Beschreibung

Wie weit darf Liebe gehen?

An die große Liebe glaubt Travis Parker nicht. Er hat sich seine Welt bestens eingerichtet: ein guter Job, nette Freunde, ab und an eine kleine Affäre. Doch dann lernt der überzeugte Junggeselle Gabby Holland kennen, die sein Herz im Sturm erobert. Gegen viele Widerstände gelingt es ihm, sie für sich zu gewinnen. Er ahnt nicht, dass seine härteste Prüfung noch bevorsteht.

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Seitenzahl: 487

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Inhaltsverzeichnis

WidmungProlog - FEBRUAR 2007TEIL 1
Kapitel 1 - MAI 1996 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel II Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14
TEIL 2
Kapitel 15 - FEBRUAR 2007 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22
Epilog - JUNI 2007 DankCopyright

Für Familie Lewis: Bob, Debbie, Cody und Cole. Meine Familie.

Prolog

FEBRUAR 2007

Geschichten sind ebenso einzigartig wie die Menschen, die sie erzählen, und am schönsten sind die Geschichten, die mit einer Überraschung enden. Wie oft hatte sein Vater das zu ihm gesagt, als er noch klein war! Travis Parker erinnerte sich lebhaft daran, wie Dad bei ihm auf dem Bettrand saß und wie seine Mundwinkel nach oben gingen, wenn Travis ihn anbettelte, doch noch eine Geschichte zu erzählen.

»Was für eine möchtest du hören?«, fragte sein Vater immer.

»Die beste Geschichte der Welt«, antwortete Travis.

Eine Weile lang saß sein Vater dann ganz still da, bis seine Augen aufleuchteten und er lächelnd den Arm um Travis legte. In dramatischem Tonfall begann er zu erzählen … Und nachdem Dad das Licht ausgemacht hatte, lag Travis häufig noch lang wach, weil die Geschichten so aufregend waren, voller Abenteuer und Gefahren und spannend bis zum Schluss. Sie spielten immer in Beaumont und Umgebung. Beaumont war die kleine Küstenstadt in North Carolina, in der Travis Parker seit seiner Kindheit lebte. Erstaunlicherweise kamen in den meisten Geschichten irgendwelche Bären vor, Grizzlybären, Braunbären, Kodiakbären … Sein Vater nahm es nicht so genau mit der natürlichen Lebenswelt der Bären, ihn interessierten vor allem die haarsträubenden Verfolgungsjagden quer durch die sandigen Ebenen von North Carolina, und bis zur sechsten Klasse hatte Travis schreckliche Albträume, in denen er auf den Shackleford Banks von wild gewordenen Eisbären gehetzt wurde. Doch gleichgültig, wie viel Angst ihm die Geschichten seines Vaters einflößten – er fragte trotzdem jedes Mal: »Und wie geht’s weiter?«

Das waren unschuldige Erinnerungen an längst vergangene Tage. Travis war inzwischen dreiundvierzig. Als er jetzt auf den Parkplatz des Carteret General Hospital einbog, wo seine Frau seit zehn Jahren arbeitete, musste er allerdings wieder an diesen Satz denken, mit dem er damals seinen Vater zum Weitererzählen bringen wollte.

Er stieg aus und nahm den Blumenstrauß, den er gerade gekauft hatte, vom Beifahrersitz. Bei ihrem letzten Gespräch hatten er und seine Frau sich gestritten. Er wäre sehr froh gewesen, wenn er das, was er gesagt hatte, irgendwie hätte zurücknehmen können, er wollte sich um alles in der Welt mit ihr versöhnen, damit alles wieder gut wurde. Zwar machte er sich keine Illusionen, dass die Blumen etwas ändern würden, aber ihm war nichts Besseres eingefallen. Das, was passiert war, belastete ihn entsetzlich, aber seine verheirateten Freunde versicherten ihm, Schuldgefühle seien typisch für eine gute Ehe. In ihren Augen waren sie der Beweis dafür, dass man ein Gewissen hatte und moralische Werte ernst nahm. Im Prinzip sollte man natürlich am besten dafür sorgen, dass es gar keinen Anlass für Gewissensbisse gab. Seine Freunde gaben zu, dass auch sie das nicht immer schafften. Das galt für alle Paare, die er kannte, davon war Travis überzeugt. Kein Mensch war vollkommen, und er sollte nicht so streng mit sich sein. Seine Freunde wollten ihm helfen, damit er sich besser fühlte. »Wir alle machen Fehler«, versicherten sie ihm. Und er nickte dann immer, als würde er ihnen zustimmen, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass sie nie verstehen würden, was er durchmachte. Sie konnten es gar nicht verstehen. Sie schliefen jede Nacht neben ihrer Frau, keiner war je länger als ein Vierteljahr von seiner besseren Hälfte getrennt gewesen, und sie mussten sich nicht die quälende Frage stellen, ob ihre Ehe je wieder so sein würde wie vorher.

Während er den Parkplatz überquerte, dachte er an seine beiden Töchter, an seinen Job, an seine Frau. Die drei Säulen seiner Existenz – aber in letzter Zeit schien keine der drei zu tragen. Travis hatte das Gefühl, auf allen Ebenen versagt zu haben. So etwas wie Glück schien meilenweit entfernt, unerreichbar wie ein Flug ins Weltall. Doch das war nicht immer so gewesen. Es hatte in seinem Leben eine lange Phase gegeben, in der er sehr glücklich gewesen war. Wie gut er sich daran erinnern konnte! Doch jetzt war alles anders. Die Menschen veränderten sich. Alles veränderte sich – dagegen war man machtlos. Es gehörte zu den unerbittlichen Naturgesetzen, denen der Mensch ausgeliefert war. Man machte Fehler, man bedauerte sie, aber man musste die Konsequenzen tragen, und plötzlich erschien einem selbst etwas so Einfaches wie das Aufstehen am Morgen wie eine unzumutbare Überforderung.

