Zeit für Lösungen - Christian Uebele - E-Book

Zeit für Lösungen E-Book

Christian Uebele

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Beschreibung

Die Lösungsuhr® ist ein professionelles Tool zur Entwicklung von stimmigen Lösungen in komplexen und verfahrenen Problemsituationen. Sie hilft dabei, neue Freiräume zu schaffen, gestoppte Prozesse ins Fließen zu bringen und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten für praktisches Arbeiten aufzuzeigen. Als Reflexionswerkzeug kann sie in kollegialen Fallbesprechungen, Supervisionssitzungen und in der psychotherapeutischen Einzelarbeit eingesetzt werden. Die zwölf Lösungsprinzipien der Uhr bündeln theoretisches Wissen um adaptive Prozessverläufe und die Essenz aus jahrzehntelanger praktischer Erfahrung. In diesem Buch werden sie ausführlich erläutert. Sie können auch unabhängig vom Lösungsuhr®-Tool im Berufsalltag und bei persönlichen Problemstellungen angewendet werden, um zwischenmenschliches Miteinander neu gelingen zu lassen.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Lösungsuhr® ist ein professionelles Werkzeug zur Entwicklung von Lösungen für komplexe und verfahrene Situationen. Sie kann in der Einzelarbeit und in Teams eingesetzt werden.

Christian Uebele und Tony Hofmann haben das Manuskript zu diesem Buch gemeinsam verfasst. An Stellen, an denen ein bestimmter Gedanke oder eine Position wiedergegeben wird, auf die einer von uns beiden besonders viel Wert legt, haben wir den entsprechenden Namen in Klammern hinzugefügt.

Inhalt

Wirkweise der Lösungsuhr

®

1.1 Was ist eine Störung?

1.2 Der Lösungsprozess

1.3 Laufende und gestoppte Prozesse

1.4 Metaphern als Schlüssel zur Lösung

1.5 Das eigene Gespür schulen

1.6 Adaptiver Umgang mit Emotionen

Die Lösungsuhr

®

in der Praxis

2.1. Entstehungsgeschichte

2.2 Flexible Anwendung

2.3 Ablauf

Die zwölf Lösungsprinzipien

Stunde 1: Versuche Variationen

Stunde 2: Schaffe Freiraum

Stunde 3: Definiere den Rahmen

Stunde 4: Unterbrich das Muster

Stunde 5: Schätze Deine Impulse

Stunde 6: Wechsle die Perspektive

Stunde 7: Erkenne den Sinn darin

Stunde 8: Stärke die Stärken

Stunde 9: Frage nach

Stunde 10: Handle beherzt

Stunde 11: Sei eindeutig

Stunde 12: Bleibe spielerisch

Der Lösungskreislauf

1. Wirkweise der Lösungsuhr®

Die Lösungsuhr® ist ein Werkzeug, das dabei hilft, in komplexen und verfahrenen Situationen stimmige Ansatzpunkte für funktionierende Lösungen zu finden. Die Lösungsuhr® entwickelte sich in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, kann aber auch in anderen Kontexten eingesetzt werden. Sie ist nicht gedacht für den direkten Einsatz im Feld, sondern für die Reflexion von als schwierig empfundenen Situationen. Sie wird also vorrangig verwendet in der Supervision, in der Psychotherapie, in Fallbesprechungen, in Team-Beratungen und in kollegialen Meetings.

Im Praxisalltag mit der Lösungsuhr hat sich gezeigt, dass es für jede Frage geeignete Lösungsbilder gibt. Oft besteht die Schwierigkeit nicht darin, Lösungen zu finden, sondern darin, sich auf zwei oder drei zu beschränken. Mit Hilfe der Lösungsuhr® findet man normalerweise mehr Lösungsprinzipien, als man sich eigentlich vorgenommen hat. Sie können sich also aus dieser Fülle die besten Prinzipien aussuchen. Unsere Erfahrung: Wir schwimmen förmlich in Lösungen. Besonders erhellend war die Beobachtung in einer Fortbildung, die ich (Christian Uebele) einmal machte. Ich war eingeladen in ein Team, das schon seit Jahren ständig bestimmte Probleme wälzte. Die Lösungsuhr® brachte diese Menschen in extrem kurzer Zeit dazu, sich nur noch mit Lösungen zu beschäftigen.

