Weg der Träume - Nicholas Sparks - E-Book

Weg der Träume E-Book

Nicholas Sparks

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Beschreibung

Abgesehen von seinem kleinen Sohn Jonah gibt es wenig Licht im Leben von Miles Ryan. Seit dem Unfalltod seiner Frau wohnt er zurückgezogen, sein einziges Ziel ist, den flüchtigen Fahrer zu finden. Neue Hoffnung tritt in sein Leben, als er sich wider Erwarten noch einmal heftig verliebt: in Sarah, die Lehrerin seines Sohnes. Sarah ist selbst gezeichnet, sie muss eine schwere Enttäuschung verarbeiten. Langsam lässt sie sich auf die neue Liebe ein. Als aber Miles die erschreckende Wahrheit über den Unfall herausfindet, steht mit einem Mal alles, was den beiden von Bedeutung schien, in Frage.

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Das Buch

Abgesehen von seinem kleinen Sohn Jonah gibt es wenig Licht im Leben von Miles Ryan, Deputy Sheriff in einem kleinen Ort in North Carolina. Seine geliebte Frau Missy kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, seit zwei Jahren ist er auf der Suche nach dem unfallflüchtigen Fahrer. Doch denjenigen zu finden, der die Schuld an seinem tiefen Schmerz trägt, scheint aussichtslos  – ebenso wie die Hoffnung auf neues Glück. Der neunjährige Jonah leidet unter dem Verlust der Mutter und der Trauer seines Vaters so schwer, dass seine schulischen Leistungen immer stärker nachlassen. Als eine neue Lehrerin in die Schule kommt und seine Klasse übernimmt, stellt sie fest, dass der Junge kaum lesen und schreiben kann. Kurz entschlossen nimmt sie Kontakt mit seinem Vater auf. Was dann passiert, hätten sich weder Miles noch Sarah, die selbst eine schwere Enttäuschung hinter sich hat, je träumen lassen: Sie verlieben sich ineinander, und es folgen Wochen der Erfüllung und des Glücks. Doch eines Tages machen sie eine Entdeckung, die ihre Liebe ernsthaft auf die Probe stellt.

»Der amerikanische Bestsellerautor ist ein Garant für sentimentale Geschichten mit Niveau.« Bild am Sonntag

Der Autor

Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt mit seiner Frau und den fünf Kindern in North Carolina. Mit seinen gefühlvollen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in 46 Ländern erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt, zum Beispiel Wie ein einziger Tag.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungPrologKapitel 1Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Epilog DanksagungCopyright

Dieser Roman ist Theresa Park und Jamie Raab gewidmet.Sie wissen, warum.

Prolog

Wo genau fängt eine Geschichte an? Im Leben gibt es selten einen eindeutigen Anfang, Momente, von denen wir rückblickend sagen können, dass mit ihnen alles begonnen hat. Aber es gibt Augenblicke, in denen das Schicksal unseren Alltag kreuzt und eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt, deren Ergebnis wir nie hätten voraussehen können.

Es ist fast zwei Uhr nachts, und ich bin hellwach. Nachdem ich ins Bett gekrochen war, hatte ich mich fast eine Stunde lang hin- und hergewälzt, bis ich schließlich wieder aufstand. Jetzt sitze ich mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch und denke über meine Begegnung mit dem Schicksal nach. Das ist bei mir nichts Ungewöhnliches. In letzter Zeit kann ich kaum noch an etwas anderes denken.

Abgesehen von dem steten Ticken der Uhr auf dem Bücherregal ist es still im Haus. Meine Frau schläft oben, und ich starre auf die Linien des gelben Schreibblocks, der vor mir liegt, und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Nicht, weil ich mir über meine Geschichte im Unklaren wäre, sondern weil ich nicht weiß, was mich überhaupt dazu treibt, sie aufzuschreiben. Wozu soll es gut sein, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen? Schließlich ist das, was ich erzählen will, vor zwölf Jahren passiert oder eigentlich, wenn man’s genau nimmt, sogar noch früher, vor vierzehn Jahren. Und doch weiß ich, dass ich versuchen muss, es zu erzählen, und sei es nur, um es alles endlich zu verarbeiten.

Meine Erinnerung an jene Zeit wird von verschiedenen Dingen unterstützt: einem Tagebuch, das ich seit meiner Jugend führe, einer Mappe mit vergilbten Zeitungsausschnitten, den Notizen über meine eigenen Nachforschungen und natürlich den offiziellen Berichten. Außerdem habe ich mir den gesamten Ablauf der Ereignisse Hunderte von Malen in Erinnerung gerufen, er ist geradezu in mein Gedächtnis eingebrannt. Doch damit allein wäre die Geschichte noch unvollständig. Andere Menschen waren von ihr betroffen, und obwohl ich alles, was geschah, aus nächster Nähe miterlebte, war ich doch nicht bei allem selbst dabei. Natürlich ist es unmöglich, jedes Gefühl oder jeden Gedanken einer anderen Person nachzuempfinden. Dennoch will ich, so gut es mir eben gelingt, genau das hier versuchen.

Dies ist vor allem eine Liebesgeschichte, und wie so viele Liebesgeschichten ist die Geschichte von Miles Ryan und Sarah Andrews aus einer Tragödie entstanden. Gleichzeitig geht es in dieser Geschichte um Vergebung, und wenn Sie zu Ende gelesen haben, hoffe ich, dass Sie verstehen, wie schwer es Miles Ryan und Sarah Andrews damals hatten. Ich hoffe, Sie werden die Entscheidungen, die sie trafen, verstehen, die guten wie die schlechten, so wie ich hoffe, dass Sie zuletzt auch meine verstehen werden.

Aber eines möchte ich klarstellen: Dies ist nicht nur die Geschichte von Sarah Andrews und Miles Ryan. Wenn es überhaupt einen Anfang gibt, dann ist er bei Missy Ryan zu suchen, der Jugendliebe eines Deputy Sheriff in einer Kleinstadt in den Südstaaten.

