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(Otchanganarriva, Ende August)
Meine liebe Masahlena,
ich darf das Wort Otchanganarriva nicht mehr so oft benutzen. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Jetzt geht es mir besser. Wir müssen so tun, als würden wir uns innerhalb einer Familie nahestehen, Masahlena. Hast du was genommen. Deine Pupillen sind so groß wie zu große Pupillen. Du frierst. Oder bin ich das. Ich kann dich gerade nicht im Bett festbinden. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Wem die Wiederholungen hier zu viel werden, bitte vortreten. Haben wir noch etwas anderes als Wein im Haus, Masahlena.
So weit aus dem Brief eines Unbekannten. Alles, was wir von ihm wissen: Er ist der Held in Thomas Kunsts neuem Roman Masleboi. Er lebt in Otchanganarriva. Er verbringt seine Zeit damit, sich mehr und mehr der Menschheit zu entziehen. Er sammelt Konservendosen. Er lebt mit den Dosen zusammen. Er löst die Etiketten von den Konserven, um sie als Material für den Bau seiner Einrichtungsgegenstände zu benutzen. Bett. Tisch. Briefkasten. Blumenbehälter. Und Masahlena? Auch über sie ist wenig bekannt. Nur dass sie sich allen Erwartungen und Konventionen entzieht. So wie auch Thomas Kunsts wilde, formsprengende, überbordende Prosa.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2026
Thomas Kunst
Masleboi
Roman
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2026.
Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026
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Umschlaggestaltung und -illustration: Rothfos & Gabler, Hamburg
eISBN 978-3-518-78624-6
www.suhrkamp.de
Es ist jetzt die Jahreszeit, in der kleine Colleges mit indianischen Namen und niedrigstelligen Postfachnummern mir schreiben, die Fakultät und die Studentenschaft hätten mich einstimmig auserwählt, Ehrendoktor der Philosophie zu werden. Gestern habe ich zweien abgesagt. Und während ich das sage, werde ich dreien zusagen.
Den ganzen Tag im Bett: ein wunderschöner Tag; aber ich werde die Schönheit der Welt nicht als Vorwurf auffassen.
John Cheever, Tagebücher
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Motto
I Masahlena in Nature
II Otchanganarriva
III Expeditionen
IV In einem anderen Leben
V Outer Banks
VI Swell Wood Village
VII Legende von der Dorfkapelle
VIII Floating Cabins
IX Leolana III
X Anarene
XI Song von den Winden im Winterpalais
XII Vom Drama der Folklore in den Eisgebieten
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Masleboi
I
Ich brauche nur Bretter und Dosen, Bretter, Bestecke und Dosen. Mais-Mexiko-Mix. Erasco Texas-Topf. Hühner-Nudel-Topf. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Die mit einem Reißnagel am Jalousiekasten befestigten, herunterhängenden, bernsteinfarbenen, futuristisch geschlungenen Gangways der Fliegenfänger. Die Ungeduld beim Herausziehen des Twisters aus seiner Hülse, mit Hilfe der roten Schlaufe. Wie oft hielt ich dieses Bändchen allein in der Hand, bei dem Versuch, den von innen und außen beleimten Papiertunnel in einen gewölbten, irreführenden, nicht mehr ganz intakten Laufsteg für die aus feuchter Dosenerde aufsteigenden Insekten zu verwandeln. Bei der Landung hören ihre Beine oder Flügel auf zu atmen. Je nachdem, mit welchem Körperteil sie an den Lockstoffen der Wendelstraße Feuer fangen. Unbedenkliche Öle und Fette für Küchen, Tierzimmer und Wohnbereiche. Mein Tisch steht auf Dosen. Dreistern Rindfleisch. Eifeler Schweinefleisch. Meine Matratze liegt auf eng nebeneinanderstehenden Dosen. Dosen als Abstandshalter für meine Regale. Burgunder Gulasch. Serbischer Bohneneintopf. American BBQ. Nichts als Dosen überall. Ich nehme zwei Dosen aus dem Regal im Einkaufsmarkt und