später an Bedeutung nicht verloren hat. Jantschs umfassende Betrachtungsweise war es, die bereits damals faszinierte, verbunden mit der Einsicht, alle Phasen des Weltprozesses disziplinübergreifend hinsichtlich ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zu betrachten (Feyerabend, 1979).

Jantsch wollte herausfinden, welche Voraussetzungen es braucht, unter denen auf der Grundlage der Selbstorganisation lebensfähige komplexe Systeme entstehen und sich erhalten können. Dabei schloss er in seinem Modell sowohl die seelisch-geistigen als auch die gesellschaftlichen Phänomene als Erscheinungen in Raum, Zeit und Materie, im Sinne einer Chance zur Entstehung und Entwicklung eines lebensfähigen Gesamtsystems, mit ein.

Diese Ideen einer disziplinübergreifenden Betrachtung menschlicher Prozesse im Rahmen gesellschaftlicher Beziehungs- und Austauschprozesse haben mich in der Folge stets animiert, neue Antworten auf die anstehenden Fragen zu finden und u. a. mit den Modellen von Humberto Maturana und Francisco Varela, Ludwig von Bertalanffy, Gregory Bateson und weiteren Forschern in Kontakt gebracht.

Nach den ersten klinischen Eindrücken und Lernerfahrungen an der Universität Münster folgten dann weitere bedeutsame Erfahrungen an der Universität Wien, bei denen ich u. a. die Möglichkeit hatte, Viktor Frankl (1987b) bei seinen Vorlesungen zur Logotherapie zu hören. Er gab mir schon sehr früh die Bedeutung des Sinns für die subjektive Lebensgestaltung mit auf den Weg.

Außerdem erinnere ich mich heute noch gern an Hans Strotzka, der sehr eindrucksvoll auf eine einzigartig lebendige Art die Grundlagen zur psychoanalytischen und allgemeinen Psychotherapie inszenierte (Strotzka, 1975). Auch Heinz Katschnig, der damals aus England zurückkam, die neuesten sozialpsychiatrischen Perspektiven präsentierte und mit seinem beeindruckenden Werk: »Die andere Seite der Schizophrenie« (Katschnig, 1977) großes Aufsehen erregte, ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben.

Von dort zurück begann mit dem Aufbau der familientherapeutischen und in der Folge der Systemischen Therapie- und Beraterausbildung an der Universität Oldenburg ein neues Kapitel disziplinübergreifender und faszinierender Erkenntnisse über psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten aus einer ganz neuen Perspektive einschließlich ihrer Wechselwirkungen im relevanten Problemsystem. Die enge Verbindung zur Tavistock-Klinik und die damit verbundenen Lehraufenthalte zur Wirkungszeit von John Byng-Hall und Rosemary Whiffen erlaubten, völlig neue Formen der Bearbeitung zu erfahren, die Jahre vorher noch undenkbar erschienen: Plötzlich bekamen One Way Screens (Einwegspiegel) und später dann Reflecting Teams (RT) eine Bedeutung und schufen die Möglichkeit, mit Mehrpersonensettings und im Team zu beraten und zu therapieren.

Auch zu erwähnen sind hier die Anfänge der familientherapeutischen Bewegungen in Deutschland und der Besuch von Horst-Eberhard Richter zur Einweihung der Vergrößerung der Psychotherapieambulanzen an der Universität Oldenburg sowie die großen Kongresse der Familientherapie in Heidelberg und die langjährige Verbundenheit zur Deutschen Arbeitsgemeinschaft Familientherapie (DAF) und die daraus entstandene Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Viele weitere Einflüsse und persönliche Kontakte könnte ich noch nennen, die mich bewegt und inspiriert haben und die sich in diesem Sinne alle mitgenannt fühlen mögen.

Die enge Verbundenheit zur psychoanalytischen und systemischen Modellentwicklung führte im weiteren Verlauf dazu, die bedeutsamen Verfahren miteinander zu verbinden und so in die Ausbildung der Psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten an der Universität Oldenburg aufzunehmen und zu integrieren.

Parallel wurden an der Universität Oldenburg die Kontaktstudien in den Feldern Systemische Beratung und Therapie, Supervision und Mediation sowie disziplinübergreifende Konzepte aufgebaut, die diese Grundlagenverbindung ebenfalls aufgenommen und umgesetzt haben.

Bei aller Unterschiedlichkeit therapeutischer und beratender Angebote zeigt sich mit dem in diesem Buch vorgestellten Modell eine verfahrensübergreifende Möglichkeit, auf der Grundlage von Selbstorganisationsprozessen die Selbstentwicklung von Personen zu gestalten. Somit lässt sich dieses Modell auch als Beitrag zur Förderung wertschöpfender menschlicher Prozesse insgesamt verstehen, die die anstehenden personalen, gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen positiv beeinflussen können.

Die dadurch gemachten Erfahrungen und entstandenen Fragen ließen Wünsche in mir entstehen und führten mich stets weiter auf der Suche nach sinnvollen Antworten und Entwicklungen.

Aus dem Wunsch heraus, für Anliegen in Beratungs- und Therapiekontexten eine Form zu finden, um komplexe Prozesse sinnvoll ordnen und strukturieren zu können, entstand über die Jahre in dem »FächerModell zur Selbstentwicklung« (FäMoS®) eine Grundlage für die (Wieder-)Freisetzung und Entfaltung des jeweiligen Potenzials einer oder mehrerer Personen. In seinem Mittelpunkt steht die Kompetenz des Wünschens mit der zentralen Idee, dass die Bewusstwerdung eigener Wünsche das hinter den genannten Problemen Liegende – die bedeutsamen Motive – zum Vorschein bringt, worüber kongruente Veränderungen des Selbst gelingen. Das Modell integriert unterschiedliche Interventionsmethoden und bindet die Dynamik zwischen den bewussten und unbewussten Anteilen sowie kontextuelle Einflussgrößen ein.

