Beschreibung

Jeremy Marsh war sich seiner Sache ganz sicher gewesen: Nie mehr würde er seinem Herzen folgen, nie New York verlassen – und vor allem niemals Vater werden. Doch nun sitzt er plötzlich mit Lexie, der Liebe seines Lebens, im abgeschiedenen Örtchen Boone Creek und freut sich auf die Geburt seiner Tochter. Gerade als er beginnt, sich an sein neues Leben zu gewöhnen, erhält er eine mysteriöse Nachricht. Sie beschwört die Schatten der Vergangenheit herauf und droht sein ganzes Glück zu zerstören.

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Seitenzahl: 467

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Zum Buch

Jeremy Marsh war sich eigentlich seiner Sache immer ganz sicher: Nie mehr wollte er seinem Herzen folgen, nie New York verlassen – und vor allem niemals Vater werden. Doch nun sitzt er plötzlich mit Lexie, der Liebe seines Lebens, im abgeschiedenen Örtchen Boone Creek und freut sich auf die Geburt seiner Tochter. Alles scheint perfekt – wären da nur nicht die Zweifel, die an Jeremy nagen: An Lexie verlor er bereits wenige Augenblicke nach ihrer ersten Begegnung sein Herz. Aber kennt er sie wirklich? Und kann er sich ihrer Gefühle auch im grauen Alltag und in schlechten Zeiten sicher sein? Jeremy gerät ins Grübeln.

Als er eine anonyme Nachricht erhält, ist ihm, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Jemand spielt sein Wissen um die dunklen Seiten in Jeremys Vergangenheit aus. Sein Glück steht mit einem Mal auf dem Spiel.

Zum Autor

Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt mit seiner Frau und den fünf Kindern in North Carolina. Mit seinen gefühlvollen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in 46 Ländern erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Seine bisherigen Bücher sind alle bei Heyne erschienen.

Inhaltsverzeichnis

Zum BuchZum AutorPrologKapitel 1Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Epilog DankCopyright

Dieser Roman ist Miles, Ryan, Landon, Lexie und Savannah gewidmet

Prolog

Februar 2005

Gibt es Liebe auf den ersten Blick?

Diese Frage ließ ihn nicht los. Es war sicher das hundertste Mal, dass er darüber nachdachte. Er saß in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, die Wintersonne war schon lange untergegangen, und durchs Fenster sah man nur noch graue Nebelschleier. Ein kahler Zweig klopfte sacht gegen die Scheibe, sonst war alles still. Aber er war nicht allein. Leise stand er auf und ging den Flur hinunter, um einen Blick auf sie zu werfen. Er überlegte kurz, ob er sich zu ihr legen sollte. Es wäre ein guter Vorwand, um kurz die Augen schließen zu können. Wie gern würde er sich ein bisschen ausruhen – aber andererseits wollte er nicht das Risiko eingehen, schon so früh einzunicken. Sie rührte sich im Schlaf, als würde sie seinen Blick spüren. Wehmütig wanderten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er dachte daran, welch verschlungene Wege sie zusammengeführt hatten. Was für ein Mensch war er damals gewesen? Und wer war er jetzt? Oberflächlich betrachtet schienen diese Fragen leicht zu beantworten. Er hieß Jeremy, war zweiundvierzig Jahre alt, Sohn eines irischen Vaters und einer italienischen Mutter. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit dem Schreiben von Zeitschriftenartikeln. Das erwiderte er immer, wenn ihn jemand fragte. Die Angaben waren korrekt, aber manchmal fragte er sich, ob er nicht noch etwas hinzufügen müsste – zum Beispiel, dass er vor fünf Jahren nach North Carolina gefahren war, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Dass er sich dort verliebt hatte, und zwar nicht nur einmal, sondern gleich zweimal – innerhalb eines Jahres. Und dass dieses Glück mit tiefer Trauer verbunden war und er sich immer noch fragte, welche Erinnerungen ihm bleiben würden.

Auf Zehenspitzen ging er zurück ins Wohnzimmer. Nein, er klammerte sich nicht an die Erinnerungen an damals, aber er wich ihnen auch nicht aus. Er konnte das Kapitel so wenig aus seinem Leben löschen, wie er sein Geburtsdatum ändern konnte. Es gab Tage, an denen er sich wünschte, er könnte die Uhr zurückdrehen und alles Traurige tilgen, doch er spürte gleichzeitig, dass er damit auch das Positive ausradieren würde. Und das wollte er auf keinen Fall.

In den dunkelsten Stunden dachte er oft an jene Nacht mit Lexie auf dem Friedhof, als sie die geisterhaften Lichter sahen, derentwegen er von New York hierher gekommen war. Da war ihm plötzlich bewusst geworden, wie viel Lexie ihm bedeutete. Sie saßen zwischen den Gräbern und warteten in der nächtlichen Finsternis auf die Lichter, und Lexie erzählte ihm ihre Lebensgeschichte. Dass sie schon als kleines Kind Waise geworden war, hatte Jeremy bereits gewusst, nicht aber, dass sie ein paar Jahre nach dem Tod ihrer Eltern schreckliche Albträume bekommen hatte, Angstvisionen, die immer wieder kamen und in denen sie den Tod ihrer Eltern vor sich sah. Ihre Großmutter Doris wusste sich schließlich nicht mehr anders zu helfen und nahm sie mit auf den Friedhof, um ihr die geheimnisvollen Lichter zu zeigen. Für ein Kind waren sie wie ein Wunder, das der Himmel geschickt hatte, und Lexie war fest davon überzeugt, dass sie in ihnen die Geister ihrer Eltern erkannte. Und aus irgendeinem Grund hatte ihr diese Erfahrung geholfen, die Albträume zu überwinden.

Jeremy war von dieser Geschichte sehr ergriffen gewesen ; Lexies Schmerz und die unschuldige Kraft ihres Glaubens hatten ihn tief berührt. Und nachdem er in jener Nacht selbst die Lichter gesehen hatte, wollte er von ihr wissen, wofür sie diese mysteriösen Erscheinungen hielt. Sie hatte sich zu ihm gebeugt und geflüstert: »Es waren meine Eltern. Wahrscheinlich wollten sie dich kennen lernen.«

Am liebsten hätte er sie in die Arme geschlossen und an sich gedrückt. Denn genau in diesem Augenblick hatte er sich in sie verliebt – und nie mehr aufgehört, sie zu lieben.