stelle eine wieder zurück. Am nächsten Tag nehme ich drei Dosen aus dem Regal und stelle zwei wieder zurück. Meine Haustür in Otchanganarriva besteht nicht aus Dosen. Erasco Texas-Topf. Mais-Mexiko-Mix. Nur noch neunzehn auf Lager. Ich kaufe und bestelle Dosen. Ich nehme zwei Dosen aus dem Paket und stelle eine wieder zurück in den Karton. Am nächsten Tag nehme ich drei Dosen aus dem Karton und lege wieder zwei zurück in das Paket. Ich habe den Wahn, meine Dosen schonen zu müssen. Bei einem Bürgerkrieg würde ich meine Möbel und Regale auflösen und sämtliche Dosen in die Nähe der Fenster schieben. Ich wohne weder im Erdgeschoss noch in einer der oberen Etagen. Aber ich möchte diesen Roman nicht mit einer Liebesszene oder mit einem Bürgerkrieg beginnen lassen. Die Angreifer können noch einkaufen oder Briefe schreiben. Ich lebe mit Dosen zusammen. In einem anderen Leben wäre ein Sessel schön. Aber mir fällt keine Dosenkonstruktion ein, in der ein Sessel haltbar und bequem sein könnte. Hähnchenbrustfleisch. Frikadellen in Tomaten-Käse-Sauce. Es ist nicht erwiesen, ob Dosen mit Fleisch nicht auch Dosen mit Gemüse sein könnten. Ich kratze die Etiketten unter heißem, fließendem Wasser mit einer Stahlbürste ab. Ich würde aber lieber Dosen mit Fleisch auf die Angreifer werfen. Ich kaufe keine Dosen mit Ring-pull-Verschluss. Ich brauche Aufgaben und die passenden Instrumente für später. In einem anderen Leben wäre eine Frau schön. Aber mir fällt keine Konstruktion ein, in der eine Beziehung haltbar und bequem sein könnte. Wenn wir beide, nachts, nach dem Toilettengang, nicht mehr einschlafen könnten, würden wir mit einem unserer Arme Mikado spielen. Du könntest deinen rechten Arm und ich meinen linken etwa vierzig Zentimeter hochheben, aber nicht so, dass es im Dunkeln verfänglich wäre. Du liegst links neben mir, deshalb hältst du deinen rechten Arm nicht so lange in der Luft, wie wir es uns beide aus Angeberei und Übermut noch nie getraut haben, einfach nur zum Abhaken, denn das gleichzeitige Anheben und Niedersinken unserer Arme würde eher dem Winken beim Abschiednehmen von Menschen oder einer Weltordnung ähneln. Du nimmst meinen rechten Arm hoch, aber nicht, um ihn länger hochzuhalten, sondern um unser Spiel zu beginnen, ohne dass sich die Bettdecke dabei bewegt. Wir bleiben bis zum Einschlafen großzügige Rivalen. Bei einem Bürgerkrieg würde ich sämtliche Dosen an die Wand unter den Fenstern schieben. Wir wohnen weder im Erdgeschoss noch in einer der oberen Etagen. Mein Briefkasten ist eine an die Haustür genagelte Dose mit Ring-pull-Aufreißvorrichtung. Hammer, Nagel, Vierkantfeile. Dosenlanger Nagel. Am liebsten würde ich an diese Adresse nur eng zusammengerollte Briefbögen bekommen, ohne Bändchen drum herum, denn es geht hier um Millimeter, Briefbögen, die sich beim auseinanderschleifenden Verlassen der Papierrundungen an der Doseninnenwand benehmen, als wären sie Wandbotschaften und keine Materialfehler, als würden sie von den enganliegenden zu den störrisch lässigen Informationseinheiten im Nachhinein auf Abstand gehen. Wir leben mit Dosen zusammen. Es geht hier um Millimeter. Wir sind hier sicher. Lass deinen Arm unten. Wir spielen nicht mehr. Wir schlafen auf Dosen, wenn die Angreifer kommen. Wenn wir wüssten, wie weit es von Otchanganarriva bis zu uns nach Hause wäre, könnten die Angreifer Mittagsschlaf machen. Ich dachte schon, du würdest nie fragen. Geh vom Fenster weg. Lass deinen Arm unten. Sei vorsichtig, das Fernglas könnte reflektieren. Wir sollten uns nach solch einem Abend nicht vor der Haustür verabschieden. Wir wohnen weder im Erdgeschoss noch in einer der oberen Etagen. Oder nur ich allein. Die gegossenen Pflanzen im Flur sollen Ruhe