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Glaubst du das Seemannsgarn, das sich die Männer in den Tavernen am Hafen zusammenspinnen? Herzen wurden gestohlen, aye! Manche wurden aus Brustkörben gerissen, während Sirenengesang erklang. Ein Herz wurde von einer Hexe gestohlen und es zersprang in viele magische Splitter. Andere wurden, mitsamt den Schiffen, auf denen sie segelten, von riesenhaften Tentakeln in die Tiefe der See gezogen. Doch ein Herz, so heißt es, wurde freiwillig an eine Kapitänin verschenkt. Es war das einzige Geschenk, das jemals von einer Sirene gemacht wurde.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
1. Auflage 2025 - Yara’s Hearts (E-Book) Copyright Sabine Magdalene Knop
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Sabine Magdalene Knop (PID:23aa18) c/o auko.media Torgauer Str. 1A 04838 Eilenburg Deutschland / Germany / Allemagne
E-Mail: [email protected] Website: www.sabine-knop.de Instagram: @sabine_knop_schreibt
Lektorat: Sarah Di Fabio – www.enchanted-editing.de Korrektorat: LYRA LEKTORAT – www.lyra-lektorat.de Covergestaltung: MostlyPremade - Nadine Most unter Verwendung von stock.adobe.com (Taiga, Andrey Kuzmin, wirakorn, Alex, anurak, diana1986anaid, IG Digital Arts, Freeman, ankomando)und elements.envato.com (PixelSquid360) Illustrationen und Kapitelzierden: Yves Münch – [email protected]
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der eng bemessenen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar, sofern keine vorherige schriftliche Zustimmung des Autors eingeholt wurde. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, die öffentliche Zugänglichmachung und die Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Für Opa Gerhard und Oma Monika,
die meine Eltern und ihre Enkelkinder mit ihrer Neugierde auf die Welt, fremde Länder, Legenden und Kulturen angesteckt haben.
Und für meine Eltern, die mir schon in jungen Jahren viel davon gezeigt haben.
Ohne euch wäre niemals eine Geschichte von mir entstanden!
Liebe Lesende, dieses Buch enthält potentiell triggernde Inhalte, die am Ende dieses Dokuments aufgelistet sind. Über das Inhaltsverzeichnis gelangt ihr ohne Umwege direkt dorthin. Diese wurden ans Ende gestellt, da sie die Geschichte möglicherweise spoilern können. Um euch das bestmögliche Leseerlebnis zu bieten, bitte ich darum, diese zu lesen, sollten Probleme mit gewissen Themen bestehen.
Die krächzende Stimme der Hexe hallte immer noch in ihren Gedanken nach. Es war, als würde der tosende Wind deren Worte zu ihr herüberwehen.
»Euer Herz, Kind«, hatte die alte Frau gefordert, bevor Agwea dem panischen Impuls gefolgt war, vor dem Dolch in der Hand der Greisin zu fliehen. Hals über Kopf war sie aus der Hütte am Rande der Klippen gestürmt.
Jetzt erhellte ein Blitz den wolkenverhangenen Nachthimmel und ließ die Regentropfen auf ihrer dunkelbraunen Haut glitzern. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen den Sturm, ignorierte das Peitschen der Tropfen in ihrem Gesicht.
Sie musste weg von der tückischen alten Frau und fort von dem törichten Versprechen, das sie ihr gegeben hatte. Agwea rannte weiter. Dem tosenden Meer entgegen, das ihr früher so viel Geborgenheit und Trost gespendet hatte. Jetzt hatte es all ihr Leid zu ihr getragen.
Warum tat er das? Agwe, ihr Familien-Loa, im Voodoo Schutzgeist der Seefahrer und Herrscher der Meere. Der Geist, nach dem sie benannt worden war, weil ihre Augen so tief und blau waren wie das Wasser der See. Leuchtende Perlen in ihrem makellosen Gesicht mit der dunklen Haut und dem dicken, schwarzen Haar. Sie war mit ihrer Familie über diesen Ozean gekommen, als sie als Sklaven verschleppt worden waren, um im Paradies zu dienen.
Tränen liefen brennend heiß über ihre Wangen. Der emotionale Schmerz, den sie empfand, drohte ihre Brust zu zerreißen und ihr Innerstes im Wind zu verstreuen.
Dem Klang der tosenden Wellen folgend, zwang sie ihre schmerzenden Beinmuskeln weiterzumachen. Die zerschellenden Wogen brachten die Küste zum Zittern und ließen den Boden unter Agweas Füßen beben. Sie schienen sie fortzuschicken, ihr zu drohen, damit sie nicht näherkam. Wollte der Meeresgeist, mit seinen zwei Gesichtern von Beschützer und Zerstörer, ihren Schmerz nicht sehen?
»Du hast ihn mir genommen«, brüllte sie gegen das tosende Wetter. Erneut erhellte ein Blitz den Himmel und gewährte ihr einen Blick auf die See. Ihre Wellen bildeten Schwertspitzen wie in einem Heer aus kämpfenden Kriegern.
Die Gischt hypnotisierte sie und ließ sie glauben, in das tollwutverzerrte Maul einer Bestie zu blicken. Erst das nachhallende Erleuchten der Gewitterwolken zeigte ihr, dass sie nur einen Schritt entfernt vom Abgrund stand.
Mit fächernden Armen stoppte sie ihren Lauf und blickte den lockeren Steinen hinterher, die sie in die Tiefe getreten hatte. Die meisten von ihnen schlugen erst auf den Felsen am Fuße es Abhangs auf, bevor sie in die unendliche Schwärze des Meeres verschwanden.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals und obwohl sie längst ihren schützenden Umhang verloren hatte und das leichte Leinenkleid durchtränkt war, dampfte ihre Haut. Die sonst so unbändigen Haare hingen glatt auf ihre Schultern herab. Vollgesogen mit Regen, Gischt und Tränen.
Ihre Angst vor dem Fall hatte ihr den Atem geraubt, doch mit einem Mal wich sie anderen Gefühlen. Die Worte lösten sich, bevor sie darüber nachdenken konnte, was sie da tat.
»Ich verfluche Euch, Agwe! Ich lege Euren Namen ab und meine Gefolgschaft. Eher bin ich namenlos, als dass ich in Eurem weiterlebe.« Die Wellen schlugen gegen die Klippen und brachten sie so heftig zum Zittern, dass die Frau ohne Namen zu schwanken begann und um ihr Gleichgewicht kämpfte. Als sie die Kontrolle zurückerlangt hatte, stampfte sie mit einem Bein auf und gab sich weiter dem Zorn hin.
»Ihr habt ihn nicht beschützt! Habt ihn krank werden lassen. Ihr! Ihr habt mich in die Arme einer Hexe getrieben und ihn in die einer anderen! Ihr beide habt mein Herz gebrochen, doch selbst den kümmerlichen Rest davon werde ich keinem von Euch überlassen! Ich verfluche Euch. Hört Ihr? Ich verfluche Euch!« Sie hob die Arme zum Himmel und schrie gegen den Wind. Jede Faser ihres Körpers schien zu beben.
Sie konnte nicht zurück. Sie hatte die Familie entehrt, indem sie zu einer falschen Priesterin, einer Hexe, gegangen war, hatte ihren Verlobten an eine andere Frau verloren, ihren Schutzgeist verflucht und schuldete einer Hexe ihr Herz, für einen Handel, bei dem sie betrogen worden war.
Sie konnte nicht zurück … also stürzte sie sich hinab in die schäumenden Schwerter Agwes.
Er mochte die Franzosen nicht. Darum hatte er auf Sint Maarten als Pirat angeheuert, in dem Glauben, mehr zu verdienen als ein Soldat im Dienste der Krone. Er war stolzer Bürger des niederländischen Königreichs und versessen darauf, Reichtum anzuhäufen, um sich den Rest der Insel zu erkaufen, den die Franzosen so elendig ergaunert hatten.
St. Martin, wie die hinterhältigen Froschfresser seine Insel nannten, war Schauplatz einer heimtückischen Finte geworden. Zunächst hatten sie zusammen mit den Niederländern die spanischen Aufseher vertrieben, die auf die Kriegsgefangenen aufpassen sollten. Auch hatten sie sich auf den Vorschlag eingelassen, die Insel fair unter sich aufzuteilen. Jede Nation hatte dafür einen Mann gestellt. Sie hatten sich gemeinsam an der Küste treffen und von dort in entgegengesetzter Richtung den Rand der Insel ablaufen sollen. Von der Stelle, wo sie gestartet waren, bis dahin, wo sie sich wieder begegneten, hatte man die Grenze ziehen wollen.
Doch es war ein offenes Geheimnis, dass die verlogenen Franzosen Bas’ Landsmann Gin in seine Proviantflasche gefüllt hatten, anstelle von Wasser wie bei dem Franzmann. Deshalb, das wusste jeder, war der Niederländer nicht sehr weit gekommen und den Froschfressern waren gute zwei Drittel der Insel zugesprochen worden.
