Zählen, benennen, ordnen - Marion Fourcade - E-Book

Zählen, benennen, ordnen E-Book

Marion Fourcade

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Beschreibung

Messungen und Trackings, Rangfolgen und Rankings: Enorme Datenmengen werden gesammelt und analysiert, immer mehr gesellschaftliche Bereiche sind einer ständigen Bewertung unterzogen. Das erleben wir im Alltag, auf dem Wohnungs- und Kreditmarkt, im Gesundheitswesen, in der Bildung und in sozialen Beziehungen. Digitalität ist zu einer bedeutenden Dimension moderner Bürgerschaft geworden. Die Gesellschaft der Gegenwart ist, so Marion Fourcade, von einer Logik der Ordinalisierung durchzogen. Auf den ersten Blick scheint die neue Infrastruktur der Datenanalyse mit einem verheißungsvollen politischen Projekt verknüpft. Die Ordinalisierung mit ihrem System der Benotungen und Rankings geht mit der Vorstellung einer individualistischen Gesellschaft einher, die hierarchisierende Klassifikationen von Gruppen hinter sich lässt. Das Versprechen ist, individuelle Gleichheit durch messbare, objektive Kriterien zu schaffen. Doch wie steht es um dieses Versprechen? Marion Fourcade seziert die Entwicklungen und zeigt, wie kategorische Unterschiede zu wertenden Klassifikationen gerinnen.

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marion Fourcade

Zählen,benennen,ordnen

Eine Soziologiedes Unterscheidens

Mit einer Laudatio von Jens Beckert

Aus dem Englischen vonUlrike Bischoff

Hamburger Edition

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

© der E-Book-Ausgabe 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-474-9

eISBN 978-3-86854-475-6

E-Book Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

© der deutschen Ausgabe 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-364-3

Abdruckrechte Originalausgaben:

Fourcade, Marion, »Ordinalization: Lewis A. Coser Memorial Award for Theoretical Agenda Setting 2014«,

Sociological Theory

34 / 3 (2016), S. 175 – 195. Republished with permission of Sage Publications Inc. Journals and the American Sociological Association; permission conveyed through Copyright Clearance Center, Inc.

Fourcade, Marion / Healy, Kieran, »Seeing like a Market«,

Socio-economic review

15 / 1 (2017), S. 9 – 29. By permission of Oxford University Press and the Society for the Advancement of Socio-Economics.

Fourcade, Marion, »Ordinal Citizenship«,

The British Journal of Sociology

72 / 2 (2021), S. 154 – 173. Republished with permission of John Wiley & Sons – Books and London School of Economics and Political Science; permission conveyed through Copyright Clearance Center, Inc.

Umschlaggestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Inhalt

Ordinalisierung

Drei Arten klassifikatorischer Urteile

Überschneidungen

Entkopplungen

Rekopplungen

Der Preis, den wir zahlen: Nominalität, Ordinalität und Geld

Fazit

Aus der Sicht des Marktes

Vergangenheit und Zukunft von Daten

Aus der Sicht des Marktes

Der Datenimperativ

Überkapital

Der neue Klassifikationsgeist

Schluss: Die Ökonomie des moralischen Urteils

Ordinale Bürgerschaft

Inklusion

Meritokratie

Ordinalität

Individualisierung

Hochdimensionalität

Das Leben als zivilisiertes Wesen

Literaturverzeichnis

Jens Beckert

Laudatio auf Marion Fourcade

Siegfried-Landshut-Preis 2021

Zu den Autor:innen

Ordinalisierung

Woher wissen wir, was wir wissen? Ganz einfach – wir haben es gelernt. Als Kinder haben wir die Welt absorbiert und sie uns zu eigen gemacht. Manchmal zwangsweise, manchmal unmerklich haben wir uns Worte, Begriffe und Verhaltensweisen angeeignet, die unser soziales Umfeld uns bereitwillig geliefert hat. Unser Zeit- und Raumempfinden, unsere Wahrnehmung von Unterschieden und Ähnlichkeiten, unser Gefühl für Richtig und Falsch, unsere tiefsten und intimsten Emotionen entstanden mehr oder weniger natürlich, mehr oder weniger schmerzhaft, aber immer vermittelt durch die Wirkmacht der Sprache, unsere affektiv geladenen Interaktionen mit anderen und die Anforderungen von Institutionen. Im Zuge dieses Prozesses wurde auch unser Körper trainiert. So kamen wir dazu, Sinneswahrnehmungen auf eine Art und Weise zu erkennen und zu erleben, die, grob gesagt, an unsere unmittelbare soziale Welt angepasst ist, und instinktiv Lust oder Abscheu zu empfinden.

