Zeit der Finsternis - Shashi Tharoor - E-Book
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Shashi Tharoor

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Beschreibung

Die unrühmliche Wahrheit über die britische Herrschaft in Indien – erstmals erzählt aus indischer Sicht.

Das Britische Kolonialreich präsentierte sich nach außen hin als aufgeklärter Despotismus im Namen des Guten und zum Wohle der Beherrschten. Gestützt auf eine Fülle von Fakten demontiert Shashi Tharoor diese weitverbreitete Legende. Das Empire feuerte Kanonen gegen Aufständische ab, massakrierte unbewaffnete Demonstranten, schuf einen institutionalisierten Rassismus und ließ Millionen Menschen verhungern. Die Formen der Ausbeutung reichten von der Abschöpfung der inländischen Ressourcen über die Zerstörung der indischen Textilindustrie bis hin zur Vernichtung der heimischen Landwirtschaft. In seinem scharfsinnigen, minutiös recherchierten und glänzend geschriebenen Essay enthüllt Tharoor die unrühmliche Wahrheit über die britische Herrschaft in Indien und deren bis heute nachwirkendes verheerendes Erbe.

Nummer-1-Bestseller in Indien.

Mit einem Essay vonMithu Sanyal: Und was hat das alles mit uns zu tun?

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Seitenzahl: 626

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Die unrühmliche Wahrheit über die britische Herrschaft in Indien – erstmals erzählt aus indischer Sicht

Das Britische Kolonialreich präsentierte sich nach außen hin als aufgeklärter Despotismus im Namen des Guten und zum Wohle der Beherrschten. Gestützt auf eine Fülle von Fakten demontiert Shashi Tharoor diese weitverbreitete Legende. Das Empire feuerte Kanonen gegen Aufständische ab, massakrierte unbewaffnete Demonstranten, schuf einen institutionalisierten Rassismus und ließ Millionen Menschen verhungern. Die Formen der Ausbeutung reichten von der Abschöpfung der inländischen Ressourcen über die Zerstörung der indischen Textilindustrie bis hin zur Vernichtung der heimischen Landwirtschaft. In seinem scharfsinnigen, minutiös recherchierten und glänzend geschriebenen Essay enthüllt Tharoor die unrühmliche Wahrheit über die britische Herrschaft in Indien und deren bis heute nachwirkendes verheerendes Erbe.

Nummer-1-Bestseller in Indien

Mit einem Essay von Mithu Sanyal: Und was hat das alles mit uns zu tun?

Über Shashi Tharoor

Shashi Tharoor wurde 1956 in London als Kind einer keralischen Diplomatenfamilie geboren und wuchs in Indien auf. Er ist Jurist, Politiker und zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen indischen Schriftstellern. Als Bestseller-Autor hat er mehr als zwanzig Bücher, Belletristik wie Sachbücher, veröffentlicht und ist darüber hinaus ein bekannter Kritiker und Kolumnist. Tharoor hat als Diplomat bei der UNO-Kommission für Flüchtlinge in Genf, Singapur und New York gearbeitet. Von 2002 bis 2007 war er einer der Stellvertreter von UNO-Generalsekretär Kofi Annan und von 2009 bis 2010 Staatsminister im indischen Außenministerium. Im indischen Parlament zählt er heute zu dessen prominentesten Mitgliedern.

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Shashi Tharoor

Zeit der Finsternis

Das Britische Empire in Indien

Aus dem Englischen von Cornelius Reiber

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Motto

Zeitleiste wichtiger Ereignisse

Vorwort

1: Die Plünderung Indiens

2: Hat Indien seine Einheit Grossbritannien zu verdanken?

3: Demokratie, die Presse, das parlamentarische System und Rechtsstaatlichkeit

4: Divide et impera

5: Der Mythos des aufgeklärten Despotismus

6: Weitere »Verdienste« des Empire

7: Die (unausgeglichene) Bilanz: Schlüsse

8: Das Chaotische Nachleben des Kolonialismus

Und was hat das alles mit uns zu tun? — Mithu Sanyal

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Literaturverzeichnis

Dank

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Biographien

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Für meine Söhne, Ishaan und Kanishk,die wie ich die Geschichte lieben,nur mehr als ich über sie wissen.

Aber seltsam!

Oft, uns in eignes Elend zu verlocken,

Erzählen Wahrheit uns des Dunkels Schergen

William Shakespeare, Macbeth, 1 Akt, 3. Szene

Deine Hand, Du große Anarchin, lässt den Vorhang fallen

Und völlige Finsternis senkt sich über allen.

Alexander Pope, The Dunciad

Wir leben im Augenblick des Auf‌flackerns – möge er so lang dauern, wie sich die alte Erde dreht! Aber gestern herrschte hier Finsternis.

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Das weite Indien – Hunderte von Ländern, die Indien hießen – flüsterte draußen in der Nacht unter einem gleichmütigen Mond vor sich hin. Aber im Augenblick schien es für sie nur ein einziges Indien zu geben, das ihre, und sie gewannen ihre ehemalige Größe zurück, als sie den Verlust dieser Größe beklagen hörten …

E. M. Forster, Auf der Suche nach Indien

Karte

Zeitleiste wichtiger Ereignisse

1600 | Gründung der East India Company in London mit einem Königlichen Freibrief (»Royal Charter«), und damit der Beginn der Unterwerfung Indiens unter die Herrschaft der Briten.

1613/14 | Die East India Company gründet unter William Hawkins eine Handelsniederlassung in Masulipatnam und einen Handelsposten in Surat. Sir Thomas Roe überreicht dem Mogulkaiser Jehangir sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter von König James I.

1615–1618 | Die Moguln gewähren Großbritannien das Recht, Handel zu treiben und Faktoreien zu gründen.

1700 | Indiens Anteil an der Weltwirtschaft beträgt unter dem Mogulkaiser Aurangzeb 27 Prozent.

1702 | Thomas Pitt, Gouverneur von Madras, erwirbt den Diamanten »Regent«, der später für 135 000 Pfund an Philippe II. de Bourbon, Herzog von Orléans und Regent von Frankreich, verkauft wird.

1739 | Eroberung und Plünderung Delhis durch den Schah von Persien, Nadir Shah.

1751 | Der sechsundzwanzigjährige Robert Clive (1725–1774) erobert Arcot im heutigen Tamil Nadu, als Franzosen und Briten um die Herrschaft über Südindien kämpfen.

1757 | Die Briten besiegen unter dem Oberkommando von Clive in der Schlacht von Plassey den Nawab Siraj-ud-Daula und werden Herrscher über Bengalen, die reichste Provinz Indiens.

1765 | Der politisch stark geschwächte Großmogul Shah Alam II. überträgt das Recht der Steuererhebung (Diwani) in den Provinzen Bengalen, Bihar und Orissa an die East India Company.

1767 | Beginn des Ersten Mysore-Krieges, in dem Haider Ali von Mysore die vereinigten Armeen der East India Company, der Marathen und des Nizam von Haiderabad besiegt.

1771 | Die Marathen erobern Delhi zurück.

1772 | Geburt von Rammohan Roy (gest. 1833). Die Briten verlegen ihre Hauptstadt nach Kalkutta.

1773 | Die Britische East India Company erhält das Monopol für die Herstellung und den Verkauf von Opium in Bengalen. Das englische Parlament verabschiedet den Regulating Act von Lord North. Warren Hastings wird zum ersten Generalgouverneur von Indien ernannt.

1781 | Haider Alis Sohn Tipu Sultan besiegt die britischen Truppen.

1784 | Verabschiedung des India Acts von William Pitt (d. Jüngere), der die East India Company der Kontrolle durch das Parlament unterstellt. Der Richter und Sprachwissenschaftler Sir William Jones gründet die Royal Asiatic Society in Kalkutta.

1787–1795 | Warren Hastings, Generalgouverneur von Bengalen (1774–1785), wird vor dem britischen Parlament wegen zahlreicher Vergehen während seiner Amtszeit der Prozess gemacht.

1793 | Die Briten verkünden unter Lord Cornwallis das Permanent Settlement, die dauerhafte Veranlagung der Grundsteuer.

1799 | Tipu Sultan wird im Kampf um seine Hauptstadt Seringapatam gegen 5000 britische Soldaten getötet, die sie einnehmen und verwüsten.

1803 | Der Zweite Marathen-Krieg führt zur Einnahme Delhis durch die Briten und zur Herrschaft über weite Teile Indiens.

1806 | Der Vellore-Aufstand wird brutal niedergeschlagen.

1825 | Erste große Migration indischer Arbeiter aus Madras nach Réunion und Mauritius.

1828 | Rammhohan Roy gründet in Kalkutta Brahmo Samaj, eine hinduistische sozioreligiöse Reformbewegung, die muslimische und christliche Einflüsse aufnimmt und sich unter anderem gegen Polytheismus und Götzenanbetung richtet.

1835 | Macaulays Minute on Education treibt die Einführung des westlichen Bildungssystems in Indien voran. Englisch wird zur offiziellen Amts- und Gerichtssprache.

