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Dieses Buch enthält eine bunte Vielzahl yogischer Weisheitsgeschichten. Viele davon hat der Autor Bernd Balaschus während seines siebenjährigen Aufenthaltes in Indien als Leiter von spirituellen Reisen selbst erlebt. Er gründete seine eigene Schule im Himalaya. Doris Iding hat als Herausgeberin gemeinsam mit dem Autor die Geschichten bearbeitet und zu dem vorliegenden Buch geformt
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Bernd Balaschus
Doris Iding (Hg.)
Yoga-Geschichten
Wege zur Weisheit
Über den Autor und die Herausgeberin
Bernd Balaschus
Absolvierte eine Ausbildung als Organist an der Kirchenmusikschule, studierte später Architektur; anschließend langjährige Kameraarbeit für Film und Fernsehen. Darauf folgten sieben Jahre Aufenthalt in Indien mit Studium der Veden, des Sanskrits und der Mantra-Rezitation. Ausbildung in »Nada Brahma«-Musiktherapie bei Vemu Mukunda. Nach seiner Rückkehr aus Indien Ende der Achtzigerjahre gründete er »Shambhala tours & meditation«, die »InnerLight«-Seminare und den gemeinnützigen Verein »Shambhala e.V.«. Er ist Initiator des Schulprojekts »Jamyang Ling« in Reru/Zanskar im indischen Himalaya.
www.shambhala.de
Doris Iding
Ethnologin, mit den Schwerpunkten Integration östlicher Heilverfahren und bewusstseinsverändernder Techniken in das westliche Denken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin, Autorin, Ghostwriterin sowie als Dozentin bei Yogalehrerausbildungen zum Thema Yogaphilosophie. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich für ein Bewusstsein öffnet, in dem er erfährt, dass alles miteinander verbunden ist.
www.doris-iding.de
Originalausgabe
© 2011 Schirner Verlag, Darmstadt
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten
ISBN 978-3-8434-6123-8
1. E-Book-Auflage 2014
Umschlaggestaltung: Murat Karaçay, Schirner
Redaktion: Rudolf Garski, Schirner
E-Book-Erstellung: HSB T&M, Altenmünster
www.schirner.com
Inhalt
Über den Autor und die Herausgeberin
Vorwort
Einleitung: Lehrjahre in Indien
Die Bhagavadgita
Die Lehren der Bhagavadgita
Absichtsloses Tun
Lehrer-Schüler-Beziehung
Hoffnungen und Wünsche des Schülers
Vertrauen in den Lehrer
Vorstellungen, wie der Lehrer sein soll
Konkrete Umsetzung
Das Zeitverständnis des Gurus
Ein Bauer auf dem Feld
Der Guru und sein Schüler
Über die Erleuchtung
Himalaya-Zedern wachsen langsam
Das Bad in der Gangesquelle
Der Schriftgelehrte
Wer ist der größere Guru?
Eine Flasche frischer Milch
Vishnu und sein Schüler
Der leere Magen
Auf der Suche nach mehr
Milarepa und der Hausbau
Die Lehrer des Dattatreya
Das innere und das äußere Schlachtfeld
Der Yogi und die Maus
Der Missionar und der Hammer
Der Hund im Tempel der 1001 Spiegel
Die Welt in Ordnung bringen
Der Guru und die Steine
Der Unterschied zwischen Himmel und Hölle
Zwei Löwen
Pilot Baba
Die Krähe
Wunden
Ein Platz in der Hölle
Der Skorpion
Der eigene Schatten
Dharma und Karma
Der Schimmel
Der Riss in der Kanne
Der Esel im Brunnen
Mäntel im Wind
Der Sannyasin-König
Zeichen auf dem Weg
Der Johannisbrotbaum
Drei Yoga-Wege
Karma-Yoga
Handeln ohne auf die Früchte zu achten
Der Knochenjob
Die Brücke
Auf dem Markt
Der Karma-Yogi Bhagiratha
Die Tempel von Maheshvar
Der Löwe und die Maus
Der alte Sadhu und der Skorpion
Buthnath Baba
Bhakti-Yoga
Gampopa und der Zahn
Vier Blumen
Mataji und Guruji
Das Geschenk
Mirabai
Zicklein zu verkaufen
Was können wir tun?