bewahren. Ich entscheide, wer in meinem Haus zu trauern hat, nur ich allein. Ich muss neues Epoxidharz bestellen. Die medaillongroßen Silikonformen mit den Aussparungen für die hindurch zu fädelnden Lederriemchen am Rand sind mir ausgegangen. Ich lebe gern in Otchanganarriva. In einem anderen Leben wäre eine Frau schön, eine schöne Frau schön. Aber man kann nicht alles haben. Ich lebe mit Brettern, Dosen, Mücken und durchlöcherten Medaillons zusammen. In einem anderen Leben wären deutlichere Insekten schön. Aber mir fällt keine Konstruktion ein, in der eine Beziehung zu deutlicheren Insekten haltbar und bequem sein könnte. Gewalt, Alkoholkonsum, Schimpfworte. Ich muss meine Katze von den Blumendosen fernhalten. Ohne Fliegenfänger und Epoxidharz kein Schmuck. Ohne Insekten keine Medaillons. Ohne Medaillons mit eingeschlossenen Trauermücken kein Überleben. Ich kann mit dieser Arbeit meine Rente ein wenig aufbessern. Getrockneter Kaffeesatz und Zündhölzer. Am Anfang meines Aufenthaltes hier versuchte ich noch, dieses Geschmeiß loszuwerden. Ich steckte Zündhölzer mit dem Schwefelköpfchen zuerst in die Erde, in der Nähe der Pflanzenwurzel. Ich goss sie, damit sie ihre aufgeweichten Schädel an die Unterwelt abgaben. Diese Hölzer um den Larvenbefall herum, so schmucklos und eindimensional, in einer Blumendose, hätten auch auf einem mexikanischen Friedhof ihre die Wurzelsterne begleitende Orientierung verloren. Es geht hier um Millimeter. Ich dachte schon, du würdest nie fragen. Ich sprühe die Silikonformen mit Trennspray ein, rühre mit Hilfe eines Tröpfchendosierers und eines Holzstäbchens Transparent-Orange-Farbe in das Epoxidharz, gieße zwei Teile Harz und einen Teil Härter bis zur Hälfte in die zwei Zentimeter tiefe Form, lege die vorher mit einer Nagelschere aus dem Fliegenband geschnittenen, kreisrunden Auffanglager mit einer angefeuchteten Pinzette in die Formen, nachdem ich sie mit einer Revolverlochzange an einer insektenfreien Stelle für die lochgroße Aussparungsumrandung gefügig gemacht habe, tropfe darüber wieder zwei Teile Harz und einen Teil Härter. Nach mehreren Stunden oder sogar Tagen drücke ich die Bernsteinklumpen mit den eingeschlossenen Insekten aus den Schälchen, ziehe die Lederriemchen durch die Anhängeröffnungen, fotografiere diese Ketten und biete sie auf meiner Schmuckplattform Masahlena in Nature zum Verkauf an. Ich habe nicht vor, die Menschheit mit meinem Schmuck zu bescheißen. Deshalb nehme ich nur wenig Geld für meine Arbeit. Die Anhänger an der Kette sehen echt aus. Ich muss gut zu den Mücken sein. Meine Katze darf nicht in dieses Zimmer. Sie würde am Fenster auffallen, mit ihrem geöffneten Mäulchen und den ausgefahrenen Krallen, bei ihren Sprüngen am Glas, ins Nichts. Bei einem Bürgerkrieg würde ich diese Produktion kurz aussetzen und mich nur auf meine Dosen konzentrieren. Um nicht aufzufallen, würde ich meine Pflanzen eine Zeitlang bewusst einer Trockenphase aussetzen. In einem anderen Leben wären anspruchslosere Pflanzen schön, Pflanzen, die ohne Licht, Feuchtigkeit und gleichbleibende Temperatur in einem Umzugszimmer auskommen. Sollten Katzen auf Trauermücken eifersüchtig sein, hätte unser gemeinsamer Aufenthalt hier noch nicht einmal begonnen. Mais-Mexiko-Mix. Erasco Feuer-Topf. Wir schlafen auf Dosen, wenn die Angreifer kommen. Lange Kleidung, Handschuhe, Schutzbrille und eine Atemmaske sind vonnöten, um durch diese Zeit zu kommen. Wenn die maximale Gießhöhe, die auf den Flaschen angegeben ist, überschritten wird, kocht das Harz auf und wird extrem heiß. Die Gebinde sollten nach dem Gebrauch sofort wieder verschlossen werden. Ich achte darauf, dass die Zimmertemperaturen unserer Wohnung in Otchanganarriva immer zwischen