1835 | 19 000 Vertragsarbeiter aus Indien werden nach Mauritius verfrachtet. Die Ausfuhr von Arbeitskräften nach Mauritius hält bis 1922 an.

1837 | Höhepunkt der Kampagne der Briten gegen die Thugs, Raubmörder im Namen der Göttin Kali.

1839 | Colonization and Christianity von William Howitt erscheint, eine schonungslose Kritik der britischen Herrschaft in Indien.

1843 | Die Briten erobern die Region Sindh (heutiges Pakistan). Verkündung der Doctrine of Lapse, nach der ein Staat an die Briten fällt, wenn ein Herrscher ohne Erben stirbt.

1853 | Die erste Eisenbahnstrecke Indiens zwischen Bombay und Thane wird eröffnet.

1857 | Der erste große Indische Aufstand, von den Briten »Sepoy-Meuterei« genannt, endet nach wenigen Monaten mit dem Fall von Delhi und Lucknow.

1858 | Proklamation von Königin Victoria, die die Verwaltung Indiens von der East India Company auf die Krone überträgt. Stellen im öffentlichen Dienst in Indien stehen Indern offen.

1858 | Indien stellt die ersten 200 Meilen an Eisenbahnstrecken fertig.

1860 | Die SSTruro und die SSBelvedere legen in Durban in Südafrika an, mit den ersten Vertragsarbeitern (aus Madras und Kalkutta) für die Arbeit auf Zuckerrohrplantagen.

1861 | Rabindranath Tagore wird geboren (gest. 1941).

1863 | Swami Vivekananda wird geboren (gest. 1902).

1866 | Mindestens eineinhalb Millionen Inder sterben während der Hungersnot von Orissa.

1869–1948 | Mohandas Karamchand Gandhi, indischer Nationalist und politischer Aktivist, der die Strategie des gewaltfreien Widerstands und zivilen Ungehorsams entwickelt, die letztlich dazu führen wird, dass das christliche Großbritannien sich gezwungen sieht, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen (1947).

1872 | Die Briten führen die erste Volkszählung in Indien durch.

1876 | Königin Victoria (1819–1901) wird zur Kaiserin von Indien (1876–1901) ernannt. Desaströses Management der Großen Hungersnot von 1876–1877 durch Vizekönig Lord Lytton.

1879 | Die Leonidas trifft als erstes Schiff mit 498 Kontraktarbeitern in Fidschi ein, fast 340 000 arbeiten bereits in anderen Kolonien des britischen Empire.

1885 | Eine Gruppe von Intellektuellen aus der Mittelschicht in Indien, darunter auch einige Briten, gründet den Indian National Congress, die indische Kongresspartei, um indische Interessen gegenüber der britischen Regierung zu vertreten.

1889 | Jawaharlal Nehru wird geboren (gest. 1964).

1891 | B. R. Ambedkar wird geboren (gest. 1956).

1893 | Swami Vivekananda vertritt den Hinduismus beim Weltparlament der Religionen in Chicago und erntet viel Beifall mit seinen eindrücklichen Reden.

1896 | Der Nationalistenführer und Marathi-Gelehrte Bal Gangadhar Tilak (1856–1920) initiiert das Ganesha-Fest und das Shivaji-Fest zur Stärkung des indischen Nationalismus. Er fordert als erster »Purna swaraj«, die vollständige Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien.

1897 | Feier des diamantenen Thronjubiläums von Königin Victoria während einer erneuten Hungersnot in Britisch-Indien.

1900 | Indiens Tee-Exporte nach Großbritannien erreichen die Marke von 137 Millionen Pfund.

1901 | Herbert Risley führt den ersten »ethnographischen Zensus« in Indien durch.

1903 | Vizekönig Lord Curzon hält anlässlich der Krönung von König Edward VII. den Delhi Durbar, eine prunkvolle Huldigungszeremonie für den britischen Monarchen, ab.

1905 | Die Teilung Bengalens ruft heftigen Widerstand hervor. Beginn der Swadeshi-Bewegung und des Boykotts britischer Waren. Der britische Vizekönig von Indien, Lord Curzon, tritt zurück.

1906 | Auf Betreiben der Briten wird die Muslimliga (»All-India Muslim League«) als Gegenbewegung zum Nationalkongress gegründet.

1909 | Verkündung der Minto-Morley-Reformen.

1911 | Letzter kaiserlicher Durbar in Delhi; Indiens Hauptstadt wird von Kalkutta nach Delhi verlegt. Die Teilung Bengalens wird rückgängig gemacht.

1913 | Rabindranath Tagore erhält den Nobelpreis für Literatur.

1914 | Indische Truppen werden zu Kriegsbeginn an die Fronten in Frankreich und im Vorderen Orient abkommandiert.

1915 | Mahatma Gandhi kehrt aus Südafrika nach Indien zurück.

1916 | Der Komagata Maru-Zwischenfall | Die kanadische Regierung verbietet indischen Staatsbürgern die Einreise. Lucknow-Pakt zwischen dem Indischen Nationalkongress und der Muslimliga.

1917 | Letzte Verschiffung indischer Kontraktarbeiter in britische Kolonien, nach Fidschi und Trinidad.

1918 | Die Spanische Grippe fordert in Indien 12,5 Millionen und weltweit 21,6 Millionen Todesopfer.

1918 | Ende des Ersten Weltkriegs.

1919 | Massaker von Amritsar. General Dyer befiehlt britischen Soldaten und Gurkhas, in Amritsar auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen, mindestens 379 Menschen werden getötet. Gandhi kommt durch das Massaker zur Überzeugung, dass Indiens Ziel die vollständige Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft sein muss. Verkündung der Montagu-Chelmsford-»Reformen«. Verabschiedung der Rowlatt Acts.

1920 | Gandhi greift für den Widerstand auf seine Satyagraha-Strategie der Nichtzusammenarbeit und Gewaltlosigkeit zurück. Beginn der Khilafat-Bewegung.

1922 | Gandhi beendet die Kampagne der Nichtzusammenarbeit nach den Gewalttaten in der Stadt Chauri Chaura.

1927&1934 | Inder werden als Schöffen und Richter zugelassen.

1930 | Jawaharlal Nehru wird Präsident der Kongresspartei, die Purna Swaraj, die vollständige Unabhängigkeit Indiens in Lahore als Ziel ausruft. Will Durant trifft in Indien ein und ist schockiert über die britische Herrschaft. Mahatma Gandhi begibt sich auf den Salzmarsch.

1935 | Government of India Act.

1937 | Wahlen für die elf Provinzlandtage; der Kongress gewinnt in acht Provinzen.

1939 | Beginn des Zweiten Weltkriegs. Rücktritt der Kongressregierungen aus Protest dagegen, dass der Vizekönig Indiens Kriegseintritt erklärte, ohne sie zu konsultieren.

1940 | Die Muslimliga fordert in der Lahore-Resolution die Gründung Pakistans.

1942 | Cripps Mission. »Quit India«-Bewegung. Inhaftierung von Kongress-Führern. Gründung der Indischen Nationalarmee (Azad Hind Fauj) durch Subhas Chandra Bose für den Kampf gegen die Briten.

1945 | Die Führer der Kongresspartei werden freigelassen. Simla-Konferenz unter Vizekönig Lord Wavell.

1946 | Meutereien in der Königlichen Indischen Marine und Luftwaffe. Landesweite Wahlen, bei denen die Muslimliga die Mehrheit der muslimischen Sitze gewinnt. Die »Cabinet Mission«. Bildung einer Interimsregierung mit Jawaharlal Nehru als Premierminister. Jinnah ruft zum Tag der »direct action« auf. In Kalkutta kommt es zu Gewaltausbrüchen.

1947 | Indien wird am 15. August unabhängig. Teilung des Landes, begleitet von unzähligen Morden und Vertreibung. Großbritannien zieht sich aus Indien zurück.

Vorwort

Die Oxford-Rede – Reaktionen in Indien – Berücksichtigte Kritik – Geschichte dient weder als Entschuldigung noch als Rache

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches beginnt, vielleicht etwas ungewöhnlich, mit einer Rede. Ich war von der Oxford Union, dem universitären Debattierclub, eingeladen worden, Ende Mai 2015 zur Frage zu sprechen, ob Großbritannien seinen ehemaligen Kolonien Reparationszahlungen schulde. Da ich in der gleichen Woche einen Vortrag auf dem Hay Festival of Literature in Wales zugesagt hatte, sah ich es als gute Gelegenheit, auf dem Weg dorthin in Oxford Halt zu machen und wieder einmal an einer Debatte teilzunehmen (wie schon zehn Jahre zuvor, als ich dort für die Seite der Vereinten Nationen gesprochen hatte). Die Veranstaltung in den beeindruckenden, jahrhundertealten holzgetäfelten Räumen war ein Erfolg, und ich reiste zufrieden weiter, ohne länger darüber nachzudenken.

