Blood Target - Tom Wood - E-Book + Hörbuch

Blood Target Hörbuch

Tom Wood

4,6

Beschreibung

Hart, schnell, kompromisslos – Tom Wood ist der Meister der atemlosen Spannung.

Victor, ein brillanter Auftragskiller im Dienst der CIA, steht vor seinem bisher gefährlichsten Einsatz: Bei einem kürzlich ermordeten Berufskollegen Victors fand man Hinweise auf dessen bevorstehendes Treffen mit einem mysteriösen Schweizer. Victor soll nun in die Rolle des Getöteten schlüpfen und herausfinden, um was für einen Job es dabei gehen sollte. Nach Rom beordert, trifft Victor dort auf eine ganze Gruppe von Killern, die offensichtlich auf einen spektakulären Einsatz vorbereitet wird. Niemand darf erfahren, dass Victor für die CIA arbeitet – doch das ist nicht sein einziges Problem. Als er herausfindet, was in Rom geplant wird, läuft es selbst ihm eiskalt den Rücken hinunter ...

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Zeit:13 Std. 53 min

Sprecher:Carsten Wilhelm




Buch

Victor, ein brillanter Profikiller im Dienst der CIA, steht vor seinem bisher gefährlichsten Einsatz: Bei einem kürzlich ermordeten Berufskollegen Victors fand man Hinweise auf dessen bevorstehendes Treffen mit einem gewissen Robert Leeson. Victor soll nun in die Rolle des Getöteten schlüpfen und herausfinden, für welchen Job dieser von Leeson angeheuert werden sollte. Nach Rom beordert, trifft Victor dort auf eine ganze Gruppe von Auftragskillern, die offensichtlich auf einen spektakulären Einsatz vorbereitet werden. Niemand darf erfahren, dass Victor für die CIA arbeitet – doch das ist nicht sein einziges Problem. Als er herausfindet, was in Rom geplant wird, läuft es selbst ihm kalt den Rücken hinunter …

Weitere Informationen zu Tom Wood

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Tom Wood

Blood Target

Thriller

Aus dem Englischen

von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »The Game« bei Sphere,

an imprint of Little, Brown Book Group, London.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Oktober 2013

Copyright © der Originalausgabe

2013 by Tom Hinshelwood

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: FinePic®, München

Redaktion: Gerhard Seidl

AB · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-10094-0

www.goldmann-verlag.de

Für meine Schwester Emma.

Kapitel 1

Algier, Algerien

Der Killer war gut. Seine Bewegungen waren geschmeidig und flüssig, ließen ihn locker, fast schon unbekümmert wirken. Dennoch war er sehr aufmerksam und registrierte alles, was sich um ihn herum abspielte. Sein schmales, unauffälliges Gesicht ließ ihn ein wenig älter als seine fünfunddreißig Jahre aussehen. Er war relativ groß, aber da er der Nation angehörte, in der statistisch gesehen die größten Menschen der Erde lebten, lag er immer noch im Durchschnitt. Felix Kooi, wohnhaft in Amsterdam, war ein freiberuflicher Auftragsmörder, ohne Bindung an eine bestimmte Organisation. Er stellte seine Dienste denen zur Verfügung, die am besten bezahlten, und es war ihm egal, wie der Auftrag lautete. So hatte er es in seiner mindestens zehnjährigen Karriere immer gehalten, einer Karriere, deren Ende jetzt unmittelbar bevorstand.

Kooi hatte sich ein Zimmer im Hotel El Aurassi genommen, hielt sich aber nicht oft dort auf. Er verließ es immer kurz nach Sonnenaufgang und kam erst am Abend wieder zurück. Er nahm nie zweimal hintereinander den gleichen Weg oder denselben Hoteleingang. Tagsüber ließ er sich wie ein Tourist durch die Stadt treiben, und zwar immer zu Fuß. Er suchte keine einzige Sehenswürdigkeit zweimal auf, besichtigte aber jede einzelne mittelalterliche Moschee, jedes Museum und jede andere Sehenswürdigkeit, die Algier zu bieten hatte. Er aß in Restaurants und Cafés, und zwar ausschließlich in solchen, die algerische und nordafrikanische Speisen anboten. Er ging auch ab und zu an die Uferpromenade, legte sich aber niemals an den Strand.

