Yalla, Feminismus! - Reyhan Şahin - E-Book
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Yalla, Feminismus! E-Book

Reyhan Sahin

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Beschreibung

»Frontalangriff auf alle Ignoranten, die für den Erhalt hierarchischer, sexistischer, rassistischer Strukturen kämpfen.« FAZ Reyhan Şahin verkörpert eine ebenso einzigartige wie aufregende Position im feministischen Diskurs: Als promovierte Linguistin, politische Aktivistin, Sex-Rapperin und alevitische Muslimin spricht sie über Sexualität, Islam und Antirassismus wie keine andere. Dieses Buch sagt dem Unrecht den Kampf an. Reyhan Şahin kennt sich mit Diskriminierung aus: als Frau of Color im wissenschaftlichen Universitätsbetrieb, als Bildungsaufsteigerin, als Alevitin, als Rapperin in der männlich dominierten Hip-Hop-Szene. Sie steht für einen Feminismus, der sich der eindimensionalen Fixierung auf die weiße westliche entgegenstellt und sich für Selbstermächtigung und Entscheidungsfreiheit für alle Menschen einsetzt. In einer Sprache, in der sich Ghettoslang und wissenschaftliche Analyse unverschämt nahekommen, zeigt sie, wo in Sachen Gleichberechtigung die großen Diskrepanzen liegen. Lady Bitch Ray engagiert sich für Frauen- und Queersolidarität, bricht mit Sex-Tabus und macht deutlich, dass sich Kopftuch, Modebewusstsein und Feminismus keineswegs ausschließen. »Wortgewaltige feministische Sezierung des Deutsch-Rap, des Islam sowie des Wissenschafts- und Universitätsbetriebs.« TAZ »Über die Parallelen, die Şahin zwischen ihren Erfahrungen in der Musikbranche und an der Hochschule zieht, hat man noch viel zu wenig gelesen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung »Ein derber Text, der den allgegenwärtigen männlichen Hip-Hop-Gestus ins Weibliche übersetzt.« SRF Literaturclub

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Cover for EPUB

YALLA, FEMINISMUS!

REYHANŞAHINAKA DR. BITCH RAY

Tropen Sachbuch

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Tropen

www.tropen.de

© 2019, 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München unter Verwendung eines Fotos von © Carlos Fernandez Laser, Hamburg

Gesetzt in den Tropen Studios, Leipzig

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-50189-6

E-Book ISBN 978-3-608-19197-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Glossar

Vorwort

Die Spitze der Klitoris

I. Ceci n’est pas une féministe

Von Lady

Bitch

Ray zu »

Bitch

sm«

Yalla, Feminismus!

Feministische Intersektionalität

Antimuslimischer Rassismus

II. Hip Hop, du Hurensohn (aber damit meine ich nicht deine Mutter!)

Überdach Schwanz: Strukturelle Penispeitschkultur

Hip Hop’sches Stockholm-Syndrom

Lyrisches-Ich-Schizophrenie

Heilige-Hure-Dich(t)otomie

Bitch

storm, Dickpics und Rape Culture

The »good« Boys: versteckter Sexismus

Hip Hop-Feminismus

Hip Hop-Feminismus straight outta Almanya!

Bad Girls: von

Bitch

zur Queen Oruspuhhh

Sexpress yourself: Doo Wop (That Thing)

Sexpussytivismus & feministischer Pornorap

Nuttin’ but a she thing: German

Female

Rap

#RapMeToo:

Can’t trust it

Yalla, Feminismus-Deutschrap-Manifesto

III. Die deutsche Kopftuchsaga:

A little bit of

Kopftuchsplaining

Ya habibi Hijab: Islamischer Feminismus & Emanzipation im Islam

Babas Hijab – im islamischen Patriarchat

Muslim Habits: Habitus Hijabisistaz

Kopftuchstyle-Diversität: Das Kopftuch gibt’s nicht!

Hijab Couture & Muslim Riot Grrrlz: Welches Kopftuch ist Punk?

Islamischer Feminismus: Gender Jihad unterm Hijab

Feministische Kopftuchexegese im Koran

Das Kopftuch sagt: »Yalla, halt’s Maul! Jetzt spreche ich!«

Kopftuch-Pinkwashing

Special Religious Grrrl: Alevitin

Yalla Habibi, bist du Alevi?

Yalla, Baby-Kopftuch-Riots

IV. Die Fuckademia: Der cis-Schwanz aus Elfenbein

Fuckademische Zustände

Professoren-Harems

Heiratsmarkt: Fuckademia

Ausgrenzung, Rassismus & Stigma

Diversity, Tokenisierung & Nuttin’ but a k-thing

Weiße Türken und privileged BPoCs

Dr.in Aschenputtel

Die leise Diskriminierung & Gaslighting

Doc-Life is a Thuglife

Stigma & Fick’dım-Blaming

Stabstelle »Gleichstellung«:

911 is a joke!

Don’t believe the

Burschenschaften-Hype

Fuckademische Famegeilheit

Macht macht mächtig

Und schon wieder: (Un)Solidarität

»Kritische« Islamforschung

#IchBinReyhan #IchBinHanna: Elfenbeinschwanzstrukturen verändern

#Geschichten

Dr. Bitch Ray’s Survival-Kit for academics – I got 99 problems, but fuckademia ain’t one

Schlussworte

Anhang

Anmerkungen

Bibliographie

Für Ç.

Glossar

ABAYA, TÜRK. ABAYE Lange weite (meist dunkle) einteilige Gewänder, die von gläubigen Musliminnen in der Regel mit großen, schulterbedeckenden Kopftüchern getragen werden. Es gibt sie auch in verzierten und taillierten Varianten.

ALEVITENTUM, TÜRK. ALEVILIK, ALEVIT*INNEN Vom Sufismus, (islamischer) Mystik und philosophisch geprägte, offene, heterodoxe Glaubensrichtung (überwiegend) in der Türkei. Ein beachtlicher Teil der Alevit*innen bekennt sich zu einer Abzweigung des schiitischen Islams. Eine weitere Strömung verortet sich als eigenständige Konfession/philosophische Haltung außerhalb des Islams. In der Türkei leben turkmenische (anatolische), kurdische und arabische Alevit*innen, die sich in ihrem ethnischen Verständnis des Alevitentums, ihrer religiösen Praxis und ihren Ritualen voneinander unterscheiden. Alevit*innen gehören zu der größten religiösen Minderheit in der Türkei. In Deutschland leben derzeit unter den Menschen mit Türkei-Hintergrund schätzungsweise 500 000 Alevit*innen. In sunnitischen Communities mit Migrationsbezug zur Türkei werden sie seit Jahrhunderten als »Ungläubige« oder Häretiker ausgegrenzt und teilweise auch verfolgt. Siehe Abschnitt »Special Religious Grrrl« im Buch.

ANATOLIEN, TÜRK. VON ANA DOLU (VOLLER MÜTTER) Östliche, ländliche Gebiete der Türkei, wird manchmal auch synonym für die gesamte Türkei benutzt.

ANA, DEDE/PIR Geistliche Führer*innen des Alevitentums. Gemäß der alevitischen Glaubenslehre, die an die eigene Abstammung von der sogenannten Kerbela-Familie glaubt, sind diese prädestiniert, das Alevitentum zu lehren. Leider wird alevitische geistliche Führung in der Praxis fast ausschließlich patrilinear, d. h. überwiegend von Männern, weitergetragen.

BLACK, INDIGENOUS AND PEOPLE OF COLOUR (KURZ: BIPOC) Begriff stammt aus dem US-amerikanischen Kontext und bezeichnet die Erfahrungen Schwarzer und indigener Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Für den Kontext in Deutschland wird eher »BPoC« verwendet.

BUYRUK (GEBOT) Ist nach dem Koran das Glaubens- und Verhaltensregeln beinhaltende Grundlagenbuch des Alevitentums, eine Offenbarung des Imam Cafer-i Sadık, dem sechsten der für die Alevit*innen bedeutsamen zwölf Imame.

CEM Religiöse Zeremonien bei Alevit*innen mit Gebetsritualen, gerichtlicher Gemeinschaftsverordnung und religiös konnotierter Dichtung und Musik.