Zunächst lernten wir vor allem, Dinge und Menschen, uns selbst eingeschlossen, zu unterscheiden, zu Gruppen zusammenzufassen und Kategorien zuzuordnen, die uns als »Alltagsverständnis« (»common sense«), wie Alfred Schütz es nennt, weitergegeben werden.1 Diese Fähigkeit zur Klassifizierung ist nach Ansicht von Soziologinnen und Soziologen sowohl ein Produkt menschlicher Kommunikation als auch eine wesentliche Grundlage sozialer Gemeinschaft. Émile Durkheim vertrat nachdrücklich die Ansicht, jede Form begrifflichen Denkens habe seine Wurzeln im sozialen Leben und in sozialer »Morphologie«.2 Menschen kategorisieren die soziale und physische Welt und erhalten durch diese Unterscheidung ihr Dasein aufrecht. Zu den grundlegendsten Formen der Kategorisierung gehört die Unterscheidung zwischen Insidern und Outsidern, Reinem und Unreinem, Profanem und Sakralem. Was Kategorien ihre Autorität verleiht, ist die Tatsache, dass sie kollektiv gebildet, aufrechterhalten und durchgesetzt und dadurch fest in unsere (naturalisierte) soziale Welt integriert werden. Die kollektive Durchsetzung verleiht Kategorien und den Klassifizierungssystemen, die sie stützen, eine emotionale Dimension oder Objektbesetzung sowie eine subtile Prägung der Aufwertung (oder Abwertung, je nach Art ihrer sozialen Verquickungen). Sie binden uns aneinander und an Objekte unserer Umgebung, trennen uns aber auch. Wie sie dies tun, ist Gegenstand dieser Vorlesung.

Drei Arten klassifikatorischer Urteile

Wir können uns drei grundlegende logische Prinzipien klassifikatorischer Urteile vorstellen, um Dinge und vor allem Menschen zu vergleichen.3 Unmittelbar von der Mathematik inspiriert, bezeichne ich diese Prinzipien als nominal, kardinal und ordinal. Im Folgenden definiere ich sie als Idealtypen, bevor ich untersuche, wie sie in der Praxis wirken.

Nominale Urteile richten sich auf das Wesen

Sie definieren, was Dinge (oder Menschen) sind. Wir können sie als Urteile über den »Typus« bezeichnen, die vorgeben, einen intrinsischen Charakter und eine Beziehung zu beschreiben: »diese Art von«. Ein gutes Beispiel der nominalen Logik ist die Fülle taxonomischer Aktivitäten, die mit dem Aufstieg der Biologie als Wissenschaft, besonders der Botanik und der Zoologie, im 18. Jahrhundert aufkam.4 Das Bestreben, zu inventarisieren und zu klassifizieren, das konventionell auf die Erstveröffentlichung von Carl von Linnés Werk Systema Naturae 1735 zurückgeführt wird, bezog sich auf Pflanzen, Tiere und Menschen. Auf der ganzen Welt wurden Exemplare gesammelt und nach Regeln der Ähnlichkeit oder Verschiedenheit sorgfältig in Bezug zu anderen Exemplaren organisiert. Die nicht biologischen Aspekte menschlicher Erfahrung unterzog man der gleichen allumfassenden Sammelwut. Im ausgehenden 19. Jahrhundert erlaubte die Akkumulation von menschlichen Artefakten und Kenntnissen über exotische Sprachen und Rituale die angeblich wissenschaftliche Definition kultureller Unterschiede zwischen Menschengruppen.

Die Ontologie nominaler Urteile ist qualitativ. Praktisch besteht sie in konzeptionellen Akten zum Zuschnitt von Kategorien (d. h. in Entscheidungen über die Kriterien der Ähnlichkeit) und in Interpretationsakten zur kategorischen Zugehörigkeit (d. h. in Einschätzungen, wohin das Objekt oder das Individuum gehört). Ähnlichkeit legitimiert das Zusammenfassen (lumping together) von Individuen oder Dingen, aber was Ähnlichkeit bedeutet, wie sie festzustellen ist und woher sie kommt, ist immer das Ergebnis eines umstrittenen gesellschaftlichen Prozesses.5 Zudem kann sich die kausale Logik sogar umkehren: Wie Durkheim und Mauss argumentierten, werden Menschen und Dinge, die das soziale Leben in einen Topf wirft, als gleich wahrgenommen, und solche, die in der Praxis getrennt sind, werden als unterschiedlich gesehen.