Der dritte Wunsch
Die Pilgerreise
Dattatreya
Jnana-Yoga
Die Spende und eine Rupie
Lesen ist das eine, danach handeln das andere
Narasimha oder Der Löwenmensch
Der Affe und die Brille
Das Geheimnis des Glücks
Die Macht der Worte
Wissen ohne Erfahrung
Der Blinde
Die leere Tasse
Der Idiot
Der Diamant
Vom wahren Glauben
Glossar
Zum Weiterlesen
Vorwort
Bernd Balaschus und ich begegneten uns in Indien. Wir machten beide zur gleichen Zeit eine Panchakarma-Kur in einem wunderschön gelegenen Ayurveda-Resort im Hinterland von Goa.
Es vergingen ein paar Tage, bevor wir miteinander ins Gespräch kamen. Aber eines Abends hörte ich zufällig, wie er einem Freund von mir die Geschichte von Pilot Baba erzählte. In dem Moment war sie da, die Verbindung zu Bernd. Ich hörte ihm gut zu und war fasziniert davon, wie er die Geschichte erzählte. Im Anschluss daran unterhielten wir uns lange und ich erfuhr viel über die Jahre, die er schon in Indien verbracht hatte, über seine Reisen, die er organisierte hatte, und über seine Liebe zu Indien und der tiefen Spiritualität, die dort zu finden ist.
Bereits nach wenigen Tagen hatte ich die Idee, mit Bernd eine Fortsetzung meines Buches Alles ist Yoga (erschienen 2010 im Schirner Verlag) zu verfassen. Ich war beeindruckt von den vielen Geschichten, die er selbst in Indien erlebt hatte, und so war es für mich nur die logische Schlussfolgerung, dass wir beide ein gemeinsames Buch schreiben würden.
Nach unserer Rückkehr nach Deutschland begannen wir auch schon bald mit der Arbeit. Alles ging sehr leicht. Obwohl Bernd viele, viele Jahre als Kameramann gearbeitet hatte, gelang es ihm schnell, sich in die Kunst des Schreibens einzufinden. Ich brauchte ihm oftmals nur hier und dort eine kleine Kurskorrektur zu geben – und schon war die nächste Geschichte fertig.
Bei der Fertigstellung des Buches haben wir viel gelacht. Und so hoffe ich natürlich, dass auch der Leser die Leichtigkeit spürt, die wir bei der Arbeit empfunden haben, auch wenn die Rahmenhandlung des Buches die Bhagavadgita und somit ein Kriegsschauplatz ist.
Wir wählten deshalb die Bhagavadgita als Rahmenhandlung, weil Bernd während seines Indienaufenthalts ein intensives Studium dieser so zentralen heiligen Schrift erlebte. Sein tiefes Wissen um die Zusammenhänge der spirituellen Wahrheiten wurde für mich schnell spürbar, und seine Fähigkeit, einen so schweren Stoff leicht und spielerisch zu vermitteln, hat mir besonders gut gefallen.
Mögen Ihnen diese Geschichten dabei helfen, Ihre eigenen »Kriegsschauplätze« etwas zu verkleinern und mehr Liebe und Leichtigkeit in Ihr Leben zu bringen.
OM shanti.
Doris Iding
Einleitung: Lehrjahre in Indien
Als ich 33 Jahr alt war, führte mich mein Weg nach Indien. Ich war einem inneren Ruf gefolgt. Es war der Wunsch, aus einer großen seelischen Not heraus geboren, mehr über mich zu erfahren und wissen zu wollen. In Maharashtra, drei Autostunden von der Großstadt Bombay entfernt, lebte ich mehr als sieben Jahre in einem kleinen Ashram auf dem Land. Voller Ehrgeiz und Begeisterung für die alten Schriften, Überlieferungen und Traditionen schlüpfte ich in das Leben eines Yogis, was im Ashram zwangsläufig zu einer Phase des Alleinseins und der Absonderung vom alltäglichen Leben führte. Es war die Zeit des intensivsten Lernens in meinem Leben.