CIS-GENDER, CIS-FRAUEN, CIS-MÄNNER Cis bezeichnet im Gegensatz zu trans Geschlechteridentitäten, die mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen, ist also ein Privileg.

FEATURE Ein gemeinsam produzierter Song von zwei (oder mehreren) Musiker*innen.

FEMALE SEXSPEECH/SEXTALK In diesem Buch gemeint als: das Sprechen von Frauen über Sex.

FRAU Hab ich zum Genderausgleich neben »man« benutzt.

FUCKADEMIA Wissenschaftsbetrieb. Von mir aufgrund von hierarchischen, alten weißen, cis-männlichen, und Frauen und marginalisierte Menschen ausgrenzungsfördernden, rassistischen Strukturen und Machtverhältnissen der Hochschulbetriebe so genannt.

GENDERGAP Mit der Benutzung des Gendersterns (*) möchte ich alle marginalisierten Geschlechter, Frauen, nicht-binäre, intersexuelle, transsexuelle, queere Menschen mit einbeziehen. Wohl wissend, dass ich in dem Sinne privilegiert bin, mich als cis-Frau sozialisiert zu haben.

GENDER JIHAD Das Bestreben um Geschlechtergleichberechtigung im muslimischen Kontext. Begriff stammt von islamischen bzw. muslimischen Feminist*innen.

HACI BEKTA VELI Muslimischer Sufi, oder: Mystiker, dessen Schriften die alevitische Glaubenslehre beeinflusst haben und der von vielen (gläubigen) Alevit*innen verehrt wird. Er lebte im 13. Jahrhundert im zentralen Anatolien.

HADITHE (ARAB. AHADITH), AUCH HADITH-SAMMLUNGEN Mündlich überlieferte Berichte, die detaillierte Auskunft über die islamische Lebensführung sowie die Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed geben. Vielen Muslim*innen dienen sie als wichtige Quellen neben dem Koran.

HIP HOP-SLANG Aus dem US-amerikanischen Englisch stammende Wörter und Bezeichnungen, die im Kontext der Schwarzen Hip Hop-Musikkultur entstanden und in verschiedene Sprachen übergegangen sind.

*INNEN, IN*NEN Ich setze den Genderstern in diesem Buch abwechselnd vor *innen oder zwischen in*nen, weil ich damit nicht nur alle Frauen, trans- und intersexuelle Menschen einbeziehen, sondern parallel dazu auch vom generischen Femininum statt nur vom Maskulinum ausgehen will, schließlich geht’s schon genug um cis-Schwänze in Wort und Schrift.

INTERSEKTIONALITÄT Der gesamte Bereich der Mehrfachdiskriminierung, bei dem sich Rassismus, Klassismus und Sexismus als Diskriminierungsformen überschneiden.

ISLAMISCH, MUSLIMISCH Benutze ich beides synonym, ohne eine politische Unterscheidung zu machen.

KANAKE, KANAKIN Ursprünglich wurde diese Bezeichnung durch (extrem) Rechte rassistisch-diffamierend in erster Linie für eingewanderte Menschen aus der Türkei gebraucht. In den 1990er Jahren wurde sie von der Kanak Attak-Bewegung positiv umgedeutet und als Selbstbezeichnung für eingewanderte (sogenannte) (»Gast«)-Arbeiter*innen und ihre Nachkommen türkischer, griechischer, italienischer etc. Herkunft in Deutschland verwendet. Heute wird der Begriff von vielen (Post)Migrant*innen und People of Color erneut im positiven Sinne genutzt.

LGBTQI*S Sammelabkürzung für Lesben, Gays, Bisexuelle, Transsexuelle, Queers, Intersexuelle …

LOOKISMUS, LOOKISTISCH Diskriminierung aufgrund des Aussehens einer Person.

MUSLIMA Hier benutzt als Synonym für Muslimin.

PEOPLE OF COLOR (kurz: POC, Singular: Person of Color) Politische (Selbst-)Bezeichnung für Menschen, die nicht als »weiß« gelten und einen gemeinsamen Erfahrungshorizont in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft aufweisen. Dies können Schwarze Menschen oder auch Menschen mit türkischem, kurdischem, arabischem, serbischem, bosnischem oder slawischem Migrationsbackground sein.

POPFEMINISMUS Die Vermittlung feministischer Inhalte durch popkulturelle Formen, wie etwa Musik, Tanz, Performance, Theater.

QUEER Positiv umgedeuteter, herrschaftskritischer – oftmals auch als Selbstbezeichnung genutzter – Begriff für sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten, die von der vorgegebenen Norm abweichen. Queer wird auch als Oberkategorie für alle sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten benutzt.

RAPE CULTURE Gesellschaften und Milieus, in denen sexuelle Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und geduldet werden.

RAP-GAME Die Rap-Szene (wobei es nicht die Rap-Szene gibt) wird oft auch als »Rap-Game« bezeichnet.

SCHWARZ wird bewusst großgeschrieben und bezeichnet eine gesellschaftspolitische Kategorie; ebenso ist es die politisch korrekte Bezeichnung für Schwarze Menschen.

SEXPOSITIVISMUS Positive Haltung zur Sexualität und zum Sexualtrieb, der Einsatz für Menschen unabhängig von ihrer biologischen, sozialen oder psychologischen Geschlechtszugehörigkeit und sexuellen Orientierung (auch Asexualität und Zwischenformen).

SLUTSHAMING Abwertung und/oder Diskriminierung von Frauen und Mädchen aufgrund ihrer sexuellen Aktivität, sexualisierten Verhaltensweise oder äußerlichen Aufmachung (zum Beispiel Bekleidung), die als (vermeintlich) »schlampig« bewertet wird, weil sie von der heterosexuellen Norm abweicht.

TAKIYE (ARABISCH AUCH: TAQIYA) Eine defensive Strategie im Islam, die eigene religiöse Identität zu leugnen, um in einem gefahrverbergenden Umfeld nicht aufzufallen. Im Schiitentum und im Alevitentum wurde jahrhundertelang takiye praktiziert, um damit als religiöse Minderheit Verfolgung und Ausgrenzung zu entgehen.

TOKENISIERUNG/TOKENISMUS Instrumentalisierung einer Person aus einer Minderheitengruppe als Vorzeigesubjekt für (zum Beispiel) Diversität.

VICTIM BLAMING Beschuldigung und Rügen des Opfers bei einem Übergriff (der sexuellen Gewalt), der in der Regel mit Täter*innen-Opfer-Umkehr einhergeht.

WEISS Politisch korrekte Bezeichnung für weiße Menschen, ebenso keine Hautfarbe, sondern politische Disposition. (Buchempfehlung zur Kategorie des Weißseins: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, hrsg. von Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt).

WHITEWASHING Insbesondere in der Filmindustrie vorkommende Strategie, Hauptrollen mit überwiegend weißen Schauspieler*innen zu besetzen, obwohl Drehbuchort oder das ethnische und gesellschaftliche Umfeld der Filmgeschichte eigentlich mit nicht-weißen Schauspieler*innen besetzt werden müssten. In diesem Buch bezeichne ich die Strategie weißer Feministin*nen, sich u. a. den Kopftuchdiskurs für eigene Zwecke anzueignen, so.

WOMAN OF COLOR (WOC) Nicht-weiße Frauen (mit Migrationsbiographien), die vom alltäglichen, strukturellen und institutionellen Rassismus betroffen sind.

Vorwort

Während ich dieses Buch schrieb, war ich unsicher, hatte teilweise Bedenken, ob das, was ich sagen will, in seiner Komplexität überhaupt richtig ankommen oder richtig aufgefasst werden würde. Ich war geprägt von meiner Tätigkeit als Rapperin Jahrzehnte zuvor, bei der ich mich ziemlich missverstanden und marginalisiert fühlte. Daneben war ich mir auch der Schwierigkeit bewusst, wissenschaftliche Ergebnisse einer großen Bandbreite von Menschen überhaupt zugänglich zu machen.