Selbstverständlich impliziert Ähnlichkeit auch Verschiedenheit: Dinge in einen Topf zu werfen, markiert immer auch die Abgrenzung von einem Draußen oder einem Gegenteil, selbst wenn es nicht ausdrücklich oder offensichtlich benannt ist (die dominante Kategorie oder der Standard ist gewöhnlich nicht markiert).6 Zum anderen gilt, was Geoffrey Bowker und Susan Leigh Star in Sorting Things Out schreiben: »Jeder Standard und jede Kategorie wertet eine Sichtweise auf und verschweigt eine andere.«7 Eine Frau als Menschen zu definieren, der mit weiblichen Genitalien geboren wurde, und nicht als Menschen, der als weiblich auftritt, hat äußerst unterschiedliche soziale Implikationen. Sollte eine Transfrau die Damen- oder die Herrentoilette benutzen? Oder ist die Praxis und Reproduktion binärer Geschlechterunterscheidungen bei Toiletten wie auch ansonsten grundsätzlich problematisch? Sollte man die Trennung der Toilettenanlagen einfach abschaffen? Oder sollten Menschen mit nichtbinärer Geschlechtsidentifikation eigene Toiletten bekommen, was die Möglichkeit weiterer Unterteilungen eröffnet? Es gibt eine Fülle alltäglicher und umfassender gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um die Prinzipien, nach denen Verschiedenheit produziert und reproduziert wird.

Je mehr Kategorien anerkannt sind, als umso »heterogener« gilt die Gesellschaft.8 Ausgedehnt auf die Gesamtgesellschaft definiert dieses Zusammenfassen in Gruppen eine »gesellschaftliche Topologie« der Menschen und Dinge.9 Ein gutes Beispiel ist das französische Terroir-System, also die institutionelle Anerkennung der Geografie als wesentliches Unterscheidungskriterium bei Wein und Nahrungsmitteln. So bestehen Winzer und Winzerinnen darauf, dass ein Rotwein aus dem Dorf Vosne-Romanée nicht mit einem aus dem Nachbardorf Morey-St Denis zu vergleichen ist, obwohl die beiden Terroirs lediglich wenige Kilometer trennen und beide Weine ausschließlich aus Pinot-noir-Trauben hergestellt werden. Gemäß diesem Bild können wir uns die reine, idealtypische nominale Topologie als flache, horizontale Landkarte vorstellen: Entitäten sind einfach über den Raum verteilt, ohne dass eine Hierarchie zwischen ihnen unterstellt würde. Praktisch ist die soziale Welt selbstverständlich fast nie auf diese Weise organisiert: Meist dient horizontale Unterscheidung als gesellschaftliche Fiktion, die dazu beiträgt, alle erdenklichen ungleichen Gesellschaftsordnungen zu stützen. Trotz seiner demokratisch-republikanischen Wurzeln herrscht im Terroir-System eine strenge Hierarchie sowohl zwischen den Regionen, die einen rechtmäßigen Terroir-Anspruch erheben dürfen, und solchen, die ihn nicht erheben können, sowie auch zwischen den verschiedenen Terroirs.10 Und die Vorstellung einer segregierten, aber horizontalen Verteilung »verschiedener Arten von Menschen« war natürlich auch der ideologische Vorwand, der in den Vereinigten Staaten den Rechtsgrundsatz separate but equal (»getrennt, aber gleich«) und die »Rassentrennung« in Einrichtungen und Institutionen stützte.

Kardinale Urteile sind aggregierend und auf Mengen gerichtet

Bei kardinalen Urteilen erlangen numerische Werte aus eigenem Recht Bedeutung. Sie ermöglichen Vergleiche, allerdings nur unter dem Aspekt der zugrunde liegenden Anzahl der Elemente: Die Differenz ist messbar, und ihre Bedeutung lässt sich bestimmen. Die Aussage: »2013 wurden in den Vereinigten Staaten etwa 2,13 Millionen Ehen geschlossen gegenüber knapp 2,12 Millionen im Jahr 2012«, enthält eine kardinale Feststellung: Die Differenz zwischen den Eheschließungen der beiden Jahre beträgt 10 000. Viele andere Bevölkerungsdaten – Geburten und Sterbefälle, Fruchtbarkeitsrate, Eheschließungen oder Suizide – lassen sich durch eine kardinale Linse betrachten. Natürlich kommt einem Georg Simmel in den Sinn, der die Auswirkung schierer Zahlen auf das Erleben des sozialen Lebens beschrieb: Zwischenmenschliche Dynamiken und Affekte verändern sich dramatisch, wenn aus einem Paar eine Dreiergruppe wird oder eine kleine Gruppe zu einer großen anwächst. Näher ist uns Stefan Bargheers Arbeit, die gezeigt hat, dass in vielen Bereichen Zahlen, die für »Quantität« (Ansammlung desselben) oder »Diversität« (Ansammlung von Verschiedenem) stehen, als Selbstzweck geschätzt werden können.11 So belegt seine historische Analyse zur Wertschätzung von Vögeln, dass man in Britannien dem Exotischen und Seltenen (also der Artenvielfalt) Vorrang einräumte, während man in Deutschland Nützlichkeit und Vitalität (also die schiere Menge einer bestimmten Spezies) lobte.