Entsprechend dynamischer systemtheoretischer Erkenntnisse wechseln sich Struktur und Chaos ab, bedingen und benötigen sich wechselseitig und erzeugen dabei im Verlauf immer wieder neue Muster zwischen Stabilität und Instabilität. FäMoS nimmt dieses für die Veränderung hilfreiche Prinzip auf, mit dem Ziel, die Personen mit ihren jeweiligen Inhalten im Entwicklungsprozess zum Glänzen zu bringen. Dieses Buch ermöglicht den Lesenden,1 sich auf unterschiedliche Art und Weise seinem Inhalt zu nähern.

Die Leser und Leserinnen, die vor allem an einer Zusammenfassung von FäMoS interessiert sind, finden diese in Kapitel 4. Sie ist vor dem Hintergrund entstanden, dass ich in meinen praktischen Tätigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsfeldern oftmals im Anschluss an die Anwendung nach einer verschriftlichten Grundlage gefragt wurde. Während die Leser, die auch und vor allem Interesse an den theoretischen Grundlagen des Wunsches und der Kompetenz haben, vor allem auf Kapitel 1–3 des Buchs verwiesen werden. Kapitel 5 stellt mit den drei Fähigkeiten des Mentalisierens, Triangulierens und Reflektierens eine wichtige Basis für die Umsetzung der theoretischen Grundlagen in die Praxis dar.

Die Leser, die sich vor allem von meinem Erfahrungsschatz inspirieren lassen wollen, fangen am besten mit Teil B (Kapitel 6) an, in dem neben entscheidenden Bearbeitungslinien zur Entwicklung der Wunschkompetenz eine Reihe von konkreten Beispielen aus unterschiedlichen Kontexten – von Psychotherapie über Coaching und wissenschaftlicher Weiterbildung bis hin zur Selbstanwendung – nachzulesen sind.

So zeigt das Modell, wie sich über die besondere Kompetenz des Wünschens Veränderungen auf anregende und kreative Weise gestalten und Selbstorganisationsprozesse anregen lassen. Dies kann in Einzel- oder Mehrpersonensettings sowohl mit einem professionellen Prozessbegleiter als auch in der Selbstanwendung geschehen. Der Aufbau des Modells einerseits und seine Anwendbarkeit in den unterschiedlichen Kontexten von Therapie, Beratung, Wissenschaft und Privatleben andererseits kann dieses Buch für Wissenschaftlerinnen genauso interessant machen wie für Praktikerinnen. Es schafft durch die drei Räume – Theoriemodell, Handlungsmodell und beispielhafte Praxismodelle – eine vielseitige Dynamik, um die jeweils richtige »Tür« zu finden.

1In diesem Text verwende ich sowohl Maskulin- als auch Femininformen zur Bezeichnung der Leser*innen, um alle Geschlechtsidentitäten anzusprechen. Daneben nutze ich Bezeichnungen wie »Person«, um möglichst geschlechtersensibel bzw. -neutral zu formulieren.

Teil A

1Die Bedeutung des Wunsches im Rahmen der Selbstentwicklung

In allen Beratungs- und Therapieverfahren kommt dem Umgang mit der Person und dem Selbstkonzept des Klienten bzw. der Klientin eine besondere Bedeutung zu. Mit dieser Herausforderung gehen die verschiedenen Verfahren und Modelle jeweils unterschiedlich um, indem sie eigene Ansätze zur Integration von Selbst, Individuum und den sozialen Systemen entwickelt haben.

Bateson wies bereits 1981 darauf hin, wie entscheidend dabei die Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen der Person und ihren sozialen Kontexten ist, und sah die Grenzen des Individuums nicht als räumliche Grenzen an, sondern verortete das Selbst im Interaktionszirkel zwischen Mensch und Umwelt (Bateson, 1981; Satir, 1975). Er fasste das Selbst als soziales Phänomen im Sinne eines »Dazwischen« auf, um die Interaktion von System und Umwelt zu erklären. Helm Stierlin ergänzte dies in seinem Konzept zur Erklärung des Selbst durch die Integration von zeitlichen und situativen Kontexten und legte den Grundstein für die Bedeutung des Selbst als Subjekt und Objekt von Geschichten und beschrieb es als narratives Selbst. Bereits Anfang der 1990er Jahre sprach er von dem »Ressourcenselbst als Schatzkammer des Unbewussten« im Sinne aller bisher noch nicht vollzogenen Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eines Selbst (Stierlin, 1994, S. 108).

