Zeit des Feuers - Poul Anderson - E-Book

Zeit des Feuers E-Book

Poul Anderson

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Beschreibung

Unter der Dämonensonne

Der Planet Ischtar umkreist die Sonne Bel im Anubelea-System, dem drei Sterne angehören. Sie beschreiben komplizierte Bahnen umeinander, wobei einmal alle tausend Jahre der rote Zwergstern Anu Ischtar so nahe kommt, dass sie die Nordhalbkugel des Planeten verbrennt und alles auslöscht, was sich darauf befindet – Tiere, Pflanzen und die Ischtarier. Diese intelligente Spezies befindet sich kulturell auf dem Niveau der irdischen Antike, obwohl sie schon sehr alt ist. Die Zeit des Feuers sorgt dafür, dass sie sich nicht weiterentwickeln kann. Doch diesmal ist alles anders: Seit hundert Jahren leben Menschen auf Ischtar. Die Ischtarier bittet die Besatzung der kleinen Forschungsstation um Hilfe, doch die hat ihre eigenen Richtlinien und Gesetze …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455




POUL ANDERSON

ZEIT DES FEUERS

Roman

Das Buch

Der Planet Ischtar umkreist die Sonne Bel im Anubelea-System, dem drei Sterne angehören. Sie beschreiben komplizierte Bahnen umeinander, wobei einmal alle tausend Jahre der rote Zwergstern Anu Ischtar so nahe kommt, dass sie die Nordhalbkugel des Planeten verbrennt und alles auslöscht, was sich darauf befindet – Tiere, Pflanzen und die Ischtarier. Diese intelligente Spezies befindet sich kulturell auf dem Niveau der irdischen Antike, obwohl sie schon sehr alt ist. Die Zeit des Feuers sorgt dafür, dass sie sich nicht weiterentwickeln kann. Doch diesmal ist alles anders: Seit hundert Jahren leben Menschen auf Ischtar. Die Ischtarier bittet die Besatzung der kleinen Forschungsstation um Hilfe, doch die hat ihre eigenen Richtlinien und Gesetze …

Der Autor

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Titel der Originalausgabe

FIRE TIME

Aus dem Amerikanischen von Walter Brumm

Überarbeitete Neuausgabe

Copyright © 1974 by Poul Anderson

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Covergestaltung: Das Illustrat

Hal Clement gewidmet, dem »Weltenschmied«

Vorwort

Es ist schlimm, in die Hände eines ganz und gar gerechten Mannes zu fallen.

Im Gerichtssaal hatte schon sein Bild genügt, um einen frösteln zu machen; nun sollten wir ihm persönlich vorgeführt werden. Dämmerung war blaugrau um uns, als wir aus der Maschine kletterten, vertiefte sich zu Schwarz, wo die Bergflanke ins Tal abfiel, und spannte sich wie blauvioletter Samt über uns, besetzt mit den ersten funkelnden Sternen. Zwischen ihnen zog ein Satellit seine Bahn, trat in den Erdschatten und erlosch, als ob der dünne kalte Wind, der uns um die Ohren pfiff, ihn ausgeblasen hätte. Es roch nach Gletschern und weiten Entfernungen.

Das weitläufige Gebäude war aus einheimischem Naturstein gemauert, ein Teil dieser Gebirgswelt. Nur wenige Menschen auf der Erde können sich Einsamkeit leisten. Der Gerichtspräsident war einer von ihnen. Über der eisenbeschlagenen eichenen Tür glomm ein Licht. Unser Pilot bedeutete uns, einzutreten. Seine Miene und seine ganze Haltung gaben uns zu verstehen, dass wir gut daran täten, Daniel Espina nicht warten zu lassen.

Das Herz klopfte mir im Halse, doch versuchte ich mir die Beklommenheit, die mich erfüllte, nicht anmerken zu lassen. Ein Diener öffnete die Tür. »Buenas tardes«, sagte er. »Siganme ustedes, por favor.« Wir folgten ihm durch einen dunkel getäfelten Korridor in einen Raum, der anscheinend für Zusammenkünfte wie diese gedacht war.

Er war hoch und geräumig, voll von Antiquitäten und Stille. Der Teppich dämpfte die Schritte. Sessel und eine Couch mit steifem Rahmen und Lederpolstern standen um einen Tisch aus Teakholz und Elfenbein. Gegenüber einer in Marmor geschnittenen Eule tickte eine Standuhr aus vergangenen Jahrhunderten. Regale mit Hunderten von Büchern bedeckten die Wände. Ein moderner Schreibtisch mit Sprechanlage, Datenanschluss und Projektionsgerät störte nur wenig.

Die Rückseite des Raums war ein einziges Fenster. Jenseits ragten die Berge waldumgürtet aus nachtdunklem Tal, die fernen Schneegipfel unwirklich im letzten Widerschein des Tages leuchtend. Der Himmel zeigte mit jeder Minute mehr Sterne. Vor dem Fenster saß Espina auf einer Chaiselongue. Er war schwarz gekleidet, als könne er nicht einmal hier auf seine Robe verzichten; nur der skelettartig magere Kopf und die Hände waren zu sehen. Ein Blick von ihm brachte uns zum Stehen.

Dann aber sagte er: »Guten Abend«, als ob wir Gäste und nicht Verbrecher wären, die er zu verurteilen hatte. »Bitte setzen Sie sich.«

Wir verneigten uns, jeder auf seine Art, und ließen uns ihm gegenüber auf Stuhlkanten nieder.

Die Wanduhr tickte langsam. Nach einer Minute regte sich Espina und sagte: »So. Wer möchte Kaffee, und wer Tee?« Wir murmelten unsere Antwort, und er winkte seinen Diener herbei und gab die Bestellung weiter. Als der Diener gegangen war, zog Espina ein silbernes Etui aus der Robe, steckte eine Zigarette zwischen nikotingelbe Finger und begann bedächtig zu inhalieren.

»Rauchen Sie, wenn Sie wollen«, forderte er uns auf. Er war weder feindselig noch herzlich, eher gleichgültig. Wir rührten uns nicht. Sein Blick fühlte sich an wie der kalte, trockene Bergwind.

»Sie fragen sich, warum ich Sie kommen ließ«, sagte er schließlich. »Es muss Ihnen sehr ungewöhnlich erscheinen. Wenn ein Richter es für nötig hält, ein erhellendes Gespräch mit Angeklagten zu führen, so braucht er sie beim derzeitigen Stand der Nachrichtentechnik im Allgemeinen auch nicht mit einem Flugzeug heranschaffen zu lassen.«

Er sog Rauch in die Lunge und stieß ihn wieder aus, um seine an die Mumie Ramses’ II. gemahnenden Züge zu verhüllen.

»Was den zweiten Punkt betrifft«, fuhr er fort, »so enthebt die Holographie mich der Notwendigkeit, Reisen zu unternehmen, die mir zunehmend lästig werden. Aber sie ist nicht mit der lebendigen Unmittelbarkeit eigener Anschauung zu vergleichen. Ihre und meine Gegenwart hier an diesem Ort ist nicht das Gleiche wie die Konfrontation jedes einzelnen von uns mit den farbigen Schattenbildern der anderen. Ich wünschte, diesem Unterschied würde allgemein mehr Verständnis entgegengebracht.«

Ein Hustenanfall quälte ihn. Ich hatte einige seiner Fernsehauftritte gesehen; sie waren frei von solchen Hinweisen auf die Sterblichkeit gewesen. Wahrscheinlich hatte man solche Stellen vor der Sendung herausgeschnitten, wie es bei Ansprachen von Politikern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten üblich war. Doch glaubte ich mich auch zu erinnern, dass Espina immer ein Gegner von Retuschen und unwahren Schaueffekten gewesen war …

Er schnappte nach Luft, nahm einen frischen Lungenzug von seinem Gift und fuhr fort: »Sie wissen, dass mein Gerichtshof die letzte Instanz für Fälle ist, die unter keine einzelne Jurisdiktion fallen. So kommt es, dass ich nie auf gleichgelagerte Präzedenzfälle zurückgreifen kann. Nicht nur ganze Rechtssysteme können in ihren Wertungen untereinander uneins sein; dies gilt sogar für Philosophien. Das Wort ›Menschheit‹ enthält ungefähr ebensoviel Sinn wie der Begriff ›Phlogiston‹. Sagen Sie mir, wenn Sie es können, wie viel Gemeinsamkeit es in unserer angeblich geeinten Weltföderation zwischen einem erfolgreichen japanischen Ingenieur, einem Bandenoberhaupt aus dem Slumviertel einer nordamerikanischen Großstadt, einem tibetischen Mystiker und einem Bauern aus den Dürregebieten Afrikas gibt. Und wir haben mehr und mehr mit Fällen zu tun, die ihren Ursprung außerhalb der Erde haben – in einem äußerst vielgestaltigen und undurchsichtigen Universum.«

Er tastete nach einer Fernbedienung, und die Beleuchtung erlosch. Die rasch hereingebrochene Nacht des Hochlands lag in majestätischer Klarheit und Stille vor unseren Augen.