Missy Ryan stammte wie Miles, ihr Mann, aus New Bern. Nach allem, was man sich über sie erzählte, war sie charmant und freundlich, und Miles liebte sie, seit er sie in der Highschool kennen gelernt hatte. Missy hatte dunkelbraune Haare und noch dunklere Augen und sprach, wie man mir versicherte, mit einem Akzent, bei dem Männern aus anderen Teilen des Landes die Knie weich wurden. Sie lachte gern, hörte aufmerksam zu und legte ihren Gesprächspartnern häufig die Hand auf den Arm, als wolle sie sie in ihre eigene Welt einladen. Und wie die meisten Frauen aus den Südstaaten war sie stärker, als man zunächst annahm. Sie, nicht Miles, war die Seele des Hauses, und die Freunde, die Miles hatte, waren in aller Regel die Männer von Missys Freundinnen, und ihr Leben drehte sich in der Hauptsache um ihre Familie.

In der Highschool war Missy Cheerleader gewesen. Im zweiten Jahr war sie beliebt und umschwärmt, und sie kannte Miles Ryan bereits, aber er war ein Jahr älter als sie, und sie besuchten nicht die gleiche Klasse. Nicht, dass dies ein Hinderungsgrund gewesen wäre. Freunde stellten sie einander vor, und danach trafen sie sich immer häufiger in der Mittagspause, redeten nach den Footballspielen noch miteinander und verabredeten sich am letzten Wochenende der Spielsaison zu einer Party. Bald waren sie unzertrennlich, und als Miles Missy ein paar Monate später fragte, ob sie mit ihm zum Abschlussball gehen würde, waren sie bereits ein Paar.

Natürlich wird die Vorstellung, dass man so jung schon wahre Liebe empfinden könne, oft belächelt. Auf Miles und Missy traf dies aber zu, und in gewisser Weise war ihre Liebe stärker als jene, die man in späteren Jahren empfindet, weil die Realitäten des Lebens die beiden noch nicht eingeholt hatten. Sie blieben zusammen, während Miles die letzten Jahre der Highschool absolvierte, und auch als er am State College von North Carolina studierte, blieben sie sich treu. Missy lernte in dieser Zeit für ihre eigenen Prüfungen. Ein Jahr später kam sie auf sein College, und als er sie drei Jahre später beim Dinner fragte, ob sie ihn heiraten wolle, brach sie in Tränen aus, sagte »ja« und verbrachte die nächsten Stunden am Telefon, um ihrer Familie die gute Nachricht zu übermitteln, während Miles seinen Teller allein leer essen durfte. Miles blieb in Raleigh, bis Missy ihren Abschluss gemacht hatte, und bei ihrer Hochzeit in Bern war die Kirche zum Bersten voll.

Missy nahm eine Stelle in der Kreditabteilung der Wachovia Bank an, und Miles ließ sich zum Deputy Sheriff ausbilden. Missy war im zweiten Monat schwanger, als er in der Sheriffbehörde von Craven County anfing und auf jenen Straßen patrouillierte, die sie beide so gut kannten. Wie viele andere junge Paare kauften sie ein Haus, und als ihr Sohn Jonah 1981 während des Hurrikans Charlie zur Welt kam, warf Missy einen Blick auf das kleine Bündel und wusste, dass Muttersein schöner war, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Obwohl Jonah erst mit sechs Monaten durchschlief und Missy manchmal Lust hatte, ihn genauso laut anzuschreien wie er sie, liebte sie ihn mehr, als sie je für möglich gehalten hätte.

Sie war eine wunderbare Mutter. Sie hörte auf zu arbeiten, um sich ganz Jonah widmen zu können, sie las ihm Geschichten vor, sie spielte mit ihm und besuchte mit ihm Kindergruppen. Sie konnte Stunden damit zubringen, ihn einfach nur zu beobachten. Als er fünf war, wollte Missy noch ein Kind, und sie und Miles wurden sich schnell einig. Die sieben Jahre ihrer Ehe waren für beide die glücklichsten Jahre ihres Lebens.

Doch im August 1986, im Alter von neunundzwanzig Jahren, kam Missy Ryan ums Leben.

Ihr Tod trübte das Licht in Jonahs Augen, und Miles peinigte und verfolgte er zwei Jahre lang. Er bereitete zudem den Weg für alles, was danach geschah.

Deshalb ist dies, wie ich schon angedeutet habe, Missys Geschichte ebenso wie die von Miles und Sarah. Und es ist auch meine Geschichte.

Auch ich habe bei alldem eine Rolle gespielt.

Kapitel 1

An einem frühen Augustmorgen des Jahres 1988, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, stand Miles Ryan auf der rückwärtigen Veranda seines Hauses, rauchte eine Zigarette und sah zu, wie die aufgehende Sonne den mattgrauen Himmel orangerot färbte. Vor ihm lag der Trent River, dessen brackiges Wasser teilweise von Zypressen verdeckt war.

Der Rauch von Miles’ Zigarette schlängelte sich aufwärts, und er spürte, wie die Feuchtigkeit aus dem Boden aufstieg und sich in der Luft ausbreitete. Kurz darauf stimmten die Vögel ihr Morgenlied an. Ihr Pfeifen und Trillern erfüllte die Luft. Ein kleines Boot fuhr vorbei. Der Fischer winkte, und Miles gab den Gruß mit einem leichten Nicken zurück. Mehr Energie brachte er nicht auf.

Er brauchte einen Kaffee. Einen Schub Koffein, und er wäre für den Tag gewappnet – Jonah schulfertig machen, die Mitbürger im Zaum halten, die sich nicht um das Gesetz scherten, Räumungsklagen für das County verschicken und sich außerdem um alles kümmern, was unweigerlich noch auf ihn zukam, wie das Gespräch mit Jonahs Lehrerin am späteren Nachmittag. Abends gab es sogar noch mehr zu tun. Damit der Haushalt reibungslos lief, war immer viel zu erledigen – Rechnungen mussten bezahlt werden, er musste einkaufen, putzen, Reparaturen im Haus durchführen. Wenn Miles, was selten vorkam, unvermutet ein wenig freie Zeit hatte, bekam er gleich das Gefühl, er müsse sie schleunigst sinnvoll nutzen. Schnell, lies ein Buch! Achtung, ein paar Minuten Erholung! Mach die Augen zu, gleich ist die Zeit schon wieder um. Es konnte einen wirklich zermürben, aber was sollte man dagegen tun?

