XXL-Leseprobe: Himmelsstürmer - Felix Baumgartner - kostenlos E-Book
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Beschreibung

1999 springt er von der Christus-Statue in Rio de Janeiro, 2003 fliegt er über den Ärmelkanal, 2007 stürzt er sich in Taiwan vom höchsten Bürogebäude der Welt. Mit diesen und vielen anderen Pioniertaten – umgesetzt unter haarsträubenden, teils illegalen Umständen – hat Felix Baumgartner unvergessliche Bilder geschaffen. Und doch waren diese Abenteuer nur Vorspiel zu einem Unternehmen von unvorstellbaren Dimensionen: sein Sprung aus 39 000 Meter Höhe, mit dem er als erster Mensch im höchsten freien Fall die Schallmauer durchbrach. Was treibt Baumgartner an? Was erlebt ein Mensch, der mit 1342 km/h minutenlang kopfüber auf die Erde zurast? Und wie bereitet man sich auf etwas noch nie Dagewesenes vor? Eins der größten Abenteuer des 21. Jahrhunderts und der persönliche Blick ins Innenleben der Mission Stratos.

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Dieses Buch ist allen Müttern dieser Welt gewidmet - weil eure bedingungslose Liebe und Hingabe für eure Kinder beispielhaft und grenzenlos ist und wir ohne euch nicht dort wären, wo wir heute sind.

Vorhergehendes Coverbild unter Verwendung von einer aus Tausenden von Kinderzeichnungen, die Felix Baumgartner zur Mission Red Bull Stratos aus der ganzen Welt erreicht haben.

XXL-Leseprobe der vollständigen E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

3. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96464-7

© Piper Verlag GmbH, München 2013 Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Umschlagabbildung: Jay Nemeth/ Red Bull Content Pool (erstes Cover), mit Dank an Emma, 6 Jahre (zweites Cover) Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Am tiefsten Punkt des höchsten Sprungs

Nachts um halb vier wird mir klar: Ich will nach Hause. Ich fahre jetzt von meinem Apartment in Santa Monica zum Flughafen, schaue, dass ich ein Ticket bekomme, und fliege heim nach Salzburg. Seit Wochen habe ich nicht mehr schlafen können, diese Nacht erst recht nicht, weil ich wusste: Morgen geht’s nach Brooks, San Antonio, Texas. Dorthin, wo all die Spaceshuttles getestet und die Astronauten trainiert worden sind. Da werde ich dann fünf Stunden in diesem Anzug aushalten und den Experten der Air Force zeigen müssen, dass ich es draufhabe. Und ich weiß genau: Ich habe es nicht drauf.

Was tun? Es gibt keine Lösung. Das ist nun der Tag, den ich so lange hinausgeschoben habe. Es gibt nur einen Ausweg: Flucht. Weg von hier, weg von dem Anzug, weg vom Team. Schon längst hätte ich der Mannschaft meine Angst beichten müssen. Dieses Riesenteam hat sich monatelang den Arsch aufgerissen, Tag und Nacht gearbeitet, alle haben an mich geglaubt. Und jetzt lasse ich sie fünf Minuten vor zwölf im Stich.

So etwas habe ich nie gemacht in meinem Leben. Ich habe mich immer meinen Dämonen gestellt, die Dinge nicht hinausgeschoben, sondern angepackt. Wenn es ein Problem gab, dann habe ich nach der passenden Lösung gesucht. Es ist das erste Mal, dass ich versucht habe, das Problem immer wieder wegzuschieben, in der Hoffnung, dass die Lösung irgendwann von selbst kommen würde. Jedes Mal bin ich geflüchtet und habe mir gesagt: Wenn du die Miete diesmal nicht zahlen kannst, zahlst du halt nächstes Mal. Aber ich wusste genau: Nächstes Mal wird’s nicht besser. Und irgendwann musst du die Miete zahlen. Genau das ist jetzt passiert.

Der Grund, aus dem ich vor 25Jahren mit dem Fallschirmspringen angefangen habe, ist dieses unvergleichliche Gefühl der Freiheit, wenn es dich beim Absprung runterzieht. Wenn ich gesprungen bin, dann am liebsten in Jeans und T-Shirt, manchmal mit einem Helm. Und jetzt? Rein in einen Anzug, dann einen Fallschirm drauf, der dreimal so groß ist wie ein normaler, noch zwei Sauerstoffflaschen dazu, das Chest Pack für die Datenaufzeichnung auf der Brust: Am Schluss war ich doppelt so schwer. Von Freiheit keine Spur. Es ist mühsam zu springen, macht keinen Spaß. Und ich musste alles von Grund auf neu lernen, weil das Zusatzgewicht und der Anzug mich blockierten. Ich stand da wie ein Anfänger, hatte keine Routine, kein Selbstvertrauen, wusste nicht, was auf mich zukam – und sprang trotzdem.

Ich war vom ersten Moment an professionell, was die ganze Kapseltechnik betrifft. Das Handling der Knöpfe, die Souveränität im Cockpit, die Emergency Procedures, die man auswendig wissen muss: Das habe ich immer perfekt und fehlerfrei gemacht, in Rekordzeit. Alle haben mich gelobt, dass ich mir so viele Dinge merken und unter diesen Bedingungen auch ausführen kann. Das ist genau mein Background: in kurzer Zeit immer richtig reagieren. Auf so etwas bin ich trainiert. Aber dieser Anzug! Das Selbstvertrauen, das ich immer hatte, sobald ich gut vorbereitet war, ich hätte es auch abrufen können, egal, wie viele Leute von der NASA zusehen: kein Problem – wenn der Anzug nicht gewesen wäre.

Das Projekt »Red Bull Stratos« ist jetzt drei Jahre alt. Gespürt habe ich das Problem mit dem Druckanzug immer wieder bei den Tests. Ohne den Anzug hätte ich dieses Projekt in vollen Zügen genießen können. Der gefährliche Teil des Projektes, der Entwicklungsteil, der technische Teil: Das wären alles schöne Sachen gewesen. Doch statt der Vorfreude auf einen Testsprung aus 10000Metern, dachte ich: Ich will nicht in diesen Anzug! Es war wie eine schwierige Prüfung, vor der man Angst hat. Ich wurde irrsinnig sensibel, reagierte auf Kleinigkeiten, die mir sonst nie Probleme bereitet hätten. Zum Beispiel hat mich das Licht in dem Raum gestört, in dem Mike Todd, der Anzugtechniker, mich immer angezogen hat. Ich habe zuvor nie über Licht nachgedacht. Und dann dieser Geruch! Der Helm hat eine Gummidichtung, die das Gesicht abschließt, und dieser Gummigeruch hat angefangen, mich extrem zu stören. Ich hatte an jedem Detail etwas auszusetzen, selbst an den Stimmen. Zum Glück hat Mike eine sehr ruhige, angenehme Stimme. Aber es gab andere Menschen, die reinkamen, und deren Stimmen fingen an, mich aufzuregen. Alles, was mit diesem Anzug verbunden war, hat sich irgendwann negativ aufgeladen. Es war klar, irgendwann würde ich kollabieren. Ich war gefangen in diesem Anzug, gefangen in der Tatsache, dass ich eigentlich der Held dieses Projektes sein sollte, in den vergangenen 20, 25Jahren immer meine Leistung erbracht habe, für viele in der Fallschirm- und Base-Jumping-Szene als Alleskönner bekannt war – und dann scheitere ich an der Hürde Anzug. Ich versage am Boden, nicht in 39Kilometern Höhe beim Sprung aus einer Kapsel am Rande des Weltalls. Was für ein Desaster!

Zwei Jahre lang habe ich mich und mein Team ausgetrickst. Ich habe immer geschaut, dass ich die Etappen im Anzug kurz halte. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn ich mehr Zeit darin verbracht, mich selbst gezwungen hätte: Heute mache ich eine ganze Stunde, auch wenn ich offiziell nur eine halbe Stunde drin sein muss. Aber ich habe es immer in die Gegenrichtung getrieben, geschaut, dass ich schnell rauskomme, mir Ausreden einfallen lassen. Das Team hat sich nichts dabei gedacht. Sie nahmen an: Wenn er ein Problem im Anzug haben sollte, dann schon in den ersten fünf Minuten. Das war bei mir nicht so. Ich habe mich nicht superwohl gefühlt, aber in den ersten zehn Minuten war es auch kein wirkliches Problem. Und viel länger hat das erste Mal nicht gedauert. Danach habe ich mir Tricks einfallen lassen wie: »Kann ich kurz das Visier aufmachen, um besser sprechen zu können?« Der schlimmste Moment ist nämlich, wenn der Helm geschlossen wird. Dann bist du in deiner eigenen Welt in diesem Anzug. Mit offenem Visier ist man weniger gefangen da drin. Ich habe mir gedacht: Irgendwann kommt der Tag, an dem ich den Anzug anlege und sage: Okay, easy. Dieser Tag ist leider nicht gekommen.

Und so packe ich nun nach der schlaflosen Nacht in Santa Monica meine Sachen, sperre das Zimmer ab und denke: Du verlässt jetzt alles, wofür du gearbeitet hast. 25Jahre lang habe ich mich indirekt für dieses Projekt vorbereitet. Jeder Sprung war ein Baustein, ein Teil des Ganzen. Ich steige ins Auto. Bestimmt 50Mal bin ich hier schon zum Flughafen gefahren, aber diesmal läuft es ab wie in Zeitlupe, wie in Trance. Ich nehme die Lichter in der Nacht ganz anders wahr. Ich fliege heim, lasse alles hinter mir. Ich kann nicht zurück, muss mir Luft verschaffen, ohne Rücksicht auf das, was ich damit auslöse. Ich muss jetzt mal an mich denken.