Heute war er in der Kasbah unterwegs, der Altstadt von Algier. Dort war er eine Stunde lang über den Markt bei der El-Jedid-Moschee geschlendert. Der weitläufige Markt bestand aus unzähligen Zeltständen, an denen alles Mögliche verkauft wurde, vom Bastkorb bis hin zu lebenden Hühnern. Ein unregelmäßig geformter Platz bildete das Zentrum des Marktes, der sich jedoch bis in die zahlreichen Gassen und Seitenstraßen ausbreitete. Kooi schien einfach nur ziellos herumzuschlendern und den Anblick, die Geräusche und Gerüche der vielen Menschen und Waren, das pulsierende Leben zu genießen, das hier zu spüren war.

Victor hatte Kooi schon seit drei Tagen im Visier. Er hatte gemerkt, dass Kooi gut war, aber keineswegs außergewöhnlich. Weil er einen Fehler gemacht hatte. Und dieser Fehler würde ihn das Leben kosten.

Victors Auftraggeber bei der CIA wusste nicht, weshalb Kooi hier den Touristen spielte. Procter wusste nicht, ob der holländische Killer sich auf einen Auftrag vorbereitete, einen Makler oder einen Klienten treffen, seine Vorräte auffüllen oder nur einem der vielen Feinde aus dem Weg gehen wollte, die er sich in seiner zehnjährigen Karriere als Auftragskiller zweifellos gemacht hatte. Unter anderem, um dies herauszufinden, hatte Victor sich drei Tage lang an seine Fersen geheftet. Er hätte seinen Auftrag – nämlich Kooi zu töten – sicherlich auch ohne diesen Aufwand erfüllen können, aber es war wichtig, so viel wie möglich über ihn in Erfahrung zu bringen. Vielleicht gab es ja jemanden, dem genauso viel daran lag, dass Kooi lebte, wie Victors Auftraggeber daran lag, dass er starb. Und Victor verspürte kein großes Interesse, schon wieder zwischen die Fronten eines solchen Tauziehens zu geraten.

Die dreitägige Verfolgung kreuz und quer durch die Stadt war ein notwendiger Bestandteil der Vorsichtsmaßnahmen, die Victor anwandte, um im gefährlichsten Beruf der Welt zu überleben. Aber sie war überflüssig gewesen, weil es kein Geheimnis zu enthüllen gab. Kooi hatte keinen Auftrag. Er traf keinen Kontaktmann. Er war nicht auf der Flucht. Er machte Urlaub. Er benahm sich wie ein Tourist, weil er ein Tourist war.

Und genau das war sein Fehler. Er war ein Tourist. Er war in Algier, um sich zu entspannen und die Stadt zu genießen, Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Und er ließ sich davon so sehr in Beschlag nehmen, dass er jemandem wie Victor schutzlos ausgeliefert war.

An einem Stand mit geschnitzten Holzfiguren blieb Kooi stehen. Er hörte sich an, was der Händler zu sagen hatte, und nickte, deutete auf das eine oder andere Stück und betrachtete es ausführlich. Er sagte nichts, entweder weil er kein Französisch sprach oder der Händler genau das glauben sollte. Victor beobachtete ihn aus ungefähr zwanzig Metern Entfernung. Kooi war mindestens einen halben Kopf größer als die Einheimischen, die zwischen ihm und Victor standen. Und da Victor ähnlich groß war, hatte er immer freie Sicht, es sei denn, er ging bewusst in Deckung.

Kooi war keineswegs unaufmerksam, aber er war ein Tourist und hatte nur ein Minimum an Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Aber das Minimum war für Victor noch nie ein Problem gewesen. Er seinerseits war vorsichtiger, und Kooi hatte nicht einmal den Hauch einer Ahnung, in welcher Gefahr er sich befand. Natürlich hatte er Victor bemerkt – er war gut, und ein Mann von Victors Größe und Hautfarbe musste in Algier auffallen –, aber gerade, weil er nur gut war und nicht herausragend, hielt er Victor lediglich für einen anderen Touristen. Das wusste Victor, weil Koois Verhalten sich nicht verändert hatte. Denn jemand, dem plötzlich klar geworden ist, dass ihm ein Profikiller im Nacken sitzt, benimmt sich zwangsläufig anders als vor dieser Erkenntnis.

Da der Holländer in seiner Freizeit nur mangelhafte Vorsicht walten ließ, wusste Victor, dass Kooi nicht denselben Lernprozess durchlaufen hatte wie er selbst. Der Beweis dafür war die Tatsache, dass er immer noch atmete. Er beneidete Kooi nicht um seine vergleichsweise behütete Existenz, weil diese Existenz in Kürze ihr Ende finden würde.