Viveka Chudamani – Das kostbare Juwel der Unterscheidungsfähigkeit, ein Hauptwerk von Adi Shankaracharya aus dem 8. Jahrhundert, wurde meine Lieblingslektüre. Nach dem Duschen um halb vier Uhr morgens trank ich eine Tasse Tee, im Winter oftmals eine zweite, und nahm Platz auf meinem Meditationsteppich vor einem kleinen, selbst gezimmerten Tischchen, wohlig warm in eine Decke gehüllt. Das Rezitieren der Sanskritverse fiel mir leicht, wenn ich den Rhythmus gefunden hatte. Das Alphabet und die Aussprache lernte ich am Anfang meines Aufenthalts von meinem Freund Akiwate. Er war ein älterer, pensionierter Inder, der seine Tage im Ashram verbrachte. Ich bewunderte ihn sehr für sein tiefes, umfangreiches Wissen über indische Kultur und Religion. Arvindbhai, ein weiterer Freund, der jedes Wochenende aus Bombay zu Besuch kam, versorgte mich mit Tonbändern, auf denen Bhajans, Stotrams und das Omkar von Guruji aus Gujarat aufgezeichnet waren. Zuerst schrieb ich den Text in Devanagari-Schrift auf, dann lernte ich ihn auswendig.
Guruji selbst war auch einige Male zu Besuch im Ashram. Bei einem seiner Besuche weihte er mein Harmonium ein, das ich Tage zuvor in Bombay gekauft hatte. Worte sind an sich schon ein sehr begrenztes Mittel, um einen Guru zu beschreiben. Bei Guruji kam hinzu, dass er nicht viel redete; sang er jedoch Bhajans oder das Omkar (die heilige Silbe Om), hatte seine Stimme die Fähigkeit, die Zuhörer in eine andere Dimension zu führen. Mit dem melodischen Nachspielen auf dem Harmonium hatte ich keine Probleme, denn mir kam meine jahrelange Praxis als Organist in der Kirche meines Heimatorts in Deutschland sehr zugute.
An der richtigen Aussprache des Sanskrits feilte ich jeden Tag. Durch ständiges Wiederholen und Üben versuchte ich, die Tiefe der Laute zu erfassen, die Schwingungen zu erfahren, die Schönheit der Reime wirken zu lassen. Und natürlich lernte ich auch viel von der nächtlichen und frühmorgendlichen Stille, die ihre eigene Sprache sprach.
Es war ein Lernen auf verschiedensten Ebenen, und ich war froh, wenn ich dieses Wissen in kleinen Gruppen an andere weitergeben konnte. Das war mein Kontakt mit dem Außen, mit Menschen, mit meinen Mitbewohnern im Ashram. Ich leitete mehrere Kurse zum Erlernen des Devanagri-Alphabets an. Die Inder nennen ihre Schrift Devanagari, was so viel bedeutet wie »von den Göttern gegeben«. Deshalb hängen die Buchstaben von der Grundlinie herab, anstatt wie bei dem lateinischen Alphabet auf ihr zu stehen, um das »Gegebene und Geschenkte« zum Ausdruck zu bringen.
Es gibt eine Geschichte zur Entstehung der Devanagari-Schrift, die mich immer wieder sehr berührt: Einst trugen die Rishis alles nur Vorstellbare und Manifestierte in einen großen Kreis, um den herum sich alle Weisen der Welt versammelt hatten. Jeder der Anwesenden bildete einen Laut zu dem, was er sah, denn Sanskrit geht davon aus, dass der Klang des Wortes auch den Inhalt transportiert und nicht von ihm getrennt sein kann. Der Konsens war das Wort, das von nun an Gültigkeit hatte für den betreffenden Gegenstand.
