Beschreibung

Der siebzehnjährige Landon ist draufgängerisch und überall beliebt, Jamie eine auf den ersten Blick unscheinbare Außenseiterin. Eher notgedrungen gehen sie miteinander auf den Schulball. Doch dann wandelt sich Landons anfängliche Herablassung Jamie gegenüber, und eine tiefe Liebe wächst zwischen dem ungleichen Paar. Bis Jamie Landon ihr lang gehütetes erschütterndes Geheimnis preisgibt. Ein Geheimnis, das alles in Frage stellt.

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Seitenzahl: 239

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Zum Buch

Die beiden siebzehnjährigen Teenager Landon Carter und Jamie Sullivan scheinen keine Gemeinsamkeiten zu haben: Landon gehört zu den beliebtesten Schülern der High School, Jamie dagegen gilt als Außenseiterin, da sie extrem religiös erzogen wurde. Doch das Schicksal führt die beiden beim Schulball zusammen und wider Erwarten wird es ein sehr schöner Abend. Beide sind überrascht, wie gut sie sich verstehen. Durch bald darauf anstehende Proben zum Weihnachtsstück der Schule, in dem Landon und Jamie die Hauptrollen spielen, verbringen sie viel Zeit miteinander. Die gegenseitige Sympathie wächst. Doch erst, als ein Schicksalsschlag sie für immer zu trennen droht, erkennt Landon, wie viel Jamie ihm wirklich bedeutet. Er kämpft um sie – und um seine zart erwachende Liebe zu ihr …

Zum Autor

Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt mit seiner Frau und den fünf Kindern in North Carolina. Mit seinen gefühlvollen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in 46 Ländern erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Seine bisherigen Bücher sind alle bei Heyne erschienen.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungKapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13Copyright

Für meine Eltern, in Liebe und Erinnerung

Patrick Michael Sparks (1942-1996)

Jill Emma Marie Sparks (1942-1989)

Und für meine Geschwister, aus ganzem Herzen

Micah Sparks

Danielle Lewis

Als ich siebzehn war, veränderte sich mein Leben für immer.

Ich weiß, es gibt Menschen, die mich verwundert anschauen, wenn ich das sage. Sie betrachten mich fragend, als wollten sie ergründen, was sich damals zugetragen haben könnte, aber ich mache mir selten die Mühe, es zu erklären. Weil ich den größten Teil meines Lebens hier verbracht habe, finde ich, daß ich das nicht zu tun brauche, es sei denn, ich tue es auf meine Art, und dann würde es länger dauern, als den meisten lieb ist. Meine Geschichte läßt sich nicht in zwei, drei Sätzen zusammenfassen; man kann sie nicht sauber und ordentlich in einen kurzen Bericht packen, so daß jeder sofort im Bilde ist. Obwohl inzwischen vierzig Jahre vergangen sind, akzeptieren die Menschen, die immer noch hier leben und mich damals kannten, daß ich keine Erklärungen abgeben möchte. In gewisser Weise ist meine Geschichte auch ihre Geschichte, weil wir sie alle durchgemacht haben.

Nur war ich derjenige, der am nächsten dran war.

Jetzt bin ich siebenundfünfzig, aber selbst heute kann ich mich an alles in jenem Jahr erinnern – bis in die kleinste Einzelheit. Ich versetze mich oft zurück in dieses Jahr und durchlebe es aufs neue, und dann steigt immer eine seltsame Mischung aus Traurigkeit und Freude in mir auf. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, die Zeit zurückdrehen und die Traurigkeit herausnehmen zu können, aber mein Gefühl sagt mir, daß die Freude auch verschwinden würde, wenn ich das täte. Also nehme ich die Erinnerungen, wie sie kommen, akzeptiere sie alle und lasse mich von ihnen führen, so oft das möglich ist. Das passiert häufiger, als ich zugebe.

Es ist der 12. April im Jahr vor der Jahrtausendwende. Beim Verlassen des Hauses sehe ich mich um. Der Himmel ist bewölkt und grau, aber als ich die Straße entlanggehe, sehe ich, daß der Hartriegel und die Azaleen schon blühen. Ich ziehe den Reißverschluß an meiner Jacke ein wenig höher. Es ist kühl, aber ich weiß, daß es nur ein paar Wochen dauern wird, bevor die Temperaturen wieder angenehm sind und die grauen Wolken den blauen Himmel freigeben, der North Carolina zu einer der schönsten Gegenden der Welt macht.