Miles brauchte jetzt wirklich einen Kaffee. Das Nikotin hatte auch nicht mehr die rechte Wirkung, und er dachte sogar daran, das Rauchen aufzugeben. Doch andererseits war es gleichgültig, ob er rauchte oder nicht. Er selbst betrachtete sich eigentlich nicht als Raucher. Natürlich kamen im Laufe des Tages ein paar Zigaretten zusammen, aber das war im Grunde kein richtiges Rauchen. Schließlich konsumierte er nicht etwa ein Päckchen Zigaretten pro Tag, und er rauchte auch nicht schon sein Leben lang. Erst nach Missys Tod hatte er damit angefangen und würde jederzeit wieder aufhören können. Aber wozu? Seine Lungen waren in Topform  – erst letzte Woche hatte er einen Ladendieb verfolgt und den Jungen ohne Mühe eingeholt. Ein Raucher könnte das nicht.

Ganz so leicht wie mit zweiundzwanzig war ihm die Sache natürlich nicht gefallen. Aber er war ja auch schon zehn Jahre älter, und selbst wenn der Umstand, zweiunddreißig zu sein, nicht bedeutete, dass er sich nach einem Platz im Altersheim umsehen musste, so war die Jugend doch vorbei. Und eins war nicht zu leugnen – im College hatten er und seine Freunde zeitweise den Abend erst um elf begonnen und waren dann gegen Morgen nach Hause gekommen. Seit ein paar Jahren jedoch war – abgesehen von den Nächten, in denen er Dienst hatte – elf Uhr für ihn spät, und auch wenn er nicht einschlafen konnte, ging er dann ins Bett. Miles hätte keinen Grund nennen können, warum er aufbleiben sollte. Erschöpfung war für ihn zum Dauerzustand geworden. Selbst in den Nächten, in denen Jonah keine Albträume hatte  – seit Missys Tod träumte er oft schlecht –, wachte Miles morgens auf und war … müde. Unkonzentriert. Schlapp, als müsse er sich unter Wasser vorwärts kämpfen. Die meiste Zeit gab er seinem hektischen Leben daran die Schuld, aber manchmal fragte er sich, ob nicht doch etwas Ernsthafteres dahinter steckte. Einmal hatte er gelesen, eines der Symptome einer klinischen Depression sei eine »auffällige Lethargie, ohne Grund oder Anlass«. Aber natürlich gab es einen Grund …

Was ihm wirklich fehlte, waren ein paar ruhige Tage in einem Häuschen am Strand unten in Key West, wo er Steinbutt fischen oder sich mit einem kühlen Bier in einer sanft schaukelnden Hängematte entspannen konnte, ohne größere Entscheidungen treffen zu müssen als die, ob er Sandalen anziehen sollte oder nicht, wenn er mit einer netten Frau an seiner Seite am Strand spazieren ging.

Das gehörte im Übrigen auch dazu. Einsamkeit. Er war es zu seinem eigenen Erstaunen plötzlich leid, allein zu sein, in einem leeren Bett aufzuwachen. Bis vor kurzem hatte er noch nicht so empfunden. Im ersten Jahr nach Missys Tod konnte sich Miles überhaupt nicht vorstellen, dass er je wieder eine Frau lieben würde. Es war, als existiere das Bedürfnis nach der Gesellschaft einer Frau nicht mehr, als seien Begehren und Lust lediglich theoretisch möglich, für seine reale Welt jedoch ohne Bedeutung. Selbst als Miles den Schock und den Kummer, die ihn jede Nacht zum Weinen gebracht hatten, zu verwinden begann, fühlte sich sein Leben irgendwie falsch an – als sei es vorübergehend aus der Bahn geraten, würde sich aber bald wieder zurechtrücken lassen, sodass es keinen Grund gab, sich über alles zu viele Gedanken zu machen.

Viel hatte sich nach der Beerdigung tatsächlich nicht geändert. Rechnungen kamen immer noch, Jonah musste essen, das Gras musste gemäht werden. Miles hatte immer noch seinen Job. Einmal, nach zu vielen Gläsern Bier, hatte ihn Charlie, sein bester Freund und Vorgesetzter, gefragt, wie es sei, die Frau zu verlieren, und Miles hatte ihm erzählt, es käme ihm immer noch so vor, als sei Missy gar nicht für immer fort. Eher, als sei sie übers Wochenende mit einer Freundin weggefahren und er müsse so lange auf Jonah aufpassen.

Die Zeit verging, und schließlich schwand auch die Benommenheit, an die Miles sich schon gewöhnt hatte. An ihre Stelle trat die Wirklichkeit. So sehr er versuchte, es zu verhindern  – seine Gedanken wanderten immer zu Missy zurück. Alles erinnerte ihn an sie, besonders aber Jonah, der ihr, je älter er wurde, immer ähnlicher sah. Manchmal, wenn Miles in der Tür stehen blieb, nachdem er Jonah ins Bett gebracht hatte, erblickte er in den feinen Gesichtszügen seines Sohnes seine Frau, und er musste sich abwenden, damit Jonah seine Tränen nicht bemerkte. Doch das Bild blieb anschließend noch für Stunden vor seinem inneren Auge. Er hatte es geliebt, Missy im Schlaf zu betrachten, wenn ihre langen, braunen Haare sich über das Kopfkissen ausgebreitet hatten, ein Arm über dem Kopf lag, die Lippen leicht geöffnet waren und ihre Brust sich beim Atmen sanft hob und senkte. Und ihr Duft – den würde Miles nie vergessen. Am ersten Weihnachtsmorgen nach ihrem Tod hatte er in der Kirche einen Hauch des Parfüms aufgefangen, das Missy immer benutzte, und noch lange nach dem Gottesdienst hatte er sich an den Schmerz geklammert wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring.