Weil ich Sanskrit nicht studiert und keine Grammatik gelernt hatte, versuchte ich immer, mir den Inhalt über den Klang der Verse zu erschließen. Es störte mich nicht, wenn ich die wortwörtliche Übersetzung nicht wusste, oft schloss ich nur die Augen und folgte dem Klang, wenn ich einen Vers auswendig konnte und ihn wieder und wieder rezitierte.
In verschiedenen Vorlesungen wurden uns auch die spirituellen Inhalte der Bhagavadgita nähergebracht. Wenn ich heute zurückblicke, war es damals ein sehr »theoretisches« Lernen, denn die Verbindung zum alltäglichen Leben, das irgendwo weit draußen in Deutschland und der übrigen Welt stattfand, war nicht sehr ausgeprägt.
Über viele Monate hinweg lernten wir ausgesuchte Kapitel der Bhagavadgita und versuchten, sie in Versform zu rezitieren. Wir lernten die Verse auswendig und daraus ergaben sich auch viele Fragen, besonders im Hinblick zu den vier positiven Eigenschaften eines Yogis: Viveka, Vairagya, Shat Sampat und Mumukshutva. Viveka, die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Selbst und Nichtselbst, war etwas, was nicht mit dem Verstand zu erlernen war. Vairagya, die Leidenschaftslosigkeit, wie auch Shat Sampat, die sechsfachen Tugenden, waren für mich nicht in Reichweite, um sie ansatzweise im täglichen Leben umzusetzen. Daher war Mumukshutva, der unbegrenzte Wille zur Erleuchtung, mein Ziel, und es wurde zu meinem Lieblingswort, dessen Inhalt ich mit allergrößter Leidenschaft ausführte. Denn zum »unbegrenzten Willen zur Erleuchtung« konnte ich, wie ich mir dachte, ja viel beitragen, und so lief die tägliche Praxis darauf hinaus, Erkenntnis und Erleuchtung erzwingen zu wollen.
Sama – »Gelassenheit«, Dama – »Sinneskontrolle«, Uparati – »Abstandsnahme«, Titiksha – »Duldungskraft«, Shraddha – »Vertrauen« und Samadhana – »vollkommene Konzentration, die sechsfachen Tugenden des Shat Sampat, waren mir ebenfalls nicht so geläufig, besonders »Geduld« (Sama) und »Ausgeglichenheit« (Titiksha) betrachtete ich oft eher als Schwäche denn als Tugend. Es waren Begriffe, deren Sinnhaftigkeit ich damals nicht verstand; und deren Tiefe und Bedeutung ich auch kaum ergründen konnte, denn alles Gelesene, Rezitierte, Gelernte und Erstrebte sollte sich erst später im normalen Leben beweisen und verdeutlichen – und somit die »Feuerprobe« im gelebten Leben bestehen. Aber das war mir während meines Aufenthalts in Indien nicht wirklich bewusst.
Disziplin, Regeln und Rituale spielten für mich auf meinem spirituellen Weg damals eine besonders große Rolle. Und so ist mir über all die Jahre ein Satz meines Lehrers immer im Gedächtnis geblieben. Als ich ihm einmal eine Frage zu meiner Meditationspraxis stellte, antwortete er: »Du wirst viel gelernt haben, wenn du in der Lage bist, die Disziplin und die Regeln beiseite zu lassen.«
Damals verstand ich diesen Satz nicht, denn für mich war es kaum vorstellbar, auch nur ein einziges Mal die mir selbst auferlegte Disziplin aufzugeben. Je strenger die Regeln, desto größer die Herausforderung – so glaubte ich. Standen die meisten der Ashrambewohner um sechs Uhr morgens auf, so beschloss ich, bereits um halb vier Uhr aufzustehen. Hatten die anderen geregelte Mahlzeiten, verzichtete ich grundsätzlich auf das Abendessen. War ein Essen von unserem Koch besonders schmackhaft und nahmen alle einen Nachschlag, blieb ich verbissen bei meinem One Serve, der yogischen Regel, die besagt, dass nur die Menge gegessen wird, die einmalig auf das Tali kommt. Ich erlaubte mir keinen Nachschlag, egal wie lecker die Speisen waren. Und ich zwang mich, nicht zu bewerten, was gut schmeckte und was weniger gut. Schließlich wollte ich ein besonders guter Schüler und Yogi sein und dachte, dass dies dadurch zum Ausdruck kommt, wie hart und diszipliniert ich die Regeln einhalten würde.