Ich seufze und spüre, wie alles wieder zurückkommt. Ich schließe die Augen, die Jahre rollen rückwärts, langsam tickend, wie die Zeiger einer Uhr, die sich in die falsche Richtung bewegen. Wie durch die Augen eines anderen beobachte ich, daß ich jünger werde; sehe, wie mein graues Haar wieder braun wird, fühle, wie sich die Fältchen um meine Augen glätten und meine Arme und Beine sehnig werden. Einsichten, die ich mit dem Alter erworben habe, verblassen, meine Naivität nimmt zu, während sich dieses ereignisreiche Jahr nähert.

Dann beginnt sich auch die Welt zu verändern: Straßen werden enger und sind unbefestigt, die sich über das Land ausdehnenden Vororte weichen wieder Feldern, die Straßen der Stadt sind belebt von Menschen, die auf dem Weg an Sweeneys Bäckerei und Palkas Fleischerei vorbei in die Schaufenster gucken. Die Männer tragen Hüte, die Frauen Kleider. Am Gerichtsgebäude oben an der Straße läutet die Glocke …

Ich schlage die Augen auf und halte inne. Ich stehe vor der Baptistenkirche, und als ich den Blick zum Giebel hebe, weiß ich genau, wer ich bin.

Ich heiße Landon Carter und bin siebzehn Jahre alt.

Dies ist meine Geschichte. Ich verspreche, daß ich nichts auslassen werde.

Erst werden Sie lächeln, dann werden Sie weinen – aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

Los geht’s.

Kapitel 1

1958 war Beaufort, North Carolina – es liegt an der Küste in der Nähe von Morehead City –, ein Städtchen wie viele andere im Süden auch. Im Sommer war hier die Luftfeuchtigkeit so hoch, daß man sich jedesmal, wenn man die Post hereinholte, so fühlte, als käme man gerade aus der Dusche, und die Kinder liefen von April bis in den Oktober hinein barfuß unter Eichen herum, die mit Louisiana-Moos bewachsen waren. Die Leute winkten von ihren Autos aus jedem zu, den sie sahen, auch wenn sie ihn nicht kannten, und die Luft roch nach Kiefern, Salz und Meer in einer Mischung, die einzigartig für die Carolina-Staaten war. Für viele Menschen war der Fischfang im Pamlico Sound oder das Krabbenfischen im Neuse River ihr Lebensinhalt, und wo immer man auf den Intracoastal Waterway stieß, sah man vertäute Boote liegen. Im Fernsehen konnte man nur drei Sender empfangen, aber das Fernsehen hatte für uns, die wir hier aufwuchsen, nie eine besonders große Bedeutung. Unser Leben spielte sich statt dessen um die Kirchen herum ab, von denen es allein innerhalb der Stadtgrenzen achtzehn gab. Sie hatten klangvolle Namen wie Gemeinde gläubiger Christen, Kirche der Vergebung Empfangenden und Kirche der sonntäglichen Sühne, und dann gab es die Baptisten-Kirchen. In meiner Kindheit war das bei weitem die beliebteste Konfession im ganzen Umkreis, und es gab Baptisten-Kirchen an fast jeder Straßenecke, von denen sich jede allen anderen überlegen fühlte. Es gab Baptisten-Kirchen jeglicher Beschreibung – Baptisten des freien Willens, Südstaaten-Baptisten, Baptisten des Südens, Freie Baptisten, Missionarische Baptisten, Unabhängige Baptisten … na, man kann sich leicht ein Bild machen.

Damals wurde das große Ereignis des Jahres von der Baptisten-Kirche in der Stadt – den Baptisten des Südens, genauer gesagt – zusammen mit der High School auf die Beine gestellt. Jedes Jahr inszenierten sie ein Krippenspiel im Beaufort Playhouse. Eigentlich war es ein Theaterstück, das Hegbert Sullivan geschrieben hatte, der Pfarrer der Kirche, der dieses Amt mindestens seit der Zeit, als Moses die Israeliten durch die Wüste geführt hatte, ausübte. Na gut, vielleicht war er nicht ganz so alt, aber er war so alt, daß seine Haut fast durchsichtig war – die Kinder behaupteten steif und fest, sie könnten das Blut in seinen Adern fließen sehen. Irgendwie war sie immer auch etwas feucht, und sein Haar war so weiß wie das Fell der Kaninchen, die zu Ostern in den Tierhandlungen zu haben sind.

