Zero Option - Tom Wood - E-Book

Zero Option E-Book

Tom Wood

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8,99 €

Beschreibung

Wenn Victor seinen Auftrag überleben will, muss er mehr können als nur töten

Fast jeder Mensch kann morden. Aber nur wenige schaffen es, unentdeckt davonzukommen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Victor, ein so eiskalter wir brillanter Auftragskiller, ist ein Meister darin. Früher arbeitete er auf eigene Rechnung, doch mittlerweile steht er im Dienst der CIA. Nun soll er dabei helfen, die zwei größten internationalen Waffenhändler auszuschalten, um unzählige Leben zu retten. Doch dieser Auftrag erfordert mehr als Kaltblütigkeit und eine ruhige Hand. Victor muss mit höchster Raffinesse vorgehen, um sein Ziel zu erreichen - und um seinen Einsatz zu überleben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 710




Buch

Victor ist ein so eiskalter wie brillanter Auftragskiller. Nachdem er jahrelang gewissermaßen freiberuflich tätig war, führte ihn sein letzter Auftrag unglücklicherweise in die Arme der CIA, und um seine Haut zu retten, blieb ihm nur eines übrig: sein Können in den Dienst des stellvertretenden Direktors der CIA, Roland Procter, zu stellen. Nun soll Victor in dessen Diensten zwei international operierende Waffenhändler ausschalten: Vladimir Kasakov und Baraa Ariff. Ariff ist ein vergleichsweise kleiner Fisch – er handelt mit AK47-Sturmgewehren und Panzerbüchsen –, während Kasakov für seine Kunden schwerere Geschütze bereithält: Panzer, Flugzeuge und Helikopter. Dank ihrer tatkräftigen Unterstützung von Diktatoren, Terroristen und Todesschwadronen in aller Welt wird die Maschinerie des Mordens am Laufen gehalten. Wenn es gelänge, die beiden zu beseitigen, würde das vermutlich Tausende von Menschen vor dem Tod bewahren. Doch Victors Mission, die ohnehin schon schwierig genug ist, läuft schließlich aus dem Ruder. Und schon bald sind es nicht mehr nur Kasakov und Ariff, die um ihr Leben fürchten müssen …

Autor

Tom Wood ist freischaffender Bildeditor und Drehbuchautor. Er wurde in Staffordshire, England, geboren und lebt mittlerweile in London. Sein Debütroman »Codename Tesseract« wurde von Kritik wie Lesern begeistert gefeiert. Mit »Zero Option« stellt Tom Wood sein einzigartiges Talent als Autor mitreißender Actionthriller erneut unter Beweis.

Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter

www.tomwoodbooks.com

Tom Wood

Zero Option

Thriller

Aus dem Englischen

von Leo Strohm

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»The Contract« bei Thomas Dunne Books,

an imprint of St. Martin’s Press, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung April 2012

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Tom Hinshelwood

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Coverfoto: FinePic, München

Redaktion: Gerhard Seidl

AB · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-06907-0V003

www.goldmann-verlag.de

Kapitel 1

Bukarest, Rumänien

Es war ein guter Morgen, um einen Mord zu begehen. Undurchdringliche graue Wolken verhüllten die Sonne und lagen wie eine Decke über der dunklen, stillen Stadt. Genau so gefiel es ihm. Gemächlich ging er durch die Straßen. Er war genau im Zeitplan. Ein feiner Regen setzte ein. Ja, wirklich, ein ausgesprochen guter Morgen, um einen Mord zu begehen.

Vor ihm schob sich ein Müllwagen langsam die Straße entlang. Die orangefarbenen Warnleuchten blinkten, die Scheibenwischer schwappten hin und her und fegten den morgendlichen Nieselregen von der Windschutzscheibe. Müllmänner gingen hinter dem Fahrzeug her, die Hände schützend unter die Achselhöhlen geschoben, bis sie beim nächsten Müllsackberg auf dem Bürgersteig angelangt waren. Sie unterhielten sich miteinander, lachten hin und wieder.

Die Abgase kondensierten in der kühlen Frühlingsluft zu dichten Wolken. Er schritt mitten hindurch, und die Männer unterbrachen ihr Geplänkel. In den wenigen Sekunden, bis er wieder verschwunden war, spürte er, wie sie ihn musterten.

Es gab eigentlich nichts Auffälliges zu sehen. Er war gut gekleidet – ein langer Wollmantel über einem dunkelgrauen Anzug, schwarze Lederhandschuhe, dicksohlige Oxfordschuhe. In der linken Hand hielt er einen Aktenkoffer aus Metall. Die dunklen Haare waren kurz geschnitten, der Bart sauber gestutzt. Trotz der Kälte hatte er nur die obersten beiden der insgesamt vier Mantelknöpfe zugeknöpft. Ein Geschäftsmann auf dem Weg ins Büro, genau so sah er aus. Und in gewisser Weise war er ja auch ein Geschäftsmann, nur wären sie vermutlich niemals darauf gekommen, in welcher Branche er tätig war.

Hinter ihm krachte mit lautem Getöse ein Mülleimer auf die Straße, und er warf einen Blick über die Schulter zurück. Schwarze Müllsäcke lagen aufgerissen auf dem Boden, ihr Inhalt war auf den Asphalt gekippt. Die Müllmänner stöhnten und beeilten sich, um den ganzen Abfall wieder einzusammeln, bevor der Wind ihn in alle Richtungen verteilen konnte.

Kurze Zeit später stand der Geschäftsmann vor einem großen Wohnblock, der die umgebenden Häuser um etliche Stockwerke überragte. Balkone und Satellitenschüsseln ragten aus der düsteren braunen Fassade hervor. Er setzte seine Schritte sehr bewusst, wollte auf gar keinen Fall gehetzt wirken und stieg das halbe Dutzend Treppenstufen bis zur Haustür hinauf. Mit dem Schlüssel, den er am Tag zuvor erst hatte machen lassen, schloss er auf und trat ein.

Im Inneren gab es zwei Fahrstühle, doch er nahm die Treppe, zweiundzwanzig Absätze bis zur obersten Etage. Er musste sich nicht einmal nennenswert anstrengen.

Hinter der Treppenhaustür erstreckte sich ein langer, nichtssagender Korridor. In regelmäßigen Abständen waren Wohnungstüren mit einer Nummer und einem Türspion zu erkennen. Der Fußbodenbelag war aus schmutzigem Linoleum, und die verblasste Farbe an den Wänden blätterte an vielen Stellen bereits ab.

Es war kühl und roch nach einem starken Desinfektionsmittel. Irgendwo weinte leise ein Baby. Am Ende des Korridors, dort, wo er in einen zweiten Flur mündete, befand sich eine Tür mit der Aufschrift Gebäudewartung. Er stellte seinen Aktenkoffer ab und holte ein kleines Butterpäckchen aus seiner Manteltasche, das aus einer Frühstücksbar in der Nähe stammte. Er wickelte die Butter aus und verteilte sie sorgfältig auf den Türscharnieren. Die leere Verpackung steckte er wieder in die Manteltasche.

Dann zog er aus der Innentasche seines Mantels zwei kleine Metallwerkzeuge: einen Spanner und einen schlanken, gekrümmten Haken. Die Qualität des Schlosses lag deutlich über dem Durchschnitt, aber der Geschäftsmann brauchte keine sechzig Sekunden, um es zu knacken.

Da öffnete sich hinter ihm eine Tür. Er ließ das Einbruchswerkzeug in seiner Tasche verschwinden.

Irgendjemand sagte etwas in ruppig klingendem Rumänisch. Der Mann mit dem Aktenkoffer sprach mehrere Sprachen, aber diese gehörte nicht dazu. Er blieb noch einen Augenblick stehen, den Blick zur Tür gewandt, für den Fall, dass der andere mit jemandem in seiner Wohnung gesprochen hatte. Die Chance war zwar nicht groß, aber er musste es zumindest versuchen.

Da ertönte die Stimme erneut. Dieselben kehligen Worte, nur lauter. Ungeduldig. Den Rücken noch immer dem Sprecher zugewandt, schob der Geschäftsmann die rechte Hand in seinen Mantel. Er zog sie wieder hervor und schmiegte sie eng an seine Hüfte, sodass sie nicht zu sehen war. Schließlich drehte er sich nach links zu dem Hausbewohner um, den Kopf nach vorn geneigt, damit seine Augen im Schatten lagen.

Ein korpulenter Mann mit einem etliche Tage alten Stoppelbart beugte sich zu seiner Wohnungstür heraus und hielt sich mit fetten Fingern am Türrahmen fest. Zwischen seinen dicken Lippen hing eine Zigarette. Er musterte den Mann mit dem Aktenkoffer von oben bis unten und nahm dann mit zitternden Fingern die Zigarette aus dem Mund. Aschereste fielen auf das schäbige Linoleum.

Er schwankte leicht und fing dann wieder an zu sprechen. Schleppend und undeutlich kamen die Worte aus seinem Mund. Ein Betrunkener also. Keine Gefahr.

Der Geschäftsmann ignorierte ihn, nahm seinen Aktenkoffer und ging den abzweigenden Korridor entlang, entfernte sich von dem Betrunkenen, bevor dieser noch mehr Lärm machen konnte. Als hinter ihm eine Tür ins Schloss gedrückt wurde, blieb er stehen und kehrte lautlos zurück. Vorsichtig linste er um die Ecke, sah niemanden und steckte die Neun-Millimeter- Beretta 92F zurück in die Innentasche seines Mantels, nachdem er sie wieder gesichert hatte.