Diese Annahmen sind zwischenzeitlich durch vielfältige Forschungsergebnisse bestätigt worden und finden sich in den aktuellen Erkenntnissen der Beratungs- und Psychotherapieforschung in unterschiedlichen Verfahren, Methoden und Techniken wieder (Grawe, 2000; Roth, 2001; Solms u. Turnbull, 2004; Wampold, 2010). Demnach entwickelt sich das Selbst stets im Beziehungsgeschehen und auf verschiedenen Ebenen von Erleben und Handeln, es kann daher nicht allein als psychische Instanz im Sinne einer festgelegten Struktur oder Entität verstanden werden. Auch Tom Levold schloss sich der Idee an, dass kein Selbst ohne einen interaktiven, regulativen Vollzug von Interaktionen vorstellbar ist (Levold, 1999). Die Qualität des Selbst besteht gerade in der Form einer dynamischen Organisation, die eine relative Kohärenz, Hierarchie und Konstanz aller Kognitionen und Affekte – jeweils bezogen auf die aktuelle intrapsychische und interpersonelle Konstellation – gewährleistet. Bereits Martin Buber soll auf einem Kongress von amerikanischen Psychoanalytikerinnen gesagt haben, dass er das Unbewusste zwischen den Menschen verorte (Buber, 2008; Kachler, 2015).

In diesem Buch wird dargestellt, wie die Entwicklung eines authentischen Selbstpotenzials zur Steigerung des Selbstwerts und der Selbstwirksamkeit sowie Erweiterung des Selbstkonzeptes beitragen und diese unterstützen kann. Auf der Basis moderner Erkenntnisse aus der Beratungs- und Therapieforschung und einem von mir entwickelten Modell zur Selbstentwicklung werden neue Wege aufgezeigt, wie mit dem Aufbau einer Kompetenz, sich seiner Wünsche bewusst zu werden, die persönlichen Potenziale eingesetzt und entfaltet werden können, um das eigene Leben sinnvoll zu gestalten. Das Zusammenspiel aus den subjektiven Hindernissen (Problem), den damit verbundenen (unbewussten) Wünschen und der Unterstützung möglicher Potenziale fördert die Selbstentwicklung und trägt zu persönlichem Wachstum bei, vorausgesetzt die »richtige Entschlüsselung« gelingt. Dabei kommt der Dimension des Wunsches eine besondere Rolle zu, da sie die Brücke zum nächsten Entwicklungsschritt darstellt.

Diese Kompetenz steht in Verbindung mit der Steigerung von Selbstakzeptanz und erlebter Selbstwirksamkeit als wesentliche Bestandteile des Selbstkonzepts. Dabei wird die Struktur der Person mit den relevanten Grundlagen der aktuellen (Problem-)Situation im sozialen Kontext verbunden. Auf diese Weise treten die inneren Motive der Person und ihrem Selbst sowie die Wechselwirkungsprozesse mit den beteiligten anderen in den Vordergrund.

Anhand von Fallbeispielen wird die Anwendung des Modells zur Selbstentwicklung anschaulich gemacht. Der dem Buch beiliegende Fächer eröffnet die Möglichkeit, das Modell konkret einzusetzen und für das eigene Praxisfeld zu testen.

1.1 Die Kraft des Wünschens für eine sinnvolle Lebensgestaltung

Vor langer Zeit, als das Wünschen nicht nur den Märchen zugeschrieben wurde, sondern auch für die Erklärung unterschiedlichster Situationen noch gesellschaftsfähig war, hatte der Wunsch eine besondere, aber auch alltägliche Bedeutung in der subjektiven Welt jedes Einzelnen und der Gemeinschaft. Erst die Ablösung der symbolischen Erklärungen über die Welt durch die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft im Rahmen der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert in Europa leitete für das Phänomen des Wunsches einen erheblichen Bedeutungsverlust ein, der sich auch auf die Lebensfragen jedes Einzelnen entsprechend auswirkte.

Diese Sichtweise änderte sich erst mit den europäischen Romantiker im späten 18. Jahrhundert wieder, da sie in der Rationalität und Effizienz allein keine Grundlage mehr sahen, um dem menschlichen Leben einen Sinn zu geben. Nach ihrer Vorstellung lag im kreativen Selbst die Grundlage für Sinn und Bedeutung. Dadurch gewann die Kunst enorm an Relevanz und entwickelte sich von einer Form des Handwerks zum Gipfel des menschlichen Tuns. Ein mächtiger Wandel im Zeitraum eines halben Jahrhunderts vollzog sich. Selbst Johann Sebastian Bach, der Mitte des 18. Jahrhunderts starb, verstand seinen Beruf noch als Handwerk und war stolz auf seine hervorragende Technik.

Dies änderte sich radikal um die Wende zum 19. Jahrhundert, und der Druck im Sinne von Effizienz und Konformität wurde der größte Feind in Bezug auf die Entwicklung als authentischer Person, deren Ziel es war, eine Verbindung mit einer inneren Wahrheit herzustellen. Die aufkommende Epoche der Romantik war fasziniert vom Gedanken des Genies. Jetzt trat der einzelne Mensch wieder in den Vordergrund, und die innere Kohärenz des Charakters stellte eine mitentscheidende Größe für die Verwirklichung des Individuums dar (Jaspers, 1996; Nietzsche, 1882–84/1988). Dadurch wurde es notwendig, die Durcharbeitung von Konflikten und Spannungen, die zwangsläufig mit dem Entwicklungsprozess des Individuums verbunden sind, als eigenen Wert anzuerkennen.