Sterne drängten sich in der Schwärze. Die Milchstraße schimmerte von Horizont zu Horizont. Tief im Süden stand das Sternbild des Schützen. Dort suchte ich – und glaubte zu finden – den Lichtflecken, der den Tripelstern Anubelea gegen Sicht von der Erde verdeckt. Nicht weit davon spaltete schwarzer Nebel den galaktischen Arm. Anderswo, unsichtbar für uns, wurden Sterne geboren und starben als ausgebrannte Neutronenschlacke von unvorstellbarer Dichte, um als ›Schwarze Löcher‹ eine geisterhafte Existenz fortzuführen; und die Frage, woher dies alles kam und wohin es zurückkehren wird, und warum, ist nicht zu beantworten.

Espinas spröde, wie ausgetrocknete Stimme riss mich aus meinen Betrachtungen. »Ich habe die Akten über Sie studiert und Zeugenaussagen gehört. Meine gelehrten Kollegen haben bereits den Zeitaufwand beklagt, den ich dieser Sache widme. Sie erinnern mich an Probleme und Fälle, die ihnen wichtiger erscheinen, namentlich jetzt, nachdem wir uns im Kriegszustand befinden. Sie sagen, die Meuterei sei eine geringfügige Affäre gewesen und ohne nennenswerte Folgen geblieben. Überdies hätten die Beklagten die gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen nicht geleugnet. So stünde einer raschen Aburteilung nichts im Wege.«

Er klopfte mit der flachen Hand auf die neben ihm liegende Akte. »Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir hinreichendes Material für eine Verurteilung zusammengetragen haben. Ja, an Fakten mangelt es wirklich nicht. Aber ergeben sie auch ein wahrheitsgetreues Bild?«

Ich wagte das Wort zu ergreifen: »Herr Präsident, wenn Sie auf die moralische Rechtfertigung unseres Handelns anspielen, so baten wir bereits um die Erlaubnis, eine Erklärung abzugeben, doch wurde sie uns verweigert.«

»Selbstverständlich«, erwiderte er mit einem Anflug von Verärgerung. »Glauben Sie, ein Gericht könnte seinem Auftrag gerecht werden, wenn es im Stadium der Beweisaufnahme emotionale Erörterungen zuließe, die nicht unmittelbar den Tatbestand betreffen?«

»Ich verstehe, Herr Präsident. Aber man hat uns auch nicht erlaubt, öffentliche Erklärungen abzugeben. Wir wurden ohne Verbindung mit der Außenwelt gehalten, und während der Beweisaufnahme war die Öffentlichkeit von den Sitzungen ausgeschlossen. Ich bezweifle die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahmen.«

»Mit dem Ausbruch des Krieges ist automatisch die Notstandsgesetzgebung in Kraft getreten. Vielleicht werden Sie selbst noch zu der Einsicht kommen, dass die angeordneten Maßnahmen begründet waren.«

Der gebrechliche Körper beugte sich ein wenig vor, und die dunklen, noch immer lebhaften Augen blitzten uns an. »Hier können Sie reden, soviel Sie wollen«, sagte Espina. »Ich rate Ihnen jedoch davon ab. Was ich von Ihnen erfahren möchte, ist subtiler und schwieriger zu erläutern, als Ihre persönlichen Einwände gegen bestimmte Gerichtsbeschlüsse. Es ist juristisch wahrscheinlich irrelevant, aber möglicherweise nicht ohne Bedeutung für die Meinungsbildung des Gerichts. Sie sind bereit, Ihre Zukunft für jene Wesen dort draußen aufzuopfern. Warum?«

Er machte eine auffordernde Handbewegung. »Erzählen Sie mir, was Sie über diese Leute denken und wissen. Geben Sie mir ein Bild von der Wirklichkeit auf Ischtar. Lassen Sie mich hören, welchen Einfluss das Bewusstsein des bevorstehenden Weltuntergangs auf das Denken und Handeln der Bewohner hat.«

Der Diener kam mit einem Tablett herein. »Wenn Sie wollen, können Sie später Alkohol oder andere Drogen zur Entspannung haben«, sagte Espina. »Aber lieber jetzt noch nicht. Wir haben keine leichte Aufgabe vor uns.«

Er ließ sich Tee einschenken und schlürfte genießerisch. Ich witterte das teerige Aroma von Lapsang Suchong. Dann begann er uns auszuforschen.

1

In der Zeit des Feuers hatte das Land im Norden keinen Frieden von der Dämonensonne. Tag und Nacht, sommers und winters, brannte sie herab, bis es weder Tageszeiten noch einen Winter gab. Aber das waren die Ödländer, wohin wenige Sterbliche je gekommen waren und wo niemand leben konnte, sei das Jahr gut oder schlecht. Wenn die Dauri jener Gegenden auf ihren unbekannten Wanderungen nach Süden zogen, sahen sie den Roten während ihrer Wanderschaft tiefer sinken, bis er zuletzt hinter ihnen unter dem Horizont versank.

Nachdem sie die Einödhügel überwunden hatten, waren solche Wanderer unter den Tassui, den Grenzbewohnern, die im südlichen Teil von Valennen lebten und daher die Nördlichsten unter den Sterblichen waren. Auch hierher verirrte sich selten jemand aus südlicheren Breiten; das Land, sein Himmel und seine Bewohner waren denen aus dem Süden so gut wie unbekannt.

Wenn der Sturmentfacher weit von der Welt entfernt war, nicht viel mehr als ein sehr heller Stern, dann erlebten diese Gegenden kleine Unterschiede zwischen den Jahreszeiten. Im Winter konnte man auf Regen hoffen, und die Tage waren ein wenig kürzer als die Nächte, aber das war schon fast alles. Durchziehende Händler und Soldaten aus der Gemeinschaft sagten, dass die Wahre Sonne während dieser Zeit im hohen Norden niemals aufgehe und die Kälte so hart werde, dass Eis sogar in den Tälern liege. Aber die Zeit des Feuers änderte das, wie sie alles änderte. Dann hatten die Tassui den Eindringling bei Tag, zwei Sonnen zugleich, während sie ihn im Winter allein hatten: und nicht einen Augenblick gesegneter Dunkelheit.

Ganz anders war es, wenn man südwärts über die See reiste. Dann erlebte man nicht nur die Umkehrung der Jahreszeiten – Winter in Beronnen, wenn in Valennen Sommer war –, sondern man sah den Roten am Nordhimmel immer tiefer sinken und zuletzt hinter dem Horizont verschwinden, wenn man die hohen südlichen Breiten erreichte. Dort sah man die Dämonensonne nicht einmal während der Zeit des Feuers, nur nachher, wenn sie sich schon zu weit zurückgezogen hatte, um Schaden anzurichten. Die meisten Tassui dachten, dies müsse ein von den Göttern begünstigtes Land sein, und misstrauten Ausländern, die ihnen erzählten, dass es stattdessen kalt und karg sei.

Arnanak wusste, dass es sich so verhielt. Als Legionär der Gemeinschaft hatte er vor hundert Jahren selbst Haelen besucht. Aber er sprach zu seinen Gefährten und Gefolgsleuten selten über solche Dinge. Sollten sie ihre falschen Vorstellungen behalten, wenn sie wollten, besonders solche Vorstellungen, die Neid, Missgunst und Fremdenfeindlichkeit nährten. Denn er war endlich bereit, zum Angriff überzugehen.

Ein Horn erklang in den Hügeln über Tarhanna. Steilhänge und Felsschluchten warfen Echos zurück. Der Esali rauschte und gurgelte in seinem Bett; er hatte es eilig, durch die Schlucht in die Ebene zu kommen. Die bereits einsetzende Dürre hatte ihn noch nicht zu dem Rinnsal zwischen Blöcken schrumpfen lassen, die die Füße der Durstigen verbrannten, an das Arnanaks Großvater sich aus seiner Kindheit erinnerte. Doch die Luft lag schon reglos und heiß über dem Hügelland, mit einem rauchigen Duft nach verdorrenden Gräsern und Büschen.

Allein am Himmel, näherte sich die Wahre Sonne den westlichen Höhenzügen. Dunst überzog ihren gleißenden Schild mit stumpfem Gelb, Aschenstaub von einem Wald oder einem Grasland, auf dem Flammen geweidet hatten. Sonst war der Himmel klar, von einem so harten Blau, dass man meinte, er müsse erklingen, wenn man dagegenschlüge. Schatten von einem tieferen Blau lagen in den Rinnen und Runzeln der Hänge; in den Schluchten und Talmulden waren sie purpurgrau.