Kopfschüttelnd betrat er das Krankenhaus. Vor seinem inneren Auge sah er sich selbst, wie er als Kind gebannt den Geschichten seines Vaters gelauscht hatte. Sein eigenes Leben war die beste Geschichte auf der ganzen Welt gewesen, dachte er, eine Geschichte, die eindeutig auf ein Happy End zusteuerte. Und als sich die Tür des Krankenhauses hinter ihm schloss, überfielen ihn, wie so oft, die Erinnerungen. Und tiefes, tiefes Bedauern.

Erst später, als er sich seinen Erinnerungen wirklich hingeben konnte, wagte er es, sich die Frage zu stellen, die er seinem Vater als Kind immer gestellt hatte: Und wie geht’s weiter?

TEIL 1

Kapitel 1

MAI 1996

Kannst du mir bitte mal sagen, wieso ich mich bereit erklärt habe, dir zu helfen?«, knurrte Matt. Sein Gesicht war feuerrot angelaufen, weil er sich verzweifelt bemühte, den Riesenkarton mit dem neuen Whirlpool ans andere Ende der großen Terrasse zu schieben, wo sie die entsprechende Vertiefung vorbereitet hatten. Er fand keinen richtigen Halt mit den Füßen, der Schweiß lief ihm in Strömen über die Stirn und tropfte ihm in die Augen, was unangenehm brannte. Es war heiß, viel zu heiß für Anfang Mai. Und erst recht für diese Plackerei, so viel stand fest. Sogar Travis’ Hund Moby hatte sich ein schattiges Plätzchen gesucht, wo er jetzt mit hängender Zunge vor sich hin hechelte.

Travis Parker, der gemeinsam mit Matt den Whirlpool an seinen vorbestimmten Platz zu befördern versuchte, zuckte nur die Achseln. »Du hast eben geglaubt, es würde lustig«, sagte er und drückte wieder mit der Schulter gegen die Kiste. Der Whirlpool, der mindestens zweihundert Kilo wog, bewegte sich ein paar Zentimeter vorwärts. Wenn sie in diesem Tempo weitermachten – wie lange dauerte es dann, bis sich das Ding endlich an Ort und Stelle befand? Na ja, irgendwann im Lauf der nächsten Woche würden sie es schaffen.

»Das Ganze ist doch total absurd«, schimpfte Matt und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Kiste. Eigentlich bräuchten sie ein paar Maulesel, dachte er. Der Rücken tat ihm weh, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, als würden sich seine Ohren aufgrund der Anstrengung vom Kopf lösen und in die Luft sausen wie zwei Feuerwerkskörper – so ähnlich wie die Raketen, die er und Travis als Kinder immer an Silvester aus irgendwelchen Flaschen abgeschossen hatten.

»Das hast du schon mal gesagt. «

»Und Spaß macht es auch nicht«, brummte Matt.

»Auch das sagtest du bereits.«

»Und es ist garantiert nicht leicht, das Ding richtig anzuschließen.«

»Doch, doch.« Travis richtete sich auf und deutete auf den Karton. »Siehst du, was da steht? ›Einfach zu installieren.‹« Von seinem Schattenplatz unter dem Baum aus begann Moby – ein reinrassiger Boxer – laut und zustimmend zu bellen, während Travis fröhlich grinste. Überhaupt wirkte er sehr zufrieden mit sich selbst.

Matt platzte innerlich fast vor Wut. Diesen sorglosen Gesichtsausdruck von Travis konnte er nicht ausstehen. Das heißt – manchmal mochte er ihn auch. Eigentlich meistens. Im Grund gefiel ihm nämlich die unbändige Lebenslust seines Freundes. Aber heute hatte er etwas dagegen. Sehr viel sogar.

Frustriert griff er nach der Bandana, die in seiner hinteren Jeanstasche steckte. Sie war schon ganz nass, weil er sich dauernd den Schweiß damit abgewischt hatte, und die Feuchtigkeit hatte sich auch auf die Sitzfläche seiner Hose ausgebreitet. Matt fuhr sich übers Gesicht und wrang das Tuch dann mit einer schnellen Bewegung aus. Flüssigkeit tropfte heraus wie aus einem undichten Wasserhahn und landete auf seinem Schuh. Wie hypnotisiert starrte er darauf, bis er merkte, dass die Nässe durch das dünne Gewebe seiner Freizeitschuhe drang, sodass sich seine Zehen ganz glitschig anfühlten. Na, super!

»Wenn ich mich richtig erinnere, hast du gesagt, dass Joe und Laird auch kommen, um uns bei deinem kleinen ›Projekt‹ zu helfen, und du hast außerdem versprochen, dass Megan und Allison Hamburger für uns machen. Und dass es Bier gibt! Und du hast behauptet, es dauert höchstens zwei Stunden, das Ding hier zu installieren.«

»Sie kommen gleich«, sagte Travis.

