Zandschower Klinken - Thomas Kunst - E-Book

Zandschower Klinken E-Book

Thomas Kunst

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18,99 €

Beschreibung

Bengt Claasen sitzt im Auto, sein ganzes Hab und Gut im Kofferraum. Vor sich, auf dem Armaturenbrett, liegt das Halsband seiner verstorbenen Hündin. Dort, wo es herunterfällt, will er anhalten und ein neues Leben beginnen. Er fährt so langsam und vorsichtig, wie es nur geht, und landet schließlich in Zandschow – einem Nest im äußersten Norden mit einem Feuerlöschteich im Zentrum. Schnell stellt er fest: Die Bewohner des Orts rund um »Getränke-Wolf« folgen einem strengen Wochenplan, donnerstags werden zum Beispiel zwanzig Plastikschwäne auf dem Teich ausgesetzt, und sie feiern an ihrer »Lagune« Festspiele unter künstlichen Palmen. Überhaupt: Mit den prekären Verhältnissen mitten in der Pampa finden sich die Menschen hier nicht mehr ab. Ihr Zandschow ist Sansibar, hier kann man arm sein, aber trotzdem paradiesisch leben, in viel Verrücktheit.
Mit unbändiger Fantasie und viel Witz erzählt Thomas Kunst in Zandschower Klinken von einer solidarischen Gemeinschaft, die sich am eigenen Schopf aus der Misere zieht – trotzig und stur, frei und eigensinnig. Er entwirft eine Utopie in unserer globalisierten Gegenwart und findet für sie eine Sprache von bezwingender Musikalität.

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MOBI

Seitenzahl: 255

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Titel

Thomas Kunst

Zandschower Klinken

Roman

Suhrkamp

Widmung

Für meine Mutter, meinen Vater

und meine Schwester

in Liebe und Dankbarkeit

Motto

»Das leere Haus hat mich nicht gestört, aber das ist ein brauchbares Vorgefühl auf den Tod: die Abendgarderobe im Schrank, oben der Haufen Spielzeug, die Regale mit Gläsern und Geschirr. Die Wärme des Besitzens, des Lebens, hat all diese Dinge verlassen; es sind jetzt geisterhafte Dinge.«

John Cheever, Tagebücher

Übersicht

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Motto

Inhalt

I. Sansibar, Apfelblüten

II. Cartagena, Rehtagebuch

III. Levenhaug, Stütze

IV. North Sentinel, Handschmeichler

V. Stone Town, Hakuna Matata

VI. Darajani, Tischgebete

VII. Zandschow,

GST

VIII. Bogotá, Dorfschönheit

IX. Zandschow,

GAIA

X. Sansibar,

EK

XI. Zandschow,

SP

XII. Sansibar,

WU

XIII. Lankow,

RT

XIV. Zandschow,

BW

XV. Sansibar, Landgang

XVI. North Sentinel, Infektionen

XVII. Zandschow, Invasionen

Anmerkungen

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

I

Sansibar, Apfelblüten

Claasen geht den Weg zu seinem Auto zurück, das er am Anfang der Verlaatstraße in einer Seitengasse abgestellt hat. Sein Jahr in Levenhaug ist um. Seine Zeit mit Silje und Weißäuglein ist um. Was er gerade in diesem Erdgeschoss gesehen hat, verändert jäh seine Biographie. Der neue Mann. Die alte Hündin. Das Insulin. Zu Hause liegt nur noch wenig, was an ihn erinnert. Er nimmt das Hundehalsband aus der Kommode und legt es auf das abgerundete Armaturenbrett seines Wagens. Er würde jetzt bestimmt auffallen mit seinem Fahrstil. Er fällt jetzt auf mit seinem Fahrstil, denn Claasen hat sich vorgenommen, sein Auto so vorsichtig, langsam und gleichmäßig zu bewegen, dass das Halsband so lange wie möglich auf dem Armaturenbrett liegen bleibt. An der Stelle, an der es herunterfällt, will er anhalten und ein neues Leben beginnen. Man muss Claasen schon kennen, um ihm so etwas auch wirklich abzunehmen. Er hat drei Versuche, um auszuschließen, künftig in einem Wald, in einem Kornfeld oder in einem Flusslauf leben zu müssen, falls der Flusslauf gleich neben der Straße liegend zum Stehen kommen würde. Das Ortsausgangsschild von Levenhaug zählt noch nicht zu den drei Versuchen.

Die Warnblinkanlage tickt, hinter Claasen stauen sich die Fahrzeuge. Am liebsten immer geradeaus. Nur in keine Kurve einbiegen. Er winkt den Überholenden zu. Es kommt ihm heldenhaft vor, die anderen auszubremsen, sie daran zu hindern, Termine und Verfehlungen einzuhalten. Die ersten fünfhundert Meter sind geschafft. Pferde und Kornfelder ziehen an ihm vorbei, aber in umgekehrter Reihenfolge. Das Halsband lebt. Hier gibt es keine Ampeln. Seit etwa zehn Minuten versucht er, im dritten Gang zwanzig Stundenkilometer zu fahren. Das könnte Monate so weitergehen. Die Landstraße bleibt ihm gewogen. Im Halsband selbst gibt es für die verbrauchte Luft kaum Möglichkeiten zu wenden.