Das alles war fünfzig Jahre vor Bas’ Geburt geschehen und dennoch erzürnte es ihn jedes Mal, wenn er daran dachte.
Doch ein offener Angriff direkt vor seiner geliebten Insel auf die französischen Flotten durch die Revenge, auf der er gemeinsam mit ihrer niederländischen Besatzung diente, würde Krieg bedeuten. Daher konzentrierte sich sein Kapitän auf die Reichtümer der Schiffe, die den Hafen Roseau auf der Insel Dominica verließen. Vor dem günstiger gelegenen Marinehafen Portsmouth, etwas nördlicher auf dem Eiland, zu lauern, war wegen der Marine Nationale genauso gefährlich wie zuhause. Sie waren bereits dabei, sich neben den Klippen von Scott’s Head ganz im schroffen Süden zu positionieren, um freie Sicht auf die Route nach Roseau zu haben.
Es war später Nachmittag des zweiten Tages auf See und Bas versuchte, den Geschichten der anderen Besatzungsmitglieder zu entkommen. Unentwegt sprachen sie von Monstern und unnatürlichen Wesen, die angeblich in der Nähe dieser karibischen Insel Jagd auf Seeleute machen sollten.
Mystische Gesänge, die einen in seinen Bann zogen und den eigenen Willen raubten. Albernes Geschwätz von Männern, die zu lange nicht den Duft von weiblicher Haut riechen durften. Es machte sie verrückt, wenn sie genug Zeit unter ihresgleichen verbracht hatten. Ließ sie die wildesten Geschichten spinnen.
Besorgt stand er in seinem Ausguck, am Großmast des knarzenden Holzseglers, und beobachtete die dunklen Wolken am Horizont vor ihnen. Bis vor wenigen Momenten war der Himmel noch klar und strahlend blau gewesen. Jetzt wirkte er wie eine Festung, die sie davor warnte, näher zu kommen.
Bas verließ seinen Posten im Vogelnest und kletterte die Strickleiter hinunter. Er musste dem Kapitän vom aufziehenden Unwetter berichten. Die Segel waren einzuholen und alles, was das Schiff ins Wanken geraten lassen konnte, war festzumachen. Seien es Kanonen, ihre Nahrung oder die Fässer mit Rum.
»Ein Sturm sagst du? Luvseitig sieht das Wetter passabel aus. Ich denke, dein Unwetter sollte uns nicht beeinträchtigen und sogar weitergezogen sein, bis wir die Hafenstraße nach Roseau kreuzen. Geh zurück auf deinen Posten«, befahl sein Kapitän, während er auf der Seite zum Horizont blickte, von welcher der Wind kam.
»Aber Käpt’n … der Regen, er fällt in gerader Linie auf das Meer. Dort ist kein Wind.«
»Was glaubst du, wer du bist, Bursche? Meinst du, mehr über die Seefahrt zu wissen als ich? Glaubst du, ein besserer Kapitän zu sein? Spute dich, oder du kannst von der Galionsfigur aus zusehen, wie wir die Schiffe entern und hoffen, nicht zerquetscht zu werden! Fort mit dir!«, schrie er ihm entgegen.
Beinah fiel Bas rückwärts vom Achter- aufs Hauptdeck. Im letzten Moment hielt er sich an dem massiven Holzgeländer der Treppe fest und versuchte dann, mit einer leichten Verbeugung seine Ungeschicklichkeit und Unsicherheit zu überspielen.
Natürlich, der Kapitän hatte recht. Sah man nach Backbord, zur Luvseite, aus der der Wind kam, war der Himmel bereits wieder aufgeklart. Das konnte nur bedeuten, dass der Wind die vor ihnen liegenden Wolken fortblasen würde, bevor sie bei diesen angelangt wären. Ohnehin würden sie nicht vollständig bis nach Roseau segeln, sondern sich vor der Insel einen geschützten Platz suchen und dort auf Schiffe warten, die ihre Route kreuzten.
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch begann der Seemann seinen Aufstieg über die wackelige Strickleiter, zurück in den Ausguck.
Bereits bei der Hälfte der Strecke bemerkte er, wie der Wind an den Seilen zerrte. Eine kräftige Brise war in den Höhen zwischen den Segeln nichts Ungewöhnliches, und dennoch war ihm, als hätte er eine Schwertspitze im Rücken. Sie drohte ihm damit, zuzustechen, sollte er sich umdrehen. Er stockte kurz und spürte mit jeder Faser seiner Hand das raue Material, an dem er sich hochzog. Sollte er der Warnung seiner Instinkte vertrauen und stur weiterklettern, oder sollte er sich umdrehen in dem Versuch, sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen? Hatte er sich den Sturm bloß eingebildet und würde dort eine ruhige See ohne Regen sehen?
Der Wind ließ nach und er schalt sich einen Feigling, der Angst vor einer Wolke hatte. Beschämt stieg er zu seinem Krähennest hoch.
Als sich die Sonne verdunkelte und ihn in Schatten hüllte, richteten sich die Haare an seinen Unterarmen auf.
»Nur eine Wolke«, versuchte er sich zu beruhigen und kroch in den Korb. »Vermaledeites Seemannsgarn. Spukgeschichten, verfluchte«, schimpfte er vor sich hin. Es half nichts. Als er wieder im Ausguck war, brauchte er eine gefühlte Ewigkeit, um genug Mut aufzubringen und den Blick nach vorn zu richten.
Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Durch die Art, wie es toste und schäumte, schien das Wasser unter dem Schiff zu kochen. Der Sturm, den er eben noch in guter Entfernung wahrgenommen hatte, war nun unmittelbar davor, auf dem Bug aufzukommen. Die ersten Regentropfen benetzten schon das Deck.
Doch das mit Abstand Schlimmste war die Kursänderung. Das Schiff schien beizudrehen und Steuerbord auf schroffe Felsen, die knapp unter der Wasseroberfläche lauerten, zuzusteuern. Bas packte das Seil der Glocke und schrie mit ihr um die Wette.
»Untiefen voraus, Untiefen voraus!« Jetzt war der Moment, in dem alle Mann an Bord wie Ameisen über Deck wuseln mussten, die Segel korrigierten, am Ruder rissen und Befehle weitergaben. Es müsste ein unüberhörbarer Lärm zu ihm emporsteigen, doch nichts geschah.
Langsam, wie unbeteiligte Passanten, gingen die Seeleute an die Reling zu beiden Seiten und schauten hinaus auf das Meer. Regen prasselte auf sie nieder und machte Kommunikation unmöglich. Erneut läutete er die Glocke. Er schlug sie so fest er konnte und bekam bereits ein Klingeln in den Ohren, doch es half nichts. Niemand drehte sich zu ihm um. Keiner der Seemänner regte sich. Als wären sie Soldaten, die auf einen Befehl warteten.
Die Felsen kamen immer näher und es wirkte auf Bas, als würden die Wellen sie nur noch schneller dorthin treiben. Die Tropfen des Himmels waren so dick und schwer, dass ihr Aufschlag auf seinem Kopf schmerzte.
Nur mit dem allergrößten Widerwillen löste er die Hände vom Seil und der Reling des Ausgucks. Dann hockte er sich hin und stemmte sich gegen die Hölzer seines Nestes. Sie würden jeden Moment gegen die Klippen prallen und dann wollte er nicht von dort oben herunterfallen.
Zwischen den Stäben schaute er ungläubig auf den Rest der Mannschaft, während sich seine Muskeln anspannten, um den kommenden Aufprall abzufangen. Wieso tat die Besatzung nichts? Aus welchem Grund hatte der Kapitän sie ins Verderben manövriert?
Seine Gedanken zerbarsten zusammen mit dem Holz des Bugs. Einige der Männer stürzten in die schäumende Gischt. Doch keiner schrie. Keiner versuchte, sich festzuhalten.
Bas wurde von einer Seite des Krähennestes zur anderen geschleudert. Einer der Stäbe brach und ließ ihn bis zur Schulter ins Freie rutschen. Ein markerschütternder Laut entkam seiner Lunge und für einen Moment befürchtete er, seinem Tod entgegenzusehen. Doch zum Glück hielt der andere Stab, an dem er sich festklammerte.
Es dauerte einige Zeit, bis er sich wieder gefasst hatte und damit beginnen konnte, fieberhaft darüber nachzudenken, was er jetzt tun sollte. Ein Blick nach unten verschaffte ihm Gewissheit, dass von der Crew niemand zur Besinnung gekommen war. Ungläubig wurde er Zeuge, wie ein Matrose nach dem anderen in die See sprang. Doch keiner von ihnen trieb auf dem Wasser oder versuchte, an Land zu schwimmen. Sie gingen über Bord und verschwanden unter der tosenden Wasseroberfläche.