»Das hast du schon vor vier Stunden gesagt. «

»Sie haben sich eben ein bisschen verspätet. «

»Oder du hast sie gar nicht angerufen.«

»Selbstverständlich habe ich sie angerufen! Sie bringen auch die Kinder mit. Ich schwör’s. «

»Wann kommen sie denn?«

» Bald. «

»Wer’s glaubt!« Matt stopfte die Bandana wieder in die Hosentasche. »Wenn sie nicht demnächst hier aufkreuzen, wie sollen wir zwei dann dieses Monsterding an der richtigen Stelle versenken?«

Mit einer lässigen Handbewegung wischte Travis das Problem beiseite und widmete sich wieder der Kiste. »Uns wird schon etwas einfallen, keine Sorge. Bisher haben wir es doch ganz gut hingekriegt, finde ich. Wir haben bereits die halbe Strecke geschafft.«

Matt knurrte wieder. Heute war Samstag. Samstag! Da wollte er sich erholen, sich entspannen – es war seine einzige Chance, dem Hamsterrad zu entkommen, es war die verdiente Pause, nachdem er fünf Tage in der Bank geschuftet hatte, und er brauchte diesen Ruhetag. Schließlich arbeitete er als Darlehensberater, Himmel noch mal! Sein Job bestand darin, Papiere hin und her zu schieben, keine Whirlpools ! Er hätte Baseball gucken können – heute spielten die Braves gegen die Dodgers. Oder er hätte auf den Golfplatz gehen können. Oder sich ganz locker am Strand tummeln. Natürlich hätte es auch die Möglichkeit gegeben, einfach auszuschlafen und danach gemeinsam mit Liz zu ihren Eltern zu fahren. Wie fast jeden Samstag. Aber stattdessen war er in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und leistete nun schon acht Stunden am Stück körperliche Schwerstarbeit, unter der sengenden Sonne des Südens …

Er hielt inne. Wem wollte er hier etwas vormachen ? Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass die Vorstellung, den Tag mit Liz’ Eltern zu verbringen, nicht so wahnsinnig prickelnd erschien – eigentlich war der Gedanke daran sogar der Hauptgrund gewesen, auf Travis’ Vorschlag einzugehen. Aber so hatte er sich das nicht vorgestellt. Das war echt zu viel.

»So habe ich mir das nicht vorgestellt«, sagte er. »Das ist echt zu viel. «

Travis schien ihn gar nicht zu hören. Er war schon wieder in Stellung gegangen und fragte erwartungsvoll: »Bist du so weit?«

Mit einem gewissen Gefühl der Verbitterung senkte Matt die Schulter und begann wieder zu drücken. Seine Knie zitterten. Ja, sie wackelten regelrecht! Ihm war jetzt schon klar, dass er morgen früh Muskelkater haben würde, und das nicht zu knapp. Garantiert kam er nicht ohne Schmerztabletten über den Tag. Im Gegensatz zu Travis schaffte er es nämlich nicht, viermal in der Woche ins Fitnesscenter zu gehen, außerdem Racquetball zu spielen, zu joggen, in Aruba in der Karibik zu tauchen, auf Bali zu surfen, in Vail, Colorado, Ski zu fahren – oder was dieser Typ sonst noch alles unternahm. »Das macht null Spaß, weißt du das?«

Travis zwinkerte ihm zu. »Das hast du schon mindestens zweimal gesagt, erinnerst du dich?«

»Wow! «, rief Joe und zog anerkennend die Augenbrauen hoch, während er um den Whirlpool herumging. Inzwischen näherte sich die Sonne schon dem Horizont und schickte ihre goldenen Strahlen schräg über die Bucht. In der Ferne löste sich ein Reiher aus dem Gestrüpp und inspizierte graziös die Wasseroberfläche, wodurch das Licht zu tanzen begann. Joe und Megan waren vor ein paar Minuten eingetroffen, gemeinsam mit Laird und Allison, die Kinder im Schlepptau, und Travis führte ihnen nun seine neueste Errungenschaft vor. »Echt super! Und das habt ihr zwei heute geschafft?«

Travis nickte, ein Bier in der Hand. »War gar nicht so schwierig«, sagte er. »Und Matt hatte auch seinen Spaß, glaube ich. «

Joe warf einen kurzen Blick auf seinen Freund, der völlig erledigt in einem Liegestuhl am Rand der Terrasse lag, einen kalten Waschlappen auf dem Gesicht. Selbst sein Bauch – Matt war schon immer ein bisschen rundlich gewesen – wirkte müde und abgeschlafft.

»Man sieht’s«, murmelte Joe grinsend. »Ist das Ding eigentlich schwer?«

»Schwerer als ein ägyptischer Sarkophag! «, ächzte Matt. »Du weißt schon – einer von diesen goldenen, die man nur mit einem Kran transportieren kann. «

Joe musste lachen. »Und – können die Kinder schon rein?«

»Noch nicht. Ich habe das Wasser gerade erst eingelassen, und es dauert eine Weile, bis es warm genug ist. Aber es geht schnell, und die Sonne hilft mit.«

»Die Sonne heizt das Ding in zwei Minuten auf«, stöhnte Matt. »Ach, was sag ich – in zwei Sekunden! «

Joe fand die Situation sehr amüsant. Er, Laird, Matt und Travis kannten sich seit dem Kindergarten und hatten die ganze Schulzeit gemeinsam verbracht.

»Das war ganz schön anstrengend, was, Matt?«

Matt nahm den Waschlappen vom Gesicht und warf Joe einen vernichtenden Blick zu. »Du hast ja keine Ahnung. Und übrigens – besten Dank, dass ihr so pünktlich gekommen seid. «

»Travis hat gesagt, wir sollen um fünf hier sein. Wenn ich gewusst hätte, dass ihr Hilfe braucht, wäre ich selbstverständlich früher gekommen.«

Matt drehte langsam den Kopf zu Travis. Manchmal hasste er seinen Freund regelrecht.

»Und – wie geht’s Tina?«, erkundigte sich Travis, der einen Themawechsel für angebracht hielt. »Kriegt Megan genug Schlaf?«

Megan saß mit Allison an dem Tisch am anderen Ende der Terrasse. Joe warf einen Blick in ihre Richtung. Die beiden Frauen waren in ein offensichtlich hochinteressantes Gespräch vertieft. »Na ja, ab und zu schläft sie ein paar Stündchen. Tina hustet endlich nicht mehr und schläft wieder durch, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass Megan gar nicht mehr auf Schlaf gepolt ist, seit sie Mutter ist. Sie steht sogar auf, wenn Tina keinen Pieps von sich gegeben hat. Es ist fast so, wie wenn die Stille sie aufwecken würde.«

»Sie ist wirklich eine gute Mutter«, sagte Travis. »War sie schon immer.«

Joe schaute Matt fragend an. »Wo steckt eigentlich Liz?«

»Sie muss jede Minute hier sein.« Matts Stimme klang, als käme sie aus der Unterwelt. »Sie ist zu ihren Eltern gefahren. «

»Wie schön«, bemerkte Joe trocken.