Kardinale Urteile gehen häufig mit Praktiken des Sammelns und Anhäufens einher. Generell ist eine Sammlung durch interne Verschiedenheit, also durch die qualitative Dimension strukturiert.12 So wird ein Entomologe typischerweise interessiert sein, Proben von möglichst vielen verschiedenen Käferarten zu sammeln: Was hier gemessen wird, ist der Grad an Diversität, verstanden als Zahl. Dagegen geht es bei der Anhäufung lediglich um Zahlen – also um die quantitative Dimension. Eine bloße Akkumulation besteht aus einer Vervielfältigung von Objekten einer Klasse. Aber viele Arten der Akkumulation sind zugleich auch Beispiele für Sammlungen. Eine Briefmarken- oder Weinsammlung lässt sich sowohl unter dem Aspekt ihrer internen Vielfalt als auch unter einem akkumulativen Aspekt betrachten. In diesem Fall zählen die Gesamtgröße und der Wert der Sammlung, gemessen anhand der Anzahl der Flaschen, Briefmarken oder sogar anhand der entsprechenden Geldmenge. Es gibt viele verschiedene Arten der Aggregation.

Ordinale Urteile richten sich auf relative Positionen nach einem stabilen Rangordnungskriterium

Im Gegensatz zu den horizontalen Karten, an die nominale Urteile erinnern, arbeiten ordinale typischerweise nach einer vertikalen Polarität relativer Positionen auf einer »Oben-unten-Skala«.13 In gewisser Weise ist die begriffliche Unterscheidung zwischen Nominalität und Ordinalität auch eine Variation der von Peter Blau verwendeten Terminologie, die der sozialen Differenzierung durch nominale Parameter, also der Heterogenität, diejenige durch graduierte Parameter oder den »Ungleichheitsstatus« gegenüberstellt.14

Anders als bloße nominale Verschiedenheit beinhalten ordinale Beziehungen unterschiedliche Bewertungen, die Unterscheidung von (mindestens) zwei Ebenen, von einem höchsten und einem niedrigsten Rang, von Oben und Unten. Nach dem alten Parsons’schen Vokabular sind sie »evaluativ«. Im Gegensatz zu kardinalen Urteilen, die sich auf Größen konzentrieren, basieren ordinale Urteile auf relativen Rangordnungen, ungeachtet der Größe der Differenzen.

Die den Rangordnungen zugrunde liegenden Prinzipien sind zuweilen schwer fassbar und höchst subjektiv, was es erschwert, ihre Ergebnisse moralisch zu rechtfertigen. Nützlichkeit, Ästhetik, Güte, Tugendhaftigkeit, Emotionen, Effizienz, Qualität, Können, Ruhm, Ehre, Reinheit, Preis und Leistung können ebenso als Wertordnungsprinzipien dienen wie verschiedene »Grammatiken der Moral«, um es in der Terminologie von Boltanski und Thévenot zu sagen.15 Das Dilemma ist in demokratischen Gesellschaften in dem Maße besonders akut, als die von ihnen angestrebte Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person erfolgen soll und auf die »Nivellierung sozialer Unterschiede« setzt.16 Schwer fassbare Rangordnungskriterien sind zudem ineffizient und stehen in Konflikt mit Erfordernissen der Bürokratie und des Kapitalismus. Folglich tendieren moderne ordinale Urteile häufig zur numerischen Kommensurierung (also zum Vergleichbarmachen in Form von Kennzahlen und somit zur Kardinalität), was der Beurteilung den Stachel nimmt und das Erstellen von Rangfolgen zu einer scheinbar unvoreingenommenen Quantifizierungsübung macht. Rankings werden dann von Messungen getrieben, ob sie nun ein Merkmal (im Fall von Intervallskalen) oder Proportionen (im Fall von Verhältnisskalen) erfassen.17 Die »Transparenz« von Ländern in numerischen Scores zu bemessen, ist ein Mittel, eine hierarchische Rangordnung von der am wenigsten korrupten bis zur korruptesten Nation aufzustellen. Der Punktwert misst in diesem Fall das zugrunde liegende höhere Gut und wird häufig selbst zum Gut. Selbstverständlich kommt dem Geld hier eine Sonderstellung als besonders effizientem Instrument zu, einen gleichen Bewertungsmaßstab zu finden, da es sich sowohl einfach zählen lässt als auch eine Metrik mit eigener moralischer Wertigkeit darstellt.18 So lässt sich vom Preis eines Kunstwerks sagen, er messe dessen relative Position gemäß einer Logik von Berühmtheit (des Künstlers oder der Künstlerin), Ästhetik (des Geschmacks der Käuferinnen / Kritiker) oder Angebot und Nachfrage (dem Zustand des Marktes zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort).