Gelähmt von Unglauben und Angst blieb er dort, wo er war. Der Wind peitschte ihm weiter Regen ins Gesicht, doch er ignorierte es. Wenn er lange genug dort ausharren würde, könnte man ihn retten. Und wenn es ein Traum war, würde bestimmt eine der nächsten Wellen, die das Schiff weiter an den Felsen zerbrechen ließ, ihn aufwecken.
Konnte das, was er hier beobachtete, wirklich real sein?
Nach einer Zeit, die ihm wie Stunden vorkam, legte sich der Wind und auch der Regen ließ nach. Die See beruhigte sich und Sonnenstrahlen wärmten seine Haut. Das Schiff lag bis zur Hälfte auf einem riesigen Felsen. Fässer und gebrochene Planken schwammen auf dem Meer davon. Die jetzt schwächeren Wellen ließen sein Krähennest schaukeln.
Zitternd und erschöpft schaute er durch die Lücke, die der fehlende Stab hinterlassen hatte. Es war ruhig, zu ruhig. Vorsichtig, mit so wenig Bewegung wie möglich, drehte er sich Richtung Heck. Vielleicht war wenigstens der Kapitän nicht über Bord gegangen.
Eine Bewegung auf der Steuerbordseite ließ ihn erstarren. Die Revenge war bis zur Kapitänskajüte im Wasser versunken und dort, wo die Reling das Meer berührte, kam eine nachtschwarze Gestalt aus der See. Sie hatte glänzendes Haar, das in Wellen auf ihre Schulter fiel, wie sich in der Strömung wiegende, dunkle Algen, und Augen von demselben Azurblau, wie man es nur an karibischen Stränden sah. Doch die Zähne des Geschöpfes erinnerten ihn an die eines Barrakudas. Raubfischzähne, scharf und tödlich. Er war sich sicher, dass die Ausbuchtung ihrer Nase fehlte, und an dem Hals der Kreatur Kiemen auffächern zu sehen.
Die Finger, die sich in die Reling krallten, waren knochige Klauen. Ihre Haut war von blauschwarz schillernden Schuppen bedeckt. Dennoch hatte sie üppige, weibliche Reize, die ihn selbst in seinem aufsteigenden Horror zu hypnotisieren schienen.
Die Kreatur war dabei, sich auf das Schiff zu ziehen. Die Schwanzflosse, in welcher der Körper endete, wirkte wie die Kreuzung eines Fisches mit einer Schlange. Sie peitschte das Wasser und schob damit den Körper der halbnackten Nixe noch ein Stück weiter auf das geflutete Deck. Ein gluckernder Laut stieg zu ihm empor und geschockt stellte er fest, dass dieses Wesen den Kopf anhob und sich die Löcher seiner Nasenöffnungen weiteten. Anscheinend versuchte es, in der Luft etwas zu wittern, während aus dessen Mund dicke Fäden Blut zu laufen schienen.
Sein erster Gedanke war, sich in Sicherheit zu bringen. Auf die andere Seite des Ausgucks, wo ihn das Monster zumindest nicht sehen konnte. Vorsichtig stützte er sich auf die Fußballen und ging in die Hocke. Langsam verlagerte er sein Gewicht und machte zögerlich einen Schritt rückwärts. Stets darauf bedacht, keine Geräusche zu verursachen.
Es klappte, aber nur so lange, bis er das Seil der Glocke in seinem Nacken spürte. Da vernahm er auch schon das schüchterne Klingen von Metall auf Metall.
Das Gluckern unter ihm verstummte. Er sah hinunter und spürte, wie sich Druck in seinem Kopf bildete und es ihm in den Ohren klingelte.
Das Wesen sah ihn direkt an und entblößte mit einem bösartigen Grinsen weitere spitze Zähne. Schockiert schloss er die Augen. »Seemannsgarn …«, flüsterte er immer wieder vor sich hin. Als er ein Kratzen und Schleifen über die hölzernen Planken unter sich vernahm, verstummte er jedoch schlagartig. Das Einzige, was lauter war als die näherkommenden Geräusche an Deck, war das Klopfen seines panischen Herzens.
Kurz darauf vernahm er das lieblichste Summen, das er je gehört hatte. Die Melodie, die seine Mutter ihm im Kindbett vorgesummt hatte, nebelte seinen Verstand ein. Eine innere Wärme erfüllte ihn und veranlasste seine Hände, von dem Handlauf des Ausgucks abzulassen. Geborgenheit und Sicherheit umhüllten ihn wie eine leichte Brise über warmem Sand. Der Klang war wie ein goldenes Tuch, das ihn einhüllte und zu seinem Ursprung zog. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er wollte diesen wundervollen Tönen folgen, sich von ihnen einnehmen lassen und anschließend darin ertrinken.
Trotz geschlossener Augen kletterte er leichtfüßig die Seile hinunter und folgte dem lockenden Ruf der Melodie aus seiner Kindheit. Er fand sie, ohne sie zu sehen. Strich ihre glatte Haut entlang und registrierte bloß unterschwellig, wie fest, aber glitschig sie war. Das Verlangen, sie anzusehen, wurde übermächtig und er öffnete die Augen. Das Erste, was er sah, war ihr üppiger Busen, dessen Haut im Sonnenlicht glitzerte wie tausende, schwarze Diamanten. Darunter hatte sie fischartige Schuppen, die in spektakulären Farben glänzten. Solch ein Blau, Violett und Tiefschwarz hatte er nie zuvor gesehen. Ihre Rundungen waren fest und wie hinter einem hautengen Mieder verborgen, obwohl sie nackt zu sein schien.
Weiter streichelte er dieser übernatürlichen Schönheit den Arm entlang und erkundete ihr Dekolleté. Ihrem schlanken Hals folgend endete sein Blick auf ihren blutbefleckten Lippen. Doch ihn kümmerte es nicht. Diese Kreatur mit der lieblichen Stimme war das Schönste, was er je zu sehen und hören bekommen hatte. Sie war alles, was er wollte. Der Rest der Welt war unwichtig.
Ein Lächeln umspielte diese verlockenden, festen Lippen. Sie will mich auch, dachte er voller Glück und lehnte sich vor, versank in ihren tiefblauen Augen. Die Erfüllung seiner Träume kam ihm mit einem angedeuteten Kuss entgegen und ließ ihre Hand in seinen Nacken gleiten.
Die Berührung bewirkte, dass nicht bloß seine Härchen an den Armen aufrecht standen. Die Sekunden, bevor sich ihre Lippen trafen, verursachten ein süßes Verlangen in seinem Herz und in den Leisten. Doch bevor er ihre weiche Haut schmecken konnte, bohrten sich ihre Krallen in seinen Rücken. Der Schmerz war für eine Sekunde zu überwältigend, um ihn zuzulassen. Einen Moment später wurde er durch ein beruhigendes Prickeln ersetzt. In ihm war keine Angst vor der Sirene, keine Sorge über die Verletzung. Er vertraute ihr, selbst als sie sich mit einem heftigen Ruck von der Reling ins Meer stürzte und ihn mit sich zog.
Mary Fulford lief über den stinkenden Markt unweit des Hafens Roseau auf Dominica. Am liebsten wäre sie schon wieder mit der Siren in See gestochen, doch die Besatzung verlangte nach einem Tag und vor allem einer Nacht an Land. Sie wusste, gab sie den Männern nicht regelmäßig versoffene und verhurte Stunden in einer Taverne, steckte sie schneller in einer Meuterei, als sie ein Kaufmannsschiff kapern konnte. Und das war schließlich ihr Geschäft.
Noch war es für sie selbst allerdings zu früh, ihre hartverdienten Münzen an den Schankwirt zu verschwenden. Sie musste erst die neuesten Gerüchte zu kommenden Lieferungen einholen. Vor ein paar Monaten hätte sie darauf achten müssen, über wen gesprochen wurde. Im Spanischen Erbfolgekrieg hatte es so etwas wie Regeln und Gefolgsleute gegeben. Piraten im Allgemeinen und ihre Crew waren damals oft in der Unterzahl gewesen. Heutzutage war es anders. Sie waren beinah so viel Mann wie auf einem kommerziellen Handelsschiff, und die Freiheit führte ihre Schwerter.
Sie lief schnellen Schrittes an der Fischauslage vorbei und rettete sich zu den Kräutern und Gewürzen. Die Händlerin dort war immer für ein Schwätzchen zu haben und da sowohl die Einheimischen als auch die Seefahrer ihre Waren benötigten, wusste sie üblicherweise so einiges zu berichten. Doch heute musste sich die Kapitänin hintenanstellen. Jemand anders wollte zuerst seinen Tratsch loswerden.
»Wenn ich es Euch doch sage! An den Felsen zerschellt. Sie liegt, innen hohl wie ein Skelett, am Ufer«, berichtete der Mann vor dem Kräuterstand aufgebracht.