zwanzig und dreiundzwanzig Grad Celsius liegen. Wir wohnen weder im Erdgeschoss noch in einer der oberen Etagen. Bei zu hohen Temperaturen verkürzt sich die Tropfzeit, bei zu niedrigen Wärmegraden verlängert sie sich. In den Aushärtungszeiten verlasse ich immer mein Zuhause, treibe mich nächtelang in Spelunken und Bars rum, da ich auf diese Art, beim Betreten der Wohnung, nie sofort in der Lage bin, meine neuen Schmuckstücke zu kontrollieren. Würdest du mit deinem Ankommen bitte warten, bis ich eingeschlafen bin, Masahlena. Ich kann mit diesem Schlaf meine Rente ein wenig aufbessern. Einmal in der Woche gehe ich zur Post, um die gewünschten Artikel zu versenden. Bernsteinfarbene Medaillons mit drei, fünf, neun, zwei, sieben oder mehr als elf eingeschlossenen Insekten. Je weniger Insekten im Einschlussgebiet, umso teurer der Anhänger. Oft bin ich gedankenlos beim Ausschneiden der kreisrunden Felder, weil ich nie im Blick habe, dass es auch noch Trauermücken auf der Rückseite des Fliegenbandes gibt, die als winzige, durch eine Nagelschere halbierte Einheiten zurückbleiben könnten, aber bei solchen Dimensionen überhaupt von halbierten Formaten zu sprechen, kommt mir ein wenig zu pedantisch vor. Diese Tiere sind zwar sehr klein, aber auf der Vorderseite oder auf der Rückseite des Klumpens wäre schnell zu erkennen, ob mit den gleichen Richtwerten gearbeitet wurde und ob man in einigen Tausenden von Jahren noch davon ausgehen könnte, welche der Insektenausmaße in ihrer Ausgeschlafenheit die damals gültige war. Ich konnte es mir nicht leisten, die beschädigten Tiere auf der Unterseite zusammen mit den unzerschnittenen Mücken auf der Vorderseite einfach so zu entsorgen. Irgendwann würde diese Geldquelle in Otchanganarriva für mich wegfallen, für uns wegfallen, Masahlena. Unser neues Zuhause war sicher. Niemand kannte uns hier. Dass wir unsere Vornamen nicht für uns behalten konnten, sollte uns später keinen unnötigen Gefahren aussetzen. Es gab Tage, an denen mir nicht mehr bewusst war, ob ich mit den Dosen, der Blumenerde, den Pflanzen, den Friedhofssteckern der Zündhölzer oder mit den Trauermücken sprach. Ich müsste erst googeln, ob mir überhaupt jemand von ihnen zuhören konnte. Mit Pflanzen und Tieren habe ich schon immer gesprochen. Aber nicht so, wie es Kinder tun. Versuche mal, mit einer Nagelschere einen etwa kreisrunden Abschnitt aus einem Fliegenband zu schneiden, auf dem sich Insekten ein für alle Mal verlaufen und ihre ersten Schritte gemacht haben. Du nutzt die Krümmung der Nagelblätter mit, beim Schneiden, musst aber mit dem abzuknickenden Handgelenk noch etwas über diese schon von Natur aus angebotene Krümmung hinausgehen, je nachdem, wie groß die Kreisfläche werden soll. Am Ende deiner Bemühungen sollte immer stehen, die Anschnittspitze nach der Umrundung an die Krümmung des Kreises anzupassen.
Ich habe nicht gegoogelt, ob man mit Fliegenfängern auch Trauermücken anlocken kann. Ich war ein Kind von der Küste. Da mich die Erde und das Sonnensystem nie interessierten, schenkten mir meine Eltern eine Hörspielkassette aus der WAS-IST-WAS-Reihe. Hier wird geschildert, wie sich die Sonne ausdehnt, sich in ungefähr einigen Milliarden Jahren von einem Gelben Zwerg in einen Roten Riesen verwandelt, die Planeten Merkur und Venus verschluckt und die Erde verbrennt. Danach schrumpft die Sonne, durch den Verlust ihrer äußeren Schichten, zu einem Weißen Zwerg, der etwa hunderttausend Grad heiß und so groß ist wie die Erde. Die Ozeane verdampfen aufgrund der steigenden Temperaturen schon in achthundertvierundfünfzig Jahren. Hoffentlich stürzen die Asteroiden dann eher auf die Weideflächen der Meeresböden als auf Kindergartenvorplätze und Bushaltestellen.