»Na, na! Ihre Eltern sind gute Menschen.«

»Irgendwie glaube ich mich zu erinnern, dass du mal geschworen hast, wenn du dir noch ein einziges Mal anhören musst, wie dein Schwiegervater von seinem Prostatakrebs berichtet oder wie deine Schwiegermutter sich darüber beklagt, dass Henry schon wieder entlassen wurde, obwohl er doch gar nichts dafür kann, dann steckst du den Kopf in den Gasherd.«

Matt richtete sich auf. Mit Leidensmiene. » Das habe ich nie gesagt!«

»Doch, hast du.« Joe zwinkerte vergnügt, weil Matts Frau Liz gerade ums Haus herumkam. Der kleine Ben wackelte tapfer vor ihr her. »Aber keine Sorge – ich verrate kein Sterbenswörtchen. «

Matts Blick schoss nervös von Liz zu Joe und wieder zurück, weil er sich nicht sicher war, ob seine Frau nicht doch etwas gehört hatte.

»Hallo miteinander ! «, rief Liz und winkte allen zur Begrüßung zu, dann nahm sie Ben an der Hand und wollte ihn mit zu Megan und Allison ziehen, doch der kleine Zwerg riss sich los und torkelte zielstrebig zu den anderen Kindern, die im Garten spielten.

Joe sah, dass Matt erleichtert aufatmete, und schmunzelte. Mit gesenkter Stimme sagte er zu Travis : »Ja, ja, Matts Schwiegereltern – hast du sie etwa als Argument benutzt, um ihn rumzukriegen?«

»Kann sein, dass ich sie nebenbei erwähnt habe«, murmelte Travis verschmitzt.

»Was flüstert ihr zwei da?«, rief Matt misstrauisch.

»Gar nichts«, erwiderten die beiden Freunde wie aus einem Mund.

Später, als die Sonne untergegangen und das Essen aufgegessen war, rollte sich Moby zu Travis’ Füßen zusammen, und die Kinder planschten im Whirlpool. Während Travis den anderen zuhörte, überrollte ihn eine Welle der Zufriedenheit. Er liebte diese Abende, an denen sie gemeinsam um den Tisch herumsaßen, redeten, lachten und sich gegenseitig neckten. Sie kannten sich alle so gut – Allison plauderte erst mit Joe, dann wandte sie sich zu Liz, um anschließend ein paar Sätze mit Laird oder Matt zu wechseln, und bei den anderen war es genauso. Sie mussten nicht irgendwelche anstrengenden Rollen spielen, keiner wollte den anderen imponieren, es herrschte fröhliche Harmonie. In solchen Situationen dachte Travis gelegentlich, dass sein Leben an einen Werbespot für Bier erinnerte, und meistens genoss er es uneingeschränkt, sich auf dem Strom der guten Laune treiben zu lassen.

Zwischendurch stand immer wieder eine der Frauen auf, um nach den Kindern zu sehen. Laird, Joe und Matt beschränkten ihre erzieherischen Aktivitäten darauf, in unregelmäßigen Abständen die Stimme zu erheben in der Hoffnung, auf diese Weise die Kinder zu beruhigen und zu verhindern, dass sie einander zu sehr ärgerten oder sich aus Versehen wehtaten. Klar, ab und zu bekam eins der Kinder einen Wutanfall, aber die meisten Probleme wurden durch einen Kuss auf ein aufgeschlagenes Knie oder durch eine tröstliche Umarmung aus der Welt geschafft, was von Weitem genauso liebevoll aussah, wie es sich vermutlich für die Kinder anfühlte.

Travis blickte in die Runde und freute sich, dass sich seine Sandkastenfreunde nicht nur zu guten Ehemännern und Vätern entwickelt hatten, sondern auch immer noch Teil seines Lebens waren – was man keineswegs als Selbstverständlichkeit betrachten durfte. Er war jetzt zweiunddreißig und wusste, dass das Leben manchmal ein Glücksspiel war. Im Lauf der Jahre hatte er mehr als genug Unfälle überlebt. So vielen gefährlichen Situationen war er nur mit knapper Not entkommen – ohne allerdings je eine schwere Verletzung davonzutragen. Man wusste nie, was die Zukunft bereithielt, das Leben war unvorhersagbar. Von den Menschen, die er seit seiner Kindheit kannte, waren manche bei Autounfällen umgekommen, einige hatten geheiratet und waren schon wieder geschieden, andere waren alkohol- oder drogenabhängig. Viele waren einfach weggezogen aus dieser kleinen Stadt, und ihre Gesichter wurden in der Erinnerung immer verschwommener. Wie groß war die statistische Wahrscheinlichkeit gewesen, dass er und seine drei besten Schulfreunde sich mit Anfang dreißig immer noch trafen, um die Wochenenden gemeinsam zu verbringen? Ziemlich gering, schätzte Travis. Gemeinsam hatten sie die Turbulenzen der Pubertät durchgestanden, begleitet von Akne, von Liebeskummer und von Auseinandersetzungen mit den Eltern; danach waren sie zu vier verschiedenen Colleges aufgebrochen, mit ganz individuellen Berufsvorstellungen. Aber aus irgendwelchen Gründen waren sie alle vier nach Beaufort zurückgekehrt. Sie waren eher wie Geschwister als Freunde, mit dem entsprechenden Schatz an Sprüchen und Anekdoten, die kein Außenstehender richtig verstehen konnte.