»Die Revenge? Sicher?«, erkundigte sich Mable skeptisch und atmete dabei so schwer ein, dass Mary Angst hatte, das bereits unter Last arbeitende Mieder würde platzen. Mit den Einträgen des Standes schien sich die Verkäuferin die ein oder andere Fleischeinlage leisten zu können. Betroffen hob diese die Hand vor das Dekolleté.
»Ganz sicher«, bestätigte der Fremde. »Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Der Krake muss sie dorthin verfrachtet haben, oder aber eine Sirene hat sie gelockt«, erklärte er weiter voller Überzeugung.
Die Piratin schaffte es noch schnell, die Luft anzuhalten, prustete aber kurz darauf doch lauthals los. Pikiert sahen die beiden Belauschten sie an.
»Noch nie ein Schiffswrack vor Augen gehabt, wie, Frauenzimmer?«, fragte er sie überheblich. »Den Hut solltet Ihr besser eurem Gatten zurückgeben, bevor er noch von einem echten Kapitän gesehen wird.«
Die dicke Mable ging wissend einen Schritt zurück, was Marys Auftritt mehr Dramatik verlieh. Sie baute sich vor dem Mann auf, der in etwa ihre Körpergröße hatte. Mit einer fließenden Handbewegung zog sie ihre prachtvollen, rotblonden Locken auf ihre Schulter und hob anschließend den Kopf, damit sie unter der Hutkrempe hervor in seine Augen blicken konnte. Mit ihren grünen Katzenaugen starrte sie ihm direkt in seine Seele. Abergläubische Menschen hatten ohnehin Angst vor ihrer Erscheinung. Dieser Mann war keine Ausnahme.
»Für jemanden wie dich bin ich Kapitän Fulford. Ich rate dir, der lieben Mable hier kein weiteres Seemannsgarn aufzutischen, nur um Nachlass aus Mitleid zu bekommen.« Sie schob ihren schweren Mantel beiseite und entblößte den Korb ihres Schwertgriffs. »Verstanden?«
Er bekam große Augen und schnappte ein paar Mal mit dem Mund nach den richtigen Worten. Wie bei einem Fisch an Land waren seine Bemühungen vergeblich.
»Jetzt geh das Deck deines Kahns schrubben, bevor ich dich an die Siren ankette und arbeiten lasse, bis du umkippst.«
Der Kerl vor ihr war plötzlich klein. Sie hätte sich nicht vor einer Handgreiflichkeit gescheut, doch seine aufgescheuerten Knie und der Schorf auf seinen Händen hatten ihr schon zu Beginn gezeigt, dass er ein Nauke war. Der Neue auf einem anderen Schiff. Er musste seine Liebe zur See und die Treue zur Crew erst unter Beweis stellen. Das Deckschrubben war dabei die leichteste Aufgabe, jedoch auch diejenige, die am meisten Spuren hinterließ.
Sie konnte Hass und Abscheu in seinen Augen aufflammen sehen. Es war nichts Neues für sie, als weibliche Piratin und dazu noch Kapitänin angefeindet zu werden, doch was aus seinem Blick sprach, war die Angst vor ihrem Wesen.
Seelenlos. Rotes Haar und grüne Augen. Ihre Haut war nur aus dem Grund von der Sonne braun gefärbt, weil die See und das Salz sie mittlerweile abgehärtet hatte. Lediglich die Sommersprossen zeugten noch davon, dass sie einst weißere Haut gehabt hatte als die Gischt bei stürmischer See.
Obwohl er in sich zusammengesunken schien und offensichtlich seinen Rückzug antrat, spuckte er ihr noch herzhaft vor die Füße, bevor er fluchtartig davonzog.
In Seelenruhe hob Mary den Stein von der Auslage der Kräuterhändlerin, der das Tuch auf dem Tisch halten sollte, falls Wind aufkam, und warf ihn zielsicher zu seinen Beinen. Der Angsthase, der inzwischen vor dem Fischstand angekommen war, bekam das Wurfgeschoss zwischen die Füße, stolperte und landete in einer stinkenden Lache neben Fischinnereien und abgeschabten Schuppen.
Zufrieden beobachtete sie seinen Fall und krümmte sich anschließend so heftig vor Lachen, das ihr der geliebte lederne Schlapphut vom Kopf rutschte. Als sie ihn auffing, spürte sie, dass sie um ein Haar die Pfauenfedern umgeknickt hätte, und wurde schlagartig wieder ernst.
»Was gibt’s Neues, Mable?«, fragte Mary im Plauderton.
Die Kräuterfrau beugte sich verschwörerisch vor und flüsterte: »Habt Ihr schon gehört? Die Soulless liegt in der Bucht vor Anker. Kapitän Thatch soll auf der Suche nach neuen Mitgliedern für seine Crew sein.« Mary stöhnte und strich sich über das Gesicht. Nicht nur, dass gleich mit Sicherheit neuer mystischer Blödsinn auf sie einprasseln würde, jetzt könnte auch noch jeden Moment dieser eingebildete Pirat in die Schenke einfallen und ihr die Männer abwerben.
»Wusstet Ihr, dass der Kapitän verflucht ist? Er altert schon eine ganze Weile nicht, sagt man, und sein Schiff sei unsinkbar.« Jetzt flüsterte Mable noch leiser und ihre Stimme wurde kratzig, als sie hinzufügte: »Er hat einen Pakt mit dem Teufel.«
»Lass dir von solchen Märchen nicht deine Zeit rauben, Mable«, sagte sie und setzte an, weiterzugehen. Diese Geschichten kannte sie schon zur Genüge, doch die untersetzte Frau mit vor Schreck geweiteten Augen erwiderte noch etwas.
»Ihr tätet gut daran, es zu glauben«, mahnte sie. Doch Mary tippte sich nur höflich gegen die Krempe und machte sich auf. Sie musste ihre Crew finden, bevor die Ammenmärchen oder Käpt’n Bartholomew Thatch es taten.
Als sie durch die Tür der Schänke Zum tropfenden Hahn schritt, war ihr klar, dass sie zumindest für das Seemannsgarn zu spät war. Den Ersten, den sie sah, war der alte Jerome. Er saß an seinem Stammplatz und gab seine Weisheiten kund.
Jerome war Sklave auf der Zuckerrohrplantage Bois Cotlette Estate hier auf Dominica gewesen. Wenn sie schätzen müsste, würde sie sagen, er sei hundert Jahre alt. Genug Geschichten für eine so lange Zeit hatte er auf jeden Fall. Sie wusste bereits, dass seine Herren verhältnismäßig gute Leute für Sklavenhalter gewesen waren. Obwohl ihre Tochter mit einem solchen durchgebrannt sein sollte, hatten sie Jerome die Freiheit geschenkt, als er zu alt gewesen war, für sie zu arbeiten.
Seitdem verdiente er mit kleinen Botengängen sein flüssiges Brot im Hahn. Ab und an gab man ihm einen aus, damit er für einen Moment gezwungen war, seinen Mund zu schließen … und wenn es nur für die süßen Sekunden war, in denen er schlucken musste.
Momentan war sein Humpen allerdings leer und seine Zunge schwang gelockert Reden über das geheimnisvolle Auflaufen der Revenge.
»Eine Sirene, sag ich Euch. Gefährliche Meeresnixe. Hört nicht auf den Humbug mit dem Kraken. Ich kenne sie. Der Fluch aller Piraten. Hat bei meinem Herrn gedient. Hat ihren Verlobten an seine Tochter verloren, die Nixe. Jetzt lauert sie unter Scott’s Head«, schwafelte er vor sich hin. Keiner in der Schenke wollte zugeben, dass er ihm lauschte, und doch schielten sie alle zu ihm rüber oder drehten den Kopf in seine Richtung. Diejenigen im vorderen Bereich schwiegen und starrten in ihre Krüge, während von hinten ausgelassene Gespräche herüber hallten.
Die Kapitänin verdrehte die Augen so sehr, dass ihr davon beinah schwindlig wurde.
»Dann meidet Scott’s Head. Kann ja nicht so schwer sein«, brummte sie und vernahm zustimmendes Gemurmel. Sie rollte mit den Augen, als sie bemerkte, dass die Männer ihre Aussage für bare Münze nahmen.
Mit entschlossenen Schritten stapfte sie zu dem Dreiergespann in der Mitte des großen Raumes im hinteren Teil der Schenke und trat einem schlafenden Kerl, der eine Barockvioline im Arm hielt, mit dem Absatz ihrer Stiefel auf den Fuß.
Der erste Schmerzensschrei wurde sofort von Gefluche ersetzt. »Du dreckiger Sohn einer Hün…« Dann schien er zu bemerken, dass er einer Frau gegenüber stand. »Was wollt Ihr?«, fragte er mürrisch. Mit einem Schnippen ihres Daumens warf sie ihm eine Münze entgegen.
»Tut gefälligst, wofür Ihr hier seid … und tut es lauter, als Jerome reden kann.«
Der Musiker grunzte und stieß seinen Sitznachbarn mit dem Ellenbogen hart in die Rippen. Der ließ beinah seine Flöte fallen.