Kam ich von einer Filmproduktion in Deutschland oder woanders im Ausland wieder zurück nach Indien, erreichte ich den Ashram nach der Landung in Bombay mit dem Taxi meist erst nach Mitternacht. Ich stellte dann zwei Wecker auf drei Uhr dreißig, damit ich um vier Uhr morgens nach zwei Stunden Schlaf wieder meine spirituelle Praxis beginnen konnte. Ich kämpfte gegen die große Müdigkeit des Körpers, kämpfte gegen das Bibbern am Morgen im Winter, wenn ich das eiskalte Wasser über den Körper goss und ein Reinigungsmantra zwischen den Lippen hervorpresste. Mehrere Monate lang entfernte ich die Matratze aus meinem Zimmer, um auf dem Steinboden mit einer Wolldecke zu schlafen; nur um mir selbst zu beweisen, wie groß meine Bereitschaft war, auf alle Bequemlichkeit zu verzichten, um die Erleuchtung herbeizuzwingen. Erst Jahre später wurde mir klar, dass die Weisheitslehren, wie sie in der Bhagavadgita dargelegt werden, nicht nur etwas für den Intellekt sind, sondern dass sie gelebt und umgesetzt werden wollen, damit sie in ihren vielseitigen Aspekten den Praxistest des gelebten täglichen Leben bestehen.
Die bohrende Frage »Wer bin ich?«, die ich mir immer wieder stellte, führte zu vielen Gruppen- und Meditationserfahrungen, die mich nur noch mehr ermunterten, den Weg des Yoga zu beschreiten. Erst als ich den Ashram verlassen hatte, Jahre später im Westen und dann auf meinen Reisen und Wanderungen in Tibet, Ladakh und Zanskar, wurden mir Zusammenhänge klar. Ich erinnere mich, als ich das erste Mal den Berg Kailash auf dem tibetischen Hochplateau sah, in einer Schönheit und majestätischen Erhabenheit, die nicht von dieser Welt zu sein schienen und die nicht in Worte zu fassen waren. Dieses Stillsein, dieser eine zeitlose Moment, wenn die ununterbrochenen Gedankenströme unseres Verstandes für kurze Zeit aufhören, weil jedes Wort, jeder Gedanke nicht im Entferntesten an das heranreicht, was erlebt und im wahrsten Sinne geschaut wird, enthüllt eine Weisheit jenseits aller Begrifflichkeiten. Es war ein kurzes Eintauchen in das reine Sein, als gäbe es weder Zeit noch Raum. Damals jedoch, während meines Aufenthalts im Ashram, war es für mich schwierig, die Verse der Bhagavadgita, die ich täglich rezitierte, zu verstehen und ihre weittragende Bedeutung zu erfassen.
Für vieles wurde in meiner Ashramzeit in Indien der Samen gelegt. Dem Aufgehen der Samen sollten Jahre folgen; erst im täglichen Leben in Deutschland wurde mir bewusst, wofür Begriffe wie Leidenschaft, Gier, Verblendung usw. stehen und wie sehr sie unser Leben bestimmen. Nach meiner Rückkehr in den Westen wurde ich mit all den Dingen des täglichen Lebens konfrontiert, die in der Praxis so konträr zum vordergründigen Leben eines Yogis waren und die ich in Indien ausgeklammert hatte, nämlich das ganz normale Leben in der Gesellschaft mit all seinen Verpflichtungen und Verantwortungen: z. B. eine Familie zu gründen, eine Organisation für spirituelle Reisen aufzubauen, eine Schule im Himalaya zu gründen, Seminare zu organisieren und zu leiten. All dies geschah in einer Zeit, als es darum ging, meinen Platz im Leben zu erkennen und einzunehmen – aufbauend und zehrend von den Erfahrungen der Losgelöstheit einer spirituellen und meditativen Praxis vom Alltag, abgeschottet von den Wirren und dem Auf und Ab des täglichen Lebens. Und es war ein langer Weg vom Einsiedler im Ashram in das Hier und Jetzt mit vielerlei Verantwortungen.