Der Februarwind draußen frischte wieder auf. In der undurchdringlichen Dunkelheit konnte man nichts sehen, und mit einem müden Seufzer legte sich Jeremy auf die Couch. Er spürte, wie ihn der Zauber der Erinnerung zurückführte in jene Zeit … Er hätte die Bilder vertreiben können, doch er ließ sie kommen, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Er ließ sie immer kommen.

Und er dachte an das, was damals geschah.

Kapitel 1

Fünf Jahre zuvor

New York City, 2000

»Verstehst du nicht? Es ist ganz einfach«, sagte Alvin. »Erst lernt man ein nettes Mädchen kennen, dann geht man für eine Weile mit ihm aus, um herauszufinden, ob man dieselben Wertvorstellungen hat. Man muss doch wissen, ob man zusammenpasst, wenn es um die großen Entscheidungen geht, so nach dem Motto: ›Das ist unser Leben, wir wollen es gemeinsam meistern. ‹ Du weißt schon – man bespricht, wessen Familie man an welchen Feiertagen besucht, ob man in einem Haus oder in einem Apartment wohnen möchte, ob man einen Hund oder lieber eine Katze haben will, wer morgens zuerst unter die Dusche geht, solange noch genug heißes Wasser da ist. Und wenn man sich in all diesen Punkten einig ist, dann heiratet man. Kannst du mir folgen?«

»Selbstverständlich kann ich dir folgen«, antwortete Jeremy.

Jeremy Marsh und Alvin Bernstein befanden sich in Jeremys Wohnung in der Upper West Side von Manhattan. Es war ein kühler Samstagnachmittag im Februar. Sie waren schon seit Stunden mit Packen beschäftigt, überall stapelten sich die Kartons, manche waren bereits voll und warteten neben der Tür darauf, dass die Möbelpacker sie in den Umzugswagen schleppten, andere mussten erst noch gefüllt werden. Es sah aus, als wäre ein Tasmanischer Teufel durch die Tür gehüpft, hätte sich in sämtlichen Räumen ausgetobt und wäre wieder verschwunden, nachdem er alles durcheinander gewirbelt hatte. Jeremy staunte, wie viel Kram sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Den ganzen Vormittag schon hatte seine Verlobte, Lexie Darnell, ihn immer wieder darauf hingewiesen. Vor zwanzig Minuten hatte sie schließlich frustriert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und verkündet, sie werde jetzt mit Jeremys Mutter Mittagessen gehen und die beiden Männer ihrem Schicksal überlassen. Jeremy und Alvin waren also zum ersten Mal allein.

»Und? Kannst du mir dann mal erklären, was du eigentlich vorhast?«, hakte Alvin nach.

»Genau das, was du gerade gesagt hast.«

»Aber das stimmt doch gar nicht! Du stellst die Reihenfolge auf den Kopf und steuerst blindlings auf das große ›Ich will‹ zu, bevor ihr zwei überhaupt ausprobiert habt, ob ihr die Richtigen füreinander seid! Du kennst Lexie doch gar nicht!«

Jeremy verstaute eine Ladung Kleidungsstücke in einem Karton. Er hätte Alvin gern dazu gebracht, endlich das Thema zu wechseln. »Doch, ich kenne sie.«

Nun fing Alvin an, die Papiere auf Jeremys Schreibtisch zu sortieren, und legte einen Stapel in dieselbe Kiste, die Jeremy gerade packte. Als Jeremys bester Freund hatte er das Gefühl, offen mit ihm sprechen zu können.

»Ich will einfach nur ehrlich mit dir sein – und du solltest vielleicht auch wissen, dass ich das ausspreche, was deine ganze Familie in den letzten Wochen gedacht hat. Die Sache ist die – du kennst Lexie einfach nicht gut genug, um in den Süden zu ziehen. Und schon gar nicht, um sie zu heiraten. Das ist nicht wie bei dir und Maria«, fügte er hinzu. Maria war Jeremys Exfrau. »Vergiss nicht – ich kenne Maria auch sehr gut, wesentlich besser als du Lexie, aber ich wäre trotzdem nie auf die Idee gekommen, dass das ausreicht, um sie zu heiraten.«

Jeremy holte die Papiere wieder aus der Kiste und legte sie zurück auf den Schreibtisch. Es stimmte – Alvin hatte Maria schon vor ihm kennen gelernt und war immer noch mit ihr befreundet. »Ja, und?«

»Was – ja, und? Was würdest du sagen, wenn ich das machen würde? Stell dir vor, ich würde plötzlich zu dir kommen und erklären: Ich habe eine supertolle Frau getroffen, deshalb hänge ich meine Karriere an den Nagel, lasse all meine Freunde und meine Familie im Stich und ziehe in die Südstaaten, damit ich diese Frau heiraten kann. Zum Beispiel diese … wie heißt sie gleich? … diese Rachel!«

Rachel arbeitete als Bedienung in dem Restaurant, das Lexies Großmutter gehörte, und als Alvin nach Boone Creek gekommen war, hatte er ein Auge auf sie geworfen und sie sogar nach New York eingeladen.

»Ich würde sagen, dass ich mich für dich freue.«

»Also bitte! Weißt du noch, wie du reagiert hast, als ich darüber nachgedacht habe, ob ich Eva heiraten soll?«

»Natürlich weiß ich das noch. Aber mein Fall liegt völlig anders.«

»Na klar! Ich verstehe. Weil du reifer bist als ich.«

»Erstens das – und zweitens, weil Eva keine Frau zum Heiraten ist.«

Dass das stimmte, konnte Alvin nicht leugnen. Lexie arbeitete als Bibliothekarin in einer Kleinstadt im Süden und wollte gern eine Familie gründen, während Eva eine Tattoo-Künstlerin aus Jersey City war. Von Eva stammten übrigens die meisten Tätowierungen auf Alvins Armen sowie fast sämtliche Piercings in seinen Ohren. Wegen dieser Verzierungen bekam man fast den Eindruck, Alvin wäre gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Das alles hatte ihn nicht weiter gestört. Was ihre Beziehung schließlich zum Scheitern brachte, war die Tatsache, dass Eva vergessen hatte, ihm mitzuteilen, dass sie mit ihrem Freund zusammenlebte.