Dass Sterne sterben können, obwohl sie immer am Himmel sind, so weit entfernt von Hochwasser, Taifunen, Waldbränden, Flugzeugen und allen anderen Gefahren, will mir noch nicht mal als Erwachsener in den Kopf. Und wenn sich die Forscher verrechnet hatten, um einige viele Nullen verrechnet. Es konnte doch nicht sein, dass sich alles auflöst, die letzten Sterne ihren Brennstoff verbraucht haben und das Ende der Welt eine schwarze Wand ist, die ich niemals auch nur mit einem Stöckchen berühren würde, die elektrische Weidelinie meiner Kindheit, abgekühlt auf minus zweihundertsiebzig Grad, ohne Rindersysteme in der Nähe. Ich hatte nichts gegen die Kassette persönlich. Ich dachte, wenn ich sie nur verstecken oder wegwerfen würde, könnte sie jemand finden und von der gleichen Angst erfasst werden wie ich. Ich wollte noch nicht untergehen. Ich hatte Angst vor Gebirgen, die aus der Luft kommen, Angst vor verschmorten Eltern, die gerade unterwegs waren, nicht in der Küche, draußen. Ich musste diese Kassette für immer auslöschen. Ich wollte nichts davon wissen, dass auch andere Eltern, aus Unwissenheit und um endlich mal Ruhe vor ihren Plagegeistern zu haben, die Kinder mit ihren Rekordern allein in den Zimmern zurückließen. Ich legte die Kassette unter ein Stuhlbein und stellte Bücher und alles andere, was schwer war, auf die Sitzfläche, Schuhe, Bestecke, Suppenteller, auf den obersten kamen meine Zinnsoldaten. Zum Schluss, als noch immer nichts passiert war, setzte ich mich auf die Stuhllehne, barfuß, in die Nähe der Erdoberfläche. Ich war der Asteroid Bennu, der lautlos durch das All raste, wog vierunddreißig Kilogramm und hatte eine geringere Ausdehnung als von der Nasa angenommen. Wenn es mir gelungen war, das Szenario eines Einschlags vom vierundzwanzigsten September Zweitausendeinhundertzweiundachtzig so derart viele Jahrzehnte vorzuverlegen, dann konnten sich auch die Wissenschaftler bei der Berechnung der Sonnenausdehnung geirrt haben. Der Einschlag erfolgte vor der Bettruhe, es ging hier um Millimeter, die Kassette splitterte, aber das Gehäuse war nicht schuld am Weltuntergang.
Erst viele Jahre später wurde die Raumsonde Osirix Rex zum Asteroiden geschickt, um Bennu in einem aufwendigen Manöver eine Urinprobe zu entnehmen. Die Sonde befindet sich längst auf dem Rückweg. Im September zweitausenddreiundzwanzig soll sie diese Probe über der Erde abwerfen. Mit Hilfe von Fallschirmen wird sie am späten Nachmittag den US-Bundesstaat Utah erreichen. Als meine Mutter das Zimmer betrat, erklärte ich ihr die geheime Geisterburg für meine Indianer. Die Bücher waren die Dächer auf den Schuhen, in denen die Indianer ihre Pferde versteckten. Die Messer und Gabeln waren dazu da, die Leitern der Angreifer von ihrer Plattform in den Bergen wegzudrücken, dem Abgrund zu, im oberen Suppenteller fehlte noch Wasser, damit die Kinder baden und planschen konnten, aber alle Mütter umwickelten ihre Füße vorher mit Leder und Bändern, weil sie auf den komischen Steinen nicht stehen konnten. Die Fliegen waren die Adler über den Bergen oder über der Schlucht. Über den Bergen. Wie ich sie zeitlebens hasste. Dass der Stuhl etwas schief stand, hatte meine Mutter zum Glück nicht bemerkt. Ich sollte nun endlich schlafen.
Das Badewasser reichte schräg bis zum Rand des Tümpels. Je mehr Kinder nachts diese Stelle aufsuchten, desto eher musste ein Kind dabei sein, das aus Versehen barfuß war.
