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Wir alle haben im Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, das weiß auch Dr. Annie Zimmerman – nicht nur als Psychotherapeutin, sondern auch als Betroffene. Basierend auf ihrer jahrelangen Erfahrung zeigt sie, dass psychisches Wohlbefinden möglich ist, wenn wir uns darauf einlassen, unsere Emotionen wirklich zu verstehen und alte Verhaltensweisen loszulassen. »Your Pocket Therapist« kombiniert praktische Tools und Übungen mit Anekdoten aus der Therapie und gibt den Leser:innen mithilfe eines 5-Schritte-Plans das Rüstzeug an die Hand, um sinnvolle Veränderungen vorzunehmen, tiefe Heilung zu bewirken und ihr Leben zu verbessern. Ein unverzichtbarer Leitfaden für mentale Gesundheit und bessere Beziehungen zu Familie, Freunden und Partnern.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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www.piper.de
Dieses Buch enthält Ratschläge und Informationen zum Thema psychische Gesundheit. Es sollte als Ergänzung und nicht als Ersatz für die Beratung durch eine ausgebildete Fachkraft für psychische Gesundheit verwendet werden. Wenn Sie wissen oder vermuten, dass Sie an einer psychischen Krankheit leiden, sollten Sie professionellen Rat einholen, bevor Sie sich auf ein psychologisches Programm oder eine Behandlung einlassen. Es wurden alle Anstrengungen unternommen, um die Richtigkeit der in diesem Buch enthaltenen Informationen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zu gewährleisten. Der Verlag und die Autorin lehnen jede Haftung für psychische Folgen ab, die sich aus der Anwendung der in diesem Buch vorgeschlagenen Methoden ergeben können.
Aus dem Englischen von Marlene Fleißig und Anja Lerz
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Your Pocket Therapist bei Orion Spring, an imprint of The Orion Publishing Group Ltd, London
© Annie Zimmerman, 2024
Für die deutsche Ausgabe:
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence, München mit abavo vlow, Buchloe
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Cover & Impressum
Hinweis
Einleitung
Bevor wir beginnen
Heilung ist nur möglich, wenn man sich der Verletzung bewusst ist
Teil Eins
DAS ICH
Dich verstehen lernen
Warum sind Therapeut*innen so besessen von unserer Kindheit?
Aber meine Kindheit war doch super!
Zurück zu Alva
Unsere Eltern bringen uns das Fühlen bei
Was ist das Problem daran, die Dinge für sich zu behalten?
Tipps, um zu verstehen, was tief in dir vor sich geht
Depression
Was ist los mit George?
Was soll das eigentlich heißen, »Fühle deine Gefühle«?
Wie fühlst du deine Gefühle?
Wie kann es George besser gehen?
Wenn du deine Gefühle nicht fühlst, fühlt jemand anderes sie für dich
Zum Ursprung vordringen
Was ist, wenn ich keinen Grund für meine Niedergeschlagenheit finde?
Anzeichen dafür, dass du gerade eine Freeze-Reaktion hast:
Tipps, um sich aus der Freeze-Reaktion zu befreien, wenn du mit Depressionen oder Abkapselung zu kämpfen hast
Angst
Warum haben wir Angst?
Die Katastrophe, die bereits eingetreten ist
Nicht die Kontrolle verlieren
Angst als Gefühlshemmer
Was, wenn ich zu viele Gefühle habe?
Was haben Grenzen mit Ängsten zu tun?
Von unseren Triggern lernen
Was hat Kelley geholfen?
Tipps, um dich bei akuter Angst zu beruhigen
Trauma, Stress und das Nervensystem
Wie macht Stress uns krank?
Bist du in einer Angstreaktion gefangen?
Warum ist es für Menschen so schwierig, den Stresszyklus abzuschließen?
Symptome eines dysregulierten Nervensystems
Arlons Nervensystem
Warum bleiben wir in der Angstreaktion stecken?
Wie Arlons Heilung begann
Wie kann man ein Trauma heilen?
Drei wichtige Regeln für die Heilung von Traumata
Tipps, um dich im deinem Körper sicher zu fühlen
Sucht
Nathan
Was verursacht Sucht?
Eine (nicht vollständige) Liste von Verhaltensweisen, die zur Bewältigung von emotionalem Schmerz eingesetzt werden
Was hat Lana geholfen?
Neugierig sein
Verstehen
Fühlen
Handeln
Üben
Wie geht das also, heilen?
Verbindung ist das Gegenmittel für Sucht
Es zu wissen allein reicht nicht
Tipps, um mit schwierigen Gefühlen in Kontakt zu treten
Selbstkritik
Warum haben wir diese kritische innere Stimme in uns?
Fiona
Was man anstatt »Ich fühle mich dick« sagen kann
Warum geben sich Kinder selbst die Schuld?
Warum Bestätigung nicht immer hilft
Wie kann ich weniger streng mit mir selbst sein?
Tipps, um weniger streng mit dir selbst zu sein
Teil Zwei
BEZIEHUNGEN
Beziehungen verstehen
Abschnitt 1
Single sein
Solo unterwegs
Aber muss man nicht erst sich selbst lieben, bevor man einen anderen lieben kann?
Kreiere dir dein eigenes Dorf
Muss ich in einer Beziehung sein, um gesund zu sein?
Fantasiebeziehungen
Was liegt unter der Oberfläche?
Und Jay?
Warum leben wir in Fantasievorstellungen?
Wie man der Fantasiefalle entkommt
Einsamkeit
Was bedeutet es, sein wahres Selbst zu sein?
Wie man sich mit seinem wahren Selbst verbindet
Tipps, um sich weniger einsam zu fühlen
Abschnitt 2
Eine Beziehung finden
Dating
Warum sind Liebesbeziehungen so schwierig?
Herausforderung Dating
Die richtige Chemie
Muss es so richtig knistern?
Warum ist Angst sexy?
Tipps, wenn es mit jemandem heftig funkt
Obsession
Was liegt unter der Oberfläche?
Wie können wir heilen?
Tipps, wenn du dich in etwas verrannt hast
Partner*innenwahl
Warum suche ich mir immer wieder Menschen aus, die emotional nicht verfügbar sind?
Situationships: Warum will die andere Person sich nicht binden?
Wie kann ich emotional verfügbarer werden?
Such dir eine Partnerperson, die dich in deinem Heilungsprozess unterstützt
Warum stehen wir auf Menschen, die wie unsere Eltern sind?
Wie wähle ich also den*die richtige Partner*in?
Woran kann man eine »gesunde Partnerperson« erkennen?