Ein Telefonat. Es ist immer einfacher, wenn man jemandem nicht in die Augen sehen muss. Ich sage: »Jungs, ich habe Probleme mit dem Anzug. Ich weiß, das kommt ein bisschen spät. Aber ich muss zurück nach Österreich, ich brauche mein gewohntes Umfeld: Eltern, Freundin, Menschen, bei denen ich mich wohlfühle.«

Hier sind im Laufe der Zeit alle zu Feinden geworden. Joe Kittinger, Art Thompson, die Leute, die für mich arbeiten: alles Feinde – weil sie mit meinem Problem zu tun haben. Weil sie wollen, dass ich fünf Stunden in diesem Anzug verbringe. Diese Folterknechte!

Pfannkuchen vom Vortag – wie ich Red-Bull-Athlet wurde

Das Headquarter des Weltkonzerns Red Bull liegt heute in Fuschl am See unweit von Salzburg. Dort arbeiten rund 500 der weltweit 9000 Angestellten am Erfolg des führenden Anbieters für Energy-Drinks. Zu Beginn der 1980er-Jahre, als der Konzern gegründet wurde, residierte Red Bull noch nicht am Fuschlsee, sondern in Salzburg in der Alpenstraße. Im oberen Stock der Berger Bank hatte Dietrich Mateschitz sein Büro. Kennengelernt habe ich den Mann, der 1944 in Sankt Marein in der Steiermark zur Welt kam und mit Red Bull die Welt der Energy-Drinks eroberte, über den Heeressportverein Salzburg. Dieser trägt heute den Namen HSV Red Bull Salzburg.

Mit dem Fallschirmspringen habe ich 1986 begonnen, mit 16Jahren, als Zivilperson beim Heeressportverein unter der Anleitung des Vereinschefs Roland Rettenbacher. Zwei Jahre später verpflichtete ich mich beim Bundesheer und kam nach einer Zeit als Panzerfahrer und Ausbilder ins hochprofessionell betriebene Leistungszentrum der Fallschirmspringer nach Wiener Neustadt. Neben dem Fallschirmspringen lernte ich dort auch Boxen, weil mir nach Dienstschluss oft langweilig war. Ich brachte es sogar zu einem Profikampf, am 5.August 1992 gegen einen Kroaten, der in der ersten Runde k.o. ging. Mein erster und bis heute einziger professioneller Kampf.

Ebenfalls 1992 veranstaltete Red Bull in Wien seinen ersten »Red Bull Flugtag«. Die Idee dieses verrückten Wettbewerbs, der bis heute jedes Jahr in einer anderen Stadt auf der Welt ausgetragen wird: Die Teilnehmer stürzen sich in selbst gebauten Fluggeräten von einer Rampe ins Gewässer. Bewertet werden Flugweite und Originalität des Geräts. Für den Flugtag in Wien suchte Red Bull damals nach Fallschirmspringern, die zu Beginn des Wettbewerbs auf der Rampe landen sollten. Die Suche führte den Konzern nach Salzburg, wo es zu dieser Zeit nur zwei Vereine gab: den 1. Salzburger Fallschirmspringerclub und den Heeressportverein, in dem ich Mitglied war. Meine Kameraden und ich mussten nicht lange überredet werden, wir machten beim Flugtag mit, landeten cool auf der Rampe, und Dietrich Mateschitz war so begeistert, dass er sich entschloss, unseren Verein zu unterstützen. Von der Summe, die er uns zur Verfügung stellte, konnten wir uns ein paar neue Fallschirme kaufen. Logisch, dass da Red Bull draufstand. Und von da an war ich einer der ersten Red-Bull-Sportler. Heute sind es 650Athleten und zahlreiche Mannschaften.

Als Maschinenschlosserlehrling verdiente ich damals 1550 Schilling im Monat – ein Fallschirmsprung kostete 150Schilling pro 1000Meter. An einem guten Vormittag sprang ich vielleicht vier-, fünfmal, da war die Hälfte vom Monatslohn schnell weg. Und wenn die anderen dann am Nachmittag fragten: »Springen wir noch mal?«, musste ich immer antworten: »Sorry, Jungs, aber heute ist erst der 14., ich hab noch ein bisschen was vor diesen Monat.« Zu dieser Zeit hatte ich wirklich eine Kriegskasse, die ich mir immer ganz knapp einteilen musste, wenn ich mal ein bisschen ausgehen wollte. Während alle anderen mit 16, 17 längst ihre eigenen Mopeds gekauft oder geschenkt bekommen hatten, fuhr ich immer noch mit dem Fahrrad herum.

Leisten konnte ich mir das Fallschirmspringen nur, weil meine Mutter ab und an ein bisschen Geld von meinem Vater abzweigte. Nicht Tausende von Schillingen, sondern hier und da mal 150Schilling. Immer mit dem Hinweis: »Das sagen wir dem Papa aber nicht.« Meine Mutter war für den Haushalt verantwortlich, fürs Putzen, Kochen, Waschen, fürs Kindererziehen – und für die Banküberweisungen.

Mein Vater verdiente als Einrichtungsberater gutes Geld, hatte aber nie Zeit, sich um finanzielle Angelegenheiten zu kümmern. Er ist ein extrem sparsamer Mensch, der für Sport nie viel übriggehabt hat. Sein Kommentar zu meinen Sprüngen lautete: »Wenn du das Geld zum Fallschirmspringen hast, kannst du es dafür ausgeben. Du solltest es aber besser sparen.«

Damals litt ich unter seiner Sparsamkeit, heute muss ich oft darüber lachen. Ich erinnere mich, wie mein Vater einmal mit einem Paar Schuhe auf dem Gepäckträger seines Fahrrads durch die Gegend fuhr, um einen Schuster zu finden, der sie neu besohlen sollte. Und wir sprechen hier nicht von einem Paar schicker handgenähter Lederschuhe, sondern von Billigtretern. Als er wieder zurückkam, klemmten seine Schuhe unberührt auf dem Gepäckträger.

»Was hast du denn jetzt so lange gemacht? Und wieso sind auf den Schuhen noch die alten Sohlen?«, fragte ich.

»Na ja, ich hab einen Schuster gefunden, der sieben Euro verlangt. Und ich habe mich an einen anderen erinnert, der macht es für fünf. Der hatte aber schon geschlossen.«

Er fuhr also zwei Tage mit seinem Paar Schuhe herum und hatte am Ende zwei Euro gespart.

*

Als ich mit 22Jahren, nach vier Dienstjahren, das Österreichische Bundesheer verließ, wollte ich einen Abschluss als Kfz-Mechaniker machen, spezialisiert auf Motorräder. Mit 18 hatte ich mir mein erstes Motorrad gekauft, eine Yamaha RD 500. Eine Unfallmaschine, die ich eigenhändig wieder herrichtete. Ich war damals bereits ausgebildeter Maschinenschlosser und schraubte für mein Leben gern an Motorrädern. Jetzt wollte ich es richtig lernen.

Ich heuerte bei einer Werkstatt an, der durch meine Mitarbeit keine Kosten entstanden, weil mich das Militär weiterhin bezahlte. So bekam ich die Möglichkeit, mich nach der Zeit beim Heer wieder an die Arbeitswelt zu gewöhnen. Lange sollte diese Episode allerdings nicht dauern.

Eines Tages, an einem Freitag, kam morgens ein Kunde mit seinem Motorrad in unsere Werkstatt und bat mich um einen kurzfristigen Servicetermin. Er wollte am nächsten Morgen um vier in der Früh mit seinen Freunden nach Griechenland fahren und hatte gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass auf der langen Fahrt sein Kilometerservice fällig geworden wäre.

Ich versicherte ihm, dass wir den Service übernehmen würden und er seine Maschine am selben Tag kurz vor Ladenschluss abholen könne.

Kaum war seine Maschine auf der Hebebühne, kam der Verkaufsleiter zu mir.

»Dem sein Motorrad machen wir heute nicht.«

»Aber der hat doch einen Termin.«

»Der Typ wollte sich neulich ein neues Motorrad kaufen und hat sich bei meinem Chef beschwert, weil ich ihm nicht genügend Prozente geben wollte. Und ich hab dann den Ärger bekommen.«

»Ich bin hier ja nur Auszubildender, aber der Typ möchte morgen mit seinen Jungs nach Griechenland fahren. Wenn der später kommt und die Maschine ist nicht fertig …«

»Dann ist das nicht dein Problem. Hau sie wieder runter von der Hebebühne!«

Ich konnte es nicht fassen. Dann hätte ich ihm doch lieber gleich keinen Termin gegeben. Ich konnte dem Mann doch unmöglich den Service versprechen und das Motorrad dann einfach stehen lassen. Das widersprach meinem Gerechtigkeitssinn, der bei mir aus irgendeinem Grund schon immer besonders stark ausgeprägt war. Als der Kunde dann am späten Nachmittag kam, musste ich erklären: »Wir hatten heute so viel Stress, ich bin nicht dazu gekommen.« Er wurde kreidebleich und begann, zu weinen wie ein kleines Kind. Sein Griechenland-Trip war seit Monaten geplant, und wenn er jetzt ohne Service einen Motorschaden bekäme, wäre die Reparatur nicht von der Garantie abgedeckt. Für ihn brach eine Welt zusammen. Ich lief zum Verkäufer, der sich in seinem Büro verschanzt hatte, und sagte zu ihm: »So, da kannst du dich jetzt selber drum kümmern. Der Servicetyp sitzt vorne in der Werkstatt und heult Rotz und Wasser. Das musst du ausbügeln.«

Der Verkaufsleiter ging zu ihm hin und sagte: »Wenn der Felix morgen um fünf Uhr in der Früh kommt und deine Jungs ein bisschen später losfahren, macht er dir den Service noch.«

Daraufhin bat ich den Verkäufer um ein kurzes Gespräch unter vier Augen.