Norddeutschland hat einige Fernseherfahrung und ist gerade bei einem Interview mit Kevin Keegan im Hintergrund zu sehen. Head over Heels in Love. Früher ging es noch, Fußballstar und Popsänger zugleich zu sein. Platz zehn in der Verkaufshitparade. Die präzisen Anspiele der Sonne sind in der Kabine geblieben. Wir lieben immer nur die, die es nicht schaffen, bis ganz nach oben zu kommen. Was Claasen benötigt, ist die Geduld der Menschen, die noch leben.

Wenn das Begleiten eines Halsbandes durch die Dörfer nicht so schön wäre, könnte es auch langsam dunkel werden. Der Scheibenwischerhebel rechts am Lenkrad ist vorerst nicht zu bedienen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Claasen sagt in der sich allmählich ausbreitenden Dämmerung das Alphabet auf. Wenn beim Aussprechen der Buchstaben H, M, P und Y jeweils links oder rechts ein Baum am Straßenrand steht, kommt er in dieser Nacht noch unzählige Kilometer weiter. Abweichungen von zwei bis fünf Fuß sind erlaubt. Wir wollen nicht kleinlich sein. Fast die gleiche Anzahl Bäume zu beiden Seiten der Fahrerkabine. Landstraße, Autobahn, aber in umgekehrter Reihenfolge.

Ein Wildwechsel würde ihm jetzt gerade noch fehlen. Claasen überlegt, wie die Kilometerzahl unter den Gefahrenschildern zustande kommt. Vier Komma fünf Kilometer. Bei vier Komma sechs Kilometern atmet er spürbar auf. Oder sollte er sich lieber doch erst nach weiteren einhundert Metern in Sicherheit wiegen. Es gibt keine Statistiken, die belegen, wie genau es die Tiere mit der ihnen zur Verfügung gestellten Strecke nehmen, innerhalb derer sie den Wechsel der Straßenseite vorzunehmen haben. Ortseingangsschilder und Leitpfosten ziehen an ihnen vorüber, aber in umgekehrter Reihenfolge.

Claasen hat sich vorgenommen, sein Auto so vorsichtig, langsam und gleichmäßig zu bewegen, dass das Halsband so lange wie möglich auf dem Armaturenbrett liegen bleibt. An der Stelle, an der es herunterfällt, den Anschein macht, herunterzufallen, will er anhalten und ein neues Leben beginnen. Ohne Musik. Ohne Selbstmitleid. Ohne Ewigkeit und Verantwortung. Erst mal die Wälder und Kornfelder hinter sich lassen, aber in umgekehrter Reihenfolge. Er wohnt mit Vorliebe in Gegenden, in denen im Notfall jede Hilfe für ihn zu spät käme.

Er hält den Jaguar für ein Stück Wild, auf der A7, linke Spur, fast tot, der Körper dampft, die Dunkelheit ist rot, ein Bremsversuch passt nicht ins Straßenbild, gesprungene Beleuchtung, schwarzer Kot, die andere Spur gleicht Gottes Gnadenbahn, zur rechten Zeit befahren, subkutan, das Herz macht Zaubertricks und wird Idiot im Untergrund, die Sattelschlepper beben, die Ferne führt um eine halbe Länge, die Planke ist die Grenze, jottwedee, Entgratungsreste, die den Wind beleben, zu bremsen gibt es nichts in dieser Enge, dem Thermometer nach liegt nicht mal Schnee.

Dreimal ist es ihm erlaubt, anzuhalten und das Halsband wieder in eine günstigere Position zu rücken, näher zur Frontscheibe hin. Für einen Augenblick überlegt er, ob sich die Warnblinkanlage und der Fahrtrichtungsanzeiger die gleichen Lichtquellen teilen und es dadurch zu parallelen Frequenzüberlappungen kommen könnte. Keine Häuser. Keine Viehzuchtanlagen. Er fährt und fährt. Das Bild des Mannes mit der Insulinspritze vor Augen. Claasen hätte einen Weltkrieg im Erdgeschoss gebraucht, der Weißäuglein verschont, einen Krieg, gleich nach der Spritze.

Einmal ist Weissäuglein beim Spazierengehen umgekippt. Eine Fingerspitze mit Traubenzucker unter die Zunge. Und sie war wieder die Alte. Eine Fingerspitze mit Traubenzucker. Das Hundehalsband vor dem Abgrund. Die Fußbodenmatte ist das Straßenpflaster, aber in umgekehrter Reihenfolge. Zandschow. Zandschow. Den Namen dieses Dorfes hat er schon einmal irgendwo gelesen, irgendwo gehört. Claasen erinnert sich. Es kann gar nicht so lange her sein, seit die amtierende Regierung den Beschluss gefasst hat, für einen Zeitraum von zwölf Monaten, auf der A7, zwischen den Abfahrten Zandschow und Höverlake, sämtliche Unfälle zu untersagen. Dabei handelt es sich um einen Streckenabschnitt von siebzehn Kilometern, von denen vier Komma fünf Kilometer allein den Schrittwechseln der Tiere vorbehalten sind. Falls sie es tagsüber oder nachts unbemerkt auf die bewaldeten Inseln zwischen Landstraße und der fast parallel verlaufenden Autobahn geschafft haben. Und es hoffentlich nicht versäumt wurde, auch hier dieses Gefahrenschild aufzustellen. Aber solch ein Hinweis würde wohl eher auf einer Chaussee fehlen, stünde dem Verkehrsamt für die Bewegungsinstinkte des Wildes nur noch ein Schild zur Verfügung. Bei Zuwiderhandlungen, bei zu registrierenden Unfällen, fallen neben der Schadensabwicklung außerdem noch hohe Geldstrafen an. Die Menschen in dieser Region haben die Wahl, auf Unfälle zu verzichten.