Abschnitt 3
In der Beziehung
Bindungsmuster
Was bedeutet Bindungstheorie?
Wie entsteht ein neues Bindungsmuster?
Wie zeigen sich diese Bindungsmuster in Beziehungen unter Erwachsenen?
Der Angst-Vermeidungs-Kreislauf
Wie kommt man aus diesem Teufelskreis widersprüchlicher Bedürfnisse heraus?
Projektionsbeispiele
STOPP!
Was hilft Connor und Abby?
Jemanden finden, mit dem man sich an die Arbeit machen kann
Was du tun kannst, wenn dein Bindungsalarm ausgelöst wird
Co-Abhängigkeit, Grenzen und Gefallsucht
Was ist Co-Abhängigkeit?
Anzeichen für Co-Abhängigkeit
Warum gehen wir co-abhängige Beziehungen ein?
Verstrickung bringt Erwachsene hervor, die:
Wie löst man sich von seinen Eltern?
Selbstaufgabe
Verbitterung
Warum fällt es uns so schwer, Nein zu sagen?
Wie kann ich heilen?
Fünf Dinge, die bei der Heilung von Co-Abhängigkeit helfen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Wie man Grenzen setzt
Was, wenn du die kontrollierende Person bist?
Was, wenn sich in der Beziehung jemand verändert?
Der Heilige Gral: Interdependenz – wechselseitige Abhängigkeit
Anzeichen für wechselseitige Abhängigkeit
Konflikte und Kommunikation
Wie kommunizieren wir anders?
Risse und Reparaturen sind der Schlüssel zur Heilung
Wie man schwierige Gespräche führt
Abschnitt 4
Raus aus der Beziehung
Betrügen
Gründe für Untreue
Maeve
Warum habe ich keine Lust mehr auf Sex in meiner Beziehung?
Das Problem mit der Eltern-Kind-Dynamik
Maeve
Warum fällt es mir so schwer, Menschen zu vertrauen?
Wie man Vertrauen wieder aufbaut, wenn jemand fremdgegangen ist
Trennung und Trauer
Warum tut der Verlust eines Menschen so weh?
Wenn Freundschaften enden
Wie betrauert man eine Beziehung?
Warum schafft Maeve es nicht, nach vorne zu schauen?
Was steckt noch dahinter?
Maeves Durchbruch
Wie gelingt es, das Geschehene zu akzeptieren und voranzukommen?
Die wichtigsten Schritte, um über jemanden hinwegzukommen
Fazit
Wie man sich für den Frieden entscheidet
Warum Therapie funktioniert (wenn du es zulässt)
Eine Therapie ist nicht die einzige heilsame Beziehung
Warum ist Veränderung so schwierig?
Wie man sich verändert
Warum es Zeit braucht
Du wirst nie fertig sein, und das ist auch okay
Anlaufstellen
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Die Patient*innengeschichten in diesem Buch sind fiktional.
Es gibt nicht die eine treffende Bezeichnung für jemanden, der zur Therapie kommt. »Klient*in« klingt für mich zu sehr nach Transaktion, zu unpersönlich, daher ziehe ich »Patient*in« vor, da hier die Fürsorgepflicht und das Gefühl, dass sich jemand kümmert, mitschwingen, was mir wichtig erscheint. Der Einfachheit halber werde ich also durchgehend von »Patient*innen« sprechen.
Ich sitze auf einem Sofa, warmes Licht erfüllt den Raum, und schaue in das kluge Gesicht meines Gegenübers mit den neugierigen Augen. Alles ist dabei, sich zu verändern. Ich rutsche nervös herum, wie vor einem ersten Date, aber nicht die Art von Date, auf dem man seinen Freund*innen heimlich eine SMS schickt, wenn der andere Part auf der Toilette ist. Tatsächlich weiß niemand, dass ich hier bin. Ich schäme mich irgendwie, davon zu erzählen, als würde hier zu sein bedeuten, dass mit mir irgendwas nicht stimmt, dass ich verrückt bin.
Dabei bin ich nicht hier, weil ich einen Nervenzusammenbruch hatte. Mit meiner geistigen Gesundheit ist sogar alles ziemlich in Ordnung, dessen bin ich mir sicher. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, warum ich hier bin. Ich weiß nur, dass ich leide und keine Ahnung habe, was ich sonst noch versuchen soll. Ich kann einfach nicht aufhören zu essen. Egal, welche Diät ich ausprobiere, welche neue Art von Sport oder welche Lebensmittelgruppe ich versuche wegzulassen, ich stopfe mich jeden Tag voll, bis mir der Bauch wehtut. Ich esse wie im Rausch, bis mir schlecht wird, ich komatös auf dem Sofa liege und nicht mehr richtig da bin. Ich fühle mich träge, hässlich und unglücklich. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass eine Therapie irgendetwas bringen wird. Ich bin einfach nur verzweifelt.
Ich habe wirklich alles versucht: habe Google durchforstet, eine Achtsamkeits-App heruntergeladen, Yoga gemacht, positiv gedacht, ein Dankbarkeitstagebuch geführt, mich noch mehr bemüht, mich abzulenken, habe ausschließlich über Essen gesprochen, dann gar nicht mehr über Essen gesprochen. Ich habe auf Zucker verzichtet, mir selbst Warn-Nachrichten geschrieben, keine Schokolade mehr zu Hause gehabt, bin nicht mehr mit Freund*innen essen gegangen, habe bis zehn gezählt, bis hundert; habe drei Mahlzeiten am Tag gegessen, fünf Mahlzeiten, keine Mahlzeiten. Manchmal hat das ein wenig geholfen, aber irgendwann kam das Problem immer wieder auf.
Ich weiß nicht, warum es mir so schwerfällt; nur, dass ich nicht aufhören kann.
Ich schaue auf, blicke die Frau an, die eine Stunde lang meinem Gerede über mich selbst zugehört hat, und frage: »Was ist denn nur los mit mir?«
Sie antwortete: »Klingt so, als wäre da eine Menge Schmerz bei Ihnen. Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, das anzugehen.« Wir vereinbaren also, uns einmal pro Woche zu treffen, und ich bin unsicher und skeptisch, ob das helfen wird. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich einen winzigen Hoffnungsschimmer, dass es besser werden könnte.