Wieder stieß Arnanak ins Horn. Die Krieger verließen ihre schattigen Plätze und trotteten zu ihm. Gürtel und Wehrgehänge mit Proviantbeutel und Köcher waren für viele die einzige Kleidung; wer einen Kriegsharnisch besaß, legte ihn erst unmittelbar vor dem Kampf an. Ihre grünen Felle, die grün und golden schimmernden rostbraunen Mähnen und die schwarzen Gesichter und Arme standen in lebhaftem Kontrast zu dem Gelb der dürren Vegetation und dem Grau der verstreut liegenden Felsblöcke. Speerspitzen glühten im Abendlicht. Schwänze zuckten und peitschten das gelbe Gras in der Ungeduld erwartungsvoller Erregung. Als sie die niedrige Felsbank umdrängten, auf der er stand, stieg ein Geruch wie von feuchtem Eisen zu ihm auf.

Sein Stolz hinderte ihn nicht daran, sie nun, da er sie in einer Gruppe beisammen hatte, flüchtig durchzuzählen. Er schätzte ihre Zahl auf ungefähr zweitausend. Das waren viel weniger als er in Kürze zu benötigen erwartete. Immerhin konnte man es als einen guten Anfang betrachten. Und sie waren von überall her gekommen. Sein eigenes Kontingent hatte wahrscheinlich den weitesten Weg zu diesem Treffpunkt zurückgelegt – von Ulu unter der Weltenmauer. Aber an Gesprächsfetzen, Waffen und Schmuck erkannte er viele andere, die aus dem südlichen Valennen gekommen waren – Gebirgler, Waldläufer, Bewohner der Ebenen, Küsten und Inseln. Wenn sie sich imstande zeigten, die Handelsstadt zu erobern, würden ihre Verwandten ihnen folgen.

Ein drittes Mal ließ er das Horn ertönen, und es wurde still; nur der Fluss gurgelte und rauschte weiter. Arnanak blickte in die Runde und wartete, bis aller Blicke auf ihn gerichtet waren, ehe er sprach.

Da seine Leute jeden bewunderten, der die Kraft und die Klugheit hatte, Reichtum zu gewinnen und zu erhalten, hatte er sich mit kostspieligem Zierrat reich herausgeputzt. Aus seiner Mähne ragten die goldenen, mit Edelsteinen besetzten Spitzen einer kleinen Krone. Goldreifen schmückten Arme und Beine, Ringe glänzten an allen acht Fingern beider Hände. Eine vielfarbige, fein gearbeitete Decke aus Sehala lag um seine Schultern. Das Schwert, das er zum Zeichen seiner Kommandogewalt in die Höhe hielt, war jenseits des Meeres aus dem besten Stahl geschmiedet worden.

Hinter ihm erhob sich der bräunlichrote Stamm eines Phönixbaumes und breitete mächtige Äste aus, die ein weites, hohes, blau-grünes Laubdach trugen. In seinem Schutz war in letzter Zeit Röhricht aufgeschossen, das sich nun mit der beginnenden Dürre verfärbte, eine Kulisse aus fahlbraunen, raschelnden Halmen. Arnanak hatte den Treffpunkt mit Bedacht ausgewählt und dafür gesorgt, dass er als Erster eingetroffen war, um diese Stelle frühzeitig für sich zu beanspruchen. Nicht, dass er so weit gegangen wäre, anderen das Betreten zu verbieten; im Gegenteil, er hatte sich die meiste Zeit draußen im grellen Sonnenlicht aufgehalten, nicht anders als die am wenigsten vom Glück begünstigten Nachzügler. Aber er brauchte die Stelle unter dem mächtigen Baum für seinen geplanten Auftritt.

Ernst trat er an den Rand der Felsbank, blickte ihnen in die Augen, holte tief Atem und begann mit dröhnender Stimme:

»Hört, ihr Tassui. Ich, Arnanak, Oberherr von Ulu, spreche, und ihr werdet verstehen.

Meine Boten, die den Kriegsdolch von Haushalt zu Haushalt trugen, konnten nur die Zeit und den Treffpunkt nennen. Ihr wisst, dass ich im Laufe der Jahre viele Verbündete und Eidgeber im Westen gefunden habe, und nicht wenige anderswo. Ihr habt gehört, dass es mein Wunsch ist, die Ausländer von den Küsten zu vertreiben und uns den Weg nach Süden zu öffnen, bevor die Zeit des Feuers mit ihren Schrecken über uns kommt. Ihr habt vermutet, dass ich zuerst gegen Tarhanna losschlagen werde.

Aber die Legion weiß das auch und kann Vermutungen anstellen. Ich will nicht riskieren, dass Spione oder Verräter unseren Feinden genaueres darüber sagen, was wir tun werden.

Darum bin ich nicht erzürnt, dass die meisten Krieger Zurückhaltung üben und nicht gekommen sind. Manche fürchten mich, manche fürchten meine Niederlage; außerdem ist es die Jahreszeit, wo jeder Haushalt die Ernte einbringen und Vorräte anlegen muss, um die harten Zeiten zu überstehen, die kommen werden. Dass trotz alledem so viele von euch meinem Ruf gefolgt sind, betrachte ich als ein gutes Omen. Bei Sonnenuntergang brechen wir auf. Ich werde euch den Plan erläutern.

Ein Grund dafür, dass ich die Frühjahrszeit wählte, ist, dass die Tassui gerade jetzt mit Feldarbeit beschäftigt sind. Die Legion wird von uns nicht mehr als ein paar Überfälle erwarten; ganz gewiss nicht einen Angriff auf den wichtigsten Inlandstützpunkt der Gemeinschaft. Ich weiß, wie sie denken, jene aus den Ländern jenseits der See. Durch Doppelagenten habe ich unter ihnen die Meinung verbreiten lassen, dass größere Bewegungen von uns nur im Sommer zu erwarten seien, wenn wir die Vorräte unter Dach und Fach haben und dunkle, kühle Nächte unsere Aktionen begünstigen.

Aber auch so haben wir eine halbe Nacht, bevor der Rote aufgeht – Zeit genug, um Tarhanna zu erreichen. Ich habe die Strecke selbst zweimal zurückgelegt und weiß es. Ich weiß auch, dass die Garnison klein ist. Die Legion hat Teile davon abgezogen, um Piraterie an den Küsten von Ehur zu bekämpfen … Piraterie, die ich eben zu diesem Zweck im vergangenen Winter ins Leben rief!«

Ein Murmeln ging durch die Versammlung. Arnanak fuhr mit erhobener Stimme fort:

»Heute haben eure Anführer und ich den Angriffsplan ausgearbeitet. Wir werden in zwei Abteilungen das nördliche und das südliche Tor angreifen. Dann, wenn die Soldaten vollauf mit der Verteidigung der Tore beschäftigt sind, wird eine kleine Gruppe der unsrigen die Mauer vom Fluss her erklettern – eine schwierige Aufgabe, aber nicht allzu schwierig für meine Seeleute, die das Erklettern solcher Mauern in Ulu geübt haben. Sie werden den Feind überraschen und einen Brückenkopf für andere bilden, die den Soldaten in den Rücken fallen und das schwächer verteidigte Tor von innen öffnen werden; und so nehmen wir die Stadt.

Wenn ihr Hunger und Dürre fürchtet, Krieger, dann denkt daran, dass es in der See Inseln gibt, wo man noch im Überfluss lebt und deren Verteidigung zu stark ist, als dass wir sie jetzt schon überwältigen könnten. Doch das wird der nächste Schritt sein. Vergesst nicht, dass wir heute erst beginnen, was mit dem Zusammenbruch der Gemeinschaft enden wird. Unsere Kinder sollen in den Ländern leben, die die Götter lieben. Ich werde euch ein Wunderzeichen dafür geben.«

Während seiner Ansprache hatte er die Sonne beobachtet. Als sie hinter den Hügeln versank, legte sich Dämmerung über das Land, und die ersten Sterne kamen zum Vorschein. Im Westen erhob sich der kleine Mond Kilivu, die bizarre Felsgestalt in gleißendes Licht getaucht. Irgendwo heulte ein Tier. Die Geräusche des Flusses schienen sich zu verstärken. Obwohl der steinige Boden die Hitze des Tages zurückstrahlte, empfand man die Hitze sofort als weniger drückend.

Arnanak gab ein Zeichen, und aus dem Röhricht hinter ihm schlüpften die Dauri. Ihr Anführer trug unter seinen Blütenblättern das Ding in den Armen.