»Was …?«, schrie der erschrocken aus, was wiederum den auf seiner Schulter schlafenden dritten Musiker weckte. Er wischte sich sogleich den Sabberfaden vom Kinn und hob seine Tamburine vom Boden.
»Wir haben Kundschaft, zahlende … also legt los«, forderte der mit der Violine.
Zufrieden und mit den ersten Klängen im Rücken, ging Mary an den Tisch, an dem sie einige ihrer Besatzungsmitglieder gesehen hatte. Sie setzte sich neben ihren ersten Maat Jaime und schaute in seinen leeren Becher.
Wie so oft versuchte sie, es zu vermeiden, seinen Namen laut auszusprechen. Er war Spanier und das ›J‹ wurde daher wie das ›Chhh‹ einer fauchenden Katze ausgesprochen. Das ›me‹ dafür wieder so, wie das kurze Meckern einer Ziege.
Chhh-Hai-Meh, dachte sie und unterdrückte ein Augenrollen. Dann sprach sie ihn ohne Namen an.
»Schon alles versoffen oder hebst du deine Dukaten für die Damen im Obergeschoss auf?«, fragte sie kameradschaftlich.
»Mein Vetter war auf der Revenge«, nuschelte der Pirat dem Tisch entgegen. Zumindest schien er schon einige seiner Münzen gegen flüssiges Gold eingetauscht zu haben.
»Du weißt doch nicht mal, wer deine Eltern waren. Woher willst du wissen, dass du einen Vetter hattest?«, fragte sie ihn und der halbe Tisch fing an zu lachen. Die andere Hälfte, so war sie sich sicher, wusste nicht einmal, was das Wort Vetter bedeutete.
Doch Jaime zog die Augenbrauen zusammen und drehte seinen Kopf zu ihr herüber. Er schwankte zwar, als wäre er immer noch auf hoher See, böse gucken konnte er trotzdem.
Ihr war klar, dass sie die Besatzung nicht gegen sich aufbringen durfte, doch die Gerüchte in ihren Köpfen lassen konnte sie um keinen Preis. Sie brauchte weder meuternde noch ängstliche Seeleute.
»Verzeih, möge Göttin Calypso seiner Seele gnädig sein«, sagte sie und drückte seine Schulter. Bevor sich jemand darüber beschweren konnte, dass sie alte griechische Göttinnen beschwor, rief sie laut aus: »Wer meinem stolzen ersten Maat hier als Erster einen vollen Humpen bringt, dem spendiere ich einen Ritt auf einer prallen Blondine heute Nacht!« Sie brüllte es über die lärmenden Töne der Instrumente hinweg durch die Schänke.
Mehr Männer, als sie zählen konnte, sprangen von ihren Stühlen und erwachten plötzlich aus ihrer Lethargie. Sie überschlugen sich beinahe, um dem Mann mit dem komplizierten spanischen Namen entweder ihren eigenen Becher anzubieten oder dem Wirt aus den Händen zu reißen, was auch immer er gerade hielt.
Rivalen wurden zur Seite gedrängt und Stühle umgeworfen. Es dauerte nicht lange, da hörte Mary den ersten Krug auf dem Steinboden zerschellen.
Elegant trat sie beiseite, als der Schnellste es schaffte, sein Bier über Jaimes Schoss auszuschütten. Als Dank bekam er die Faust des Maats auf die Nase. Die Wucht ließ ihn nach hinten kippen, wo weitere hilfswillige Männer darauf warteten, ihre Spende zu überbringen. Sie stießen den armen Kerl mit der blutenden Nase von sich weg, zurück auf Jaime. Der stand bereits wieder mit der Seite zu dem Geschlagenen und fiel durch die Wucht des Aufpralls jetzt über seinen eigenen Stuhl. Dass man ihren Maat umgestoßen hatte, konnte der Rest der Crew nicht auf sich sitzen lassen. Sie sprangen auf, Fäuste flogen und Bierkrüge sausten auf Schädel.
Das Gemenge war in vollem Gang. Auf ihrem Weg zum Ausgang verteilte Mary selbst, zufrieden mit ihrem Ablenkungsmanöver, den ein oder anderen Hieb, und erfreute sich anschließend der frischen Seeluft, die sie auf dem Weg zu ihrer Kajüte an Bord der Siren begleitete.
Denn anders als die Männer ihrer Besatzung hatte sie keine Angst vor nassen Frauen und eingebildeten Seemonstern.
Sie betrachtete zufrieden die Leiber der Männer, die sie in ihren Unterschlupf gebracht hatte. Ein Festmahl aus Piraten lag vor ihr. Das Fleisch wärmte ihre immer kalten, krallenartigen Finger. Scharf genug, um durch Haut zu schneiden. Stark genug, um Rippen zu brechen und sich Zugang zu dem saftigen Inneren zu verschaffen, dessen Anblick ihr schon das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Doch erst musste sie sich um das Wichtigste kümmern. Purga, wie sich ihre Herrin nannte, verlangte das Herz eines jeden Mannes, der dem Sirenengesang folgte. Diesen hatte sie ihr geschenkt, zusammen mit ihrem zweiten Leben. Der Preis dafür war der Teil des Menschen, in dem seine Lebenskraft wohnte. Das Herz.
Sie konnte sich nicht mehr an ihr Leben vor der Rettung durch ihre Herrin erinnern. Alles, was sie wusste, hatte Purga ihr erzählt. Piraten hatten ihr ihren Liebsten genommen, woraufhin sie selbst sich aus Verzweiflung in die tobenden Wellen des Meeres gestürzt hatte.
Ohne die Macht ihrer Herrin wäre sie ertrunken. Nun lebte sie weiter und konnte sich an denen rächen, die ihr Leben ruiniert hatten. Und das musste sie auch, denn der Preis für ihr zweites Leben war hoch. Ihre Retterin verlangte so viele Männerherzen von ihr, wie sie Tränen für ein solches vergossen hatte. Piratenherzen, die die Sirene einfach von den Schiffen ernten konnte. Die Matrosen folgten willenlos ihrer Stimme in ihre Arme und in die der See. Ihre Leiber sicherten auch das Überleben der Sirene, denn sie musste ihren eigenen Hunger mit Menschenfleisch stillen.
Gedankenverloren blickte sie auf ihre blutbeschmierten Hände und fuhr die kleinen Haken aus, die in ihren Innenflächen verborgen lagen. Damit stach sie die Ertrinkenden, wenn sie sie auf ihrem Weg zum Meeresgrund einsammelte. Das Gift darin betäubte ihre Opfer und ließ ihre Herzen weiterschlagen, bis sie die Piraten in die Höhle geschafft hatte.
Durch die Gaben des Gesangs, des Gifts und ein bisschen Macht über Wind und Regen wusste sie, dass ihre Herrin gnädig zu ihr war.
Die Sirene würde nie versuchen, Purga zu betrügen, hatte sie ihr doch ihr Leben zu verdanken. Selbst niemals ein Herz zu essen, war die einzige Regel, die sie beachten musste. Doch die Nahrung wurde knapp. Es kam ihr so vor, als würden die Schiffe die Gegend um ihre Höhle meiden, dabei war es unmöglich, dass sie wussten, wo sie lebte. Der Eingang lag tief unter der Wasseroberfläche.
Doch heute war ein guter Tag. Mit den Händen im warmen Inneren des Seemanns trennte sie behutsam die Venen und Arterien, die seinen Körper an der Schwelle zum Tod versorgten. Sie löste die Verbindungen des Gewebes, die das Herz in Position hielten, und hob es aus dem offenen Brustkorb. Schwach schlug es gegen die Haut in der Kuhle, die ihre Hände formten. Das Blut lief glitzernd über ihren Ballen und die fischartigen Schuppen an ihren Unterarm entlang.
Sie drehte ihren Oberkörper, soweit sie konnte, um das wertvolle Organ weiterhin in beiden Händen halten zu können.
Der Opfertisch war lediglich ein einst massiver Stalagmit, der am Sockel abgebrochen war. Seine breite, glatte Oberfläche beherbergte eine Schale, die rundherum mit funkelnden Rubinen besetzt war. Die Steine waren magisch und ermöglichten Purga, ein Portal zu öffnen, über das sie ihre Opfergaben zu sich holen konnte, ohne dafür die feuchte, dunkle Höhle betreten zu müssen, die das Zuhause der Sirene war. Deshalb hatte sie ihre Herrin so lange nicht mehr gesehen, dass sich in dieser Zeit selbst das Aussehen der Schiffe verändert hatte. Sie wurden größer, waren aber weniger prunkvoll als früher.
Der raue Steinboden unter ihr drückte gegen die glitzernden Schuppen, die ihren Körper vom Brustansatz bis zur Wurzel ihrer Schwanzflosse bekleideten. Sie streckte sich so weit sie konnte, um zu vermeiden, dass ihre Flossen den Boden berühren mussten. Obwohl ihre Haut dick und robust war, konnte sie sich außerhalb des Wassers an den scharfkantigen Felsen der Höhle tiefe Schnitte zuziehen. Sich an Land fortzubewegen, war für sie unmöglich.