»Okay, kein Problem. Ich komme morgen um fünf rein und arbeite an meinem sauer verdienten Wochenende. Aber ich stemple ein. Das sind Überstunden. Meine Dienstzeit geht von Montag bis Freitag.«

»Das soll der zahlen, wenn du schon extra kommst. Mach mit dem was aus«, entgegnete der Verkaufsleiter.

»Der Typ hatte heute einen Termin«, erwiderte ich, »und wir haben es nicht gemacht. Seine Kumpels fahren morgen nur wegen uns zwei Stunden später weg, und jetzt soll er auch noch einen Aufpreis zahlen.«

Am nächsten Tag habe ich den Service gemacht. Und dem Kunden keinen Zuschlag abgenommen.

Am Montag prüfte der Verkaufsleiter in der Früh als Erstes meine Stempelkarte und sagte: »Du hast ja abgestempelt.«

»Ja, logisch.« Und von da an steckte ich in der Schublade mit der Aufschrift: »Unbequemer Mitarbeiter«.

Es gab immer wieder Probleme. Mit jeder Woche wurde mir klarer, dass die Werkstatt ihre Kunden nach Strich und Faden betrog. Pro Tag wurden zwischen fünf und acht Motorradservices gemacht. Jeder Service dauerte ungefähr dreieinhalb Stunden. Acht mal dreieinhalb: Das macht 28Arbeitsstunden am Tag. Der hat aber nun mal nur 24Stunden. Und ein Arbeitstag sogar nur acht. Wenn wir Ventile einstellen mussten, sollten wir nur kurz horchen, ob ein Klappern zu hören war. Nein? Okay, passt. Abwischen, Motor sauber, fertig. Den Ölfilter haben wir teilweise gar nicht getauscht, sondern nur so gereinigt, dass er neu aussah – und die vermeintlichen Ersatzteile aufgeschrieben.

Ich habe immer gesagt: »Jungs, das ist eine Drecksnummer. Ihr verlangt einen Haufen Kohle. Das ist Betrug.«

Und dann kam uns ein ganz schlauer Kunde auf die Schliche. Er hatte auf die Batteriestopfen ein Haar gelegt und den Ölfilter markiert, vorher alles fotografiert und die Maschine zum Service gebracht. Beim Abholen sagte er dann: »So, schaut mal her: Das habe ich vorher fotografiert. Den Batteriestopfen so raus- und wieder reindrehen, ohne dass das Haar herunterfällt, das gibt es nicht. Und der Ölfilter ist nicht ausgetauscht worden, da ist noch die Markierung dran. Gar nichts habt ihr gemacht an meinem Motorrad!«

»Mach mal keinen Stress«, versuchte der Meister ihn zu beruhigen, »ich muss schauen, was der Lehrling da wieder verbockt hat.«

Doch dieses Mal spielte ich nicht mit.

»Wenn du mir das anhängst, dann seid ihr morgen in der Zeitung. Ich habe euch immer gesagt, dass ich den Scheiß nicht machen will, und ihr habt gesagt, ich soll die Klappe halten und meinen Job machen! Du kannst dir sicher sein, dass ich den ganzen Laden auffliegen lasse.«

Mein Meister wartete noch genau bis zu dem Tag, als meine Militärzeit vorbei war, dann wurde ich vor die Tür gesetzt: Danke und auf Wiederschauen.

Ich wäre gern Motorradmechaniker geblieben, aber mein Gerechtigkeitssinn, an dem ich ohne Rücksicht auf Verluste festhielt, machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Da stand ich also, ohne Geld und ohne Job. Um mir das Fallschirmspringen zu finanzieren, begann ich auf dem Bau zu arbeiten und Gelegenheitsjobs anzunehmen. Einer der Jobs war der des Paketausträgers bei einem namhaften Automobilhersteller, zweimal die Woche. Bald schon war ich dort geringfügig beschäftigt und verdiente ein Traumgehalt von 3650 Schilling im Monat! Richtig beliebt wurde ich, als in einem der Büros einmal irgendein riesengroßer Metallkasten verschoben werden musste, wofür keiner von den Angestellten kräftig genug war.

»Herr Baumgartner, könnten Sie nicht kurz den Kasten …?«

»Ja, logisch. Ärmel hoch und los!«

Ich kam mir vor wie der Typ in der Coca-Cola-Werbung, in der alle Sekretärinnen sich um halb eins ans Fenster ihres Großraumbüros begeben, um einen Bauarbeiter bei seiner oberkörperfreien Mittagspause zu bestaunen. »Herr Baumgartner, wollen Sie nicht noch einen Kaffee mit uns trinken?« In jedem Büro, in dem ich ein Paket abzugeben hatte, schäkerte ich zehn Minuten lang mit dem weiblichen Personal. Es war warm, ich hatte ein Dach über dem Kopf, und ab und zu durfte ich mit dem schicken Wagen der Chefin fahren, ihre Klamotten aus der Reinigung holen oder einen Ring vom Juwelier. Ich selbst fuhr damals nur einen uralten Mercedes-Bus. Der Job hat richtig Spaß gemacht.

Bis zu der Geschichte mit dem Buch.

Ich sollte ein Paket ausliefern, dessen Absender und Empfänger nicht zu entziffern waren. Nach kurzem Überlegen entschloss ich mich, das Paket zu öffnen und einen Blick auf das Begleitschreiben zu werfen, um herauszufinden, wer der Adressat war.

Statt eines Anschreibens lag ein Buch in dem Paket mit dem Titel »Die 1000 Fehler des«, gefolgt von dem Namen eines der meistverkauften Automodelle Europas. Was war das? Meine Neugierde war geweckt, und ich begann, in dem Buch zu blättern. Es war eine Art Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Kunden von Vertragswerkstätten. Wie konnte dieser oder jener Fehler des Autos einem gewöhnlichen Kunden erklärt werden? Bei welcher Art von kritisch versiertem Techniker kam man nicht umhin, den Fehler kostenlos beheben zu lassen? Und welche haarsträubende Geschichte konnte man hingegen einer alten, gebrechlichen Pensionistin erzählen? Das Buch war ein Meilenstein in meiner Persönlichkeitsentwicklung. So schaut das Leben also aus, dachte ich mir. Wenn du dich auskennst, kommst du zu deinem Recht. Wenn du gutgläubig bist, verkaufen sie dich für dumm.

Was ich in diesem Buch las, erinnerte mich sofort an eine Eigenschaft, die ich an meinem Vater immer besonders geschätzt hatte. Niemand konnte ihm je etwas vormachen. Wenn er etwas zu reklamieren hatte, ging er rein in den Laden und kam mit dem wieder raus, was er wollte. Meine Mutter hat sich in solchen Momenten geschämt, aber ich bin jedes Mal gern mitgegangen, stand neben meinem Vater, hab zugehört und gedacht: Stark!

»Du musst den Mund aufmachen und gut argumentieren. Nur rumschreien bringt nichts«, hatte mir mein Vater erklärt. Er hat nie geschrien, sondern mit erhobener Stimme gesagt, was Sache ist. Ich habe gemerkt, dass man zu seinem Recht kommen kann, auch wenn es mit Mühe verbunden ist. Das habe ich sicher von meinem Vater gelernt. Der war ein Meister darin.

Nach der Sache mit dem Buch zählte ich eins und eins zusammen und beschloss, meine Zukunft zielgerichteter in die Hand zu nehmen. Auch wenn das angesichts meiner angespannten finanziellen Situation zunächst noch bedeutete, dass ich zu einem Meister der Improvisation werden musste.

Ich hatte inzwischen das Fach gewechselt vom Fallschirmspringen zum B. A. S. E.-Jumping, dem freien Fall von Gebäuden (Building), Sendemasten (Antenna), Brücken (Span) und Felsvorsprüngen (Earth), im letzten Moment gebremst durch einen Fallschirm, der einen sicher zu Boden schweben lässt. Beim Fallschirmspringen ist dein Fallschirm darauf ausgelegt, etwa 800Meter über dem Boden geöffnet zu werden. Er ist so gepackt, dass er sich sanft, also verhältnismäßig langsam öffnet. Außerdem führst du einen Reserveschirm mit dir. Selbst wenn der Hauptfallschirm defekt sein sollte, hat man als Springer so relative Sicherheit.