Anfang Juli jedoch stellte die Union die Aufnahme der Debatte ins Netz und schickte mir das Video meines Beitrags. Ich verlinkte die Aufnahme direkt auf Twitter und sah dann mit Erstaunen zu, wie sie viral ging. Binnen weniger Stunden wurde sie massenhaft heruntergeladen und auf Hunderten Webseiten geteilt, über WhatsApp und per E-Mail verschickt. Auf einer Webseite hatte sie drei Millionen Aufrufe, auch andere Seiten verzeichneten Rekordzahlen. Rechte Kritiker von mir in Indien hörten vorübergehend auf, mich in den sozialen Medien zu trollen, und feierten die Rede. Die Präsidentin der Lok Sabha, der ersten Kammer des indischen Parlaments, lobte mich ausdrücklich bei einer Veranstaltung, an der auch der Premierminister teilnahm, der sich ihrem Lob anschloss, und sagte, ich hätte »das Richtige am richtigen Ort« gesagt. Schulen und Universitäten nahmen die Rede in ihre Lehrpläne auf, an der Central University of Jammu wurde sogar ein ganztägiges Seminar abgehalten, bei dem namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die von mir angesprochenen Punkte behandelten.

Hunderte von Artikeln wurden geschrieben, für und gegen das, was ich gesagt hatte. Monatelang kamen Fremde auf mich zu und gratulierten mir zu meiner »Oxford-Rede«.

Ich war angenehm überrascht, aber auch etwas verwirrt. Zum einen hatte ich zwar eine solide Rede für meine Seite gehalten, die die Debatte mit einer Zweidrittelmehrheit der Zuhörer gewann, aber ich wusste auch, dass ich schon bessere Reden gehalten hatte, die nicht mal ein Zehntel der Aufmerksamkeit bekamen, die dieser zuteilwurde. Zum anderen dachte ich nicht, irgendetwas grundlegend Neues gesagt zu haben. Meine Analyse der Ungerechtigkeiten des britischen Kolonialismus beruhte ja lediglich auf dem, was ich seit meiner Kindheit gelesen und gelernt hatte, und ich hielt meine Argumente für einen Bestand an Wissen, den man in den USA als »Indischen Nationalismus 101« bezeichnen würde – die grundlegenden, ursprünglichen Argumente für den indischen Freiheitskampf. Ganz Ähnliches hatten bereits Leute wie Romesh Chunder Dutt und Dadabhai Naoroji im späten 19. Jahrhundert und Jawaharlal Nehru und viele andere im 20. Jahrhundert gesagt.

Dass meine Rede bei so vielen Zuhörern Anklang fand, musste also bedeuten, dass dieses von mir als allgemein bekannt vorausgesetzte Wissen vielen, vielleicht sogar den meisten gebildeten Indern nicht bekannt war. Sie reagierten, als hätte ich ihnen die Augen geöffnet und nicht einfach wiederholt, was sie bereits wussten.

Aufgrund dieser Einsicht also drängte mich mein Freund und Verleger David Davidar, die Rede zu einem kleinen Buch zu erweitern, das von Laien ebenso gelesen werden könnte wie Studierenden und anderen als Nachschlagewerk dienen, die die grundlegenden Fakten über Indiens Erfahrung mit dem britischen Kolonialismus suchen. Den heutigen Indern – und Briten – zu erklären, warum der Kolonialismus der Schrecken war, zu dem er wurde, schien ein dringliches moralisches Gebot. Vor allem darum habe ich Zeit der Finsternis geschrieben.

Das Buch unterscheidet sich von der Rede in einigen wesentlichen Punkten. Zum einen geht es darin nicht um Reparationen. Meine Rede in Oxford lief auf diesen Punkt zu, weil es das von der Oxford Union vorgegebene Thema war, und nicht etwa, weil Reparationen ein persönliches Anliegen von mir wären. Ich zeigte aus Überzeugung das Unrecht des Kolonialregimes in Indien auf, schlug am Ende meiner Rede aber vor, dass Indien sich mit einer symbolischen Entschädigung von einem Pfund pro Jahr begnügen solle, 200 Jahre lang zu zahlen als Sühne für 200 Jahre imperialer Herrschaft. Sühne schien mir der wesentliche Punkt – wobei auch ein einfaches »Entschuldigung« schon ein erster Schritt wäre –, und nicht das Geld. Die indische (in Oxford promovierte) Wirtschaftswissenschaftlerin Utsa Patnaik kam bei ihrem Versuch, eine angemessene Summe für Reparationszahlungen zu errechnen, auf eine so astronomische Summe – 45 Billionen Dollar –, dass sie schlicht nicht zahlbar wäre. (Sie entspräche dem Fünfzehnfachen des gesamten Bruttoinlandsprodukts Großbritanniens.)

Die Befunde von Prof. Patnaik sind aber dennoch beachtenswert. In einer kürzlich bei Columbia University Press erschienenen Aufsatzsammlung unternimmt sie den Versuch, eine umfassende Berechnung der in rund 200 Jahren Kolonialherrschaft von den Briten in Indien erbeuteten Werte anzustellen. Zwischen 1765 und 1938 schöpften die East India Company und der britische Raj, wie die britische Kolonialherrschaft auch genannt wird, mindestens 9,2 Billionen Pfund ab (oder 44,6 Billionen Dollar, da der Wechselkurs während eines Großteils der Kolonialzeit bei 4,8 Dollar pro Pfund Sterling lag). Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Großbritanniens beträgt etwa drei Billionen Dollar. In der Kolonialzeit floss der größte Teil der beträchtlichen Deviseneinnahmen Indiens direkt nach London. Dies beeinträchtigte die Fähigkeit des Landes, Maschinen und Technologie zu importieren, um die Modernisierung seiner Wirtschaft in Angriff zu nehmen, wie es nicht kolonialisierte Länder (wie Japan in den 1870er Jahren) taten, erheblich.

Mit Prof. Patnaiks eigenen Worten: »Der Abfluss belief sich auf 9,2 Billionen Pfund (45 Billionen Dollar), wenn man die indischen Exportüberschüsse als Maßstab nimmt und sie mit einem Satz von fünf Prozent verzinst. Die Inder bekamen ihre eigenen Gold- und Deviseneinnahmen nie zu sehen. Stattdessen wurde den einheimischen Produzenten der Gegenwert in Rupien aus dem Haushalt ›ausgezahlt‹ – was in einem unabhängigen Land unvorstellbar wäre. Der ›Abfluss‹ schwankte zwischen 26 und 36 Prozent des Haushalts der Zentralregierung. Ganz offensichtlich hätte es einen enormen Unterschied gemacht, wenn Indiens gewaltige Einnahmen aus dem internationalen Handel im Land verblieben wären, dessen Entwicklung vorangeschritten wäre und Indien wesentlich bessere Gesundheits- und Sozialindikatoren beschert hätte. Zwischen 1900 und 1946 stagnierte das Pro-Kopf-Einkommen nahezu, obwohl Indien vor 1929 drei Jahrzehnte lang den zweitgrößten Exportüberschuss der Welt verzeichnet hatte.«

Die Frage nach den moralischen und finanziellen Verpflichtungen ehemaliger imperialer Mächte gegenüber Kolonien, die sie besetzt und oft gewaltsam unterworfen hatten, ist nicht leicht zu beantworten. Das koloniale Projekt des Westens hat Länder zerstört und zum Niedergang und zur Verarmung ganzer Zivilisationen geführt. Aus Macht- und Profitstreben haben Kolonialisten die fürchterlichsten und unmenschlichsten Grausamkeiten begangen.

Die britische Herrschaft in Indien ist ein drastisches – wenn auch bei Weitem nicht das schlimmste – Beispiel für die zerstörerischen Auswirkungen kolonialer Gier, die vom ausbeuterischen Charakter des Imperialismus selbst angefacht wird.

Die Kolonialherrschaft in Indien bedeutete für Millionen von Menschen wirtschaftliche Ausbeutung und Ruin, die Zerstörung florierender Industrien, die systematische Verweigerung von fairen Wettbewerbschancen, die Beseitigung einheimischer Regierungsinstitutionen, den Wandel althergebrachter Lebensweisen und die Auslöschung des wertvollsten Besitzes der Kolonisierten – ihrer Identität und ihrer Selbstachtung.

Als die East India Company im Jahr 1600 gegründet wurde, erwirtschaftete Großbritannien gerade einmal 1,8 Prozent des weltweiten BIP, Indien dagegen etwa 23 Prozent (27 Prozent im Jahr 1700).

1940, nach fast zwei Jahrhunderten des Raj, betrug Großbritanniens Wirtschaftsleistung global fast zehn Prozent, während Indien zu einem mittellosen »Dritte-Welt-Land« herabgesunken war, einem weltweiten Symbol für Hunger und Armut. Als die Briten abzogen, hinterließen sie ein Land mit einer Alphabetisierungsrate von 16 Prozent, einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 27 Jahren, praktisch keiner einheimischen Industrie, einer Wirtschaftswachstumsrate, die über fünf Jahrzehnte weniger als 0,1 Prozent betragen hatte, und einer Bevölkerung, die zu 90 Prozent unterhalb dessen lebte, was wir heute als Armutsgrenze bezeichnen würden.