Sie erreichte die Schale und ließ zärtlich ihre Schuld über die Finger gleiten und sich zu den anderen Opfergaben gesellen. Es schmatzte feucht, als das Herz über die anderen glitt. Mit einem erleichterten Seufzen atmete sie aus und drehte sich wieder den leblosen Körpern zu.
Deren Blut sickerte aus dem offenen Inneren über die Felsen auf dem Höhlenboden. Von dort aus floss es in das Meer, welches den Rest ihrer Zuflucht von der Außenwelt abschnitt.
Hypnotisiert folgte sie dem Rinnsal, in dem sich die leuchtenden Fäden von der mit Stalaktiten gesäumten Decke spiegelten. Ihre Herrin hatte ihr einst erklärt, dass diese Fäden die Larven von Mücken wären, die es nur am anderen Ende der Welt gab. Geschlüpft war, in all der Zeit, die sie schon hier lebte, keine davon. Trotzdem leuchteten sie in einem kalten Türkisblau wie Sterne, die man auf eine Kette gezogen hatte. Ihre Retterin hatte sie ihr geschenkt, damit sie nicht immer im Dunkeln sitzen musste. Ihr blaues Leuchten spiegelte sich auf ihrer pechschwarzen Haut und deren Schuppen.
Ihre Zunge glitt die scharfen Spitzen ihrer Zähne entlang. Ein Festmahl erwartete sie. Abschaum. Piraten lagen aufgetürmt vor ihr.
Die Klauen der Sirene wühlten in einem der Leiber und rissen einen Lungenflügel heraus. Saftig und frisch. Sie biss hinein und gurrte zufrieden. Männer wie diese hatten ihr Leben zerstört. Ihr Hass auf sie war so unendlich wie die Schulden bei ihrer Herrin, doch als Nahrung waren sie hervorragend.
In Mary stieg die Freude schneller an als die Mittagssonne am Horizont. Sie war, seit der Abfahrt von Dominica vor einigen Wochen, erfolgreich mit der Siren und ihrer Crew auf Raubzügen unterwegs und mittlerweile auf Saint Croix, weit im Norden der kleinen Antillen angekommen. Dies war das Ende Ihres Gebietes. Wer von hier aus weiter gen Westen segelte, bekam es mit den Piraten aus Latòti zu tun und das versuchte sie zu vermeiden.
Von Saint Croix aus würde die Neptunus ihren Weg in die Heimat antreten. Beladen mit Zuckerrohr, Rum und den Einnahmen der letzten Monate.
Wochenlang hatten sie und ihre Besatzung den südlicheren Teil der kleinen Antillen unsicher gemacht und dabei erfolgreich ihren Frachtraum gefüllt. Bald würde sie genug Reichtum zusammenhaben, um sich ein nettes Anwesen auf Dominica zu bauen und in Ruhe den Rest ihres Lebens genießen zu können. Sie wurde auch nicht jünger und die Jagd der britischen, französischen und niederländischen Marine auf die Piraten war deutlich intensiver geworden.
Noch ein Grund, den Geschichten von Seemonstern kein Gehör zu schenken. Das Goldene Zeitalter der Piraterie näherte sich seinem Ende und wenn Schiffe mit dem Jolly Roger auf der Flagge verschwanden, dann wahrscheinlich aufgrund von einem Loch in der Größe einer Kanonenkugel im Bug. Nicht durch die übergroßen Fangarme eines Kraken.
Sie hatte weder Lust, ihr Ende im kalten Bett der See zu finden, noch baumelnd am Galgen als Mahlzeit für die Raben. Alt und fett auf ihrer eigenen Veranda klang eher nach ihrem Geschmack.
Dieser Traum schien nun zum Greifen nah. Durch ihr Fernrohr konnte sie beobachten, wie die Männer am Hafen die Neptunus mit ihrer wertvollen Fracht befüllten. Ein Spaziergang über den Markt hatte gereicht, um zu hören, wie sich die Händler darüber ausließen, dass sie leer gekauft würden, damit die Besatzung genug Proviant für die Überfahrt hatte.
Sie waren einfach nie zufrieden. Wenn sie wenig verkauften, waren alle um sie herum geizig, und wenn sie ihre Waren loswurden, beschwerten sie sich darüber, dass sie am nächsten Tag nicht noch mehr Profit machen konnten.
»Das muss ja eine große Mannschaft für ein enormes Schiff sein«, hatte Mary lautstark und bewundernd angemerkt, als sie das Gezeter gehörte hatte. Vorsorglich hatte sie ihren Hut auf der Siren gelassen. Einer harmlosen Frau ohne Kapitänsmerkmal erzählte man eher den Tratsch.
Der hochgewachsene, nordeuropäisch aussehende Mann vor ihr schmunzelte die vermeintlich ahnungslose Frau an und musterte sie mit seinen tiefblauen Augen.
»So groß, wie es eben sein muss, um den Rum der dänischen Westindien-Kompanie nach Flensburg zu bringen. Dieses Schiff wird die Herren dort reich machen und Saint Croix ebenfalls. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, auf dieser wunderschönen Insel zu verweilen. Darf ich Euch zu einem Spaziergang auf meinem Anwesen einladen? Ihr hättet dann die Möglichkeit eben jenen Rum zu kosten, der dort verladen wird.« Ein Kopfnicken Richtung Hafen stellte klar, dass er die Ladung des Schiffes meinte. Es war ein plumper Versuch gewesen, sie in seine Gemächer zu locken, doch sein Grinsen verriet, dass es schon das ein oder andere Mal erfolgreich verlaufen war.
»Leider muss ich Ihre Einladung ausschlagen. Ein anderes Mal vielleicht. Sagt, kann man dem Auslaufen dieses Bootes beiwohnen? Ich würde zu gern sehen, wie es dem Horizont entgegen segelt«, schwärmte sie und fächelte ihre Bluse etwas offener, als wäre ihr plötzlich heiß geworden.
Seine Augen stierten nach dem bisschen Dekolleté, das sie ihm in Aussicht stellte, und er antwortete gedankenverloren.
»Meine Dame, die Neptunus ist eine Fluite und kein Boot. Sie kann bis zu 250 Mann beherbergen und mindestens genauso viele Fässer und andere Ladung. Sie läuft morgen mit der Flut aus. Seid noch vor der Mittagsstunde am Pier. Wenn Ihr es wünscht, werde ich Euch begleiten. Vielleicht beschenkt Ihr mich danach mit Eurem Besuch auf meinem Anwesen?«
»Unbedingt. Sagt, hat so eine Fluite denn Kanonen an Bord?«, fragte sie und wickelte dabei eine ihrer lockigen Strähnen um den Finger.
»Manche. Diese tatsächlich nicht, aber sie haben Wachleute auf der Überfahrt dabei. Die See und die Piraten hier sind sehr gefährlich.« Er zwinkerte ihr zu und Mary zwang sich widerstrebend zu einem weibischen Kichern. Dieses Verhalten ekelte sie dermaßen an, dass ihr langsam schlecht wurde.
»Wie aufregend. Morgen vor Mittag dann«, bestätigte sie die Verabredung. Danach vollführte sie einen leichten Knicks, gewährte ihm einen winzigen Einblick in ihr Dekolleté und verschwand.
Von der Siren aus konnte sie beobachten, wie auf ihrem Ziel die Planken eingeholt und die Leinen losgemacht wurden. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die wichtigste Beute ihres Lebens den Hafen von Frederiksted verlassen würde.
»Holt den Anker ein und dann setzt Kurs Richtung Südosten. Ich will, dass wir sie kapern, bevor ich die Insel Saint Martin am Horizont sehen kann«, stellte sie klar.
»Und die Kanoniermeister, Kapitän?«, fragte Jaime, eine dunkelbraune Strähne wehte ihm dabei vor ein Auge.
»Angeblich hat die Neptunus keine und ich will die Fracht nicht beschädigen. Aber sie sollen die Kettenkugeln bereit machen und darüber hinaus alles vorbereiten, falls es zu Schwierigkeiten kommt«, erklärte sie ihm.
Er nickte bestätigend und drehte sich dann zu der Reling, von der aus er auf das Hauptdeck hinuntersehen konnte.
»Ihr habt sie gehört! Anker hieven«, schrie Jaime und sah zu, dass die fünfzig Mann an die Ankerwinde kamen, die es brauchte, um die Kette aufzurollen. An die große hölzerne Winde waren Latten angebracht. Stöhnend stemmten sich die Männer dagegen. Es war harte Arbeit, das geschmiedete Eisen, welches den Dreimaster an Ort und Stelle hielt, wieder aufzuholen.