Auch an anderes klammerte er sich. Als sie frisch verheiratet waren, gingen Missy und er oft ins Fred and Clara’s, ein kleines Restaurant nicht weit von der Bank, in der sie arbeitete. Es lag etwas abseits, und seine ruhige, gemütliche Atmosphäre gab ihnen beiden das Gefühl, dass sich nie etwas zwischen ihnen ändern würde. Seit Jonahs Geburt waren sie nicht mehr so häufig dort gewesen, aber nach Missys Tod nahm Miles die alte Gewohnheit wieder auf, als hoffe er, zwischen den getäfelten Holzwänden die Spuren der Gefühle von damals wieder zu finden. Auch zu Hause organisierte er sein Leben so, wie Missy es getan hatte. Weil Missy am Donnerstagabend im Supermarkt einkaufte, fuhr auch Miles donnerstags hin. Weil Missy Tomaten an der Hauswand zog, zog auch Miles sie dort. Wenn Missy Lysol für den besten Haushaltsreiniger hielt, gab es für Miles keinen Grund, einen anderen zu kaufen. Missy war immer gegenwärtig – bei allem, was er tat.

Doch irgendwann im letzten Frühling hatte sich etwas geändert. Eine neue Empfindung überfiel Miles ohne Warnung, und er begriff bald, was mit ihm geschah. Als er in die Stadt fuhr, ertappte er sich dabei, wie er ein junges Paar anstarrte, das Hand in Hand den Gehweg entlangschlenderte. Und für einen Augenblick stellte Miles sich vor, er sei der Mann und die Frau gehöre zu ihm. Oder wenn nicht diese, dann eine andere … eine, die nicht nur ihn, sondern auch Jonah lieben würde. Eine, die ihn zum Lachen bringen würde, eine, mit der er sich bei einem geruhsamen Abendessen eine Flasche Wein teilen konnte, eine, die er berühren und umarmen konnte und mit der er sich flüsternd unterhalten würde, wenn das Licht gelöscht war. Jemand wie Missy, dachte er, und sofort beschwor ihr Bild Schuldgefühle herauf, durch die er sich wie ein Verräter fühlte und die ihn derart überwältigten, dass er das junge Paar für immer aus seinen Gedanken verbannte.

Das glaubte er jedenfalls.

Später in der Nacht, als er im Bett lag, musste er doch wieder an die beiden denken. Und obwohl ihn das schlechte Gewissen immer noch nicht ganz losließ, war es doch weniger stark als vorher. Und in diesem Augenblick wusste Miles, dass der erste Schritt getan war – wenn auch ein kleiner  –, der letztlich dazu führen würde, dass er seinen Verlust überwand.

Er begann, sich für sein neues Lebensgefühl zu rechtfertigen, indem er sich sagte, dass er schließlich Witwer sei, dass es natürlich sei, solche Gefühle zu haben, und dass niemand sie ihm verübeln würde. Niemand erwartete von ihm, dass er den Rest seines Lebens allein verbrachte. In den vergangenen Monaten hatten Freunde sogar angeboten, Verabredungen für ihn zu arrangieren. Missy hätte gewollt, dass er wieder heiratete. Das wusste er. Sie hatte es ihm mehr als einmal gesagt – wie die meisten Paare hatten auch sie das »Was-wäre-wenn«-Spiel gespielt, und obwohl keiner von ihnen beiden die Katastrophe erwartet hatte, waren sie sich einig gewesen, dass es für Jonah nicht gut wäre, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen. Es wäre demjenigen gegenüber, der überlebte, nicht fair. Trotzdem war es vielleicht noch ein wenig zu früh.

Im Verlauf des Sommers tauchte die Frage, wie es wohl wäre, jemand Neuen zu finden, immer häufiger und intensiver in Miles Kopf auf. Missy war noch da, Missy würde immer da sein … aber Miles dachte immer ernsthafter darüber nach, wie er jemanden finden konnte, der sein Leben mit ihm teilen würde. Spätnachts, wenn er draußen im Schaukelstuhl saß und Jonah tröstete – das war das Einzige, was bei seinen Albträumen half –, waren diese Gedanken am stärksten und folgten immer demselben Muster. ›Ich könnte vermutlich jemanden finden‹ wurde zu ›ich würde vermutlich jemanden finden‹, gefolgt von der Überlegung, dass er vermutlich jemanden finden sollte. An diesem Punkt jedoch kehrte sich alles um zu vermutlich doch eher nicht – so sehr er sich auch das Gegenteil wünschte.

Der Grund dafür befand sich in seinem Schlafzimmer.

Auf dem Regal, in einem dicken, braunen Umschlag, lag die Akte über Missys Tod, die er in den Monaten nach der Beerdigung selbst zusammengestellt hatte. Er bewahrte sie auf, damit er nicht vergaß, was geschehen war, er bewahrte sie auf, um sich daran zu erinnern, was noch zu tun blieb.

Er bewahrte sie auf als Erinnerung an sein Scheitern.

Ein paar Minuten später, nachdem Miles die Zigarette auf dem Geländer ausgedrückt hatte und ins Haus gegangen war, goss er sich den dringend benötigten Kaffee ein und ging über den Flur. Jonah schlief noch, als Miles leise die Tür öffnete und ins Zimmer spähte. Gut. Dann hatte er noch ein bisschen Zeit. Also, erst ins Badezimmer.

Miles drehte das Wasser in der Dusche auf. Die Rohre knackten und zischten eine Weile, bis das Wasser endlich hervorsprudelte. Er duschte, rasierte sich und putzte sich die Zähne. Beim Kämmen stellte er wieder einmal fest, dass seine Haare dünner geworden waren. Eilig zog er sich seine Sheriffuniform an, nahm das Pistolenhalfter aus dem abschließbaren Kasten über der Schlafzimmertür und schnallte es um. Er hörte, wie sich in Jonahs Zimmer etwas regte. Als er durch den Türspalt lugte, blinzelte ihn Jonah aus verquollenen Augen an. Er saß mit verwuschelten Haaren im Bett und war offenbar erst seit wenigen Minuten wach.

Miles lächelte. »Guten Morgen, Chef.«

Jonah hob den Kopf wie in Zeitlupe. »Hey, Dad.«

»Wie wär’s mit Frühstück?«

Jonah streckte die Arme zur Seite und ächzte leise. »Kriege ich Pfannkuchen?«

»Vielleicht lieber Waffeln? Wir sind ein bisschen spät dran.«

Jonah beugte sich vor und zog seine Hosen zu sich. Miles hatte sie am Abend vorher zurechtgelegt.