Als Woman of Color mit kritisch feministischen Absichten wahrgenommen zu werden, bleibt für mich in diesem Land immer noch eine große Herausforderung. Aber heute, nach zahllosen Lesungen und Podiumsdiskussionen zu den Inhalten von Yalla, Feminismus!, kann ich mich zumindest über eine riesige Resonanz von Leserin*nen freuen, die sich nicht nur in meinen vielen Lesungsgesprächen widerspiegelte, sondern auch in den Smalltalks mit Frauen (of Color) und queeren Menschen, die mich nach den Lesungen aufsuchten und mir ihre Anmerkungen und Fragen zu konkreten Stellen des Buches mitteilten.

Und nicht nur das: Es kamen viele FLINTA, die mir so rührende Dinge sagten, sich etwa mit Tränen in den Augen für dieses Buch (und meine musikalische und politische Arbeit) bedankten und mir anvertrauten, dass es sie ermutige, ihre eigenen Herausforderungen und das komplizierte Leben als Feminist*in zu meistern. Schwarze Frauen und Women of Color, queere Menschen, die mich mit ihrem Vertrauen berührten, etwa alevitische, kurdische oder muslimische Frauen, die mir sagten, dass ich ein Vorbild für sie sei, queere Menschen, die sich erst durch meine Arbeit getraut hatten, sich zu outen. Oder aber auch Menschen, die mir gestanden, dass sie meine politische oder wissenschaftliche Arbeit erst durch dieses Buch verstanden und sich davon inspiriert fühlten. Überhaupt fand ich, dass meine sexpositive und feministische Arbeit, die ich als Rap-Künstlerin bereits früh in Deutschland leistete, als solche erst mit diesem Buch von einer neuen Öffentlichkeit ernst genommen wurde. Vorher hatte ich das Gefühl, sie wurde entweder auf das Sexuell-Skandalöse reduziert oder journalistisch oftmals ins Lächerliche gezogen.

Diese neue Anerkennung ist nicht selbstverständlich und bedeutet mir sehr viel! Endlich. Weil: Was nützen mir die Auseinandersetzung mit (queer)feministischer Theorie, Praxis, Rassismus, Sprache, Hip Hop in den eigenen vier Wänden und meinen täglichen persönlichen Erfahrungen, wenn ich nicht verstanden werde oder es mit niemandem teilen kann? Was nützt mir das viele Lesen und Denken als Wissenschaftlerin und Feministin, wenn ich solche teilweise komplexen Inhalte nicht verständlich vermitteln könnte? Ja eben: nicht viel.

Doch was mich an den vielen (moderierten) Lesungsgesprächen zu meinem Buch, die seit 2019 zusammen mit der wunderbaren Presseagentin meines Verlags, Verena Knapp, und Linda Mortino organisiert werden, ebenfalls fasziniert, ist die kritische, ehrliche Atmosphäre. Manchmal komme ich mir vor, wie in einem guten Uniseminar, wo das Publikum der Studierenden kritischen Input gibt und viele Details bis zum Ende ausdiskutiert werden. Und weil die Themeninhalte des Buches aus der BPoC-Perspektive in der deutschen Literaturlandschaft relativ neu sind (und ich oftmals einen pädagogischen Ansatz verfolge), haben alle meine Lesungen und Veranstaltungen zu diesem Buch den Charakter von politischen Bildungsveranstaltungen: Ich erkläre von Grund auf viel, zeige die Verbindungen der Themeninhalte auf, gehe auf erwünschte Themenschwerpunkte und Fragen ein und habe einige Male sogar direkt mit Mädchenhäusern, Schulen oder Jugendeinrichtungen in Form von Workshops zusammengearbeitet.

Auch empowernde Momente mit Verantwortlichen in Theater- und Literaturhäusern und sozialen Einrichtungen bleiben bei meinen Lesungsveranstaltungen nicht aus. Seien es Vergleiche der von mir erlebten patriarchalischen und hierarchischen Strukturen in deutschen Universitäten mit jenen Strukturen in Theaterhäusern oder aber die Bestätigung patriarchalischer, rassistischer und klassistischer Erlebnisse von einzelnen Menschen, die ich traf – ich bekomme durch meine Lesereisen sehr viel mit und werde im positiven wie im negativen Sinne für meine Arbeit inspiriert.

Meine Lesungen zeig(t)en aber auch, wie wissensbedürftig viele der Institutionen und Menschen in Deutschland in Bezug auf diese Themen – etwa Intersektionalität im Kontext Türkei, Islam, Fundamentalismus, Alevitentum oder kurdische Identität – Rassismus – und auf feministische Themeninhalte aus der Perspektive von Women of Color immer noch sind. Das muss sich durch die kritische Perspektive von Büchern wie diesem verändern! Büchern, die komplexe Inhalte auch für diejenigen Menschen verständlich »übersetzen«, die sich z. B. nicht wissenschaftlich mit solchen Themen beschäftigt oder studiert haben. Menschen, die interessiert sind, ein Verständnis für soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, sexuelle Gewalt oder Klassismus aufzubringen. Diese Menschen meine ich. Für uns alle. Power.

Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, im Oktober 2022

Die Spitze der Klitoris

Warum gerade jetzt noch ein Buch über Feminismus? Wahrscheinlich wird sich jeder Mensch, der ein neues Buch zu diesem Thema schreibt, mit der Frage auseinandersetzen müssen, warum sie/er/es dies tut. Wo es doch schon eine Reihe von feministischen Büchern gibt. Allerdings stammen diese in den letzten Jahren überwiegend von weißen cis-(gender)Frauen ohne Migrationsbiographie, also weitgehend jenen, die nichts mit etwa muslimischen oder People-of-Color-Lebenswelten am Hut haben und mit der Geschlechtsidentität, die ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde, d’accord sind. Von Frauen oder queeren Menschen mit Migrationsbackground oder Women of Color gibt es bisher so gut wie keine populären Bücher zu Feminismus in Deutschland. Und das, obwohl gerade Themen wie muslimische Lebenswelten, der Islam, Alevitentum, Rassismus oder die Schwarze Pop- und Hip Hop-Kultur unser tagtägliches Leben in Deutschland mitbestimmen und wichtige Fragen aufwerfen. Der Begriff »Intersektionalität« existiert zwar in der Bedeutung der Mehrfachdiskriminierung seit mehreren Jahren in den zeitgenössischen (gender-)feministischen, universitären und (akademisch)-aktivistischen Debatten in Deutschland – doch reell kommt dieser Bereich des Zusammenspiels von Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus in unseren gesellschaftlichen Debatten zu kurz. Zudem ist mir bisher kein Buch bekannt, das die hier behandelten Themen, wie etwa Hip Hop und Feminismus, Islam und Feminismus, die Kopftuchdebatte oder die problematischen Strukturen des deutschen Universitätsbetriebs, aus einer intersektionell-feministischen Perspektive behandelt.

Feminismus hat mittlerweile Popularität erlangt, ja. Und ist im Mainstream, bei der Mehrheitsgesellschaft angekommen. T-Shirts mit feministischen Sprüchen schmücken schon seit Langem die Kleiderstangen von H & M oder Mango, Beyoncé und Rihanna kokettieren mit weiblicher Selbstbestimmung, und Kopftuch-Emojis zieren als Zeichen feministischer Diversität unseren Alltag. Auch wenn der größere Teil unserer Gesellschaft kein Interesse an feministischen Themen zeigt und ein anderer Teil sich in sozialen Netzwerken mit Händen und Füßen dagegen wehrt, weiß allmählich auch die Mehrheit der Nicht-Feminist*innen, was Gender Pay Gap oder Mansplaining bedeuten. Doch welche Frauen sind es, die sich an vorderster Front als Feministinnen zeigen (dürfen)? Was bedeutet die Salonfähigkeit des Feminismus konkret für feministische Debatten und Allianzen? Inwieweit lässt die Debatte noch Kritik zu? Gibt es vielleicht Lücken, die mittels Kritik allmählich geschlossen werden können? Bringen nicht gerade das In-Werden und die Kommerzialisierung von Feminismus auch Nachteile für (queer-)feministische Diskurse mit sich? Ist es nicht an der Zeit, dass wir diese Oberfläche, die wir nun im feministischen Sinne angerissen haben, auch tiefgründiger abhandeln sollten?