Und erstaunlicherweise kamen auch ihre Frauen bestens miteinander aus. Sie stammten zwar aus ganz unterschiedlichen Familien und aus entgegengesetzten Ecken von North Carolina, aber Ehe, Mutterschaft und der typische Tratsch in einer amerikanischen Kleinstadt hatten sie zusammengeschweißt. Sie telefonierten regelmäßig und standen sich so nahe wie Schwestern. Laird hatte als Erster geheiratet. Gleich in dem Sommer, nachdem sie das College in Wake Forest abgeschlossen hatten, fassten er und Allison den Entschluss, sich das Jawort zu geben. Ein Jahr später waren Joe und Megan ihnen gefolgt – sie hatten sich während ihres letzten Studienjahrs an der University of North Carolina ineinander verliebt. Matt, der auf der Duke University in Durham, North Carolina, gewesen war, lernte Liz hier in Beaufort kennen, und bereits nach einem Jahr schlossen sie den Bund fürs Leben. Bei allen drei Hochzeiten war Travis Trauzeuge gewesen.

Natürlich hatte sich in den letzten Jahren manches verändert, vor allem weil die drei Paare Familienzuwachs bekamen. Laird hatte kaum noch Zeit, mit dem Mountainbike loszuradeln, Joe konnte nicht mehr wie früher ganz spontan mit Travis zum Skifahren nach Colorado fliegen, und Matt versuchte bei den meisten Dingen schon gar nicht mehr, mit ihm Schritt zu halten. Aber das war kein Problem. Entscheidend war: Die drei Freunde waren immer noch da, und mit ihrer Hilfe – und einem gewissen Maß an Planung – gelang es Travis immer, seine Wochenenden zu genießen.

Weil er so in Gedanken versunken war, hatte Travis gar nicht gemerkt, dass die anderen ihn fragend anschauten.

»Habe ich etwas verpasst?«

»Ich habe dich gerade gefragt, ob du in letzter Zeit mal mit Monica geredet hast«, wiederholte Megan. An ihrem Tonfall merkte Travis, dass es kein Entrinnen gab. Alle sechs interessierten sich ein bisschen zu intensiv für sein Liebesleben, fand er. Das Problem mit verheirateten Freunden war, dass sie glaubten, alle Leute, die sie kannten, müssten ebenfalls einen Ehering tragen. Jede Frau, mit der Travis ausging, wurde dezent, aber kritisch taxiert – vor allem von Megan. Sie war immer die Wortführerin und wollte unbedingt herausfinden, wie Travis in Bezug auf Frauen tickte. Und Travis machte sich seinerseits einen Spaß daraus, sie ein bisschen zappeln zu lassen.

»Nein, schon länger nicht mehr«, antwortete er auf ihre Frage.

»Warum nicht? Sie ist sehr nett.«

Sie ist vor allem neurotisch, dachte Travis. Aber das tat jetzt nichts zur Sache.

»Sie hat mit mir Schluss gemacht – schon vergessen ?«

»Na und? Das heißt noch lange nicht, dass sie nicht will, dass du sie anrufst.«

»Ich dachte, genau das meint eine Frau, wenn sie Schluss macht.«

Megan, Allison und Liz schauten ihn an, als wäre er komplett verrückt. Ihre Männer amüsierten sich königlich – wie immer bei diesem Thema. Diese Diskussion führten sie fast jedes Mal, wenn sie zusammensaßen.

»Ihr habt euch gestritten, stimmt’s?«

»Ja, klar.«

»Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass sie einfach nur deswegen Schluss gemacht hat, weil sie sauer auf dich war?«

»Ich war auch sauer auf sie. «

»Wieso?«

»Sie wollte unbedingt, dass ich eine Therapie mache. «

»Lass mich raten – du hast darauf geantwortet, dass du so etwas nicht brauchst.«

»Eins könnt ihr mir glauben – wenn der Tag kommt, an dem ich zu einem Therapeuten gehe, kann ich auch gleich einen Rock anziehen und süße kleine Babyschuhe häkeln.«

Joe und Laird mussten lachen, aber Megan zog streng die Augenbrauen hoch. Alle wussten, dass sie zu den Leuten gehörte, die so gut wie jeden Tag Oprah im Fernsehen schauten.

»Du findest, Männer brauchen keine Therapie?«

»Ich brauche jedenfalls keine. «

»Und die Männer im Allgemeinen?«

»Ich will nicht von mir auf andere schließen, deshalb kann ich dazu nichts sagen.«

Megan lehnte sich zurück. »Vielleicht liegt Monica ja gar nicht so falsch. Wenn du mich fragst – meiner Meinung nach leidest du an Bindungsangst und willst dich nicht festlegen.«

»Dann frag ich dich lieber nicht.«

»Wie lange hat deine längste Beziehung gehalten?« Jetzt musterte Megan ihn prüfend. »Zwei Monate? Vier Monate?«

Travis überlegte. »Also – mit Olivia war ich fast ein ganzes Jahr zusammen.«

»Ich glaube, sie redet nicht von Highschool-Freundinnen«, warf Laird lachend ein. Gelegentlich bereitete es seinen Freunden Vergnügen, ihn den Löwinnen zum Fraß vorzuwerfen, bildlich gesprochen.

»Vielen Dank für deine Unterstützung, Laird«, brummte Travis.

»Wozu hat man Freunde?«

»Du lenkst ab «, bemerkte Megan.