»Das sagst du jeden Morgen.«

Miles zuckte die Achseln. »Du bist ja auch jeden Morgen ein bisschen spät dran.«

»Dann weck mich früher.«

»Ich habe eine bessere Idee – du schläfst abends ein, wenn ich es dir sage.«

»Dann bin ich aber nicht müde. Ich bin nur morgens müde.«

»Willkommen im Club.«

»Wie bitte?«

»Schon gut«, sagte Miles. Er deutete auf das Badezimmer. »Vergiss nicht, dir die Haare zu kämmen, wenn du angezogen bist.«

»Klar«, sagte Jonah.

Sie hatten sich morgens einen bestimmten Ablauf angewöhnt. Miles steckte zwei Waffeln in den Toaster und goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Wenn Jonah mit dem Anziehen fertig war und in der Küche eintrudelte, lag seine Waffel auf dem Teller, und ein Glas Milch stand daneben. Miles hatte die Waffel schon gebuttert, aber den Sirup träufelte Jonah gern selbst darauf. Miles biss in seine Waffel, und eine Weile lang sagte keiner von beiden etwas. Jonah war noch in seiner eigenen kleinen Welt versponnen, und obwohl Miles mit ihm reden musste, wollte er wenigstens warten, bis sein Sohn klar denken konnte.

Nach einigen Minuten freundschaftlichen Schweigens räusperte sich Miles.

»Und wie läuft es so in der Schule?«

Jonah zuckte die Achseln. »Ganz gut.«

Auch diese Frage gehörte zur Routine. Miles fragte immer, wie es in der Schule lief, und Jonah antwortete immer mit »ganz gut«. Aber an diesem Morgen hatte Miles, als er Jonahs Schulrucksack packte, eine Nachricht von Jonahs Lehrerin gefunden, in der sie sich erkundigte, ob er heute zu ihr kommen könne. Etwas an dem Brief hatte Miles das Gefühl gegeben, es handele sich um etwas Ernsteres als das übliche Eltern-Lehrer-Gespräch.

»Alles in Ordnung also?«

Jonah hob die Schultern. »Mhm.«

»Magst du deine Lehrerin?«

Jonah nickte kauend. »Mhm«, nuschelte er.

Miles wartete, ob er noch mehr sagen würde, aber Jonah schwieg. Er beugte sich vor.

»Warum hast du mir dann nichts von dem Brief erzählt, den dir deine Lehrerin mitgegeben hat?«

»Welchem Brief?«, fragte Jonah unschuldig.

»Dem Brief in deinem Rucksack – den deine Lehrerin mir geschrieben hat.«

Jonahs Schultern hüpften auf und ab wie die Waffeln im Toaster. »Vergessen.«

»Wie konntest du so etwas vergessen?«

»Weiß ich nicht.«

»Weißt du denn, warum sie mich sprechen will?«

»Nein …« Jonah zögerte, und Miles wusste sofort, dass er nicht die Wahrheit sagte.

»Sag mal, Sohnemann, hast du Ärger in der Schule?«

Jonah schaute hoch und blinzelte. »Sohnemann« sagte sein Vater sonst nur, wenn er etwas falsch gemacht hatte.

»Nein, Dad. Ich mach nie Quatsch. Ehrlich.«

»Was ist es dann?«

»Ich weiß nicht.«

»Denk nach.«

Jonah rutschte auf seinem Stuhl herum. Er wusste, dass seinem Vater in Kürze der Geduldsfaden reißen würde.

»Na ja, manche von den Aufgaben schaffe ich vielleicht nicht so gut.«

»Hattest du denn nicht gesagt, dass alles gut läuft?«

»Es läuft auch echt gut. Ms. Andrews ist wirklich nett, und ich gehe gern hin.« Jonah schwieg. »Nur manchmal verstehe ich eben nicht, was die da im Unterricht machen.«

»Dazu gehst du ja zur Schule. Damit du etwas lernst.«

»Ich weiß«, antwortete Jonah. »Aber sie ist nicht wie Mrs. Hayes im letzten Jahr. Die Aufgaben, die sie uns gibt, sind schwer! Manche schaffe ich einfach nicht.«

Jonah wirkte jetzt ängstlich und verlegen. Miles legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Warum hast du mir nicht erzählt, dass du Schwierigkeiten hast?«

Jonah zögerte lange, bevor er eine Antwort gab.

»Weil ich nicht wollte, dass du böse auf mich bist«, sagte er schließlich.

Nach dem Frühstück vergewisserte Miles sich, dass Jonah alles eingepackt hatte, half ihm, den Rucksack aufzusetzen, und brachte ihn zur Tür. Jonah war nach dem Gespräch sehr still gewesen.

Miles bückte sich zu ihm herunter und küsste ihn auf die Wange. »Mach dir keine Sorgen wegen heute Nachmittag. Es wird schon alles gut werden, okay?«

»Okay«, murmelte Jonah.

»Und vergiss nicht, dass ich dich abhole. Steig nicht in den Schulbus ein.«

»Okay.«

»Ich hab dich lieb, Chef.«

»Ich hab dich auch lieb, Dad.«

Miles sah seinem Sohn nach, wie er zur Bushaltestelle an der Straßenkreuzung trottete. Missy wäre über das, was heute früh passiert war, nicht so überrascht gewesen wie er. Missy hätte längst über Jonahs Schulprobleme Bescheid gewusst. Missy kümmerte sich um solche Sachen.

Missy kümmerte sich um alles.

Kapitel 2

Am Abend vor ihrem Gespräch mit Miles Ryan durchquerte Sarah Andrews den historischen Stadtkern von New Bern, fest entschossen, ein gleichmäßiges Tempo einzuhalten. Obwohl sie großen Wert auf regelmäßige sportliche Betätigung legte – sie war seit fünf Jahren eine eifrige Walkerin –, hatte sie seit ihrem Umzug Mühe damit. Immer, wenn sie durch die Stadt lief, entdeckte sie etwas Neues, das sie interessierte, etwas, vor dem sie staunend stehen blieb.