2007, als ich zu Gast bei Menschen bei Maischberger war und über die Sexualmoral Deutschlands diskutiert wurde, sah die Welt noch anders aus. Feminismus war eine marginalisierte Nische und von den meisten aufgrund des damals bereits kursierenden queerfeindlichen Images der »männerhassenden, schlecht gekleideten Lesbe« verpönt. Da passte es nicht ins Bild, dass eine Rapperin – auch noch mit türkischem Background – namens Lady Bitch Ray in einer übersexualisierten Sprache positiv und öffentlich über ihre Sexualität sprach. Und mit der Nutzung von Vulgärausdrücken für Genitalien auf die Gender-Unterschiede bei der Erziehung von Mädchen (im Gegensatz zu Jungs) hinwies. Sie musste von der Mehrheitsgesellschaft erstmal wieder in ihre »strengtürkischen« Schranken gewiesen werden, denn das, was sie da tat, »durfte sie als ›Türkin‹ ja gar nicht!« »Was klagen Sie an, die Freiheit der Frau war doch schon da?!«, hielt mir die Schauspielerin Michaela May, die mit bürgerlichem Namen Gertraud Elisabeth Berta Franziska Mittermayr heißt, in der Sendung entgegen. Getreu dem Motto: Was wollen Sie? Wir haben uns doch schon in den 1968ern emanzipiert. Dass aber mit der sexuellen Befreiung etwa die muslimische Frau von westdeutschen Frauen erneut in eine Rolle der Bedürftigkeit nach Befreiung vonseiten weißdeutscher Frauen gedrängt wurde, sagte damals niemand. Auch nicht, dass dieses Streitgespräch zwischen Frau May und mir den Wendepunkt zwischen dem Feminismus der zweiten und jenem jüngeren, intersektional ausgerichteten der dritten Welle markierte. Dass ich den Beginn einer neuen Generation von Feministin*nen sichtbar machte, die bald selbstermächtigend auf ihre Rechte als Frauen, als Queers sowie als Women of Color pochen, Genderlinguistik betreiben, feministische Magazine gründen und sich durch Hashtag-Bewegungen politisch gegen Sexismus und Rassismus einmischen würde. »Und, Frau May?«, möchte ich sie heute fragen: »Wie war das nochmal mit der Befreiung der Frau von damals?«

Als »armes Provokationswürstchen im goldenen Glitzerdarm« wurde ich stattdessen einen Tag nach dieser Sendung von dem FAZ-Journalisten Peer Schader in seinem Artikel vorgestellt. Wie die Maischberger-Redaktion überhaupt darauf käme, so eine Provokateurin in ihre Talkrunde zu lassen? Wolfgang Büschers hypothetische Aussage, dass Songtexte von Skandal-Rappern, denen er mich zuordnete, vernachlässigte Jugendliche negativ beeinflussten, zitierte er hingegen als starke Stimme in der Runde. Schader hatte null Interesse daran, meine Texte vielleicht als feministische Antwort auf ebensolche Texte oder als sie empowernde Emanzipationsvorlage für junge Mädchen zu betrachten. Auch eine kritische Position gegenüber dem christlich evangelikalen Kinder- und Jugendhilfswerk Die Arche bezüglich des Umgangs mit den Themen Sexualmoral, sexueller Missbrauch, Schwangerschaft und Homosexualität bei der Arbeit mit sozial vernachlässigten Kindern schienen für den FAZ-Journalisten nicht von Interesse zu sein. Dieser sexistisch-lookistische Artikel von Herrn Schader befindet sich übrigens immer noch im Netz.[1]

Im Stil von Schaders Text – Slutshaming, die Diffamierung eines von der Norm abweichenden Sexualverhaltens von Frauen oder in meinem Fall aufgrund meiner sexualisierten Sprache und Kunst – ging die damalige Rezeption von mir, Lady Bitch Ray, dann weiter. Knowhow über Hip Hop-Feminismus? – Fehlanzeige. Wissen über Geusenwörter in Riot-Grrrl-Manier? – Nix da. Politische Auseinandersetzung mit meiner Person statt ignoranter Skandalisierung? – Pustekuchen! Jedes Mal musste ich meine Reclaiming-Absichten bei meiner Selbstbezeichnung von vorne erklären. Bis heute übrigens. Was ich erntete, waren neben anhaltender Echauffierung und Reduktion meiner Person auf das Sexuelle Fremdzuschreibungen, Skandalisierung, Zensur, verbale Angriffe, Rassismus und Morddrohungen. Anscheinend war feministische Aufklärung nicht das Ziel der Journalist*innen jener Tage. Auch in der deutschen Rap-Szene reagierte man auf mich als wäre ich ein Alien: eine Frau, die andere Rapper herausfordernd über ihre eigene Sexualität rappte und ihre Selbstbestimmung und Respekt einforderte – das gab’s bis 2006 im Deutschrap nicht. Schon gar nicht von einer Kanakin[2]. Heutzutage gibt es einige Rapperinnen mehr, die über Sexualität und emanzipatorische Themen rappen und sogar mit sexuell emanzipatorischen Songtexten kommerziell erfolgreich sind, aber auch da gibt es Unterschiede, auf die ich in diesem Buch eingehen werde. Umso glücklicher war ich – der vaginalen Göttin der Gerechtigkeit sei Dank –, als einige Jahre später weitere junge Frauen und queere Menschen meiner Spur folgten und Feminismus immer voguer und voguer wurde. Durch meine sexpositive, die Körperlichkeit bejahende Haltung wurden weitere Frauen in den Medien sichtbar, sei es die Buchautorin Charlotte Roche oder die ihr folgenden Sexromane von weiblichen Autorinnen, die dasselbe emanzipatorische Muster wie mein Sex-Rap bedienten. Oder das feministische Missy Magazin aus Berlin, das 2008 gegründet wurde und Feminismus und Popkultur behandelt. Ebenso das Buch Wir Alphamädchen von 2009, in dem für die Notwendigkeit eines Updates von alten Feminismen durch neue feministische Debatten mit zeitgerechteren Themen wie etwa dem positiven Zugang zur Sexualität, neuer Kritik an Frauenbildern in den Medien oder neuen Möglichkeiten für Frauen zwischen Beruf und Familie plädiert wird. All dies bestärkte meinen neuen (queer-)feministischen Weg. Auch wenn ich solche Bücher als wichtige Werke unserer feministischen Ära betrachte, hundertprozentig identifizieren konnte ich mich als Arbeiterkind mit Migrationsbezug zur Türkei, als schiitisch-muslimisch sozialisierte Alevitin, als Hip Hop-Fan und feministische Rapperin mit ihnen nicht. Denn diese und andere populärwissenschaftliche Bücher gingen in keiner Weise auf den Bereich der Intersektionalität, auf den Islam, das Alevit*innentum und/oder die Lebenswelt der türkischen, kurdischen oder arabischen Frau und/oder LGBTQI*s, geschweige denn auf den Bereich des islamischen Feminismus oder die Hip Hop-Kultur ein. Um hierüber mehr zu erfahren, musste ich auf wissenschaftliche Literatur zurückgreifen (und natürlich durch Bildung da erstmal hinkommen!), wo dann wiederum der Aspekt des Empowerments ebenso wie der Bezug auf Deutschland fehlte. Diese Aspekte habe ich mir dann durch eine gute Mischung aus Popkultur, Hip Hop, Wissenschaft, meinen Lebenserfahrungen und meinen eigenen selbstbefreienden, feministischen Überlegungen selbst erarbeitet.