Der Raum hinter der Gebäudewartungstür war vollkommen dunkel. Irgendwo war ein tropfender Wasserhahn zu hören. Der Geschäftsmann knipste eine kleine Taschenlampe an. Der schmale Lichtstrahl glitt über nackte Backsteinwände, Rohrleitungen, Kisten und eine Metalltreppe an der Seite. Er schlängelte sich darauf zu und stieg lautlos hinauf. Die rostige Dachklappe war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Es war nur unwesentlich schwerer zu knacken als das Türschloss zuvor.

In elf Stockwerken Höhe biss eisiger Wind in sein Gesicht und jeden Quadratzentimeter entblößter Haut. Doch nach wenigen Sekunden hatte sich der Luftdruck im Treppenhaus angeglichen, und der Schmerz ließ nach. Er duckte sich, um möglichst wenig Sichtfläche zu bieten, und schob sich zum westlichen Dachrand. Der Wind blies die Wolken in Richtung Norden, und das Glühen der aufgehenden Sonne konnte sich jetzt über der ganzen Stadt verbreiten. Bukarest lag ihm zu Füßen, erwachte langsam aus dem Schlaf. Abgesehen von seinem momentanen Aufenthaltsort eine ausgesprochen schöne Stadt. Es war sein erster Besuch hier, und er hoffte, dass seine Arbeit ihn bald wieder einmal hierher- führen würde.

Jetzt wandte er sich dem Aktenkoffer zu, schloss ihn auf und klappte den Deckel hoch. Eine dichte Schaumstoffhülle umgab das zerlegte Heckler & Koch MSG-90. Als Erstes befestigte er den Lauf am Gewehrkolben mit der integrierten Abzugsgruppe. Dann brachte er das Hensoldt-Zielfernrohr an, gefolgt vom Schaft und von dem zwanzigschüssigen Magazin. Er klappte das Zweibein auf und stellte die Waffe auf die niedrige Dachbrüstung.

Durch das Visier sah er die Stadt jetzt in zehnfacher Vergrößerung – Gebäude, Autos, Menschen. Nur so zum Spaß richtete er das Fadenkreuz auf den Kopf einer jungen Frau und folgte ihr, ahnte ihre Bewegungen und Richtungswechsel voraus, behielt sie ununterbrochen im Visier. Glück gehabt, Mädchen, dachte er und verzog den Mund zu einem seltenen Lächeln. Er hob den Kopf, veränderte die Position des Gewehrs und blickte anschließend noch einmal durch das Fernrohr.

Nun war es auf den Eingang des Grand Plaza Hotel in der Calea Dorobantilor gerichtet. Das achtzehnstöckige Gebäude besaß eine moderne Fassade aus Glas und Edelstahl, die kraftvoll und zugleich grazil wirkte. Der Geschäftsmann hatte auf seinen zahlreichen Reisen rund um den Erdball bereits etliche Hotels der Howard-Johnson-Kette kennengelernt, aber dieses hier noch nicht. Falls das Grand Plaza dem durchschnittlichen bis hohen Standard der anderen Häuser entsprach, dann hatte die Zielperson vermutlich einen angenehmen Aufenthalt gehabt. Aus seiner Sicht war es absolut angemessen, dass der zum Tod Verurteilte erholt und ausgeschlafen seiner morgendlichen Hinrichtung entgegenging.

Jetzt holte der Mann mit dem Gewehr einen Laser-Entfernungsmesser aus dem Aktenkoffer und visierte den Hoteleingang an. Er lag genau fünfhundertzweiundfünfzig Meter entfernt. Das war eine absolut akzeptable Entfernung und nur sechs Meter weniger, als er geschätzt hatte. Er drehte am Höhenverstellrad, um die Einstellungen für die Entfernung und den Schusswinkel zu korrigieren.

Vor dem Hoteleingang stand ein Türsteher mit zerfurchtem Gesicht, gähnte und entblößte dabei seine schlechten Zähne. An einer Straßenlaterne ganz in der Nähe flatterte ein lilafarbenes Band im Wind. Der Mann mit dem Gewehr beobachtete es einen Augenblick lang und schätzte die Windgeschwindigkeit. Acht, vielleicht auch achteinhalb Stundenkilometer. Er nahm die entsprechende Einstellung an seinem Hensoldt vor und fragte sich, wann wohl jemand die Bedeutung dieses scheinbar so harmlosen Bandes erkennen würde. Womöglich gar nie.

Er fuhr die Vergrößerung etwas zurück, um mehr von der Hotelfassade zu sehen. Nur wenige Menschen waren in der Nähe. Einige Fußgänger, ein paar vereinzelte Hotelgäste, aber keine Menschenmassen. Das war gut. Er war zwar ein exzellenter Schütze, aber da er nur wenige Sekunden zur Verfügung hatte, brauchte er unbedingt freie Schussbahn. Im Prinzip war es ihm zwar gleichgültig, ob er noch andere Personen erschießen musste, die das Pech gehabt hatten, zwischen ihn und sein eigentliches Ziel zu geraten, aber in solchen Fällen ließ sich nie ausschließen, dass die Zielperson vorzeitig über ihr eigenes bevorstehendes Ableben informiert wurde, und falls sie nicht komplett unzurechnungsfähig war, setzte sie sich daraufhin normalerweise in Bewegung.

Der Mann mit dem Gewehr blickte auf seine Armbanduhr. Das unglückselige Opfer des heutigen Tages würde in Kürze auftauchen, falls der Zeitplan, den er zusammen mit dem Dossier erhalten hatte, zutreffend war. Der Geschäftsmann hatte keinen Anlass, den Informationen seines Klienten zu misstrauen, auch wenn es das erste Mal war, dass er mit diesem Auftraggeber zusammenarbeitete.

Noch eine Drehung am Zielfernrohr, und er konnte das Hotel in seiner gesamten Breite sowie zwei Drittel seiner Höhe erkennen. In den Fenstern der obersten drei sichtbaren Stockwerke spiegelte sich das Licht der aufgehenden Sonne.

Schließlich glitt eine Limousine von der Straße in die Hoteleinfahrt und hielt vor dem Haupteingang. Ein breitschultriger Weißer in beigefarbenem Jackett und einer dunklen Jeans stieg aus und erklomm mit den schneidig-effizienten Bewegungen eines Bodyguards die Eingangstreppe. Er blickte vor und zurück, schnell und effektiv. Er registrierte sämtliche Personen in der Nähe, suchte nach Anzeichen für eine Bedrohung und wurde nirgendwo fündig.

Der Mann mit dem Gewehr spürte sein Herz schneller schlagen, während der entscheidende Moment in rasantem Tempo näher rückte. Er atmete tief ein und aus, versuchte zu verhindern, dass sein rasender Pulsschlag sich negativ auf seine Treffsicherheit auswirkte. Er wartete.

Nach einer Minute kam der Leibwächter wieder ins Freie und baute sich in der Mitte der Treppe auf. Er blickte sich noch einmal nach allen Seiten um, dann gab er ein Handzeichen in Richtung Hoteleingang. In wenigen Sekunden würde die Zielperson herauskommen. Nach Angaben des Dossiers reiste die Zielperson – ein Ukrainer – normalerweise in Begleitung mehrerer Leibwächter, die dann natürlich auch im selben Hotel untergebracht waren. Es handelte sich ausschließlich um ehemalige Militärs oder Geheimdienstangehörige. Sie würden den Ukrainer mit Sicherheit in ihre Mitte nehmen, was einen normalerweise relativ unproblematischen Schuss relativ schwierig werden ließ.

Der Mann mit dem Gewehr hatte sich für das MSG-90 entschieden, weil es eine Halbautomatikwaffe war, mit der er mehrere Schüsse innerhalb weniger Sekunden abgeben konnte. Die 7,62 x 51 Millimeter großen Vollmantelgeschosse besaßen genügend Durchschlagskraft, um einen menschlichen Körper zu durchschlagen und auch noch einen zweiten, dahinterstehenden Menschen zu töten. Darüber hinaus verwendete er Spezialpatronen mit einem Wolframkern. Für sie würden auch die Schutzwesten, die sowohl die Leibwächter als auch die Zielperson höchstwahrscheinlich trugen, kein Hindernis darstellen. Der Ukrainer konnte sich hinter zwei gepanzerten Männern verstecken und würde dennoch sterben.

Bevor der Geschäftsmann näher heranzoomen konnte, um die letzten Vorbereitungen für den Schuss zu treffen, bemerkte er ein kurzes, helles Flackern. Es kam aus einem Fenster im dreizehnten Stock des Hotels. Mit einer schnellen Bewegung hob er das MSG-90 an und blickte durch das Zielfernrohr, um den Ursprung des Lichtflecks zu suchen. Womöglich ein Hotelgast, der mit einem Teleskop oder Fernglas die Stadt betrachten wollte. Und wenn dieser Hotelgast sich oberhalb seiner eigenen Position befand, dann ließ sich nicht ausschließen, dass er versehentlich entdeckt wurde. In diesem Fall musste er das Attentat vergessen und sich sofort aus dem Staub machen. Es wäre sinnlos gewesen, erst noch die Zielperson zu ermorden, nur um anschließend verhaftet zu werden.

Sobald das Fadenkreuz genau auf dem Fenster saß, justierte er an seinem Zielfernrohr die Vergrößerung und erkannte, dass sich das Sonnenlicht nicht etwa auf den Linsen eines Fernglases oder eines Teleskops spiegelte, sondern in einem Zielfernrohr, genau wie seinem.

Unterdrücktes Mündungsfeuer verwandelte die Überraschung des Geschäftsmanns in tiefes Entsetzen, das keine Sekunde lang andauerte. Dann hatte die Kugel seinen Kopf erreicht.

Rosafarbener Nebel hing in der Luft.