Heute, in einer Zeit, in der zunehmend nur noch das von Bedeutung ist, was gemessen, gewogen und stofflich nachgewiesen werden kann, zählen stattdessen operationale Ziele, vorausberechnete Entwicklungen in der Zukunft und Anforderungen an den Einzelnen als die neuen Heilsbringer (Illich, 2014; Strenger, 2016). So ist es üblich geworden, von Zielen in der Zukunft zu sprechen, Erfolge vor allem an der möglichen Rendite zu bemessen und die Bedeutung von Leistungen in öffentlichen Rankinglisten großer Zeitschriftenmagazine oder im World Wide Web auszudrücken. Dies zeigt sich auch in dem allgemein bekannten Konzept der SMART-Ziele (Tewes, 2011). In diesen Prozessen droht die Fähigkeit verloren zu gehen, sich seiner persönlichen Wünsche bewusst zu werden und ihnen entsprechend eigenverantwortlich zu handeln und sein Leben selbstwirksam zu gestalten – worunter die Wunschkompetenz verstanden wird. Diese Kompetenz wieder zu erlernen und dabei nicht in dem magischen Raum des Unerklärbaren bleiben zu müssen, davon handelt dieses Buch.

Erfahrungen zeigen, dass bei einer Zunahme rein wirtschaftlicher und gesellschaftlich definierter Ziele die subjektiven Überlegungen und die damit verbundenen Wünsche zu wenig Berücksichtigung finden. Denn im Vordergrund stehen unter diesen Prämissen oft allein Fragen nach dem Wie und nicht nach dem Wofür. Dies schafft eine Reihe von Problemen, die durch eine zu extreme Orientierung an aktionistischen, schnellen Lösungen noch verstärkt werden und die Fähigkeit verkümmern lassen, Zugänge zu den persönlichen Wünschen zu entwickeln.

Charakteristisch für Wünsche ist, dass sie sich in sehr unterschiedlichen Situationen und Thematiken zeigen können. Dabei nehmen sie oft sehr »kreative Formen« an und verstecken sich – nicht selten hinter unterschiedlichen Formen der Angst oder Problemen und Konflikten, die zunächst kaum etwas Wünschenswertes ahnen lassen. Oftmals verbergen sich Wünsche dort, wo man sie nicht vermutet, beispielsweise hinter einer Rationalisierung oder Intellektualisierung als kommunikative Schutzschilder oder auch hinter Verhaltensweisen, bei denen die Person beschlossen hat, sie nur noch eingeschränkt zu zeigen oder sie ganz zu unterlassen. Um den eigenen Wünschen auf die Spur zu kommen, ist es daher hilfreich, sich genauer mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Interessen, Bedürfnissen und Wünschen zu beschäftigen. Die sich daraus entwickelnde Kompetenz, sich seiner eigenen Wünsche bewusst zu werden, ermöglicht es, Wünsche, die zum Handeln motivieren, und Überzeugungen, anhand derer entschieden wird, welches Handeln den eigenen Wünschen am besten dient, für die eigene Entwicklung zu nutzen.

Die Fähigkeit, sich seiner eigenen Wünsche bewusst zu werden und durch diese Wunschkompetenz verantwortlich für sich handeln und sein Leben selbstwirksam gestalten zu können, stellt eine neue Form der Selbstentwicklung dar, die sowohl für die Einzelne als auch für die Gemeinschaft gleichermaßen förderlich ist.

Der Ausdruck »Wunschkompetenz« kommt dem Leser und der Leserin vielleicht zunächst etwas ungewöhnlich vor, da Wunsch und Kompetenz als Begriffe in der Regel nicht in einem Atemzug genannt werden. Diese Begriffskombination habe ich entwickelt, nachdem ich in den unterschiedlichen Kontexten der psychotherapeutischen und beratenden Praxis sowie in der universitären Lehre und Weiterbildung diese besondere Verbindung in vielerlei Zusammenhängen erfahren habe. Eine persönliche Kompetenz nämlich, die es der Person ermöglicht, eigene Wünsche (wieder) zu entdecken und mit diesem Bewusstsein Handlungs- und Sinnalternativen zu entwickeln. Gerade durch das Wechselspiel zwischen dem Wunsch als einem metaphorischen Gebilde, das ein Begehren ausdrückt, und der Kompetenz als einer Fähigkeit und einem Sachverstand, etwas erfassen und anwenden zu können, wird der Person die Entwicklung eines sinnvollen Lebens ermöglicht. Denn sicherlich sind Wünsche zwar stets richtungsweisend für die Gestaltung des Lebens, sie müssen und können aber in vielen Fällen nicht durch eigene Anstrengungen erfüllt werden – ebenso wie bei der Orientierung am Polarstern der Wunsch, den Stern selbst zu erreichen, unerfüllt bleiben muss. Die qualitative Verbindung mit der Kompetenz ermöglicht, dieses Spannungsfeld wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. Nach Arnold (2015), Erpenbeck und Rosenstiel (2007) handelt es sich bei Kompetenz um eine selbstorganisierte, kreative Handlungsfähigkeit von Individuen oder sozialen Gruppen in zukunftsoffenen Situationen. Eine Kompetenzentwicklung zeichnet sich durch eine emotionale und motivationale Veränderung oder auch Imprägnierung des Wissens aus (Arnold, 2015; Erpenbeck u. Rosenstiel, 2007; Windeler u. Sydow, 2014).

In der Begriffskombination mit dem Wunsch steht Kompetenz hier allerdings als primär vorgegebener Rahmen, in dem die Person selbstorganisiert Instrumente entwickelt und nicht angepasst an vorgegebene Kompetenzziele die systemkonformen Werte übernimmt. Die Bewegung kehrt sich um, indem die Person zunächst sich selbst wahrnimmt und ein Bewusstsein für ihre eigenen Bedürfnisse entwickelt, um so über die Entdeckung ihres Wunsches ihre Potenziale für die eigene sinnvolle Lebensgestaltung weiter auszubauen.