Travis trommelte mit den Fingern auf seinen Schenkel. »Ich fürchte, ich muss gestehen, dass ich mich nicht erinnern kann, wie lange meine längste Beziehung gedauert hat. «

»Mit anderen Worten, nicht lange genug, um sie wirklich im Gedächtnis zu behalten?«

»Was soll ich dazu sagen? Ich warte darauf, dass ich endlich eine Frau kennenlerne, die es mit euch aufnehmen kann. «

Obwohl es schon ziemlich dunkel war, konnte er sehen, dass Megan strahlte, weil ihr diese Antwort gefiel. Er hatte schon vor einer ganzen Weile begriffen, dass bei solchen Debatten Komplimente die beste Waffe waren, vor allem wenn man sie ehrlich meinte. So wie er jetzt. Er meinte es ernst: Megan, Liz und Allison waren drei großartige Frauen – warmherzig, loyal, großzügig. Und außerdem besaßen sie alle einen gesunden Menschenverstand.

»Also, dann erkläre ich jetzt noch einmal ganz offiziell: Ich finde sie gut«, verkündete Megan.

»Aber du magst alle Frauen, mit denen ich ausgehe. «

»Stimmt doch gar nicht. Leslie konnte ich zum Beispiel nicht ausstehen.«

Keine der drei Frauen hatte Leslie Sympathien entgegengebracht, wohingegen Matt, Laird und Joe durchaus mit ihr einverstanden gewesen waren. Vor allem wenn sie einen Bikini trug. Leslie sah einfach klasse aus – und auch wenn sie nach Travis’ Ansicht keine Frau zum Heiraten war, hatten sie doch viel Spaß miteinander gehabt.

»Ich finde, ehrlich gesagt, du solltest Monica noch mal anrufen«, beharrte Megan.

»Ich werd’s mir überlegen«, versprach Travis, obwohl er genau wusste, dass er es nicht tun würde. Er stand auf, um dem Verhör und den guten Ratschlägen zu entkommen. »Wer will noch ein Bier?«

Joe und Laird hoben ihre Flaschen, die anderen schüttelten den Kopf. Travis ging zur Kühlbox, aber an der Glasschiebetür überlegte er es sich anders und lief schnell ins Haus, um eine neue CD aufzulegen. Bevor er die Bierflaschen an den Tisch brachte, lauschte er noch eine Minute der Musik, die nun durch den Garten tönte. Megan, Allison und Liz unterhielten sich inzwischen über Gwen, ihre gemeinsame Friseurin: Gwen hatte immer sehr interessante Geschichten auf Lager, die sich meistens um die heimlichen Affären der lieben Mitbürger drehten.

Schweigend trank Travis sein Bier, den Blick hinaus auf den Fluss gerichtet.

»Was denkst du gerade?«, erkundigte sich Laird.

»Ach, nichts Wichtiges.«

»Komm, sag schon.«

Travis schaute ihn an. »Ist dir schon mal aufgefallen, dass manche Farben als Nachnamen verwendet werden und andere nicht?«

»Wie bitte?«

»Zum Beispiel White und Black. Denk an Mr White, den Besitzer des Reifenladens. Oder an Mr Black, unseren Lehrer in der dritten Klasse. Und bei dem Spiel ›Cluedo‹ gibt es einen Mr Green. Aber kein Mensch heißt Mr Orange oder Mr Yellow. Es ist fast so, als würden sich manche Farben als Nachname eignen, während andere albern klingen. Was meinst du?«

»Ich könnte nicht behaupten, dass ich schon mal über diese Frage nachgedacht habe.«

»Ich auch nicht, das heißt, bis vor einer Minute. Aber es ist doch wirklich seltsam, oder?«

»Stimmt.« Laird nickte nachdenklich.

Sie schwiegen beide für eine Weile. »Hab ich dir nicht gesagt, es ist nichts Wichtiges?«, brummte Travis dann.

»Stimmt.«

»Und? Hatte ich recht?«

»Ja. Du hattest recht.«

Als die kleine Josie den zweiten Wutanfall innerhalb einer Viertelstunde bekam – es war inzwischen kurz vor neun –, nahm Allison sie auf den Arm und warf Laird einen vielsagenden Blick zu, mit dem sie ihm zu verstehen gab, es sei Zeit zu gehen und die Kinder ins Bett zu bringen. Laird versuchte erst gar nicht zu widersprechen, und als er sich vom Tisch erhob, schaute auch Megan ihren Mann auffordernd an, und Liz nickte Matt wortlos zu. Travis wusste, dass der Abend zu Ende war. Eltern bildeten sich ein, sie hätten in der Familie das Sagen, aber letzten Endes waren es die Kinder, die alles bestimmten und die Regeln aufstellten.

Er hätte versuchen können, seine Freunde zum Bleiben zu überreden, und vielleicht wäre es ihm sogar gelungen, einen von ihnen umzustimmen, aber im Grund hatte er sich längst daran gewöhnt, dass seine Freunde ihr Leben nach einem anderen Rhythmus lebten als er. Außerdem vermutete er, dass Stephanie, seine jüngere Schwester, später noch vorbeischauen würde. Sie kam heute Abend aus Chapel Hill, wo sie an der University of North Carolina ihren Master in Biochemie machte. Zwar würde sie zu Hause bei den Eltern wohnen, aber nach der langen Autofahrt war sie meistens ein bisschen überdreht und hatte das Bedürfnis, noch mit jemandem reden – und ihre Eltern lagen um diese Zeit immer schon im Bett.

Megan, Joe und Liz erhoben sich und wollten den Tisch abräumen, aber Travis winkte ab.

»Ich mach das schon. Lasst ruhig alles stehen.«

Ein paar Minuten später waren zwei SUVs und ein Minivan mit Kindern vollgepackt, und während sie die Einfahrt hinunterfuhren, winkte Travis ihnen von der vorderen Veranda aus nach.

Als sie weg waren, beschloss er, noch ein wenig Musik zu hören. Er ging ins Haus, um seine CDs zu inspizieren, entschied sich für Tattoo You von den Rolling Stones und drehte die Stereoanlage auf volle Lautstärke. Auf dem Weg nach draußen schnappte er sich noch ein Bier, legte die Füße auf den Tisch und lehnte sich gemütlich zurück, während sich Moby neben ihm niederließ.