Furcht bemächtigte sich der im Halbdunkel ausharrenden Menge. Speerspitzen neigten sich vorwärts, gezogene Schwerter und Streitäxte blinkten im Mondschein. Arnanak nahm das Ding und hielt es in die Höhe, dass alle die Schwärze und die winzig funkelnden Lichter sehen konnten. »Ruhig!«, rief er mit lauter Stimme. »Bleibt ruhig! Kein Fluch ist hier. Diese Wesen sind auf meiner Seite.«

Nach einer Weile hatte er die Krieger soweit beruhigt, dass er fortfahren konnte: »Viele von euch haben gehört, wie ich ein Freund der Dauri wurde. Ihr wisst, wie ich in die Ödländer zog, die sie bewohnen, und dass ich in Gegenden kam, die kein Sterblicher je betreten hatte, und aus ihrer Gräberstadt ein Ding zurückbrachte, von dem Macht ausgeht. Seht, es war keine Lüge. Der Sieg ist uns sicher.

Heute Nacht brechen wir auf. Ich habe gesprochen, und ihr werdet verstehen.«

Noch vor dem Aufbruch der Truppe ging im Osten Narvu auf, kleiner, matter, langsamer als Kilivu, aber voll. Das bedeutete, voll im Licht der Wahren Sonne. Die rötliche Glut des Eindringlings lag auf beiden; sie waren nicht mehr verdunkelt, wenn sie zu dieser Zeit am Osthimmel standen. Im Licht der Monde, der Sterne und der Geisterbrücke konnten die Tassui gut sehen.

Nichtsdestoweniger war der Abstieg ins Tal schwierig. Oft musste Arnanak sich mit allen zwölf Zehen seiner vier Füße anklammern, um nicht einen der gefährlich erodierten Hänge hinabzustürzen. Seine Herzen schlugen laut, und seine Kehle fühlte sich ausgedörrt und versengt an wie das dornige Gestrüpp, darin seine Beine sich immer wieder verfingen. Fast konnte er spüren, wie die Blätter seiner Mähne und des Fells gleichfalls austrockneten. Die Nacht stand warm und brütend um ihn. Er wusste, dass es abkühlte, aber sein beladener, angestrengt arbeitender Körper merkte nichts davon.

Er hatte seinen Schmuck und das Ding in der Obhut der Dauri zurückgelassen. Kein Tassui – und auch kein Legionär – würde versuchen, diesen Wesen etwas zu stehlen. Im Gegenteil, die meisten würden fortlaufen, und wenn einer ungewöhnlich kühn war, würde er in der Hoffnung auf späteres Glück eine Opfergabe niederlegen. Nun trug Arnanak seine Kriegsrüstung auf dem Rücken. In Beronnen für ihn angefertigt, als er der Gemeinschaft gedient hatte, war sie schwerer als die Harnische der meisten seiner Gefolgsleute.

Er hörte sie hinter sich, stampfende Tritte, Metallgeklirr, das Rasseln losgetretener Steine, unterdrückte Verwünschungen und angestrengtes Keuchen. Er hielt hartnäckig die Spitze. Wenn er Gehorsam wollte, musste er auf dem Marsch oder im Kampf immer vorn sein.

Albernheit, dachte er. Zivilisierte Leute waren klüger. Sein Kommandant während der Soldatenzeit war durch alte Kriegsverletzungen halb lahm gewesen, behielt aber den Befehl, weil es keinen besseren Taktiker und Truppenführer gab. Barbaren – ja, Barbaren – konnten gegen eine Zivilisation nur gewinnen, wenn sie schon morsch und vom Zusammenbruch bedroht war.

Er war froh, dass die Legion, die er aus diesem Land zu vertreiben gedachte, die Zera Victrix war, und nicht seine alten Tamburu-Hopliten.

Freilich war nicht auszuschließen, dass die Letzteren später als Verstärkung hierher verlegt würden, aber sehr wahrscheinlich war es nicht. Die Gemeinschaft musste ihre äußeren Territorien nach und nach aufgeben, wie die Staatengebilde ihrer Vorläuferzivilisationen es alle tausend Jahre hatten tun müssen, wenn der Sturmentfacher zurückkehrte. Wenn Valennen verlorenging, würde die Gemeinschaft kaum versuchen, das Land zurückzuerobern … nicht einmal, wenn es den Fall der Inseln zur Folge hätte. Und danach …

Es sei denn, die Menschen griffen ein. Was wusste man schon von ihnen, die noch unheimlicher als die Dauri waren, diesen Wesen aus so weiter Ferne, dass man nicht einmal ihre Sonne sehen konnte – wenn diese und die anderen Geschichten, die sie verbreiteten, als glaubwürdig gelten konnten?

Arnanak gestand sich ein, dass ihn diese Ungewissheit bis zu einem gewissen Grad beunruhigte. Doch wenn er recht gehört, verstanden und vermutet hatte, dann waren die Menschen zu sehr bei Sehala beschäftigt, um diesem entlegenen Außenposten zu helfen. Als Ausländern musste es ihnen ohnedies Schwierigkeiten machen, den Vormarsch der Tassui in seiner ganzen Bedeutung zu erkennen, bis es zu spät wäre. Und dann … warum sollten sie nicht bereit sein, mit dem Oberherrn von Valennen zu verhandeln? Er würde mächtiger sein und mehr zu bieten haben, als die Reste der zertrümmerten Gemeinschaft.

Alles hing davon ab, dass er die Wahrheit gehört und richtig geplant hatte. Wenn nicht, würde er sterben, und die meisten seiner Leute mit ihm. Aber die Zeit des Feuers würde sie ohnehin getötet haben, und auf schlimmere Weise als der Kampf.

Im Flachland war das Vorwärtskommen leichter. Auf Befehl ihres Anführers hielten sich die Krieger vom Handelsweg fern, der dem Flusslauf folgte. Nur zweimal durften sie an geeigneten Stellen ans Wasser, um den Durst zu löschen und ihre Hautpflanzen zu laben. Die meiste Zeit wanderten sie querfeldein, um Begegnungen mit Militärpatrouillen zu vermeiden. Einzelne Legionäre könnten im Schutz der Dunkelheit entkommen und die Garnison warnen.

Die Felder waren frei von Buschwerk, aber es gab viele Dornenhecken. Die Bewohner der Gegend hatten den Feldbau vor zwei- oder dreimal vierundsechzig Jahren von ihren südlichen Nachbarn übernommen. Speerkorn, Brotwurzel und Haustiere gediehen gut. Aber wenn die Zeit des Feuers käme, würden wohlversorgte Bauernhöfe mehr hungrige Plünderer anziehen, als die Legion fernhalten konnte, bis die erbarmungslose Dämonensonne die Pflanzungen und das Vieh aus den milderen Breiten von Beronnen zerstören würde. Wie es schien, hatten einzelne Bauern ihre Höfe bereits aufgegeben. Sie verließen ihre Siedlerstellen, solange eine Möglichkeit bestand, anderswo einen Lebensunterhalt zu verdienen. Bei den wenigen Anwesen, die Arnanaks Truppe passierte, zeigte sich keine lebende Seele. Immerhin war das Weideland noch nicht vollständig ruiniert; während des Marsches stöberten die Krieger nach Essbarem.

Im Osten kam Helligkeit auf, als sie sich wieder dem Fluss näherten. Vor ihnen ragten die schwarzen Silhouetten der Mauern und Wachtürme von Tarhanna auf, eingerahmt vom Mondschein auf dem Wasser und dem westlichen Sternenhimmel. Die Unterführer ließen auf Arnanaks Geheiß halten und formierten ihre Krieger zum Angriff. Die Luft und der Erdboden waren inzwischen beinahe kühl. Die große Hitze würde noch eine Weile auf sich warten lassen. Obwohl der Eindringling, wenn er der Welt am nächsten käme, größer als die Wahre Sonne am Himmel stehen würde, verbreitete er weniger Helligkeit und Wärme als diese – ungefähr ein Fünftel davon, hatte ein Philosoph einmal zu Arnanak gesagt. Erst wenn der Rote sich wieder entfernte, begann der schlimmste Teil der Zeit des Feuers.

Dennoch würde es um die Wahre Mittagszeit, wenn der Eindringling unterginge, in der ungeschützten Ebene kaum auszuhalten sein. (Dabei war erst Frühling, und die eigentliche Zeit des Feuers stand noch bevor!) Arnanak hoffte bis dahin in der Stadt zu sein. Ob er auch die lästige Rüstung los sein würde, hing von der Garnison ab. Er glaubte, dass die Legionäre sich auf die Zusicherung freien Geleits hin ergeben würden. Zivilisierte Soldaten betrachteten den Tod für eine verlorene Sache als nutzloses Heldentum. Aber ihr Hauptmann mochte sich für den Kampf bis zum Untergang entscheiden, um möglichst vielen Barbaren den Garaus zu machen. Nun, das würde die Niederlage der Legion um so vernichtender machen; und die Sippen von ganz Valennen würden sich, beseelt von Vergeltungsdrang, dem Oberherrn von Ulu anschließen.