Die Verbindung dessen, was für die Person begehrenswert ist, und der Entwicklung von Fähigkeiten, sich für die Erreichung wünschenswerter Veränderungen einsetzen zu können, stellt die zu öffnende Tür für den Entwicklungsprozess des eigenen Selbst dar.

Um eine Beziehung zu den eigenen Wünschen herstellen, sie analysieren und das persönliche Potenzial für ihre Umsetzung entwickeln zu können, existiert je nach Situation und Auftrag eine Reihe unterschiedlicher Zugänge, die sich anhand einer einheitlichen Grundstruktur erfassen lassen. Diese Struktur wird in dem FächerModell zur Selbstentwicklung (FäMoS) abgebildet (siehe Abbildung 1).

Das FächerModell zeichnet sich durch vier unterschiedliche Bereiche aus, welche die aktuelle Frage zum jeweiligen Anliegen (Problem, Krise, Konflikt) einer Person oder mehrerer Personen (Bereich 1), die damit in Verbindung stehenden Wünsche und Bedürfnisse (Bereich 2) und die eigenen Potenziale (Bereich 3) erkunden und fokussieren. Während des gesamten Prozesses erfolgt kontinuierlich ein zirkulärer Austausch mit der übergeordneten Perspektive der Selbstentwicklung (Bereich 4) im Sinne des Anliegens und der gegebenen Möglichkeiten.

Abbildung 1: FäMoS – FächerModell zur Selbstentwicklung

Diese erste Skizzierung des Modells weist bereits darauf hin, dass beim Aufbau einer Wunschkompetenz die Klärung des Wunsches und die damit verbundene Interaktion mit dem eigenen Selbst im Mittelpunkt steht und nicht eine vorrangig auf Problemlösung ausgerichtete Intervention. Der Aufbau einer Wunschkompetenz führt im besonderen Maße dazu, die eigene Lebenssituation zu reflektieren und sich der Gestaltungsmöglichkeiten mithilfe des eigenen Potenzials und der eigenen Wünsche bewusst zu werden. Aus dieser Sicht werden Probleme und Konflikte als Anregungen zur Selbstentwicklung betrachtet, sie verlieren so den (allein störenden) Charakter, nur möglichst schnell gelöst, d. h. beseitigt werden zu müssen. Stattdessen bieten anerkannte Verfahren aus dem Beratungs- und Therapiebereich eine gute Grundlage, um sich der damit verbundenen eigenen bewussten und zum Teil unbewussten Wünsche gewahr zu werden und nach der Integration dieser Wünsche die entsprechenden Entscheidungen treffen zu können (Rieforth u. Graf, 2014).

Die Entwicklung einer Wunschkompetenz geht daher weit über die Frage hinaus, wie Symptome oder »falsche Entwicklungen« effizient abgestellt oder minimiert werden können. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, Wege zu einer stimmigen, sinnvollen Lebens- oder etwa auch organisationalen Führungskultur zu finden und Ideen für eine kreative Begleitung dieser Prozesse zu entwickeln.

Die Kompetenz, eigene Wünsche wahrnehmen und benennen zu können – ihnen einen wegweisenden Wert beizumessen –, umfasst auf diese Weise die Dynamik des Veränderns und Gestaltens und beachtet dabei insbesondere die subjektiven Resonanzen auf der Ebene der Selbstentwicklung für die Person im Kontext ihrer Umwelt. Dabei lässt sie erkennen, welche wachstumsorientierten Effekte sich durch die Kontaktaufnahme mit den eigenen Wünschen, ihrer Beachtung und Förderung sowie Realisierung ergeben können.

Ergebnisse aus der Beratungs- und Psychotherapieforschung zur Einschätzung der Bedingungen von Krankheit und Gesundheit bzw. der Behandlung psychischer Störungen zeigen, dass die menschliche Widerstandskraft gegenüber widrigen Umständen im Sinne der Resilienz an die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen gekoppelt ist und dass sich Zuversicht und die Hoffnung auf ein besseres Leben in besonderer Weise gesundheitsförderlich auswirken (Antonovsky, 1997; Frankl, 2018; Grawe, 2004; Schnabel, 2007). Neben dem Wunsch nach Mitmenschen als Bezugspersonen für die eigene Entfaltung und Entwicklung existieren Wünsche auf der Ebene von Grundbedürfnissen. Der mit dem Grundbedürfnis verbundene Wunsch zielt auf möglichst viele erfreuliche und lustvolle Erfahrungen im Leben ab bei gleichzeitiger Vermeidung von schmerzhaften und unangenehmen Situationen.

Zur Erfüllung der Grundbedürfnisse lassen sich bei näherer Betrachtung sehr unterschiedliche Wünsche und Muster zur Wunschentwicklung feststellen. So sind z. B. zwei unterschiedliche Konstellationen bekannt, bei denen sich »sicherheitsbewusstes« und »abenteuerlustiges« Verhalten durch unterschiedliche Wunschausrichtungen ausdrücken: das Schaffen möglichst gleichförmiger Situationen zur Aufrechterhaltung von Kontrolle oder das häufige Erleben von etwas Neuem mit dem damit einhergehenden höheren Risiko unkontrollierbarer Einflüsse.

Bei aller Unterschiedlichkeit beginnt der Weg zur gewünschten Selbstentwicklung stets mit dem gleichen ersten Schritt der Perspektive auf die (verborgenen) Wünsche und den damit verbundenen Folgen und Konsequenzen. Ausgangspunkt ist immer eine eigene Entscheidung der Person, die für sich definiert, was sie sich wünscht und ob sie bereit ist, die damit verbundenen Chancen und Gefahren zu übernehmen.