Seit meinem Auftritt bei Maischberger im Jahr 2007 hat sich vieles verändert. Eine junge Generation von Frauen und nicht-binären Menschen, die sich zu neuen und alten feministischen Themenbereichen und Ansprüchen äußert, wird zunehmend sichtbar. Mittlerweile gibt es eine ebenso beschauliche wie beachtliche Szene feministischer Akteur*innen in Deutschland, wobei es wieder einmal überwiegend weiße Frauen sind, die wichtige Posten als Feministinnen besetzen. Dennoch werden Feminist*innen im Allgemeinen nicht mehr als Nischenvertreter*innen in eine Ecke gedrängt, sondern sind in der gesellschaftlichen Hauptrezeption angekommen und erheben ihre Stimmen. Hierzu hat natürlich auch der Kapitalismus, die Globalisierung und die Kommerzialisierung beigetragen, denn wie wir alle wissen, muss vieles erstmal in den USA in werden, bevor es zu uns rüberschwappen und angenommen werden kann. So war es auch mit dem Feminismus. Dass Frauen über Sexualität sprechen oder sexuelle Gewalt, ist heute normaler, das offene, teilweise vulgäre Sprechen über Sexualität von Frauen in Light-Version ist mittlerweile fast zum feministischen Grundton geworden. Diese Form von Female Sexspeech werde ich später unter die Lupe nehmen.

2017 führte ich in einer Reihe des SPIEGEL-Magazins ein Gespräch über Feminismus mit Heide Pfarr.[3] Als die Frage aufkam, wie weit wir denn seien mit feministischen Forderungen und was noch getan werden müsse, antwortete ich seufzend: »Wir befinden uns erst an der Spitze der Klitoris!« Damit meinte ich, dass der Großteil der Probleme noch unter der Oberfläche lag, dass man sich beim Feminismus, wenn man ihn metaphorisch als menschlichen Körper betrachtet, vom Zeh bis zur Vulva oder zum Penis hinarbeiten muss. Die Spitze der Klitoris ist dabei nicht das Ziel, sondern der Anfang. Ich dachte hierbei an die zweite Welle der Frauenbewegung, in der auch Heide Pfarr sozialisiert wurde, ich dachte an den ganzen Bereich der Intersektionalität, ich dachte an die einseitigen, überwiegend rassistischen Debatten zum Kopftuch und den besessenen Umgang mit »dem Islam«, ich dachte an den Hip Hop-Feminismus, der in Deutschland jahrzehntelang öffentlich so gut wie unsichtbar war. Ich dachte an die Zustände für Frauen und queere Personen im cis-männlich hierarchischen und weiß dominierten Wissenschaftsbetrieb. Ich dachte an so vieles, was mich dazu bewegte, dieses Buch zu schreiben. Also schrieb ich es.

Drei Bereiche, die mich bei meiner eigenen Emanzipation und meinen Gedanken zum Feminismus beeinflusst haben, behandle ich hauptsächlich in diesem Buch: Feminismus und Hip Hop und insbesondere (Deutsch-)Rap, Alevitentum, Islam und Feminismus inklusive des Bedeutungsbereichs des Kopftuchs in Deutschland sowie den Status quo von Frauen und marginalisierten Menschen im Wissenschaftsbetrieb – der Fuckademia. Alles durch die Brille der Intersektionalität, alles durch die Brille von mir, Dr. Bitch Ray! Dieses Buch kann (queer-)feministische Lücken nicht komplett schließen. Aber es soll zumindest meine facettenreichen Erfahrungen auf diesen Feldern mit den Leserin*nen teilen, auch weil einige feministische Debatten in Sackgassen geführt haben, für deren Lösung neue Konzepte nötig sind. Denn nur so können sich feministische Debatten weiter- und fortentwickeln: indem neue, oder vorher angerissene Themen durch einzelne kritische Inputs, Dialoge oder den Austausch der jeweiligen Akteur*innen vertieft werden. Politische und soziale Bewegungen brauchen, nachdem sie (wieder neu) entstanden sind, genau diese Komponenten und die nötige Entwicklungszeit.

Dieses Buch soll Frauen, queere, transidente, transgender sowie inter- und agender Personen, behinderte Menschen, Schwarze Menschen, People of Color sowie andere marginalisierte Menschen motivieren, sich mehr einzumischen, Diskurse mit Inputs voranzubringen und an queerfeministischen Debatten teilzuhaben. Es soll sie auch motivieren, miteinander nicht immer einer Meinung zu sein oder sich anzupassen, sondern zu kritisieren, für die eigenen Ansichten zu argumentieren und, wenn nötig, auch zu streiten. Nur so kann mensch sich weiterentwickeln und andere Menschen erreichen. Feminismus muss nicht harmonisch sein, Feminismus tut in vielen Fällen auch mal weh und kann für viele Betroffene ein harter, lebenslanger Kampf sein. Lasst uns nicht nur jede*r ein Stück des Feminismus-Kuchens nehmen, lasst uns viele bunte, eigene Cupcakes backen, diese mampfend und krümelnd aufessen und miteinander austauschen! Ich persönlich will endlich alles sein, was ich will, und das haben, wovon ich träume. Lange Zeit war dies leider nicht möglich. Um Salt’N’Pepa fast wortwörtlich zu zitieren: It’s nuttin’ but a F-Thang, Baby!

I want to be the girl with the most cake

I love him so much it just turns to hate

I fake it so real, I am beyond fake

And someday, you will ache like I ache

Courtney Love – Doll Parts, 1994

Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray,

Erste Fassung geschrieben im Juli 2019,überarbeitet im Januar 2022. One Love.

I. Ceci n’est pas une féministe

Ich selbst habe mich nie als »Feministin« bezeichnet. Ehrlich gesagt wusste ich lange Zeit auch nicht, dass ich eine bin. Ich wurde auch selten gefragt, ob ich eine sei. Manchmal wurde einfach davon ausgegangen, dass ich eine war, manchmal auch nicht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der dritten Klasse als 9-Jährige zum Fasching ging – als »Nutte«. Ihr habt richtig gelesen N.U.T.T.E.! – dieses Wort, mit schwarzem Edding auf kleine Zettel geschrieben, tackerte ich mir auf meine pinkfarbenen Pumps. Ein Jahr zuvor war ich nämlich als Punk gegangen, in zerrissenen Jeans und schwarzer Perlonstrumpfhose mit hunderten Laufmaschen, Neon-Top dazu und ganz viel Schmuck: große Ohrringe, viele Ketten und Sicherheitsnadeln überall dran. Meine Mitschüler*innen guckten mich verdutzt an, denn sie selbst gingen als »Prinzessin«, »Clown« oder »Feine Dame« – das gefiel mir alles nicht, ich wollte anders sein. Ich war ein Riot Grrrl, bevor es die Bewegung überhaupt gab, aber ich war mir dessen damals nicht bewusst. Damit habe ich anscheinend meine Wut und meinen Widerstand gegen die Umstände ausgedrückt, in denen ich lebte, und das als Kind – war ich schon damals Feministin? I don’t know, aber ich wollte einfach nicht zur Masse dazugehören, deshalb muckte ich mittels Kleidung auf. Vor zwei Jahren kam die Frage am Ende einer feministischen Podiumsdiskussion auf: »Bezeichnest du dich als Feministin?« – »Nein, ich bin eher eine Bitch«, antwortete ich. Doch danach habe ich mich auch mit dieser Antwort nicht wohl gefühlt. Ich find’s lächerlich, die eigene Identität als Feministin hervorzuheben, denn ich verbinde dies nur mit dem Gestus von weißen, privilegierten Frauen, die sich harmonievoll als Feministinnen schmücken und sich selbst dafür abfeiern. Selten habe ich marginalisierte Frauen oder Menschen erlebt, die das tun. Deshalb nervt mich das vielleicht. Stattdessen sollte mensch lieber die Zeit dafür nutzen, über feministische Inhalte zu diskutieren, die seit Langem anstehen. Und bestätigt hat mir diese Haltung meine Beobachtung Anfang vorletzten Jahres bei einer Lesung, bei der eine Horde älterer Feminist*innen der Zweite-Welle-Generation sich in der Abschluss-Diskussionsrunde einzeln vorstellten. »Ich heiße Soundso, ich bin Dingsbums von Beruf und bin seit dreißig Jahren Feministin!«, ging das hintereinander weg. Wie stolz das klang, aber irgendwie auch selbstbeweihräuchernd, wie ich fand, und aufdringlich in diesem Kontext. Mir fiel dann irgendwann auf, dass es wieder mal überwiegend weiße Frauen sind, die das Selbstbewusstsein haben, sich als Feministin zu labeln, vielleicht gehört dieser Mut zu den weißen Privilegien, die Selbstverständlichkeit, sich so zu nennen, von marginalisierten Frauen mit Migrationsbackground, die von unten kommen, hört man das (leider) seltener. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, das bei meiner persönlichen Vorstellung zu sagen, ehrlich. Wie bescheuert ist das: »Guten Tag yalla, Merhaba! Ich bin Reyhan Schießmichtot und ich bin: Feministin«? Andere können das gerne von sich behaupten oder über mich sagen, wenn sie sich gut damit fühlen, aber ich selbst? No way! Ich muss das nicht wie eine Berufsbezeichnung sagen, ob oder dass ich Feministin bin, lieber beschäftige ich mich in dieser Zeit mit den eigentlichen queer oder intersektionell-feministischen Inhalten.