Beim Base-Springen muss sich der Fallschirm wegen der geringeren Absprunghöhe deutlich schneller öffnen und den Fall viel rasanter bremsen. Deshalb ist der Fallschirm meist größer, um eine möglichst hohe Bremswirkung zu erzielen, und wird von einem Hilfsschirm aus dem sogenannten Base Rig auf deinem Rücken gezogen. Normalerweise gibt es keinen Reserveschirm, weil dir als Springer ohnehin keine Zeit bleiben würde, ihn zu öffnen. Bei besonders niedrigen Sprunghöhen wird der Hilfsschirm nicht im Rucksack gelassen, sondern bereits beim Absprung in der Hand gehalten. So lässt sich der Hauptschirm deutlich schneller öffnen.

Ich hatte mir vorgenommen, mit einer guten Videoaufnahme von einem meiner Sprünge in die »Red Bull Sports Compilation« aufgenommen zu werden, mit der jedes Jahr zur Weihnachtszeit die besten Projekte der besten Red-Bull-Athleten präsentiert werden. Die Filme auf der Compilation werden noch heute weltweit in Diskotheken, Gaststätten und an anderen öffentlichen Orten gezeigt.

Red Bull hatte damals noch keine eigenen Kamerateams, aber man konnte sich als Athlet eine Kamera ausleihen. Allerdings konnte ich mich mit dem Riesending schlecht selbst in der Luft filmen. Ich rief also meinen deutschen Kumpel Wolfgang di Ruggerio an, den ich beim Base-Springen kennengelernt hatte und der ein Schnittstudio besaß: »Kannst du mit nach Norwegen fahren? Ich zahle dir den Flug und das Essen, und du filmst mich. Verdienen tust du nichts, aber es kostet dich auch nichts.«

Wenig später saßen wir zusammen in einem Camp im Nirgendwo. Sprit und Essen, alles war sauteuer, weil es mit dem Schiff gebracht werden musste. Der Campbesitzer, Einar hieß er, sagte eines Morgens zu mir: »Ich mache immer diese Pfannkuchen, und die, die vom Vortag übrig bleiben, die kannst du haben. Kostet dich nichts.« Alte, vertrocknete Pfannkuchen? Mir war es egal. Hauptsache, ich hatte etwas zu essen. Ich begnügte mich also mit den Pfannkuchen vom Vortag, während Wolfgang neben mir saß mit einer riesigen Pizza. Ich machte die Sprünge und aß schlechter als der Kameramann, dem ich die Reise spendiert hatte, ein stattlicher Mann mit ordentlich Hunger, der sagte: »Sorry, aber die Pizza brauche ich selbst. Ich muss ja morgen wieder mit dir den Berg rauflaufen.«

Aber es war mir egal, wie viele alte Pfannkuchen ich essen musste, weil ich wusste: Ich komme mit coolen Aufnahmen heim und leite die nächste Phase meiner Sportlerlaufbahn ein. Und tatsächlich schaffte ich es in jenem Jahr in die Sports Compilation. Das Norwegen-Video wurde auf der ganzen Welt gezeigt. Es begann sich auszuzahlen, dass ich ein klares Ziel vor Augen gehabt und dafür getan hatte, was immer nötig war. Als im Abspann des Films das Namensverzeichnis aller Athleten über die Leinwand lief, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie schön es ist, dass mein Nachname mit einem B beginnt.

*

Einige Jahre nach dem Flugtag in Wien war bei Red Bull Raymond Dulieu fürs Marketing verantwortlich, der von der Tour de France kam. Ein Mann, mit dem ich mich irrsinnig gut verstanden habe. Er lud alle Fallschirmspringer und mich zu seiner Geburtstagsfeier nach Fuschl ein. Ich hatte mir vorgenommen, ihm auf der Party von dem Plan zu erzählen, an der Base-Jumping-Weltmeisterschaft in den USA teilzunehmen, dem legendären Bridge Day in Fayetteville, West Virginia. Als wir auf der Party ins Gespräch kamen und ich Dulieu von meiner Absicht erzählte, sagte er:

»Du willst also professionell mit Base-Springen anfangen? Dann brauchst du einen ordentlichen Schirm!«

»Ach, ich leih mir wieder einen aus«, antwortete ich.

»Nein, ich zahl dir einen Schirm. Was kostet der?«

»3000 Mark oder so.«

»Okay, kein Problem. Du bekommst einen Helm von uns, und den Schirm zahle ich.«

Doch kurz vor dem Wettbewerb verließ Dulieu die Firma, um für die Champions League zu arbeiten. Als Verantwortlicher für das Sportsponsoring folgte Thomas Überall auf ihn, der nicht viel übrighatte für Base-Jumper. Als es darum ging, ob mir Red Bull das Flugticket zum Bridge Day zahlen würde, meinte er: »Wir sponsern doch schon deinen Verein. Wenn du dich von einer Brücke runterschmeißen willst, hat das mit dem klassischen Fallschirmspringen nichts mehr zu tun. Das können wir nicht bezahlen.«

Ich war schon kurz davor, die Reise abzublasen. Doch wenige Tage vor dem Wettbewerb erwirkte mein Verein per Vorstandsbeschluss eine Ausnahmeregelung und bezahlte mir das Ticket nach West Virginia. Zurück kehrte ich als Base-Jumping-Weltmeister 1997.

Heute verstehe ich mich sehr gut mit Thomas Überall, aber am Anfang haben wir uns überhaupt nicht gemocht. Für unsere erste Sponsoringverhandlung nach seiner Bridge-Day-Absage hatte ich von Wolfgang di Ruggiero ein eigenes Video meiner Sprünge anfertigen lassen. »Wolfgang, ich hab da nächste Woche ein Gespräch mit dem neuen Marketing-Verantwortlichen bei Red Bull«, hatte ich zu ihm gesagt, »es geht um ein bisschen Sponsoring. Ich brauche ein ordentliches Themenvideo.« Ich brachte ihm alles an Material, was ich gesammelt hatte, und sagte: »Machen wir was Cooles draus!«

Mit Wolfgangs Video, für das er nur die Hälfte des üblichen Honorars verlangt hatte, ging ich voller Stolz zu Thomas. Er schaute sich den Film an, während ich wiederum ihn gespannt anschaute. Nach dem Ende des Films schwieg er ewig und sagte dann endlich: »Du, brauchen wir das überhaupt bei Red Bull?«

Ich war inzwischen überall runtergesprungen, bestärkt durch meinen guten Draht zu Raymond Dulieu, der mir damals einen neuen Schirm gekauft hatte: Alles lief wie am Schnürchen, ich war auf den richtigen Zug aufgesprungen. Und nun kam Thomas, der dem Base-Springen kritisch gegenüberstand, schaute sich mein Video an, für das ich meine letzte Kohle ausgegeben hatte, und sagte: »Brauchen wir das überhaupt?« Er müsse es sich noch überlegen. Na bravo.

Für die nächste Verhandlungsrunde mit Thomas holte ich mir Verstärkung: Hans Huemer, meinen damaligen Fallschirmlehrer. Ich erinnere mich noch genau daran, was ich bei unserem Telefonat vor dem Treffen zu ihm sagte: »Hans, ich hab bald meine nächste Verhandlung mit Red Bull. Kannst du da mitkommen? Du bist Geschäftsmann und kannst besser quatschen als ich. Ich fühle mich da unsicher.«

Wenig später trafen wir uns zu dritt in einem Gasthaus am Mondsee. Mein Sponsoringwunsch damals: 100000 Schilling im Jahr – heute rund 7000Euro – und ein neuer Fallschirm. Nach langem Hin und Her hatten wir Thomas überzeugt: »Okay, machen wir.« Ein paar Wochen später schickte ich ihm die Rechnung – und prompt rief er zurück:

»Felix, du hast da eine Rechnung geschickt über 100000 Schilling. Wir haben aber nur 50000 ausgemacht.«

Darauf ich: »100000 Schilling im Jahr und einen neuen Fallschirm, das weiß ich ganz sicher.«

»50000 Schilling, 100000 war überhaupt nie ein Thema«, konterte Thomas.

Stocksauer rief ich Hans Huemer an:

»Hans, was haben wir mit Überall ausgehandelt?«

»100000 Schilling.«

»Der sagt jetzt 50000.«

»Ja, spinnt der? 100 und einen Fallschirm.«

»Genau, Mensch, bin ich froh, dass du dabei warst. Hab schon gedacht, ich bin schizophren oder so was.«

Ich rief erneut Thomas an:

»Du, der Hans hat das auch gehört.«

»Da müsst ihr euch alle beide täuschen. Ich bin mir ganz sicher! 100 habe ich nicht in meinem Budget. 50, mehr kann ich dir nicht zahlen.«

Ich war so was von angefressen! 100000 Schilling dividiert durch zwölf Monate war ohnehin ein schwacher Monatslohn, aber für mich trotzdem ein guter Start, für den ich sehr dankbar war. Im Kopf hatte ich diesen schon für meine Projekte verplant. Und dann konnte sich dieser Typ plötzlich an nichts mehr erinnern! Mein erster Gedanke war: So, jetzt rufe ich bei Herrn Mateschitz persönlich an! Ich wusste, ich war im Recht, und mein alter Gerechtigkeitssinn meldete sich zurück. Wenn mir in diesem Moment jemand gesagt hätte: »Nimm die 50000! Wenn du jetzt dem Chef einen Brief schreibst, dann sind die vielleicht auch noch weg, wenn’s blöd läuft.« Dann hätte ich geantwortet: »Das interessiert mich nicht. Dann bin ich halt wieder weg vom Fenster. Aber wir haben 100000 ausgemacht.« Mit Ungerechtigkeit kann ich einfach nicht umgehen – und ich kann ziemlich stur sein.