Kapitel 2

Victor sah die Leiche aus seinem Blickfeld verschwinden und nahm das Auge vom Zielfernrohr, während das Schussgeräusch langsam verhallte. Der lang gestreckte Schalldämpfer seines Gewehrs hatte zwar den Mündungsknall unterdrückt, aber gegen den mächtigen Überschallknall, mit dem das Geschoss die Schallgrenze durchbrochen hatte, ließ sich nichts machen. Jeder, der etwas davon verstand, wusste jetzt, dass irgendwo ein Schuss abgefeuert worden war, aber ohne das dazugehörige Mündungsfeuer war er praktisch nicht zu orten. Hätte er Unterschallmunition verwendet, dann hätte er so gut wie gar kein Geräusch verursacht, aber in Bukarest war es windig, und auf eine Entfernung von fünfhundertfünfzig Metern hätten langsamere Projektile ein zu großes Risiko bedeutet.

Das Fenster des Hotelzimmers hatte sich für seine Zwecke nicht weit genug öffnen lassen, darum hatte Victor den ganzen Fensterflügel abmontiert. Es war kalt im Zimmer, aber der Luftzug ließ die penetrant riechenden Pulverdämpfe schnell abziehen. Wenn er den Gewehrlauf zum Fenster hinausgestreckt hätte, hätte es zwar weniger Gestank hinterlassen, aber er wäre sehr viel leichter zu entdecken gewesen. So etwas machten nur Amateure.

Schnell, aber ohne Hast schraubte Victor den Schalldämpfer vom Lauf und nahm das Gewehr auseinander. Die einzelnen Teile legte er in die dafür vorgesehenen Schaumstoffmulden eines ledernen Aktenkoffers. Das Ganze dauerte keine fünfzehn Sekunden. Mit einem Taschentuch hob er die heiße Patronenhülse vom Boden auf und steckte sie in eine Tasche. Anschließend schob er den Sessel, den er benutzt hatte, vom Fenster zurück an seinen ursprünglichen Platz. Mit dem Fuß beseitigte er die Druckstellen der Sesselbeine aus dem Teppich vor dem Fenster.

Er setzte den Fensterflügel wieder ein und glättete mit einem kleinen Stück Schmirgelpapier die Schraubenköpfe. Dann blickte er sich um, suchte nach irgendwelchen Anzeichen für seine Anwesenheit. Es war ein modernes Hotelzimmer, ordentlich und sehr sauber. Neutrale Farben. Jede Menge Edelstahl und leichtes Holz. Völlig unpersönlich, aber nicht abstoßend. Er sah nichts, weswegen er sich Gedanken machen müsste. Das Bett hatte er genauso wenig benutzt wie die Toilette, er hatte nicht einmal den Wasserhahn angefasst. So schwer es gewesen war, der Anziehungskraft der luxuriösen, außerordentlich fein gewebten Bettwäsche zu widerstehen, aber das Zimmer war ein Arbeitsplatz, mehr nicht, und es wäre ein sinnloses Risiko gewesen, den gebotenen Komfort in Anspruch zu nehmen. Es war schlicht und einfach nicht Victors Stil, dort zu schlafen, wo er einen Auftrag auszuführen hatte.

Erleichtert, dass er keine Spuren hinterlassen hatte, die ihn irgendwie mit dem Zimmer in Verbindung bringen konnten, legte Victor den Aktenkoffer in einen größeren Koffer, klappte ihn zu und verließ den Raum. Sein Herzschlag lag etwa zwei Schläge pro Minute über dem Ruhepuls. Wegen Fingerabdrücken brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Er hatte seine Hände mit einer durchsichtigen Silikonlösung bestrichen, sodass sie keinerlei Fettspuren hinterlassen konnten.

Um nicht von der Überwachungskamera neben dem Fahrstuhl erfasst zu werden, nahm er die Treppe ins Erdgeschoss und durchquerte das Foyer, ohne auf das dort herrschende Durcheinander zu achten. Den Kopf hielt er leicht gesenkt, damit die Kameras nur seine Stirn und seine Haare zu sehen bekamen.

In der Nähe des Hoteleingangs redete ein großer, breitschultriger Mann, bekleidet mit einer Jeans und einer beigefarbenen Wildlederjacke, aufgeregt auf einen älteren Mann von ähnlicher Statur ein. Beide sahen osteuropäisch, slawisch aus – Russen oder womöglich auch Ukrainer. Der Ältere sah aus wie Ende vierzig und trug einen schönen schwarzen Nadelstreifenanzug, der sich perfekt an seinen großen, muskulösen Körper schmiegte. Sein kurz geschnittenes schwarzes Haar wurde an den Schläfen schon etwas grau, und er war glatt rasiert. Er hatte Victor seine linke Körperseite zugewandt, sodass das gezackte Narbengewebe am unteren Ende seines Ohrs deutlich zu erkennen war. Das Ohrläppchen fehlte.

Die beiden Slawen wurden von vier weiteren Männern umringt. Allesamt blasse Osteuropäer, allesamt in schwarzen Anzügen, allesamt muskulös, wenn auch nicht übertrieben, allesamt mit dem Auftreten ehemaliger Elitesoldaten und hervorragend ausgebildeter Bodyguards. Sie formten einen taktischen Schutzschirm um den Mann in der Wildlederjacke und den älteren im Nadelstreifenanzug. Jeder blickte in eine andere Richtung, sodass ihre Gesichtsfelder sich überschnitten. Sie waren aufmerksam, gewissenhaft, die Greifhand in Hüftnähe, jederzeit bereit, ihr Gehalt zu rechtfertigen.

Als Victor sich dem Tresen näherte, hörte er, wie der Mann in der Wildlederjacke auf Russisch erklärte, warum der Mann im Nadelstreifenanzug – der VIP – im Foyer warten musste. Victor tat, als würde er kein Wort verstehen, und stellte sich so an den Empfangstresen, dass das Objektiv der nächstgelegenen Überwachungskamera auf seinen Hinterkopf gerichtet war.

Der Mann an der Rezeption machte einen nervösen Eindruck und starrte die slawischen Männer an, ohne Victor zu bemerken, so lange, bis dieser ihm eine Hand vor die Augen hielt.

»Bitte entschuldigen Sie, Sir«, sagte er auf Englisch mit rumänischem Akzent. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich würde gerne auschecken.«

Victor nannte ihm seinen Namen und die Zimmernummer, gab seine Schlüsselkarte ab und wartete, während der Portier all die Dinge erledigte, die es zu erledigen gab. Dabei lauschte er auf jedes Wort, das zwischen dem Chef-Leibwächter und seinem VIP gesprochen wurde.

Als er die Rechnung kontrollierte und die Papiere unterschrieb, näherten sich feste Schritte in seinem Rücken. Normalerweise ließ Victor es nicht zu, dass jemand von hinten auf ihn zukam, aber zum einen schränkte die Überwachungskamera seine Bewegungsfreiheit ein, und zum anderen konnte er sich jetzt, während des Auscheckens, nicht gut umdrehen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und die Leibwächter machten nicht den Eindruck, als ob sie sich solche verräterischen Bewegungen entgehen lassen würden.

Darum blieb Victor regungslos stehen, während er seine Unterschrift an den unteren Rand des Formulars setzte, und empfing, als der Leibwächter an den Tresen trat und dem Mann an der Rezeption ein paar Anweisungen zubellte, den erwarteten Stoß gegen die Schulter. Victor duckte sich nicht weg und setzte dem Stoß keinen Widerstand entgegen – auch das nur, um seine Tarnung als x-beliebiger Hotelgast aufrechtzuerhalten –, aber der Bodyguard brachte wohl gut über hundert ausgesprochen nützliche Kilogramm auf die Waage. Victor stolperte. Wahrscheinlich fand er sein Gleichgewicht schneller wieder als ein normaler überraschter Geschäftsmann, aber nur deshalb, weil er sonst unweigerlich auf dem Fußboden gelandet wäre.

Bevor er die erwartete aufgebrachte – aber nicht zu aufgebrachte – Bemerkung loswerden konnte, hörte er den Mann im Nadelstreifenanzug rufen: »Nikolai.«

Der Kerl mit der Wildlederjacke drehte sich um und blickte seinen Boss an. Victor ebenfalls.

Der VIP stürmte auf seinen Chef-Leibwächter zu, während die anderen vier Bodyguards sich nach Kräften bemühten, ihn auch weiterhin nach allen Seiten abzusichern, jeweils fünf Schritte entfernt, jede Ecke des Foyers von mindestens einem Augenpaar abgedeckt.

»Nikolai, du respektloser Ochse«, sagte der Mann im Nadelstreifenanzug beim Näherkommen. »Du entschuldigst dich auf der Stelle bei dem Herrn.«

Er deutete auf Victor, der den bäuerlichen ukrainischen Akzent sofort erkannt hatte.

Der Leibwächter namens Nikolai blickte Victor an und sagte in tonlosem Englisch: »Entschuldigung.«

»Ist schon in Ordnung«, erwiderte Victor.

Der Ukrainer im Nadelstreifenanzug wandte sich ihm zu. »Bitte verzeihen Sie mir. Mein Freund muss erst noch zivilisierte Manieren lernen. Mehr Affe als Mensch. Ich hoffe, Sie sind nicht verletzt.«

»Alles in Ordnung.«

Victor trat einen Schritt zurück, um die Begegnung mit dem Mann, dem er gerade eben das Leben gerettet hatte, so schnell wie möglich zu beenden. Mit jeder Sekunde wurde das Risiko seiner Entdeckung größer. Der Ukrainer musterte Victor mit einer Intensität, die er nur selten erlebte, einer gewissen Vertrautheit, ungeachtet der Tatsache, dass Victor ihm nie zuvor begegnet war. Er wusste nicht genau, warum, aber irgendwie hatte er dabei ein ungutes Gefühl. Er musste sich richtig zusammenreißen, um sich nichts anmerken zu lassen.