»Selbst Maria findet es verrückt!«

»Du hast es ihr erzählt?«

»Aber sicher! Wir reden über alles.«

»Ich freue mich, dass du so ein gutes Verhältnis zu meiner Exfrau hast. Aber eigentlich geht es sie nichts an. Genauso wenig wie dich.«

»Ich versuche doch nur, dich irgendwie zur Vernunft zu bringen. Du darfst nichts überstürzen. Du kennst Lexie doch gar nicht!«

»Wie oft willst du das noch wiederholen?«

»So oft, bis du endlich zugibst, dass du eine Frau heiraten willst, die eine Fremde für dich ist.«

Alvin wusste offenbar nicht, dass man ein Thema irgendwann fallen lassen muss. Da verhielt er sich genau wie Jeremys fünf ältere Brüder. Er ist wie ein Hund, der einen Knochen nicht hergeben will, dachte Jeremy.

»Sie ist keine Fremde für mich.«

»Nein? Na gut – wie heißt sie denn mit zweitem Vornamen ?«

»Wie bitte?«

»Du hast mich genau verstanden. Sag mir, wie Lexie mit zweitem Vornamen heißt.«

»Was hat das mit der ganzen Sache zu tun?« Jeremy kniff die Augen zusammen.

»Nichts. Aber wenn du sie heiraten willst, solltest du solche Fragen beantworten können – findest du nicht?«

Jeremy holte Luft, um etwas zu sagen, aber dann fiel ihm auf, dass er Lexies zweiten Vornamen tatsächlich nicht kannte. Sie hatte ihn nie erwähnt, und er hatte sie nie danach gefragt. Als würde Alvin spüren, dass er endlich zu seinem verstockten Freund durchdrang, preschte er weiter vor.

»Also – wie sieht’s mit den übrigen Grundinformationen aus? Was hat sie studiert? Was für Freunde hatte sie am College? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Isst sie lieber Weißbrot oder Vollkornbrot? Was ist ihr Lieblingsfilm ? Welche Fernsehsendungen sieht sie gern? Wer ist ihr Lieblingsschriftsteller? Weißt du überhaupt, wie alt sie ist?«

»Anfang dreißig.«

»Anfang dreißig? Das hätte ich dir auch noch sagen können.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einunddreißig ist.«

»Du bist dir ›ziemlich sicher‹? Merkst du denn gar nicht, wie absurd sich das anhört? Du willst eine Frau heiraten, von der du nicht mal weißt, wie alt sie ist?«

Jeremy zog die nächste Schublade auf und stopfte den Inhalt in einen Karton. Alvins Argumentation war logisch, das wusste er, wollte es aber nicht zugeben. Stattdessen atmete er tief durch und sagte: »Ich dachte, du würdest dich für mich freuen, dass ich endlich jemanden gefunden habe.«

»Ich freue mich für dich. Aber ich habe nicht erwartet, dass du gleich von New York wegziehen und sie heiraten willst. Zuerst habe ich das für einen Witz gehalten! Du weißt, ich finde sie auch toll, ehrlich, und wenn du in ein, zwei Jahren immer noch fest entschlossen bist, dann schleppe ich dich höchstpersönlich zum Traualtar! Aber jetzt geht alles so holterdiepolter, und dafür gibt es keinen Grund.«

Jeremy schaute aus dem Fenster. Er sah die grauen, rußverschmierten Backsteine, von denen die schmucklosen rechteckigen Fenster des Nachbarhauses umrahmt wurden. Hinter den Scheiben konnte man bewegliche Schattenbilder erkennen: eine Frau am Telefon, einen Mann, der, in ein Handtuch gehüllt, zum Badezimmer strebte, eine andere Frau, die bügelte und dabei fernsah. In all den Jahren, die er jetzt schon hier wohnte, hatte er seine Nachbarn kein einziges Mal auch nur gegrüßt.

»Lexie ist schwanger«, sagte er schließlich.

Zuerst dachte Alvin, er habe sich verhört. Erst als er Jeremys Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass sein Freund keinen Witz gemacht hatte.

»Wie bitte? Sie ist schwanger?«

»Es ist ein Mädchen.«

Alvin ließ sich aufs Bett fallen, als hätten seine Beine nachgegeben. »Warum hast du mir das nicht eher gesagt?«

Jeremy zuckte die Achseln. »Sie hat mich gebeten, es keinem zu erzählen. Also behalte es bitte für dich, versprochen?«

»Ja klar.« Alvin klang ziemlich benommen. »Versprochen. «

»Und da ist noch was.«

Alvin blickte hoch.

Jeremy fasste ihn an den Schultern. »Ich hätte dich gern als Trauzeugen.«

Wie war das alles gekommen?

Als er am nächsten Tag mit Lexie durch das riesige Spielzeuggeschäft FAO Schwarz schlenderte, wo sie sich ein bisschen umschauen wollte, grübelte er wieder einmal über diese Frage nach. Nicht über die Frage, warum Lexie schwanger war – diese Nacht würde er nie in seinem Leben vergessen. Aber obwohl er Alvin gegenüber so entschieden aufgetreten war, hatte er doch manchmal das Gefühl, als würde er eine Rolle in einer charmanten Liebeskomödie spielen, in der bis zum Abspann alles offen blieb.

Was ihm widerfahren war, passierte nicht alle Tage. Das heißt, eigentlich passierte es so gut wie nie. Wer fährt schon in eine kleine Stadt im Süden, um einen Artikel für den Scientific American zu schreiben, lernt dort eine Bibliothekarin kennen und verliebt sich innerhalb von ein paar Tagen Hals über Kopf in sie? Wer beschließt spontan, die Chance auf einen Job beim Frühstücksfernsehen auszuschlagen, sein Leben in New York City hinter sich zu lassen und nach Boone Creek, North Carolina, zu ziehen, ein Städtchen, das nicht viel mehr ist als ein Punkt auf der Landkarte?

So viele Fragen!