Vielleicht hängt meine Vermeidung des Feminismuslabels aber auch mit dem musikalischen Genre zusammen, mit dessen Hilfe ich mich im feministischen Sinne sozialisiert habe. Subversiver Feminismus via expliziten Sex-Rap. Damals vor sechzehn Jahren war es nicht üblich, feministische Inhalte als solche explizit zu markieren oder sich das F-Wort auf die Stirn zu schreiben. Ja, es gab so gut wie keinen (queer-)feministischen Rap in Deutschland, als ich 2002 anfing, meine Songs zu veröffentlichen! Man, oder besser gesagt frau, machte feministische Kunst ganz selbstverständlich subversiv und gab damit im besten Fall explizite queerfeministische Denkanstöße. Wahrscheinlich wären sonst viele glatt abgehauen, und es hätte mich die Möglichkeit gekostet, überhaupt Musik zu machen. (Was im Endeffekt trotzdem geschah.) Ich hatte schließlich genügend Hater mit dieser Form von Musik. So wie es sich heute noch als schwierig erweist für Women of Color, insbesondere muslimische und/oder alevitische, die im Hip Hop konsequent feministisch aktiv sind. Auch an der Uni hat man mir zu Anfang meiner Studienzeit schnell dazu geraten, die »Finger von Feminismus als Forschungsdisziplin« zu lassen, da ich »sonst nicht ernst genommen« werde. Wobei – fiel mir danach irgendwann auf – wurde frau das ohne F-Wort auch nicht!

Ich will mich immer noch nicht Feministin nennen, auch wenn es eine der Prämissen unseres neuen Feminismus wurde, uns endlich wieder zu trauen, sich so zu bezeichnen. Ich fühle mich irgendwie nicht dazugehörig zu dieser weißen, älteren wie jüngeren Feminismus-Benenn-Mafia. Vielleicht auch deshalb, weil mich, wie oben schon erwähnt, der inflationäre Gebrauch der Selbstbezeichnung »Feministin« nervt. Das Label kann sich fast jede*r geben, zum Beispiel weiße bürgerliche Frauen, die auf den Feminismus-Zug aufspringen, weil es grad so trendy und so »leicht« für sie ist, Feminismus zu betreiben, oder »starke Frauen«, die in Männerdomänen als einzige Frau sichtbar sind und zur Feministin erkoren werden, obwohl sie gar keine feministischen Ansichten pflegen. Oder aber rechtspopulistische, rechtskonservative und (extrem) rechte Frauen, die sich ebenso als Feminist*innen betrachten. Auch in von außen als solche schwer zu identifizierenden, islamistischen Kontexten neigt man dazu, den Begriff als inhaltslose Worthülse zu gebrauchen. Inwieweit ist beispielsweise eine Frau, welche als Zuhälterin für osteuropäische Sexarbeiter*innen agiert, Feminist*in, wenn sie, männlich-dominante Hierarchien bestärkend, diese Frauen auf dieselbe Weise wie ein männlicher Zuhälter schlecht behandelt? Und inwieweit ist die kapitalistische, von cis- Männern künstlich produzierte Maschinerie von Popmusiker*innen, die als Feminist*innen inszeniert werden, noch wahrhaftig feministisch? Natürlich kann ich verstehen, wenn diese Selbstbezeichnung die jeweilige Person in ihrem Selbst-Empowerment bestärkt und ihr dadurch hilft – zumindest hat’s dann seinen Ermächtigungszweck erfüllt.

Ich komme mir eher vor wie eine feministische Insel im gesamtdeutschen feministischen Diskurs. Wie eine, die sehr früh Themen wie queerfeministischen Hip Hop, Islam und Gender angestoßen hat und später keinen Anschluss an die Nachfolgerin*nen bekam. Oder bewusst unsichtbar gemacht wurde. Vielleicht ist das der Grund. Ich bin aber nicht die einzige Woman of Color, die auf das Feminismuslabel verzichten will, auch wenn ich es bei anderen respektieren kann. Auch viele Schwarze Feminist*innen bezeichnen sich nicht als Feministin, sondern nennen sich unter anderem Womanistin. Oder muslimische Feminist*innen, die das Wort aus vielerlei Gründen meiden. Deshalb habe ich eine bessere Begriffsidee für mich gefunden: Ich bin Undercover-Feministin. Und zum Undercovertum gehört es eben, sich selbst nicht ständig als Feministin zu profilieren.

Von Lady Bitch Ray zu »Bitchsm«

Mit zwölf habe ich begonnen, Musik zu hören. Mein älterer Bruder war Graffitisprayer, ein sogenannter Writer, der immer Kassetten und später CDs mit nach Hause brachte – von Ice-T, Public Enemy oder Eazy-E. Die hörte ich eifrig mit, schließlich schliefen wir zu dritt in einem Kinderzimmer in Bremen-Gröpelingen aka G-Town, und keiner konnte dem Ghettoblaster entkommen. Mir gefiel der aggressiv gespittete Rap, mit dem ich meine Wut ausdrücken konnte, denn ich hatte eine Wut in mir, die ich damals noch nicht benennen, geschweige denn steuern konnte. Ich fing an, den Rap-Sound zu lieben. Deshalb nannten wir unseren Hamster nach einem unserer Lieblingsrapper Ice-T. Cora E. aka Sylvia Macco war damals die einzige sichtbare Frau im Deutschrap: »Hip Hop ist kein Musikstil /Sondern Sprechgesang nur ein Teil der Kultur/B-Boy’s nur ein Teil der Kultur/Graffiti nur ein Teil der Kultur«, erinnert ihr euch? Mich faszinierte als Kind, wie eine Frau wütend ins Mic spittete. Das wollte ich auch! Nie hatte ich eine Faszination für Boygroups entwickelt, die fand ich schon immer uncool. New Kids On The Block, Backstreet Boys, Take That, sie begleiteten mich zwar durch meine Jugend, aber während sie heute von vielen wegen ihres Kultstatus gefeiert werden, waren es damals einfach nur langweilige, weißgespülte, fucking Boygroups, die Kreischereien auslösten, aber die die coolen Street Kids nicht hörten. Sie füllten die Seiten der Bravo oder damaligen Popcorn und wurden von fast allen jungen Mädchen unterwürfig angeschwärmt. Ich fand das schlimm. Ich wusste schon sehr früh, dass ich nicht wegen eines Mannes und seines Aussehens kreischend in Ohnmacht fallen würde, dass es viel wichtiger ist, als Frau selbst etwas zu schaffen und darauf stolz zu sein. Mein Vater hat immer gesagt, dass ich als Frau mindestens das Doppelte leisten muss wie Männer und dass Bildung sehr wichtig für Frauen ist, damit sie unabhängig werden. Heutzutage bin ich froh, dass ich so war! Woher ich in diesem Alter meine kluge Einsicht hatte, weiß ich nicht. Sicherlich nicht aus Magazinen oder aus dem Fernsehen. Wahrscheinlich von der Hip Hop-Kultur aus den USA.