Springen wir ein paar Monate weiter: Ich bringe kaum ein Wort heraus, mir stehen die Tränen in den Augen. In mir schreit alles, dass ich sie nicht sehen lassen darf, wie ich weine. Aber ich atme durch den Schmerz und lasse die Tränen zu. Ich blicke auf, um mich zu vergewissern, dass sie nicht verärgert ist. Sie nickt ermutigend. Ich spreche gerade über etwas aus meiner Vergangenheit, das ich noch nie jemandem erzählt habe. Ich war damals sieben Jahre alt, und mich schrie jemand aus einem Grund an, den ich nicht verstand. Danach ging ich an den Vorratsschrank, um mich zu beruhigen. Hier verwendete ich Essen zu ersten Mal, um mich zu trösten.
In den Sitzungen sprechen wir monatelang über alles Mögliche, außer Essen. Tatsächlich haben die Gründe, warum ich eine Therapie begonnen habe, absolut nichts mit den Dingen zu tun, über die ich am Ende dort rede. Ich spreche über meine Eltern, über meine Schwester, über Partner, über die gemeinen Mädchen in der Schule. Ich spreche über meine Sehnsüchte, über meine Ängste und darüber, wie ich mich mit mir selbst fühle. Doch ohne dass ich jemals wirklich über Essen spreche, verlagert sich das Problem irgendwie. Aber ich rede nicht nur, ich weine auch, ich bin wütend, eifersüchtig, beschämt, gedemütigt, allein und unheimlich traurig. Vorher hätte ich gesagt, dass es mir gut geht, dass ich alles in allem ein glücklicher Mensch bin. Jetzt merke ich, wie viele Gefühle in mir sind.
Danach verlasse ich den Raum, und der vertraute Drang zu essen überkommt mich. Ich gehe an den Schrank, um nach meinen Standard-Schokoladenkeksen zu greifen – und halte dann inne. »Versuchen Sie wahrzunehmen, was in Ihrem Körper vor sich geht«, höre ich meine Therapeutin sagen. Ein Anflug von Traurigkeit überkommt mich. Ich bleibe einen Moment lang dabei, und mir steigen die Tränen in die Augen. Ich blinzle eine Träne weg, dann noch eine.
Es zieht meinen Körper ins Bett, dort beginne ich zu schluchzen. Es fühlt sich gut an, wie eine kathartische Befreiung. Nach ein paar Minuten versiegen meine Tränen, und ich fühle mich verletzlich, aber ein wenig besser. Ich habe nichts gegessen. Die Kekse sind unangetastet im Schrank geblieben. Ich lächle. Es ist nicht so, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich bin nur sehr traurig und wütend, und das Essen hat den ganzen Schmerz unterdrückt. So im Bett liegend überkommt mich ein Hochgefühl. Ich habe das Essen immer für das Problem gehalten, aber jetzt verstehe ich, dass es nur der Versuch war, irgendetwas zu tun, um mich besser zu fühlen. Das Einzige, was mit mir nicht stimmte, war, dass ich noch nicht wusste, was unter der Oberfläche emotional in mir vorging.
Und mir ging auf, dass die meisten von uns keine Ahnung haben, warum sie leiden. Ein Großteil unserer psychologischen Probleme ist nichts anderes als der Versuch, mit Schmerz umzugehen. Diese Probleme schaffen wiederum neue Schwierigkeiten in unserem Leben, doch der Ursprung des eigentlichen Problems hat vielleicht gar nichts damit zu tun.
Ich hörte damals nicht sofort mit dem Binge-Eating auf, aber es war der erste Schritt in diese Richtung. Und einige Jahre harter Arbeit später kann ich mit Stolz sagen, dass es mich nur noch selten überkommt. Und wenn doch einmal, dann weiß ich, dass es ein Zeichen für ein tiefer liegendes Problem ist. In diesen Momenten erlaube ich mir, unter die Oberfläche zu schauen, und zwar mit dem gleichen Mitgefühl, das mir meine Therapeutin beigebracht hat – und dann verschwindet es wieder.
Diese bahnbrechende Erkenntnis motivierte mich, selbst Psychotherapeutin zu werden. Alle Frauen in meiner Familie sind Therapeutinnen, wirklich alle. Meine Mutter ist Therapeutin, meine Schwester ist Therapeutin, alle meine vier Tanten sind Therapeutinnen. Meine Großmutter war eine der ersten Frauen, die im Vereinigten Königreich Psychologie studierten. Ich bin also regelrecht in einem Therapiekult aufgewachsen.
Kein Wunder also, dass ich schließlich in Psychologie promovierte und mich anschließend zur Psychotherapeutin ausbilden ließ. Es liegt mir im wahrsten Sinne des Wortes im Blut.
Das kann zwar manchmal extrem nervig sein, und unsere Familientreffen sind ziemlich anstrengend, aber mir wurde eben auch viel Liebe und ein Verständnis für das menschliche Leid vermittelt sowie ein solides Grundverständnis für psychische Gesundheit und dafür, wie Therapie funktioniert. Dennoch habe ich erst im Rahmen meiner eigenen Therapie und als ich selbst Therapeutin wurde, diesen grundlegenden Punkt verstanden: Die meisten von uns haben keine Ahnung, was das eigentliche Problem ist.
In der modernen westlichen Kultur glauben wir gerne, dass unser Bewusstsein die volle Kontrolle hat. In Wirklichkeit sitzt aber unser Unbewusstes am Hebel. Es bestimmt, wie wir auf Dinge reagieren, warum wir ängstlich sind, warum wir prokrastinieren, warum wir uns für Männer entscheiden, die uns schlecht behandeln, warum uns zu selbstbewusste Frauen Angst machen, warum wir wie besessen arbeiten, warum wir nicht schlafen können, warum wir eine gute Freundin sind, warum wir uns mit Essen vollstopfen, obwohl wir satt sind, warum wir denken, dass uns jeder hasst – warum wir überhaupt irgendetwas denken, fühlen und tun.
Sigmund Freud zog für die menschliche Psyche das Bild des Eisbergs heran: Die 10 Prozent, die wir sehen, sind unser bewusster Verstand, aber darunter befinden sich noch weitere 90 Prozent, nämlich unser Unbewusstes. Und ja, Freud war etwas problematisch, sexbesessen und fuhr gern mit seinen Patientinnen in den Urlaub (ein bisschen weird …), aber ein paar seiner Ideen waren ziemlich genial und gelten auch heute noch.
So viele von uns laufen mit diesen großen Problemen herum, die uns unlösbar erscheinen, weil wir keine Ahnung haben, woher sie kommen. In meiner Praxis sehe ich viele Menschen, die sich quälen. Sie wissen, dass die Dinge nicht so gut laufen, wie sie es gern hätten. Sie wissen, dass sie mit bestimmten Problemen zu kämpfen haben, und sie wissen von ihrem Wunsch, dass die Dinge sich ändern. Was sie aber nicht verstehen, ist, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und was sie dagegen tun können.