Die Lösungsuhr® hat ein weit größeres Potenzial, als nur das Feld der Pädagogik oder der Psychotherapie. Dennoch entwickeln wir sie in diesen beiden Kontexten, da hier unsere größte berufliche Expertise liegt. Die Beispiele, die wir in diesem Buch meist für den pädagogischen Kontext „Kindergarten“ darstellen, lassen sich leicht übertragen auf andere, verwandte Felder. So kann die Lösungsuhr® z.B. auch in der Schule, in der Psychotherapie mit Erwachsenen oder mit älteren Jugendlichen und in der sonderpädagogischen oder psychosozialen Beratung, in der Elternarbeit oder in der Erziehungsberatung eingesetzt werden. Auch in Businessteams wirkt sie, wie die Erfahrung zeigt. Der „Kindergarten“ könnte somit auch in humorvoller Weise verstanden werden als ein bestimmter Typ des zwischenmenschlichen Umgangs von Menschen, der nicht in Richtung „Gelingen“ deutet. So heißt es umgangssprachlich ja manchmal empört: „Sind wir denn hier im Kindergarten?“ Eine solche Verwendung des Wortes enthält jedoch in den meisten Fällen ein Missverständnis. Kindergärten sind heutzutage oftmals sehr komplexe und feinfühlige Institutionen, und können damit Vorbildcharakter aufweisen. Die umgangssprachliche Abwertung ist also zumeist alles andere als gerechtfertigt. Vom Kindergarten, als einem oftmals partizipativ und demokratisch gestalteten System, kann man heutzutage viel lernen. Die zwölf lösungsorientierten Grundprinzipien, die wir an seinem Beispiel entwickeln und schildern, sind somit fast schon allgemeingültig.

Die Entwicklung der Lösungsuhr® wurde wissenschaftlich begleitet durch den Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen der Universität Würzburg. Was uns sehr am Herzen liegt, ist die hohe fachliche Qualität dieses Tools. Deshalb legen wir Wert auf eine gut durchdachte theoretische Fundierung. Diese soll im Folgenden kurz dargestellt werden. Alle Leserinnen und Leser, die aus fachlichem Interesse weiter in die Hintergründe einsteigen wollen, können sich in den wissenschaftlichen Rahmen, der in der Arbeit mit der Lösungsuhr® Anwendung findet, selbständig vertiefen (z.B. bei Hofmann, 2017; Hofmann & Freitag, 2018; Hofmann, 2020b).

1.1 Was ist eine Störung?

Wir verstehen Störungen im sozialen Miteinander generell als Interaktionsstörungen (Stein, 2018). Das bedeutet, dass einzelne Personen, wie Kinder und Jugendliche, möglicherweise auffällig sind, aber niemand ist gestört. Keine Störung liegt allein in einer einzelnen Person. Sie zeigt sich in den Prozessen, in denen der einzelne Mensch mit seiner Umwelt in Beziehung steht. Diese Prozesse sind es, die im Falle einer Störung verzerrt, behindert oder gestoppt sein können (Hofmann & Heselhaus, 2018). In einer solchen Situation werden beispielsweise bestimmte Bedürfnisse beim Kind, aber auch bei Eltern, Lehrkräften oder Erzieherinnen und Erziehern nicht erfüllt. Die Idee des „gestoppten Interaktionsprozesses“ ist unser zentraler theoretischer Ausgangspunkt. Als Leitgedanke wird er dabei unterstützen, besser verstehen zu können, warum sich bestimmte Menschen so verhalten, wie sie es tun (z.B. aggressiv, ängstlich oder unaufmerksam). Daraus abgeleitet lassen sich Ansatzpunkte finden, die die Frage stellen, was in der Praxis verändert werden kann, um gestoppte Interaktionsprozesse in Richtung „Gelingen“ zu verändern: Was genau ist nötig, damit es (wieder) „rund läuft“?

Gelingendes soziales Miteinander bedeutet, dass Wege gefunden werden, die von allen (relevanten) Beteiligten tragbar sind. Dieses spezielle Zusammenspiel wurde auf der Interaktionsebene von mir (Tony Hofmann) als „konkreative Kommunikation“ definiert (2017, 188ff.). Das bedeutet, dass drei Arten von Stimmigkeit zugleich auftreten:

Stimmigkeit mit mir selbst

Stimmigkeit mit meinen Mitmenschen in der gegebenen Situation

Stimmigkeit mit der Eigendynamik unserer Interaktionen.