»Oh, nein«, sagte der Ukrainer, als sein Blick nach unten wanderte. »Ihr Anzug.«

Victor sah ebenfalls hin und entdeckte den kleinen Riss in seinem rechten Jackettärmel. Er musste sich an der Ecke des Tresens verfangen haben, als er ins Stolpern geraten war.

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Victor. »Kann man nähen.«

»Nein, der Anzug ist ruiniert.« Der Ukrainer wandte sich an Nikolai und sagte auf Russisch: »Du dämliches Arschloch, siehst du, was du angerichtet hast?« Und dann wieder zu Victor: »Es tut mir wirklich aufrichtig leid. Das ist ein sehr schöner Anzug. Man sieht, dass Sie ein Mann sind, der auf sein Äußeres achtet, genau wie ich. Ich würde Ihnen ja Geld geben, damit Sie sich einen Ersatz besorgen können, aber ich habe überhaupt kein Bargeld bei mir, und wer trägt in der heutigen Zeit noch ein Scheckbuch mit sich herum?«

»Das ist nicht nötig, wirklich nicht«, sagte Victor. Vermutlich hätte er weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wenn er Nikolai vorhin mit einem Rückwärtssalto aus dem Weg gegangen wäre.

»Aber auf jeden Fall ist das nötig.« Der Ukrainer griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Visitenkarte hervor. Diese reichte er Victor. »Ich fürchte, ich befinde mich im Augenblick in einer etwas problematischen Situation, ansonsten hätte ich Ihnen einen neuen Anzug gekauft, aber hier ist meine Karte. Rufen Sie mich an, dann finden wir eine Lösung. Und sollten Sie nach Moskau kommen, dann lasse ich Ihnen von meinem Schneider einen Anzug machen, dass Ihnen die Tränen kommen.«

Victor nahm die Karte entgegen. Darauf stand in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben: Vladimir Kasakov, außerdem eine Telefonnummer und eine Moskauer Büroadresse.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Kasakov«, erwiderte Victor.

»Und jetzt, bevor meine Mitarbeiter noch weiteren Schaden anrichten können, muss ich Sie bitten, mich zu entschuldigen.«

Victor nickte und machte sich auf den Weg zum Haupteingang. Er drehte sich nicht um, aber er spürte die Blicke, die sich in seinen Rücken bohrten.

Draußen war es kalt, und der Türsteher wirkte viel zu zerbrechlich und zu alt für eine solche Arbeit, besonders bei diesem Wetter. Victors Blick wanderte hinüber zu dem elfstöckigen Gebäude, dessen Hässlichkeit selbst auf fünfhundertfünfzig Meter Entfernung unübersehbar war. Der Attentäter hatte die richtige Wahl getroffen. Es gab zwar auch andere, weniger weit entfernte Gebäude, die aber ungünstiger positioniert waren und keine freie Sicht auf den Hoteleingang boten. Victor hätte sich im umgekehrten Fall ebenso entschieden. Allerdings hätte er besser aufgepasst, um nicht auf dem Hausdach zu sterben.

Victor sah sein Spiegelbild in der Glastür des Hotels, und ihm fiel auf, dass er dem Mann, den er erschossen hatte, gar nicht so unähnlich sah. Schwarzer Mantel, darunter ein dunkelgrauer Anzug mit weißem Hemd und himmelblauer Krawatte. Die perfekte Tarnung für die Großstadt. Seine dunklen Haare waren kurz und unauffällig geschnitten, sein Bart gestutzt. Er wirkte wie ein Börsenmakler oder Rechtsanwalt, ein Mann mit einem gepflegten, aber unauffälligen Äußeren. Er passte sich der Umgebung an, wurde selten gesehen, kaum wahrgenommen. Gleich wieder vergessen.

Im Taxi wickelte er einen Streifen Pfefferminzkaugummi aus und steckte ihn sich in den Mund. Irgendwo hatte er gelesen, dass Kaugummi ein guter Ersatz für Zigaretten war, aber ganz egal, wie viel er von dem Zeug kaute, man konnte es beim besten Willen nicht inhalieren.

Er ließ sich zur Gara de Nord bringen und kaufte sich eine Fahrkarte nach Constanta. Sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges stieg er ein. Sechs Minuten später erhob er sich von seinem Sitz und ging zwei Waggons weiter. Fünf Sekunden, bevor die Türen zuklappten und automatisch verriegelt wurden, stieg er aus. Er verließ den Bahnhof durch einen anderen Ausgang, bestieg ein anderes Taxi und fuhr zum Parcul Herˇastrˇau. Nachdem er eine Weile ziellos durch den Park geschlendert war, steuerte er das Charles de Gaulle Plaza an. Er setzte sich ins Foyer und griff nach einer der ausliegenden Gratiszeitschriften, wobei er den Haupteingang nicht aus den Augen ließ.

Als sein Radar auch nach fünf Minuten keine Bedrohung gemeldet hatte, erhob er sich und stieg die Treppe hinunter bis ins untere Geschoss der Tiefgarage. Dann ließ er sich von einem der Hochgeschwindigkeitsaufzüge bis in den obersten Stock bringen. Er nahm einen anderen Fahrstuhl, fuhr hinab in den dritten Stock und kehrte über die Treppe ins Foyer zurück. Anschließend verließ er das Gebäude durch einen Nebenausgang.

Er steuerte die nächstgelegene U-Bahn-Station an und fuhr eine halbe Stunde lang kreuz und quer durch das U-Bahn-Netz, bevor er schließlich an der Universität wieder ans Tageslicht kam. Nach einem angenehmen Spaziergang über das Universitätsgelände fuhr er mit einem Taxi zum Bulevardul Regina Elisabeta nahe dem Rathaus und ging von dort noch ein paar Schritte zum Eingang des Parcul Ci¸smigiu.

Im Park war es still und friedlich. Nur wenige Menschen begegneten ihm auf dem Weg zum Rondul Român, wo er sich Zeit nahm, um die zwölf Steinbüsten von berühmten rumänischen Schriftstellern zu betrachten, während er seine Maßnahmen zum Schutz vor Beschattern abschloss. Diese Vorsichtsmaßnahmen waren ein ebenso wichtiger Bestandteil seiner Arbeit wie das eigentliche Attentat. Die erfolgreiche Auftragsabwicklung hing entscheidend davon ab, dass er unbemerkt blieb und keinerlei Spuren hinterließ. Fast jeder Mensch war in der Lage, einen anderen Menschen umzubringen, aber nur wenige kamen danach ungeschoren davon, und nur die allerwenigsten schafften das immer wieder.

Jahrelang war Victor in völliger Anonymität seinem Geschäft nachgegangen. Als freiberuflicher Auftragskiller hatte er seine Opfer schnell, effizient und geräuschlos beseitigt. Keiner seiner Auftraggeber hatte gewusst, wer er war. Niemand hatte das gewusst. Er hatte in fast vollkommener Isolation gelebt – keine Freunde, keine Familie, niemand, der ihn hintergehen konnte, und niemand, der dazu benutzt werden konnte, ihn unter Druck zu setzen. Doch dabei war es nicht geblieben, und rückblickend musste er sich eingestehen, dass das unvermeidlich gewesen war. Er hätte schließlich am besten wissen müssen, dass niemand für immer unentdeckt bleiben konnte.

Als Victor sich sicher sein konnte, dass ihm niemand gefolgt war, verließ er das Rondul Român und ging zur Mitte des Parks mit dem künstlichen See. Auf einer kunstvoll gearbeiteten Fußgängerbrücke blieb er stehen, holte den Aktenkoffer aus seinem Koffer, sah sich um, ob er auch wirklich nicht beobachtet wurde, und ließ den Aktenkoffer unauffällig ins Wasser gleiten. Das Gewehr wog ungefähr sechseinhalb Kilogramm und sank sofort bis auf den Grund.

Victor verließ den Park durch den Südostausgang und bestieg einen Bus. Er setzte sich auf die Rückbank, und als niemand mehr in seiner Nähe saß, stieg er nach einem halben Dutzend Haltestellen wieder aus. Den Koffer ließ er neben seinem Sitz auf dem Fußboden stehen.

Er dachte an den Mann, dem er das Leben gerettet hatte. Victors Auftragsbeschreibung hatte keinerlei Informationen über die Zielperson seiner Zielperson enthalten, nur, dass sie überleben musste. Ohne den Zwischenfall in der Hotellobby hätte Victor wohl kaum einen Gedanken an den Mann verschwendet. Aber jetzt kannte er seinen Namen, einen Namen, dem er nicht zum ersten Mal begegnet war. Die meisten von Victors Kollegen hätten ihn erkannt. Vladimir Kasakov war einer der größten Waffenhändler des Planeten, wenn nicht sogar der größte überhaupt. Er wurde international gesucht. Normalerweise machte Victor sich kaum Gedanken darüber, welches Motiv hinter seinen Aufträgen stecken mochte, aber jetzt fragte er sich unwillkürlich, warum sein Auftraggeber bei der CIA so scharf darauf war, diesem Mann das Leben zu retten.

Es fing wieder an zu regnen, und Victor beschleunigte seine Schritte, passte sie denen der anderen Fußgänger an. Niemand interessierte sich für ihn. Oberflächlich betrachtet, das war ihm klar, wirkte er beinahe wie sie – Fleisch und Blut, Haut und Knochen –, aber genauso klar war ihm auch, dass damit das Ende der Ähnlichkeit erreicht war.