Ich sage meinen Patient*innen immer, dass man nur dann etwas ändern kann, wenn man an der Wurzel des Problems ansetzt. Denn was wir für das Problem halten, ist es oft gar nicht. Essen war ein Bewältigungsmechanismus, den ich mir angeeignet hatte, um mich besser zu fühlen. Es betäubte meine tieferen Emotionen, derer ich mir nicht einmal bewusst war. Essen war auf eine kontraintuitive Art eine Lösung. Andere suchen sich Lösungen in Form von Beziehungen, Drogen, Arbeit, Selbstkritik, Angst, Depression.
Ihre Probleme sind ein Hinweis auf etwas, das unter der Oberfläche vor sich geht. Sie sind die Spitze des Eisbergs.
Die Werkzeuge, die man in der Therapie lernt und die auch du in diesem Buch kennenlernen wirst, helfen dabei, nach innen zu schauen, um zu sehen, was unter der Oberfläche liegt. Nichts macht mir mehr Freude, als wenn eine*r meiner Patient*innen eine Offenbarung hat und etwas begreift, was er oder sie zuvor nicht verstanden hat (eine »Therapiephanie«, wie ich es gern nenne). Manchmal sind diese Aha-Momente eine Erleichterung, oft sind sie schmerzhaft, aber in jedem Fall sind sie notwendig, damit eine tiefe Transformation stattfinden kann.
Ich wollte unbedingt diese lebensverändernden Erkenntnisse, die Menschen in der Therapie haben, auch außerhalb des Therapieraums weitergeben. Also versuchte ich, komplexe psychologische Konzepte einfach und verständlich auf Social Media zu vermitteln. Innerhalb weniger Monate waren zu meinen paar Follower*innen Hunderttausende hinzugekommen. Unglaublich, wie sehr meine Beiträge bei den Leuten ankamen.
Das zeigt mir, dass die Menschen ein Bedürfnis nach Tiefe haben und wirklich versuchen, sich selbst zu verstehen. Es gibt derzeit einen wachsenden Trend, besonders unter jungen Leuten, sich tiefer mit der psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen, und eine stille Revolution, die uns wegführt von der übermäßigen Vereinfachung hin zum Streben nach echter Selbsterkenntnis. Die Menschen sehnen sich nach Antworten.
Dieses Buch bietet die Tiefe, die wir uns so wünschen. Denn es beantwortet die Fragen, die wir gerne aufschlüsseln wollen, indem es die Grundlagen unserer Psychologie und unserer Beziehungen zusammenfasst.
Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, zu einer Therapie zu gehen, aber allen Patient*innen ist gemein, dass sie etwas in ihrem Leben ändern wollen. Es mag unzählige Probleme geben, die die Menschen bearbeiten wollen, aber im Grunde fühlen sich alle festgefahren und wünschen sich eine Veränderung.
Dieses Gefühl, festzusitzen, ist unter anderem dadurch bedingt, dass wir uns die falschen Fragen stellen – Fragen, die uns daran hindern, voranzukommen. Eine der ersten Sachen, die man in der Therapieausbildung lernt, ist: Es gibt keine Wunderpillen oder die eine einfache Antwort, die jemandes Probleme einfach wegzaubern kann. Denn das kannst du mir glauben: Hätte ich einen Zauberstab, dann würde ich ihn benutzen. Was ich aber tun kann, ist, den Menschen zu helfen, andere Fragen zu stellen, die unter die Oberfläche gehen und nicht nur die Spitze des Eisbergs betrachten. Und das sind die Fragen, die ich dir in diesem Buch vorstellen werde.
Die Lektüre ersetzt keine Therapie, aber sie wird dir die Selbsterkenntnis und die Werkzeuge an die Hand geben, um diese zu erlangen. So kannst du dich selbst beobachten und etwas über dich erfahren. Wenn du deine Reaktionen und Verhaltensweisen verstehst, räumst du dir Wahlfreiheit und Macht über deine Entscheidungen ein.
Dies ist das Buch, von dem ich mir wünsche, dass alle es vor Beginn einer Therapie oder ihres Heilungsprozesses lesen. Es ist das Buch, von dem ich wünschte, ich hätte es damals schon lesen können. In den Kapiteln werden die Fragen beantwortet, die mir am häufigsten von meinen Patient*innen und online gestellt werden. Das Buch enthält Tipps, Anekdoten, Übungen und Lektionen, die komplexe und ansonsten unzugängliche Theorien in überschaubaren, mundgerechten Abschnitten zusammenfassen: über Beziehungen, eine genauere Selbstwahrnehmung und darüber, wie man sich wohler fühlen und sein Leben verbessern kann.
Denn auch wenn eine Therapie eine große Veränderung bewirken kann, sind am Ende doch wir selbst unserer Psyche Schmied. Und je mehr wir uns durch Wissensaneignung ermächtigen, desto erfolgreicher wird unsere Heilung wahrscheinlich verlaufen.
Es gibt fünf Schlüsselmomente in meinem Prozess, um deine Emotionen zu verstehen und dein Leiden zu überwinden:
NEUGIERIG SEIN
: Erkenne, was das Problem ist und dass es auf ein tiefer liegendes Problem hindeutet. Was könnte das sein? Wann ist es zum ersten Mal aufgetreten? Welche Funktion könnte es haben? Denk darüber nach, wie es sich in deinen Beziehungen zeigt, und ob es immer wiederkehrende Muster gibt.
VERSTEHEN
: Tauche tiefer in deine früheren Erfahrungen ein und setze dich damit auseinander, was die Wurzel des Problems sein könnte und warum es da ist.
FÜHLEN
:
Spüre die Gefühle, die unterdrückt werden. Wir sind alle ganz groß darin, die Dinge zu vermeiden, denen wir uns nicht stellen wollen, selbst wenn wir es gar nicht merken.
HANDELN
:
Setze dieses neue Bewusstsein in die Tat um, um andere Entscheidungen zu treffen.
WIEDERHOLEN
:
Achte darauf, wann diese Muster wieder auftreten (und wieder und wieder und wieder). Gehe diese Schritte durch und werde dir dessen genau bewusst.