New Bern, im Jahre 1710 gegründet, lag an den Ufern der Flüsse Neuse und Trent in North Carolina. Als zweitälteste Stadt und frühere Hauptstadt des Bundesstaates beherbergte sie den Tryon Palace, den ehemaligen Sitz des Kolonialgouverneurs. Das Gebäude, das 1798 ein Feuer zerstört hatte, war 1954 mitsamt seinen südlich gelegenen herrlichen Gartenanlagen restauriert worden. In jedem Frühling blühten Tulpen und Azaleen, wohin man nur blickte, und im Herbst folgten die Chrysanthemen. Sarah hatte bald nach ihrem Umzug an einer Führung teilgenommen. Obwohl damals gerade nichts blühte, hatte sich in ihr der Wunsch geregt, in der Nähe des Palace zu wohnen.

So war sie in die Stadtmitte gezogen, in eine hübsche Wohnung in der Middle Street. Die Wohnung lag im zweiten Stockwerk und nur drei Häuser entfernt von der Apotheke, in der Caleb Bradham 1898 »Brad’s Drink« verkaufte, den berühmten Vorgänger von Pepsi Cola. Um die Ecke lag die Episkopalkirche, ein ansehnliches, von hoch aufragenden Magnolien umgebenes Backsteingebäude, dessen Türen sich 1718 zum ersten Mal geöffnet hatten. Wenn Sarah ihre Wohnung verließ und laufen ging, passierte sie diese beiden Sehenswürdigkeiten, bevor sie die Front Street erreichte. Sie war von Herrenhäusern gesäumt, die ihre eleganten Fassaden zum Teil schon seit zweihundert Jahren zur Schau stellten.

Was Sarah jedoch besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass die meisten Häuser in den vergangenen fünfzig Jahren mit großer Sorgfalt restauriert worden waren. Anders als Williamsburg in Virginia, wo die Restaurierung aus Mitteln der Rockefeller Foundation bestritten worden war, hatte New Bern an seine Bürger appelliert, und zwar mit Erfolg. Der starke Zusammenhalt der Bürgerschaft hatte Sarahs Eltern vor vier Jahren hierher gelockt. Sie selbst hatte nichts über die Stadt gewusst, bevor sie im letzten Juni nach New Bern gezogen war.

Während Sarah ihre Runde drehte, sann sie darüber nach, wie sehr sich New Bern von Baltimore in Maryland unterschied, wo sie aufgewachsen war und bis vor wenigen Monaten gelebt hatte. Baltimore war trotz seiner fesselnden Geschichte doch in erster Linie Großstadt, New Bern dagegen eine kleine Südstaatengemeinde, relativ isoliert und nicht besonders daran interessiert, mit dem immer rasanter werdenden Tempo der großen Welt Schritt zu halten. Hier winkten die Leute Sarah zu, wenn sie sie auf der Straße sahen, und jede Frage, die sie stellte, zog eine lange, gemächliche Antwort nach sich, gewürzt mit Anspielungen auf Menschen und Ereignisse, die ihr kein Begriff waren, so als seien alle und jeder miteinander verbunden. In der Regel fand sie das nett, manchmal ging es ihr jedoch auch gehörig auf die Nerven.

Ihre Eltern waren hierher gezogen, als ihr Vater Verwaltungschef des Bezirkskrankenhauses wurde. Seit Sarahs Scheidung rechtskräftig war, hatten ihre Eltern auf sie eingeredet, doch auch nach New Bern zu kommen. In Anbetracht des Naturells ihrer Mutter hatte Sarah sich ein Jahr lang gesträubt. Nicht, dass Sarah ihre Mutter nicht liebte – sie war bloß manchmal so … anstrengend, ein besseres Wort fiel ihr dazu nicht ein. Um des lieben Friedens willen hatte sie jedoch schließlich nachgegeben und bislang ihre Entscheidung  – Gott sei Dank – nicht bereut. Es war genau das, was sie im Moment brauchte. Doch so charmant das Städtchen auch wirkte, so wenig konnte Sarah sich doch vorstellen, ihr ganzes weiteres Leben hier zu verbringen.

New Bern, hatte sie fast sofort erfahren müssen, war keine Stadt für Singles. Es gab nicht viele Möglichkeiten, Leute zu treffen, und Sarahs Altersgenossen waren verheiratet und hatten Kinder. Wie in vielen Südstaatenstädtchen bestimmten gesellschaftliche Regeln das Alltagsleben. Umgeben von verheirateten Paaren, war es deshalb für eine alleinstehende Frau schwierig, sich zu integrieren. Besonders, wenn sie geschieden und neu zugezogen war.

New Bern war jedoch ein Paradies für Familien mit Kindern, und manchmal, wenn Sarah unterwegs war, stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sich ihr Leben anders entwickelt hätte. Als junges Mädchen war sie immer davon ausgegangen, dass sie später einmal genauso leben würde, wie sie es sich schon immer wünschte: verheiratet, mit Kindern, einem Haus in einer Gegend, in der sich die Familien freitagabends nach der Arbeit im Garten trafen. Aber es war ganz anders gekommen. Wie so oft im Leben.

Eine Zeit lang hatte sie allerdings geglaubt, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen könnte, vor allem, nachdem sie Michael kennen gelernt hatte. Sie machte gerade ihr Lehrerinnenexamen, Michael war bereits fertiger Betriebswirt. Seine Familie, eine der prominentesten von Baltimore, hatte im Bankgeschäft ein Vermögen gemacht, war nun äußerst wohlhabend und hielt zusammen. Sie gehörte zu der Sorte Familie, deren Mitglieder in den Aufsichtsräten verschiedener Firmen saßen und in den Country Clubs Regeln einführten, die all jene ausschlossen, die man als nicht standesgemäß betrachtete. Michael jedoch schien die Wertvorstellungen seiner Familie abzulehnen und galt als äußerst begehrenswerter Junggeselle. Wenn er einen Raum betrat, folgten ihm alle Blicke, und obwohl er dies wusste, war ihm das Bild, das andere von ihm hatten, scheinbar völlig gleichgültig.

Scheinbar gleichgültig, das war der Haken.

Sarah hatte gleich gewusst, wer er war, als er eines Abends auf einer Party auftauchte, und sich gewundert, als er sie später ansprach. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Ihre kurze Unterhaltung führte zu einer längeren bei einer Tasse Kaffee am nächsten Tag und dann zu einer Einladung zum Abendessen. Bald darauf sahen sie sich regelmäßig, und Sarah verliebte sich in Michael. Nach einem Jahr bat er sie, ihn zu heiraten.