Weißt du, was dich zu etwas Besonderem macht?, hatte einmal jemand zu ihm gesagt. Menschen wie du, wie ich, wir tragen dieses Etwas in uns, das die anderen nicht haben, und entweder wir packen es beim Kragen und fangen damit etwas an, oder wir lassen zu, dass es uns zerstört.

Und genau das hatte er sein Leben lang getan. Er hatte dieses Etwas beim Kragen gepackt und etwas damit angefangen. Doch vor sechs Monaten war seine ganze sorgsam aufgebaute Existenz auseinandergebrochen. In dem sich anschließenden Strudel der Ereignisse hatte er immer wieder überlegt, ob er sich zur Ruhe setzen und versuchen sollte, ein normales Leben zu führen. Doch das war damals gewesen. Jetzt hatte er, selbst wenn er gewollt hätte, keine Chance mehr, seine Karriere einfach an den Nagel zu hängen.

Falls er es dennoch versuchte, dann, das wusste er genau, würde sein neuer Arbeitgeber ihn für immer in den Ruhestand schicken.

Kapitel 3

Tunari, Rumänien

Dampf stieg aus dem Waschbecken auf. Victor drehte den Warmwasserhahn zu und tauchte den Rasierer ins Wasser. Er hatte den Bart bereits mit der Schere gestutzt, und jetzt beseitigte er die verbliebenen Stoppeln – zuerst am Hals, dann an den Wangen, am Kinn und zum Schluss an der Oberlippe. Er ging langsam und vorsichtig vor. Eine Schnittwunde oder eine Hautreizung konnte er sich jetzt nicht erlauben. Nachdem er die rasierten Flächen mit Aftershave-Balsam eingerieben hatte, griff er nach einer Schermaschine und stutzte seine Haare gleichmäßig auf etwas mehr als einen Zentimeter Länge.

Als er fertig war, unterschied er sich deutlich von dem Mann, der sich angeblich im Zimmer 1312 des Grand Plaza eingemietet hatte. Die blauen Kontaktlinsen und die Fensterglasbrille, die er dort getragen hatte, hatte er entsorgt, bevor er in seinem jetzigen Hotel eingecheckt hatte. Es war ein gut besuchtes Haus in der Nähe des Flughafens Bukarest-Otopeni. Viel zu gut besucht, als dass irgendjemand gemerkt hätte, dass ein bestimmter Gast mit kürzeren Haaren und ohne Bart wieder auscheckte. Victor hielt nicht viel von aufwendigen Verkleidungen. Wenn sie nicht von einem Make-up-Künstler angefertigt wurden, dann waren sie nur selten wirklich überzeugend, besonders aus der Nähe betrachtet. Perücken und Latexfolie sorgten eher für zusätzliche Aufmerksamkeit als für Unauffälligkeit.

Er absolvierte ein dreißigminütiges, intensives Trainingsprogramm, bestehend aus Kraft- und Dehnübungen, und legte sich anschließend in die Badewanne. Danach setzte er sich an den kleinen Schreibtisch in seinem Zimmer. Er griff nach einer Neun-Millimeter-SIG-Sauer P226 und zerlegte sie, reinigte sie sorgfältig und baute sie anschließend wieder zusammen. Die Pistole war eigentlich schon gereinigt und noch unbenutzt, aber die vertraute Tätigkeit half ihm dabei, sich zu entspannen.

Die SIG hatte ihm sein CIA-Auftraggeber besorgt, genau wie das Gewehr, eine Dakota Longbow. Die Waffen hatten im Kofferraum einer unauffälligen Limousine auf dem Langzeitparkplatz des Flughafens bereitgelegen.

Zugegeben, es erleichterte Victors Arbeit spürbar, dass er sich seine Waffen nicht selbst besorgen und über Landesgrenzen transportieren musste, doch weit schwerer als diese Annehmlichkeiten wog das Gefühl, dass er die Kontrolle über sein Leben aus der Hand gegeben hatte. Jahrelang war er nur sich selbst gegenüber verantwortlich gewesen, hatte vollkommen unabhängig agiert. Und jetzt, wo er von einem einzelnen Menschen oder einer Organisation abhängig war, kam er sich vor, als hätte man ihm die Füße in Beton eingegossen.

Aber was noch schlimmer war: Sein persönliches Risiko wurde dadurch um ein Vielfaches größer als sonst. Sein Auftraggeber wusste nicht nur, wen er wann umbringen würde, er kannte auch die Methode und wusste, wo er sich die dazu notwendigen Werkzeuge besorgte. Mit diesen Informationen ließen sich seine sämtlichen Vorsichtsmaßnahmen mühelos umgehen.

Doch im Augenblick hatte er keine große Wahl. Die Bedingungen für sein Engagement verpflichteten ihn dazu, sämtlichen Anweisungen Folge zu leisten. Im Gegenzug wurde er gut bezahlt, und sein Einsatz-Koordinator von der CIA fungierte als Puffer zwischen Victor und gewissen anderen Parteien, einschließlich der gesamten übrigen CIA, die ihm das Leben außerordentlich schwer machen konnten, bevor sie es auslöschten. Victor war außerdem verpflichtet, keine Aufträge von anderen Quellen anzunehmen, und hatte sich bisher an diese Bedingung gehalten. Seine Tage als unabhängiger Freiberufler waren Vergangenheit. Er war jetzt ein CIA-Auftragskiller. Ein verzichtbarer Posten. Nur noch ein Sklave mit einer Pistole.

Sein linker Unterarm schmerzte, und er rieb ihn sanft. Dort waren zwei schmale Narben zu sehen, seine beiden Neuerwerbungen – eine an der Ober-, die andere an der Unterseite. Dort hatte sich ein Messer einmal quer durch den Arm gebohrt. Die Wunde war gut verheilt, und er hatte nichts von seiner Beweglichkeit eingebüßt. Ein plastischer Chirurg hatte dafür gesorgt, dass nur minimale Narben zurückgeblieben waren, aber trotzdem … gelegentlich tat die Wunde noch weh.

Eine von Victors Grundregeln besagte, dass die Fenster sowie Fensterläden, Jalousien oder Gardinen jederzeit geschlossen bleiben mussten. Daher spähte Victor jetzt, als er zum Fenster hinausschauen musste, durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen. Er gestattete ihm einen eingeschränkten Blick auf die Welt da draußen … eine Welt, die er schon lange aufgegeben hatte und in die er nie wieder zurückkehren konnte.

Als ihm bewusst wurde, dass er gerade an einen Menschen dachte, an den er auf gar keinen Fall denken durfte, nahm er eine kleine Wodkaflasche aus der Minibar und trank sie in einem Zug leer. Und benötigte seine gesamte Willenskraft, um sich keine zweite zu holen.

Victor schob die SIG ein wenig zur Seite und klappte einen kompakten Laptop auf. Er fuhr ihn hoch, gab sein Passwort ein und stellte eine Internetverbindung zu seinem Bankkonto auf den Cayman Islands her. Erfreulicherweise war erst vor Kurzem eine sehr große Summe dort eingegangen. Vor zwei Tagen, unmittelbar nachdem er von dem Auftrag erfahren hatte, hatte er schon einmal die gleiche Summe erhalten. Das war sein übliches Verfahren – die eine Hälfte vorher, die andere nachher. Dieses Mal war sein Honorar höher ausgefallen als ursprünglich vereinbart, als kleine Entschädigung für die sehr kurzfristige Ansage.

Bis vor zwei Tagen hatte er noch in der Vorbereitung auf seinen eigentlich geplanten ersten Auftrag für die CIA gesteckt. Man hatte ihm gesagt, dass er kurz danach mit einem zweiten und vielleicht auch einem dritten Auftrag rechnen sollte, doch dann war überraschend der Bukarest-Job – die Tötung eines Auftragskillers, bevor dieser einen Mann töten könnte, den sein Auftraggeber am Leben lassen wollte – mit einer strikten Terminvorgabe dazwischengekommen. Victor hatte nicht gezögert. Er war froh gewesen, wieder an die Arbeit gehen und die eingerosteten Glieder ein bisschen bewegen zu können. Es war alles perfekt gelaufen. Sein erster Mord nach einem halben Jahr.

Es dauerte keine Sekunde, bis er die Pistole in der Hand hatte und aufgesprungen war.

Er hatte einen Schrei gehört. Weibliche Stimme. Victor ging zur Tür und schaute durch den Spion. Niemand zu sehen. Er verharrte regungslos, lauschte angestrengt. Zehn Sekunden vergingen, ohne dass er etwas hörte. Er drückte die SIG seitlich an den Körper, damit sie nicht zu sehen war, und machte die Tür auf, blickte nach links, dann nach rechts. Alles frei.

Nach einer Minute setzte er sich wieder an den Schreibtisch. Verblüffend, wie heftig er reagiert hatte. Der Schrei konnte alle möglichen Ursachen gehabt haben. Vielleicht hatte jemand im Nebenzimmer Kaffee verschüttet oder war in der Dusche einer Spinne begegnet. Oder aber der Schrei existierte nur in seinem Kopf, und er war dem Wahnsinn wieder einen Schritt näher.

Er behielt die Waffe in der rechten Hand, fuhr mit dem linken Daumen über das Touchpad des Laptops und steuerte das E-Mail-Konto an, das der Kommunikation mit seinem Auftraggeber diente. Nicht zurückzuverfolgen, das hatte man ihm versichert. Es gab keinen Anlass, dieser Zusage zu misstrauen. Sein Auftraggeber hatte kein Interesse daran, dass die NSA oder ein anderer Geheimdienst seinen E-Mail-Verkehr mit einem international gesuchten Auftragskiller in die Hände bekam. Zumindest schien das Konto immun gegen alle Arten von Spam zu sein, und schon das reichte, um Victor so glücklich zu machen wie lange nicht.