Am nächsten Tag baute ich meinen Asteroiden ab, zog die Reste des Sonnensystems unter dem Stuhlbein hervor und überlegte, nachdem ich die Zinnsoldaten vor dem Ertrinken gerettet oder bewahrt hatte, ob ich das meterlange Magnetband nicht gebrauchen könnte, um Stirnbänder, Gürtel, Gefangenenstricke, Markierungsbänder an Zweigen zur Orientierung, Lassos und straffe Handgeländer für Brücken daraus herzustellen. Die Indianer würden sich bedanken. Es wäre ein Tauschgeschäft. Mein Material dafür, dass sie mich vor Tagesanbruch beschützten, vor lästigen Adlern und wilden Erwachsenen. Ich knotete das eine Ende des Bandes am Fensterknauf und das andere Ende an der Stehlampe neben meinem Schreibtisch fest. Mit einem Pinsel bestrich ich die beiden Seiten der etwa zwei Meter langen Seilbrücke mit flüssigem Honig. Ich wollte endliche Ruhe vor den Adlern über der Schlucht haben. Aber es war keine Seilbrücke zwischen zwei entschwundenen Heimaten. Nur eine normale, selbstgebaute Seilbrücke in meinem damaligen Kinderzimmer, zu nichts anderem zu gebrauchen. Den Adlertrick hat mir Christoph Stiller, der Pastorensohn, beigebracht. Er sagte zu mir, dass ich zum Einfangen der Tiere nur irgendwelche länglichen Papierstreifen und Honig benötigen würde, nur Papierstreifen und Honig. Vom drohenden Weltuntergang in naher Zukunft erzählte ich ihm lieber nichts, aus Angst, er könnte jede Überlebenslist aus Angst allein für sich behalten. An dieser Stelle werde ich jetzt meine Arbeit am Roman unterbrechen, ein paar Wattestäbchen in Honig eintunken und diese Stängel mit den klebrigen Köpfen nach oben in einen von Insekten befallenen Pflanzentopf stecken. Es könnten Laternen sein. Wir sehen uns. Ob Christoph Stiller noch lebt. In einer Schulpause bekam er von Barßer so viele Faustschläge ins Gesicht, dass er sich zuhause hinter dem Klavier versteckte, wo ich ihn besuchen durfte. Dort war es einigermaßen dunkel. Sein Gesicht war blau und geschwollen, und er sagte zu mir, seine Mutter würde so tun, als ob er jede Sekunde ins Grab wandere. Das werde ich nie vergessen. Ich hatte meinen Kassettenrekorder dabei, ein Diodenkabel und eine leere Kassette, weil Stiller Deep-Purple-Aufnahmen hatte.
Irgendwann verließen wir unser Versteck. Ich wollte ihm meine ABBA-Kassette vorspielen, aber von dieser Musik hielt er nicht das Geringste. Als er auf Toilette war, verband ich sein Aufnahmegerät mit meinem und versuchte, seine Deep-Purple-Songs durch das Kabel auf meine ORWO-Kassette zu lotsen. Er kam zu schnell zurück und drückte auf meine Stopptaste. Child in Time. Ich sollte besser meine Augen schließen, den Kopf beugen und auf den Abpraller warten. An dieser Stelle werde ich jetzt wieder meine Arbeit am Roman unterbrechen, um nach dem Wattestäbchen im Topf zu sehen, obwohl das nach so kurzer Zeit wahrscheinlich eher sinnlos ist. Wenn die Stängel in vier, fünf oder sieben Tagen noch immer keine Wesensveränderung zeigen, werde ich die mit flüssigem Honig bestrichene Seilbrücke zwischen Fensterknauf und Stehlampe schweren Herzens wieder aus dem ersten Kapitel streichen. Aber es war keine Seilbrücke zwischen zwei entschwundenen Heimaten. Diesen Satz würde ich für immer stehenlassen, weil er alles Gewesene unter sich begraben kann. Hoffentlich härtet der Honig nicht aus. Ich werde mir das Video Von der Blüte bis ins Glas ansehen, obwohl das auch gelogen sein könnte, weil ich in diesen sechs Minuten und sechsundfünfzig Sekunden lieber nach meinen Tieren sehen würde. Ich würde die Sommertracht zum Andicken der Köpfe empfehlen. Die Hauptzuckerarten im Honig sind Fruchtzucker und Traubenzucker. Je höher der Fruchtzuckeranteil einer Sorte ist, desto länger bleibt dieser Honig flüssig. Im Frühjahr, wenn Löwenzahn und Raps blühen, ist der höhere Traubenzuckeranteil nicht mehr von der Hand zu