Aber alles hat aus Sicht der Bhagavadgita die gleiche Qualität, da alle Erscheinungsformen Ausdruck des All-Einen sind. Um an diesen Punkt des Verstehens zu gelangen, hat es viele Jahre des Lernens in Indien gebraucht – und viele Lehr- und Praxisjahre im Westen, im Alltag, auf kleinen und großen Reisen, mit Gruppen oder alleine.
Einige dieser Erfahrungen möchte ich gerne mit Ihnen teilen und Sie an meinen Begegnungen mit einfachen Menschen, mit Yogis, Sadhus und Meistern teilhaben lassen. Ich möchte Sie mitnehmen an spirituelle Orte in Indien, Tibet und in die Bergwelt des Himalaya, an denen seit Jahrtausenden Pilger und Wanderer Inspiration, Klarheit und Weisheit suchen. Einige sind selbst erlebte, andere sind gehörte Geschichten – dabei wohl wissend, dass jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen machen muss, die das Leben für ihn bereithält.
Mögen die Zeilen dieses Buches Ihnen auf Ihrem Lebensweg Motivation und Ansporn sein oder auch nur eine besinnliche Pause und Reflexion beim Betrachten der vielfältigen Darbietungen auf der Bühne des Lebens.
Ich möchte mit einem bekannten Sanskrit-Gebet schließen:
OM sahanaavavatu, sahanaubhunaktu,
sahaviryam karavaavahai,
tejasvinaavadhiitamastu,
ma vidvishaavahai!
OM shanti, shanti, shanti.
»Mögen wir alle beschützt sein und mögen wir alle immer genährt werden, mögen wir gesund und stark werden, möge unser Lernen mit dem Licht der Erkenntnis durchdrungen sein und es keine Trennung und Feindschaft geben zwischen uns!
OM Friede!«
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude und Inspiration beim Lesen!
Ihr
Bernd Balaschus
Die Bhagavadgita
Die Bhagavadgita begleitete mich nicht nur während meiner Zeit in Indien, als wir im Ashram immer wieder Verse aus ihr rezitierten und Vorlesungen über ihre spirituelle Bedeutung bekamen; auch in anderen Zeiten meines Lebens spielte sie als spirituelle Lektüre eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund bildet sie hier im Buch die äußere Struktur, und die hier beschriebenen Geschichten werden verschiedenen Aspekten der Bhagavadgita zugeordnet. Viele der Geschichten zeigen auf, dass es sich bei der Bhagavadgita nicht nur um ein theoretisches, philosophisches Konstrukt handelt, das vor mehreren Jahrtausenden geschrieben wurde, sondern dass ihre tiefe Weisheit jedem von uns auch heute noch helfen kann, den eigenen Alltag besser zu verstehen.
Um zu verstehen, worum es in der Bhagavadgita geht, möchte ich einige Aspekte kurz erläutern, wohl wissend, dass sie nicht vollständig behandelt werden können.
Die Bhagavadgita, die auch als der »Gesang Gottes« bezeichnet wird, ist nicht nur einer der wichtigsten Texte der indischen Kultur, sondern gilt als eines der größten Weisheitsbücher der Weltliteratur überhaupt. Die Bhagavadgita, die als die Basis der Yogalehre betrachtet wird, ist eine Zusammenführung verschiedener Denkschulen des damaligen Indiens. Sie basiert auf der Grundlage der Veden, des orthodoxen Brahmanismus, der Upanishaden, des Yoga und weiterer Richtungen, wobei sie gedanklich den Upanishaden am nächsten steht.