Selbstbewusste Rehe und Fasane, sich langweilende Ärzte, Nachtschwestern, Versicherungsangestellte, Autoschlosser, Krankenwagenfahrer und Mitarbeiter des örtlichen Abschleppdienstes. Sie alle könnten für ein Sabbatjahr nach Cartagena gehen. Dort gibt es keine derart unsinnigen Regierungsbeschlüsse. Mir ist aber nur der Fall eines Rehs bekannt, das diese Möglichkeit nutzen möchte. Mit der Familie ist noch zu sprechen. Eine Auslandskrankenversicherung sollte möglichst zeitnah abgeschlossen werden. Sollte dem Reh in der Küstenstadt etwas zustoßen, gehören zu den Serviceleistungen der DKV die Vermittlung eines medizinischen Dolmetschers und die Organisation einer Besuchsreise durch Angehörige. Nachtschwester Ines ist noch unentschlossen. Die ständigen Gerüchte über die Departamentos del Chocó und de Norte de Santander in den abgelegeneren Teilen Kolumbiens. Landminen und Scopolamin. Zandschow ist ein Nest im äußersten Norden. Ein Feuerlöschteich im Zentrum. Wohncontainer. Getränke-Wolf. Apfelbäume. Wenn hier alle stranden, denen bei diesem Huckelpflaster ihr Hundehalsband vom Armaturenbrett rutscht, braucht man sich um diese Walachei keine Sorgen mehr zu machen. Claasen hat nachgeholfen. Ist rechts rangefahren. Zandschow.

Mein Aussteigen dauert Monate. Das Halsband stellt sich quer. Sonntags. Kaum Betrieb. Wäre ich hier nur an einem Dienstag oder Donnerstag rechts rangefahren. Die großen Abstände zwischen den Trauerweiden am Teich verhindern die Gedanken an Nahrung, Genussmittel und Wohnraumbehörden. Aber in umgekehrter Reihenfolge. Mein Aussteigen ist auch immer wieder das Einsteigen. Ich sehe nach, ob ich meine Papiere und Dokumente im Handschuhfach vollständig beisammenhabe. Die ADAC-Karte brauche ich gerade am wenigsten. Ihre Helligkeit nervt. Im Halsband selbst gibt es für die verbrauchte Luft kaum Möglichkeiten zu wenden. Nach einigen Tagen und Wochen, ich fahre immer an der gleichen Stelle rechts ran, ist mir aufgefallen, dass ich mit den Einheimischen eher beim Einsteigen ins Gespräch komme als beim Aussteigen. Einige Kilometer vorher lasse ich das Fenster auf meiner Seite herunter. Die Gegend wirkt arm, aber nicht gefährlich. Ich steige aus und wieder ein. Am Teich. Zwischen den Bäumen. Aus und wieder ein. Aber in umgekehrter Reihenfolge. Ich bin nachlässig gekleidet. Auf dem Beifahrersitz liegen weder Bücher noch großspurige Zeitungen. Ich lege das Halsband ans Ufer und versuche, aus einiger Entfernung mit Steinen das Gleichgewicht im Innern herzustellen. Habe ich den fünften Stein im Kreis platziert, darf ich hierbleiben. Um die hilflose Art, hierbleiben zu wollen und von den Dorfbewohnern aufgenommen zu werden, noch etwas mehr zu betonen, bemühe ich mich im Sitzen darum, die Steinchen ins Zentrum zu befördern. Habe ich den siebzehnten Stein im Kreis platziert, muss ich zwölf Steine wieder rausnehmen. Ich hoffe, dieses Besiedelungsmodell findet hier keine Anwendung. Keine Sorge. Ich steig ja schon wieder ein.

Ich kann nicht verhehlen, dass mir die beiden Sklaven bei Getränke-Wolf Angst machen. Aber mein Hundehalsband hat für mich entschieden. Ich werde in Zandschow bleiben. Wolf hat diesen Laden nach dem Tod seiner Eltern geerbt. Im hinteren Lager steht eine Sonnenbank aus der Prestige-Serie von Ergoline. Wie hier UV-Licht und rotes Beauty Light per Knopfdruck zur Wunschbräune führen, bringt einen schier um den Verstand. Hautpflege inklusive. Über dreihundert ausgesuchte Farben und Lichtanimationen im Innenraum. Sansibar, Apfelblüten. Afrikanische Biere in den Regalen. DjuDju Banane. Mongozo Palmnut. Windhoek Lager. Wolf vertickt die Getränke zu Schleuderpreisen. Seine Großeltern hatten ihren Kindern viel Geld hinterlassen. Um aus Zandschow rauszukommen, blieben sie in Zandschow. Kauften technisch hochwertige Geräte. Eine Sonnenbank und einen Primera LX 900e Vollfarb-Etikettendrucker mit separaten Tintentanks für Zyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Das DjuDju Banane schmeckt wie Maternus Gold ohne Banane. Das Mongozo Palmnut könnte man mit einem Perlenbacher Pilsner verwechseln. Und das Windhoek Lager neigt zur bitteren Frische eines Grafenwalder Strong. Wolf bringt neben den Getränken auch noch Waren des täglichen Bedarfs an den Mann. Wer sich bei ihm mit Bier versorgt, darf für eine halbe Stunde nach Sansibar. Seine Verbindungen in die Stadt sind bekannt. Er ist mit vielen Künstlern und Betriebswirten aus der Umgebung befreundet. Die selbst entworfenen Etiketten auf den Flaschen treiben den Alkoholgehalt in die Höhe. Palmen im Horizontboden. Und anstelle eines Sonnenuntergangs ein paar Flamingos in den vielen unverkennbaren Salzseen dieses Kontinents.