Die koloniale Ausbeutung wurde je nach Kolonialmacht mit mehr oder minder großer Brutalität durchgesetzt. Aufgrund der wirtschaftlichen Zahlen und des moralischen Grauens angesichts des begangenen Unrechts sind zunächst einmal alle Kolonialmächte per se verpflichtet, den ausgebeuteten ehemaligen Kolonien Reparationen zu zahlen. Es gibt jedoch drei Probleme bei der Umsetzung einer solchen Forderung.

Erstens ist es unmöglich, das begangene Unrecht finanziell zu beziffern. Die Briten führten akribisch Buch über das Geld, das in Indien erbeutet wurde und jährlich nach Großbritannien abfloss. Wie aber berechnet man den Wert von 35 Millionen Menschen, die ihr Leben völlig unnötigerweise durch Hungersnöte verloren, die eine direkte Folge der britischen Kolonialpolitik waren und durch diese noch verlängert wurden? Damit verbunden ist die Unmöglichkeit, eine realistische Summe als Reparation zu zahlen. Die nackte Wahrheit ist, dass es keinen angemessenen Betrag gibt, der zahlbar wäre, und keinen zahlbaren Betrag, der angemessen wäre. (Vermutlich würde mein Vorschlag, dass Großbritannien für die nächsten zweihundert Jahre ein symbolisches Pfund pro Jahr an Indien zahlt, aber auch nicht funktionieren: keines der involvierten Finanzministerien würde eine solche Transaktion für praktikabel halten, mir aber ging es ums Prinzip.)

Dazu kommt ein drittes Problem: Wenn das Ziel die Suche nach Gerechtigkeit ist, sollte man bei der Beurteilung von Massenverbrechen eine strikt positivistische Anwendung des Rechts vermeiden. Rechtsordnungen, die solche Verbrechen sanktionieren, verfügen über keine innere Moral des Rechts; wie der Grundsatz lex iniusta non est lex besagt, ist ein ungerechtes Gesetz kein Gesetz. Auch sollte das Fehlen eines ausdrücklichen Verbots bestimmter Handlungen nicht als Verteidigung angeführt werden, da menschliches Handeln nach bestimmten universellen Maßstäben einer zivilisierten Gesellschaft zu beurteilen ist und nicht nur anhand von Gesetzestexten.

Viele der von den Briten in Indien begangenen Verbrechen können als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden, für die Reparationen zu leisten sind – angefangen mit dem Massaker von Amritsar, bei dem über tausend unschuldige Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, auf Befehl Oberst Reginald Dyers von Soldaten erschossen wurden, über das Abschlachten von über hunderttausend unschuldigen Zivilisten in Delhi 1858 bis hin zur von den Briten verursachten Hungersnot in Bengalen 1943, der etwa 3,4 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Eines der wahrscheinlichen Argumente gegen die juristische Grundlage für die Forderung nach Reparationen für koloniale Verbrechen ist, dass das Recht nicht ex-post-facto, im Nachhinein angewandt werden kann, um Handlungen zu kriminalisieren, die unter dem Kolonialregime legal waren. Das war eines der Hauptargumente der Verteidigung der Angeklagten während der Nürnberger Prozesse, als sie geltend machten, ihre Mandanten könnten nicht für Taten verurteilt werden, die zu dem Zeitpunkt der Tat nicht straf‌bar waren.

Der Nürnberger Militärgerichtshof vertrat jedoch den Standpunkt, dass die Verbrechen des NS-Regimes eine Ausnahme vom Grundsatz Nulla poena sine lege (keine Strafe ohne Gesetz) zuließen, also auch Taten bestraft werden können, die zur Zeit der Ausführung noch nicht unter Strafe standen, da sie so schwerwiegend waren, dass sie im Namen der Gerechtigkeit von der zivilisierten Welt geahndet werden müssen. Auch wenn die Verbrechen nicht von der gegenwärtigen Regierung Großbritanniens begangen wurden, liegt die Verantwortung für die Taten während des britischen Raj sehr wohl bei Großbritannien, was im Einklang steht mit dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs im Fall Bosnien-Herzegowina gegen Jugoslawien, in dem festgestellt wurde, dass die demokratischen Regierungen für die von ihren undemokratischen Vorgängern begangenen Verbrechen mitverantwortlich sind.

Ich will weder die Briten für alles verantwortlich machen, was in meinem Land heute schief‌läuft, noch mit der Kolonialherrschaft Misserfolge und Unzulänglichkeiten erklären, mit denen Indien zweifelsohne noch immer zu kämpfen hat. Es gibt eine Verjährungsfrist für koloniales Unrecht, aber keine für das menschliche Gedächtnis – insbesondere keine für das lebendige Gedächtnis, denn wie ich bereits sagte, gibt es immer noch Millionen von Indern, die sich an die Ungerechtigkeiten des britischen Empire in Indien erinnern können. Die Geschichte gehört der Vergangenheit an, sie zu verstehen ist aber eine Aufgabe der Gegenwart.

Ebenso müssen wir einsehen, dass Reparationszahlungen nie das Trauma und das Grauen aufwiegen werden, die der Kolonialismus verursacht hat, denn weder kann das erlittene Leid durch Entschädigungen nachträglich gemildert, noch der Wert von Menschenleben genau berechnet werden, die durch koloniale Gleichgültigkeit oder Brutalität vernichtet wurden. Es geht vielmehr um eine moralische Schuld, in der der Westen gegenüber seinen ehemaligen Kolonien steht, da der Wohlstand und wirtschaftliche Erfolg der ehemaligen Kolonialmächte auf dem gebrochenen Rückgrat ihrer Kolonien beruhten. Reparationszahlungen erwecken den Anschein, dass Gerechtigkeit hergestellt und mit den Zahlungen auch alle rechtliche und moralische Schuld abgegolten sei, was weder der Fall ist noch das Ziel sein sollte.

Es gibt jedoch auch andere Möglichkeiten der Wiedergutmachung, zum Beispiel die Rückgabe eines Teils der Schätze, die in Indien im Zuge des Kolonialismus geraubt wurden. Zwar lässt sich das Geld, das durch Steuern und Ausbeutung von Indien nach England floss, nicht zurückfordern, sehr wohl aber einzelne Artefakte, die sich im Besitz britischer Museen befinden – und sei es nur wegen ihres symbolischen Wertes. Wenn die NS-Raubkunst in verschiedenen westlichen Ländern an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden kann und wird, warum sollten nicht die gleichen Grundsätze für koloniale Raubgüter gelten?

Der im Tower von London zu bestaunende Diamant Koh-i-Noor, einer der größten seiner Art, ist eines der Symbole für das Ausrauben Indiens durch die Briten. An eine Rückgabe – zumindest als Geste – scheint niemand ernstlich zu denken.

Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mich an die indische Regierung mit dem Vorschlag gewandt, eines der berühmtesten Baudenkmäler Indiens, das Victoria Memorial in Kalkutta, in ein Museum umzuwandeln, in dem die Wahrheit über das britische Raj dargestellt würde – ein Museum für koloniale Grausamkeiten, mit anderen Worten. Dieses berühmte Gebäude, erbaut zwischen 1906 und 1921, ist ein monumentales Zeugnis der Verherrlichung des britischen Raj in Indien. Es ist an der Zeit, so schrieb ich, dass es umgewidmet wird in einen Ort der Erinnerung daran, was Indien von den Briten angetan wurde, die eines der reichsten Länder der Erde (27 Prozent des globalen BIP im Jahr 1700) eroberten und über zwei Jahrhunderte hinweg durch Raub und Ausplünderung zu einem der weltweit ärmsten, am stärksten von Krankheiten betroffenen und am wenigsten gebildeten gemacht hatten, als sie es 1947 verließen.

Eigentümlicherweise gibt es weder in Indien noch in Großbritannien ein Museum über die koloniale Erfahrung. London ist voller Museen, die von den Eroberungen des Empire in Indien künden, vom Imperial War Museum über die indische Sammlung im Victoria and Albert Museum bis hin zum British Museum. Keines von ihnen berichtet aber auch nur irgendetwas über die koloniale Erfahrung, die Zerstörung der indischen Textilindustrie und die Entvölkerung der großen Webereizentren Bengalens, den systematisch be- und vorangetriebenen Niedergang des Schiff‌baus oder das Ende der Herstellung des legendären indischen »Wootz«-Stahls. Auch gibt es keine Gedenkstätte für die Massaker des Raj, von Delhi 1858 bis Amritsar 1919, für den Tod von 35 Millionen Indern durch völlig unnötige Hungersnöte, die durch die britische Politik herbeigeführt wurden, oder für die Politik des »Teile und herrsche«, die ihren Höhepunkt in den Schrecken der Teilung des Raj in Indien und Pakistan 1947 fand, als die Briten ihren chaotischen und tragischen Brexit vom Subkontinent vollzogen. Das Fehlen eines solchen Museums ist bemerkenswert.