Schweres Klimpern der Ketten erklang, als die Winde in Bewegung gesetzt wurde, und ihr Pinassschiff in die Freiheit entließ. Es war Musik in Marys Ohren. Das nächste Mal, wenn sie dieses Geräusch hörte, sollte im Hafen Roseaus sein, kurz bevor sie ein Stück Land kaufen würde.
Einige Zeit später war beinah die gesamte dreihundert Mann starke Besatzung an Deck. Ein paar hingen in der Takelage zwischen den Masten, bereit, sich auf das feindliche Schiff zu schwingen. Die anderen standen an der Reling und warteten darauf, ihre Enterhaken werfen zu können. Auf den Oberdecks hielten die Schützen Musketen im Anschlag, oder Entermesser zwischen den Zähnen. Es war zu früh, um anzugreifen, doch der Gewinn, der ihnen blühte, motivierte alle und machte es unmöglich, still zu sitzen und abzuwarten.
Die Befehlskette war bereit. Ihre Männer würden im richtigen Moment ihren Befehl zum Feuern weitergeben. Noch lagen sie etwas hinter der Neptunus zurück, doch die Kanonenreichweite war zum Greifen nah. Sie steuerte ihre geliebte Pinasse in den nötigen Winkel hinter das dänische Schiff und hob ihr Schwert.
»Bereitmachen!«, schrie der erste Maat und es echote mit Stimmen von zwei Dutzend Mann über Deck, die Stufen hinunter und bis hin zu den Kanoniermeistern unter den Dielen.
Die Neptunus versuchte, sich aus der Schusslinie zu bringen, und drehte bei … Zu spät. Mit dem Grinsen einer Siegerin ließ Mary ihr Schwert hinabsausen und hörte im Kanon das Lied der Männer: »Feuer!«
Ein Knall, der das ganze Schiff zum Zittern brachte, erklang. Das Vibrieren des Steuers verteilte sich auf ihrer Haut und drang so tief in ihren Körper, dass es sie erregte.
Die zwei Kugeln, die durch eine Kette verbunden waren, tanzten in der Luft. Ihr Grinsen wurde breiter und dabei von einem lauen Lüftchen gestreichelt. Es trug die Schreie der feindlichen Besetzung mit sich. Hektisch tönten sie zu ihr herüber, doch da war nichts mehr, das sie hätten tun können.
Krachend prallten die Kugeln auf deren Takelage, während die Kette dazwischen alles mit sich zog. Es knackte und kurz darauf konnte die Besatzung der Siren beobachten, wie der Großmast umknickte wie ein Grashalm. Bei seinem Fall riss er den Fockmast mit sich und machte das Schiff damit bewegungsunfähig. Einige Männer sprangen von Deck, während der Wind die quälenden Schreie Verwundeter zu ihnen schickte.
Ihre Besatzung war nicht mehr zu halten. Jeder von ihnen lärmte so ohrenbetäubend, wie es nur freie Piraten konnten. Ohne die Masten holten sie ihre Beute schnell ein.
Blasse Männer mit vor Schreck geweiteten Augen hielten zögerlich Schwerter und Musketen in ihre Richtung, während die ersten Piraten die Enterhaken ansetzten. Marys Schützen erschossen zielsicher und effizient die vordersten Gegner und stürzten sich anschließend selbst ins Getümmel.
Einige fielen ins Meer und wurden von den Strömungen der beiden Schiffe in die Tiefe oder gegen die Planken gezogen. Ihre Verluste würde sie erst beziffern, wenn sie die Beute in ihrer Gewalt hatten.
Mary war das Zusehen leid und fixierte das Steuerrad, das sie bis dahin geführt hatte. Sie schnappte sich eines der dicken Taue und schwang sich gekonnt auf das Oberdeck des Handelsschiffes. Der erste Seemann, der sie angriff, lief ihr beinah freiwillig ins Messer. Dies waren keine Soldaten oder Kämpfer. Es waren arme angeheuerte Schweine der Kaufleute in der Alten Welt. Schon jetzt konnte sie sehen, wie einige über Bord gingen, in dem Versuch, ihr Leben zu retten.
Törichte Wichte. Sie waren mitten im Nirgendwo. Egal, in welche Richtung sie schwammen, es waren einige Seemeilen bis zum Land. Die Inseln zu allen Seiten waren beinah zu klein, um sie zu sehen.
Sie verschaffte sich einen Überblick und erspähte einige der angeheuerten Wachleute auf dem Hauptdeck. Die einzigen Männer auf diesem Schiff, die wirkten, als hätten sie Kampferfahrung.
»Die in den blauen Uniformen zuerst«, schrie sie und stürzte sich die Treppen hinunter. Chaos beherrschte das Deck. Das Klirren von Schwertern übertönte das Stöhnen der Verwundeten. Teile der Takelage, Seile und Holztrümmer lagen überall verstreut oder hingen halb in der Luft.
Sie stemmte ihren Arm gegen eines der gefallenen Segel, um es aus dem Weg zu drücken und entkam nur haarscharf einer Schneide, die es vor ihrem Gesicht zerteilte. Mit freier Sicht auf den Angreifer stach sie ihm mitten ins Herz. Sie befreite ihr Schwert, indem sie ihren Fuß gegen den Bauch des Mannes stemmte und ihn forttrat.
Einer seiner Kameraden hatte wutentbrannt dabei zugesehen und stürmte auf sie zu. Im letzten Moment konnte sie das Tuch vor sich ziehen und duckte sich dahinter weg. Der Mann konnte seinen Angriff nicht mehr stoppen und stach ins Segel. Mary nutzte die entstandene Lücke und schlitzte ihm beim Aufrichten den Wanst von seinem Gürtel bis zum Brustbein auf.
Entsetzt ließ er seine Waffe los und versuchte seine Innereien davon abzuhalten, auf die blutigen Dielen zu fallen. Unbeeindruckt stieg sie durch den Schlitz im Stoff, stieß ihn zur Seite, und erklomm den umgestürzten Großmast, der auf den Planken lag.
»Wo ist euer Kapitän? Wenn er sich stellt, bleibt jeder von euch am Leben, der seine Waffe von Bord wirft«, schrie sie ins Getümmel.
Ein Mann lief mit erhobenem Schwert und mutigem Gebrüll auf sie zu, doch bevor er sie erreichen konnte, erwischte Jaime ihn am Rücken. Mit offenem Mund starrte ihr Angreifer sie an. Sie trat ihm, von ihrer erhöhten Position auf dem Mast aus, hart ins Gesicht.
Dann sprang sie hinunter und stach einem der angeheuerten Wachmänner von hinten zwischen die Schulterblätter. Sekunden später kam ihr das Schwert ihres Steuermanns Sylvain entgegen.
»Das war der letzte Uniformierte«, erklärte er schwer atmend und lächelte sie mit einem lückenhaften Grinsen, über die Schulter des sterbenden Mannes hinweg, an.
»Dann hat man mein Angebot wohl nicht annehmen wollen«, stellte sie fest. »Bindet sie an die Reling!«
Mary drehte sich um. Die Stille war plötzlich greifbar. Sie legte sich um ihre Kehle, drückte sie zusammen wie ein übereifriger Liebhaber. Es war geschafft. Ihr letzter Raubzug war vollbracht. Sie war freier als jeder Mensch vor ihr. Die Erkenntnis platzte aus ihr heraus und sprengte alles von sich, was sie zuvor eingeengt hatte.
»Yarr! Yarr! Yarr!«, schrie sie mit erhobenem Schwert. Ihre Crew tat es ihr gleich und stimmte sofort lautstark mit ein.
Während ein Teil die übrigen Feiglinge des gekaperten Schiffes an die Backbordreling trieb, um sie dort festzumachen, liefen die Anderen unter Deck, um die Beute einzusammeln.
Zufrieden säuberte Mary ihre Waffe an der Jacke eines Toten, der an den umgestürzten Mast angelehnt war, und sah hinaus auf die See. Ein neues Leben würde beginnen. Nur noch drei Tage Fahrt und sie wäre endlich an einem Ort, den sie Zuhause nennen konnte.
»Alle verzurrt, Käpt’n«, berichtete Sylvain, während Jaime mit zwei weiteren Seemännern eine schwere Kiste aus dem Inneren der Neptunus über die Planken schleppte, die die Schiffe jetzt miteinander verbanden.
»Gut. Schafft die Ladung rüber. Nuno und die anderen an den Kanonen sollen danach ein paar Zielübungen am Kahn machen.«
»Und die Besatzung?«, fragte der Steuermann.
»Sollen sehen, ob sie von Calypso am Grund des Meeres ein besseres Angebot bekommen als von mir«, sagte sie kalt.
»Aye!«
Die schlagenden Herzen in der Opferschale schickten schon seit Wochen ein echoendes Trommeln durch ihre Höhle. Es dröhnte durch ihren Schädel und vibrierte in ihrem leeren Magen. Mittlerweile verkrampfte er regelmäßig und schickte Säure ihren Hals hinauf.