Die Bhagavadgita zählt zu den Texten der smriti, den sogenannten religiösen Lehrbüchern, nimmt jedoch eine Sonderstellung ein, weil sie von nahezu allen großen spirituellen Meistern kommentiert wurde und in deren Leben eine wichtige Rolle spielte bzw. auch heute noch spielt. Mahatma Gandhi ist ein schönes Beispiel dafür. Als er starb, machte man ein Foto von seiner gesamten Habe, die aus seinem schlichten weißen Baumwollumhang, seiner Brille, seinen Sandalen und einem abgegriffenen Exemplar der Bhagavadgita bestand. Für Gandhi stellte sie eine Quelle endloser Inspiration dar und er las täglich in ihr. Doch nicht nur für den Mahatma war die Bhagavadgita ein unverzichtbarer Bestandteil seines täglichen Lebens. Auch heute noch wird sie in Indien sowie in aller Welt von Millionen von Menschen mit großem Interesse gelesen.
Die Bhagavadgita gilt als eine der Grundschriften des Hinduismus und des religiösen Yoga und beeinflusste wie kaum ein anderes Werk die Menschen in ganz Indien sowie das Yoga als solches. Sie ist eine der ersten altindischen Schriften, die auch in Europa bekannt wurde. Der in der Bhagavadgita beschriebene Krieg zwischen zwei feindlichen Lagern ist nicht nur als vordergründiges Kriegsgeschehen zu verstehen, sondern spielt auf mehreren Ebenen. Er ist vor allem als Symbol für die Gegensätze von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Gut und Böse, von Licht und Schatten zu verstehen, die sich sowohl in der äußeren Welt als auch im Inneren eines Menschen manifestieren.
Die Lehren der Bhagavadgita
Die Lehren der Bhagavadgita sind in das dramatische Epos Mahabharata eingebettet. Die Söhne des Fürsten Pandu werden von ihrem Onkel Dritarashtra aus dem Stamm der Kurus und von dessen Söhnen um ihren rechtmäßigen Thronanspruch betrogen und sind immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Nach langjähriger Verbannung kommt es schließlich auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra, der »Stätte der Kurus«, zu einer großen Schlacht. Arjuna, der dritte Sohn des Pandu, befindet sich in einem großen inneren Konflikt, weil er einerseits zwischen Verbundenheit zu seinen Verwandten, die auf der Gegenseite kämpfen, und seiner Verantwortung als Fürst und dem rechtmäßigen Anspruch seiner Familie auf Land und Thron gefangen ist.
Er ist »von Furcht überwältigt« und weigert sich, den Kampf aufzunehmen. Auf seinem Streitwagen befindet sich Krishna als Wagenlenker, den sich Arjuna in seiner verzweifelten Lage als Beistand geholt hat. Krishna erteilt Arjuna religiös-philosophische Unterweisungen, die dazu dienen, dessen Zweifel zu zerstreuen und ihn dazu zu bewegen, den gerechten Kampf aufzunehmen.
Die Unterweisungen werden in der Form von Lehrgesprächen dargestellt. Es handelt sich dabei um feierlich-religiöse, yogische Lehren von Krishna, dem Erhabenen, der als eine irdische Manifestation des Gottes Vishnu betrachtet wird (als sein achter Avatar). Er lehrt den für Dharma, Recht und göttliche Ordnung eintretenden Krieger Arjuna, was in dieser Situation zu tun ist. Die Gespräche sind in Form eines Lehrgedichts mit 700 Sanskritversen verfasst, die sich auf 18 Gesänge (Kapitel) verteilen, die wiederum in drei Gruppen unterteilt werden.
Die ersten sechs Kapitel konzentrieren sich mehrheitlich auf das Überwinden des Selbst und gleichzeitig auf die erfolgreiche Erfüllung der eigenen Pflichten zum Wohl der Gesellschaft. Die nächsten sechs Gesänge befassen sich mit der wahren Natur Gottes und der großen Liebe zu ihm. Diese speist sich aus Erkenntnis und dem tiefen Verständnis gegenüber der göttlichen Natur. In den abschließenden sechs Gesängen werden besondere Erkenntnisse und Weisheiten vermittelt, die dazu dienen, den wahren Sinn des irdischen Daseins zu verstehen, der der Bhagavadgita zufolge darin besteht, sich von dem unvermeidlichen Schmerz und Kummer zu befreien, dem man in diesem Leben bis zu seinem Tod ausgesetzt ist.