Nein, es war nicht so, dass ihm grundsätzliche Zweifel kamen. Im Gegenteil! Während er Lexie zuschaute, wie sie das Angebot an Superman- und Barbie-Puppen inspizierte – sie wollte seine zahlreichen Nichten und Neffen mit Geschenken überraschen, um einen guten Eindruck zu machen –, war er sich sicherer denn je, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er lächelte, weil er das Leben, das auf ihn wartete, schon deutlich vor sich sah: entspannte Mahlzeiten, romantische Spaziergänge, lustige und zärtliche Momente vor dem Fernseher, wunderschöne Stunden – lauter Dinge, die das Leben lebenswert machten. Er war nicht so naiv zu glauben, dass Lexie und er sich nie streiten würden, aber er wusste, dass es ihnen gelingen würde, die Probleme zu meistern. Sie würden feststellen, dass sie füreinander bestimmt waren, und ein glückliches Leben führen.

Doch da fiel sein Blick auf ein junges Paar mit zwei Kindern, das vor einem Stapel mit Stofftieren stand. Die zwei waren nicht zu übersehen: um die dreißig, elegant gekleidet, der Mann sah aus wie ein Investment-Banker oder ein Anwalt, bei der Frau hatte man den Eindruck, dass sie ihre Nachmittage hauptsächlich im Luxus-Kaufhaus Bloomingdale’s verbrachte. Sie waren beide mit einem halben Dutzend Tüten aus lauter verschiedenen Geschäften beladen. Der Diamant am Finger der Frau war so groß wie eine Murmel – wesentlich imposanter als der Verlobungsring, den Jeremy gerade für Lexie gekauft hatte. Bestimmt nahmen die Eltern zu solchen Unternehmungen sonst immer ein Kindermädchen mit, dachte Jeremy, denn sie wirkten völlig desorientiert und wussten offenbar nicht, wie sie sich verhalten sollten.

Das Kind im Buggy schrie aus Leibeskräften. Es war dieses durchdringende Geschrei, bei dem sich die Tapeten von den Wänden lösten und die anderen Kunden abrupt stehen blieben. Der ältere Bruder – er war ungefähr vier Jahre alt – brüllte noch lauter und warf sich dann plötzlich auf den Boden. Die Eltern wirkten wie Soldaten unter Beschuss: gelähmt vor Schreck. Ihre übernächtigte Blässe und die dunklen Ringe unter den Augen waren nicht zu übersehen. Trotz der makellosen Fassade waren sie sichtlich mit ihren Kräften am Ende. Die Mutter schaffte es immerhin, das Baby aus dem Buggy zu befreien. Sie drückte die Kleine an sich, während der Vater ihr besänftigend den Rücken tätschelte.

»Lass das! Ich kann sie schon beruhigen!«, fuhr sie ihn an. »Kümmere dich lieber um Elliot!«

Fast erschrocken beugte sich der Mann zu seinem Sohn hinunter, der um sich trat und mit den Fäusten auf den Boden trommelte – ein Wutanfall erster Klasse.

»Hör sofort auf zu schreien!«, wies sein Vater ihn streng zurecht und drohte ihm mit dem Finger.

Na, super, dachte Jeremy. Das hilft bestimmt!

Elliot lief knallrot an und warf sich von einer Seite zur andern.

Nun konnte auch Lexie die Szene nicht länger ignorieren. Es ist, wie wenn man eine Frau sieht, die im Bikini den Rasen mäht, dachte Jeremy – man muss einfach hinschauen, ob man will oder nicht. Das Baby heulte, Elliot schrie, die Frau blaffte den Mann an, er solle endlich etwas unternehmen, der Vater brüllte zurück, er tue, was er könne.

Inzwischen hatte sich eine neugierige Menschenmenge um die glückliche Familie versammelt. Die Frauen verfolgten die Szene mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Mitleid: dankbar, weil sie selbst nicht die Betroffenen waren, aber gleichzeitig voller Verständnis für die Ausweglosigkeit der Situation – höchstwahrscheinlich kannten sie ähnliche Dramen aus persönlicher Erfahrung. Die Männer hingegen schienen nur einen Wunsch zu haben: nichts wie weg hier – möglichst schnell, möglichst weit.

Elliot trommelte auf den Fußboden und steigerte die Lautstärke.

»Komm – wir gehen!«, stöhnte die Mutter in ihrer Verzweiflung.

»Das sage ich schon die ganze Zeit!«, fuhr der Vater sie an.

»Heb ihn endlich hoch.«

»Das versuche ich doch!«, brüllte er aufgebracht.

Aber Elliot wollte sich nicht von seinem Vater hochheben lassen. Und als dieser ihn dann doch packte, drehte und wand er sich wie eine wütende Schlange. Sein Kopf pendelte blitzschnell hin und her, und seine Beine hörten nicht auf zu treten. Dem Vater traten Schweißperlen auf die Stirn, sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. Elliot andererseits schien immer größer zu werden, eine Art Mini-Hulk, der sich in seiner Wut immer mehr aufblähte.

Irgendwie schafften es die Eltern dann doch, sich in Bewegung zu setzen – samt Einkaufstüten, Buggy und beiden Kindern. Die Menge teilte sich vor ihnen wie das Rote Meer vor Moses, und die Familie verschwand. Nur das allmählich verhallende Geschrei der Kinder bewies noch, dass sie da gewesen waren.

Nach und nach gingen die Zuschauer wieder auseinander. Nur Jeremy und Lexie blieben wie angewurzelt stehen.

»Die Ärmsten!«, seufzte Jeremy. Ob sein Leben in ein paar Jahren auch so aussehen würde?

»Ja, das stimmt«, murmelte Lexie, als könnte sie seine Gedanken erraten.

Jeremy horchte. Es war kein Geplärr mehr zu hören. Vermutlich hatte die Familie das Geschäft verlassen.

»Unser Kind bekommt garantiert keine solchen Wutanfälle«, verkündete Jeremy.