weisen. Ob ich in meiner Kindheit Adler mit einem Magnetband, das mit Honig bestrichen war, ein für alle Mal aus dem Verkehr ziehen konnte, wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Das Band wird zu schmal gewesen sein, sie müssten schon, mit einem Bein wenigstens, auf der oberen Seite gelandet sein, um für ein paar irritierende Sekunden nicht mehr vom Fleck zu kommen. Sie werden ja nicht so idiotisch gewesen sein, einen ihrer Flügel, beim Anflug auf den Lockstoff, quer auf die Brücke zwischen Fensterknauf und Stehlampe gelegt zu haben. Die Adler über der Indianerschlucht, ich würde sie nie wieder loswerden. Es kann Monate dauern, bis die Tierfalle anfängt zu kristallisieren. Hell, vollkommen ungetrübt, durchsichtig und nicht gerührt. Ich musste meiner Mutter mein Experiment begreiflich machen, sonst hätte ich nicht allzu lange was von diesem Wunder. Ich würde Fliegen dazu bringen, flügellos, noch länger auf dem Hochseil auszuharren. Siehst du, Mami, später könnte ich Indianerforscher werden. Wie glücklich ich seit gestern bin, ich ging zu meiner Laterne, die hell genug war, Trauermücken anzulocken, nur diese eine Trauermücke. An der starken Randbesetzung des Klebebandes kann ich nichts ändern. Mir schweben Kinoabende in meiner Behausung in Otchanganarriva vor. Ich wohne weder im Erdgeschoss noch in einer der oberen Etagen. Für mein Kino brauche ich drei Stühle und zwei Taschenlampen. Zwei Stühle stelle ich, etwa einen Meter von der Küchenwand entfernt, so auf, dass sie sich mit ihren Rücken gegenüberstehen und ich mein Fliegenband zwischen ihnen als schmale Leinwand aufspannen kann, den dritten Stuhl bringe ich in Zuschauerposition, aber mit dem Rücken zur Leinwand, als würde ich jemals in die aussichtslose Situation geraten, auf meinem Stuhl, mich an die hölzerne, unterbrochene Frontscheibe klammernd, mit Karacho die Zielmarkierung durchbrechen zu müssen.
Für meine Rückenlehne habe ich mir eine Konstruktion ausgedacht, die haltbar und bequem genug ist, für die Dauer der Aufführung zwischen den Lehnenwirbeln eine Taschenlampe einzuklemmen. Zugeschnittene Kronkorken eignen sich gut für die Fixierung eines Gegenstandes zwischen zwei Ausdehnungspunkten. Sie geben scheinbar immer etwas nach und drängen in die alte Form zurück. Es geht hier um Millimeter. Ich muss nur noch die richtige Lichthöhe einstellen, indem ich den Kopf der Lampe in die Position bringe, die es mir ermöglicht, Reiter am Horizont zu sehen. An der starken Randbesetzung des Klebebandes kann ich nichts ändern. An den Reitern oben und unten am Horizont kann ich nichts ändern. Mit einer zweiten Taschenlampe, die ich auf der Lehne von links nach rechts und dann wieder zurückziehe, sehe ich auch all die anderen Angreifer auf ihren Pferden, wie sie in breiter, aufflackernder und wieder verlöschender Front immer näher rücken. Ich muss endlich etwas unternehmen, um uns beide hier heil herauszubringen, Masahlena. Kannst du die Lampe auf der Lehne übernehmen. Erhöhe das Tempo der Lichtwechsel. Stelle von der Throw- auf die Flood-Funktion um, von einem stark gebündelten Leuchtstrahl mit großer Reichweite zu einer Helligkeitsstreuung in einem größeren Winkel ohne Hotspot. Wir können deine Lampe auch als Nothammer benutzen, um Fenster und Autoscheiben einzuschlagen, um auf Fenster, Autoscheiben und Pferdedecken einzuschlagen. Wenn du dich von mir verraten und alleingelassen fühlst, weil ich im Hintergrund schon das Nötigste für uns zusammenpacke, benutze den Strobo-Modus. Mit dieser Funktion kannst du schnell hintereinander aufkommende Lichtblitze erzeugen. Weil sich die Augen unserer Westernhelden auf gleichbleibendes Geflacker einstellen können, umfasst diese Variante im taktischen Modus auch ungleichmäßige Lichtblitze. Tiny Monster sind für den professionellen Einsatz