Ihre Mutter war entzückt über die Neuigkeit, nur ihr Vater sagte nicht viel, außer dass er »hoffe, sie werde glücklich werden«. Vielleicht argwöhnte er etwas, vielleicht war er nur schon lange genug auf der Welt, um zu wissen, dass Märchen selten wahr werden. Wie auch immer, er ließ sich seiner Tochter gegenüber nichts anmerken, und wenn sie ehrlich war, hätte sie seine Vorbehalte ohnehin nicht recht ernst genommen – außer an den Tag, an dem Michael sie einen Ehevertrag unterschreiben ließ.

Seine Familie, erklärte Michael, habe nun einmal darauf bestanden, doch obwohl er sich alle Mühe gab, der Familie die Schuld zuzuschieben, flüsterte eine innere Stimme ihr zu, dass er es bestimmt auch ohne seine Familie von ihr verlangt hätte. Trotzdem unterschrieb sie. An jenem Abend gaben Michaels Eltern eine prächtige Verlobungsfeier, um die Heiratsabsichten ihres Sohnes offiziell bekannt zu geben.

Sieben Monate später waren Sarah und Michael verheiratet. Ihre Flitterwochen verbrachten sie in Griechenland und in der Türkei, danach bezogen sie in Baltimore ein Haus, das keine zwei Blocks von der Villa entfernt lag, in der Michaels Eltern wohnten. Obwohl Sarah nicht hätte arbeiten müssen, fand sie eine Stelle – ihre erste – als Lehrerin. Sie sollte die zweite Klasse einer städtischen Grundschule unterrichten. Erstaunlicherweise unterstützte Michael ihren Entschluss voll und ganz. In den ersten beiden Jahren ihrer Ehe schien alles perfekt: Sie blieben am Wochenende stundenlang im Bett, redeten und liebten sich, und Michael vertraute Sarah an, dass er eines Tages in die Politik gehen wolle. Sie hatten einen großen Freundeskreis, hauptsächlich Leute, die Michael seit seiner Kindheit kannte, und an den Wochenenden mangelte es nie an Partys und Ausflügen aufs Land. Ihre übrige Freizeit verbrachten sie in Washington, D.C., wo sie Museen besuchten, ins Theater gingen und zwischen den Monumenten auf der Capitol Mall umherwanderten. Dort, im Lincoln Memorial, sagte Michael eines Tages, er sei nun bereit, eine Familie zu gründen. Sarah umarmte ihn stürmisch und wusste, dass ihr Glück in diesem Augenblick vollkommen war.

Wer kann erklären, was dann folgte? Mehrere Monate nach jenem wunderbaren Tag im Lincoln Memorial war Sarah immer noch nicht schwanger. Ihr Arzt riet ihr, sich keine Sorgen zu machen – manchmal dauere es eben länger, nachdem die Pille abgesetzt wurde –, aber er schlug vor, in einigen Monaten wiederzukommen, falls sie immer noch Schwierigkeiten hätten.

Sie hatten Schwierigkeiten, und daraufhin wurden Tests vorgenommen. Ein paar Tage später, als die Ergebnisse vorlagen, ging Sarah zu ihrem Arzt in die Praxis. Sie setzte sich ihm gegenüber. Ein Blick genügte, und sie wusste, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sarah erfuhr, dass ihre Eierstöcke keine Eizellen produzieren konnten.

Eine Woche später hatten Sarah und Michael ihren ersten großen Streit. Michael war von der Arbeit nicht nach Hause gekommen, und Sarah war unruhig und besorgt im Haus auf und ab gelaufen und hatte sich die schrecklichsten Dinge ausgemalt. Als er endlich kam, war sie außer sich und er betrunken. »Ich bin nicht dein Eigentum«, war das Einzige, was er zur Erklärung vorbrachte, und daraufhin eskalierte der Streit. In der Hitze des Gefechts sagten sie furchtbare Dinge. Sarah tat alles gleich darauf wieder Leid, und Michael entschuldigte sich. Aber nach diesem Vorfall wirkte Michael distanziert und verschlossen. Wenn Sarah ihn bedrängte, leugnete er, dass sich seine Gefühle geändert hatten. »Es wird schon wieder«, sagte er, »wir stehen das durch.«

Stattdessen wurde die Atmosphäre immer angespannter. Mit jedem Monat häuften sich die Auseinandersetzungen, die Distanz wurde bald unüberbrückbar. Eines Nachts, als Sarah vorschlug, ein Kind zu adoptieren, winkte Michael einfach ab. »Das würden meine Eltern nie akzeptieren.«

Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass ihre Beziehung in jener Nacht an einem Wendepunkt angelangt war. Es waren nicht seine Worte, die ihn verrieten, und auch nicht die Tatsache, dass er sich auf die Seite seiner Eltern schlug. Es war sein Gesichtsausdruck – durch ihn begriff Sarah, dass Michael das Problem plötzlich als ihres und nicht mehr als ihr gemeinsames sah.

Kaum eine Woche später fand sie Michael mit einem Glas Bourbon im Wohnzimmer. Sein unsteter Blick verriet ihr, dass es nicht sein erstes Glas war. Er wolle sich trennen, fing er an, das werde sie sicher verstehen. Als er zu Ende gesprochen hatte, brachte Sarah kein Wort über die Lippen – und es gab für sie auch nichts mehr zu sagen.

Die Ehe war zu Ende. Sie hatte weniger als drei Jahre gedauert. Sarah war siebenundzwanzig.

Die nächsten zwölf Monate vergingen wie im Nebel. Alle wollten wissen, was passiert war, aber Sarah sagte nur ihrer Familie die Wahrheit. »Es hat einfach nicht funktioniert«, war alles, was die anderen zur Antwort bekamen.

Weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, blieb Sarah weiter an ihrer Schule. Zwei Stunden pro Woche sprach sie mit Sylvia, einer erstklassigen Therapeutin, die ihr eine Selbsthilfegruppe empfahl. Sarah nahm an einigen Treffen teil. Meistens hörte sie nur zu, und danach ging es ihr etwas besser. Dann wieder, wenn sie allein in ihrer kleinen Wohnung saß, überfiel sie alles wie eine schwere Last, und sie konnte stundenlang nicht mehr aufhören zu weinen. In ihren schwärzesten Zeiten dachte sie sogar an Suizid, aber davon erfuhr niemand etwas, weder ihre Therapeutin noch ihre Familie. An diesem Punkt wusste sie, dass sie Baltimore verlassen musste. Sie wollte irgendwohin ziehen, wo sie neu anfangen konnte. An einen Ort, der keine schmerzhaften Erinnerungen hervorrief, einen Ort, an dem sie noch nie zuvor gelebt hatte.

Seit sie in New Bern wohnte, gab Sarah sich alle Mühe, nach vorn zu schauen. Das war immer noch ein Kampf, aber lange nicht mehr so schwierig wie zu Beginn. Ihre Eltern unterstützten sie auf ihre Weise – ihr Vater verlor kein Wort über das Vergangene, ihre Mutter schnitt Zeitungsartikel über die neuesten medizinischen Fortschritte auf dem Gebiet der Behandlung von unfruchtbaren Frauen aus – aber wirklich helfen konnte ihr nur ihr Bruder Brian, als er noch nicht an der Universität von North Carolina studierte.

Wie die meisten Heranwachsenden war er manchmal unnahbar und zurückhaltend, aber er vermochte wunderbar zuzuhören. Immer, wenn Sarah nach Reden zumute war, konnte sie auf ihn zählen, und jetzt vermisste sie ihn. Sie hatten sich stets nahe gestanden – als ältere Schwester hatte sie ihn gewickelt und gefüttert, wann immer ihre Mutter es erlaubte. Als Brian dann in die Schule kam, hatte sie ihm bei den Hausaufgaben geholfen und bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass sie Lehrerin werden wollte.

Diese Entscheidung hatte sie nie bereut. Sarah liebte ihren Beruf, sie liebte die Arbeit mit Kindern. Immer, wenn sie ein neues Klassenzimmer betrat und dreißig kleine Gesichter erwartungsvoll auf sich gerichtet sah, war sie sich dessen bewusst. Am Anfang hatte sie wie die meisten jungen Lehrer idealistische Vorstellungen gehabt, hatte angenommen, dass jedes Kind sich öffnen würde, wenn sie sich nur genug Mühe gab. Leider hatte sie lernen müssen, dass dies unmöglich war. Manche Kinder ließen sie nicht an sich heran, ganz gleich, was sie tat. Das war der schwierigste Teil ihres Berufs, der einzige Teil, der ihr manchmal schlaflose Nächte bereitete. Aber sie gab nie auf.

Sarah wischte sich den Schweiß von der Stirn und war froh, dass die Luft sich allmählich abkühlte. Die Sonne sank immer tiefer, und die Schatten wurden länger. Als sie an der Feuerwehr vorüberlief, nickten ihr die beiden Feuerwehrleute zu, die auf Gartenstühlen vor der Wache saßen. Sarah lächelte. Soweit sie es beurteilen konnte, würde in dieser Stadt am frühen Abend bestimmt kein Feuer ausbrechen. Sie hatte die beiden jetzt seit vier Monaten jeden Abend zur gleichen Zeit an exakt derselben Stelle sitzen sehen.

New Bern.

Ihr Leben war neuerdings von erstaunlicher Einfachheit. Zwar vermisste sie gelegentlich das pulsierende Stadtleben, aber sie musste zugeben, dass ein langsameres Tempo seine Vorteile hatte. In den Sommerferien hatte sie viele Stunden in den Antiquitätengeschäften der Innenstadt gestöbert oder sich die Segelboote an den Docks hinter dem Sheraton angesehen. Selbst jetzt, seit die Schule wieder angefangen hatte, war sie nie in Eile. Sie arbeitete, lief ihre Runde, und abgesehen von Besuchen bei ihren Eltern blieb sie abends meistens allein zu Hause, hörte klassische Musik und überarbeitete den Unterrichtsplan, den sie aus Baltimore mitgebracht hatte.

Viele Schüler in ihrer neuen Klasse waren in den Kernfächern noch nicht so weit, wie sie sein sollten, deshalb musste Sarah das Tempo drosseln und mehr Übungen einbauen. Das hatte sie nicht überrascht – jede Schule ging anders vor. Am Ende des Jahres würden die meisten Schüler bestimmt aufgeholt haben. Es gab allerdings einen, der ihr Sorgen machte.

Jonah Ryan.

Er war ein netter Junge, schüchtern und unauffällig, die Art Kind, die man leicht übersieht. Am ersten Schultag saß er in der letzten Reihe und antwortete höflich, wenn sie ihn ansprach, aber ihre Arbeit in Baltimore hatte sie gelehrt, solchen Kindern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Manchmal hatte ihre Zurückhaltung nichts zu bedeuten, manchmal jedoch verbargen sie etwas. Als Sarah die erste Hausarbeit einsammelte, nahm sie sich vor, Jonahs besonders genau zu prüfen. Doch das war nicht notwendig gewesen.

Durch die Hausarbeit – ein kurzer Aufsatz über ein Erlebnis in den Sommerferien – hatte Sarah herausfinden wollen, wie gut die Kinder schreiben konnten. Die meisten Texte enthielten die üblichen Schreibfehler, Gedankensprünge und Schlampigkeiten, aber Jonahs hob sich hervor, weil er die gestellte Aufgabe gar nicht erfüllte. Er hatte seinen Namen oben in die Ecke geschrieben und darunter sich selbst in einem kleinen Ruderboot beim Fischen gezeichnet. Als sie ihn fragte, warum er nichts geschrieben habe, erklärte Jonah, Mrs. Hayes habe ihn immer zeichnen lassen, weil er nicht besonders gut schreiben könne.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe A BEND IN THE ROAD erschien 2001 bei Warner Books, Inc., New York

2. Auflage Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2006 Copyright © 2001 by Nikolas Sparks Enterprises Inc. Copyright © 2001 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co.KG, München Copyright © 2006 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagillustration: © Ferenc B. Regös

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München – Zürich Satz: Franzis print & media GmbH, München

eISBN: 978-3-641-06014-5

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