Überschneidungen

In der Praxis und in der sozialen Welt überschneiden sich nominale, kardinale und ordinale Urteile nahezu immer. So soll in demokratischen Entscheidungen die Rangfolge der Abstimmungsergebnisse (ordinales Urteil) in der Regel aus Prozessen erwachsen, die im Kern kardinal sind: Das legitime Ergebnis ist das, was die Mehrheit, also die größte Anzahl, will. Die Überschneidung zwischen Nominalität und Kardinalität ist ein weiteres anschauliches Beispiel. Der Aggregationsprozess – auf dem kardinale Urteile basieren – setzt zunächst eine Übereinstimmung darüber voraus, was wie zusammenzufassen ist. Anders ausgedrückt: Ohne eine Theorie, woraus die aggregierte Welt besteht, kann es keine Aggregation geben.19 Zweitens nehmen Aggregationen ein Eigenleben und eigene Eigenschaften an, da sie sich zu »sozialen Tatbeständen« kristallisieren.20 Kardinalität ist häufig ein starkes Argument für die Entstehung nominaler Kategorien. Das spielt beispielsweise in der Politik eine Rolle: In vielen Ländern sind Parteien erst dann im Parlament vertreten, wenn sie eine bestimmte Anzahl oder einen bestimmten Prozentsatz der Wählerstimmen erreichen.

Ein weiteres Beispiel sind Aktivisten und Aktivistinnen der US-Einwohner lateinamerikanischer Herkunft, die in den 1970er Jahren ausdrücklich eine Kardinalstrategie verfolgten, wie Cristina Mora mich jüngst erinnerte. In ihren Bemühungen, Parlamentsabgeordnete auf sich aufmerksam zu machen, nutzten sie die kardinale Formbarkeit der nominalen Kategorie als Quelle politischer Stärke. So forderten sie, die gesamte Bevölkerung Puerto Ricos als lateinamerikanisch einzustufen und damit die Kategorie über die eigentlichen Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus auszudehnen, um ihre Gesamtmenge zu vergrößern.21 Wichtig ist, dass dieser erfolgreiche kardinale Vorstoß der Latinos und Latinas Auswirkungen auf die nominalen Ansprüche anderer ethnischer Bevölkerungsgruppen hatte. Insbesondere waren Afroamerikaner und Afroamerikanerinnen nun nicht mehr die größte Minderheitengruppe. Daher begannen ihre politischen Vertreter, auf andere Weise Verschiedenheit zu markieren, indem sie die Intensität ihrer Unterdrückung im Vergleich zu anderen Minderheitengruppen betonten – ein ordinales Argument – oder ihre Nationalität gegenüber der mutmaßlich ausländischen Herkunft der lateinamerikanischen US-Population hervorhoben – ein nominales, aber andersartiges Argument.22 Heutzutage stehen die sozialen Tatbestände der Demografie von Latinos und Latinas im Zentrum der Debatten über den sich wandelnden Charakter amerikanischer Identität und Politik.