»Mister«, ertönte in diesem Moment eine Stimme auf Englisch, aber mit starkem Akzent. »Du kaufen Uhr.«

Rechts von Victor stand ein junger Einheimischer. Ein breites Lächeln enthüllte seine Zahnlücken. Er war leuchtend bunt gekleidet. Schwarze Haare standen in widerspenstigen Büscheln von seinem Schädel ab. Die aufgekrempelten Hemdsärmel gaben den Blick auf seine mageren Unterarme frei, die mit zahlreichen Armbanduhren bestückt waren. Allesamt Fälschungen, oder aber das Bürschchen besaß Waren im Wert von etlichen Hunderttausend Dollar und konnte sich trotzdem keine Zahnbürste leisten.

»Nein, danke«, sagte Victor und schüttelte den Kopf so übertrieben heftig, wie es notwendig war, um die Händler hier dazu zu bringen, ihr Glück irgendwo anders zu versuchen.

Aber er schien es gar nicht zu registrieren. »Hier, ich haben Tag Aua, Rolax, alle schöne Uhr. Kucken, hier kucken.«

»Nein«, wiederholte Victor, ohne den Blick von Kooi zu nehmen, der gerade eine Holzfigur in jeder Hand hielt und allem Anschein nach überlegte, welche von beiden er nehmen sollte. Dann war die Entscheidung gefallen. Kooi gab dem Händler ein paar Geldscheine. Dabei nickte und lächelte er ununterbrochen. Entweder freute er sich über seine Erwerbung oder aber die Schnellfeuer-Verkaufsstrategie des Händlers amüsierte ihn. Er ließ die Figur in eine Seitentasche seiner Kakishorts gleiten.

»Kucken, kucken«, sagte das Bürschchen mit den Armbanduhren ungefähr zehn Dezibel lauter als zuvor und fuchtelte mit beiden Armen vor Victors Nase herum.

Victor bedeutete ihm, dass er sich für die Uhren interessierte, weil er verhindern wollte, dass der Einheimische noch mehr Aufmerksamkeit auf sich und ihn lenkte. Bei dem Geräuschpegel konnte Kooi zwar sicherlich nichts hören, aber womöglich sah er den jungen Mann mit den Armen fuchteln oder registrierte das Glitzern der Armbanduhren in der Sonne.

»Die da«, sagte Victor und deutete auf eine Rolex, deren Zeiger sich nicht bewegten.

Ein zahnloses Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Verkäufers aus, und er löste die Uhr von seinem Arm, während Victor ihm ein paar Scheine hinblätterte.

»Nein, nein«, sagte der Einheimische. »Nix genug. Mehr, mehr.«

Victor gönnte ihm noch einen Schein, wie es unter Feilschenden eben üblich war. Ganz egal, wie viel er ihm auch anbot, der Händler würde immer mehr verlangen.

Er machte seine Ramsch-Rolex am Handgelenk fest und setzte sich wieder in Bewegung. Kooi hatte inzwischen noch fünf Meter mehr Abstand gewonnen.

»Bye, Mister«, rief der junge Einheimische ihm hinterher. »Du haben schöner Tag.«

Kooi ließ sich Zeit und schlenderte im Kreis über den Markt, allerdings nicht aus taktischen Erwägungen, sondern schlicht und einfach, um das Spektakel möglichst ausführlich genießen zu können. Gelegentlich blickte er sich nach links und rechts um, aber Victor hielt sich direkt hinter ihm. Kooi müsste sich einmal um hundertachtzig Grad drehen, um ihn überhaupt zu registrieren. Dadurch würde Victor genügend Zeit bleiben, um abzutauchen.

Jetzt bog Kooi in eine gewundene kleine Gasse ein, wo vor allem Stoffe und Kleidung verkauft wurden. Er blieb zwar nirgendwo stehen, ging aber langsam und ließ den Blick stetig hin und her wandern, für den Fall, dass es irgendwo etwas Interessantes zu sehen gab. Victor ließ den Abstand wieder etwas größer werden. Jetzt, wo sie den eigentlichen Marktplatz verlassen hatten, war die Menschenmenge etwas lichter geworden. Hätte Kooi ein wenig mehr Sorgfalt auf seine Sicherheit verwendet oder wäre er einfach nur schneller gegangen, Victors Aufgabe hätte sich sehr viel schwieriger gestaltet. Aber selbst wenn er ihn aus dem Auge verloren hätte … er wusste ja, wo der Holländer wohnte.

Kooi wollte noch eine ganze Woche in Algier verbringen, das ging aus seiner Flug- und Hotelbuchung hervor. Victor hatte also keinen Zeitdruck. Trotzdem wollte er die erste sich bietende Möglichkeit nutzen. Auch wenn Kooi eine relativ legere Einstellung hinsichtlich seiner eigenen Sicherheit an den Tag legte, er war und blieb ein fähiger, professioneller Killer und war demzufolge als hartes Ziel einzustufen. Es gab keine Garantie, dass Victor mehr als eine Chance bekommen würde, um seinen Auftrag auszuführen.