Den Feuerlöschteich könnte man auch getrost für keinen Feuerlöschteich halten. In der Mitte eine Insel. Bäume und Bänke am Ufer. Michamvi Beach. Zwölf Tische auf der Restaurant-Terrasse. Jede volle Stunde setzt ein Boot zum Eiland über. In den Stoßzeiten bleiben wir lieber am Strand. Wir haben uns angewöhnt, sowohl die Frauen als auch die Männer, an den Tagen, an denen wir dazu neigen, den Indischen Ozean mit unseren Füßen zu betreten, den Indischen Ozean in Zandschow mit unseren Füßen zu betreten.

Die Chemie stimmt im Norden, aber hätte die Vynova Group ihre beiden Produktionsstätten für die Chlorherstellung wie geplant in Zandschow und Höverlake errichtet, hätten die Einheimischen und die Zugewanderten ihren Lebensmittelpunkt an der Küste verloren. Sansibar, die Wunschbräune ehemaliger Fabrikarbeiter und Hundebesitzer. Um die sichere Rohstoffversorgung über Seehäfen und Pipelines zu gewährleisten, war die ChemCoast im letzten Moment auf die Standorte Voslapp und Rüstersiel ausgewichen, direkt an der südlichen Nordsee gelegen, mit Zugang zu tieferem Fahrwasser. Als das bekannt wurde, gab es am Strand kein Halten mehr. Weil die Dorfbewohner mit dieser Mitteilung zufrieden waren, drückten sie die Eins.

Jedes Jahr um diese Zeit organisiert Wolf am Teich das Darajani-Fest. Er spannt Hängematten zwischen den Bäumen auf, lässt Kanus aus dem Landesinneren an die Strände ziehen, verteilt Obst und Gewürze an das Partyvolk, schenkt Windhoek Lagerbier auf eigene Kosten aus und organisiert die Überfahrten zur Insel. In den Stoßzeiten bleiben wir lieber auf dem Eiland und besetzen alle zwölf Tische. Rudert ihr doch zum Nakupenda Beach rüber, wenn es euch hier zu voll ist. Die Arbeitersiedlung von ChemCoast ist nahezu unbewohnt. Erst die Industrie, dann die Unterbringung für die Werktätigen, aber in umgekehrter Reihenfolge. Claasen ist nur selten zum Schlafen dort. Seine Tür verriegelt er dann von innen mit einem Balken. Spartanische Einrichtung. Matratze. Tisch. Stuhl. Wandschränkchen. Stehlampe. Hometrainer. Das Halsband am Fensterknauf. Die Nächte verbringt er lieber mit den Einwohnern an der Küste.

Im El Santisimo, in der Calle del Torno, sind im Preis für das Abendessen für zwei Stunden auch sämtliche alkoholischen Getränke eingeschlossen. Nachtschwester Ines ist jetzt doch für ein Jahr nach Cartagena gegangen. Die ständigen Gerüchte über die Departamentos del Chocó und de Norte de Santander, die meilenweit von ihrer Stadt entfernt sind, konnten sie letztlich nicht abschrecken. Innerhalb der Mauern Cartagenas patrouillieren täglich zweitausend Polizisten. Die weniger frequentierten Gegenden wie Getsemani und La Matuna lässt sie in den Nächten links liegen. In den Bars stülpt sie eine Schmuckschale in Terrazzo-Optik über ihren Coco Loco, aus Angst vor fremdem Speichel und Scopolamin. So stellt sie sich auch ihr Haus später vor. Eine meterdicke, weiße, bewohnbare Säule mit Kopfbrüstung im Hochland von Cartagena. Einen milchigen Eiswürfel als Fahrstuhl. Dauerverwöhnte Frische im Lift. Unantastbare Kabinenmaße. Sie arbeitet im Hospital Naval, um ihre Ersparnisse etwas aufzustocken. Tagsüber sitzt Nachtschwester Ines in der Sprachschule neben einem Reh und hat das Gefühl, das Reh würde schon nach einer Woche eine höhere Sprachkompetenz aufweisen als sie. Dieses Wild haust wie Ines im La Estrella, in einem Zelt unter einem Strohdach, fast am Strand. Die Standorttreue, die man Rehen gewöhnlich nachsagt, ist diesem Tier einfach nicht gegeben. Erst an deutschen Autobahnen herumlungern, jetzt in einer Sprachschule im Ortsteil San Diego Spanisch lernen und sich nachts zum Schlafen in eine Hängematte legen. Livesalsa mit kubanischen Trompeten. Kleinstes Hauptgericht. Arepa mit Butter und Salz. In den zwei Stunden, die Ines und dem Reh zum Trinken bleiben, zelebrieren sie ihre nahezu magische Aufenthaltsgelassenheit. Das Reh kann im Suff auf Spanisch schon einen Satz sagen. Ich möchte meinen Taxischein machen. Es hat noch keine Punkte in Flensburg, eine zweijährige Praxis beim Überqueren von Verkehrsinseln und eine gute Orientierung bei schlechter Witterung. Das polizeiliche Führungszeugnis muss zeitnah aus Wilhelmshaven rübergefaxt werden. Die letzte augenärztliche Untersuchung liegt Jahre zurück. Die Standorttreue gegenüber der Hängematte in der Nähe des Strandes wird dem Reh nicht zum Verhängnis. An den Wochenenden bleibt die Sprachschule in San Diego geschlossen.