Konkret geht es uns hier jedoch nicht um eine weitere theoretische Vertiefung, sondern um hilfreiche Ideen für das, was man in der Praxis tun kann, also um eindeutige Handlungsschritte und Interventionen. Gute Ideen, die die Konkreativität fördern, könnten einem Kind dabei helfen, zu lernen oder mit anderen Kindern zu spielen. Sie helfen zugleich auch den Lehrkräften oder Erziehern und Erzieherinnen in ihrer pädagogischen Arbeit. Sie unterstützen die Institution, in der die Problematik auftritt (z.B. die Schule), indem sie Lehr- und Lernprozesse (wieder) ermöglichen. Zudem lenken sie die Interaktionsprozesse (langfristig gedacht) in eine nachhaltig förderliche Richtung.

Das Ziel der Arbeit mit der Lösungsuhr® ist es, adaptive Ansatzpunkte für den professionellen Umgang mit auffälligem Verhalten zu finden. Natürlich kann die Arbeit mit diesem Werkzeug eine fundierte pädagogische oder psychologische Grundausbildung (bzw. ein Studium) nicht ersetzen. Die Ansatzpunkte, die mit der Lösungsuhr® erarbeitet werden, müssen vielmehr in ein Gesamtkonzept eingebettet sein und der individuellen fachlichen Haltung der professionell Tätigen entsprechen. Das meint: Jede und jeder professionell Tätige wird die Lösungsuhr® ein klein wenig anders verwenden. Das was wir hier beschreiben ist lediglich ein Vorschlag, der abgewandelt werden kann, wo es stimmig scheint.

Außerdem bieten wir eine Fortbildungsreihe für die professionelle Arbeit mit der Lösungsuhr® an, die aus Präsenzseminaren und aus regelmäßigen (auf digitalem Weg vermittelten) vertiefenden Impulsen besteht. Wir empfehlen, diese Fortbildungsreihe zu besuchen, wenn Sie ein Interesse daran haben, die „innere Logik“ der Lösungsmethodik in all ihren einzelnen Facetten gedanklich zu durchdringen und alltagsbegleitend eine schier unendliche Vielzahl an Handlungsideen zu bekommen. Wir verstehen dieses Angebot so ähnlich, wie beim Umgang mit technischen Geräten: Wäre die Lösungsuhr® beispielsweise ein Auto, so können Sie es nach dem Lesen dieses Buches vielleicht fahren – das ist nicht nichts. Es bringt sie sicher von Ort zu Ort. Aber erst durch die Fortbildungsreihe verstehen Sie dann auch, wie der Motor, das Bremssystem usw. funktioniert. Sie können sehr viel flexibler und spontaner auf Situationen reagieren, indem Sie die Lösungsprinzipien verinnerlichen und sich völlig zu Eigen machen. Wir wollen Ihnen auf diese Weise flexible Gestaltungsspielräume in komplexen, unlösbar scheinenden Situationen eröffnen, indem wir Ihnen die Möglichkeit geben, eine Art „lösungsorientierte Grundhaltung“ für alles, was Sie tun (sei es beruflich, aber auch privat), zu entwickeln. Oder anders gesagt: Uns ist sehr wichtig, dass das, was wir Ihnen beibringen und das, was Sie dann können, nicht nur an der Oberfläche wirkt, sondern wirklich „Hand und Fuß“ hat.

1.2 Der Lösungsprozess

Um die Wirkweise der Lösungsuhr® verstehen zu können, sind drei theoretische Aspekte zentral. Sie sollen hier in drei Leitfragen ausformuliert und anhand eines Beispiels durchdacht werden:

Das Wissen um Interaktionsprozesse lässt uns verstehen, wie es zu gestoppten Prozessen kommt. Letztere nehmen wir möglicherweise als sehr unangenehm wahr. Wir haben z.B. ein Problem, etwas läuft nicht so, wie wir es uns wünschen oder wir befinden uns in einem Konflikt. Wir erleben unangenehme Emotionen.

Was ist in solch einer Situation nötig, um gestoppte Prozesse auf adaptive Weise wieder neu zum Laufen zu bringen?

Die Materialien zur Lösungsuhr

®

zeigen metaphorische Darstellungen von Lösungsstrategien. Metaphern können eine große Kraft entfalten. Sie sind in der Lage, den Kern eines gestoppten Prozesses bildlich so auf den Punkt zu bringen, dass er wieder „gangbar“ gemacht wird.

Was also sind spezifische Eigenschaften von Metaphern, so dass sie eine hilfreiche Wirkung entfalten können?