»Niemals.« Bewusst oder auch unbewusst legte Lexie sich die Hand auf den Bauch. »Das war doch nicht normal.«

»Und die Eltern wussten sich überhaupt nicht zu helfen«, sagte Jeremy. »Hast du gesehen, wie er mit seinem Sohn geredet hat? Als wäre er in einem Meeting !«

»Lächerlich.« Lexie nickte. »Und wie die beiden sich angegiftet haben! Kinder spüren doch sofort, wenn es zwischen den Eltern Spannungen gibt. Kein Wunder, dass die Erwachsenen völlig machtlos waren.«

»Sie hatten schlicht keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht.«

»Stimmt.«

»Aber wie ist so was möglich?«

»Vielleicht sind die Eltern derart mit sich und ihrem eigenen Leben beschäftigt, dass sie sich nicht genug Zeit für ihre Kinder nehmen.«

Jeremy stand immer noch reglos da und blickte den anderen Zuschauern nach. »Das war doch wirklich nicht normal«, wiederholte er Lexies Worte.

»Finde ich auch.«

Okay – sie hatten sich etwas vorgemacht. Tief in seinem Innersten war sich Jeremy dessen durchaus bewusst, und auch Lexie wusste es, aber irgendwie fiel es ihm leichter, sich einzureden, dass sie nie und nimmer in solch eine Situation geraten würden. Weil sie sich besser vorbereiten würden. Weil sie sich mehr Mühe geben würden. Weil sie geduldiger und netter sein würden. Und vor allem liebevoller.

Und das Kind … ach, das Kind würde in dem Umfeld, das er und Lexie für es schaffen würden, blühen und gedeihen. Ganz bestimmt. So stellte er sich die Zukunft vor: Schon nach wenigen Wochen schlief das Kind die ganze Nacht durch, es lernte ganz früh sprechen und versetzte durch sein überdurchschnittliches feinmotorisches Geschick alle Erwachsenen in Entzücken. Voller Charme wanderte es durch das Minenfeld der Pubertät, hielt sich von Drogen fern und verabscheute Filme, die nicht jugendfrei waren. Und wenn Jeremys Tochter dann von zu Hause wegging, war sie eine höfliche junge Frau mit einwandfreien Umgangsformen und mit Schulnoten, die es ihr ermöglichten, in Harvard zu studieren. Zudem war sie eine exzellente Schwimmerin und fand trotzdem noch genug Zeit, um in den Semesterferien für die Hilfsorganisation Habitat for Humanity zu arbeiten.

An diesem Traumbild hielt Jeremy fest – bis seine Schultern nach unten sackten. Obwohl er eigentlich keine Erfahrung mit Kindern hatte, wusste er instinktiv, dass es nicht so einfach sein würde. Außerdem war es ja noch lange nicht so weit.

Eine Stunde später saßen sie in einem Taxi und fuhren nach Queens. Lexie blätterte in einem Elternratgeber, den sie kurz vorher gekauft hatte: Was Sie erwartet, wenn Sie ein Kind erwarten. Jeremy schaute aus dem Fenster. Heute war ihr letzter Abend in New York – er war mit Lexie hierher gekommen, damit sie seine Familie kennen lernen konnte –, und seine Eltern hatten eine kleine Einladung bei sich zu Hause in Queens organisiert. »Klein« war natürlich ein relativer Begriff – Jeremy hatte fünf Brüder, die alle kommen wollten, samt Ehefrauen und neunzehn Nichten und Neffen. Das Haus würde also ziemlich voll sein – wie immer. Jeremy freute sich darauf, sie alle zu sehen. Aber jetzt musste er immer noch an das Paar denken, das er und Lexie vorhin beobachtet hatten. Sie hatten so … so normal gewirkt. Das heißt, abgesehen von der Erschöpfung. Ob es ihm und Lexie auch so ergehen würde?, fragte er sich. Oder würde ihnen dieses Schicksal erspart bleiben?

Vielleicht hatte Alvin ja doch Recht. Wenigstens teilweise. Ja, er liebte Lexie sehr – und er war sich seiner Gefühle ganz, ganz sicher, sonst hätte er ihr keinen Heiratsantrag gemacht –, aber dass er sie gut kannte, konnte er wirklich nicht behaupten. Um alle Details übereinander herauszufinden, hatten sie gar nicht die Zeit gehabt, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr glaubte er, dass es für ihn und Lexie schon sehr schön gewesen wäre, wenn sie noch eine Weile einfach nur als Paar zusammengelebt hätten. Er war schon einmal verheiratet gewesen und wusste, dass man eine Weile brauchte, um sich aneinander zu gewöhnen. Um zu lernen, mit den Launen des anderen umzugehen. Jeder Mensch hatte seine Macken, aber sie kamen erst zum Vorschein, wenn man sich näher kennen lernte. Was für merkwürdige Angewohnheiten Lexie wohl hatte? Schlief sie womöglich mit einer dieser grünen Masken, die angeblich gegen Faltenbildung halfen? Würde es ihm gefallen, jeden Morgen neben einer maskierten Frau aufzuwachen ?

»Woran denkst du gerade?«, fragte ihn Lexie.

»Wie bitte?«

»Ich habe dich gefragt, woran du denkst. Du machst so ein komisches Gesicht.«

»Ach, an nichts.«

»An was für ein Nichts? Ein großes oder ein kleines ?« Sie musterte ihn aufmerksam.

Er schaute ihr tief in die Augen und fragte: »Wie heißt du mit zweitem Vornamen?«

In der nächsten Viertelstunde hakte Jeremy die ganzen Fragen ab, die Alvin ihm gestellt hatte. Dabei erfuhr er Folgendes: Lexies zweiter Vorname lautete Marin, sie hatte Englisch studiert, ihre beste Freundin am College hieß Susan, Lila war ihre Lieblingsfarbe, sie aß lieber Vollkornbrot, sie mochte die Fernsehserie Trading Spaces, Jane Austen war ihrer Meinung nach eine geniale Schriftstellerin, und am 13. September feierte sie ihren zweiunddreißigsten Geburtstag.

Na bitte!

Er lehnte sich zufrieden zurück, während Lexie wieder in ihrem Buch blätterte. Sie las es nicht richtig, sondern überflog nur bestimmte Passagen, wahrscheinlich in der Hoffnung, auf diese Weise etwas über die Zukunft zu erfahren. Hatte sie es so ähnlich gemacht, wenn sie auf dem College für ihre Vorlesungen etwas lesen musste?