Also, er hatte das Stück geschrieben – es hieß DER WEIHNACHTSENGEL –, weil er nicht immer den alten Dickens-Klassiker »Ein Weihnachtslied« aufführen wollte. Seiner Ansicht nach war Scrooge ein Heide, der nur deswegen auf den richtigen Weg gebracht wurde, weil er Geister sah, und keine Engel, doch wer konnte schon genau wissen, ob sie wirklich von Gott gesandt waren? Und wer konnte wissen, ob er nicht sein altes, sündiges Leben wiederaufnehmen würde, wenn sie nicht direkt vom Himmel kamen? In dem Stück erfährt man das am Schluß nicht richtig – es geht dabei um Gottvertrauen –, und Hegbert traute den Geistern nicht, wenn sie nicht von Gott kamen, und weil das nicht klipp und klar gesagt wurde, hatte er seine Probleme mit dem Stück. Ein paar Jahre zuvor hatte er das Ende umgeschrieben, hatte sozusagen seinen eigenen Schluß angehängt, in dem Scrooge Prediger wird und sich auf den Weg nach Jerusalem macht, wo er den Ort finden will, an dem Jesus die Schriftgelehrten unterrichtet hatte. Das kam nicht besonders gut an – auch nicht bei der Gemeinde, die dem Stück mit weit aufgerissenen Augen folgte, und in den Zeitungen stand danach ungefähr: »Obwohl es natürlich interessant war, so war es doch nicht das Stück, das wir alle kennen- und lieben gelernt haben …«

Also versuchte Hegbert es mit einem Stück aus eigener Feder. Er hatte sein Leben lang seine Predigten selbst geschrieben, von denen manche, das mußten wir zugeben, wirklich spannend waren: besonders die, in denen er davon sprach, daß sich »der Zorn Gottes über die Unzuchttreibenden ausgießen werde«, und solche aufregenden Dinge. Ich muß schon sagen, das brachte sein Blut mächtig in Wallung, wenn er von den Unzuchttreibenden sprach. Das war ein heißes Thema für ihn. Als wir noch jünger waren, haben meine Freunde und ich uns im Gebüsch versteckt und gerufen: »Hegbert ist ein Unzuchttreibender«, wenn wir ihn auf der Straße sahen, und dann haben wir wie die Blöden gekichert, als wären wir die witzigsten Wesen unter der Sonne.

Und Hegbert, der Alte, blieb dann wie angewurzelt stehen. Seine Ohren richteten sich auf – sie bewegten sich wirklich, kein Witz –, dann lief er dunkelrot an, als hätte er gerade Benzin getrunken, und seine dicken, grünen Adern am Hals und überall schwollen so stark an, daß sie aussahen wie der Amazonas auf den Landkarten in der Zeitschrift National Geographic. Er blickte von rechts nach links, seine Augen wurden kleine Schlitze, während sie uns zu erspähen versuchten, und dann wurde er ganz plötzlich wieder blaß und kriegte wieder das fischige Aussehen, genau vor unseren Augen. Junge, war das ein Anblick!

Wir versteckten uns also hinter einem Baum, und Hegbert (welche Eltern nennen eigentlich ihr Kind Hegbert?) wartete, daß wir uns ergeben würden, als hielte er uns für so dumm. Wir preßten die Hände auf den Mund, um nicht laut loszulachen, aber irgendwie entdeckte er uns jedesmal. Eine Weile guckte er von einer Seite zur anderen, plötzlich hielt er den Kopf still, und seine knopfartigen Augen sahen uns direkt an, durch den Baum hindurch. »Ich kenne dich, Landon Carter«, sagte er dann, »und der Herr kennt dich auch.« Das ließ er einen Moment lang wirken, bis er sich endlich wieder in Bewegung setzte. Bei der Predigt am Sonntag darauf richtete er den Blick genau auf uns und sagte: »Gott ist barmherzig zu den Kindern, aber die Kinder müssen sich dessen auch wert erweisen.« Und wir rutschten auf unserer Bank tiefer, nicht aus Scham, sondern damit er nicht merkte, daß wir erneut losprusteten. Hegbert konnte nichts mit uns anfangen, was eigentlich ein bißchen komisch war, wo er doch auch ein Kind hatte. Das war allerdings ein Mädchen. Mehr darüber später.