Mit der Hilfe seines Standartenträgers legte er Helm und Rüstung an und bewaffnete sich mit Schild und Schwert. Rotviolett zog die schlechte Morgendämmerung herauf. Arnanak reckte das Schwert und gab das Zeichen zum Angriff. »Vorwärts!«, brüllte er. »Dem Sieg entgegen!« Er übernahm die Spitze seiner Sturmabteilung und trabte los. Hinter ihm dröhnte die rissige, ausgetrocknete Erde unter den Tritten seiner Krieger.

2

Als es läutete, stand Juri Dejerine auf und schaltete das Abspielgerät aus. Wäre es etwas Klassisches gewesen – etwa ein Stück von Mozart, oder ein Raga-Konzert –, so hätte er die Musik mit verminderter Lautstärke weiterspielen lassen. Aber die meisten Menschen hegten eine instinktive Abneigung gegen geanische Musik gleich welcher Art, und es kümmerte sie dabei nicht, dass sie eine Kunst verwarfen, die es an Tradition, Alter und Vielfalt leicht mit den Hervorbringungen menschlicher Kultur aufnehmen konnte. Um die Musik zu verstehen, war freilich das Interesse nötig, aus dem erst die Geduld erwächst.

Auf seine Aufforderung hin trat ein junger Mann in nagelneuer Raumwaffenuniform mit blitzblanken Insignien ein. Er bewegte sich steif und grüßte ein wenig unbeholfen. Er war groß und kräftig gebaut, mit einem offenen Jungengesicht unter struppigem Blondhaar. Dejerine fragte sich, ob man ihm wirklich ansehen konnte, dass er jenseits des Sonnensystems geboren und aufgewachsen war. Aber wenn man es wusste, geriet man allzu leicht in Versuchung, aus Äußerlichkeiten wie Haltung, Gang, oder Gesichtsausdruck irgendwelche Hinweise herauszulesen.

»Fähnrich Conway? Stehen Sie bequem. Gut, dass Sie gekommen sind.«

»Herr Hauptmann haben mich rufen lassen.« Conway sprach einen seltsamen Dialekt, der sich von allem unterschied, was Dejerine in Europa gehört hatte. Es war der Dialekt einer isolierten Sprachinsel, und er hatte eine Weichheit und einen singenden Rhythmus angenommen, die … vielleicht einer nichtmenschlichen Sprache eigen waren?

Dejerine nickte kurz und verblüffte den anderen, indem er ihm die Hand hinstreckte. Conway ergriff sie verlegen. »Stehen Sie bequem, Fähnrich«, sagte Dejerine noch einmal und lächelte. »Wie alt sind Sie?«

»Neunzehn … das heißt, einundzwanzig, Herr Hauptmann.«

»Sie rechnen noch in Ischtarjahren, wie? Nun, ich bin letzten Monat dreißig geworden. Erdenjahre. So groß ist der Unterschied also nicht.«

Conway entspannte sich ein wenig. Seine Nervosität begann zu verfliegen, und er wagte den Hauptmann zu mustern. Dejerine war mittelgroß und schlank, mit kleinen Händen und Füßen und geschmeidigen Bewegungen. Die Züge seines feinknochigen Gesichts waren ebenmäßig und angenehm, mit einem sauber gestutzten Schnurrbart, dessen Braun mit dem der Augen und des Haupthaars harmonierte. Alles an ihm war überaus korrekt und zeugte von Ordnungsliebe und Selbstdisziplin. Die einzige kleine Extravaganz, die er sich leistete, war ein winziger goldener Ring im rechten Ohrläppchen.

»Sehen Sie«, fuhr er fort, offenbar bestrebt, Conways Haltung verlegener Ehrerbietung aufzulockern, »ich wurde schon mit sechzehn Kadett und bin im aktiven Dienst geblieben. Sie meldeten sich freiwillig, als der Krieg begann, und haben gerade ihre Ausbildung hinter sich.« Er zuckte die Achseln. »Und wie geht es weiter? Sie werden an die Universität zurückkehren, ihr angefangenes Studium beenden und eines Tages ein geehrter Kunstprofessor werden, vielleicht sogar Dekan einer Akademie, während ich mit fünfundfünfzig auf dem Trockenen sitzen werde – mit halbiertem Sold.« Er öffnete eine Tür des Wandschranks und sagte: »Ich trinke einen Cognac. Und Sie?«

»Das Gleiche, Herr Hauptmann«, sagte Conway. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Wissenschaft vom …, ah … vom Trinken zu lernen.«

»Sie haben auf Ischtar keine große Auswahl?«

»Nein, hauptsächlich selbstgebrautes Bier und einheimischen Wein.« Conway kam gegen seinen Willen in Schwung und plapperte weiter: »Aber sie schmecken nicht wie die hiesigen Biere und Weine, und viele, die ihr Leben lang draußen bleiben, trinken nichts Importiertes, weil sie fürchten, das einheimische Zeug könnte ihnen danach nicht mehr schmecken. Wir können uns selbst versorgen, und unsere Landwirtschaft floriert, aber überall sonst haben wir eine völlig verschiedene Ökologie, und das Wetter und die Strahlungsverhältnisse sind auch anders … Jedenfalls gibt es ein paar Leute, die alkoholische Getränke destillieren, doch gibt ihnen das, was sie erzeugen, keinen Grund zum Prahlen.«

»Sehen Sie, da haben Sie mir schon geholfen«, sagte Dejerine lachend. »Man hat mir geraten, mich vor der Abreise mit Vorräten einzudecken.«

Während er die Cognacs einschenkte, blickte der junge Fähnrich umher. Für die Verhältnisse eines Militärstützpunkts war der Raum groß und gut eingerichtet. Alles noch friedensmäßig, dachte er. In den Kasernen und Durchgangsquartieren des Stützpunkts, die er kennengelernt hatte, sah es schon anders aus. Tausende von Mannschaften wurden durch den Stützpunkt geschleust, wo sie ausgerüstet wurden und auf den Weitertransport ins Kampfgebiet warteten, und man begann den Einrichtungen die Überbeanspruchung anzusehen. Die meisten Schlafsäle waren doppelt belegt, immer wieder gab es Stromausfälle, die sanitären Verhältnisse waren zeitweise erbärmlich, das Kantinenpersonal überlastet. Hier in Dejerines Offizierswohnung herrschte wohltuende Stille. Durch das große, schallisolierte Fenster sah man Transportmaschinen starten und landen. Das Zimmer selbst war so aufgeräumt, dass Rückschlüsse auf den Bewohner kaum möglich waren. Auf dem Tisch lagen ein paar Computerausdrucke, ein Buch über Anubelea und die gesammelten Gedichte von Garcia Lorca. Neben einem der beiden Sessel stand ein Spucknapf.

»Da, nehmen Sie.« Dejerine reichte Conway das Cognacglas. »Zigarre gefällig? Nein? Also klappt es mit dem Tabakanbau auf Ischtar auch nicht? Nun, ich zünde mir eine an, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Bitte, Fähnrich, setzen Sie sich.« Er machte es sich gegenüber von Conway im Sessel bequem und hob sein Glas. »Zum Wohl.«

»Ah, zum Wohl, Herr Hauptmann«, stammelte Conway. »Herr Hauptmann haben über mich Erkundigungen eingezogen?«

»Ich habe mir nur Ihre Akte angesehen. Um mir ein zutreffendes Bild von meinem nächsten Einsatzort zu machen, suchte ich jemanden von Ischtar. Ich fragte in der Datenzentrale nach, und Ihr Name erschien. Nach Ihrer Personalakte haben Sie von Geburt an dort gelebt und sind erst seit kurzer Zeit auf der Erde.«

Conway errötete, nippte wieder vom Cognac und sagte: »Herr Hauptmann möchten hören, was ich über Ischtar weiß?«

Dejerine paffte an seiner Zigarre und nickte, ein wenig ungeduldig. »Sie haben Ihre Jugendzeit unter den Ischtariern verbracht. Die Gemeinde, der Sie angehören, existiert dort schon seit hundert Jahren. Sagen Sie mir, warum Sie sich nicht zum Dienst in Ihrer Heimat gemeldet haben.«

Conway zögerte, blickte unbehaglich zur Seite und sagte schließlich mit leiser Stimme: »Nun, ich habe mich zur Raumwaffe gemeldet, und für eine Einheit wie die meinige gibt es dort kaum Einsatzmöglichkeiten. Ischtar liegt abseits vom Kriegsgeschehen. Und außerdem … ich glaube nicht, dass ich ein guter Soldat sein würde, wenn ich auf Ischtar zum Einsatz käme. Persönliche Bindungen, emotionale Konflikte … Meine Familie, die Eltern und die Schwestern, meine alten Freunde, alle sind sie gegen den Krieg. Viele sind verbittert.«

Dejerine betrachtete ihn mit hochgezogenen Brauen. »Und wie stehen Sie dazu?«, fragte er.