Das mag einfach klingen, und das ist es im Grunde auch, aber es erfordert Wiederholung und Übung, denn unser unbewusster Schmerz will nicht immer ohne Weiteres gefühlt werden. Und ich will dir auch nichts vormachen, dieser Fünf-Schritte-Prozess wird nicht schön geordnet ablaufen. Therapie ist alles andere als geordnet. Heilung verläuft nicht linear. Vielleicht springst du von der Neugier zum Gefühl, rutschst dann zurück ins Leugnen des Problems, kommst ins Handeln, spürst dann wieder nach, machst eine Weile Pause – und knüpfst wieder an, wenn du dich stärker fühlst. Es gibt keine »richtige« Art, es anzugehen. Die Reise wird für alle anders aussehen, aber dies sind die fünf grundlegenden Wegweiser, die ich als sinnvolles Gerüst für den Prozess betrachte. Mach dir also keine Sorgen, wenn es durcheinandergeht. Wenn du dich irgendwann fragst: »Mache ich das richtig?«, keine Sorge, es gibt keinen richtigen oder falschen Weg. Dass es durcheinandergeht, bedeutet nur, dass du ein Mensch bist – so wie wir alle anderen auch.
In diesem Buch werde ich einige der zentralen Dinge angehen, unter denen Menschen leiden. Wir werden uns sowohl auf das Selbst konzentrieren (zum Beispiel Depression, Ängste, zwanghaftes Denken, Sucht, Selbstkritik) als auch auf Beziehungen (zum Beispiel Projektion, warum du nicht über deinen Ex hinwegkommst; wie man lernt, Menschen nicht mehr wegzustoßen; Einsamkeit, das Zerbrechen von Freundschaften, schwierige Gespräche). Außerdem schauen wir uns an, wie du diese Selbsterkenntnis umsetzen kannst. Ich werde dir praktische Werkzeuge an die Hand geben, damit du verstehst, warum du so zu kämpfen hast, und lernst, wie du dich etwas weniger quälst.
Die wichtigste Regel in meinem Therapieraum lautet: Meine Patient*innen sollten alles sagen, was ihnen in den Sinn kommt. Wenn ihnen ein seltsamer, peinlicher oder scheinbar zufälliger Gedanke kommt, ermutige ich sie aktiv, ihn auszusprechen. Das gilt auch für dich beim Lesen dieses Buches. Ich möchte, dass du jeden beschämenden, vermeintlich dummen, aus dem Nichts auftauchenden Gedanken, jedes Gefühl oder jede Erinnerung zulässt, sie willkommen heißt und neugierig wirst. Vielleicht schreibst du sie sogar auf.
Diese zufälligen Gedanken kommen oft aus dem Unbewussten, sie sind Botschaften eines Teils von dir, dessen du dir wahrscheinlich nicht bewusst bist. Indem du anfängst, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, nimmst du die Teile deines Selbst bewusster wahr, die sich bisher versteckt haben, die aber vielleicht einen viel größeren Einfluss auf dein Leben haben, als du denkst.
Wenn das, was da hochkommt, zu überwältigend ist, muss man auch das anerkennen, neugierig bleiben, aber vielleicht auch einmal eine Pause einlegen. Wenn du dich schnell getriggert fühlst, ist das möglicherweise ein Zeichen dafür, dass du ein bestimmtes Thema hast, das möglicherweise professionelle Unterstützung erfordert.
Wenn jemand in mein Sprechzimmer kommt, weiß ich auch nicht sofort, was der Ursprung seines Leids ist. Meine Patient*innen erzählen mir oft, dass sie sich erschöpft fühlen, keinen Sex mehr mit ihren Partner*innen haben und immer wieder aus dem Nichts Kopfschmerzen bekommen, die sie auf jeden Fall auf einen Gehirntumor zurückführen. Mein Job als Psychotherapeutin hat hier etwas von Detektivarbeit. Ich puzzle diese Informationsstücke zusammen und beginne auf der Grundlage von Dingen, die ich gelernt habe, eigene Theorien darüber aufzustellen, warum jemand die Bewältigungsmechanismen entwickelt hat, von denen er oder sie mir erzählt. Aber eigentlich weiß ich nicht, was in der Person vorgeht. Den Weg, um das herauszufinden, beschreiten wir gemeinsam.
So wie meine Therapeutin anfangs nicht genau wusste, warum ich Fressattacken hatte (das mussten wir erst gemeinsam herausfinden), so tappe auch ich im Dunkeln, wenn neue Patient*innen zu mir kommen. Daher stelle ich zunächst Fragen über ihr Leben, ihre Kindheit, wie sie der Mensch wurden, der sie heute sind.
Wenn du dieses Buch liest, möchte ich, dass du dich in deinem eigenen Leben auf detektivische Suche begibst, neugierig wirst. Woher könnten bestimmte Überzeugungen kommen? Welche Muster entdeckst du? Gibt es etwas, das sich in verschiedenen Bereichen deines Lebens zu wiederholen scheint?
Ich werde oft gefragt: »Wie kann ich heilen?«, und meine Antwort lautet immer: »Selbsterkenntnis«. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Veränderung. Solange wir nicht wissen, womit wir es zu tun haben, wissen wir auch nicht, wie wir uns selbst helfen können. Wenn wir uns erst einmal über das Was und Warum bewusst werden, können wir Verantwortung übernehmen, alte Muster aufbrechen und anfangen, bewusste Veränderungen vorzunehmen. Ohne Selbsterkenntnis ist Veränderung eine Qual.
Vergiss nie, dass deine Verhaltensweisen, Muster und Gewohnheiten eine Funktion haben. Du hast sie aus einem bestimmten Grund entwickelt, oder sie sind das Ergebnis von unterdrückten Themen, meist aus der Kindheit. Es sind Wegweiser, die Richtung tieferes Verständnis führen können. Jetzt musst du ihnen folgen und versuchen, genau zu verstehen, was unter der Oberfläche vorgeht.
Jedes Problem, das ich in diesem Buch beschreibe, werde ich mit umfassenden Beispielen von Menschen illustrieren, die sich schwertun, die Ursache dafür zu finden. Außerdem werde ich Tipps und Werkzeuge für den Umgang mit den Problemen anführen. Doch jeder Fall liegt anders, auch wenn das Problem ähnlich sein mag, kann die Ursache sehr unterschiedlich sein.
Vielleicht hat jemand zum Beispiel mit Ängsten in sozialen Kontexten zu kämpfen, weil der Vater starb, als die Person noch klein war, und ihr inneres Kind fragte sich irrationalerweise, ob es schuld daran war; ob er gestorben ist, weil sie nicht brav genug war. Eine andere Person hatte vielleicht eine kritische Mutter, die ihr Angst vor dem Urteil anderer machte; wieder eine andere musste sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, obwohl sie noch ein Kind war, und hat nun das Gefühl, dass die Leute immer etwas von ihr wollen.