Im Posteingang fand er eine Nachricht seines Auftraggebers. Er merkte sich die darin genannte Zahlenfolge und gab sie in das VoIP-Programm seines Laptops ein.

Während der neun Sekunden bis zum Zustandekommen der Verbindung drang aus den Lautsprechern des Laptops ein imitierter Wählton. Dann ertönte ein kehliger Bariton: »Schön, wieder von Ihnen zu hören.«

Victor blieb stumm. Er hörte, wie jemand mit der Zunge schnalzte.

»Sie sind kein Mann vieler Worte, nicht wahr?«

»Offensichtlich.«

»Also gut«, meinte der Verbindungsmann. »Auf Small Talk können wir auch verzichten, Mr. Tesseract.«

Victor hatte seinen Auftraggeber bisher nur einmal gesehen, vor knapp sechs Monaten, in einem Krankenhaus. Dort war ihm angeboten worden, für die CIA zu arbeiten, obwohl er, genau genommen, gar keine Wahl gehabt hatte. Der Mann, der ihn dort besucht hatte, war durchschnittlich groß und ziemlich fett gewesen, hatte gut hundertzehn Kilogramm vor sich hergeschoben, Mitte fünfzig, ergrauende Haare, scharfe Augen. Er hatte das Selbstbewusstsein und die Haltung eines hochrangigen Offiziers an den Tag gelegt, aber gleichzeitig auch das Auftreten eines ehemaligen Operativ-Agenten. Genauso gut hätte er ein Namensschild mit dem Schriftzug Geheimdienst tragen können. Er hatte seinen Namen nicht genannt und nicht nach Victors gefragt. Ihr Gespräch war kurz und Victor mit Medikamenten zugedröhnt gewesen, aber er vergaß niemals ein Gesicht.

»Ich mag diesen Decknamen nicht.«

»Ach, nein?« Sein Gegenüber klang verblüfft, beinahe beleidigt. »Ich finde ihn eigentlich ganz hübsch. Trotz der Geschichte, die damit verbunden ist.«

»Genau diese Geschichte mag ich nicht.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zu Alpträumen neigen.«

»Um Alpträume zu haben, muss man schlafen«, konterte Victor. »Aber, wie gesagt, dieser Deckname hat eine Geschichte. Er wurde schon einmal benutzt. Darum ist er vergiftet. Und darum habe ich damit ein Problem.«

»Aha, ich verstehe.« Sein Auftraggeber schnaubte. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, mein Freund. Alle, die die Zusammenhänge kennen, sind tot.«

»Ich mache mir keine Sorgen«, verbesserte Victor. »Und außerdem haben Sie unrecht. Sie sind noch am Leben.«

»Aber mir können Sie vertrauen.«

Victor blieb stumm.

»Wissen Sie«, fuhr sein Auftraggeber fort, »Sie könnten unser kleines Arrangement sehr viel mehr genießen, wenn Sie Ihren Verfolgungswahn ein bisschen ablegen würden. Gut möglich, dass ich der einzige Mensch auf der ganzen Welt bin, dem Sie tatsächlich vertrauen können.«

»Vertrauen muss man sich verdienen.«

»Dann könnte ich mir Ihr Vertrauen also verdienen?«

»Nun lassen Sie uns mal nichts überstürzen.«

Ein Augenblick der Stille, vielleicht, um ein leises Lächeln zuzulassen, dann sagte der Mann: »Ich glaube, Sie vergessen, unter welchen Umständen wir uns kennengelernt haben. Sie hatten so viele Verletzungen und Verbände am ganzen Körper, dass Sie eigentlich in einen Sarkophag gehört hätten und nicht in ein Krankenzimmer irgendwo hinter dem Mond. Wenn ich gewollt hätte, dann hätte ich Sie auf der Stelle in die Leichenhalle schicken können, ganz still und unauffällig.«

»Interessant«, erwiderte Victor. »Damals haben Sie doch gesagt, Sie hätten keine Rückendeckung mitgebracht.«

»Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass ich ganz alleine einem extrem gefährlichen Auftragskiller gegenübertreten würde, oder?«

»Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass ich Ihren Freund, den Hausmeister, mit seinem nagelneuen Werkzeugkasten nicht bemerken würde, oder?«

Nach einer Pause sagte sein Auftraggeber: »Ich finde, unser Gespräch hat sich unnötigerweise in eine sehr ungute Richtung entwickelt. Vielleicht fangen wir einfach noch mal von vorn an.« Noch eine Pause. »Ich wollte Ihnen eigentlich lediglich gratulieren. Sie haben heute Morgen gute Arbeit geleistet.«

»Ist angekommen.«

»Ich weiß, es war alles etwas überstürzt, und ich möchte mich für die kurze Vorbereitungszeit entschuldigen. Aber für einen Mann mit Ihren Fähigkeiten scheint so etwas ja kein Problem zu sein.«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass mein Ego keine Streicheleinheiten braucht. Wer war die Zielperson meiner Zielperson?«

»Er ist unwichtig.«

»Wenn er unwichtig ist, warum können Sie mir dann seinen Namen nicht verraten?«

»Weil Sie den nicht zu kennen brauchen.«

»Ein bisschen mehr Originalität hätte ich Ihnen schon zugetraut.«

»Es ist ein Klischee, zugegeben, aber dieses Klischee existiert nicht ohne Grund, mein Freund. Sie kümmern sich um die Erledigung Ihres Auftrags, während ich mich um alles andere kümmere. Darum sollten Sie sich so schnell wie möglich wieder mit dem Farkas-Auftrag beschäftigen, okay? Es gibt da einen Lieferanten, mit dem Sie Kontakt aufnehmen sollten.«

»Und bestimmt können Sie mir auch seinen Namen verraten.«

»Ich kenne ihn nur als Georg. Er ist Deutscher und wickelt seine Geschäfte in Hamburg ab.«

»Nie von ihm gehört.«

»Ist das ein Problem?«

»Wenn ich von ihm gehört hätte, dann wäre das ein Problem.«

»Er ist weder Angestellter der Agency noch als freier Mitarbeiter für uns tätig. Aber er ist ein Mittelsmann und handelt mit allem, was Sie benötigen. Gerade habe ich Ihnen noch ein paar ergänzende Unterlagen zugeschickt. Müssten eigentlich jeden Moment in Ihrem Posteingang landen.«

»Schon da.« Victor öffnete den Anhang und fing an, sich die Informationen einzuprägen.

»Gut. Georg erwartet Ihren Anruf. Sie lesen sich die Dateien durch und rufen ihn an.«

»Hier steht, dass ich zu einem Treffen nach Hamburg fahren muss.«

»Haben Sie damit Schwierigkeiten?«

»Erstens vermeide ich grundsätzlich jeden persönlichen Kontakt zu Leuten, die im direkten Zusammenhang mit meiner Arbeit stehen, es sei denn, ich habe vor, sie umzubringen, und zweitens: Hamburg ist für Georg ein Heimspiel. Ich habe noch nie von ihm gehört, und Sie wissen auch nichts über ihn. Wenn ich also zu ihm fahre, dann ist das die perfekte Gelegenheit, um mich irgendwie übers Ohr zu hauen.«

»Ich kann Ihnen versichern, dass Georg absolut professionell und zuverlässig ist.«

»Obwohl Sie nur seinen Vornamen kennen.«

»Er ist mir sehr empfohlen worden.«

»Ich würde mir lieber mein eigenes Urteil bilden.«

»Ich öffne Ihnen nur ungern die Augen, mein Lieber, aber Sie arbeiten nicht mehr auf eigene Rechnung. Und die Dinge, die ich zu erledigen habe, machen es erforderlich, dass Sie ab und zu unter Ihrem Felsblock hervorgekrochen kommen und mit der Welt in Verbindung treten. Ich bezahle Sie nicht nur dafür, ab und zu durch die Gegend zu ballern.«

»Und das ist auch gut so. Wenn ich nur durch die Gegend ballern würde, dann hätte ich eine miserable Trefferquote. Um ein Ziel zu treffen, muss man auch gut zielen.«

»Über die korrekte Anwendung von Schusswaffen können wir uns ein anderes Mal weiter unterhalten. Jedenfalls muss der Farkas-Auftrag auf eine ganz bestimmte Art und Weise erledigt werden, und darum müssen Sie sich mit Georg treffen. Falls Ihnen das nicht passt, dann haben Sie eben verdammt noch mal Pech gehabt.«

»Fluchen Sie nicht in meiner Gegenwart.«

»Soll das ein Witz sein?«

»Wenn ich einen Witz mache, dann merken Sie das garantiert von selbst.«

»Also gut«, sagte der Auftraggeber und seufzte. »Ich habe Sie zwar nicht so konservativ eingeschätzt, aber ich kann natürlich diesbezüglich etwas vorsichtiger sein.«

»Und auch keine Gotteslästerung.«

Gelächter. »Jetzt weiß ich, dass Sie scherzen.«

Victor blieb stumm.