Dies zeigt, dass durch die Grundbedürfnisse ein Teil der Wünsche vordefiniert ist und sich je nach Persönlichkeit des Einzelnen auf die unterschiedlichen Themenfelder verteilt. Je nach Ausprägung des Grundbedürfnisses einer Person und ihrem aktuellen Wunsch nach Erfüllung ergibt sich eine entscheidende Rolle beim Einsatz und der Gestaltung der vorhandenen Potenziale. An diesem Punkt setzt die Relevanz der Wunschkompetenz an, denn es sind nicht »magische Momente«, die zur Erfüllung des Wunsches führen, sondern Fähigkeiten des Einzelnen, die durch unterschiedliche Bewusstseins- und Reflexionsformen, einer offenen Haltung sich selbst und den anderen gegenüber sowie durch eine stetige Kultivierung dazu beitragen, die Lebensumstände in dem gewünschten Rahmen zu gestalten.

1.2 Die Wiederentdeckung der Kraft des Wünschens

Um der Bedeutung des Wünschens in unserer Kultur erneut einen größeren Stellenwert zu geben, ist es notwendig, den Menschen wieder das Gefühl des Nutzens, des Effekts und der Bedeutung des Wunsches zu vermitteln. Nicht allein die Frage, ob und wie eine Wunscherfüllung möglich ist, sondern insbesondere die Frage danach, wofür der jeweilige Wunsch wichtig ist, steht dabei im Fokus. Die Debatte um die Frage des Verzichts auf mögliches Wachstum wie auch die Frage begrenzter und ungleich verteilter Ressourcen spielen dabei eine mitentscheidende Rolle (Paech, 2016; Strenger, 2015). Sie verweist auf die Notwendigkeit eines Bewusstwerdens eigener – sowohl für die jeweilige Person als auch für das Zusammenleben mit den anderen – bedeutsamer Bedürfnisse und Wünsche.

Durch diesen Prozess wird die selbstwertsteigernde Seite der Person aktiviert, die so einen Blick auf die vorhandenen Potenziale der Person ermöglicht, um das Gewünschte umzusetzen. Die bereits vorhandenen und noch weiter zu entwickelnden Potenziale ermöglichen es der Person, selbstwirksam zu handeln und die Situation entsprechend zu gestalten. Die Nutzung der persönlichen Potenziale kann sich nicht nur in Form von sehr konkreten Verhaltensweisen zeigen, sondern auch in unterschiedlichen Formen von Mitgefühl für sich selbst und für andere. In einem so entstehenden Kreislauf können sich im Verlauf weitere wünschenswerte und bedürfnisbefriedigende persönliche Ressourcen entwickeln, wie beispielsweise Freude, Zufriedenheit und Selbstwirksamkeit.

Der Aufbau von Wunschkompetenz lässt sich in Form eines Prozesses folgendermaßen darstellen (siehe Abbildung 2):

•Phase 1: Die aktuelle Situation (oder auch Konfliktlage) wird als Gelegenheit betrachtet, sich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen zu beschäftigen: Was brauche und wünsche ich wirklich?

•Phase 2: Durch die größere Klarheit verbessert sich das eigene Selbstwertgefühl.

•Phase 3: Aus der Entdeckung und Analyse eigener Wünsche entsteht vermehrtes Mitgefühl mit sich selbst und anderen gegenüber.

•Phase 4: Die für sich selbst und andere bedeutsam gewordenen neu integrierten Informationen sichern das subjektiv Wichtige und erwecken Freude über die eigenen Reaktionen und diejenigen anderer. Auf diese Weise inspiriert diese Entwicklung das ganze Lebensgefühl.

•Phase 5: Die Zunahme des Selbstwertgefühls ermöglicht eine leichtere Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Wünsche – und so schließt sich der Kreis und beginnt erneut bei Schritt 1. Seine jeweiligen Umrundungen bedeuten dabei eine Aufwärtsspirale der Selbstentwicklung.

Abbildung 2: Aufwärtsspirale der Selbstentwicklung

Bei der Vorstellung, eine Wunschkompetenz zu entwickeln, mag vielleicht die Sorge entstehen, dass dadurch die Zahl der sogenannten Narzissten – also der Personen, die sich nur mit sich selbst beschäftigen, die stets als Beste wirken wollen und sich nur um sich selbst kümmern – weiter ansteigt. Doch die Entwicklung dürfte eher anders zu erwarten sein: Denn gelingt es, die Kompetenz des Wünschens und damit die eigenen Potenziale und persönlichen Ressourcen weiter zu fördern, kann dem Narzissmus und der Selbstinszenierung in Form einer neuen kraftvollen und nachhaltigen Form der Selbstwertsteigerung begegnet und damit eingedämmt werden. Im Sinne einer Selbstentwicklung steigt auf diese Weise der positive Umgang mit sich selbst wie auch mit den anderen, indem der Person ein erfüllenderes Lebensmodell mit neuen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten vor Augen geführt wird.

Auch für die Gruppe von Personen, die sich eher um die Wünsche der anderen kümmert als um ihre eigenen, stellt die Entwicklung der Wunschkompetenz eine wichtige Veränderung dar, denn wenn die eigenen Wünsche nicht bekannt sind, fällt auch ein angemessenes altruistisches Verhalten schwer und äußert sich dann durch die übermäßige Berücksichtigung der Wünsche der anderen in Form einer altruistischen Abtretung. Dieses aus der Psychotherapie bekannte Verhalten macht den Vorgang verständlich und erläutert, dass statt der eigenen Wünsche diejenigen der anderen erfüllt werden in der Hoffnung, darüber sein Bedürfnis nach Wunscherfüllung stillen zu können (Grawe, 2004; Gumz u. Hörz-Sagstetter, 2018; Wöller u. Kruse, 2010).