Conway begegnete dem Blick ohne Ausweichen. Unterstützt vom Cognac, nahm seine Selbstsicherheit zu. »Wie Herr Hauptmann wissen, meldete ich mich freiwillig. Aber ich glaube, dass Recht und Unrecht ziemlich gleichmäßig auf beide Seiten verteilt sind. Andererseits sind Menschen angegriffen worden. Sie sollen sich von Grund und Boden zurückziehen, den sie für sich und ihre Nachkommen urbar gemacht haben. Man sagte uns, wir seien verpflichtet, unseren Leuten beizustehen, und ich sehe das ein: Wenn wir nicht frühzeitig eingreifen, wird es später sehr viel schwieriger sein. Ich erinnere mich an die Zwischenfälle auf Alerion.«

Dejerine lächelte. »Wohl kaum«, versetzte er. »Das war in dem Jahr, als ich geboren wurde. Aber natürlich, wir versuchen aus der Geschichte zu lernen. Aber kommen wir zur Sache, Fähnrich. Sie halten einen feindlichen Vorstoß auf Ischtar für unwahrscheinlich?«

Conway zuckte die Achseln. »Ich glaube es nicht, aber es ist nicht auszuschließen. Es wäre vorstellbar, dass die Naqsaner einen Überraschungsangriff durchführen und Ischtar besetzen. Wenn nicht wegen seiner Bodenschätze, dann wegen seines Wertes als Faustpfand für künftige Friedensverhandlungen.«

Dejerine nickte nachdenklich. »Bei den Stäben scheint man diese Gefahr auch zu sehen«, sagte er. »Ich habe Auftrag, einen Aufklärungsstützpunkt einzurichten, um der Möglichkeit eines feindlichen Vorstoßes in den Raumsektor von Ischtar zu begegnen. Der Naqsaner ist zäh und klug. Ich rechne mit Jahren.«

»Ich – ich hoffe nicht, dass es so lange dauern wird«, sagte Conway.

»Meinen Sie, ich? Keiner wünscht sich einen Krieg. Spaß daran haben nur jene, die selbst nicht den Kopf hinhalten müssen. Übrigens habe ich persönliche Freunde auf der anderen Seite, aus glücklicheren Tagen.« Dejerine schwieg eine Weile, in Nachdenken versunken, ehe er hinzufügte: »Damit wir uns recht verstehen, ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass diese unglückselige Auseinandersetzung so bald wie möglich ein Ende findet. Sie sagten vorhin, dass unsere Siedler auf Ischtar allgemein gegen den Krieg sind. Warum? Hier auf Erden schüren die Medien in geradezu unverantwortlicher Weise eine Kreuzzugsstimmung.«

»Der Grund ist hauptsächlich, dass die Leute wirtschaftliche Nachteile befürchten«, sagte Conway und trank. »Selbst wenn sonst nichts geschieht, wird es wegen des anderweitigen Bedarfs Transportschwierigkeiten geben. Die benötigten Versorgungsgüter werden nicht eintreffen, und wenn der Krieg sich in die Länge zieht, wird ihnen nichts übrig bleiben, als den größten Teil der laufenden Projekte einzustellen. Und das zur ungünstigsten Zeit.«

»Ja.« Dejerine blies einen Rauchring und beobachtete ihn, bis er sich aufgelöst hatte. »Da kommen wir zu einem Punkt, der mich beschäftigt. Ich brauche Informationen und praktischen Rat aus erster Hand. Von der Versorgungslage der Ischtarier und ihren Beziehungen zu unseren Siedlern und Beratern bis hin zu den Problemen unserer kleinen, aber wichtigen wissenschaftlichen Kolonie. Ich bin in einer wenig beneidenswerten Lage, müssen Sie wissen. Vergangene Woche hat man meinen Abreisetermin vorverlegt. Ich hatte jeden Tag vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein alle Hände voll zu tun, um die Bereitstellung von Personal, Ausrüstungen und Transportraum zu organisieren. Ich fürchte, daran wird sich bis zu unserer baldigen Abreise nichts ändern. Hinzu kommt, dass von oben ständig dazwischengefunkt wird. Es wäre unpassend, einem Offiziersanwärter gegenüber in die Details zu gehen.«

»Aber – Herr Hauptmann sind weit herumgekommen und wissen sicherlich, was mit Ischtar …«

Dejerine winkte ungeduldig ab. »Ja, ja, natürlich kenne ich die Himmelsmechanik des Systems Anubelea. Ich weiß dies und das über die Einheimischen und ihre einzigartige biologische Situation.« Er holte Atem. »Planeten, wo unsereiner in Hemdsärmeln herumlaufen kann, sind so selten, dass man sie an den Fingern einer Hand abzählen kann. Gleichzeitig aber sind diese Planeten in den meisten Fällen weit entfernt. So haben wir hauptsächlich mit Rassen und Stützpunkten zu tun, die der Heimat näher sind. Und vergessen Sie nie, dass jeder Planet eine ganze Welt ist, zu groß und vielgestaltig, um sie zu verstehen. Guter Gott, Mann, ich lebe seit meiner Geburt auf der Erde und kann weder über die Ökologie ihrer Küstengewässer noch über die Geschichte Chinas etwas sagen, von tausend anderen Gegenständen gar nicht zu reden!«

Er legte die Zigarre in den Aschenbecher, stellte sein Glas daneben und nahm das Buch über Ischtar vom Tisch. »Ich habe zum Beispiel dies gelesen. Die neueste Veröffentlichung, zehn Jahre alt. Hübsch gebündelte Information.« Er schlug das Buch mehr oder weniger willkürlich auf und hielt es Conway unter die Nase. »Sehen Sie selbst.«

Die linke Seite:

ANUBELEA B (Bel)

Typ: G 2, Hauptreihe

Masse: 0,95 Sol

Mittlerer Durchmesser: 1,06 Sol

Mittlere Umdrehungsgeschwindigkeit: 0,91 Sol

Scheinbare Helligkeit: 0,98 Sol

Oberflächentemperatur: 5800° K

Bemerkung: Asteroiden sind wegen des Einflusses der Begleitersterne ungleich verteilt. Näheres über die Umlaufbahnen enthält Anhang D. Genauere Beschreibungen der Planeten I-II und IV-V siehe Kapitel 11.

Die rechte Seite:

ANUBELEA B III (Bel III)

ISCHTAR

Masse: 1,53 E

Mittlere Strahlungsmenge (nur von Bel): 0,89 Sol/E

Mittlerer Durchmesser von Bel: 1,03 Sol.

Atmosphärische Zusammensetzung in Volumenprozent:

N2 76,90; O2 21,02; H2O 0,35; Ar 1,01; CO2 0,03 und verschiedene.

Bemerkung: Da beide Monde von unregelmäßiger Gestalt sind, namentlich I, wurden Durchmesser und Winkeldurchmesser für gleichwertige Sphäroide berechnet. Genauere Beschreibungen siehe Kapitel 3.

»Es steht nichts darin, was ich nicht besser und übersichtlicher im Navigationshandbuch finden könnte«, sagte Dejerine. »Gewiss, dieses Buch bietet auch erläuternde Texte, Bilder, Anekdoten und so weiter. Kein schlechtes Material für einen Touristen, der im Voraus etwas über sein Ziel erfahren möchte – wenn jemand es sich leisten könnte, über eine solche Entfernung hinweg Tourist zu spielen. Außerdem habe ich Bildmaterial durchgesehen, Projektionen und Lehrfilme, weiß also, wie ein Ischtarier aussieht …« Während er sprach, hatte er im Buch herumgeblättert und hielt nun bei einer solchen Illustration inne.

Ein männlicher und ein weiblicher Ischtarier waren dargestellt, dazu ein Mensch zum Größenvergleich. Das männliche Exemplar hatte ungefähr die Größe eines kleineren Pferdes. ›Centauroid‹ war eine zutreffende, aber sehr allgemeine Beschreibung der äußeren Erscheinung. Der stämmige, zweiarmige Oberkörper ging glatt in den vierbeinigen Rumpf über, dessen an einen Stier gemahnender Widerrist steil zum Hinterteil abfiel. Im Übrigen sah der Körper mit seinem robusten Bau, dem langen Schwanz und den dreizehigen Füßen mit ihren weichen Ballen eher löwenartig als centaurenhaft aus. Die Arme hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen eines irdischen Gewichthebers, doch hatten die Hände je vier sehr bewegliche Finger, darunter einen Daumen mit zusätzlichem Gelenk. Der Kopf war groß und von rundlicher Form, mit aufstellbaren, zugespitzten Ohren und einer gut entwickelten Kinnpartie von beinahe anthropomorpher Zierlichkeit. Über den kleinen weißen Zähnen öffnete sich das einem kurzen und gebogenen Rüssel ähnliche Riechorgan in einem einzigen geblähten Nasenloch. Ein steifer Katerschnurrbart zierte die Oberlippe, und auch die Augen, in denen kein Weiß zu sehen war, legten den Vergleich mit einer Katze nahe.