Jedenfalls schrieb Hegbert in einem Jahr DER WEIHNACHTSENGEL und beschloß, es statt »Ein Weihnachtslied« aufzuführen. Das Stück ist gar nicht so schlecht, was alle in dem Jahr, als es zur Premiere kam, überraschte. Im Grunde genommen ist es die Geschichte von einem Mann, der ein paar Jahre zuvor seine Frau verloren hat. Der Mann, er heißt Tom Thornton, war früher sehr gläubig gewesen, aber sein Gottvertrauen war erschüttert worden, als seine Frau bei der Geburt ihres Kindes starb. Jetzt zieht er das Kind ganz allein auf, aber er ist kein besonders guter Vater. Zu Weihnachten möchte nun das kleine Mädchen eine bestimmte Spieldose mit einem geschnitzten Engel obendrauf haben. Ein Bild davon hat sie aus einem Katalog ausgeschnitten. Der Mann sucht überall nach dem Geschenk, kann es aber nirgendwo finden. So wird es Heiligabend, und er sucht immer noch. Während er durch die Geschäfte geht, begegnet er einer Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat. Sie verspricht ihm, das Geschenk für seine Tochter zu finden. Doch zuerst helfen sie einem Obdachlosen (damals nannte man solche Leute faules Gesindel), dann gehen sie zu den Kindern im Waisenhaus, und schließlich besuchen sie eine einsame alte Dame, die am Heiligabend ein bißchen Gesellschaft haben möchte. Die geheimnisvolle Frau fragt Tom Thornton, was er sich zu Weihnachten wünsche, und er sagt, er möchte seine Frau zurückhaben. Sie geht mit ihm zu einem Springbrunnen auf einem Platz und fordert ihn auf, er solle ins Wasser blicken, dort würde er sehen, was er suche. Als er ins Wasser schaut, sieht er das Gesicht seiner kleinen Tochter und fängt an zu weinen. Während er schluchzt, verschwindet die geheimnisvolle Frau; Tom Thornton sucht nach ihr, kann sie aber nirgendwo finden. Endlich schlägt er den Weg nach Hause ein und denkt über das nach, was er an dem Abend gelernt hat. Er geht in das Zimmer seiner Tochter, und beim Anblick des schlafenden Mädchens begreift er, daß sie das einzige ist, was ihm von seiner Frau geblieben ist. Wieder steigen die Tränen in ihm auf, weil er weiß, daß er ihr kein besonders guter Vater gewesen ist. Am nächsten Morgen steht, wie durch ein Wunder, die Spieldose unter dem Baum, und der geschnitzte Engel auf dem Deckel sieht genauso aus wie die Frau, der er am Abend zuvor begegnet war.

Das Stück ist also gar nicht so übel. Man muß sogar sagen, daß die Zuschauer bei der Aufführung jedesmal massenhaft Tränen vergießen. Das Stück ist jedes Jahr ausverkauft, und weil es so beliebt ist, mußte Hegbert es schließlich im Beaufort Playhouse aufführen statt in der Kirche, weil das viel mehr Plätze hat. Als ich in meinem letzten Schuljahr in der High School war, wurde das Stück jedes Jahr zweimal vor ausverkauftem Haus gespielt, was, wenn man bedenkt, daß es von Laien aufgeführt wurde, ein richtiger Erfolg war.

Hegbert wollte nämlich, daß das Stück von jungen Leuten gespielt wurde, und zwar von der Abschlußklasse, und nicht von den Schauspielern am Theater. Vermutlich dachte er, es würde den Schülern das Rückgrat stärken, bevor sie aufs College gingen und es mit all den Unzuchttreibenden zu tun bekamen. So einer war er nämlich: Er wollte einen immer vor der Versuchung bewahren. Wir sollten lernen, daß Gott über einen wacht, selbst wenn man fern von zu Hause ist, und daß sich alles zum Guten wendet, wenn man auf Gott vertraut. Ich lernte diese Lektion zu guter Letzt auch, allerdings nicht von Hegbert.