Im September veranstaltet Wolf an der Küste die Francis-Drake-Festspiele. Die Blockade von Cartagena steht auf dem Programm. Gelost wird, wer Drake, wer Engländer, wer Spanier und wer Sklave sein soll. Dafür hat Wolf das Halo-Fischglas, 30 Liter, von seinem Schreibtisch genommen und auf eine Bank am Ufer gestellt. Nur noch zwei auf Lager. Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, haben auch ein Kieselsteinset und Magnetscheibenreiniger gekauft. Wolf beschriftet Papierchen, faltet sie sorgfältig, vertieft mit Büroklammern ihre Schmuckhaltigkeit und legt sie auf den Boden des Aquariums. Die Rolle der Sklaven ist seit Jahren die begehrteste. Voller Verachtung sinnen sie auf Rache. Die spanischen Gefangenen werden in Booten an Land gebracht. Drake muss seine Cimarrones, mit denen er sich zuvor verbündet hat, zurückhalten, damit sie den feindlichen Soldaten kein Leid antun. Es ist ihnen lediglich erlaubt, die verhassten Europäer, sobald die Küste in Sicht ist, ins Meer zu stoßen. Die entflohenen schwarzen Sklaven stellen zu jener Zeit die größte Gefahr für die Kolonisten dar. Der Höhepunkt der Festspiele ist immer die Ausstrahlung der mehrteiligen Fernsehserie »Die Abenteuer des Sir Francis Drake« auf einer Kinoleinwand am Strand zwischen den Palmen. Von den dreizehn Episoden, die neunzehnhundertsiebenundsechzig in der ARD ausgestrahlt wurden, schafften es immerhin sechs Folgen neunzehnhundertfünfundsiebzig in das DDR-Fernsehen. Claasen war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Segelte die Golden Hind unter vollen Segeln in die Wohnzimmer und schoss eine Breitseite ab, sonntags gegen fünfzehn Uhr, wollten alle Diego, Drakes Sklave, sein. Eine Wahl der Episoden kann erst nach Wahl der Sprache erfolgen, aber in umgekehrter Reihenfolge. Uneingeschränkte Kaufempfehlung für Chemiearbeiter und Hundebesitzer. Neunzehnhundertfünfundsiebzig war überhaupt ein gutes Jahr für die DDR-Führung. Denn es gab auch »Die Männer von Saint Malo«. Die Franzosen, die in dieser Serie in Saint-Malo und in der Karibik gegen die Engländer und Spanier kämpften, hatten ebenfalls gute Piraten. Nicolas de Coursic war unser zweiter Held, falls zum Fasching zu viele von uns als Francis Drake gehen wollten. Die erste Folge war Anfang November an einem Montag zu sehen. Die Golden Hind war die Sémillante, aber in umgekehrter Reihenfolge. Die kleinste Revolution konnte daher in den nächsten sechs bis zwölf Wochen nur an einem Dienstag beginnen. Neunzehnhundertfünfundsiebzig war überhaupt ein gutes Jahr für unsere Eltern. Samstags gab es Zitronentörtchen von Gager, an den Sonntagen lief Francis Drake, und montags nannten wir uns Nicolas de Coursic. Nur die Lose mit dem Buchstaben s schwimmen am nächsten Morgen auf dem Wasser. Weil die Spanier und die Sklaven mit dem gleichen Buchstaben beginnen, nennt man die Geknechteten in Zandschow Cimarrones.