Die Einrichtung einer ständigen Ausstellung darüber, was Großbritannien Indien angetan hat, scheint mir daher dringend geboten. Es braucht sie, damit indische Schulkinder davon erfahren und britische Touristen sie um ihrer eigenen Auf‌klärung willen besuchen. Wie ich schon oft zu jungen Indern gesagt habe: Wenn ihr nicht wisst, woher ihr kommt, wie wollt ihr dann wissen, wohin ihr geht?

Bekanntlich vertrete ich seit geraumer Zeit schon die Auf‌fassung, dass »Wiedergutmachung« nicht allein durch Reparationszahlungen, sondern durch moralische Sühne zu leisten ist. Sie sollte meiner Ansicht nach neben der (unwahrscheinlichen) Rückgabe der geraubten Artefakte aus der Kolonialzeit drei Formen annehmen: die ungeschönte Geschichte des britischen Kolonialismus als Unterrichtsstoff an britischen Schulen, die Einrichtung eines Museums zum Kolonialismus in der Hauptstadt des Empire mit britischen Steuergeldern und vor allem eine aufrichtige Entschuldigung bei den Opfern des Kolonialismus.

An dieser Stelle noch eine wichtige Einschränkung: Es geht in diesem Buch nicht um den britischen Kolonialismus in seiner Gesamtheit, sondern lediglich um die indische Erfahrung mit ihm. Das liegt zum einen daran, dass die Darstellung der gesamten Geschichte des britischen Kolonialismus, um die es bei den Reden in der Oxford Union ging, in einem einzigen Buch zu einem ziemlich dicken und unhandlichen Wälzer geführt hätte, zum anderen aber auch daran, dass ich darüber schlicht zu wenig weiß, während ich mich mit indischer Geschichte seit meiner Studienzeit intensiv beschäftige. Ich will damit keineswegs die Schrecken der britischen Kolonisierung Afrikas oder die Ungeheuerlichkeit des Sklavenhandels schmälern, für die Reparationszahlungen durchaus gerechtfertigt sein mögen (wobei man sich bewusst machen muss, dass die britische Regierung bei der Abschaffung der Sklaverei Entschädigungen zahlte, aber nicht etwa an die Männer und Frauen, die auf so unmenschliche Weise versklavt worden waren, sondern den Sklavenbesitzern für den »Verlust ihres Eigentums«!). Die Bücher, die diesen Geschichten gerecht werden können, sollen andere schreiben, das vorliegende Buch will allein die britische Herrschaft in Indien abbilden.

Es gibt noch einen dritten Unterschied zwischen diesem Buch und meiner Rede. In Oxford vertrat ich eine Seite in einer Debatte, was auch bedeutete, dass es wenig Raum für Nuancen und die Beschäftigung mit Gegenargumenten gab. In einem Buch, das die Übel des Empire beschreibt, fühle ich mich jedoch verpflichtet, auch die Argumente zu berücksichtigen, die zugunsten des britischen Raj ins Feld geführt werden. Ich habe mich darum bemüht, das in jedem Kapitel zu tun, insbesondere in den Kapiteln zwei und drei bis sieben, in denen ich auf die meisten der immergleichen Argumente für das britische Empire eingehe und sie entkräfte. Ich habe dafür meine jahrelange Lektüre zu indischer Geschichte durch das intensive Studium von Quellen aus der Kolonialzeit und neuerer wissenschaftlicher Forschungsarbeiten ergänzt, die am Ende des Buches in den Anmerkungen aufgeführt sind. Ich hoffe daher, dass meine Argumentation durch genügend fachliche Expertise gestützt wird, um auch von denen ernst genommen zu werden, die vielleicht anderer Meinung sind als ich.

Angemerkt sei schließlich noch, dass dieses Buch Argumente verhandelt und nicht einfach eine Geschichte erzählt. Leserinnen und Leser, die eine chronologische Darstellung des Aufstiegs und Niedergangs des britischen Empire in Indien suchen, werden hier nicht fündig – die chronologische Abfolge der historischen Ereignisse wird lediglich kurz in der Zeittafel vor diesem Einführungstext skizziert. Ziel dieses Buchs ist es, das Erbe des Raj zu untersuchen, die Behauptungen über seine angeblichen Verdienste kritisch zu prüfen und die Beweise und Argumente dagegen darzulegen.

Doch auch wenn die Fakten und Zahlen, die das Buch über koloniale Ungerechtigkeiten liefert, alle als dauerhafte Erinnerung an die Ungerechtigkeiten des Raj dienen können, werden einige vielleicht besonders überraschen. Viele Apologeten der britischen Herrschaft haben argumentiert, dass Indien von dem Raj in vielfacher Hinsicht profitiert habe, wobei das am häufigsten angeführte Beispiel die indische Eisenbahn ist, die als großzügiges Geschenk der Briten dargestellt wird, mit der das Land zusammengebracht worden sei und seine vielen Millionen Menschen hätten befördert werden können. Tatsächlich aber wurde das Streckennetz der Eisenbahn nur erdacht, geplant und angelegt, um die Herrschaft und Kontrolle der Briten über das Land auszuweiten und ihnen weitere wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Der Eisenbahnbau war ein großer britischer Kolonialbetrug, mit dem die britischen Aktionäre absurd hohe Renditen auf Kapital kassierten, die vom unglückseligen indischen Steuerzahler stammten. Dank des garantierten Ertrags gab es keinen Anreiz, Ausgaben zu sparen, und so kostete jede Meile des indischen Eisenbahnbaus in den 1850er und 1860er Jahren durchschnittlich 18 000 Pfund, während in den Vereinigten Staaten zur gleichen Zeit dieser Wert umgerechnet 2000 Pfund betrug. Die indischen Reisenden zahlten völlig überzogene Fahrpreise, während die britischen Kauf‌leute dafür sorgten, dass Frachttarife so niedrig gehalten wurden wie nirgendwo auf der Welt. Erst nach der Unabhängigkeit wurde dieses Verhältnis umgedreht.

Ganz ähnlich sprechen auch manche Nostalgiker über Großbritanniens hochgesinnte Verwaltung des Empire, angeblich zum Wohl der Einheimischen. In Wahrheit regierten sie Indien für sich selbst, wobei sie sich im privaten Rahmen auch sehr offen über ihre Motive äußerten. Sie genossen die indische Sonne und sehnten sich nach ihrer kalten und nebelverhangenen Heimat, schickten das Geld, das Inder im Schweiße ihres Angesichts für sie verdient hatten, nach England, und ließen sich das Wenige, was sie für Indien taten, fürstlich von Indien bezahlen. Wenn sie es schließlich hinter sich hatten, kehrten sie nach Hause zurück, um ihren Ruhestand in feuchtkalten kleinen Cottages mit indischen Namen zu genießen, mit großzügigen Pensionen, für die der indische Steuerzahler auf‌kam.

Was sie dabei in Indien schufen, ist oft zwar wenig greif‌bar, aber viele Hinterlassenschaften des britischen Kolonialismus wirken bis heute als problematisches Erbe fort.

Dazu gehört zum einen das parlamentarische System der Demokratie, das von den indischen Nationalisten in ihrer Verfassung für ein unabhängiges Indien verankert wurde und ein genaues Abbild der britischen parlamentarischen Demokratie darstellt, von der die Inder ausgeschlossen worden waren. Die Westminster-Demokratie, die für einen kleinen und homogenen Inselstaat entwickelt wurde, ist für ein riesiges und vielfältiges Land wie Indien ein ungeeignetes System. Es sieht die Wahl einer Legislative vor, die die Exekutive bildet, was dazu führt, dass die Gesetzgeber weniger an der Gesetzgebung oder der Rechenschaftspflicht der Regierenden interessiert sind als an der Aussicht, Exekutivgewalt ausüben zu können. Indien hat seitdem mit den verschiedensten Auswüchsen der Ineffizienz zu kämpfen, die eine solche Regierungsform in einem vielfältigen Mehrparteiensystem mit sich bringen, während die präsidiale Regierungsform der USA die für eine wirksame Entscheidungsfindung erforderliche Stabilität hätte bieten können, ohne das fortwährende Hindernis instabiler legislativer Mehrheiten. Durchgesetzt wurde aber das britische Modell, wie in den meisten ehemaligen Kolonien des Empire.

Nach wie vor gelten in Indien vollkommen veraltete koloniale Gesetze, die Teil eines Strafgesetzbuches aus dem Viktorianischen Zeitalter sind. Das indische Gesetz gegen Aufwiegelung war repressiver als das entsprechende Gesetz in Großbritannien, da es ausdrücklich zur Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerung erlassen wurde. Ebenso wurde Homosexualität durch Paragraf 377 des Strafgesetzbuches kriminalisiert, entgegen den liberalen Werten der indischen Gesellschaft, wie sie auch in den alten hinduistischen Texten zum Ausdruck kommen, dann aber unterdrückt wurden, als die Briten dem Land ihre viktorianische Sexualmoral aufzwangen. Ironischerweise waren beide Gesetze in Großbritannien längst abgeschafft, als Indien noch immer außerstande war, dieses koloniale Erbe zu überwinden – bis der Oberste Gerichtshof Homosexualität im Jahr 2019 endlich entkriminalisierte. Insbesondere das Rechts- und das Bildungssystem zeigen, dass die Dekolonisierung des Denkens zu den größten Herausforderungen gehört, vor die sich Inder bis heute gestellt sehen.