Gesicht und Arme waren haarlos, die Hautfarbe bei der abgebildeten, in Beronnen heimischen Rasse hellbraun. Der größte Teil des Körpers war mit einem bräunlichgrünen, moosähnlichen Pelz bedeckt, der um Kopf und Hals bis zum Widerrist zu einer fuchsroten und für den löwenhaften Eindruck verantwortlichen Mähne ausgebildet war. Sah man genauer hin, bestand sie jedoch nicht aus Haar, sondern aus dichtbelaubtem Rankengewächs.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern war beträchtlich. Das weibliche Exemplar war ein gutes Stück kleiner, hatte einen weniger ausgeprägten Widerrist und einen breiteren, tonnenförmigen Rumpf. Die Zitzen des kleinen Euters und die äußeren Genitalien waren rot. Der begleitende Text vermerkte, dass Sprache und Gehör der weiblichen Ischtarier einen weiteren Frequenzbereich umfassten.

Bis auf Schmuckgegenstände und einen Gürtel, der Messer und Proviantbeutel trug, waren sie unbekleidet. Er trug einen Speer und eine Art Saiteninstrument über die Schultern geschwungen; sie hatte einen Langbogen, einen Köcher und etwas wie eine hölzerne Flöte.

»Ich weiß, dass die Biochemie der unsrigen ähnlich ist. Jeder kann des anderen Nahrung essen, obwohl in beiden Fällen einige lebenswichtige Bestandteile fehlen.« Dejerine klappte das Buch zu und warf es auf sein Bett. »Anheimelnd, nicht? Abgesehen davon, dass unsere Wissenschaftler seit hundert Jahren bemüht sind, das Leben, Fühlen und Denken dieser Wesen zu studieren und zu verstehen. Sie wissen wahrscheinlich besser als ich, wie weit die gelehrten Herren noch von ihrem Ziel entfernt sind.«

»Noch sehr weit«, murmelte Conway.

»Und dann die unsrigen! Natürlich muss man berücksichtigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Primavera aus vorübergehenden Bewohnern besteht: Forschern, die bestimmte Projekte ausführen, Technikern mit befristeten Arbeitsverträgen, Archäologen, die Primavera nur als Ausgangspunkt für die Weiterreise nach diesem toten Planeten ansehen … Tammuz heißt er, nicht wahr? Sie alle verbindet ein besonderes Interesse für Ischtar, aber im Ganzen fühlen sie sich nur sich selbst und ihrer Arbeit verpflichtet. Wie aber steht es mit dem Kern der Dauerbewohner, der Siedler, die teilweise schon in der zweiten oder dritten Generation auf Ischtar leben und kaum noch etwas von der Erde in ihren Zellen haben?« Dejerine breitete die Hände aus. »Ich weiß praktisch nichts über Lebensweise und Denkart dieser Menschen. Sehen Sie, wie sehr ich auf Informationen von landeskundigen Leuten wie Sie angewiesen bin? Also kommen Sie aus sich heraus, Fähnrich. Erzählen Sie mir von Ihrem Leben, Ihrer Familie, Ihren Freunden. Als Gegenleistung werde ich ihnen Ihre Grüße überbringen. Und wenn Sie Geschenke haben, auch die. Wichtig ist mir vor allem, die psychologische Situation der Einwohner kennenzulernen. Erst wenn ich davon eine Vorstellung habe, kann ich, der als Vertreter einer ihren Interessen und Hoffnungen zuwiderlaufenden Politik zu ihnen kommt, auf sie eingehen, sie versöhnen und für die Zusammenarbeit gewinnen.«

Conway zog die Stirn in Falten und grübelte eine Weile nach, bevor er vorsichtig sagte: »Ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn Herr Hauptmann damit anfangen würden, ihnen den Dokumentarfilm von Olaya zu zeigen, der kürzlich so großes Aufsehen erregte.«

»Über die Hintergründe des Krieges?« Dejerine blickte ihn verblüfft an. »Aber er hat eine grundsätzlich kritische Tendenz.«

»Das fand ich eigentlich nicht. Er bemühte sich um Objektivität. Gewiss, jeder weiß, dass Olaya diesen imperialistischen Feldzügen, wie er es nennt, ablehnend gegenübersteht, aber er ist ein sehr kluger Journalist und hat große Mühe darauf verwendet, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen.«

Dejerine runzelte die Stirn. »Über die Hauptsache, nämlich das Problem der Eleutherier, ist er ganz beiläufig hinweggegangen.«

Conway fasste sich ein Herz und sagte: »Wenn Herr Hauptmann verzeihen wollen, ich bin nicht der Meinung, dass sie das Hauptproblem sind, und ich stehe damit nicht allein. Ich bewundere diese Leute natürlich und sympathisiere auch mit ihnen, aber ich denke doch, dass wir Menschen um unseres Überlebens als Spezies willen die Dinge in der Hand behalten müssen. Olayas Film war aufrichtig. Er kam der Wirklichkeit nahe. Ich fühlte das, und ich bin sicher, dass die Leute auf Ischtar genauso empfinden würden. Zumindest würden sie begreifen, dass wir hier immer noch Meinungsfreiheit haben, dass die Erde kein monolithisches Ungeheuer ist. Das wäre immerhin etwas.«

Dejerine lehnte sich zurück und begann aufmerksam zuzuhören.

3

Einen Tag nachdem er seine Frau auf dem Hof in Yakulen zurückgelassen hatte, kamen Larreka und seine Begleiter auf dem Weg nach Süden in die Nähe von Primavera. Die menschliche Siedlung lag drei Tagesmärsche stromaufwärts von der Stadt Sehala. Ursprünglich hatte man diesen Standort als Sicherheitsmaßnahme für den Fall kriegerischer Verwicklungen gewählt, doch hatte dieser Gesichtspunkt längst jede Bedeutung verloren. Die meisten Bewohner Beronnens und der übrigen Gemeinschaft waren im Laufe der Zeit zu der Einsicht gekommen, dass die Menschen ihre Freunde waren und in einer Weise die Hoffnung auf Rettung der gesamten einheimischen Zivilisation verkörperten. Aber die Fremden brauchten auch Raum zum Anbau von Feldfrüchten und zur Haltung von Tieren, die sie in einer Weise ernährten, wie es das einheimische Regenkorn oder die Brotwurzel und das Fleisch von Els und Owas nicht vermochten. Auch zogen jene, die wie Jill Conway das Studium der Natur betrieben, die urwüchsige Umgebung von Primavera dem Ackerland im Umkreis von Sehala vor. Und jene, die das Volk und seine Lebensgewohnheiten studierten, waren der Meinung, dass ihre ständige Anwesenheit in der Stadt allzu störend wirken würde.

Nicht, dass solche Störungen etwas ausmachten, dachte Larreka, verglichen mit jenen Störungen, die in diese Welt eingebaut waren.

Die Straße, die dem breiten, schimmernden Flusslauf des Jayin folgte, war eine wichtige Fernverbindung und daher mit Ziegeln gepflastert; seine Füße spürten die Hitze der harten, körnigen Oberfläche. Aber das war für einen zähen alten Soldaten noch kein Anlass, sich durch das Anlegen von Halbstiefeln selbst zu behindern. Schlechte Zeiten standen bevor, obwohl das südliche Beronnen unter der Zeit des Feuers weniger schwer zu leiden hatte … außer indirekt, wenn hungernde Horden aus nördlicheren Breiten in dieses begünstigte Land einfielen. Außerdem war es in der südlichen Hemisphäre Herbst, und ein regnerischer Winter stand bevor, gleichgültig, wie sehr sich der Rote bemühte, alles auszudörren.

Seine trübrote Scheibe, im Untergehen begriffen, hing tief über den nördlichen Hügeln und färbte sie blasslila. Die Sonne stand hoch und strahlend am Himmel. Doppelte Schatten und ineinander übergehende Tönungen ließen die hügelige Landschaft zu beiden Seiten des Flusses fremdartig erscheinen. Dass das Land diesseits des Flusses von den menschlichen Siedlern Primaveras bebaut wurde, verstärkte den Eindruck. Das Getreide war abgeerntet, und eintönige Stoppelfelder blieben zurück; aber in einer Obstplantage standen lange Reihen von Apfelbäumen mit leuchtenden Früchten, und hinter Zäunen kauten vierbeinige gehörnte Tiere Gras. Wie grün alles war! Am jenseitigen Flussufer war das Land unverändert geblieben: braungelbe Heide mit einzelnen Stauden leuchtendroter Feuerblumen, Baumgruppen mit olivgrünem und ockergelbem Laub, dazwischen Flügelsamenbüsche, deren Kapseln gerade reif waren und in Mengen über den Fluss schwebten, um irgendwo auf dieser Seite niederzusinken. Ob sie hier Wurzeln schlagen konnten, erschien Larreka zweifelhaft; der Boden war bereits zu sehr verändert.