Ich schrieb also einen Brief an Dietrich Mateschitz und rief seine damalige Sekretärin an: »Du, ich habe einen Brief an Herrn Mateschitz geschrieben, möchte aber, dass er den persönlich bekommt. Kannst du bitte schauen, dass das klappt? Nicht, dass den jemand anderes liest.« Ich gab den Brief auf, und zwei Tage später rief mich Thomas an und bestellte mich nach Fuschl. Als ich bei ihm im Büro eintraf, sah ich meinen Brief an Herrn Mateschitz bei ihm auf dem Schreibtisch liegen. Zuerst dachte ich: Jetzt rufe ich extra im Vorzimmer des Chefs an, und dann landet der Brief doch direkt bei Thomas Überall. Und er liest ihn auch noch, bevor er zum Chef geht. Dann wurde mir klar, dass ich gerade wieder eine wichtige Lektion fürs Leben gelernt hatte: Wenn’s ums Geld geht, kannst du keinem trauen.

Ich ging in die Offensive und fragte Thomas, was für ein Spiel er spiele: »Wir haben 100000 Schilling ausgemacht. Der Huemer Hans war dabei und kann es bezeugen. Also liegt der Fehler bei dir. Das muss ich dir leider so sagen – und jetzt gehe ich rüber zu Herrn Mateschitz. Ich habe schon so viel gemacht für die Firma. Ich habe mich immer bemüht, war immer korrekt. 100000 Schilling finde ich gerechtfertigt für meine Leistung.« Es ging eine Weile hin und her, bis Thomas schließlich sagte: »Gut, das machen wir jetzt so. Aber in Zukunft ist dieser Schreibtisch hier deine erste Anlaufstelle und nicht der da oben.« Ein erzwungenes Budget war natürlich alles andere als ein Traumstart für unsere künftige Zusammenarbeit.

Bei unseren Jahresgesprächen waren Thomas und ich gleichermaßen froh, wenn ich wieder draußen war. Die Chemie stimmte einfach nicht, und ich hatte wenig Lust, die nächsten fünf oder zehn Jahre so weiterzuarbeiten. Also blieb ich bei einem unserer Gespräche am Ende einfach sitzen und sagte: »Schau her, wir haben keinen guten Start gehabt, das ist beschissen gelaufen. Aber ich habe nichts angestellt und habe mir nichts vorzuwerfen. Du siehst es sicher genauso für deine Seite. Aber wir können nicht so weitermachen. Du bist kein großer Fan von mir, ich kein großer Fan von dir. Wir können jetzt beide eine Spur nachgeben und Spaß haben. Oder wir lassen es bleiben.« Das war der erste Schritt in die richtige Richtung.

Wenig später hatte Thomas die Idee, dass jemand vom höchsten Gebäude der Welt springen sollte, von den Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Im Gespräch für das Projekt waren der Schweizer Ueli Gegenschatz, der Amerikaner Frank Gambali und ich. Den Ausschlag gab schließlich Thomas, der meinte, dass es, wenn schon jemand runterspringt, ein Österreicher sein solle. Der Sprung wurde das erste gemeinsame Projekt von Thomas und mir und ein großer Erfolg. Auf der ganzen Welt gab es Titelseiten für den Sprung und für Red Bull. Noch im selben Jahr sprang ich von der Cristo-Redentor-Statue in Rio de Janeiro, ein Projekt, das Thomas und ich gemeinsam am Schreibtisch ausgeklügelt und umgesetzt hatten. Das war der Durchbruch unserer Zusammenarbeit, weil wir jetzt wussten: Wir zwei sind gut, wir sind beide Profis.

Natürlich war Geld der Anlass für die Diskussion mit Thomas, aber mir ging es dabei mehr um Gerechtigkeit und Ehre, so altmodisch das klingen mag. Meine Offensive hätte auch ins Gegenteil umschlagen können. Ich kannte Dietrich Mateschitz zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht richtig und wusste nicht: Hilft er im Zweifelsfall eher dir oder dem Überall? Die meisten Firmenchefs halten zu ihren eigenen Leuten, Dietrich Mateschitz war da wahrscheinlich nicht anders, dachte ich mir damals. Er hätte also auch sagen können: »Wenn du glaubst, du musst Briefe schreiben und Mitarbeiter denunzieren, dann hast du nicht die Charaktereigenschaften eines Red-Bull-Athleten.« Dann hätte ich meinen Schirm und Helm am Empfang abgeben können.

*

Mein erstes persönliches Treffen mit Dietrich Mateschitz werde ich so schnell nicht vergessen. Beim Red-Bull-Flugtag in Berlin 1997 sah ich ihn in einiger Entfernung auf mich zukommen. Eine freundliche Erscheinung, ein charismatischer Mensch, dachte ich mir und überlegte: Sage ich gleich Du oder Sie? Wenn ich mit Du anfing, und er machte mit, dann war ich mit dem Chef von Red Bull per Du. Das wäre cool gewesen. Aber ich war mir nicht sicher. Mit jedem Schritt, den er auf mich zukam, ging mir ungefähr siebenmal durch den Kopf: Eigentlich kannst du ja Du sagen. Ich bin Sportler, habe schon einiges für das Image seines Unternehmens gemacht. Ich glaube nicht, dass er damit ein Problem hat. Und dann würden alle anderen Leute sagen: »Was? Du bist mit dem Dietrich per Du?« Schlecht wäre aber die Antwort gewesen: »Hey Junge, hör mal zu, beruhige dich wieder. Bloß weil du ein paarmal irgendwo runtergesprungen bist, sind wir noch lange nicht per Du.« Ich glaube, die Entscheidung fiel in dem Moment, als er die Hand ausstreckte, Ding, Ding, Ding, Ding, und dann wie beim langsam ausrollenden Millionenrad Tack, Tack, Taaaack: »Servus, griaß di.«

Da war klar, das passt.

Die Chemie zwischen Dietrich Mateschitz und mir war von Anfang an gut. Ich brachte ihm großen Respekt entgegen, und er war genauso freundlich und charismatisch, wie er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Ein weiterer Grund, dass wir gut miteinander auskommen, ist sicherlich, dass ich ihm nie auf den Wecker gegangen bin. Ich hatte zwar von Beginn an seine Telefonnummer, aber ich habe in meinem ganzen Leben nur selten gesagt: »Du, Didi, jetzt brauche ich was.« Also nicht: »Dietrich hier, Dietrich da. Kannst du nicht mal? Mein Freund und ich bräuchten …« Ich habe als Red-Bull-Athlet von Beginn an versucht, möglichst autark zu agieren. Ich freue mich immer, wenn ich Dietrich Mateschitz begegne, aber ich muss nicht unbedingt auf seiner Insel Urlaub machen. Ich will nicht in ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis geraten: O Mann, jetzt muss ich dies oder jenes machen. Dabei will ich das vielleicht gar nicht. Aber er hat schon so viel für mich getan … Schließlich werden die meisten Gefallen im Leben retour verrechnet.

Mit Red Bull als Partner kam endlich das nötige Geld, das ich zuvor nie gehabt hatte. Mir war aber auch klar, dass ich mir für meine Base-Jumps echte Highlights suchen musste, damit dies auch so blieb. Irgendwo runterzuspringen ist eine Geschichte. Aber von weltweit bekannten Objekten zu springen, das ist eine ganz andere. Ich habe als Base-Jumper früh angefangen, mir bewusst solche Wahrzeichen auszusuchen. Es galt, etwas Einzigartiges zu finden. Und sich nicht zu verstecken.

In den Sprungvideos waren seinerzeit die Augen der Akteure verpixelt, und sie sprachen, wenn überhaupt, mit verzerrter Stimme und dem Rücken zur Kamera. Zu sagen, dass die Base-Springer in einer rechtlichen Grauzone bewegte, wäre stark untertrieben. Die meisten Sprünge waren schlichtweg illegal. Alles geschah unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. »Hey, ich kann dich schon mal mitnehmen, aber du weißt, dass du nicht erzählen darfst, dass wir da in der Nacht von dieser Brücke runterspringen. Sonst wird das die Polizei erfahren.«

Ich entschloss mich, einen neuen Weg zu gehen. Wenn ich etwas mache, was alle sehen sollen, dann verstecke ich mich nicht. Außerdem nahm ich mir vor, meine Projekte grundsätzlich anders anzupacken als die übrigen Springer. Wenn ich es mit der Formel 1 vergleiche: Ich wollte nicht nur der Fahrer sein, sondern zwei, drei Jobs hinzunehmen. Der Formel-1-Pilot entwickelt mit, arbeitet am Design des Autos, führt und motiviert das Team. Das erweitert den Arbeitsbereich und das Blickfeld. Ich stellte meine Projekte auf eine professionelle Basis, wusste immer genau, was ich tat, plante alles sorgfältig und langfristig und wurde so mit den Jahren zum Risikomanager meiner selbst.