Absichtsloses Tun
Eine der zentralen Aussagen, die Krishna seinem Schüler Arjuna vermittelt, bezieht sich auf das absichtslose Tun. Als Arjuna sich auf dem Kriegsschauplatz wiederfindet und plötzlich seine Verwandten in dem gegnerischen Heer erkennt, erlebt er einen großen Gewissenskonflikt. Er ist davon überzeugt, nicht gegen seine Onkel, Freunde und Lehrer kämpfen zu können, auch wenn es die Situation erfordert. Wörtlich sagt er: »Ich kann für eine Sache, sei sie auch noch so gerecht, keinen Krieg führen und dabei meine ganze Familie und Verwandtschaft auslöschen.«
Um diese innere Haltung zu verstehen, muss man wissen, dass Familie und Familienbande zum damaligen Zeitpunkt einen extrem hohen Stellenwert in Indien hatten. Arjuna beharrt immer wieder aus seiner innersten Überzeugung heraus: »Ich kann und ich will nicht gegen meine Verwandtschaft kämpfen.« An dieser entscheidenden Stelle beginnen die Lehrgespräche zwischen Schüler und Lehrer, und genau an dieser Stelle ist es auch notwendig, die verschiedenen Ebenen der Bhagavadgita zu studieren.
Und dann kommt eine der wichtigsten Aussagen der Belehrungen durch Krishna, die auch für mich persönlich immer wieder eine große Herausforderung in meinem Leben war: Es geht nicht um das individuelle Wollen, Tun, Streben usw., sondern vielmehr darum, ob dieses eigene Tun im Einklang steht mit unserem Dharma, mit dem was zu tun ist, was wir gemäß der göttlichen Ordnung zu tun haben. Und hierin lieg eine große Aufgabe: Unser Handeln nicht mehr mit den kleinlichen Querelen des Egos zu verknüpfen. Es ist eine der schwierigsten Herausforderungen und Fragestellungen auf dem Yoga-Weg, zu prüfen, ob und auf welche Weise das individuelle Tun im Einklang mit der Göttlichen Ordnung steht, oder ob allein aus egoistischen Motiven heraus gehandelt wird und somit eine weitere Selbsttäuschung vorliegt.
Wenn wir uns immer wieder diese Frage stellen: »Wer handelt?«, »Wer denkt?«, »Welche Zielsetzungen habe ich?« oder »Was bezwecke ich mit meinem Tun?«, dann haben wir eine Chance, das kleine bescheidene, ich-hafte Tun auf eine höhere, selbstlose Ebene zu transformieren. Eines der besten Verfahren in dieser Hinsicht ist, auf alle Früchte unserer Handlungen zu verzichten.
Arjuna glaubt, dies nicht zu können. Zu sehr ist er in seiner Ich-Haftigkeit, in seinen Gefühlen gefangen und weigert sich standhaft, gegen diese inneren Überzeugungen zu handeln. Doch Krishna belehrt ihn eines Besseren, indem er ihm mitteilt, dass das große Weltengeschehen schon einen Schritt weiter ist als Arjunas individuelle Weigerung, denn die Heere stehen sich bereits gegenüber. Die Schlacht, die es jetzt zu schlagen gilt, ist eine Entscheidungsschlacht, auf die schon seit langer Zeit alles hinauslief. Es ist ein Kulminationspunkt, eine Situation, der nicht mehr ausgewichen werden kann. Es bleibt nur noch zu tun, was zu tun ist.
Krishna weist den jungen Arjuna an diesem Punkt darauf hin, dass er seine Pflicht zu erfüllen und im Sinne des großen Ganzen zu handeln habe. Diese Schlacht ist zu schlagen. Ein Handeln, das die Früchte des Handelns ausschließt, wird auch »absichtsloses Tun« genannt; wir begegnen diesem Aspekt nicht nur in der Yoga-Philosophie, sondern auch in anderen spirituellen Traditionen, wie zum Beispiel dem Zen-Buddhismus.