Wir können uns auch die Überschneidungen zwischen Nominalität und Ordinalität ansehen. Alle »historisch situierten Gesellschaftsprozesse« beinhalten eine Beziehung zwischen nominalen und ordinalen Urteilen, zwischen »Differenz und Ungleichheit«, wie Rogers Brubaker es formuliert.23 Im Nachwort zu Gesellschaft in Indien stellte der französische Anthropologe Louis Dumont fest, dass selbst der grundlegendste binäre Gegensatz – zwischen der linken und der rechten Hand – nicht als Unterscheidung von ausgeglichenen Kräften, als simpler nominaler Unterschied denkbar sei. In der heterogenen Unterscheidung liegt an sich bereits eine Wertung, weil jede Hand zum gesamten Körper – aus physikalischer Notwendigkeit – eine andere Beziehung hat, die eine ist »rechts / richtig«, die andere »links / linkisch«.24 Verschiedenheit ist hier unausweichlich mit einer Wertung verknüpft. Das ist keineswegs die Ausnahme, sondern die soziologische Regel: Vertikale Unterschiede zwischen Arten sind im sozialen Leben vorherrschend und beginnen häufig mit simplen Wir-sie-Unterscheidungen, die beispielsweise den Anspruch auf Selbstwert und Selbstbestätigung aus der Abgrenzung von einem unreinen Außen ableiten: »Wir« sind die Reinen, die Nichtverunreinigten. Ian Hacking formuliert es rundheraus: »Der verunreinigende Andere ist eine soziologische Universale.«25

Obwohl wir in einer Welt leben, die ideologisch von der ordinalen Figur des Homo equalis dominiert ist, existiert der Homo hierarchicus überall. Dumont, der zum Kastenwesen Indiens forschte, unterschied begrifflich die Stratifizierung, also ein System relativer Positionen auf einer gemeinsamen Skala, das vor dem Hintergrund einer vermuteten Gleichheit funktioniert, von der Hierarchie, in der relative Positionen nach einem Nominalprinzip organisiert sind, aber von einer grundlegenden Annahme radikaler Ungleichheit ausgehen. Der Homo hierarchicus hält Verschiedenheit für wesentlich und unüberbrückbar: In der Gesellschaftsordnung herrscht Vertikalität, die allerdings diskontinuierlich und um die Extrempole (vor allem die Unterscheidung zwischen Rein und Unrein), nicht in schrittweisen Abstufungen organisiert ist. Damit erreicht sie das paradoxe Ergebnis, den relativen Wert anhand einer inkommensurablen Metrik messen zu wollen.

In Wirklichkeit findet ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens auf der ganzen Welt in den Überschneidungen zwischen Art- und Werturteilen statt. Die meisten Gesellschaftsordnungen der Geschichte bestanden in einer expliziten Anordnung von Menschen unterschiedlicher Art: Vor allem Kasten, aber auch race, Stand, Klasse, Gender, ethnische Zugehörigkeit, Region, Staatsbürgerschaft und Territorium erscheinen nicht nur als bloße Unterschiede, sondern als solche, die in einer hierarchischen Beziehung zwischen Arten, also von Unterlegenen und Überlegenen, existieren: Männer – Frauen, Einheimische – Ausländer, Kolonisatoren – Kolonisierte usw. (Charles Tilly bezeichnete sie als Systeme »kategorischer Ungleichheit«).26 Die Konvergenz von Nominalität und Ordinalität ist der politische Traum einer Ständegesellschaft: In ihr basiert die ordinale Rangfolge der Individuen auf dem Prinzip nominaler Unterschiede. Der politische Traum moderner Demokratien (aber nicht zwangsläufig ihre Realität!) besteht in der Trennung von Nominalität und Ordinalität: Die Identitätsdynamik mag zwar eine Fülle von Arten hervorbringen und gedeihen lassen, aber sie sollten als solche nicht in eine Rangordnung gebracht werden. Umgekehrt können Individuen zwar in eine Ordnung gebracht und stratifiziert werden, allerdings nicht als Arten. Keine Hierarchie, die nicht auf der Annahme von Offenheit, Gleichbehandlung und Achtung beruht, ist legitim.

Entkopplungen

Dieses Spannungsverhältnis zwischen »den Versprechen individualistischer Freiheit« (und besonders der Fähigkeit, seine Verschiedenheit ungehindert auszuleben und zu erleben) und den »Anforderungen der Gleichheit« steht im Zentrum liberaler politischer Ideologie.27 Danielle Allen erinnert uns daran, dass die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten politische Gleichheit oder den gleichberechtigten Zugang zu den staatlichen Mitteln als »Grundlage der Freiheit« betrachtet.28 In der Praxis lassen sich diese beiden Imperative jedoch nur schwer vereinbaren. Andrew Abbott wies vor einiger Zeit in einer Vorlesung darauf hin, dass der »kontraktualistische Liberalismus sich eine Gesellschaft universeller Menschen ohne besondere Eigenschaften vorstellt, die einerseits in einer öffentlichen, gleichen Welt der Politik und andererseits in einer privaten, ungleichen und bewusst unbekannten Welt sozialer Unterschiede leben, deren Auswirkungen manchmal korrigiert werden müssen«.29 Wir können aber auch argumentieren, dass der Liberalismus, eben weil er die radikale Besonderheit von Personen erkennt und begrüßt, persönliche Merkmale in den Privatbereich verbannen muss, es sei denn, sie beeinträchtigten die Realisierung einer »öffentlichen und gleichen Welt der Politik«, denn in diesem Fall müssen sie öffentlich thematisiert werden. Nominale Unterschiede dürfen vorhanden sein und gedeihen, solange sie kein gesellschaftliches Ordnungsprinzip sind.