Zurück im Mission-Modus

Art Thompson versucht am Telefon gar nicht erst, mich zum Umkehren zu überreden. »Warte, ich komme!«, ist alles, was er sagt. Er weiß, es ist zwecklos. Als er ankommt, ist Richard Ungerhofer an seiner Seite, mein Freund und meine rechte Hand, der in den letzten Jahren so viel für mich organisiert und koordiniert hat. Gemeinsam versuchen Art und er, das verheulte Elend vor ihnen in der Schalterhalle am Flughafen von Los Angeles wieder aufzurichten. Mein persönliches Tröstkommando. »Kein Problem, Felix. Ich verstehe das«, sagt Art. »Der Druck ist einfach zu groß für dich. Mach dir keinen Kopf.«

Für den Leiter eines so gigantischen Projekts wie Red Bull Stratos ist Art ein extrem menschlicher und emotionaler, fast weicher Typ. Einer, der in dieser schwierigen Situation nie auf die Idee käme, zu fluchen oder zu kritisieren, sondern einfach für mich da ist, mich adoptiert. Er sagt nicht: »Hey, bist du wahnsinnig? Was glaubst du, wie viele Leute jetzt rumstehen und auf dich warten?«, sondern: »Du bist der Profi, und was immer deine Entscheidung ist, wir machen das Beste daraus. Ich hab schon telefoniert. Wir machen alles planmäßig. Den nächsten Anzugtest in Brooks können und wollen wir nicht mehr absagen. Aber ich habe mit Robert Rowe einen Air-Force-Piloten gefunden, der für dich einspringt, damit wir zumindest wissen, ob die Kapsel und die Systeme unter realen Bedingungen funktionieren. Stratos läuft also inzwischen weiter. Du fliegst nach Hause und schaust, wie du dein Problem löst.« So souverän reagiert kein anderer Chef auf der ganzen Welt! Und das morgens um sechs! Das ist genau das, was ich jetzt brauche: einer, der den Druck rausnimmt, einer, der mir Luft zum Atmen lässt. Endlich Luft.

In der Schalterhalle des International Airport von Los Angeles wird mir klar: Manche Dinge im Leben kannst du nicht erzwingen. Manchmal braucht es den Mut, zu sagen: Okay, jetzt nehmen wir das Gas raus, und das, was wir jetzt verlieren, holen wir später wieder auf. Je mehr Druck du machst, desto schlimmer wird es. Druck erzeugt Gegendruck, das steht fest.

Art hat diesen Zusammenhang erkannt und baut mir sogar eine Brücke: »Wir können das Ganze auch abblasen, Felix. Wir können sagen: Der Arzt hat dich gecheckt und Herzrhythmusstörungen entdeckt. Du hast halt einfach Probleme mit dem Herzen, von denen vorher niemand wusste.«

»Thanks for the offer, but no, thanks. Das ist für mich keine Option. Wenn das jetzt meine Grenze ist, dann habe ich sie eben erreicht. Dann war es halt dieser blöde Anzug. Aber nie im Leben erzähle ich irgendeine Geschichte mit Herzproblemen, um da wieder rauszukommen.«

Ich hoffte, dass man mich verstehen würde. Okay, bis hierher und nicht weiter. Er hat seine Grenzen gesucht, jetzt hat er sie gefunden. Und es war nicht das, was wir alle geglaubt haben. Es war nicht die tiefste Höhle oder der höchste Sprung. Es war nicht der Überschall. Es war der Anzug.

Als ich als Nächstes Christopher Reindl bei Red Bull in Salzburg anrufe und meine Geschichte erzähle, sagt mein Ansprechpartner bei Red Bull für das Stratos-Projekt: »Komm nach Hause. Dann reden wir über alles.« Bevor ich in die Maschine Richtung Österreich steige, sage ich zu Art und Richard: »See you, guys. Bis irgendwann!«

»Are you coming back?« Ich weiß es nicht.

*

Elf Stunden lang sitze ich im Flieger, eine Boeing 747, elf Stunden Zeit, mich zu sortieren. Elf Stunden Ruhe. Ich sehe die Welt wieder von oben und weiß: Ich muss jetzt erst einmal nicht mehr in den Druckanzug rein. Das ist das Wichtigste. Ein großer Stressfaktor ist weg. Ich habe lediglich eine Prüfung absagen müssen, sonst nichts. Gott sei Dank! Und je näher ich meiner Heimat komme, desto besser wird meine Stimmung. Ich weiß: Da ist meine Familie, da sind meine Freunde und vor allem meine Freundin Nicole. Schon über dem Atlantik schlägt mein Stimmungsbarometer um: von »Das ist vorbei, ich schaffe es nicht!« zu »Jetzt schauen wir mal, ob es nicht doch eine Lösung gibt«. Als ich in Salzburg lande, bin ich schon raus aus dem Fluchtmodus und wieder voll auf Mission: Was kann ich unternehmen? Stratos weg, Springen weg, Anzug weg: Wie bekomme ich meinen Kopf wieder in die richtige Richtung gedreht? Jetzt muss es erst mal nur um mich gehen, nicht um Medien und Marketing, nicht um Entwicklungen und Tests. Jetzt geht es um den Kopf von Felix Baumgartner, um den Menschen selbst.

Ich bin ein Wettkämpfer. Einer, der die sportliche Herausforderung kennt und liebt. Doch jetzt war die Herausforderung keine sportliche, sondern eine mentale: Wie komme ich aus meinem Anzugproblem raus? Im Prinzip gehe ich das Problem ähnlich an wie mein Vater den Besuch bei einem Elektronikfachhändler, bei dem er etwas reklamieren will. Ich nehme mir vor, dass ich mit dem rauskomme, womit ich rauskommen will. Ich will mein Anzugproblem lösen und am Ende als Sieger dastehen, mit der neuen Kaffeemaschine.

In Salzburg holt mich Christopher vom Flughafen ab. Wir setzen uns in das Café des Hangar 7, jenes Kunstwerks aus Glas und Stahl, das Red Bull in Salzburg gebaut hat.

»Wie geht es dir jetzt? Willst du weitermachen?«, fragt Christopher mich, die Situation analysierend. »Es liegt an dir. Wir haben zwar viel Zeit und Geld investiert, aber das ist nicht so wichtig. Wenn du es nicht machen kannst, kannst du es nicht machen. Du musst signalisieren, dass du zu hundert Prozent fit und stark bist, sonst lassen wir es. Schließlich stehen der Name Red Bull und eine Menge Reputation dahinter.« Ich versichere ihm, dass ich auf alle Fälle weitermachen will, dass ich nur meinen Kopf freibekommen muss. Allerdings hätte ich keine Ahnung, wie das zu schaffen sei. Doch Christopher ist schon aktiv gewesen, während ich noch im Flugzeug saß. Er hat Kontakt mit Bernd Pansold aufgenommen, dem obersten Leistungsdiagnostiker aller Red-Bull-Athleten. Er ist der Chef des DTC, des »Diagnostics & Training Center« in Thalgau, das Dietrich Mateschitz für die Red-Bull-Athleten hat bauen lassen. Er hat sich gesagt: Ich zahle den Sportlern viel Geld, und trotzdem sind sie oft nicht optimal betreut. Da baue ich doch lieber mein eigenes Trainingszentrum. Und so hat er eine Institution geschaffen, die ihresgleichen sucht. Das Zentrum in Thalgau gibt den Athleten die Möglichkeit, zu trainieren, mit einem zusätzlichen Komplettservice an Leistungsdiagnostik und Betreuung. Es gibt dort einfach alles: Fitnessstudio, Ergometer, Laufbänder, Fahrräder, Physiotherapeuten, Psychologen, Sportmediziner, Sportwissenschaftler, Gesundheitschecks, Betreuung. Red-Bull-Sportler wie Lindsey Vonn, Andreas Goldberger und Sebastian Vettel machen hier Tests, Therapien oder kommen nach Verletzungen zur Reha.

Der Leiter des Zentrums kennt den menschlichen Körper so gut wie sonst nur wenige. Ich habe Bernd Pansold davor noch nicht persönlich getroffen, hoffe aber, dass er mir helfen kann. Ich habe überhaupt Thalgau bisher noch nie genutzt, sondern immer einen eigenen Trainer beschäftigt.

Christopher erklärt mir, dass Pansold mich durchchecken wolle, körperlich und geistig. Damit wir mal den Ist-Zustand von Felix Baumgartner einschätzen können. Ich bin skeptisch, willige aber ein. Ich fahre die paar Kilometer rüber nach Thalgau ins DTC und werde den ganzen ersten Tag Fitnesstests, Leistungstests und psychologischen Tests unterzogen. Bei den meisten schneide ich nicht gut ab. Ich war nie ein Ausdauersportler, sondern immer nur Sprinter und Kraftmensch. Dementsprechend mies sind meine Ausdauerwerte. Ein Fest für einen Leistungsdiagnostiker, der schon die besten Athleten der Welt betreut hat. Ein Schlachtfest. Jahrelang hat sich der Herr Baumgartner nicht bemüßigt gefühlt, sich hier blicken zu lassen, hat wohl geglaubt, er habe das nicht nötig, anders als alle anderen Red-Bull-Stars. Pansold hört mir zu, als ich ihm zu erklären versuche, dass nicht die Ausdauer mein Problem sei. Aber nur aus Höflichkeit. Er wirkt auf mich wie ein Richter, der sich zwei Stunden lang eine Verhandlung anhört, aber schon in der ersten Minute sein Urteil gefällt hat.