»Tja, jetzt sind nur noch wir zwei übrig«, sagte er. »Was denkst du, wann Stephanie kommt?«

Moby drehte den Kopf weg. Außer wenn Travis Gassi oder Bällchen oder Auto fahren oder feiner Knochen rief, interessierte sich der Hund herzlich wenig dafür, was sein Herrchen so redete.

»Findest du, ich soll sie anrufen und fragen, ob sie schon unterwegs ist?«

Gelangweilt starrte Moby in die Ferne.

»Ja, das würde ich auch sagen. Sie kommt, wenn sie kommt.«

So saß er da, trank sein Bier und blickte hinaus aufs Wasser. Moby winselte leise. »Hol das Bällchen!«, forderte Travis ihn schließlich auf.

Da schoss Moby so blitzschnell hoch, dass er fast den Stuhl umgeworfen hätte.

Es war die Musik, die ihr den Rest gab – dabei war schon die ganze Woche so nervig gewesen. Und jetzt noch dieses laute Gedröhne! Okay, neun Uhr an einem Samstagabend, das ging ja noch, zumal ihr Nachbar offensichtlich Gäste hatte, und zehn Uhr fand sie eigentlich auch noch in Ordnung. Aber nachts um elf? Außerdem war der Typ jetzt allein und spielte mit seinem Hund Bällchen holen.

Von ihrer Terrasse aus konnte sie ihn sitzen sehen. Er trug dieselben Shorts wie schon den ganzen Tag und hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Er warf den Ball und starrte zwischendurch gedankenverloren hinaus auf den Fluss. Was ihm wohl durch den Kopf ging?

Vielleicht sollte sie nicht so streng mit ihm sein und ihn einfach ignorieren. Es war sein Haus, oder? Und in seinem Haus war er König, er konnte tun und lassen, was er wollte. Daran gab es nichts zu rütteln. Das Problem war nur, dass hier noch andere Leute wohnten, nämlich seine Nachbarn, und zu diesen gehörte sie. Und in ihrem Haus war sie die Königin. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Nachbarn Rücksicht aufeinander nehmen sollten. Und er hatte, ehrlich gesagt, eine Grenze überschritten. Nicht unbedingt mit der Musik. Im Grund gefiel ihr seine Musik sogar, und meistens war es ihr völlig egal, wie laut und wie spät abends er noch eine CD auflegte. Nein, das eigentliche Problem war sein Hund Nobby – oder wie er hieß. Genauer gesagt, das Problem war, was dieser Nobby ihrer Hündin angetan hatte.

Molly war nämlich trächtig. Jedenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Molly, ihre liebe, schöne, reinrassige Collie-Hündin mit dem preisgekrönten Stammbaum! Diese Hündin hatte sie sich als Allererstes gekauft, nachdem sie ihre Ausbildung an der Eastern Virginia School of Medicine abgeschlossen und auch sämtliche Praktika absolviert hatte. Genau von dieser Art Hund hatte sie immer geträumt. Aber nun hatte Molly in den letzten Wochen ganz eindeutig zugenommen. Ein noch beunruhigenderes Zeichen war, dass ihre Zitzen immer dunkler wurden und anschwollen. Man konnte sie deutlich fühlen, wenn sich Molly auf den Rücken rollte, um sich den Bauch kratzen zu lassen. Und außerdem bewegte sie sich viel langsamer als sonst. Wenn man das alles zusammenrechnete, konnte man nur zu einer Schlussfolgerung kommen: Molly würde demnächst einen Wurf Welpen in die Welt setzen, die garantiert kein Mensch haben wollte. Ein Boxer und eine Collie-Hündin? Gabby verzog das Gesicht, als sie sich ausmalte, wie die kleinen Hunde aussehen würden. Nein, diese Vorstellung musste sie schnell beiseiteschieben.

Es konnte nur der Hund dieses Mannes gewesen sein. Als Molly läufig war, hatte sein Boxer ihr Haus observiert wie ein Privatdetektiv, und er war auch sonst der einzige Hund, den sie in der Nachbarschaft herumstromern sah. Aber machte ihr lieber Nachbar etwa Anstalten, seinen Garten einzuzäunen? Oder den Hund im Haus zu halten? Oder ein Hundeareal einzurichten? Nein. Im Gegenteil. Sein Motto schien zu lauten: »Mein Hund ist ein freier Hund!« Das wunderte sie nicht. Dieser Typ schien sein ganzes Leben nach völlig verantwortungslosen Prinzipien zu führen. Wenn sie zur Arbeit ging, sah sie ihn beim Joggen, und wenn sie abends nach Hause kam, radelte er, paddelte in seinem Kajak auf dem Fluss, kurvte mit seinen Inlinern durch die Gegend oder warf Körbe in seiner Einfahrt, am liebsten mit ein paar Kids aus der Nachbarschaft. Vor einem Monat hatte er sich auch noch ein Motorboot angeschafft und spezialisierte sich jetzt auf Wakeboarden. Als würde er nicht schon genug andere Sportarten betreiben. Und so etwas wie Überstunden schien es für ihn nicht zu geben. Nur keine Minute zu viel arbeiten ! Sie hatte auch schon herausgefunden, dass er freitags gar nicht zur Arbeit ging. Und überhaupt – bei welchem Job konnte man Jeans und ein T-Shirt tragen? Sie hatte keine Ahnung, aber sie hatte einen Verdacht, der ihr eine bittere Art von Genugtuung verschaffte – sie vermutete nämlich, dass man bei seinem Job eine Schürze und ein Namensschild brauchte.