Gelingt durch die Kraft des Wünschens stattdessen die Entwicklung des eigenen Selbst und damit der Selbstwertsteigerung, verringert sich die Angst, als Person sozial oder emotional bedeutungslos und nicht auf der Höhe der Zeit mit ihren vielfältigen Ansprüchen zu sein. Stattdessen entwickeln sich Formen von Zufriedenheit und Sicherheit als weitere Selbst- und Gemeinschaftsressourcen.

Dieser Prozess ermöglicht eine neuartige Auseinandersetzung mit dem Wert Lebensqualität. Er orientiert sich schwerpunktmäßig nicht an einer konsumorientierten Bedürfnisbefriedigung, die mit der Anhäufung von Luxusgütern eher einem Akt der Sublimierung eigener Wünsche gleichkommen kann, sondern an den subjektiv erlebten qualitativen Zielen für sich selbst und die Gemeinschaft.

Die Grundlage des Wünschens hat sich entwicklungsgeschichtlich mit der Mutter-Kind-Bindung der Säugetiere und freundschaftlich motivierter Zuwendung herausgebildet. Die Wurzeln liegen in der Fähigkeit und dem Bedürfnis, Kontakt aufzunehmen (affiliative Empfindungen), dem Bedürfnis, zu lieben, und dem Bedürfnis, geliebt zu werden. Bedürfnisse wurden lange Zeit als solche betrachtet, die existenzielle Zuwendungen erforderten, ohne die ein Weiterleben infrage gestellt schien. So wurden insbesondere biologische Faktoren darunter gefasst, wie Nahrung, Sauerstoff, Sexualität, Erholung, Schutz vor Nässe, Kälte und Hitze. Aber auch (bio)psychische Faktoren wie Anregung durch sensorische Stimulation, Orientierung in Zeit und Raum, subjektiver Sinn, Informationen sowie biopsychosoziale Faktoren in Form von emotionaler Zuwendung, Hilfe, Rechte und Pflichten, Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit, Identität, Autonomie, soziale Anerkennung, Gerechtigkeit werden mittlerweile dazugezählt (Brisch, 2016). Mittlerweile belegt eine große Anzahl von Ergebnissen aus der Beratungs- und Psychotherapieforschung, dass die Entwicklung einer physiologischen und psychischen Konsistenz am besten gelingt, wenn die Person sich geliebt, erwünscht und verbunden fühlt mit den für sie emotional bedeutsamen anderen und sich dabei gleichzeitig selbst lieben kann, ohne gleichgültig, ablehnend oder sogar hasserfüllt gegenüber sich selbst zu sein (Wampold, Imel u. Flückiger, 2018).

Werden diese bedeutsamen Qualitäten blockiert, verlernt die Person immer mehr, sich darauf zu besinnen, was sie sich wünscht, und findet immer weniger den Weg zu sich selbst in Beziehung mit anderen. Dabei schließt die Verbundenheit mit sich selbst explizit die Verbundenheit zu den anderen nicht nur mit ein, sondern sie wird in der gegenseitigen Interdependenz sogar noch gefördert.

Dies widerspricht in mehrfacher Hinsicht der intensiven Zentrierung auf das eigene Ich und der heute vermehrt deutlich erkennbaren Form der Selbstbeachtung und Selbstverwirklichung auf Kosten anderer (Vater, Moritz u. Roepke, 2018). Wunschkompetenz stellt stattdessen die Basis dafür dar, um sich selbst bewusst zu werden, was wünschenswert ist, um mit sich selbst zu einem Frieden zu kommen und glücklich werden zu können. Dabei wird uns auch bewusst, dass es sich bei den anderen ähnlich verhält. Hierfür findet der Soziologe Heinz Bude das passende Beispiel, in dem er die Aktion heranzieht, in der einem Bettelnden etwas gegeben wird. Er sieht die Motivation des Gebenden in dieser Situation darin, dass er über den Akt des Gebens Selbstachtung gewinnt (Bude, 2019). Das Verhalten ist daher nicht an die Norm gebunden, sondern entspringt dem eigenen Selbstverständnis, in bestimmten Lagen etwas zu teilen. Wenn der Wert des Teilens und Gebens in das Selbstkonzept integriert wurde, kann dieser als Motivationsbasis in der beschriebenen Situation wirken, ohne abhängig von der äußeren, gesellschaftlich geformten Norm zu sein, die lediglich eine Vorstellung vom Geben als erstrebenswertes Ziel postuliert.

Danach besteht bei der Empathie die Gefahr, dass sie in erster Linie dialogisch hergestellt wird und dadurch im Sinne der hierarchischen gesellschaftlichen Verhältnisse auch missbraucht werden kann, während solidarisches Handeln triadisch wirkt, dadurch dass es um etwas Drittes geht, das geteilt wird und die Beteiligten dadurch gemeinsam verbindet.

Bude verweist weiter darauf, dass der Weg der Solidarität heute nur über das Selbst geht, da das Gefühl des kollektiven Kontrollverlusts durch privatisierte Lösungen zurzeit das untergründig beherrschende Gefühl in allen westlichen Gesellschaften ist. Heinz Bude nimmt Bezug auf George Orwell, wenn er Gerechtigkeit im Sinne einer allgemein geteilten Anständigkeit (common decency) als etwas auffasst, das über Solidarität gebunden und moderiert wird, indem explizite Rechte an implizite Pflichten gebunden werden.