Also unterziehe ich mich auch an den Folgetagen seinen Tests, und am Ende eines jeden Tages haut er mir seine Diagnose um die Ohren: »Zahlen lügen nicht. Wenn du körperlich nicht fit bist, hast du auch schneller Stress.« Schlechte Ausdauer gleich geringe Stressresistenz. Das stimmt natürlich bis zu einem gewissen Punkt. Aber Stress ist nicht gleich Stress. Sonst wäre jeder Ausdauersportler der perfekte Kandidat für Stratos: Der sitzt dann zehn Stunden im Anzug und sagt sich: Gott, wie langweilig! Das ist aber nicht so. Da kommen noch viel mehr Komponenten ins Spiel. Was ich an Pansold vermisse, ist die Begabung, Dinge individuell zu erkennen und zu entscheiden: Was braucht dieser Athlet jetzt wirklich? Früher, als er noch in der DDR gearbeitet hat, hat vermutlich keiner genauer nach den individuellen Bedürfnissen gefragt. Ebenso wenig wie heutzutage im chinesischen Spitzensport: Da geben die Eltern die Kinder mit drei Jahren in der Kaderschmiede ab, in der Hoffnung, dass sie zehn Jahre später olympisches Gold holen. Dort gibt es genau eine Trainingsmethode, und diese Methode wird bei allen angewendet, egal, welche Sportart, egal, was für eine Persönlichkeit der Athlet besitzt. Wer zu schwach ist, fällt aus dem System, und dann heißt es, der Nächste, bitte.

»Ich kann dir helfen«, versichert mir Pansold nach einer Woche Ausdauertraining. »Wir können dich da nicht rauflassen, bevor wir nicht die richtigen Ergebnisse haben. Das bist du deinem Partner Red Bull schuldig. Und dir selbst.« Eine klare Ansage: Red Bull hat das Projekt ins Leben gerufen, mitgestaltet, mir vertraut und hat jedes Recht, von mir die bestmögliche Vorbereitung zu verlangen. Wenn es schiefgeht, kann er zumindest sagen: »Wir haben alles Menschenmögliche getan und Felix für gut befunden. Trotzdem ist er in einer Höhe von 34000Metern durchgedreht, hat die Tür der Kapsel aufgemacht, seinen Helm geöffnet und ist leider gestorben.« Mir bleibt keine Wahl, ich muss dieses Training mit Pansold durchziehen, wie auch immer es ausgehen wird.

Wie fit muss ich sein, um einen Überschallflug vom Rande des Weltalls zu überstehen? Wenn du einen Marathon laufen willst, gibt es Trainingswerte, die du vorher erreichen musst, sonst schaffst du es nicht. Aber wie fit muss jemand sein, um in 39000Metern auszusteigen und Überschall zu fliegen? Einer, der es wissen muss, ist Joe Kittinger, der ehemalige U.S.-Air-Force-Pilot, der sich im August 1960 als erster Mensch aus einer Höhe von 31000Metern mit einem Fallschirm in die Tiefe stürzte.

Bei einem seiner Sprünge verlor er kurzzeitig das Bewusstsein, weil er begann, sich im Fall zu drehen. Wenn man dabei eine gewisse Rotationsgeschwindigkeit überschreitet, hat das Blut nur eine Möglichkeit, den Körper zu verlassen, und sucht sich die schwächste Stelle im Körper: deine Augen. »Negativ G« heißt dies, es drückt dir das Blut in den Kopf, »positiv G« heißt, das Blut geht in die Beine. Da verträgt der Mensch relativ viel. Da wird es dann im Kopf blutleer, darum wird dir schwarz vor Augen: der sogenannte Blackout. Wird das Blut mit irrsinniger Kraft in den Kopf gepresst: der Redout, und da ist der Mensch besonders empfindlich. Wenn es noch schneller wird von der Umdrehungszahl, kann es sogar passieren, dass sich das Gehirn vom Gehirnstamm löst. Damit so etwas nicht passiert, hatte Luke Aikins, unser Skydiving Consultant, ein Gerät entwickelt: einen G-Messer, der permanent die Umdrehungsgeschwindigkeit misst. Den haben wir auf 3,6 G eingestellt. Wäre ich sechs Sekunden lang über diesem Wert, würde der Bremsfallschirm auslösen und mich aus dem sogenannten Flat Spin rausreißen. So die Theorie. Ich hänge dann am Schirm, wenn es gut geht, komme ich wieder runter, und mein Leben ist gerettet.

Als ich Joe bei unserem ersten Treffen im Jahr 2008 nach seiner Vorbereitung gefragt hatte, lautete seine Antwort: »Wir sind im Kasernenhof Runden gelaufen und fertig.« Kittinger hätte vor seinem Stratosphärensprung wahrscheinlich noch schlechtere Werte gehabt als ich.

Also sage ich eines Tages zu Pansold: »Ich verstehe dich. Aber ich teile nicht deinen Standpunkt. Was ist das Ziel? Ich mache einen Eingangstest, aber wichtiger ist doch das Ergebnis beim Ausgangstest. Wegen der Deadline für die Tests in Brooks bleibt uns nur noch wenig Zeit zum Trainieren. Was müssen wir bis dahin erreicht haben?«

Natürlich will Pansold keine Zahl festlegen. Wie auch? Ich weiß aber, dass ich trotzdem irgendwie ans Ziel kommen und die Vorgaben von Red Bull, die das Projekt ins Leben gerufen und finanziert haben, erfüllen muss. Und wenn es dann nicht funktioniert, habe ich immerhin alles versucht.

Ich komme in der Früh um neun, ich mache genau das, was Bernd Pansold mir vorschreibt. Jeden Tag werde ich einem Laktattest unterzogen! Laktat, ein Milchsäurebestandteil, wird bei anaeroben Muskelaktivitäten in das Blut abgegeben. Mit wachsendem Leistungsniveau steigt der Laktatgehalt im Blut an. Diesen Anstieg zeichnet man während einer Trainingsphase auf, wofür am Ende einer Leistungsstufe Blut entnommen wird. Meistens am Ohrläppchen. Die Ohren tun mir schon weh vom täglichen Stechen. Vormittags Radfahren, nachmittags Mentaltraining oder umgekehrt. Das ist extrem anstrengend. Ich verliere sehr viel Gewicht. Aber es ist auch gut zu wissen: Wenn ich muss, kann ich mich wie ein Ausdauersportler quälen. Gut für das Selbstvertrauen. Ich weiß jetzt: Egal, welche Aufgabe es im Leben gibt, ich kann mich darauf einstellen.

Der Alltag im Trainingsraum ist eintönig. Neben mir schwitzen ein Fußballtorwart, eine Karatekämpferin, ein Wasserskifahrer und ein Inlineskater – und alle machen dasselbe: strampeln. So unterschiedliche Sportler, so grundverschiedene Persönlichkeiten: Den Torwart haben sie zusammengetreten, die Karatekämpferin bereitet sich auf einen Wettkampf vor, der Wasserskifahrer hatte ein gebrochenes Bein, das schlecht verheilt ist, und der Inlineskater hat Ausdauerprobleme. Und alle bekommen augenscheinlich das gleiche Programm, mit minimalen Unterschieden.

Auch der psychologische Teil des Trainings ist für mich nur wenig motivierend. Meine Betreuerin ist um die 20Jahre alt. Ich will der Jugend nichts Schlechtes nachsagen, aber mit Anfang 20 kommt man gerade mal von der Uni, hat das Studium abgeschlossen – und null Erfahrung mit internationalen Athleten, die auf einem sehr hohen Level performen müssen. Sie macht ihre Übungen genau nach Lehrbuch, schließt mich an ein Gerät an, mit dem sie meine Gehirnströme misst, vermittelt Entspannungstechniken und berieselt mich mit sanfter Musik. Natürlich ist es wichtig, dass ich mich entspanne. Aber ich bin skeptisch, ob das reichen wird, um mein Anzugproblem zu lösen. Wir führen künstliche Gespräche, streng nach Plan. Ich werde das Gefühl nicht los, dass keines unserer Gespräche mich wirklich betrifft. Wahrscheinlich erzählt sie dem Nächsten genau dieselben Dinge wie mir, egal, was für ein Problem der hat.

Ich beschließe, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, betreibe sozusagen Eigentherapie: Ich gehe zum Tauchen und stelle mich einem Problem, das ich schon immer hatte: mit Flaschensauerstoff unter Wasser ruhig weiterzuatmen. Das ist für mich fast genauso schlimm wie die Sache mit dem Anzug. Mit dem Lungenautomaten im Mund und dem Widerstand beim Atmen habe ich permanent das Gefühl zu ersticken. Diese Gummimaske, die ans Gesicht gepresst wird, und dazu das Atemgeräusch. Gefangen in meiner eigenen Welt, genau wie im Anzug. Ich glaube, das Training unter Wasser könnte mir helfen, der Sache wortwörtlich auf den Grund zu gehen. Ich rufe Christian Redl an, einen Apnoe-Taucher aus Wien, und frage, ob er nicht mit seiner Ausrüstung vorbeikommen kann: »Lass uns doch im Leistungszentrum Rif trainieren!«

Christian kommt und erklärt mir, wie ich mich mithilfe eines Atem-Lungen-Funktionstrainers an den Atemwiderstand gewöhnen und mein Stresslevel senken kann. Durch das Gerät kann man Luft ansaugen und den Atemwiderstand über eine flexible Membran verändern. Je mehr ich die Membran schließe, desto größer wird der Widerstand, desto schwerer kann ich einatmen. Dieses Trainingsgerät kann man überall benutzen, zum Beispiel vor dem Fernseher: Klammer auf die Nase, Gerät einstellen, auf den Mund pressen – und der Stress kommt ganz von selbst.