Nach der schwülen Hitze des Morgens war die Brise, die die Flügelsamen herübertrug, angenehm erfrischend. Larreka hörte es in seiner Mähne rascheln. Die fremdartigen Gerüche der Erdengewächse zogen ihm süß in die Nase. In den vergangenen hundert Jahren hatte er manche von ihnen schätzen gelernt, und der Ernst seiner gegenwärtigen Mission hinderte ihn nicht daran, sie zu genießen. Ein Soldat verachtete die kleinen Geschenke des Lebens nicht.

»Wie weit ist es noch, Herr?«, fragte einer aus dem Trupp hinter ihm. In diesen dichtbesiedelten, nahrungsreichen Gegenden waren seine sechs Leute eher hinderlich, aber auf der Wanderung durch das nördliche Beronnen und über die Berge waren sie schnell vorangekommen, weil er immer genug Leute gehabt hatte, die zur Jagd und zur Nahrungssuche abgestellt werden konnten, während der Rest weitermarschierte. Jetzt konnte er sie genauso gut nach Sehala und seinen Fleischtöpfen mitnehmen. Die armen Teufel würden in ihrer Jugend nicht viel zu lachen haben. Der Fragesteller war von den Inseln im Meer; dort hatte man ihn rekrutiert und direkt nach Valennen geschickt, wo die Zera Victrix in diesen Jahren stationiert war. Der Junge hatte nie zuvor den Mutterkontinent besucht.

»Vielleicht eine Stunde«, antwortete Larreka. »Nur weiter. Ich sagte euch, dass wir dort übernachten werden.«

»Nun, wenigstens wird Skila bald untergegangen sein.«

»Wer? Ach so, ja.« Jede Gegend hatte ihren eigenen Namen für den Roten, und häufig nicht nur einen. Larreka war es gewohnt, ihn den Wanderer zu nennen, denn er gehörte der triadischen Kultgemeinschaft an. Im Kult der Triade nahm der Wanderer eine zentrale Stellung ein, gemeinsam mit der Sonne und jener Dunkelheit, an deren Braue der Aschenstern schwelte. In Haelen, wo er seine Jugend verbracht hatte, war der Wanderer Abbada genannt worden, und man hatte ihn gelehrt, dass es ein verstoßener Gott sei, der alle tausend Jahre zurückkehrte. Später war er skeptisch geworden und betrachtete die heidnischen Opferriten als eine Verschwendung guten Fleisches. Die Barbaren von Valennen lebten in solcher Ehrfurcht vor dem Roten, dass sie nach Möglichkeit vermieden, ihm überhaupt einen Namen zu geben und sich mit den verschiedensten Attributen behalfen, die jedoch nicht zweimal hintereinander gebraucht werden durften, weil sonst die Aufmerksamkeit des Gewaltigen auf den Sprecher gelenkt würde. Und so war es überall verschieden, selbst unter den Menschen. Sie nannten den Roten Anu und leugneten, dass er eine Seele irgendwelcher Art habe; auch der Sonne, die sie Bel nannten, und dem Aschenstern, den sie Ea getauft hatten, sprachen sie eine solche ab.

In vielerlei Hinsicht war ihre Vorstellung die unheimlichste von allen. Larreka hatte allen Mut zusammennehmen müssen, um sich mit ihren Lehren vertraut zu machen. Er konnte noch immer nicht glauben, dass die Triade nichts als Feuer sein sollte. Wie immer es sich verhalten mochte, er würde auch weiterhin die Riten und Gebote seiner Religion beachten. Es war ein guter Glaube für einen Soldaten, verbreitet unter den Legionären, ausgezeichnet für Moral und Disziplin.

Larreka sah nicht wie jemand aus, dem man ein Philosophiestudium zutrauen würde. Er hätte ein alter Unteroffizier und Kriegsveteran sein können: untersetzt und muskulös, weniger anmutig als die meisten, aber unerwartet schnell und gewandt, wenn es nötig wurde. Sein Körper trug die Narben alter Wunden; eine Furche zog sich durch Braue und Stirn, und sein linkes Ohr fehlte. Ein Haelener aus dem südlichen Beronnen, war er eigentlich von blassbrauner Hautfarbe, aber die Witterung vieler Jahre hatte ihn dunkel gegerbt. Seine Sprache bewahrte Spuren eines derben heimatlichen Dialekts, und niemals trennte er sich von dem schweren Krummsäbel, der in jenen antarktischen Breiten bevorzugt wurde und bei ihm längst zu einer Art Markenzeichen geworden war. Außerdem trug er nur einen Beutel für kleine persönliche Gegenstände und die Reiseausrüstung in einem Bündel auf dem Rücken. Zu dieser Ausrüstung gehörte ein Jagdspeer und ein Beil, das auch als Waffe dienen konnte. Was er hatte, war schmucklos und aus abgenutztem Leder, Holz und Stahl. Sein einziger Wertgegenstand war eine goldene Kette um das dicke linke Handgelenk.

Die Soldaten seines Gefolges waren mehr herausgeputzt und stellten Federn, Perlenarbeiten und klirrende Halsketten zur Schau. Gleichwohl verhielten sie sich ihrem schäbigen Anführer gegenüber sehr respektvoll. Larreka, der Sohn Zabats aus der Sippe Kerazi, war der wahrscheinlich Erfahrenste unter den dreiunddreißig Offizieren der Legion. Nach zwei Jahrhunderten in der Zera Victrix stand er in vorgerücktem Alter – dreihundertneunzig am letzten Geburtstag. Aber er konnte mit weiteren hundert Jahren in Gesundheit und Wohlbefinden rechnen und auf noch mehr hoffen – es sei denn, die Barbaren oder eine der Naturkatastrophen, die der Wanderer für die Welt bereithielt, machten seinem Leben ein vorzeitiges Ende.

Der Rote glitt unter den Horizont. Noch kurze Zeit danach lag sein stumpfroter Widerschein auf den Wolken im Norden, dann schien das gute Licht der Sonne ungestört. Kumuluswolken türmten sich weiß über düsteren graublauen Schatten, die auf einen Sturm hindeuteten.

»Ob es regnen wird, Herr?«, fragte der Soldat von den Inseln. »Ich hätte wirklich nichts dagegen.« Obgleich in der Nähe des Äquators gelegen, wurde seine Heimat von kühlen Seewinden erfrischt. Die staubige Hitze des kontinentalen Klimas setzte ihm zu.

»Spare dir deinen Durst für Primavera auf«, riet ihm Larreka. »Das Bier dort ist gut.« Dann blinzelte er abschätzend zu dem Wolkengebirge hinüber. »Nein, ich glaube nicht, dass es Regen geben wird. Vielleicht morgen. Mach dir nichts daraus, mein Sohn. Bald wirst du hierzulande mehr Wasser bekommen, als dir lieb ist; genug, um einen Fisch zu ertränken. Vielleicht wirst du dann Valennen besser zu schätzen wissen.«

»Kann ich mir nicht denken«, meinte ein anderer. »Alle reden davon, dass es in Valennen noch viel trockener wird, als es jetzt schon ist.«

»Das habe ich auch gehört, Saleh«, warf ein Dritter mit krähendem Lachen ein. »Es heißt, die Felle der Frauen werden von der Hitze so hart und trocken, dass man sich daran ein Loch in den Bauch reiben kann.«

Die Übertreibung hielt sich in Grenzen. Der Feuchtigkeitsverlust trocknete das moosige Geflecht feinen grünlichen oder bräunlichen Pflanzenwuchses aus, das den Körper eines Ischtariers größtenteils bedeckte. »Nun, was das betrifft«, sagte Larreka, »so hört auf die Stimme der Erfahrung.« Und er beschrieb mit derben Worten alternative Techniken.

»Aber ich verstehe noch immer nicht«, beharrte Saleh. »Natürlich steht der böse Stern über Valennen viel höher am Himmel als hier, und darum wird es dort auch viel heißer. Aber warum trocknet das Land so sehr aus? Ich dachte, Hitze lässt Meerwasser rascher verdunsten und als Regen wieder herunterkommen. Ist das nicht die Erklärung dafür, dass die tropischen Inseln größtenteils feucht sind?«

»Das stimmt«, antwortete Larreka. »Das erklärt, warum es in Beronnen die nächsten fünfundsechzig Jahre soviel Regen geben wird, dass wir bis zu den Schwanzwurzeln im Schlamm versinken werden, wenn das Wasser uns nicht einfach ins Meer schwemmt. Dazu kommt dann noch die Schneeschmelze im Hochland, um das Maß vollzumachen. Aber Valennen wird entlang der Westküste von mächtigen Gebirgen gegen die regenbringenden Winde vom Ozean abgeschirmt. Was das Innere an Niederschlägen bekommt, geht hauptsächlich im Osten über der See von Ehur nieder. Aber jetzt Schluss mit dem Palaver und weiter.«