Wie schon gesagt, Beaufort ist eine ziemlich typische Südstaatenstadt, jedoch eine mit einer interessanten Geschichte. Blackbeard, der Pirat, hat hier einmal ein Haus gehabt, und angeblich liegt sein Schiff, die Queen Anne’s Revenge, vor der Küste auf dem Meeresboden begraben. Vor kurzem haben ein paar Archäologen oder Ozeanographen oder wie die Leute heißen, die so etwas erforschen, behauptet, sie hätten es gefunden, aber bisher ist sich keiner sicher, und da es vor 250 Jahren gesunken ist, kann man ja auch nicht einfach die Papiere von so einem Kahn aus dem Handschuhfach herausholen und die Daten ablesen.

Beaufort hat sich seit den fünfziger Jahren ziemlich verändert, aber es ist auch jetzt nicht das, was man eine Metropole nennen würde. Beaufort war schon immer eher klein und wird es auch bleiben, aber als ich dort Kind war, konnte es kaum Anspruch darauf erheben, auf der Landkarte verzeichnet zu werden. Um die Relationen aufzuzeigen: Der Wahlbezirk für den Kongreß, zu dem Beaufort gehörte, umfaßte den ganzen östlichen Staat – ein Gebiet von gut zwanzigtausend Quadratmeilen –, und darin befand sich nicht eine einzige Stadt mit mehr als 25000 Einwohnern. Und selbst im Vergleich zu diesen Städten war Beaufort klein. Alles östlich von Raleigh und nördlich von Wilmington, bis hin zu der Grenze mit Virginia gehörte zu dem Bezirk, für den mein Vater Kongreßabgeordneter war.

Er ist ja kein Unbekannter. Gewissermaßen ist er eine Legende, selbst jetzt noch. Sein Name ist Worth Carter, und er war fast dreißig Jahre lang Kongreßabgeordneter. Sein Slogan, den er alle zwei Jahre für die Wahlen wiederbenutzte, lautete: »Worth Carter für __________« – und da sollte man den Namen der Stadt einsetzen, in der man lebte. Ich kann mich an Reisen erinnern, bei denen Mom und ich mit auftreten mußten, um den Wählern zu zeigen, daß mein Vater ein echter Familienmensch war. Da sahen wir diese großen Schilder, auf denen Namen wie Otway und Chocawinity und Seven Springs eingetragen waren. Heute könnte man damit keinen Blumentopf mehr gewinnen, aber damals war das eine ziemlich raffinierte Werbestrategie. Ich könnte mir vorstellen, daß politische Gegner alle möglichen Schimpfwörter an die freie Stelle setzen würden, wenn man heute mit dieser Methode käme, aber so etwas haben wir damals nie gesehen. Gut, vielleicht einmal. Ein Farmer aus Duplin County hatte das Wort »Schiet« eingesetzt, und als meine Mutter das sah, legte sie mir die Hände vor die Augen und sprach ein Gebet für den armen Schlucker, der es nicht besser wußte. Das waren nicht die Worte, die sie benutzte, aber ich verstand sehr wohl, worum es ging.

Mein Vater, der Herr Kongreßabgeordnete, war also ein wichtiger Mann, und alle, ich meine alle, einschließlich des alten Hegberts, waren sich darüber im klaren. Die beiden hatten keinen besonders guten Draht zueinander, überhaupt nicht, obwohl mein Vater immer in die Kirche ging, wenn er zu Hause war, was zugegebenermaßen nicht besonders oft war. Hegbert glaubte nicht nur, daß alle Unzuchttreibenden in der Hölle die Pissoirs saubermachen müßten, sondern er hielt auch den Kommunismus für »eine Krankheit, der die Menschheit zur Heidenheit verdammte«. Obwohl es das Wort Heidenheit gar nicht gibt – ich kann es in keinem Wörterbuch finden –, wußte die Gemeinde, was er meinte. Sie wußten auch, daß er seine Worte speziell an meinen Vater richtete, der mit geschlossenen Augen dasaß und so tat, als hörte er nicht zu. Mein Vater war in einem dieser Komitees der Regierung, die die »ROTE UNTERWANDERUNG« in Schach halten sollten, die sich angeblich überall im Lande, im Verteidigungswesen, im Bildungswesen und selbst im Tabakanbau, bemerkbar machte. Man muß bedenken, daß das während des kalten Krieges war; die Lage war sehr angespannt, und wir in North Carolina brauchten eine Person, an der wir die Spannung festmachen konnten. Die Aufgabe meines Vaters war es lediglich, Fakten festzustellen, was aber für jemanden wie Hegbert irrelevant war.