Die Anordnung der verschiedenen Lösungsstrategien in Form einer Uhr, deren Ziffern rings um den Körper herum platziert werden, hat sich in der Praxis als besonders hilfreich herausgestellt. Ein Mensch, der eine Lösung sucht, wendet sich auf diese Weise dem Erleben zu, das in ihm wie ein „innerer Kompass“ fungiert. Auf diese Weise wird es möglich, erlebensbezogen eine oder mehrere geeignete Lösungsstrategien auszuwählen und konkrete Handlungsschritte zu finden.

Warum wirkt ein Bezugnehmen zum subjektiven Erleben lösend?

In den nun folgenden Ausführungen werden diese drei Fragen systematisch durchdacht.

1.3 Laufende und gestoppte Prozesse

Interaktionsprozesse lassen sich als das Zusammenspiel von Implizieren und Geschehen beschreiben. Das meint: Manches von dem, was geschehen kann, geschieht. Anderes geschieht nicht. Und das, was tatsächlich geschieht, gibt wiederum eine Richtung vor für das, was weiterhin geschehen kann. Ein laufender Prozess setzt sich in diesem Sinne selbst fort: „Es läuft einfach“. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, zwischen sozialen und persönlichen Prozessen zu unterscheiden (Bartusch, 2020). Ein Beispiel soll diesen Unterschied deutlicher machen.

Nehmen wir zum Beispiel an, eine Kindergartengruppe wird von einem Erzieher betreut, der ein feines Gespür für die Bedürfnisse und Empfindungen der Kinder hat. Zugleich verfügt er über ein großes Repertoire an Möglichkeiten für das, was als nächstes getan werden kann. So strukturiert er Gruppenstunden auf bestimmte Weise, gibt bestimmte Materialien frei und weiß, was gerade passt, da er die Möglichkeiten und Grenzen der angebotenen Materialien kennt. So wählt er beispielsweise in einer konkreten Situation an einem Vormittag aus, ob die Gruppe als nächstes nach draußen in den Schnee spielen geht, oder ob sie etwas bastelt, oder ob verschiedene Aktivitäten gleichzeitig möglich sind. Dabei legt er Wert auf eine möglichst individuelle Berücksichtigung der Bedürfnisse und Lernstände der Kinder.

Natürlich kann nicht jedes Kind völlig eigenständig begleitet werden (dies ist sicherlich eine Frage der Gruppengröße und der Ressourcen), dennoch gibt es immer wieder Überlappungsbereiche, so dass die Befriedigung der Einzelbedürfnisse möglichst maximiert wird.

Ein Interaktionsprozess ist gerade dann gestoppt, wenn dies zu kippen beginnt. An irgendeiner Stelle der Gruppe finden wir nun bei einem oder mehreren Kindern unbefriedigte Bedürfnisse vor, die auch mit noch so sorgsamer Kreativität und Offenheit in der Tagesgestaltung nicht mehr erfüllbar sind. Das, was in den persönlichen Prozessen dieser Kinder impliziert wäre, kann also nicht geschehen. So könnte es zum Beispiel sein, dass eine bestimmte Zahl von Kindern eigentlich Bewegung im Freien bräuchte, jedoch ein gewaltiger Sturm mit Regen und Hagel im Laufe des Vormittags das Hinausgehen unmöglich macht, so dass sich die Kinder im Raum gefangen fühlen. Die Gruppe beginnt „zu kochen“. Der soziale Prozess („Wir bleiben drinnen!“) verhindert in diesem Beispiel die adaptive Weiterführung einiger der persönlichen Prozesse der Kinder („Ich möchte mich draußen bewegen!“).

Hier kommt es nun darauf an, dass der Erzieher, der die Gruppe leitet, das „Kochen“ als solches zu erkennen vermag. Ich (Tony Hofmann) möchte besonders darauf hinweisen, dass der Begriff des Kochens eine metaphorische Beschreibung der im Raum vor sich gehenden Interaktionen darstellt (siehe auch Abschnitt 1.4.). Nehmen wir an, dass der Erzieher das „Kochen“ zu spät bemerkt und es nicht oder nur ansatzweise reflektiert. Dies würde in diesem Falle bedeuten, dass er selbst Teil des „Kochens“ wird. Dass also Gefühlszustände in ihm entstehen, die durch die Gruppendynamik gefüttert werden und die ihn selbst überfordern. Dies kann beispielsweise dazu führen, dass er aggressiv wird, um das „Kochen“ im Zaum zu halten, dass er zu schreien beginnt und Strafmaßnahmen vornimmt. Dieser Zustand wäre die Beschreibung eines Prozessstopps bei ihm als Person („Ich verliere die Kontrolle.“).