Aber die Chemie stimmt im Norden, Wolfs Getränkeladen besteht zum größten Teil aus Asbestzement. Ein Umbau ist während der Feiertage ausgeschlossen. Kann das Brechen der Innenplatten nicht vermieden werden, wäre ein umfangreiches Nässen dieser Materialien und das Auflegen feuchter Tücher sinnvoll, um eine Staubfreisetzung zu unterbinden. Bei den Hygienemaßnahmen wird darauf hingewiesen, dass für Asbestzementbaustellen, die länger als ein paar Tage dauern, eine Duschmöglichkeit oder eine Sonnenbank zum Entspannen vorhanden sein muss. Eine Studie hat gezeigt, dass die beiden Hilfskräfte gegenüber Asbest etwa dreihundertmal empfindlicher sind als Ratten. Also überlegt Wolf, aus gesundheitsdienlichen Gründen, sein Personal durch Ratten zu ersetzen. Hamster sind gegenüber diesen Giftstoffen sogar noch unempfindlicher als Ratten, aber man kann ja auch nicht ständig die Höhe der Ladentheke korrigieren. Ohne Tierversuche keine Zukunft für Zandschow. Mitarbeiter der Vynova Group wollen im kommenden Frühjahr nach den Ratten sehen. Das DjuDju Banane schmeckt wie Maternus Gold ohne Banane. Das Mongozo Palmnut könnte man mit einem Perlenbacher Pilsner verwechseln. Und das Windhoek Lager neigt zur bitteren Frische eines Grafenwalder Strong. Wolf verkauft neben den Getränken auch noch Waren des täglichen Bedarfs. Wer sich bei ihm mit Bier versorgt, darf für eine halbe Stunde nach Sansibar. Die Cimarrones, die nicht mehr hinter dem Verkaufstresen stehen, sind jetzt für die Flurbereinigung an der Küste zuständig.

Claasen borgt sich das Halo-Fischglas bei Wolf aus, ein Sturm hat Bahnstrecken und Wälder außerhalb des Aquariums verwüstet, aber in umgekehrter Reihenfolge. Entwurzelte Bäume und landwirtschaftliche Nutztafeln auf den Gleisen. Claasen beschriftet Papierchen, faltet sie sorgfältig, vertieft mit Büroklammern ihre Schmuckhaltigkeit und legt sie auf den Boden der Lostrommel. Drei Volltreffer, der Rest Nieten. Ist eine Bahnstrecke wieder zugänglich, soll zuerst ein Zug ohne Fahrgäste durch, bevor sie wieder für den Verkehr mit Passagieren freigegeben werden kann. Claasen hat die Strecke, die es betrifft, herausgefunden. Er hat recherchiert, von wo aus die Fahrt beginnt, und die drei Glücklichen nachts in seinem Auto zu diesem Bahnhof gefahren. Seine Verbindungen in die Stadt sind bekannt. Er ist mit vielen Beamten und Reinigungskräften befreundet. Wolf selbst, eine Ratte und ein Mann in feindlicher Uniform verbringen ihren Kurzurlaub in einem Zug zwischen Oldenburg und Sande. Das fehlende Bordrestaurant hat fast mehr von der Landschaft als sie. Die Ratte kapiert nicht, warum sie mit ihrem Kellnerauftritt zwischen den Abteilen bei Wolf nicht punkten kann. Der Soldat steht am geöffneten Wagenfenster und kann nicht aus seiner Haut. Er begreift den Flusslauf nicht mehr, der gleich neben den Gleisen liegend zum Stehen kommt. Gedrosselte Geschwindigkeit. Streckenaufenthalte in Zeitlupe. Sägespurverwehungen. In Rastede muss etwas auf den Gleisen gelegen haben.

Nachtschwester Ines hat im Hospital Naval mit Unfallopfern zu tun, die in der Calle del Torno von einem Reh im Taxi über den Haufen gefahren wurden. Knochenbrüche, bis in die Hauseingänge geschleppte Wälderreste, Feuchtigkeitsgezucke im Lift. Die Rolle der Rehe ist seit Jahren die begehrteste in Cartagena. Voller Verachtung sinnen sie auf Rache, haben noch keine Punkte in Flensburg, eine zweijährige Praxis beim Überqueren von Verkehrsinseln und eine gute Orientierung bei schlechter Witterung.

Die Nächte verbringt Claasen mit den Arbeitern an der Küste. Wer sich bei Wolf mit Bier versorgt, darf für eine halbe Stunde nach Sansibar und hat einen freien Internetzugang. Wolf hat alles, um aus Zandschow herauszukommen. Um aus Zandschow herauszukommen, bleibt er in Zandschow. Äffchen auf Treibematten in der Lagune. Und anstelle eines Sonnenuntergangs ein paar Palmen und Flamingos in einem der vielen unverkennbaren Salzseen dieses Kontinents. Ob mich die Affen durch den Urwald rollen. Ob meine Stimme im Ernstfall nachbearbeitet wird. Ob es Wörter gibt, die keine Alternative haben. Ob wir beide wissen, dass mit Sentimentalitäten keine Liebe wieder in Ordnung zu bringen ist. Ob mein neues Leben mein altes Dasein nur überrumpelt hat. Ob Silje schon schläft. Ob der Weltkrieg im Erdgeschoss vorbei ist. Ob Weißäuglein wieder umkippt. Ob sich das Leben hier lohnt. Aber alles in umgekehrter Reihenfolge. Aber auch, ob Silje schon schläft.

Ein Rest von Überlandwärme auf der Tastatur. Die Arbeitersiedlung von ChemCoast ist nahezu unbewohnt. Erst die Industrie, dann die Unterbringung für die Werktätigen, aber in umgekehrter Reihenfolge. Claasen ist nur selten zum Schlafen dort. Seine Tür verriegelt er dann von innen mit einem Balken. Spartanische Einrichtung. Matratze. Tisch. Stuhl. Wandschränkchen. Stehlampe. Hometrainer. Das Halsband am Fensterknauf. Die Nächte verbringt er lieber mit den Einwohnern an der Küste.