gedacht. Durch ihre unübliche Form profitieren diese Taschenlampen vom Wegrollschutz, Masahlena. Heute nehme ich mir vor, diese vier bis fünf Etiketten von den Dosen abzuweichen, Dreistern Rindfleisch, Felix Bohnensuppe, Ingwer-Möhren-Topf und Burgunder Gulasch. Ich versuche, diesen Zeitungsartikel aus den Achtzigern in meinen Text einzubauen. Tibor L., den seine Arbeitskollegen von der LPG als höflich und besonnen einschätzen, zählt selbst in seinen jungen Jahren schon zum harten Kern der Anhänger des hier ansässigen Fußballklubs. Der Siebzehnjährige, der im November neunzehnhundertachtundachtzig den Fanklub »Die Trostlosen« gründete, ist der Ansicht, daß jene Jugendlichen dazugehören, die laut herumbrüllen und sich an Schlägereien beteiligen, wenn es darauf ankommt. Voller Überzeugung vertritt er den Standpunkt, daß man bei Auswärtsspielen keine Rückfahrkarte zu lösen brauche, da die meisten Kontrolleure ohnehin Angst vor ihnen hätten. Was aus solchem geistigen Nährboden sprießen kann, wurde dieser Tage bei einer Gerichtsverhandlung im Norden deutlich. Ich habe nur gesagt, dass ich versuche, diesen Artikel in meinen Roman mit einzubauen. American BBQ. Heute nehme ich mir vor, diese fünf oder sechs Etiketten von den Dosen abzuweichen. In einem anderen Leben wären Indoor-Lounge-Möbel aus Paletten schön. Dazu müssten größere Räume her. Aber mir fällt keine Konstruktion ein, in der diese Räume haltbar und bequem sein könnten. Tibors Züge kommen nicht bis Otchanganarriva. Ich kenne mich hier nicht aus. Bankomat, Postamt, Supermarkt. Hoffentlich werde ich hier nie ernsthaft krank. Zitronen, Pampelmusen, Orangen. Keine Südfrüchte in Dosen. Nie Südfrüchte in Dosen. Ich nehme vier Dosen aus dem Regal im Einkaufsmarkt und stelle drei wieder zurück. Am nächsten Tag nehme ich fünf Dosen aus dem Regal und stelle vier wieder zurück oder auch fünf. Das ist dann immer ein verlorener Tag für mich.
Meine Haustür in Otchanganarriva besteht nicht aus Dosen. Erasco Texas-Topf. Mais-Mexiko-Mix. Nur noch siebzehn auf Lager. Die Abfälle entsorge ich in meinen hier ansässigen Hausbehältern. Verfaulter Früchteabfall in den Dosen soll Taufliegen anlocken. Abfluss und Spüllappen eignen sich auch. Ich habe alles zuhause. Bei hohen Temperaturen legen diese Insekten vierhundert Eier am Tag. In Otchanganarriva ist es immer warm. Ich muss darauf achten, dass genügend Batterien da sind. Im Kino laufen in den nächsten Monaten ausschließlich Western in Starbesetzung. Ich fertige Plakate dafür an. Fotografiere mit meinem Wegwerfhandy Motive mit Reitern am Horizont, in Einer-, Dreier-, Vierer- oder Siebenergruppen. Zwölf Uhr mittags. Cat Ballou. Erbarmungslos. El Dorado. Fluss ohne Wiederkehr. Ich weiß nicht, ob ich Fruchtfliegen und Trauermücken auseinanderhalten kann.
Vermagst du das denn, meine liebe Masahlena. Niemand konnte uns bislang sagen, wie lange wir in diesem Land noch ausharren müssen. Mostfliegen. Gärfliegen. Essigfliegen. Taufliegen. War es möglich, verschiedene Kulturfolger für die gleichen Filmprojekte gewinnen zu können. Gary Cooper. Don Quijote. Clint Eastwood. Sancho Panza. Tauende Rosinante. Trauernde Rosinante. In diesem Jahr wird es wieder ein Internationales Filmfestival in Otchanganarriva geben. Das ist eine periodisch stattfindende Veranstaltung in allen meinen Räumen, wo aktuelle Produktionen gezeigt und diskutiert werden.
Das Publikum und eine Jury befinden dann darüber, welche Aufführungen und Darsteller mit Preisen ausgezeichnet werden. Stühle, Fliegenbänder, Taschenlampen, Zimmerwände, Batterien. Ein filmverwöhntes Publikum, das scharenweise kommt. In einem anderen Leben wären Sessel schön, aber mir fallen keine Dosenkonstruktionen ein, in denen Kinosessel haltbar und bequem sein könnten. Ob eine Taufliege jemals was mit einer Trauermücke hätte.
II