Was Alvin gesagt hatte, stimmte: Es gab vieles, was er noch nicht über sie wusste. Aber einiges wusste er doch. Sie war als Einzelkind in Boone Creek, North Carolina, aufgewachsen. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie noch sehr klein war, und sie hatte dann bei den Eltern ihrer Mutter gelebt, bei Doris und … und … Er musste sich unbedingt nach dem Namen ihres Großvaters erkundigen, nahm Jeremy sich vor. Studiert hatte sie jedenfalls in Chapel Hill an der University of North Carolina. Dann hatte sie sich in einen Mann namens Avery verliebt und später ein Jahr mit ihm in New York City gelebt, wo sie an der NYU-Bibliothek ein Praktikum machte. Aber weil Avery sie betrog, war sie wieder nach Hause gezogen, um die Leitung der Stadtbibliothek von Boone Creek zu übernehmen, deren Leiterin ihre Mutter gewesen war, ehe sie starb. Irgendwann hatte sie sich in einen Mann verliebt, den sie immer nur Mr Renaissance nannte, aber er war einfach wieder aus Boone Creek verschwunden. Sie hatte ein ziemlich ruhiges Leben geführt, war nur ab und zu mit dem Sheriff von Boone Creek ausgegangen – bis Jeremy auf der Bildfläche erschien. Ach ja, und da war noch eine wichtige Sache: Doris – die in Boone Creek ein Restaurant hatte – behauptete von sich, sie besitze übernatürliche Fähigkeiten und könne beispielsweise schon während der Schwangerschaft das Geschlecht des Kindes vorhersagen. Deshalb wusste Lexie, dass sie ein Mädchen erwarteten.

Zugegeben – in Boone Creek kannte jeder die Fakten von Lexies Lebenslauf. Aber wussten die Leute auch, dass sich Lexie immer die Haare hinters Ohr strich, wenn sie nervös war? Dass sie ausgezeichnet kochte? Oder dass sie sich, wenn sie Ruhe brauchte, in ein Strandhaus beim Leuchtturm von Cape Hatteras zurückzog, wo ihre Eltern geheiratet hatten? Oder dass sie nicht nur klug und schön war, mit ihren violetten Augen, dem etwas exotischen, ovalen Gesicht und den dunklen Haaren, sondern dass sie Jeremys wiederholte Versuche, sie ins Bett zu locken, geschickt abgewehrt hatte? Es gefiel ihm, dass Lexie ihm nichts durchgehen ließ. Sie sagte immer genau das, was sie dachte, und setzte sich ganz entschieden gegen ihn durch, wenn sie fand, dass er sich irrte. Gleichzeitig schaffte sie es irgendwie, trotzdem charmant und feminin zu bleiben – was durch ihren singenden Südstaatenakzent noch unterstrichen wurde. Dazu kam, dass sie in ihren eng anliegenden Jeans einfach hinreißend aussah. Und schon hatte sich Jeremy unsterblich in sie verliebt.

Und was gab es über ihn zu sagen? Was wusste Lexie über ihn? Auf jeden Fall die zentralen Daten. Sie wusste, er war in Queens aufgewachsen, als das jüngste von sechs Kindern in einer irisch-italienischen Familie, und hatte eigentlich vorgehabt, Professor für Mathematik zu werden, bis er entdeckte, dass er schreiben konnte. Daraufhin war er Kolumnist für die Zeitschrift Scientific American geworden und hatte viele angeblich übernatürliche Phänomene entlarvt. Er war schon einmal verheiratet gewesen, mit einer Frau namens Maria, die ihn verlassen hatte, nachdem sie immer wieder in einer Fruchtbarkeitsklinik gewesen waren und schließlich erfahren hatten, dass Jeremy aus medizinischen Gründen nicht fähig war, Kinder zu zeugen. Nach der Scheidung hatte er viel zu viele Jahre damit verbracht, in Bars herumzuhängen und mit Frauen zu flirten. Einer festen Beziehung war er konsequent aus dem Weg gegangen – vielleicht weil er unbewusst davon überzeugt war, dass er nie ein guter Ehemann sein konnte. Mit siebenunddreißig war er nach Boone Creek gefahren, um zu untersuchen, was es mit den geisterhaften Lichtern auf sich hatte, die dort regelmäßig auf einem der Friedhöfe erschienen. Er hatte eigentlich gehofft, dadurch einen Job als Gastkommentator bei der Fernsehsendung Good Morning, America zu bekommen, doch dann hatte er sich hauptsächlich mit Lexie beschäftigt. Vier zauberhafte Tage hatten sie miteinander verbracht, die leider in einem heftigen Streit endeten. Er war nach New York City zurückgekehrt, aber dort war ihm klar geworden, dass er sich ein Leben ohne Lexie gar nicht mehr vorstellen konnte. Und nun glaubte er sogar an Wunder – zumindest an das Wunder der Schwangerschaft und daran, dass er Vater werden würde. Was er nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Er lächelte. Eigentlich eine gute Geschichte, dachte er. Eventuell sogar gut genug für einen Roman.

Zum Glück hatte sich Lexie, die anfangs gegen seine Charmeoffensive immun gewesen war, ebenfalls in ihn verliebt. Aber warum eigentlich? Er fand sich selbst zwar keineswegs abstoßend, aber er fragte sich oft, woran es lag, dass zwei Menschen sich zueinander hingezogen fühlten. Er hatte schon mehrere Artikel über das Prinzip der Anziehungskraft geschrieben und konnte stundenlang über die Bedeutung von Pheromonen, Dopaminen und biologischen Instinkten reden, aber seine Gefühle für Lexie waren damit nicht einmal annähernd zu erklären. Oder ihre Gefühle für ihn. Er spürte nur, dass sie irgendwie zusammenpassten, und es kam ihm so vor, als wäre er sein Leben lang unbewusst einem Pfad gefolgt, der zwangsläufig zu ihr führte.

Das war eine romantische, ja, poetische Sichtweise. Dabei neigte Jeremy eigentlich nicht zu Sentimentalitäten. Im Gegenteil. Vielleicht war gerade das der Grund, weshalb er wusste, dass Lexie die Richtige war: Sie hatte sein Herz und seinen Kopf für neue Gefühle und neue Ideen geöffnet. Und während er jetzt neben seiner entzückenden zukünftigen Braut im Auto saß, freute er sich auf alles, was die Zukunft ihnen bringen würde.