Der widerliche Geschmack setzte sich in ihrem trockenen Mund fest wie die Algen auf den Steinen ihrer Zuflucht. Seit dem letzten Schiff, das sie angegriffen hatte, war kein einziges an ihrer Küste entlang gesegelt. Wochen waren vergangen und nicht einmal ein einsamer Fischer hatte sich zu ihr verirrt.
In all den Jahren, die sie schon hier hauste, war so etwas noch nie vorgekommen. Niemals zuvor hatte sie Hunger leiden müssen und nie hatte ihre Herrin so viel Zeit verstreichen lassen, um ihre Opfergaben abzuholen.
Die Sirene konnte das Pochen nicht mehr ertragen und verfluchte im Gedanken die magische Schale, die die Herzen frisch und lebendig hielt.
Mit einem gurgelnden Knurren lehnte sie sich, Kopf voran, in das Wasserloch, das zum Ausgang ihrer Höhle führte und verschwand im Dunkel des Meeres.
Sie schwamm den Tunnel entlang, der den Eingang zu ihrer Höhle bildete. Als sie am Ende ankam, hatte die See keine Farben mehr, bis auf das Dunkelblau, in welches ihre Welt gehüllt war. Der Mond schickte einen schwachen Schein unter die Wasseroberfläche und gab ihr das Gefühl, das er sie in ihrer Verzweiflung beobachtete.
Jagen bei Nacht war aussichtslos. Sie war nicht mehr kräftig genug, großen, schnellen Raubfischen hinterher zu hetzen und nicht so wendig, dass sie die kleinen Riffbewohner in ihre Spalten verfolgen könnte. Noch nie zuvor war sie darauf angewiesen gewesen, Meeresbewohner zu jagen, um ihren Hunger zu stillen, doch jetzt hatte sie keine andere Wahl. Vielleicht würde sie ein Krustentier unter einem Vorsprung oder einer Hartkoralle finden. Das musste sie einfach.
Ein Krampf ließ sie sich zusammenrollen und langsam in die Tiefe sinken. Wie konnte ihre Herrin sie so leiden lassen? Hätte sie das Portal geöffnet, um ihre Gaben einzusammeln, hätte die Nixe ihr von der Qual berichten können. Sie hätte sie in eine andere Höhle schicken oder ihr gestatten können, wenigstens eines der Herzen zu essen. Nur damit sie wieder zu Kräften käme, um etwas weiter zu schwimmen und an anderen Stellen nach Schiffen zu suchen.
Als der Krampf nachließ, bemühte sie sich so schnell sie konnte, zu den flacheren Korallenriffen über ihrer Zuflucht zu kommen. Die Muskeln ihrer Schwanzflosse brannten dabei genauso wie die Säure in ihrem Hals.
Auf dem Plateau angekommen, krallte sie sich an einer Tischkoralle fest und spähte darunter. Nichts. Ein Knurren entkam ihr. Entschlossen, etwas Essbares zu finden, zog sie sich weiter an den verschiedenen Korallen entlang, um ihre Energiereserven zu schonen, und spähte dabei in jede Ritze. Außer Schatten und Algen fand sie nichts.
Als sie dann eine Putzergarnele in einem kleinen Loch entdeckte, schnappte sie danach. Doch bevor sie diese zwischen den Fingern hatte, biss eine Muräne schmerzhaft in ihre Hand. Diese schien in der Aushöhlung im Gestein ihr Nachtlager zu haben. Ruckartig zog die Sirene ihren Arm vor die Brust und fauchte das schlangenähnliche Geschöpf an. Zu spät realisierte sie, dass dieses ein wirklich guter Happen gewesen wäre. Sie ignorierte die Schmerzen in ihrem Finger und drückte ihren Arm in die winzige Öffnung des Gesteins, kam jedoch nicht mehr an die Muräne heran. Vermutlich hatte sich diese in ihr Labyrinth aus Tunneln zurückgezogen und war außer Reichweite.
Enttäuscht und wütend betrachtete sie ihren verletzten Finger. Die Zähne der Muräne hatten es bis auf ihren Knochen geschafft, ein bisschen abgerissene Haut schwebte in der leichten Woge der Wellen. Sie konnte jetzt noch nicht aufgeben und zog sich weiter die Korallen und die Felsen entlang, spähte in jede Lücke.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sah sie die Schuppen eines Papageienfisches im Schutze des Gesteins schlafen. Wie in Zeitlupe streckte sie ihren Arm aus und ließ die Schatten ihrer Klauen, die das Mondlicht verursachte, über das Riff tanzen. Dabei drückte sie sich mit der anderen Hand näher an sein Versteck.
Ihre Krallen umgingen geschickt kleine Korallenärmchen, die mühelos in ihre dicke Haut schneiden würden. Blitzschnell bohrten sich ihre Klauen in das Fleisch des Fisches und sie konnte sein warmes Inneres spüren.
Bei ihrem Angriff zog sie sich zusätzlich Schnitte in ihrem Arm zu und schrie verzweifelt auf. Die Bemühungen und Schmerzen der Verletzungen ließen Punkte vor ihren Augen aufflackern und sie fing an zu würgen. Gelbe Galle entkam ihrem Mund und schien sie mit einem Tanz im Wasser zu verspotten.
Dennoch erleichtert, etwas gefangen zu haben, packte sie den Fisch zwischen ihre Kiefer und riss ihm das Fleisch von den Gräten. Gierig schlang sie ein Stück nach dem anderen hinunter und spürte eine Woge der Zuversicht, als sich ihr Magen langsam füllte.
Bevor sie ihre Beute allerdings vollständig verschlungen hatte, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihr Magen rebellierte und schien das weiche weiße Fleisch von einer Seite zur anderen zu werfen. Er beschwerte sich lauthals und wollte nicht annehmen, was sie ihm darbot. Entsetzt schlug sie die Hände vor den Mund. Es hatte sie so viel Mühe gekostet, den Fisch zu fangen, sie konnte diese wertvolle Mahlzeit jetzt nicht einfach verschwenden.
Doch ihr Körper krampfte und ließ sie sich erneut zusammenkrümmen. Ihr Zwerchfell schien gewaltsam hinauskatapultieren zu wollen, was sie gerade erst geschluckt hatte.
Es brach aus ihr heraus, ohne dass sie es hätte verhindern können. Schmerzhaft stießen die ungekauten, mit Schuppen bekleideten Fischfetzen ihre Speiseröhre hinauf. Als ihre Muskeln sich langsam und qualvoll wieder entspannten, öffnete sie die Augen und starrte auf den verschwendeten Mageninhalt, der zum einen Teil auf der Koralle unter ihr lag und zum anderen vor ihr schwebte. Sie war doch nicht gerettet worden, um verzweifelt in der See nach Nahrung zu suchen.
Wenn es keine Meeresbewohner sein konnten, dann musste es eben etwas Verbotenes sein. Da Purga sie wohl nicht vor dem sicheren Ende retten würde, konnte sie somit auch eines der saftigen, frischen Herzen essen … oder gleich alle. Schlimmer als der Tod würde die Bestrafung ihrer Herrin sicher nicht sein, und hier auf die ersten Haie zu warten, die ihre Verletzungen witterten, war keine Alternative für die Sirene.
Eine Sekunde wurde alles um sie herum ruhig. Sollte sie es wirklich wagen? Bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, nahm sie das stete Klopfen von Holz gegen Stein wahr. Es kam von zu weit her, um den Ursprung zu sehen, und doch konnte sie es ganz klar hören, als wäre es direkt über ihr. Gab es vielleicht doch noch eine andere Lösung als den Verrat an ihrer Herrin? Holz auf dem Meer stand meist in Zusammenhang mit Menschen. Piraten. Fleisch.
Voll Hoffnung schwamm sie los, kämpfte sich mit letzten Kraftreserven und brennenden Muskeln zu dem Ruf der Zerstörung am Rande der Klippen. Als sie sah, was das Geräusch verursachte, brannte Euphorie in ihr auf. Ein Boot. Der bloße Anblick des Zuhauses von Piraten ließ ihr Blut kochen, doch die Hoffnung auf eine ausgiebige Mahlzeit wuchs.
Das Holzungetüm lag auf einem Felsen, der aus dem Wasser unweit der Insel ragte und teilweise auseinandergebrochen war. Tatsächlich schien der Berg viel zu hoch zu sein, dass ein Boot oben auflaufen könnte, doch möglicherweise hatte eine große Welle es hinauf verfrachtet. Die letzten Tage hatte ihr Hunger alle Sinne dominiert und sie konnte nicht ausschließen, dass es einen Sturm gegeben hatte. Es war schwer vorstellbar, dass dieses Segelboot unter anderen Umständen so hoch aufgelaufen wäre. Tatsächlich aber waren die Gründe ihr herzlich egal.
Impressum
Widmung
Hinweis zu Content Notes
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Danksagung
ContentNotes
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