Meine Rede traf natürlich nicht überall auf Zustimmung. Zum einen konnte ich im Rahmen der Debatte kaum darauf eingehen, dass viele Aspekte des Empire wesentlich komplizierter oder in ihren Auswirkungen ambivalenter waren, als Verallgemeinerungen nach dem Schwarz-Weiß-Schema abbilden können. Das vorliegende Buch beruht auf der Einsicht, dass viele der Themen einer komplexeren Behandlung und Vertiefung bedürfen, als es eine Rede in einem Debattierclub zulässt. Darüber hinaus gab es Einwände gegen die Argumente meiner Rede, auf die ich hier eingehen will, auch wenn sie nicht direkt zu den Themen der Kapitel passen.

Der am häufigsten wiederholte Kritikpunkt lautet, dass die postkolonialen Schwächen und Unzulänglichkeiten Indiens meinen Angriff auf die kolonialen Grausamkeiten Großbritanniens entkräften würden. »Tharoor mag die Debatte gewonnen haben, aber der moralische Sieg bleibt Indien verwehrt«, schrieb Shikha Dalmia in TIME und argumentierte, dass die schwachen Leistungen indischer Regierungen nach der Unabhängigkeit nicht drauf hindeuteten, dass Reparationszahlungen an Indien sinnvoll ausgegeben werden oder die richtigen Empfänger erreichen würden. Ein Blogger ergänzte noch, dass die jämmerliche Einstellung der indischen Behörden nach der Unabhängigkeit an den über 11 700 Tonnen beschädigter Getreidebestände zu erkennen sei, die 2010 in den Depots der Food Corporation of India gefunden wurden – ganz so, als rechtfertige die Inkompetenz nach der Unabhängigkeit die Hungersnöte davor.

Meine Position als Abgeordneter der Kongresspartei, die Indien zum Zeitpunkt meiner Rede 52 der 68 Jahre seiner Unabhängigkeit regiert hatte, bot eine weitere Angriffsfläche. Der Journalist Jonathan Foreman formulierte es am deutlichsten: »Die Kongresspartei hat Indien mehr als sechs Jahrzehnte lang schlecht regiert, wurde dabei immer arroganter und korrupter und schien von den gewöhnlichen Indern fast genauso isoliert wie die britischen Vorgänger.«

Indische Regierende aus der Kongresspartei seien verantwortlich für das klägliche jährliche Wirtschaftswachstum, und »aufgrund der Vernachlässigung des Prinzips der ›Grundbildung für alle‹ und der Alphabetisierung durch die herrschende Elite, ihrer Besessenheit von sozialistischer Planung, ihrer bürokratischen Lizenzherrschaft, dem sogenannten ›Licence Raj‹, und ihrer korrupten Geschäfte mit einer Handvoll monopolistischer Unternehmerfamilien haben Länder wie Südkorea und sogar Mexiko Indien zwischen 1950 und 1980 beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf überholt«.

Einige dieser Kritikpunkte sind durchaus berechtigt – und ich habe sie auch selbst schon in meinen Büchern in verschiedentlich vorgebracht, wenn auch nicht in so extremer oder scharfer Form –, aber das Versagen der einen entkräftet nicht das der anderen. Auch lassen sich zwanzig Jahrzehnte kolonialer Unterdrückung nicht in sechs Jahren ungeschehen machen. Die Bilanz der indischen Regierungen – insbesondere derjenigen unter Beteiligung der Kongresspartei – ist in fast allen Bereichen weit besser als die ihrer britischen Vorgänger in Indien, vor allem was das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, die Alphabetisierung, der Kampf gegen die Armut, die Lebenserwartung und die Bewältigung von Dürren und Missernten betrifft. Ohnehin sollte man Geschichte nicht auf eine Art Spiel reduzieren, bei dem die Verfehlungen verschiedener Epochen miteinander verglichen werden – jede Epoche sollte nur für sich und anhand ihrer eigenen Erfolge und Misserfolge beurteilt werden.

Dass es bei der Oxford-Debatte um Reparationen ging, fachte die Kritik noch zusätzlich an. Ein indischer Kommentator war der Auf‌fassung, dass die Forderung nach Reparationen nur Indiens Unsicherheit und geringes Selbstwertgefühl offenbare; Inder, die dieses Argument vorbrächten, würden die Verantwortung für das spätere Versagen der indischen Regierungen auf die Briten abschieben. Andere wiesen darauf hin, dass es unmöglich sei, die Begünstigten zu bestimmen, die tatsächlich eine Entschädigung für die Verluste während der Kolonialzeit verdienten. Ohnehin, so meinten einige, habe Großbritannien im Laufe der Jahre genug Reparationen geleistet – zwar nicht aus Schuldanerkenntnis, aber aus Großzügigkeit der Briten gegenüber den ehemaligen kolonialen Untertanen. Mehr als genug sei nach der Unabhängigkeit einseitig von Großbritannien nach Indien übertragen worden, und zwar nicht nur in Form von finanzieller Hilfe – man könne sagen, so der Historiker John MacKenzie, einer der Redner für die Gegenseite bei der Debatte in Oxford, »dass britische Unternehmen mitverantwortlich sind für den Outsourcing-Boom, den Indien erlebte und der als eine Form von Reparationen betrachtet werden kann«. Ein anderer Redner der Gegenseite, der Parlamentsabgeordnete Sir Richard Ottaway, erklärte, dass angesichts der finanziellen Hilfen, die die reicheren Länder den ärmeren freiwillig zur Verfügung stellten, »noch mehr zu verlangen bedeuten würde, den alten Minderwertigkeitskomplex aufrechtzuerhalten«.

Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich nicht mehr, sondern weniger forderte – nur ein symbolisches Pfund pro Jahr. Aber im Grunde tut das auch nichts zur Sache. Ich habe das Thema der Reparationen in Oxford genutzt, um die Frage der moralischen Schuld Großbritanniens gegenüber seinen ehemaligen Kolonien zu diskutieren, nicht die der finanziellen. Aber wenn wir schon über finanzielle Hilfen reden, dann sei doch angemerkt, dass sich die britischen Zahlungen auf weniger als 0,02 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts belaufen, ungefähr die Summe, die die indische Regierung für Düngemittelsubventionen ausgibt – vielleicht ein passendes Bild für das Argument mit der Hilfe.

Oft wurde auch erklärt, dass die Briten der Gegenwart nicht die Verantwortung für die Verfehlungen ihrer Vorfahren trügen und man von ihnen nicht erwarten sollte, Reparationszahlungen für Sünden zu leisten, die sie nicht begangen haben. Ebenso wenig stünde den Indern der Gegenwart eine Entschädigung für das Leid ihrer Vorfahren zu. Solche Zahlungen sollten die Opfer selbst bekommen, nicht ihre Enkel, und von den Tätern selbst geleistet werden, nicht von ihren Enkeln.

Das ist nicht verkehrt. Was diesem Argument aber abgeht, ist ein Sinn für nationale Identität und Verantwortung, der die meisten Länder prägt. Als Willy Brandt deutscher Bundeskanzler war, sank er 1970 am Ehrenmal zum Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto auf die Knie, um die polnischen Juden um Vergebung für die Verbrechen des Holocaust zu bitten. In Polen gab es kaum noch Juden, und Brandt, der als Sozialist von den Nazis verfolgt worden war, war an den Verbrechen, für die er Abbitte leistete, vollkommen unschuldig. Mit seinem »Kniefall von Warschau« erkannte er aber die moralische Verantwortung des deutschen Volkes und des Landes an, dessen Kanzler er war. Genau darum habe ich Sühne und keine finanzielle Hilfe gefordert.

Natürlich besteht nicht einmal Einigkeit darüber, dass Sühne überhaupt geboten ist. Am besten hat es der Historiker John Keay ausgedrückt: »Das Verhalten von Staaten wie auch von Einzelpersonen kann nur nach den Maßstäben ihrer Zeit beurteilt werden, nicht nach denen der heutigen Prozessfreudigkeit – sonst wären wir damit beschäftigt, die Regierung Italiens dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass sie Christen an die Löwen verfüttert hat.« Das ist lustig, aber falsch. Der britische Raj liegt nicht zurück in der Antike, sondern ist eine Erinnerung noch lebender Menschen. Einem aktuellen Bericht der Abteilung für Bevölkerungsfragen der UN zufolge gibt es sechs Millionen Inder, die älter als achtzig Jahre sind und damit in ihrer Kindheit noch unter britischer Herrschaft gelebt haben. Rechnet man ihre Nachkommen der ersten Generation dazu, Inder in ihren Fünfzigern und Sechzigern, deren Eltern ihnen Geschichten über ihre Erfahrungen mit dem Raj erzählt haben, wächst die Zahl derer, die ein persönliches Verhältnis zu dieser Zeit haben, auf über hundert Millionen Inder an.