Dies erfordert eine Selbstentwicklung, die durch den Aufbau von Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl in der Lage und bereit ist, den sozialen Kontakt so zu gestalten, dass sich eine authentische Basis des Miteinanders entwickeln kann (Germer u. Neff, 2013; Reddemann, 2019; Sammet, Dammann u. Schiepek, 2015). Dies ermöglicht dann auch »gefährliche Begegnungen«, in denen die Person sich dem anderen aussetzt, ohne zu wissen, wie es ausgeht (Bisky, 2019; Bude, 2019). Um aus dem »Ich-Dreh«, d. h. aus der Angstspirale herauszukommen, sind diese »gefährlichen« Begegnungen nach Bude Schlüsselmomente, die, so Bisky, »eine notwendige Weiterentwicklung im aktuellen Kulturkonflikt zwischen Solidarität und Selbstverwirklichung ermöglichen« (Bisky, 2019).

So viel sei hier schon einmal gesagt: Ein geübter Zugang sowohl zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen als auch zu den emotionalen Situationen, die Ängste, Wutgefühle, Hass oder traumatische Erinnerungen auslösen, bildet eine gute Grundlage, um sich über das eigene Selbst bewusst zu werden. Sie weder zu verleugnen noch vor ihnen wegzulaufen, schafft die Basis für die Entwicklung des eigenen Selbst (Germer u. Neff, 2013). Dies stellt die Voraussetzung dar, um vom »Radar-Mensch[en]« der heutigen Postmoderne wieder zurückzufinden zu sich selbst und den inneren Kompass zu nutzen, um sich bewusst zu werden, was einem etwas bedeutet und gut tut (Bude, 2015, S. 156). Für den »Radar-Menschen« ist dagegen das äußere Mitmachen ohne eine innere Beteiligung charakteristisch. Durch dieses Verhalten entledigt er sich der Angst um sich selbst und reiht sich stattdessen in die konformistischen Strömungen ein (Bude, 2015).

Da die Person stets eine Vorstellung vom eigenen Selbst kreiert (Stierlin, 1994), entwickelt sie in Verdrängungssituationen auch eine Vorstellung von dem Selbst, das sie nicht sein will und von dem sie auch nicht will, dass andere es (er-)kennen. Und genau diese Aspekte der Seele verbannt sie in die Schattenwelt und hält sie vor dem eigenen Selbst verborgen. Dieses Phänomen lässt sich durch die Anwendung des FächerModells zur Selbstentwicklung gut illustrieren, wenn nach den eigenen Wünschen gefragt wird. Diese Fragen lösen vielfach zunächst Irritationen oder gar Schweigen aus, oder es wird mit einer Negation des Problems geantwortet wie z. B.: »Mein Wunsch ist, mich nicht mehr über … zu ärgern«.

Den Personen ist in diesen Momenten nicht bewusst, dass sie hiermit eben nicht ihren Wunsch ausdrücken, den sie erfüllen können. In der sprachlichen Negation »nicht« wird eine tiefere Blockierung deutlich, denn das Unbewusste kann die »Nicht«-Vorstellung nicht verarbeiten und integrieren. In diesem starren Zustand verstärkt sich das Problem und die Person fixiert sich mit dem Festhalten an dem Nicht-Wunsch auf ihren Ärger darüber, dass der dahinterliegende, noch unbewusste Wunsch nicht erfüllt ist und keine wirkende Veränderung das Starrsein löst (Petzold, 2017).

Gelingt es der Person, einen geeigneten Weg zu finden, sich ihrer eigenen Wünsche bewusst zu werden (vgl. Teil B), und entwickelt darüber die Fähigkeit, diese Wünsche sich selbst und den anderen gegenüber auszudrücken, so führt diese Kompetenz zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein, häufig verbunden mit der Reduktion von Scham sowie negativer Selbst- und Fremdverurteilung. Dieser Prozess geht oft einher mit einer wachsenden Bereitschaft, sich auch mit den schwierigen, »im Schatten« stehenden Aspekten auseinanderzusetzen (Jung u. Jung-Merker, 2011), um mit ihnen vertrauter zu werden. Je mehr die Person versteht, wie diese unterschiedlichen Aspekte in ihr arbeiten, und die Zusammenhänge begreift, umso größer wird das Potenzial des Mitgefühls für das eigene Selbst (Stichwort: Selbstfürsorge) wie auch für die anderen. (Reddemann, 2016)

An dieser Stelle sei explizit darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Wunschkompetenz sich nicht nur auf Einzelpersonen, sondern ebenso auf soziale Gruppen wie z. B. Teams oder Familien bezieht. In diesen Settings ist sowohl eine gute Beziehungsqualität als auch eine gemeinsame Aufgabenorientierung relevant. Diese Komponenten können kultiviert werden, indem Wünsche bewusst gemacht und ausgedrückt werden, sodass sich der Einzelne in der Gruppe und auch die Gruppe selbst einen Entwicklungsraum schafft. Dieser Raum wird erfüllt von der gegenseitigen Würdigung und dem Vertrauen, das in der bewussten Unterschiedlichkeit möglich geworden ist. Die Kompetenz, nicht im Problem stehen zu bleiben, sondern Wünsche äußern zu können, schafft die Voraussetzung zur Potenzialentfaltung bei jedem Einzelnen und in der Gruppe.