Wortlos nahm er ihre Hand.

Spielte es denn wirklich eine Rolle, dass er sein Leben in New York City hinter sich ließ und seine Karrierepläne mehr oder weniger aufgab, um in die Provinz zu ziehen? Oder dass er jetzt ein Jahr vor sich hatte, in dem er eine Hochzeit planen, einen Hausstand gründen und sich auf ein Kind vorbereiten musste?

Das konnte doch nicht so schwierig sein, oder?

Kapitel 2

Hoch oben auf dem Empire State Building hatte Jeremy Lexie einen Heiratsantrag gemacht. Am Valentinstag.

Er wusste, das war ein Klischee – aber galt das nicht für alle Heiratsanträge? Schließlich gab es nur eine begrenzte Anzahl von Methoden, wie man eine Frau um ihre Hand bitten konnte. Man konnte es sitzend, stehend, auf den Knien oder im Liegen tun. Man konnte dabei essen oder auch nicht, man konnte es zu Hause tun oder anderswo, mit oder ohne Wein, bei Kerzenschein, bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang oder bei sonst irgendetwas, was einem romantisch erschien. Irgendwo, irgendwann hatte irgendjemand es schon einmal genauso gemacht, davon war Jeremy überzeugt. Deshalb hatte es wenig Sinn, wenn er sich schon im Voraus den Kopf darüber zerbrach, ob Lexie vielleicht enttäuscht sein würde. Klar, manche Männer setzten Himmel und Hölle in Bewegung – sie schrieben es an den Himmel oder auf Plakatsäulen, oder sie veranstalteten ein kompliziertes Suchspiel, bei dem die Frau den Ring finden musste. Aber er war sich ziemlich sicher, dass Lexie keine Frau war, die großen Wert auf superoriginelle Ideen legte. Außerdem war der Blick auf Manhattan atemberaubend, und solange er die zentralen Punkte nicht vergaß – also die Begründung, warum er den Rest seines Lebens mit ihr verbringen wollte, den Ring und die alles entscheidende Frage –, konnte seiner Meinung nach nichts schief gehen.

Eigentlich war es ja auch keine Überraschung. Sie hatten zwar noch nicht ausdrücklich darüber gesprochen, aber die Tatsache, dass er nach Boone Creek zog, sprach für sich. Und in den letzten Wochen hatten sie immer wieder diese typischen »Wir«-Gespräche geführt, so nach dem Motto: »Wir müssen nach einer Korbwiege suchen, die wir neben unser Bett stellen können«, oder »Wir sollten deine Eltern besuchen gehen«. Jeremy war mit allem einverstanden gewesen. Also konnte man fast sagen, dass Lexie ihm schon längst einen Antrag gemacht hatte.

Aber trotzdem – als er sie fragte, ob sie seine Frau werden wolle, war Lexie offenbar im siebten Himmel. Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und dann wollte sie gleich Doris anrufen, um ihr alles zu erzählen. Das Gespräch dauerte zwanzig Minuten. Jeremy hatte schon damit gerechnet, es störte ihn nicht. Und obwohl er äußerlich so ruhig wirkte, war er ganz ergriffen, dass Lexie tatsächlich Ja gesagt hatte.

Und jetzt, fast eine Woche später, saßen sie in einem Taxi und fuhren zu seinen Eltern. Jeremys Blick fiel auf den Ring an Lexies Finger. Verlobt zu sein war eine große Sache, es war etwas anderes, als wenn man nur miteinander ausging. Diese Vorstellung gefiel den meisten Männern, und Jeremy war da keine Ausnahme. Er fühlte sich ihr viel näher, und wieder einmal merkte er, wie froh er über seine Entscheidung war.

Lexie schaute schweigend aus dem Fenster. Sie wirkte irgendwie bedrückt.

»Ist was?«, fragte er.

»Was soll ich tun, wenn sie mich nicht mögen?«

»Sie mögen dich ganz bestimmt, das verspreche ich dir. Sie werden begeistert von dir sein! Und außerdem – das Mittagessen mit meiner Mutter hat dir doch Spaß gemacht, oder? Du hast gesagt, ihr hättet euch blendend verstanden.«

»Ja, das stimmt«, sagte sie, klang aber wenig überzeugend.

»Wo liegt dann das Problem?«

»Was ist, wenn sie denken, ich nehme dich ihnen weg? Vielleicht war deine Mutter ja nur oberflächlich nett zu mir, und tief im Innern lehnt sie mich eigentlich ab?«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne doch meine Mutter«, erwiderte er. »Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Und du nimmst mich ihnen nicht weg. Ich gehe aus New York fort, weil ich mit dir zusammen sein will, und das wissen sie. Glaub mir – sie freuen sich alle mit mir. Meine Mutter fragt mich schon seit Jahren, wann ich endlich wieder heirate.«

Lexie verzog nachdenklich den Mund. »Okay«, sagte sie schließlich. »Aber ich will ihnen trotzdem noch nicht sagen, dass ich schwanger bin.«

»Wieso nicht?«

»Dann bekommen sie den falschen Eindruck.«

»Sie erfahren es sowieso früher oder später, stimmt’s?«

»Ich weiß. Aber es muss ja nicht unbedingt heute Abend sein. Ich möchte, dass sie mich vorher ein bisschen besser kennen lernen. Sie müssen ja erst einmal damit fertig werden, dass wir heiraten. Das reicht für einen Abend. Um den Rest kümmern wir uns später.«

»Einverstanden«, sagte er. »Ganz wie du meinst.« Er lehnte sich in seinem Sitz zurück. »Aber selbst wenn es herauskommt, wäre das keine Katastrophe.«

»Wie soll es herauskommen?«, fragte sie erschrocken. »Sag jetzt nur nicht, dass du es ihnen schon erzählt hast!«

Jeremy schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Aber ich glaube, ich habe es Alvin gegenüber erwähnt.«

»Du hast mit Alvin darüber geredet?« Lexie wurde blass.