Zwar wird es langsam spät für Sühne, aber nicht zu spät: Ich hatte die große Hoffnung (und über sie geschrieben), dass ein britischer Premierminister oder eine britische Premierminsterin die Courage und das Herz haben würde, 2019 in Amritsar auf die Knie zu sinken und die Inder im Namen seines oder ihres Volkes um Vergebung für das unverzeihliche Massaker zu bitten, das dort hundert Jahre zuvor verübt wurde. David Camerons ausweichende Beschreibung des Massakers von 2013 als einem »zutiefst beschämenden Ereignis« sehe ich nicht als Entschuldigung, ebenso wenig wie den feierlichen Besuch von Königin Elizabeth und dem Herzog von Edinburgh im Jahr 1997, die sich lediglich in das Gästebuch eintrugen, ohne jeden versöhnlichen Kommentar. Am hundertsten Jahrestag dieses schrecklichen Verbrechens selbst gab Premierministerin Theresa May im Unterhaus eine Erklärung des »Bedauerns« ab, auch sie kann kaum als Entschuldigung zählen. Natürlich war May noch nicht am Leben, als das Massaker verübt wurde, und ebenso wenig trug eine britische Regierung des Jahres 2019 (oder heute) Verantwortung für diese Tragödie, aber in einem symbolischen Akt des Landes, das dieses Ereignis einst zuließ, hätte die Premierministerin durchaus Sühne für die Untaten der Vergangenheit leisten können. Dass so etwas möglich ist, hat Justin Trudeau gezeigt, als er sich 2016 im Namen Kanadas für das Handeln seines Landes hundert Jahre zuvor entschuldigte, als den indischen Einwanderern auf der Komagata Maru verweigert wurde, in Vancouver an Land zu gehen, was für viele von ihnen den Tod bedeuten sollte. Trudeaus Willy-Brandt-Geste muss ihre britische Entsprechung erst noch finden.

Die effektivste Form der Sühne durch die Briten könnte darin bestehen, in den englischen Schulen endlich die Kolonialgeschichte in ungeschönter, unromantisierter Form zu unterrichten, wie es auch der ehemalige Labour-Chef Jeremy Corbyn gefordert hat. Die britische Öffentlichkeit ist sich bis heute der historischen Realität des britischen Empire und dessen, was es für die unterworfenen Länder bedeutete, nur unzureichend bewusst. Gegenwärtig lässt sich sogar eine Wiederkehr der Sehnsucht nach dem Raj beobachten: Der Erfolg der Fernsehserie Indian Summers (Indischer Sommer), die auf frühere nostalgische Serien aus England wie The Far Pavilions (Palast der Winde) und The Jewel in the Crown (Das Juwel der Krone) auf‌baut, ist ein Beleg dessen, was der in Großbritannien lebende niederländische Schriftsteller Ian Buruma als Versuch beschrieb, die Engländer »an ihre kollektiven Träume der Englishness zu erinnern, die so glorreich, so bewegend und bittersüß erscheinen gegenüber der kleingeistigen Schäbigkeit des heutigen kleinen England«. Wenn britische Schulkinder lernen könnten, wie diese Träume der Engländer zu Alpträumen für die unterworfenen Völker wurden, wäre echte Sühne – eine rein moralische, die auch das ernsthafte Nachdenken über historische Verantwortung und nicht bloß das Eingeständnis von Schuld beinhalten würde – vielleicht tatsächlich möglich.

Burumas Beschreibung ist ein Widerhall dessen, was der in Indien geborene britische Schriftsteller Salman Rushdie einige Jahre zuvor gesagt hatte: »Der unaufhörliche Niedergang, die zunehmende Armut und der niederträchtige Geist von Thatcher-England veranlassen viele Briten, wehmütig auf die verlorene Zeit ihrer Überlegenheit zurückzublicken. Das Wiederauf‌leben imperialistischer Ideologien und die Beliebtheit der Raj-Fiktionen erinnert an die Phantomschmerzen eines amputierten Körperteils … Das Juwel in der Krone besteht heutzutage aus Glas.«

England ist nicht mehr »Thatcher-England«, wenngleich die Lage durch den Brexit heute sogar noch schlimmer ist als damals. Die Notwendigkeit, britische Nostalgie und Verklärung des Empire mit postkolonialer Verantwortung zu dämpfen, ist zumindest größer denn je.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, ob die Inder durch ihr Verhalten die britische Herrschaft ermöglicht hätten, also mitschuldig seien. Der indische Kolumnist Aakar Patel schreibt, dass wir uns besonders schwer mit der Einsicht täten, dass »die britische Machtübernahme von Indern erleichtert und unterstützt wurde«. Und es stimmt, tatsächlich waren Inder als aktive Kollaborateure an vielen, wenn nicht sogar den meisten der Vergehen und Verfehlungen beteiligt, die ich in diesem Buch beschreiben werde. Das gilt insbesondere für indische Fürsten, die sich nach der Festigung der britischen Herrschaft auf einen faustischen Pakt einließen, um ihren Reichtum und ihre Annehmlichkeiten zu sichern und im Gegenzug ihre Integrität an die Briten verpfändeten. Diese nominellen »Herrscher« taten alles dafür, ihre Loyalität gegenüber der Krone unter Beweis zu stellen, zum Beispiel der ehemalige Cricketspieler Fürst Ranjitsinhji, der die Bauernschaft in seinem Fürstenstaat während des Ersten Weltkriegs dazu verpflichtete, trotz einer verheerenden Dürre Abgaben an die britische Kriegskasse zu entrichten, und während der folgenden Hungersnot die Einnahmen eines gesamten Monats buchstäblich in die Luft jagte, als er für den auf Besuch weilenden Vizekönig ein Feuerwerk veranstaltete. Solche Geschichten waren keineswegs untypisch für die Komplizenschaft der korrumpierten indischen Aristokratie mit dem kolonialen Projekt.

Daneben gab es auch andere bekannte indische Befürworter und Unterstützer des Empire, allen voran der bengalische, unverhohlen anglophile Intellektuelle Nirad C. Chaudhuri, der in mehreren Büchern die Tugenden und Vorzüge des britischen Empires pries und sein Ende beklagte. (Auf konkrete Beispiele werden wir später in diesem Buch eingehen.) Aber auch gewöhnliche Inder fügten sich den Briten, sicherlich oftmals aus dem Grund, dass sie das Gefühl hatten, keine andere Wahl zu haben. Wenn aber ein Plünderer Ihr Haus zerstört und Ihr Bargeld und Ihren Schmuck mitnimmt, liegt die Verantwortung in erster Linie bei ihm und nicht beim Diener, der ihm die Tür geöffnet hat, sei es aus Angst, Habgier oder Arglosigkeit.

Ist die Beschreibung und Betrachtung dessen, was uns die Briten angetan haben, gleichbedeutend mit der Weigerung, die eigene Verantwortung für unsere heutige Situation anzuerkennen? Sagen wir damit, dass die Briten allein verantwortlich sind für alles, was bei uns schiefläuft? Natürlich nicht. Einige Autoren haben betont, dass Wachstum und Entwicklung eines Landes vor allem den Auf‌bau von stabilen Institutionen und eine kluge makroökonomische Politik erfordern, und nicht die Aufzählung von Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Ich möchte betonen, dass ich dem voll zustimme. Ich wende mich nicht der Geschichte zu, um unser Land von der Aufgabe zu entlasten, in der Gegenwart die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mir geht es vielmehr darum, die Fehler von gestern zu untersuchen, um sowohl die Entwicklung zu verstehen, die zur gegenwärtigen Realität unseres Landes geführt hat, als auch um die Vergangenheit um ihrer selbst willen. Vielleicht ist sie kein geeigneter Leitfaden für die Zukunft, aber sicher kann sie dazu beitragen, die Gegenwart zu erklären. Man kann sich, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, nicht an der Geschichte rächen; die Geschichte ist ihre eigene Rache.

Eine letzte Vorbemerkung noch. Wenn ich über die britische Herrschaft in Indien schreibe, tue ich das im Bewusstsein, dass das »Indien«, auf das ich mich beziehe, nicht mehr existiert, sondern in drei separate Staaten aufgeteilt wurde. Vieles von dem, was ich zu sagen habe, gilt auch für die heute unabhängigen Staaten Bangladesch und Pakistan. Damit will ich nicht irgendwelche Bürger anderer Staaten wider ihren Willen in meine Argumentation einbeziehen, sondern ihnen lediglich anbieten, dass mein Anliegen auch ihres ist, falls sie das wünschen. Aber geschrieben habe ich als Inder des Jahres 2016 über zweihundert Jahre indische Geschichte, aus einem moralischen und geographischen Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land heraus, das einst so tragisch vom Raj unterdrückt wurde. Indien ist mein Land, und insofern ist meine Empörung persönlich. Aber ich verlange nichts von der Geschichte – nur die Darstellung ihrer selbst.

Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch auf Unfehlbarkeit oder gar Allwissenheit. Es mag Fakten geben, die mir unbekannt sind und die einige meiner Argumente relativieren, aber im Wesentlichen stellt der vorliegende Band mein Verständnis der jüngeren Vergangenheit meines Landes dar. Siebzig Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens vom britischen Empire scheint es mir sinnvoll, genauer zu untersuchen, was uns zu diesem Auf‌bruch 1947 geführt hat, und uns dem Erbe zuzuwenden, das jenem Indien seine Form gab, das wir seitdem neu aufzubauen versuchen. Vor allem darum gibt es dieses Buch.

»Wir sind nicht besser als die Pharaonen oder die Mongolen«, sagt ein britischer Kapitän in Das mohnrote Meer von Amitav Ghosh. »Der einzige Unterschied ist, dass wir, wenn wir Menschen töten, uns verpflichtet fühlen, unser Handeln mit einem höheren, hehren Ziel zu rechtfertigen. Diese Heuchelei, das versichere ich Ihnen, wird uns die Geschichte nie verzeihen.« Ich will mir nicht anmaßen, im Namen der Geschichte zu sprechen, aber als Inder kann ich sagen, dass ich es wesentlich einfacher finde zu verzeihen als zu vergessen.

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Die Plünderung Indiens

Durants Empörung – Die Eroberung Indiens durch eine Handelsgesellschaft – Die East India Company – Die Deindustrialisierung Indiens – Die Zerstörung der indischen Textilherstellung – Ausbeutung, Steuern und Diamanten – Clive und Plassey – Die »Nabobs« – Korruption – Steuereintreibung und der Abfluss von Ressourcen – Das Permanent Settlement – Der militärische Beitrag Indiens zum Empire – Die Anklage Naorojis – Die Zerstörung der indischen Schiff‌fahrt und des Schiff‌baus – Der Raub indischen Stahls – Wie Indien die industrielle Revolution versäumte – Der Profit der Schotten

Im Jahr 1930 setzte ein junger amerikanischer Historiker und Philosoph namens Will Durant zum ersten Mal seinen Fuß auf indischen Boden. Er hatte sich auf Weltreise begeben, um Material für sein elfbändiges Mammutprojekt einer Kulturgeschichte der Menschheit zu sammeln. Als er aber, wie er schrieb, »mit Erstaunen und Entsetzen« sah und darüber las, wie Großbritannien »Indien bewusst und gezielt ausbluten ließ«, legte er seine historische Forschung beiseite, um eine leidenschaftliche Streitschrift gegen dieses »größte Verbrechen der Weltgeschichte« zu verfassen. Sein kurzes Buch The Case for India ist bis heute ein Klassiker, ein zutiefst empathischer, empörter Text, der die eigennützigen Rechtfertigungen der Briten für ihre lange und schamlose Geschichte der Raubgier in Indien schonungslos auseinandernimmt.

Durant schrieb:

Die britische Eroberung Indiens vollzog sich als Invasion und Zerstörung einer Hochkultur durch eine Handelsgesellschaft [die British East India Company], die völlig frei von Skrupeln und ohne moralische Prinzipien, ohne Achtung vor den Künsten und gierig nach Gewinn, mit Feuer und Schwert ein aufgrund politischer Unordnung wehrloses Land überrannte, dort korrumpierte und mordete, annektierte und stahl und damit die Geschichte illegaler und »legaler« Plünderungen begann, die jetzt [1930] bereits seit einhundertdreiundsiebzig Jahren andauert.

Die Eroberung Indiens durch eine Handelsgesellschaft

Die Briten hatten den Zusammenbruch des Mogulreichs und den anschließenden Aufstieg zahlreicher Fürstenstaaten, die im Indien des 18. Jahrhunderts um die Vorherrschaft rangen, ausgenutzt und dank ihrer Artillerie und ihres amoralischen Zynismus ein riesiges Land unterworfen. Sie vertrieben Nawabs und Maharadschas mit allen Mitteln, plünderten nach Belieben ihre Schatzkammern, übernahmen mit unterschiedlichen Methoden in ihren Staaten die Herrschaft (zu denen ab den 1840er Jahren auch die besonders zynische »Doctrine of Lapse« gehörte, die Annexion von Fürstenstaaten, in denen ein Herrscher ohne Erben starb) und beraubten die Bauern des Landes, das sie seit Generationen bewirtschaftet hatten. Die Annexion dieser einzelnen einheimischen Staaten fasste der Company-Beamte John Sullivan in den 1840er Jahren so zusammen: »Der kleine Hof verschwindet – der Handel verkümmert – das Kapital verfällt – das Volk verarmt – der Engländer blüht auf und verhält sich wie ein Schwamm, der die Reichtümer an den Ufern des Ganges aufsaugt und an den Ufern der Themse wieder abgibt.«

Das Indien, das die British East India Company eroberte, war kein rückständiges oder unfruchtbares Land, sondern das glitzernde Juwel der mittelalterlichen Welt. Seine Errungenschaften und seinen Wohlstand – »sein Reichtum, erworben durch riesige und vielfältige Gewerbe« – beschrieb der in Yorkshire geborene amerikanische Unitarierpfarrer J. T. Sunderland prägnant mit den Worten:

Fast jede Art von Gewerbe oder Produkt, das in der zivilisierten Welt bekannt ist – fast jede Art von Schöpfung des menschlichen Geistes und der menschlichen Hand, der man irgendwo auf der Welt begegnet und die wegen ihres Nutzens oder ihrer Schönheit geschätzt wird – hatte Indien schon vor langer Zeit hervorgebracht. Hinsichtlich seiner Gewerbe und Waren übertraf Indien jedes Land in Europa und in Asien. Seine Textilien – die hervorragenden Erzeugnisse ihrer Webstühle, aus Baumwolle, Wolle, Leinen und Seide – waren in der gesamten zivilisierten Welt berühmt; ebenso sein erlesener Schmuck und die in schönste Formen geschliffenen Edelsteine; ebenso seine Tonwaren, sein Porzellan, Keramik jeglicher Art, Beschaffenheit, Farbe und Form; ebenso seine edlen Arbeiten aus Metall, aus Eisen, Stahl, Silber und Gold. Es besaß eine großartige Architektur, die an Schönheit keiner anderen auf der Welt nachstand. Es gab eine hochentwickelte Ingenieurskunst. Es gab exzellente Kauf‌leute, Bankiers und Finanzexperten. Es war nicht nur die größte Schiffbaunation, sondern betrieb auch regen Handel, zu Land und zu Wasser, mit allen Ländern der bekannten zivilisierten Welt. Das war das Indien, das die Briten bei ihrer Ankunft vorfanden.

Wie der britische Wirtschaftshistoriker Angus Maddison gezeigt hat, lag der Anteil Indiens an der Weltwirtschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei 23 Prozent, was dem von ganz Europa entsprach. (Im Jahr 1700, als allein 100 Millionen Pfund an Steuereinnahmen in die Staatskasse des Mogulkaisers Aurangzeb flossen, waren es 27 Prozent.) Als die Briten Indien verließen, war der Anteil auf knapp über drei Prozent gesunken. Der Grund dafür ist einfach: Die Herrschaft in Indien war allein auf den Nutzen und Profit Großbritanniens ausgerichtet. Der Aufstieg Großbritanniens wurde 200 Jahre lang durch die Plünderung Indiens finanziert.

Am Anfang dieser Geschichte steht die East India Company, die 1600 von Elizabeth I. mit einer königlichen Charter ausgestattet wurde und fortan das Monopol für den maritimen Handel mit Seide, Gewürzen und anderen einträglichen Waren aus Indien innehatte. Um das Geschäft auszuweiten, gründete die Company Handelsposten oder »Faktoreien« entlang der indischen Küste, insbesondere in Kalkutta, Madras und Bombay; was zunehmend auch die Notwendigkeit mit sich brachte, ihre Niederlassungen, ihre Angestellten und ihren Handel mit militärischen Mitteln zu verteidigen, und dafür Soldaten zu rekrutieren in einem Land, das immer stärker von bewaffneten Unruhen erschüttert wurde (die Charter gestand ihr das Recht zu, zur Durchsetzung ihrer Ziele »Krieg zu führen«). Aus einem Wirtschaftsunternehmen war so ein Unternehmen zur Eroberung eines Landes geworden, Handelsposten wurden zu Festungen ausgebaut, Kauf‌leute durch Armeen ersetzt.

Der erste britische Gesandte, der in Indien um das Recht ersuchte, eine »Faktorei« zu errichten, William Hawkins, wurde ohne Respekt behandelt, sein König verspottet, seine Angebote verächtlich behandelt. Als der erste königliche Botschafter, Sir Thomas Roe, 1615 um eine Audienz für die Belange der Company am Hof des