Aber in dem Maße, wie organisierte nominale Ansprüche im Laufe der Geschichte untrennbar mit Ordinalstrukturen verknüpft wurden, reichen sie über den Privatbereich hinaus und verschaffen sich über demokratische Kanäle Geltung. Das Paradox liberaler Staaten ist, dass sie die Einlösung ihres Versprechens formaler Chancengleichheit nicht anstreben können, ohne Kategorien und Unterschiede zum Bestandteil ihres Vokabulars und ihres institutionellen Handelns zu machen. Historisch pendelten demokratische Gesellschaften zwischen der Einstellung, nominalen Ansprüchen (besonders solchen, die aufgrund einer unbeabsichtigten Klassifizierung formuliert wurden) ein gewisses Maß an öffentlicher Anerkennung zuzubilligen, und der Haltung, solche Ansprüche gar nicht zuzulassen.30 Die voluntaristische Förderung benachteiligter Gruppen im Namen politischer Gleichheit ist ein Beispiel für das erstgenannte Vorgehen, das ich hier als Verstärkung der Nominalität bezeichne; Blindstudien, universelle Mandate und Antidiskriminierungsgesetze (die beispielsweise die Verwendung bestimmter Kategorien in Vorhersagemodellen verbieten)31 sind Beispiele für das zweitgenannte Vorgehen und stützen die Verstärkung der Ordinalität. In vielerlei Hinsicht stehen diese beiden Verstärkungsprozesse in einem Spannungsverhältnis zueinander.

Die Verstärkung der Nominalität

Während Nominalität und Ordinalität entkoppelt werden müssen, um das politische Ideal des Liberalismus zu verwirklichen, sind doch beide zugleich auch für seine Umsetzung notwendig. Das Ergebnis ist eine etwas paradoxe Verstärkung eines jeden dieser Imperative. Die Mustern folgende, historisch strukturierte Besonderheit von Menschen und Dingen muss anerkannt, zugleich aber auch unterdrückt werden.

In der Moderne hat sich nominale Verschiedenheit in einer Politik niedergeschlagen, die Wert auf die Verwaltung und den Schutz von Arten legt, vor allem von vulnerablen oder unterprivilegierten (ethnischen, »rassischen« oder religiösen Minderheiten, Menschen mit Behinderung, Frauen, Armen, Alten, gefährdeten Spezies, besonderen Naturregionen). In diesen Auseinandersetzungen spielten Staaten eine Schlüsselrolle als vorrangige Schöpfer nominaler Kategorien und vorrangige Ziele nominaler Ansprüche, verfestigt durch Politik und Gesetze.32 Zu diesem Verstärkungsprozess gehören geografische oder herkunftsbezogene Angaben; Benennung der Zugehörigkeit zu Stämmen, ethno-»rassischen« Gruppen oder Klassen;33 die Einbeziehung von Kategorien in Dokumentationspraktiken; sowie die institutionelle Gestaltung der Verteilung diverser Ressourcen und Sozialleistungen.

Für die Verstärkung der Nominalität in einem demokratischen System gibt es verschiedene moralische Rechtfertigungen: eine Politik der Freiheit, die Verschiedenheit an sich als wesentlichen Bestandteil einer guten Gesellschaft und als Quelle gegenseitiger Bereicherung begrüßt (wie im multikulturellen Ideal), oder eine Politik der Staatsführung, die Effizienz und Kontrolle in der Verfügung über Dinge und Menschen anstrebt.34 Da gesellschaftliche Verschiedenheit aber in der Praxis immer mit Ungleichheit verquickt ist, ist die Politik der Verschiedenheit häufig auch eine der Macht. Daher haben demokratische Gesellschaften ebenfalls nominale Kategorien verstärkt, beispielsweise im Namen einer rentenorientierten Politik, die Privilegien zu erhalten oder zu institutionalisieren sucht, obwohl dies in einem demokratischen Kontext theoretisch illegitim, in vielen Ländern aber durchaus nicht ohne tatsächlichen Einfluss ist;35 oder im Namen einer Politik, die Schutz vor Leid, Verletzung oder Verlust bieten und die Authentizität bewahren soll;36 sowie als Politik der Ressentiments, geprägt durch »verletzte Bindungen« zwischen Beherrschten und Beherrschenden, die Letztere zu einer »moralisierenden Rache« motiviert.37