»Sei mir bitte nicht böse. Es ist mir so rausgerutscht. Aber keine Angst – er erzählt es nicht weiter.«

Nach kurzem Zögern nickte sie. »Okay.«

»Es passiert mir auch garantiert nicht wieder«, sagte Jeremy und nahm ihre Hand. »Und du musst wirklich nicht nervös sein.«

Lexie zwang sich zu einem Lächeln. »Du hast gut reden.«

Wieder schaute sie aus dem Fenster. Sie hatte doch wirklich schon genug Grund zur Aufregung, dachte sie. Und nun auch noch das. War es denn so schwierig, ein Geheimnis für sich zu behalten?

Sie wusste genau, dass Jeremy es nicht böse gemeint hatte und dass Alvin sehr diskret sein konnte, aber darum ging es nicht. Jeremy dachte einfach nicht darüber nach, wie seine Familie diese Neuigkeit aufnehmen würde. Bestimmt waren sie alle liebe Menschen – seine Mutter war ausgesprochen nett zu ihr gewesen –, und Lexie glaubte auch nicht, dass man sie gleich für ein Flittchen halten würde, aber die Tatsache, dass sie so schnell heiraten wollten, stieß mit Sicherheit auf eine gewisse Skepsis. Davon war sie überzeugt. Sie musste die Geschichte nur aus der Perspektive der anderen betrachten. Vor sechs Wochen hatten sie und Jeremy sich noch nicht einmal gekannt, und nun waren sie schon offiziell verlobt. Das war schockierend genug.

Und wenn sie jetzt auch noch erfuhren, dass Lexie schwanger war …

Na ja – verstehen würden sie es sicher. Aber sie würden denken, dass Jeremy sie nur deshalb heiraten wollte. Statt zu glauben, dass er sie liebte, würden sie verständnisvoll nicken und sagen: »Wie schön.« Und sobald Jeremy und Lexie zur Tür hinaus waren, würden sie die Köpfe zusammenstecken und alles ausführlich bequatschen. Sie waren eine Familie, eine altmodische, traditionelle Familie, in der sich alle sehr nahe standen und sich ein paarmal im Monat trafen. Das hatte Jeremy ihr doch erzählt, oder? Lexie war nicht naiv. Worüber unterhielt man sich in einer Familie ? Über die Familie! Über freudige Ereignisse, über Tragödien, Enttäuschungen, Erfolge … In einer richtigen Familie nahm man an allem Anteil. Lexie wusste, was passieren würde, wenn sich Jeremy noch einmal verplapperte. Sie würden nicht mehr über die Verlobung reden, sondern über ihre Schwangerschaft, und sei es auch nur, weil sie sich fragten, ob Jeremy wirklich wusste, worauf er sich da einließ. Oder noch schlimmer – sie würden denken, sie hätte ihn in eine Falle gelockt.

Es konnte natürlich auch sein, dass sie sich irrte. Vielleicht freuten sich alle. Vielleicht konnten sie die ganze Situation nachvollziehen. Vielleicht glaubten sie, dass Verlobung und Schwangerschaft nichts miteinander zu tun hatten – denn genau so war es. Und vielleicht konnte sie dann beruhigt und zufrieden wieder nach Hause fliegen.

Sie wollte auf keinen Fall Probleme mit ihrer Schwiegerfamilie bekommen. Meistens konnte man nichts dagegen machen, aber Lexie legte keinen gesteigerten Wert darauf, gleich am Anfang die Stimmung zu verderben.

Außerdem – sie selbst wäre ja, ehrlich gesagt, auch misstrauisch, wenn sie zu Jeremys Familie gehören würde. Eine Heirat war ein bedeutender Schritt, für jedes Paar. Und erst recht für zwei Menschen, die sich kaum kannten. Jeremys Mutter hatte sie zwar keinem Verhör unterzogen, aber Lexie hatte trotzdem genau gespürt, wie sie versuchte, sich ein Bild von ihr zu machen. Jede gute Mutter würde das tun. Lexie hatte sich bemüht, einen möglichst guten Eindruck zu erwecken, und beim Abschied hatte Jeremys Mutter sie in die Arme genommen und geküsst.

Das war ein gutes Zeichen. Oder wenigstens ein viel versprechender Anfang. Natürlich würde es eine Weile dauern, bis die Familie sie richtig akzeptierte. Im Gegensatz zu den anderen Schwiegertöchtern konnte Lexie nicht immer am Wochenende kommen, und sie würde vermutlich erst einmal auf Bewährung angenommen werden – bis sich herausstellte, dass Jeremy keinen Fehler gemacht hatte. Etwa ein Jahr würde das schon dauern, schätzte sie. Vielleicht auch länger. Sie konnte den Prozess eventuell ein wenig verkürzen, indem sie regelmäßig Briefe schrieb und anrief …

Nicht vergessen – Briefpapier kaufen!, notierte sie sich in Gedanken.

Bei Licht betrachtet, war sie selbst ja auch ein wenig schockiert, dass alles so schnell ging. Liebte Jeremy sie tatsächlich? Liebte sie ihn? In den letzten Wochen hatte sie sich diese Fragen mindestens ein Dutzend Mal am Tag gestellt, und sie war immer zur selben Antwort gelangt. Ja, sie war schwanger, und ja, es war sein Kind, aber sie hätte niemals eingewilligt, ihn zu heiraten, wenn sie nicht fest davon überzeugt gewesen wäre, dass sie glücklich miteinander würden.

Und sie würden glücklich miteinander werden. Oder?

Ob sich Jeremy auch manchmal über das Tempo der Ereignisse wunderte? Ganz bestimmt – es konnte doch gar nicht anders sein.

Aber er wirkte viel entspannter als sie. Warum eigentlich ? Vielleicht, weil er schon einmal verheiratet gewesen war. Oder weil er während der Woche in Boone Creek die Initiative ergriffen hatte. Auf jeden Fall war er sich seiner Sache von Anfang an viel sicherer gewesen als sie, was erstaunlich war, denn eigentlich war er doch derjenige, der sich selbst als Skeptiker und Zweifler bezeichnete.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe AT FIRST SIGHT erschien bei

Warner Books, New York

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 03/2009

Copyright © 2005 by Nicholas Sparks Copyright © 2006 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House

eISBN 978-3-641-06015-2

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