Du warst zuletzt um drei Uhr vierzehn online, zu einer Zeit, in der selbst Schiffe knien, die Straßenzüge geben sich den Anschein, Container in die Walachei zu ziehen, Container sind in Wahrheit Halbwahrheiten, wir lassen Lose zu und nehmen Drinks, erraten seelische Befindlichkeiten anhand von einer Reihe Youtube-Links, Kontakt zwischen Gelenken geht verloren, beim Werfen eines Steins an ein Metall der Siedlung, die sich dadurch leicht verschiebt, du bist noch wach und dazu auserkoren, zu unterscheiden zwischen Dorf und All, ich bleib am Bildschirm, bis mich jemand liebt.

II

Cartagena, Rehtagebuch

La Estrella, erster Juli. Mit dem Taxi nach Galerazamba gefahren. Habe mir ein Zimmer im Hostel genommen. Es sind nur ein paar Schritte bis zum Meer. Bett mit Moskitonetz. Jackenhänger. Wenn ich im Bad stehe, kann ich mein Auto sehen. Musste an meine Mutter und an mein Schwesterchen denken. Das Leben auf den Autobahninseln. Zandschow und Höverlake. Dusslig rumstehen und Durst haben. Ich hatte alles so restlos satt. Die militante Unentbehrlichkeit der Angehörigen im Betreuungsfall. Die Verschwendungssucht der Selbstgerechtigkeit. Die moralische Angriffslust der Empörung. Im glücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, die du liebst. Im unglücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, kurz vor deinem Tod, die dir egal sind. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif liegt bei fünftausend Pesos. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Ich fahre für einen privaten Anbieter. Er hat seine vier Fahrzeuge umspritzen lassen. Gelb und weiß. Mein Taxi ist weiß. Ich glaube, ich mache das jetzt jedes Wochenende. Die Deutsche nervt. Mein Vater weiß nicht, dass heute Spanien spielt.

Nachricht von meinem Schwesterchen, ich weiss, dass es Zeiten gab, in denen du auch eine Hilfe warst. An diese Zeiten kann ich mich nicht erinnern. Ich fahre jetzt Taxi. Wäre ich ein Tiger oder ein Wolf, gäbe es euch alle schon lange nicht mehr. Mein Starttarif beläuft sich auf siebentausend Pesos. Wer damit Probleme hat, soll wieder aussteigen oder wird zur Entsorgung in die Walachei gefahren. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Wird ein Officer von einem Touristen gebeten, ein Taxi zu rufen, und ich bin gerade in der Nähe, stelle ich meinen Taxameter auf zweitausendfünfhundert Pesos zurück. Dann kann ich mir sämtliche Umwege sparen, da Adresse, Kennzeichen und Sitzpolsterungsfarbe bekannt sind. Einmal zum Supermarkt und zurück. Einmal ist es meiner Mutter zu Lebzeiten passiert, dass sie vom Hamburger Flughafen über Duvenstedt und Bargteheide an die Binnenalster gefahren wurde. Solche Taxifahrer sollte man auf der Stelle rein kolumbianisch aus dem Verkehr ziehen. Allerdings hatte sie mir verschwiegen, dass der Fahrer sie so schön fand und mit ihr den längsten Nachmittag ihres Lebens bei seinen Eltern in Kaltenkirchen verbrachte. Aber in umgekehrter Reihenfolge. Über Kisdorf-Feld und die A7 nur fünfundvierzig Minuten. Mein Vater war außer sich, als er zu Hause am Telefon hörte, wie sehr sie bei dieser Fahrt betrogen worden war. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif liegt bei neuntausend Pesos. Ich glaube, ich mache das jetzt jedes Wochenende.

Heute hatte ich das Gefühl, mit einer Luftdruckpistole das Mittelmeer beenden zu können. An seiner flachsten Stelle. Es könnte Tausende von Jahren dauern. Riesige Felder. Aber an den schlammigen Ufern keine Andenkenbuden mehr. Keine Regale mit Silberschmuck und Flugdrachenschnüren. Nie mehr. Nur Wasserkanister und Schlangenschutzmittel. Zum Einreiben oder zum Sprühen. Zum Implantieren. Highways nach Nordafrika rüber. Sechsspurig. Neunspurig. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif beläuft sich auf elftausend Pesos. Ich bin anständig genug, um zu wissen, wo die Grenzen sind. Es regnet, Schwesterchen, schick jetzt keine SMS. Wenn ich Mitglied der Regierung wäre, würde ich mich darum bemühen, den europäischen Aufsichtsmechanismus zu verbessern. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Ich weiß, dass ich mich weigern werde, dich diese Zeilen lesen zu lassen, Mami. Wenn dich mein Schwesterchen anruft, sag ihr, dass ich sie nicht mehr beschützen kann. Wenn du das vergisst, ist es auch nicht so tragisch. Beschützen hin oder her. Aber in umgekehrter Reihenfolge.

Mein Schwesterchen schrieb mir, dass in Tsetsefliegen relativ wenig Zebra- oder Pinguinblut zu finden ist. Sie bevorzugen eintönige Oberflächen. Für Vater ist sie immer das Reh gewesen. Mein Taxi ist weiß. Keine Ahnung, wie lange ich diesen Showdown hier noch überlebe. Geographisch sollte bald alles möglich sein. Kaltenkirchen, Afrika, Galerazamba. In Cartagena werden die Zebrastreifen auf der Avenida Pedro De Heredia nie von streunenden Raubtieren oder von den Fliegen auf überfahrenen Kadavern angegriffen.