Ich werde dir nicht sagen, was die Gründe für deine Probleme sind, das kannst nur du selbst wissen. Aber ich gebe dir die Werkzeuge an die Hand, um dir deiner Probleme bewusster zu werden, und zeige dir eigene Wege auf, um sie zu bewältigen. Bei jedem Schritt auf diesem Weg bin ich an deiner Seite. Steigen wir mit einer Übung ein, die uns auf diese Reise vorbereitet.
ÜBUNG
Jetzt kannst du Detektiv spielen. Achte beim Lesen der einzelnen Abschnitte darauf, wie du dich fühlst. Ist da irgendwo Unruhe in deinem Körper? Pulsiert vielleicht die Angst in deiner Brust, oder lässt ein Anflug von Traurigkeit deine Augen brennen? Leg in diesem Fall das Buch zur Seite und nimm das Gefühl einfach wahr. Gib ihm Raum. Schau, was passiert. Konzentrier dich beim Lesen darauf, wie du dich fühlst – darin liegt die Heilung.
Schreibe alle Gedanken, die dir in den Sinn kommen, alle Erinnerungen, Gefühle und merkwürdigen Empfindungen in deinem Körper auf. Sie alle sind unbewusste Botschaften, die uns einen Hinweis darauf geben können, was da in uns passiert.
Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um über alles nachzudenken, was dir bereits aufgefallen ist. Kommen dir noch weitere Assoziationen in den Sinn? Stehen diese in Verbindung mit einem deiner Probleme? Sind dir neue Erklärungen eingefallen; gab es Aha-Erlebnisse?
Wenn hier nichts auftaucht, ist das auch okay. Sei weiterhin aufgeschlossen, während wir die einzelnen Abschnitte des Buches durchgehen, und schau, wo du vielleicht neugierig wirst und herausfinden willst, was unter der Oberfläche deiner Probleme passiert.
Vergiss nicht, wenn du deine Detektivlupe auspackst, dass es bei der Selbsterkenntis nicht um ein intellektuelles Bewusstsein dafür geht, was falsch läuft. Denn dir ist vielleicht schon klar, dass du Konfrontationen meidest, weil zum Beispiel deine Mutter früher kontrollierend und aggressiv war, was dir damals Angst gemacht hat. Das ist zwar eine wichtige Einsicht, ändert aber nichts an der Tatsache an sich. Wenn es so einfach wäre, könnte man alles heilen, indem man ein Buch über die kindliche Entwicklung liest, und eine Therapie würde nur eine Sitzung dauern: Du würdest dich hinsetzen, und der oder die Therapeut*in würde dir sagen, dass deine Eltern an allem schuld sind (was wir tatsächlich manchmal machen). Es würde die Erklärung folgen, dass deine Schwierigkeiten nichts als Bewältigungsmechanismen sind, die du als Kind erlernt hast, und du würdest schon problemfrei nach Hause gehen. Nur leider funktioniert das so nicht. Was wir wirklich verstehen müssen, sind die Gefühle, die auf Distanz gehalten wurden.
Anstatt nur zu wissen, dass die Gemeinheiten deiner Mutter in dir Angst vor Konflikten schürten, musst du nach und nach eine emotionale Verbindung dazu herstellen, wie es sich damals für dich angefühlt hat – wie beängstigend es war zu versuchen, dich dagegen zu behaupten.
Um etwas zu verändern, musst du das Verdrängte loslassen, indem du dich in deine Kindheit zurückversetzt. Bei Selbsterkenntnis geht es weniger darum zu wissen, warum, sondern darum, es zu fühlen.
Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht beängstigend. Für mich war es das auch. In die Vergangenheit einzutauchen und zuzulassen, dass man traurig, wütend oder ängstlich wird, ist vielleicht das Letzte, worauf man Lust hat. Das kann regelrecht beängstigend wirken. Ich weiß noch, wie ich mich zu Beginn der Therapie vor den schwierigen Momenten gedrückt habe, wie ich stattdessen über völlig irrelevante Dinge geredet oder das Thema gewechselt habe, wenn ich ein schmerzhaftes Gefühl oder eine schmerzhafte Erinnerung in mir aufsteigen fühlte. Ehrlich gesagt mache ich das auch jetzt noch manchmal, obwohl ich genau weiß, dass es nichts bringt. Das Unbewusste wird alles tun, um nicht verletzlich zu sein, wenn es sich bedroht fühlt. Das ist völlig normal.
Es kann sein, dass du dich beim Lesen über etwas ärgerst oder denkst, dass ich hier Unsinn schreibe. Sei auch darauf neugierig. Das kommt in der Therapie oft vor. Wenn ein Kommentar einen Nerv trifft, trifft er normalerweise etwas in deinem Unbewussten, das du verleugnen oder vermeiden willst. Wenn du es schaffst, dies wahrzunehmen, anstatt darauf zu reagieren, könnte dies ein Moment der Einsicht sein, der dir hilft, dich besser zu verstehen.
Nimm dir Zeit für diese Arbeit. Wenn du dein ganzes Leben lang geglaubt hast, es sei nicht sicher, bestimmte Dinge zu fühlen, und dann kommt jemand und fragt dich immer wieder, wie du dich fühlst, dann wirst du bestimmt nicht auf einmal sagen: »Kein Problem, ich werde mein dunkelstes Innerstes vor dir ausbreiten, von dem ich einst glaubte, es würde meine Eltern dazu bringen, mich nicht mehr zu lieben, was schließlich meinen Tod bedeuten würde.« So läuft es nicht. Auch wenn du willst, dass es dir besser geht und wahrscheinlich auch, dass die Therapeutin oder der Therapeut genau weiß, wie du dich fühlst, wird sich dein Unbewusstes wehren.
Der Therapieprozess kann daher langwierig sein, denn wir müssen deinem ängstlichen Teil behutsam beibringen, dass es tatsächlich sicher ist, diese Dinge zu fühlen. Und das dauert, so lange es eben dauert, auch wenn wir uns noch so sehr schnelle Lösungen, Wundermittel und augenblickliche Befriedigung wünschen. Konzentriere dich beim Lesen also darauf, was du fühlst. Und denk dran: Wir versuchen, unsere Gefühle zu fühlen, nicht zu denken.