Die Schwarzen US-amerikanischen Rapperinnen waren es, die mein Interesse für Emanzipation in meinen jungen Jahren weckten. MC Lyte, Lil’ Kim, Foxy Brown, Missy Elliott oder Lauryn Hill – sie empowerten mich, das Mic in die Hand zu nehmen und die Missstände der alevitischen, muslimisch sozialisierten Frau mit Türkei-Hintergrund kundzutun, insbesondere Lil’ Kim inspirierte mich mit ihrem offensiven Sextalk. Erst später, während meiner Promotionsphase, entdeckte ich die Schriften von islamischen beziehungsweise muslimischen Feminist*innen. Mit ihnen fühlte ich mich neben dem US-amerikanischen Black Female Rap im feministischen Sinne zu Hause. Denn diese muslimischen Feminist*innen sprechen genau die unterschiedlichen Patriarchate, Sexismen, Klassismen und Rassismen an, von denen ich und andere muslimisch sozialisierte Frauen und LGBTQI*s betroffen sind.

2006 wurde ich mit meiner Musik über Nacht berühmt. Über das soziale Netzwerk Myspace, das es damals gab, ja ist schon etwas länger her, eine Internetplattform für Musiker*innen, und zwar noch ohne Monetarisierung, das kam alles erst viel später! Rap gemacht habe ich aber schon länger, seit 1994. Damals hörten fast nur »Kanaken«, also die Kinder von Arbeitsmigrant*innen mit Türkei-Hintergrund, Hip Hop und R & B. Weiße Deutsche hörten eher weiße Musik, Boybands, Grunge, Heavy Metal oder Rock. Guns N’ Roses zum Beispiel, das war whity-Rock pur. Schwarzen Rap oder Soul, den wir hörten, haben sie eher belächelt, aber keiner traute sich etwas zu sagen, weil’s sonst aufs Maul gab. US-amerikanischer Rap wurde von der Mehrheit der Weißdeutschen erst viel später gehört, eher seit den Hits von Snoop Dogg und Dr. Dre. In meiner Schulklasse fingen weißdeutsche Jungs erst mit der Musik des afrodeutschen Rappers Nana an, Rap zu hören. Aber Nana war tatsächlich eher Eurodance-Popmusik und kein echter Rap. Auch dafür lachte ich viele dieser Jungs aus.

Als ich mit dem Rappen begann, nannte ich mich »Lady Ray«. »Ray« ist seit meiner Schulzeit mein Spitzname, abgeleitet und verkürzt von meinem Vornamen »Reyhan«, was übrigens so viel wie »Basilikumblüte« bedeutet. Und »Lady« davor wegen folgender Vorgeschichte: 1995 nahm ich mit einem französischsprachigen Rap, den ich zuvor mithilfe des Französisch-Schulwörterbuchs geschrieben hatte, bei einer sogenannten Hip Hop-Jam teil. Das sind kleine lokal organisierte Konzerte, wo Rapper und Newcomer sich mit Rap spontan auf der Bühne beweisen können. Ich liebte damals französischsprachigen Rap, etwa von MC Solaar, Ménélik und Soon E MC. Meine französischen Schulwörterbuch-Sex-Rapsongs hat zwar niemand verstanden, aber alle fanden ihren Klang »so wunderbar«. Einmal war ich auf einem Black-Music-Konzert. Der Moderator, der die Acts ankündigte, war schon angetrunken, weshalb er mich wiederholt nach meinem Künstlernamen fragte. »Wie heißt du?«, sagte er und hielt das Mikro weg, damit nicht alle die Frage mitbekamen. »Mademoiselle Ray!«, sagte ich in sein Ohr. »What?!«, schrie er, »Mademoiselle Ray«, »Say it again, say it again …«. Er versuchte, das »Mademoiselle« halblallend zusammenzubrechen. Ich merkte, dass er’s nicht packen würde. Ich musste schnell etwas Leichteres sagen, da der Auftrittsmoment nahte. »Lady Ray!«, rief ich ihm unter Druck zu, und er kündigte mich an. So war der Name Lady Ray geboren – für ein paar Jahre zumindest.

Zwei Jahre später hatte ich einen Auftritt in einem Freizeitheim in Bremen-Tenever, dort, wo übrigens Ferris MC geboren ist. Männliche Jugendliche tummelten sich vor der Bühne. Es hatte sich schon herumgesprochen, dass ich als »Türkin« unanständige Raptexte über Sex schrieb. Die Blicke der Jugendlichen durchbohrten mich, als ich zum Hintereingang der Bühne lief, ich fühlte mich, als wäre ich ein nackter Alien. Breite Klamotten, Baggyjeans, bauchfreies Top, Kontinent-Afrika-Anhänger, das große »X« für Malcolm X und dicke fette Goldklunker, meine Vorbilder waren T-Boz von TLC und MC Lyte – so was gab’s damals sonst nur in den Rap-Videos auf MTV. Und eben bei mir, Lady Ray. Als ich auf die Bühne ging, hörte ich schon einige Flüstern: »Bitch«, »Schlampe«, »Wie kann sie nur?! «, »Voll die Nutte«, schallte es leise aus verschiedenen Richtungen. Ich atmete tief ein und legte los. Der erste Song bouncte, und die Herren wippten mit starrenden Blicken herausfordernd zu meinem Beat. Als ich losrappte, siehe da, merkte ich, dass es ihnen gefiel. Nach drei Songs, als die Stimmung im positiven Sinne angeheizt war, stellte ich mich ganz vorne an den Rand der Bühne und kniete mich hin. Ich konnte manchen der Typen direkt in die teilweise ängstlichen Augen sehen. Einige von ihnen gingen erschrocken einen Riesenschritt zurück. Ich sagte: »Ihr nennt mich also ›Schlampe‹? ›Hure‹, ›Bitch‹?« – »Hast du gehört, DJ? Die nennen mich Schlampe! Hahaahhh!« Ich machte eine Pause und ging auf der Bühne wütend auf und ab. Das Publikum wich sichtbar noch einen Meter nach hinten. »Aber jaaa, das stimmt. Ich bin eine Bitch! Bitch mo-ther-fu-cking Lady Ray! Lady BITCH Ray« Die drei Wörter dröhnten melodisch auf den Beat. »Habt ihr mich verstanden?!«, fragte ich. Die Augen wurden noch größer. Einige Köpfe nickten zustimmend, als hätte ihnen ihre Mutter gerade gesagt, dass sie heute auf keinen Fall zu spät nach Hause kommen dürfen, weil es sonst kein Abendessen gibt. Seit dem Tag nenne ich mich Lady Bitch Ray. Mir war damals nicht bewusst, dass die US-amerikanische Rapperin Roxanne Shanté den »Bitch«-Begriff zehn Jahre zuvor in einem ähnlichen Kontext als Selbstbezeichnung auf einer Bühne in Philadelphia bereits für sich genutzt hat, doch dazu später mehr.

Mit meinen Songs »HengztArztOrgie« und »Ich hasse dich!« wurde ich berühmt. Dass das, womit ich seitdem in den sozialen Netzwerken stündlich überhäuft werde, ein Shitstorm war, eingebettet in übelsten Hatespeech, begriff ich erst zehn Jahre später. 2007 diskutierte ich bei Menschen bei Maischberger über Pornorap, 2008 schenkte ich Oliver Pocher bei der Sendung Schmidt & Pocher ein Döschen echtes Votzensekret von mir, 2011 diskutierte ich mit Alice Schwarzer über ihre einseitige und pauschalisierende Sicht auf das Kopftuch (auch wenn das bis dato nichts gebracht hat), 2012 brachte ich mit meinem Dasein Markus Lanz derart auf die Palme, dass er total toxisch aus seiner Haut fuhr und dieser Abschnitt im Endeffekt aus der Ausstrahlung weggeschnitten wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment im Juni 2009, als ich vor dem Psychiater in der Klinik stand, in die ich mich wegen akuter depressiver Schübe und Angst-Panik-Attacken, die mich im August 2008 überfielen, selbst eingewiesen hatte. Er sagte zu mir: »Sie haben zwei Möglichkeiten, Frau Şahin: Entweder Sie entscheiden sich für Ihre Gesundheit – dann müssen Sie hier genau einen Cut machen, mit allen Auftritten aufhören und an Ihrer Heilung arbeiten, denn schwere Depressionen sind kein Kinderspiel! Oder Sie machen weiter und fallen irgendwann tot um, weil Sie sich nicht um sich selbst gekümmert haben, Sie haben die Wahl.« Ich tat es natürlich ungern, weil mein größter Traum die Musik war, aber ich machte einen Break mit allem, zog mich zurück und kümmerte mich von da an um meine Gesundheit. Da ich als Künstlerin gesellschaftlich überwiegend fehlinterpretiert wurde, fühlte ich mich gezwungen, 2012 das Werk Bitchsm zu veröffentlichen. In diesem Buch erkläre ich, wie die Kunstform von Lady Bitch Ray als sexpositiver Weiblichkeitsentwurf verstanden werden kann, gehe auf die Emanzipation der muslimischen Frau ein, gebe Sextipps und empowere Frauen, trans-, intersexuelle und queere Menschen für eine selbstbestimmtere Sexualität, ein intersektionell-feministisches Werk sozusagen. Da Bitchsm Jahre vor der weltweiten #MeToo-Bewegung erschien, wurde es von deutschen Medien weitgehend ignoriert. Also begann ich, meine Gedanken zum Feminismus in Form von Vorträgen und Workshops zu verbreiten. Und widmete mich der Wissenschaft und später auch dem Aktivismus. Aber auch der Bereich des Hochschulbetriebs ist ein hartes Terrain.