Mercado Bazurto, elfter Juli. Papageienfische und rote Schnapper. An einem der Stände kaufte ich mir für zwanzigtausend Pesos ein Nationalmannschaftstrikot von Valderrama mit der Rückennummer zehn. Ich legte mich in diesem Trikot, nach einem Tritt des Fischhändlers, minutenlang mit schmerzverzerrtem Gesicht vor die Bottiche des Blumenverkäufers. Dort versprach ich mir eher Zuspruch als vor den Tischen mit Nippes und Elektrogeräten. Ein paar Araber trugen mich in einen Teppich gerollt vom Spielfeld. Es war ein Wunder, dass ich diesen Tritt ohne zukünftige Leiden überhaupt überleben konnte. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif liegt bei dreizehntausend Pesos. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Von meiner Mutter habe ich das Übertreiben gelernt, das Übertreiben aller erdenklichen Dinge. Wenn ich sie fragte, Mami, was denkst du, wie teuer diese Baumrinde hier ist, wenn gerade keine Baumrinde zur Hand war, sagte sie, ohne zu zögern: eine Millionen Mark. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif beläuft sich auf fünfundzwanzigtausend Pesos. Ich glaube, ich mache das jetzt jedes Wochenende.

Als ich mit meinem Schwesterchen noch im Wald lebte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mal für ein Jahr nach Kolumbien zu gehen, Spanisch zu lernen und dort meinen Taxischein zu machen. Im Falle des Ablebens unserer Eltern möchte ich mir von meinem Schwesterchen für die Dauer meines Aufenthaltes in Cartagena einen Trauerplan erstellen lassen. Montags von zwölf Uhr fünfzehn bis vierzehn Uhr an Fruchtsäfte, Tablettenrationen und an die Geschenke für die Pfleger denken. Wenigstens daran denken. Mit dem Taxi heute nach Galerazamba gefahren. Mein Taxi ist weiß. Dienstags nach dem Aufstehen eine Nummer anrufen, die es nicht gibt, und sich dann in einem für alle Seiten verlässlichen Zwei-Stunden-Takt im Augustenstift und im Haus Lankow nach dem Wohlergehen der Eltern erkundigen. Ich habe vorher noch nie einen Papageienfisch gesehen. Mittwochs von siebzehn Uhr fünfzehn bis neunzehn Uhr zwanzig das Abendbrot so zu uns nehmen, als wären unsere Hände die Hände der Pfleger, die uns das Essen und das Trinken reichen. Das Brot mit Streichkäse auch mal abwehren. Die Lippen vor dem Reiterchen zusammenpressen. Mit dem Kopf schütteln. Hoffentlich bekomme ich in Kolumbien keine Zahnschmerzen. Donnerstag kurz vor dem Mittagessen sich auf das Mittagessen freuen. Mehr gibt es tagsüber nicht, worauf man sich sonst freuen könnte. In diesen Sälen können wir immerhin etwas zu uns nehmen und gemeinsam stundenlang Dinge erleben. Es wäre von Vorteil, das Umfeld für das Kreativpersonal zu optimieren. Die Deutsche soll sich nicht so haben. Knochenbrüche von Wälderresten. Ich bitte dich, freitags vor der Bettruhe so zu tun, als hätten wir Windeln um und könnten uns an früher erinnern. Meine Mutter genoss das Leben in all seiner Wildnis und Vergeblichkeit. Als mein Vater fünf Jahre später in mein Bett sah, lag mein Schwesterchen drin und war noch kein Reh. Ich hatte nie etwas übrig für seine tolerante Gnade. Ich war das Mitbringsel meiner Mutter. Mein Taxi ist weiß. Der Starttarif liegt bei vierzigtausend Pesos. Man muss ja sehen, wo man bleibt. An den Wochenenden, an den Samstagen, an den Sonntagen, an allen Wochenenden von morgens bis abends an mein Schwesterchen denken, wie sie im Zug unterwegs ist, die Taschen voll mit Getränken, Arzneimittelvorschlägen, Äpfeln, Bananen, Haselnussschnaps, Paprika, Erdnüssen, Prinzenrollen, Reinigungstüchern, Haartuchtrocknern, Bettwäsche, Versicherungsbriefen und Personalüberprüfungsanalysen. Wenn ich nur wüsste, wo diese Heime liegen. Wenn ich doch nur eine Ahnung hätte, wie sich das Betreuen vom Besuchen unterscheidet. Vom Bahnhof nimmt sie das Taxi, geht zu Fuß oder fährt mit der Bahn. Alles an den Wochenenden. An ihren Wochenenden. Als hätte sie nichts anderes zu tun, als mir in ihrer wahnhaften Besessenheit mein Versagen aufzuzeigen. Während ich Spanisch lerne. Während ich an meinen Taxischein glaube. Während ich an den Wochenenden, vor allem an meinen Wochenenden, nach Galerazamba fahre, auf dem Mercado Bazurto im gelben Trikot von Carlos Valderrama die Papageienfische zähle, nach Kochrezepten für den roten Schnapper frage und mir ziemlich sicher bin, dass ich das jetzt jedes Wochenende mache.