Die meisten von uns wollen einfach nur glücklich sein. Und Alva will das ganz besonders. Sie hat ihr ganzes Leben damit verbracht, dem Glück hinterherzujagen, doch irgendwie kann sie es nicht finden. Warum, das kann sie nicht genau sagen, nichts in ihrem Leben ist wirklich schlecht, aber ihre Tage verrinnen so zähflüssig wie Öl. Ständig scrollt sie auf ihrem Handy und spielt in jeder freien Minute Candy Crush. Wenn sie mit der Familie zusammen ist, schaltet sie ab, ihre Gedanken kreisen darum, dass sie ihr Leben vergeudet, dass nichts funktioniert und alles sinnlos ist. Manchmal ist Alva auch glücklich: wenn sie mit Freund*innen zusammen tanzt, über alberne Videos lacht oder mit ihrer Katze kuschelt, aber schon bald ist sie erneut wie gelähmt.
Und wieder einmal erwacht sie mit schweren Gliedern. Noch bevor sie die Augen öffnet, tastet sie nach ihrem Handy, um sich auf einen weiteren Tag der Unzufriedenheit vorzubereiten. Sie öffnet Candy Crush, ohne hinzusehen, eine Handlung, die mittlerweile so selbstverständlich geworden ist wie Atmen. Sie schaut auf die Uhr. Eine Stunde ist vergangen; sie kommt zu spät zur Arbeit und hat den Sportkurs verpasst, den zu besuchen sie sich am Vortag hoffnungsvoll geschworen hatte. Alva stöhnt frustriert auf, schmeißt ihr Handy durchs Zimmer. Das war’s, es muss sich etwas ändern. Heute ist der Tag, an dem sie dieses Problem lösen wird. Sie wird tun, was sie kann, um glücklich zu werden.
Sie investiert viel in die Glücksindustrie. Sie kauft sich ein neues Outfit, weil sie denkt, es wird sie glücklicher machen. Doch es funktioniert nicht. Sie löscht Candy Crush und schränkt ihre Zeit am Handy ein. Für ein paar Tage klappt es, aber sie kommt immer wieder darauf zurück. Sie beginnt ein neues Gesundheitsprogramm, versucht, sich gesund zu ernähren, und geht joggen. Das verleiht ihr ein selbstzufriedenes Gefühl der Überlegenheit, aber es macht sie nicht glücklich, nicht wirklich. Sie kündigt ihren Bürojob und geht auf Reisen, verbringt ein Jahr in Indien, Mexiko und auf Bali. Sie fängt mit Yoga an und fühlt sich ein wenig besser, aber der Kummer hängt ihr immer noch nach.
Vielleicht braucht sie mehr Sinn, eine Aufgabe. Sie wechselt den Beruf, schult um auf Lehrerin in der Hoffnung, dass die Arbeit mit Kindern sie erfüllt. Das ist auch so, aber trotzdem nagt die Traurigkeit weiter an ihr.
Vielleicht ist eine Beziehung das, was sie braucht. Jemand, der sie liebt und ihr Halt gibt. Sie lernt Jamal kennen. Er ist perfekt: witzig, sexy, ehrgeizig und aufmerksam. Es funktioniert ein paar Monate lang. Alva ist ganz aufgedreht; alles sieht ein bisschen heller aus. Wenn sie mit Jamal zusammen ist, denkt sie nicht einmal an ihr Handy. Vielleicht war es das, was sie gesucht hat. Vielleicht ist das seltsame Gefühl der Unverbundenheit damit endlich verschwunden.
Doch als die Schmetterlinge im Bauch verschwunden sind und das Oxytocin (das »Liebeshormon«) abebbt, kehrt das gleiche namenlose Unbehagen zurück. Alva klinkt sich wieder bei der Arbeit aus. Mit ihren Freund*innen zusammen zu sein, ist mühselig für sie. Sie ertappt sich dabei, wie sie ein Lachen vortäuscht und behauptet, es gehe ihr gut, wo es doch in ihr drinnen ganz anders aussieht. Und Candy Crush ist wieder da. Sie spielt es im Bus, gleich nach dem Aufwachen und vor dem Schlafengehen. Sie fängt sogar an zu spielen, wenn sie mit Jamal zusammen ist, sodass sie keine Verbundenheit mehr spüren, sich allein fühlen. Wieder einmal hat die Welt ihre Farbe verloren, und Alva weiß nicht, warum.
Warum kann sie nicht einfach glücklich sein? Es ist ja nicht so, als würde sie es nicht versuchen.
Nur kommt Alva nicht ansatzweise an den Kern des Problems heran. All ihre Versuche, es zu lösen, betreffen nur die Spitze des Eisbergs. Versteh mich nicht falsch, natürlich haben dein Job, deine Beziehungen und dein Lebensstil enorme Auswirkungen auf deine psychische Gesundheit. Aber sie rühren nicht daran, warum du – und Alva – überhaupt Probleme haben.
Da sie so verzweifelt will, dass sich etwas ändert, landet Alva schließlich bei mir. In unserer ersten Sitzung spüre ich sofort, wie viel Angst sie hat, sich zu öffnen. Es geht eine regelrecht greifbare Furcht von ihr aus. Sie lächelt, aber scheint nicht fröhlich zu sein, wirkt zerstreut und unnahbar. Ihre Sätze zerfasern, als sei sie es nicht gewohnt, über sich selbst zu sprechen. Sie erinnert mich an mich selbst, als ich mit der Therapie begann. Taub, verängstigt und von sich selbst entfernt. »Was soll ich machen?«, fragt sie. »Sagen Sie mir, was ich machen soll.«
Die Menschen kommen zur Therapie, um Antworten zu erhalten, aber oft fange ich damit an, ihnen noch mehr Fragen zu stellen (ja, so nervig sind Therapeut*innen; das wirst du im Folgenden noch merken). Denn ich habe die Antworten nicht. Ich wünschte, ich könnte den Menschen das Wundermittel geben, nach dem sie sich so sehr sehnen. Das würde meinen Job um einiges einfacher machen. Aber leider gibt es so etwas nicht. Alle Antworten liegen in Alva, aber sie hat derzeit keinen bewussten Zugriff darauf, sie liegen unter der Oberfläche. Meine Aufgabe ist es, ihr zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um zu ihnen zu gelangen.
Wir begeben uns also gemeinsam auf den Weg in die Tiefe.
Als Erstes frage ich sie nach ihrer Kindheit; was für ein Klischee, ich weiß.
Unser Gehirn entwickelt sich größtenteils im Alter zwischen null und drei Jahren, mit fünf ist es fast vollständig ausgebildet. Daher hat alles, was uns in dieser Zeit widerfährt, tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Entwicklung. Das sieht man schon am Spracherwerb: Babys können leicht eine neue Sprache lernen und sie für den Rest ihres Lebens weitgehend fließend beherrschen. Eine neue Sprache nach dem zwölften Lebensjahr zu erlernen ist jedoch für die meisten von uns schwierig.