»Okay«, sagte der Koordinator. Dabei dehnte er die zweite Silbe in die Länge. »O-kaaay.« Dann fügte er hinzu: »Nicht fluchen, keine Gotteslästerung. Ich arbeite daran. Und Sie arbeiten an Ihrer Arroganz. Aber wenn Sie wirklich so ungern für mich arbeiten, dann können wir nach Abschluss dieser drei Aufträge auch getrennte Wege gehen. Kein Problem.«

»Sehr großzügig«, erwiderte Victor. »Allerdings komme ich einschließlich der Bukarest-Sache auf vier Aufträge, nicht drei.«

»Sie haben recht«, pflichtete der Mann ihm bei. »Aber wenn Sie wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen wollen, dann sollte ich Sie vielleicht daran erinnern, dass es nach dieser Zirkuseinlage, an der Sie im vergangenen November beteiligt waren, jede Menge Leute gibt, die keinen sehnlicheren Wunsch verspüren, als Ihren Kopf aufgespießt auf einem spitzen Pfahl zu bewundern. Angesichts der Tatsache, dass ich große Anstrengungen unternommen habe, um Sie aus dem Fadenkreuz diverser Geheimdienste, nicht zuletzt des russischen und der US-Dienste, fernzuhalten, hätte ich eigentlich ein kleines bisschen mehr Dankbarkeit erwartet.«

»Ich hätte Ihnen ja eine Postkarte geschickt, nur leider habe ich weder Ihren Namen noch Ihre Adresse. Wenn Sie mir die vielleicht verraten würden?«

Sein Auftraggeber lachte kurz. »Irgendwie glaube ich, dass das keine besonders schlaue Idee wäre. Sie etwa?« Er wartete die Antwort gar nicht erst ab. »Falls es Ihnen nicht reicht, dass Sie unter meinem Schutz stehen, dann darf ich Sie vielleicht daran erinnern, dass ich Ihnen gleich zu Beginn unseres Arrangements ein gewisses Individuum ausgeliefert habe. Damit habe ich Ihnen einen großen Gefallen erwiesen. Oder haben Sie das schon vergessen?«

»Nein«, erwiderte Victor schmallippig. Vergeblich versuchte er zu verhindern, dass seine Gedanken den unausweichlichen Pfad einschlugen.

»Gut, denn jetzt ist die Zeit gekommen, wo Sie sich revanchieren können.« Lange Pause. »Oder sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben? Sind Sie womöglich doch kein Ehrenmann, auf dessen Wort man sich verlassen kann?«

Victor erwiderte: »Das ist die einzige Ehre, die mir geblieben ist …« Und damit beendete er das Gespräch.

Abschiedsworte waren überflüssig. Solche Höflichkeiten waren nur Freunden vorbehalten. Und es war schon etliche Jahre her, dass Victor jemanden als Freund betrachtet hatte. Der letzte Mensch, der zumindest annähernd so etwas gewesen war, hatte einen Anschlag auf sein Leben mitorganisiert. Diesen Fehler würde Victor nie wieder begehen.

Doch da sein Brötchengeber so viel über ihn und seine Feinde wusste, musste Victor ihn zumindest halbwegs zufriedenstellen. Außerdem war ihm eines vollkommen klar: Wenn Aufträge dieser Art irgendwie schiefgingen, dann bestand eine große Wahrscheinlichkeit, dass die beteiligten Personen vorzeitig ihr Leben aushauchten. Durchaus möglich, dass er von einem Augenblick auf den anderen nicht mehr benötigt wurde. Daher war jede Vereinbarung gleichzeitig auch ein potenzieller Hinterhalt. Doch in Bezug auf sein Wort hatte er die Wahrheit gesagt. Er würde seine Schuld begleichen.

Er verließ das Hotel und musste eine ganze Strecke gehen, bis er ein Münztelefon entdeckte. Er wählte die Hamburger Telefonnummer, die er bekommen hatte. Eine Frau meldete sich. Sie sprach Deutsch, und ihre Stimme war die einer langjährigen Kettenraucherin.

»Ja?«

»Georg, bitte.«

Sie hustete, und kurz darauf sagte jemand: »Ja?«

»Wir haben gemeinsame Bekannte«, sagte Victor. »Von denen habe ich gehört, dass Sie etwas für mich haben.«

»Morgen Abend, 22 Uhr, nehmen Sie die Hafenfähre Nummer 62 von den Landungsbrücken nach Finkenwerder. Sie halten ein Hamburger Abendblatt in der linken Hand. Bleiben Sie auf dem Oberdeck, backbord. Keine Waffen.«

Die Leitung war tot, bevor er etwas erwidern konnte.

Victor legte auf. So machte er keine Geschäfte. Wenn schon eine persönliche Begegnung nicht zu vermeiden war, dann sollte sie auf neutralem Gebiet stattfinden. Eine Fähre ließ sich zwar als neutraler Ort interpretieren, aber sie war ja nicht der Ort des eigentlichen Treffens. Irgendjemand würde einsteigen und ihn zu Georg bringen. Und das war dann garantiert kein neutraler Treffpunkt. Und falls irgendetwas schiefging, dann war die Fähre eine schwimmende Falle.

Zurück in seinem Hotelzimmer, schob Victor wieder den Stuhl unter die Türklinke, überprüfte seine SIG, steckte sie vorn in den Hosenbund und legte sich in voller Montur auf das Bett. Noch drei Aufträge, dann konnte er sein Leben zurückhaben. Was immer das bedeuten mochte.

Er dachte noch einmal an den Schrei, dann schlief er ein.

Kapitel 4

Athen, Griechenland

Zur gleichen Zeit, ungefähr eintausendfünfhundert Kilometer südöstlich, versuchte Saul Callo gerade, seine anschwellende Erektion vor der eins achtzig großen, messerscharfen Norwegerin zu verbergen, die er irgendwie aufgerissen hatte. Der Amerikaner hatte die Falle perfekt platziert, und sie war mitten hineingetappt. Er hatte sich an einen der Tische in der Bar gesetzt, an einem Bier genippt und den Kellnerinnen regelmäßig Fünfzig-Euro-Scheine zugesteckt, sobald sie nur seinen Tisch abgewischt hatten. Das war eine seiner besten Taktiken. Kellnerinnen freuten sich über Trinkgeld, und über lächerlich hohes Trinkgeld freuten sie sich noch mehr. Wenn sie solch ein Trinkgeld bekamen, dann erzählten sie es herum, und die Leute, denen sie davon erzählten, erzählten es weiter, und so kam es, dass es nicht lange dauerte, bis jede geldgierige Schlampe in der Bar den kleinen Kerl mit dem schütteren Haar anstarrte, der da alleine in der Ecke saß.

An der Wand hingen jede Menge moderne Kunstwerke, die auch Callos kleine Nichte zustande gebracht hätte, nachdem sie zu viele Konservierungsstoffe in sich hineingestopft hatte. Stühle gab es keine, dafür aber gepolsterte Barhocker, die genauso unbequem waren, wie sie aussahen. Hinter der Theke standen zahllose Flaschen in einem großen Regal, sauber aufgereiht und von hinten beleuchtet. Für Callos ziemlich benebeltes Gehirn sah es so aus, als ob sie ein hypnotisches Glühen ausstrahlten.

Vor der Ankunft der Blonden hatte Callo sich schon von der einen oder anderen Schlampe umschwärmen lassen, aber als die bildschöne Wikingergöttin durch die Tür der Bar getreten war, hatte er sie alle weggescheucht. Callo stand auf große Frauen. Groß war gut, das konnte er, der kaum größer als einen Meter sechzig war, sehr gut beurteilen. Die meisten Mädchen, bei denen er landen konnte, waren höchstens ein paar Zentimeter größer als er. Aber neben der norwegischen Schönheit mit ihren Stilettos kam er sich vor wie ein Zwerg.

Sie saß nur wegen seines Geldes auf dem Hocker neben ihm, aber das war Callo egal. Das Einzige, was zählte, war, dass sie ihn wollte. Außerdem konnte sie gut reden, hatte Stil und Klasse und war begeistert davon, dass er Amerikaner war. Sie wollte alles von ihm wissen. Wo er wohnte? Womit er sein Geld verdiente? Ob er eine Familie hatte? Warum er in Athen war? Was ihm Spaß machte?

»Ich bin Diamantenhändler«, lallte Callo. »Ich bin auf der ganzen Welt zu Hause. Einmal geschieden, keine Kinder. In Athen bin ich, um mich zu erholen, und es gibt alle möglichen Sachen, die mir Spaß machen.«

»Oh, wow«, sagte die Blonde und rückte Stück für Stück näher. »Ich liebe Diamanten. Sie sind so sexy.«

Ihr Englisch war perfekt, und Callo konnte nicht die Spur eines norwegischen Akzents darin entdecken. Er hätte auch gar nicht gewusst, wie das geklungen hätte. Champagner mochte sie auch. Sie bat Callo, noch eine Magnumflasche zu bestellen, auch wenn er anscheinend den Großteil davon selbst trinken durfte. Er kannte sie erst seit zwanzig Minuten, aber in einem Punkt war er sich jetzt schon sicher: Er liebte diese Frau.

Als sie sich dicht an sein Ohr beugte und ihn leise fragte, ob er vielleicht Lust hätte, mit zu ihr zu kommen, da wusste er, dass ihm die Nacht seines Lebens bevorstand. Er folgte ihr hinaus auf die Straße. Die Bar befand sich in der Innenstadt von Athen. Callo liebte die griechischen Inseln und kam jedes Mal hierher, wenn er ein großes Geschäft abgeschlossen hatte.

Er überließ es der Blonden, ein Taxi herbeizuwinken, während er ihr zur Stütze den Arm um die schlanke Taille schlang. Um diese Uhrzeit und in diesem Teil der Stadt waren Taxis normalerweise eine absolute Rarität, auch am Wochenende, aber jetzt hielt sofort eines an. Er erinnerte sich an seine guten Manieren und hielt der Norwegerin die Tür auf. Sie ließ sich elegant auf die Rückbank gleiten, und Callo stolperte hinterher.