Wenn wir nach dem Gottesdienst wieder zu Hause waren, sagte mein Vater zum Beispiel: »Pfarrer Sullivan war ja prächtig in Form heute. Ich hoffe, du hast den Teil von der Lesung mitbekommen, wo Jesus von den Armen spricht …«

Ja klar, Dad …

Mein Vater versuchte, jeder Situation die Spitze zu nehmen. Ich glaube, deswegen ist er so lange Kongreßabgeordneter geblieben. Auch wenn er das häßlichste Baby der Welt tätschelte, fiel ihm noch etwas Nettes ein. »So ein braves Kind«, sagte er, wenn ein Baby einen Kopf wie einen Kürbis hatte, oder: »Bestimmt ist sie ein richtiger Sonnenschein«, wenn es ein Muttermal über das ganze Gesicht hatte. Einmal kam eine Frau mit einem Kind, das im Rollstuhl saß. Mein Vater warf einen Blick auf den Jungen und sagte: »Ich wette eins zu zehn, du bist der klügste in deiner Klasse.« Und es stimmte! Ja, so was konnte mein Vater sehr gut. Er konnte mit den besten mithalten, daran besteht kein Zweifel. Und so übel war er auch nicht, um ehrlich zu sein, wenn man bedenkt, daß er mich nicht geprügelt hat oder so.

Aber er war nie da in meiner Kindheit. Ich sage das nicht gern, weil die Leute das heutzutage vorbringen, auch wenn der Vater da war, um damit ihr Verhalten zu entschuldigen. »Mein Dad … er hat mich nie geliebt … deswegen bin ich Stripperin geworden und in der Jerry-Springer-Show aufgetreten …« Ich benutze es nicht als Entschuldigung dafür, daß ich so geworden bin, wie ich bin; es war einfach eine Tatsache. Mein Vater war neun Monate im Jahr nicht da und lebte dreihundert Meilen entfernt in Washington D. C. in einem Apartment. Meine Mutter ist nicht mit ihm gegangen, weil sie sich darüber einig waren, daß ich »so aufwachsen sollte wie sie beide«.

Natürlich hat mein Großvater meinem Vater das Jagen und Fischen beigebracht, hat mit ihm Ball gespielt, war bei den Geburtstagsfesten dabei – all die kleinen Sachen, die ganz schön wichtig sind, bevor man erwachsen wird. Mein Vater hingegen war ein Fremder, ich kannte ihn kaum. Die ersten fünf Jahre meines Lebens dachte ich immer, alle Väter wohnten woanders. Erst als Eric Hunter, mein bester Freund im Kindergarten, mich fragte, wer der Mann sei, der am Abend zuvor bei mir zu Hause aufgetaucht war, wurde mir klar, daß irgendwas nicht stimmte. »Das war mein Vater«, erklärte ich stolz. »Ach …«, sagte Eric und durchwühlte meine Brotdose nach einem Milky Way. »Ich wußte gar nicht, daß du einen Vater hast.«

Man nennt so was einen Schlag ins Gesicht.

Ich wuchs also in der Obhut meiner Mutter auf. Sie war eine sehr nette Frau, lieb und freundlich, die Art Mutter, wie man sie sich erträumt. Aber sie war kein männlicher Einfluß in meinem Leben und konnte es auch nicht sein, und das, gekoppelt mit meiner wachsenden Enttäuschung über meinen Vater, machte mich schon in jungen Jahren etwas rebellisch. Nicht, daß ich ein schlimmer Rebell war. Meine Freunde und ich haben uns nur nachts manchmal davongeschlichen und Autoscheiben mit Seife eingeschmiert, oder wir haben Erdnüsse auf dem Friedhof hinter der Kirche gegessen, aber in den fünfziger Jahren veranlaßte das andere Eltern dazu, den Kopf zu schütteln und ihren Kindern zuzuflüstern: »Werd du nur nicht wie dieser Junge von den Carters! Der ist auf dem besten Weg ins Gefängnis.«

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe A WALK TO REMEMBER erschien bei Warner Books, New York

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 03/2009

Copyright © 1999 by Nicholas Sparks Copyright © 1999 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House

eISBN: 978-3-641-06016-9

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