So wie wir das Sprechen lernen, lernen wir auch die Sprache der Gefühle. Das meiste, was wir über uns selbst, unsere Beziehungen und die Welt wissen, stammt aus diesen frühen Jahren.
Doch leider sind wir aufs Überleben gepolt, nicht aufs Glücklichsein. Deinem Gehirn ist es egal, dass deine Social-Media-Sucht dich zum Zombie macht oder dass deine Unfähigkeit, dich zu motivieren, dich daran hindert, einen guten Job zu machen. Dein Hirn will dich nur vor den Dingen schützen, die es als potenziell schädlich ansieht.
Und wo lernen wir, was schädlich für unser Überleben ist? In unserer Kindheit.
Als erwachsene Person kann man sich vielleicht selbst ernähren und versorgen, aber als Kind war das sicher anders. Beim Menschen ist das besonders auffällig, weil Menschenbabys im Vergleich zu anderen Spezies so hilflos sind. Die ersten zwei Jahre unseres Lebens verbringen wir in völliger Abhängigkeit von anderen, die uns füttern, herumtragen und daran hindern, dass wir vom Wickeltisch kullern.
Damit ein Baby überleben kann, muss es die Verbindung zu seinen Eltern aufrechterhalten. Es muss geliebt werden.
Als Babys sind wir also auf Dinge, die unsere Beziehungen stärken oder schwächen, besonders sensibilisiert. Wenn das Elternteil nicht anwesend ist, uns anschreit oder sehr gestresst wirkt, sendet dies Angstsignale an unser Gehirn. Dieses Gefühl der Angst sagt uns, dass etwas nicht stimmt, und als Babys versuchen wir alles, was wir können, um das zu ändern und unsere Eltern glücklich zu machen. Wir brauchen sie für unser Überleben, und dafür müssen sie uns lieben. Also setzen wir auf die Verhaltensweisen, die unserer Meinung nach dazu führen, mehr geliebt zu werden, und alles, von dem wir glauben, dass es sie uns weniger lieben lässt, unterdrücken wir.
Selbst wenn deine Eltern mit ihren Emotionen in Kontakt und vorurteilsfrei waren, hast du durch das, was du aus deinem Umfeld aufgenommen hast, gelernt, was gesellschaftlich akzeptabel ist: Männer weinen nicht, Frauen dürfen nicht zu forsch sein; wir sollten selbstbewusst, aber nicht stolz sein, glücklich, aber nicht arrogant.
Das ist Teil unserer Prägung, die sich je nach Kultur, Herkunft, Klasse und Land, aus dem wir kommen, unterscheidet. Unsere Gesellschaft diktiert uns eine endlos lange Liste, wie wir zu sein und zu handeln und was wir zu denken haben. Nehmen wir nur die Botschaften, die wir über unsere Gefühle erhalten: »Denke positiv«, »Sei nicht so mürrisch«, »Sei ein Mann«, »Mach einfach weiter«, »Mach gute Miene zum bösen Spiel«, »Sei kein Weichei«, »Jungs weinen nicht«, »Krönchen richten und weitermachen«. Es ist also nicht nur unsere direkte Familie, die uns prägt, sondern auch die Gesellschaft im weiteren Sinne; deine Kultur, sexuelle Orientierung, Herkunft, Klasse, Religion, ob du neurotypisch bist, man könnte diese Liste endlos fortführen. All diese Erfahrungen, die wir in der Welt sammeln, während wir aufwachsen, prägen, wie wir lernen, mit Menschen und mit uns selbst umzugehen.
Jegliche Gefühle, Verhaltensweisen oder Identitäten, die negative Reaktionen hervorgerufen haben, werden ins Unbewusste verdrängt, sodass wir nicht auf dem Schirm haben, dass sie überhaupt da sind.
Deshalb haben schlimme Dinge, die einem in der Kindheit widerfahren, so große Auswirkungen auf das Leben als Erwachsene. Belastende Kindheitserlebnisse sind der wichtigste Prädiktor für eine schlechte geistige und körperliche Gesundheit: von Angstzuständen bis hin zu Herzerkrankungen. Je schwieriger unsere Kindheit, desto mehr leiden wir.
Belastende Kindheitserlebnisse
Die Studie über belastende Kindheitserlebnisse, The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study,[1] ergab, dass Patient*innen, die vier oder mehr Arten von traumatischen Kindheitserlebnissen erlitten haben, ein höheres Risiko für koronare Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfall, chronische Bronchitis, Emphyseme, Diabetes und Hepatitis aufweisen. Umfangreiche Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass ACE auch das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, wobei jede dritte davon direkt mit ACE zusammenhängt. Die bahnbrechende Studie zeigt, dass Misshandlung in der Kindheit nachweislich das teuerste Gesundheitsproblem in den USA ist, während eine Verhinderung von Kindesmissbrauch die Rate von Depressionen um mehr als die Hälfte, die von Alkoholismus um zwei Drittel und die von Selbstmord, schwerem Drogenmissbrauch und häuslicher Gewalt um drei Viertel[2] senken würde.
Das mag ja sein, aber sie hat dich trotzdem beeinflusst. Ich möchte hier einmal ganz klar sagen, dass wir alle von unseren Eltern größere oder kleinere Enttäuschungen erlebt haben. Und das hat uns in unterschiedlichem Maße vermurkst. Selbst diejenigen mit den feinfühligsten, fürsorglichsten und ausgeglichensten Eltern der Welt werden ein paar negative Momente erlebt haben, die sie noch heute beeinträchtigen dürften.
Hier kommt eine Liste von Erfahrungen, die nicht als Trauma gelten, aber dennoch Auswirkungen auf ein Kind haben:
Die Geburt eines jüngeren Geschwisters und der Verlust der alleinigen Aufmerksamkeit der Eltern
Eine viel arbeitende Mama
Ein Papa, der kaum über seine Gefühle spricht
In der Schule gehänselt zu werden
Auf ein Internat zu kommen und von seiner Familie getrennt zu sein
Schweigen als Bestrafung
Immer aufgefordert zu werden, doch glücklich zu sein, und nicht traurig sein zu dürfen
Hohe Erwartungen oder Leistungsdruck in der Schule
In einer gefährlichen, gewaltgeprägten Umgebung zu leben
In einer Kultur aufzuwachsen, die anders ist als die der Menschen um einen herum
Viele Umzüge