Okay, vielleicht war sie nicht fair. Er war bestimmt ein netter Kerl. Seine Freunde kamen ihr ganz normal vor, sie hatten jede Menge Kinder und waren anscheinend gern mit ihm zusammen, denn sie kamen oft zu Besuch. Ihre Frauen waren schon bei ihr in der Praxis gewesen, weil die Kinder einen Schnupfen oder eine Mittelohrentzündung hatten. Aber was war mit Molly? Die Hündin saß jetzt vor der Hintertür und schlug mit dem Schwanz auf den Boden. Bei dem Gedanken an die Zukunft wurde Gabby schwer ums Herz. Molly würde sicher alles gut überstehen – aber die Welpen? Was sollte sie mit ihnen anfangen, wenn niemand sie haben wollte? Sie konnte die kleinen Hunde doch unmöglich ins Tierheim oder zum Tierschutzverein bringen, wo man sie einschläfern würde. Nein, das brachte sie nicht übers Herz. Mollys Welpen durften nicht sterben!

Aber was sollte sie dann mit ihnen machen?

An allem war nur dieser Typ schuld. Und jetzt saß er da drüben auf seiner Terrasse, die Füße auf dem Tisch, und tat so, als hätte er keine Sorgen und als wäre auf der Welt alles in bester Ordnung.

So hatte sie sich das nicht vorgestellt, als sie Anfang des Jahres das Haus hier besichtigt hatte. Es war zwar nicht in Morehead City, wo Kevin, ihr Freund, wohnte, aber man brauchte nur über die Brücke zu fahren, dann war man da – wirklich keine große Entfernung. Das Haus war klein, fast ein halbes Jahrhundert alt und nach Beaufort-Maßstäben definitiv renovierungsbedürftig, aber die Aussicht auf den Fluss war spektakulär, der Garten groß genug für Molly, die dort unbesorgt herumrannte, und die Krönung des Ganzen war: Sie konnte es sich leisten. Zwar nur knapp, weil sie zur Finanzierung ihres Studiums sehr hohe Kredite hatte aufnehmen müssen, aber die Darlehensberater reagierten insgesamt ziemlich verständnisvoll, wenn es darum ging, Leuten wie ihr Geld zu leihen. Das heißt, Leuten mit einer soliden Ausbildung und einem gesicherten Monatseinkommen.

Da unterschied sie sich doch ziemlich von ihrem Nachbarn, der nach der Devise »Mein Hund ist ein freier Hund« und »Freitags wird nicht gearbeitet« zu leben schien.

Gabby atmete tief durch. Garantiert ist er gar nicht so übel, ermahnte sie sich wieder. Er winkte ihr immer, wenn er sie von der Arbeit nach Hause kommen sah, und als sie vor ein paar Monaten hier eingezogen war, hatte er einen Korb mit Käse und Wein vorbeigebracht, um sie in der Nachbarschaft zu begrüßen. Genau – das hatte sie schon fast wieder vergessen. Sie war nicht zu Hause gewesen, also hatte er den Korb auf der Veranda abgestellt, und sie hatte sich fest vorgenommen, ihm als Dank ein Kärtchen zu schicken, aber bis jetzt war sie leider noch nicht dazu gekommen.

Wieder zog sie eine Grimasse. So viel zum Thema moralische Überlegenheit! Okay, sie war auch nicht perfekt, aber das Thema war jetzt nicht ihre versäumte Dankeskarte, sondern Molly, der streunende Hund und die unerwünschten Welpen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und das alles gleich jetzt anzusprechen. Ihr Nachbar war ja offensichtlich noch wach.

Sie ging zu der hohen Hecke, die ihr Grundstück von seinem trennte. Ein Teil von ihr wünschte sich, Kevin wäre bei ihr, aber das war illusorisch. Auch weil sie sich heute Morgen gestritten hatten, was damit angefangen hatte, dass Gabby ganz beiläufig erwähnte, ihre Cousine werde demnächst heiraten. Kevin, der gerade den Sportteil der Zeitung studierte, sagte kein Wort dazu. Anscheinend zog er es vor, so zu tun, als hätte er sie nicht gehört. Schon das Wort Hochzeit ließ diesen Mann zu Stein erstarren, vor allem in letzter Zeit. Eigentlich sollte sie sich nicht wundern – sie waren seit vier Jahren zusammen (nur ein Jahr weniger als ihre Cousine und ihr Partner, hätte sie gern hinzugefügt), und aus Erfahrung wusste Gabby inzwischen: Wenn Kevin ein Thema irgendwie unangenehm fand, dann zog er sich einfach in sich zurück und sagte gar nichts mehr.

Sie wollte jetzt nicht über Kevins Verhalten nachdenken. Auch nicht darüber, dass ihr Leben in letzter Zeit öfter nicht so verlief, wie sie es sich vorgestellt hatte. Genauso wenig wollte sie an die unerfreuliche Woche in der Praxis denken – allein am Freitag war sie dreimal vollgekotzt worden, dreimal, das war absoluter Praxisrekord, behaupteten jedenfalls die Arzthelferinnen, die sich nicht einmal die Mühe machten, ihr spöttisches Grinsen zu verbergen, und die Geschichte voller Schadenfreude weitererzählten. Und am allerwenigsten wollte sie an Adrian Melton erinnert werden, den verheirateten Arzt in ihrer Praxis, der sie immer betatschte, wenn sie etwas miteinander besprechen mussten. Jedes Mal ließ er seine Hand ein wenig zu lang liegen. Warum hatte sie es bisher nicht geschafft, sich dagegen zu wehren? Aber nein – auch darüber wollte sie heute Abend lieber nicht nachdenken.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel The Choice bei Grand Central Publishing/Hachette Book Group USA, New York

Copyright © 2007 by Nicholas Sparks Copyright © 2008 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Herstellung: Helga Schörnig Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN 978-3-641-06002-2

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