And every time that I see him, he’s always a-beggin’

And all the other girls that he’s always tryin’ to leggin’

Every time that I see him, he says a rhyme

But compared to me, they’re weak compared to mine

Roxanne Shanté, Roxanne’s Revenge, 1995

Schon als Jugendliche wurde mir Emanzipationspotenzial zugesprochen. Auf dem Gymnasium damals (ich war zwar sehr unkonventionell bis frech, habe immer mein Ding durchgezogen, aber immer auch zugesehen, dass ich fleißig und gut war in der Schule, und bis zur siebten Klasse war ich mit meiner besten, deutschtürkischen Freundin sogar Klassenbeste) sagte meine Englischlehrerin einmal zu mir: »Das machen Sie schon! Sie sind doch so ’ne Emanze!« Sie lächelte verschmitzt dabei, sodass ich glaubte, sie meinte es gut. Dennoch schlug ich das Wort zu Hause im Wörterbuch nach und überlegte. Was bedeutet das eigentlich genau … eine »Emanze«?! Durch mein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und meine Erfahrungen mit dem Patriarchat, Armut und Rassismus tat ich automatisch widerständige Dinge, die heute als emanzipiert gelten. Aufgewachsen zwischen zwei Brüdern, lernte ich früh, mich zu wehren und beim Raufen auch mal zurückzuschlagen, denn wenn frau in solchen Momenten nichts tut, kassiert sie direkt einen Gong mit! Aber ich lernte auch zu schlichten, wenn sie sich wieder einmal ohne Grund stritten. Als Teenager ging ich selbstbestimmt meinen eigenen Weg, ich fing an, Rap zu hören, ich kleidete mich anders, ich wollte einfach nicht so sein wie die anderen. Ich wollte nicht als »Türkenkind« ausgegrenzt werden, ich wollte anders sein. Auf türkischen und kurdischen Hochzeiten fiel ich durch meinen Streestyle auf, ich wartete die ganze Hochzeit lang auf die englischsprachigen Hip Hop-Einlagen, die meistens nur am Ende der Tanzparts kamen, um meine Rap-Tanzstyles vorzuführen. Ich rauchte nicht, weil die meisten anderen Mädchen rauchten. Ich trank keinen Alkohol, weil viele tranken. Ich merkte, dass ich mich wehren musste, weil ich anders war. Ich kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus, nicht über die Theorie. Die las ich mir viel, viel später, am Ende meines Studiums, an. Durch mein gläubiges, muslimisch geprägtes alevitisches Elternhaus von Geistlichen wurde ich streng erzogen und begann mit zwölf Jahren, gegen alles zu rebellieren: gegen meine Eltern, aber auch gegen die Engstirnigkeit, Rassismus und das Nicht-akzeptiert-Werden in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Zunächst einmal durch ausgefallene Kleidung – ich trug große, goldene Kreolen, zerrissene breite Jeans, Kapuzen-T-Shirts und malte mir die Lippen blau – später in der Pubertät auch durch meinen Musikgeschmack –, ich hörte zuerst Madonna und später Schwarzen US-amerikanischen und französischsprachigen Rap, zuvor hatte ich, angespornt durch meinen älteren Bruder, auch Graffiti gesprüht, was mir aber zu »leise« war. Zudem fand ich die Graffiti-Szene zwar auch männlich-dominiert, aber nicht so solidarisch wie die Hip Hop-Szene, damals zumindest. Ich wollte gehört werden, also begann ich, über mein Leben zu rappen, da war ich fünfzehn. Ich musste mich sozusagen aus Betroffenheit mit Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen, nicht weil ich irgendwie eigenständiges Interesse oder »Spaß« an Feminismus hatte, wie kann man auch Spaß an so was Anstrengendem haben, sorry.

Yalla, Feminismus!

Das Wort yalla ist ein arabisches Lehnwort des Türkischen und bedeutet, ähnlich wie das Wort haydi, so was wie: »Los! Auf geht’s!« oder »Steh auf!« Den Titel des Buches könnte man also mit »Los, Feminismus!« oder »Haydi, Feminismus!« übersetzen. Passt gut zu meinen Absichten des Empowerments, sich für queerfeministische Themen wie Geschlechtergleichberechtigung und gegen Sexismus, Rassismus und Klassismus stark zu machen, und zwar auch für marginalisierte Menschen, die anders sind und in keine Schubladen passen. Menschen, die sich vielleicht innerhalb zeitgenössischer, (queer-)feministischer Debatten nicht wiederfinden oder nicht von aktuellen Diskursen angesprochen fühlen, da die thematisierten Bereiche so gar nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun haben. Zum Beispiel kurdische, alevitische oder muslimisch sozialisierte Frauen und LGBTQI*s. Oder die Generation unserer Mütter, die vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren nach Deutschland einwanderte, wie meine Mutter, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen: Sie kam eine Woche nach ihrer Heirat mit meinem Vater nach Deutschland. Täglich allein zu Hause, während mein Vater zum Arbeiten in die Schiffswerft ging. Täglich mit zwei kleinen Kindern – meinem Bruder und mir – und später noch einem Nachzügler die Haus- und Kinderarbeit aka Carework verrichten. Erst als wir in den Kindergarten kamen, hatte sie die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Ich erinnere mich noch an die melodramatische anatolische Musik von Aşık Veysel, einem blinden, alevitischen Saz-Spieler und Dichtersänger aus Sivas, die meine Mutter mit einem kleinen Kassettenrecorder in der Küche beim Abwasch abspielte. Manchmal weinte sie, und ich weinte mit, weil mich ihre Traurigkeit als Kind natürlich auch traurig machte. Gewiss trägt meine Muttergeneration einen erheblichen Teil an Mitverantwortung dafür, patriarchal-traditionelle Erziehungsmuster aus den türkischen und kurdischen Communitys – um diese als Beispiel zu nehmen – übernommen und an uns Kinder weitergegeben zu haben. Fakt ist aber, dass diese Frauen in Deutschland immer noch unsichtbar sind mit ihrer bis dato unbezahlt verrichteten Care- und Pflegearbeit in ihren Familien, dass viele von ihnen auch aufgrund ihres fehlenden Bildungszugangs mehrere niedrigschwellige Berufe ausüben, wie etwa Putzarbeiten in Krankenhäusern, Arztpraxen oder in der Altenpflege. Diese Frauen bekommen feministische Debatten nicht mit, denn unsere feministischen Debatten sind eher akademisch und elitär, Zugang zu ihnen haben überwiegend weißdeutsche Menschen oder jene mit Bildungssozialisation und bestimmtem Einkommen, auch in Zeiten des feministischen In-Mode-Kommens. Wie kann sich frau da überhaupt emanzipieren? Deshalb erzähle und übersetze ich meiner Mutter öfter feministische oder antirassistische Themen, die mich gerade beschäftigen oder im Moment besprochen werden, wie etwa §219a über Schwangerschaftsabbrüche oder Prostitution, und sie hat intuitiv manchmal eine im emanzipatorischen Sinne Frauen bestärkende Haltung parat.

Yalla