Die Verstärkung der Nominalität lässt häufig erneute Forderungen aufkommen, eine Rangordnung in Form von symbolischem Ausschluss, symbolischer Förderung, Identitätsansprüchen und zuweilen besonderen Prioritäten, Zuwendungen und Rechten aufzustellen. Diese Ordinalisierung der Nominalität erfolgt manchmal von oben, manchmal von unten. Von oben setzen dominante Gruppen ihre eigenen kulturellen Standards durch, indem sie die nominale Kategorie und ihre inhärenten Eigenschaften ideologisch ausgestalten, und erheben dann aufgrund der angeblichen Überlegenheit dieser Kategorie Anspruch auf Institutionen. Diese symbolische Arbeit beruht typischerweise darauf, ein Gefühl natürlicher Qualität oder Auszeichnung zu kultivieren, das in einem langen, tiefgreifenden Prozess eingeimpft werden und die Spaltungen fortwährend bestärken muss.38 An einer unsäglichen Wertlogik festzuhalten, bringt schließlich oft eine reflexartige Ablehnung grober Quantifizierung mit sich. So sind Produzenten und Produzentinnen französischer Weine der territorialen Spitzenkategorien (z. B. crus classés im Bordeaux, grand crus im Burgund) besonders argwöhnisch gegenüber Kritikerbewertungen, die erhebliche Auswirkungen auf Absatz und Preis haben können.39

Von unten können beherrschte Bevölkerungsgruppen Selbstermächtigung und Emanzipation durch kulturelle Arbeit anstreben. Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist eine Quelle »affirmativer Freuden« wie der Teilhabe an einem reichen, gruppenorientierten Kulturleben, auch wenn sie wie im Fall von race unfreiwillig ist.40 Ansprüche an Organisationen und den Staat bilden einen weiteren Kanal für Förderungen. Viele Institutionen – vor allem im Bildungswesen – haben Strategien entwickelt, die den Angehörigen benachteiligter Gruppen innerhalb ihrer Klientel relativ mehr »Wert« beimessen in dem Bestreben, die geringere Wertschätzung zu kompensieren, die sie von der Gesamtgesellschaft erfahren, und die implizite »Privilegierung« einzudämmen, die gesellschaftlich dominante Gruppen genießen. Diese Bestrebungen setzen auf ein aktiveres Demokratieverständnis, indem sie die Gleichheit, die bestehen sollte, durchsetzen und das als »Diversität« oder »Multikulturalismus« aufgefasste Spiel der Unterschiede als Reingewinn für die Gesellschaft begrüßen. In der Praxis machen sie es jedoch häufig notwendig, von traditionellen liberalen Vorgehensweisen wie standardisierten, quantifizierten (und »farbenblinden«) Beurteilungen abzugehen.41 Nominalisierung von oben wie auch von unten beinhaltet daher generell Misstrauen gegenüber Grundstrategien der Kommensurierung.

Die Institutionalisierung der Nominalität beschleunigt selbstverständlich die Verstärkungsdynamik durch den von Ian Hacking identifizierten »Looping-Effekt«, vor allem wenn sie mit Wertansprüchen verknüpft ist.42 Neue nominale Beschreibungen, Praktiken und Ontologien (z. B. medizinische Diagnosen, Zensusklassifizierungen und sogar Genome)43 bringen neue Subjektivitäten, neue Arten der Selbsterfahrung hervor, die wiederum die Macht von Kategorien verstärken. Solche Rückkoppelungseffekte führen dazu, dass Menschen in »eine bestimmte Art« passen, sich als Teil einer solchen begreifen und von anderen dieser zugeordnet werden.44 Bei Kategorien, die moralisch besonders positiv herausstechen oder mit greifbaren Vorteilen verknüpft sind, produziert der Looping-Effekt deren Expansion. In dem Maße, wie Menschen durch diese Etikettierung geprägt werden (»made up«, wie Hacking es in einer weiteren geglückten Formulierung nannte),45 verfestigt sich ein gesellschaftliches Kollektiv und wächst stärker (zu einem lump oder »Klumpen«) zusammen.

Sind Klassifizierungen erst einmal institutionalisiert, haben sie Konsequenzen: »Manche richten Schaden an, andere bringen Vorteile. Vor allem das ist der Grund, weshalb Menschen darüber streiten.«46