Joe Kittinger hatte mir erklärt, dass es für Kampfflugzeugpiloten Systeme mit Pressatmung gibt. Die Piloten müssen nicht nur beim Einatmen einen Widerstand überwinden, sondern auch beim Ausatmen. Ein irrsinniger Stress, weil es dafür enorm viel Kraft braucht. Die Kunst der Top-Piloten ist es, auch unter diesen Bedingungen noch Höchstleistungen zu bringen und Entscheidungen zu treffen.

Fast jeden Abend gehe ich jetzt tauchen. Zuerst kann ich nur fünf, sechs Minuten unten bleiben, dann muss ich wieder hoch und ohne Maske atmen. Aber ich werde mit jedem Tauchgang besser, und irgendwann gelingt es mir, unten zu bleiben, bis die Flasche komplett leer ist. Eine oder eineinhalb Stunden lang. Ich lege eine Stoppuhr auf den Boden des Beckens und versuche, allein durch Ein- und Ausatmen meine Höhe zu verändern: ausatmen, absinken und kurz vor dem Boden mit einem tiefen Lungenzug den Sinkflug stoppen. Ich probiere, mich unter Wasser ästhetisch zu bewegen, überlege mir immer wieder neue Aufgabenstellungen, um mich von dem Atemstress abzulenken. Ruhiger bin ich jetzt auf jeden Fall, vielleicht nicht ganz so majestätisch wie ein Mantarochen, aber auch nicht mehr so hektisch wie am Anfang. Ich atme gleichmäßiger, brauche viel weniger Sauerstoff, rudere weniger mit den Händen und schlage flossengleich mit den Beinen. Das Tauchen gibt mir Selbstvertrauen. Es ist mein eigener Weg, der parallel zum Konditionsweg von Pansold verläuft und doch völlig entgegengesetzt.

*

Während der drei Monate in Österreich suche ich immer wieder den Kontakt zu Art in den USA: »Wie schaut es bei euch aus? Wo stehen wir gerade? Wie läuft es?« Ich will ihm zeigen, dass mein Interesse ungebrochen ist, und möchte wissen, was los ist auf meinem Schiff. Ich weiß, dass die Tests in Brooks näher rücken, dass meine Zeit in der heimatlichen Komfortzone allmählich abläuft. Es kommt der Tag der Abschlussbesprechung – ohne Pansold. Er habe keine Zeit, sei in einem Meeting, lässt er mir ausrichten. Drei Monate lang habe ich mich in seinem Training gequält, und er kommt nicht mal zur Abschlussbesprechung. Stattdessen schickt er Martin Pfeifenberger, mit dem ich meistens trainiert habe. Und der sagt zu mir: »Gratuliere, du hast dich von sauschlecht auf schlecht gebessert.« Pansolds Abwesenheit und diese Aussage habe ich als extrem respektlos empfunden. Der nächste Augenöffner, der mir klarmacht, wie wichtig es ist, ein Gespür für sein Umfeld zu entwickeln. Man kann nicht sagen, dass mir der Abschied von Thalgau sonderlich schwerfällt.

Natürlich bin ich nach diesen drei Monaten auf dem Fahrrad längst noch nicht da, wo ich hinmuss. Ich weiß immer noch nicht, was passiert, wenn ich wieder in den Druckanzug steige. Aber es bleibt noch ein wenig Zeit: Einen Monat haben wir drüben eingeplant, um mich langsam an den Anzug zu gewöhnen. Jeden Tag ein Test, jeden Tag in die Kapsel, die komplette Prozedur, damit wir, wenn wir nach Brooks zur Air Force fahren, dort auch wirklich 100Prozent abliefern können. Das Team um Pansold hat klare Vorstellungen für diese Zeit: In dem Monat, in dem ich vor Ort den Anzug teste, muss ich meinen Trainingsplan aufrechterhalten, muss weiter Fahrrad fahren. Die entsprechenden Trainingspläne gibt mir das Team mit auf den Weg. Nur: Wie soll ich das dort drüben machen, jeden Tag Fahrrad fahren? Ich werde mal in diesem Hotel, mal in einem anderen sein, und jeder, der mal durch die USA gereist ist, weiß, amerikanische Hotels sind nicht gerade berühmt für ihr großes Angebot an Leihfahrrädern. Christopher hat die Lösung: Mein Freund Richard, der in L. A. geblieben ist, organisiert mir vor Ort ein brauchbares Rad.

Zu meiner Verwunderung erfahre ich, dass Red Bull auch in den USA ein eigenes Athletenmanagement unterhält, direkt bei mir um die Ecke, in Santa Monica, betreut von dem Performance Director Dr.Andy Walshe, sozusagen der amerikanischen Ausgabe von Pansold. Bei dem soll mein Kumpel ein Rad für mich abholen.

Als Richard bei Walshe im Büro sitzt und die beiden über Gott und die Welt quatschen, bemerkt Richard, dass an der Wand Dankesschreiben von den bekanntesten Football-, Baseball-, Ski- und Eishockeystars hängen: »Danke für das Training!« oder: »Danke, dass du mir weitergeholfen hast«.

Richard erkundigt sich bei Walshe, wie er zu diesen Schreiben gekommen sei, und erfährt, dass Walshe ein Trainingszentrum leitet, mitsamt exzellent ausgebildeten Sportpsychologen. Sogar mit den Navy Seals arbeitet er regelmäßig zusammen. Es ist kaum zu glauben: Da sitzt die US-Koryphäe für Leistungstraining, und wir wollen vom Herrn Doktor nur ein Fahrrad! Ab und zu fallen die Dinge einem einfach in den Schoß.

Richard zögert keine Sekunde und fragt Walshe, ob er sich vorstellen könne, mit mir zusammenzuarbeiten, und ob er zu einem Treffen in Salzburg bereit ist. Walshe ist sofort Feuer und Flamme. Er kennt unser Projekt, wusste aber nichts von meinen Problemen. Weil er intuitiv eine psychologische Erklärung vermutet, schlägt er vor, einen Sportpsychologen mit einzuspannen, vom dem er glaubt, dass er gut zu mir passen würde: Mike Gervais. Als Richard mir vom Verlauf seines Treffens mit Walshe erzählt, bin ich wie elektrisiert.

Kurz darauf kommt Andy Walshe nach Salzburg. Wir lernen uns im Hangar 7 kennen, und schon in den ersten Minuten unseres Gesprächs merke ich: Das ist genau der Mann, den ich brauche. Er hat Persönlichkeit und exakt den richtigen Background. Er kennt Pansolds System, weil er es sich in Österreich angeschaut hat, um für Red Bull das gleiche in Amerika zu installieren. Er schätzt die Arbeit von Pansold, weiß aber auch, dass US-Athleten anders trainiert werden müssen: »Da brauchst du auch mal eine Slackline, mal was zum Jonglieren, und zwischendurch gehst du mit deinen Athleten zum Surfen. Man kann ja mit vielen Dingen ans Ziel kommen. Es gibt nicht nur einen Weg im Leben.« Wie es aussieht, bin ich vom Trainingstyp eher Amerikaner.

Im Hangar 7, wo wir drei Monate zuvor das Projekt Stratos fast schon beerdigt hatten, einigen wir uns mit Andy Walshe: Ich soll zu ihm kommen. Wir wollen den verbleibenden Monat bis zu den Tests in Brooks für die psychologische Betreuung nutzen. Walshe und ich sind beide sicher, dass Fahrradtraining allein mir nicht die Angst vor dem Anzug nehmen wird. Mit gemischten Gefühlen, aber zuversichtlich, steige ich in den Flieger nach Los Angeles, zurück zu meinem Projekt.

Mit dem Schlachtplan von Andy Walshe geht das Projekt Stratos für mich in eine neue Phase. Und die beginnt mit einem Treffen mit meinem gesamten Team in Lancaster. Kurz vor der Zusammenkunft nimmt mich Andy zur Seite: »Felix, ich spreche jetzt erst mal allein mit deinem Team und checke gemeinsam mit Mike Gervais die Stimmung. Du wartest draußen, weil die Leute offener reden, wenn du nicht dabei bist. Wir müssen wissen: Wie sehr glauben die Leute an dich? Wo stehen wir?« Dann geht er mit Mike in das Besprechungszimmer, zu meinem Team, das ich nach der letzten schlaflosen Nacht in Santa Monica vor drei Monaten sitzen gelassen habe.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen Andy und Mike endlich wieder raus, und Andy sagt nur: »Felix, da drinnen glaubt kein Mensch mehr an dich.«

*

Das ist hart. Andy sagt, das Team meint, ich hätte von Anfang an viel mehr Zeit im Anzug verbringen müssen. Sie sagen, ich hätte mir das Leben leicht gemacht, verschwiegen, dass ich Probleme habe, und nicht genügend an mir gearbeitet. Alle Daumen zeigen nach unten. Wörtlich hätten sie gesagt: »Dass er in vier Wochen so weit kommt, es fünf Stunden lang im Anzug auszuhalten? Nie im Leben.«