Der Fahrer fragte nicht, wo sie hinwollten, und die Blonde sagte auch nichts, aber das Taxi fuhr trotzdem los. Callo versuchte, den Arm um die Blonde zu legen, doch sie schüttelte ihn ab. Sie klappte ihre Handtasche auf und holte etwas heraus.

Als Callo endlich kapiert hatte, dass es sich um eine Subkutanspritze handelte, stach die Norwegerin ihn damit bereits in den Oberschenkel. Sie starrte ihn hasserfüllt an.

»Perversling«, zischte sie.

»Was zum …?«

Er wollte noch etwas sagen, brachte aber kein Wort mehr hervor. Sein Kopf wurde schwer und sackte nach vorn. Er konnte seine Gliedmaßen nicht bewegen.

Danach wusste er gar nichts mehr.

Kapitel 5

Hamburg, Deutschland

Die Hamburger Kunsthalle war donnerstags bis 21 Uhr geöffnet, und so schlenderte Victor eine Stunde lang durch die verschiedenen Kunstgalerien, immer auf der Suche nach eventuellen Verfolgern. Als er sicher war, dass ihn niemand beobachtete, blieb er zu seiner persönlichen Erbauung noch eine Weile in der Galerie der Alten Meister, bevor er sich im geschmackvoll eingerichteten Museums-Bistro, dem Café Liebermann, einen Kaffee zum Mitnehmen besorgte und sich auf den Weg machte.

Auf dem zweieinhalb Kilometer langen Weg von der Kunsthalle bis hinunter zum Hafen mit den St.-Pauli-Landungsbrücken durchquerte Victor die Hamburger Altstadt.

Hinter einem älteren Paar, das langsamer vorankam, als er für möglich gehalten hätte, bestieg er die Fähre. Geduldig wartete er ab, bis er genügend Spielraum zum Überholen hatte. Er zog die zusammengerollte Zeitung aus seiner Manteltasche, klappte sie auf und nahm sie in die linke Hand. In der rechten hielt er seinen Kaffeebecher. Er stieg die Treppe zum Oberdeck hinauf und entdeckte einen Platz auf der Backbordseite, von wo er die Treppe einigermaßen unauffällig im Blick behalten konnte. Er zählte und kam auf zweiundzwanzig Passagiere.

Die Fähre war gut fünfundzwanzig Meter lang und ungefähr siebeneinhalb Meter breit. Kleiner, als er gedacht hatte. Gut. Zu klein, als dass hier etwas hätte passieren können. Falls er in einen Hinterhalt gelockt werden sollte, dann zumindest nicht hier auf dem Boot.

Das Wasser der Elbe war schwarz wie der Himmel über ihren Köpfen. Das Schiffshorn tutete, und die Fähre legte ab. Victor benahm sich so, als sei er nur einer unter vielen gelangweilten Fahrgästen, während er gleichzeitig die anderen Passagiere gründlich musterte. Er würde es mit normalen Kriminellen zu tun bekommen, nicht mit ausgebildeten Agenten, aber er sah weder das eine noch das andere.

An jeder Haltestelle beobachtete er die Einsteigenden. Die Fähre schien von allen möglichen Leuten benutzt zu werden – manche kamen von der Arbeit nach Hause, andere wollten ausgehen, einige waren Touristen und einige auf dem Weg zur Nachtschicht. Victor interessierte sich vor allem für diejenigen, die weder alt noch jung waren, aber nur wenige waren ihm einen zweiten Blick wert. Ein junges Paar, das Victor genau gegenübersaß, lebte hemmungslos seine Gefühle aus. Er tat sein Bestes, um die beiden zu ignorieren.

An der vierten Haltestelle stiegen drei Personen ein, darunter ein einzelner Mann, der sofort Victors Aufmerksamkeit auf sich zog. Er schaute ihn nicht direkt an, behielt ihn aber aus dem Augenwinkel ununterbrochen im Blick. Der Mann kam die Treppe empor und blieb stehen, um keineswegs unauffällig die anderen Passagiere zu betrachten. Er trug eine weite Jeans und eine lange Lederjacke. Seinem kantigen Gesicht war die Entschlossenheit deutlich anzusehen. Er wartete viel zu lange, um unbemerkt zu bleiben, und setzte sich dann vor Victor auf die Bank.

»Bei der nächsten Haltestelle steigst du aus und gehst mir nach«, sagte der Mann, ohne sich umzudrehen.

Zumindest das hast du richtig gemacht, dachte Victor.

Beim nächsten Anleger verließ Victor die Fähre. Er ließ die Zeitung liegen und nahm den Kaffeebecher in die linke Hand. Der Mond beschien die Wolken, und die riesigen Hafenkräne ragten wie Silhouetten in den Himmel. Es war kalt. Victor knöpfte seinen Mantel nicht zu. Er hatte zwar keine Waffe dabei, aber ohne Mantel konnte er besser kämpfen oder laufen als mit.

Der Mann in der Lederjacke wartete nicht auf ihn. Er ging bereits am Flussufer entlang in Richtung Hafen, mit schnellen Schritten, die genauso entschlossen waren wie sein Gesichtsausdruck vorhin. Victor ging ihm nicht sofort hinterher. Zuerst nahm er sich einen Augenblick Zeit und beobachtete die nähere Umgebung. Es war ruhig. Niemand in der Nähe.

Dann schlug er dasselbe Tempo an wie sein Führer, um den Abstand beizubehalten. Er wusste nicht, wohin er gebracht wurde oder was ihn bei der Ankunft erwartete, daher war eine gewisse Distanz eine notwendige Vorsichtsmaßnahme. Wenn der Führer am Ziel angelangt war, blieb Victor immer noch ein bisschen Zeit, um die Situation zu analysieren.

Jetzt wandten sie sich weg vom Fluss und folgten einem Kanal zwischen riesigen Lagerhäusern mit großen Rundbogenfenstern. Hier gab es nur wenige Straßenlaternen, und es war still und dunkel. In der Ferne war gedämpfter Verkehrslärm zu hören.

Victor blickte sich nach allen Seiten um, suchte die Umgebung ununterbrochen nach Anzeichen für einen Hinterhalt und gleichzeitig nach Fluchtmöglichkeiten ab.

Wenn sein Führer, wie neunzig Prozent der Weltbevölkerung, Rechtshänder war, dann würde er sich, falls er eine Waffe zog, um auf jemanden, der hinter ihm war, zu schießen, natürlicherweise in die Gegenrichtung drehen. Das war schneller. Daher ging Victor etwas nach rechts versetzt hinter ihm her, um den Winkel und damit auch seine eigene Reaktionszeit zu vergrößern.

Jetzt blieb der Mann vor einer breiten Gasse stehen. Er drehte sich um und wartete, bis Victor aufgeschlossen hatte. Victor verlangsamte seine Schritte, beobachtete, lauschte. Als er dann vor ihm stand, deutete der andere in die Gasse. Victor wartete ab.

»Da entlang«, sagte der Mann. Seine Hände steckten in den Jackentaschen.

Victor rührte sich nicht vom Fleck.

Der Führer blieb ebenfalls stehen. »Da entlang, hab ich gesagt.«

»Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden.«

Das entschlossene Gesicht zeigte Verständnis. »Du hast wohl nicht gerne jemanden im Rücken, was?«

»Stimmt«, meinte Victor.

Der Mann nickte nachdenklich. »Das ist schlau.«

Er zog die Hände aus den Jackentaschen und betrat die Gasse als Erster, ohne sich umzusehen. Victor folgte ihm wenige Sekunden später. In der engen Gasse gab es keine Fluchtmöglichkeiten oder Verstecke, darum hielt er sich dicht hinter seinem Führer. Falls er eine Waffe zog, dann wollte Victor in der Nähe sein, um sie ihm unter Umständen zu entreißen.

Nach fünfzig Metern blieb der Mann erneut stehen. Er schloss eine Metalltür auf, die in eines der Lagerhäuser führte. Türangeln quietschten.

»Da wären wir«, sagte er.

Er warf Victor einen Blick zu, lächelte wissend, als dieser keine Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen, und betrat das Gebäude zuerst.

Victor ging ihm nach.

Sie betraten eine riesige, von Neonröhren beleuchtete Halle, gefüllt mit Kartons und Kistenstapeln. Die Luft war kühl und feucht, und es roch leicht nach Schimmel, fauligem Holz und Marzipan. Victor hielt sich dicht hinter seinem Führer. Sonst war niemand zu sehen oder zu hören.

Der Führer brachte Victor ans andere Ende des Lagerhauses, wuchtete das Metallgitter eines Frachtaufzugs beiseite und trat ein. Nachdem auch Victor den Fahrstuhl betreten hatte, klappte er das Gitter wieder zu und drückte auf die Taste für den zweiten Stock. Erst nach etlichen Sekunden erwachte das altertümliche Gerät zum Leben und beförderte sie unter Ächzen und Knirschen nach oben. Den Marzipanduft ließen sie dabei hinter sich zurück, aber der Geruch nach Schimmel und fauligem Holz wurde noch intensiver. Victor drehte den Kopf nach rechts und links, um die Halsmuskulatur zu lockern.

Zuerst sah er ihre Beine. Stiefel und verwaschene Bluejeans. Zwei Beinpaare, dicht beieinander. Er hörte, wie der eine gerade dabei war, einen Witz zu erzählen … irgendwas mit einer Prostituierten und einem Staubsauger. Aber als Victor in den Blick kam, brach er ab, noch vor der Pointe. Er war offensichtlich das Kraftpaket. Gut einen Meter neunzig groß, mindestens hundert Kilo schwer. Kopf, Wangen und Kinn waren gleichmäßig von Haarstoppeln überzogen. Seine dichten, dunklen Augenbrauen stießen in der Mitte fast zusammen.