Er hatte bei Kooi keine Waffe identifizieren können – unter seinen Kakishorts und dem kurzärmeligen Hemd wäre ihm eine Schusswaffe sicherlich aufgefallen –, aber es war gut möglich, dass er ein Messer in einer Tasche, am Gürtel oder an einem Halsband trug. Und außerdem konnten auch bloße Hände eine gleichermaßen tödliche Wirkung haben, wenn man wusste, wie man es anstellen musste.

Sein Auftrag lautete lediglich, Kooi zu töten, aber Victor war immer bemüht, einen Mord nicht wie einen Mord aussehen zu lassen, wenn es irgend möglich war. Sein Plan war, es nicht unnötig kompliziert zu machen – ein Straßenraub mit unglücklichem Ausgang. Weit verbreitet überall auf der Welt. In der Tasche seiner Leinenhose befand sich ein Klappmesser. Er hatte es hier in der Stadt gekauft, von einem Straßenhändler wie dem zahnlosen, jungen Uhrenverkäufer. Nicht gerade die Qualität, mit der Victor normalerweise arbeitete, aber gut genug, um diese Aufgabe zu erfüllen. Wenn er es schaffte, auf Armeslänge an Kooi heranzukommen, dann würde er ihm eine der Arterien am Hals, am Unterarm oder an der Innenseite der Oberschenkel aufschlitzen. Sie lagen direkt unter einer dünnen Hautschicht. Ein scheinbar oberflächlicher Schnitt, den ein aggressiver Räuber dem Opfer nur versehentlich zugefügt hatte und der schon nach wenigen Minuten zum Tod führte, noch bevor jemand ärztliche Hilfe holen konnte.

Victor brauchte nichts weiter zu tun, als in Koois Nähe zu kommen.

Der Holländer setzte seinen Stadtbummel fort, kehrte der Altstadt den Rücken zu und ging zum Hafen. Dort ließ er den Blick hinaus aufs Mittelmeer und zu den vielen Booten und Jachten schweifen, die auf dem blauen Wasser schaukelten. Er setzte sich auf die Terrasse eines Restaurants mit Meerblick, zog mit den Zähnen gegrilltes Lammfleisch vom Spieß und schob sich mit den Fingern Couscous in den Mund. Er war schlank und durchtrainiert und hatte großen Appetit.

Während der Stunde, die Kooi zum Essen brauchte, wartete Victor in der Nähe. Anschließend folgte er seiner Zielperson zurück in die Altstadt. Er nahm nicht dieselbe Strecke – das wäre selbst für einen so entspannten Mann wie Kooi zu leichtsinnig gewesen –, aber er ging in die gleiche Richtung und durch Straßen, die nicht weit entfernt oder sogar parallel zu denen verliefen, die er auf dem Hinweg benutzt hatte.

Dann verblüffte er Victor, indem er noch einmal auf den Markt ging. Bis jetzt hatte er noch nie zweimal denselben Ort aufgesucht. In der dichten Menschenmenge konnte Victor wieder dichter aufschließen, und er malte sich schon aus, wie der Rückweg zu Koois Hotel aussehen würde. Da gab es zahlreiche stille Gassen, die Victor jede Möglichkeit boten, seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Er kannte ja Koois Ziel, also brauchte er nur irgendwann einen Bogen zu schlagen und ihm anschließend entgegenzukommen – ein harmloser Tourist, der die Wunder Algiers entdecken wollte. Vielleicht würde er ihm sogar zunicken. Zwei Männer, die ähnliche Interessen hatten, zwei Fremde in einem fremden Land, die, wer weiß, im Verlauf einiger Gläser Bier zu Freunden werden würden. Wenn Kooi merkte, dass der Mann, der ihm da entgegengekommen war, auch ein Killer war, würde er bereits bluten.

Keine große Sache also. Gefährlich, sicherlich, in Bezug auf die Zielperson, aber unkompliziert.

Jetzt wunderte Victor sich erneut. Kooi steuerte genau den Teil des Marktes an, wo sie schon zuvor gewesen waren. Er schlenderte jetzt auch nicht mehr ziellos herum. Er hatte etwas ganz Bestimmtes vor. Er holte die Holzfigur aus seiner Hosentasche und wollte sie gegen die andere umtauschen, die er sich zuvor angeschaut hatte. Der Händler war sofort einverstanden, zumal Kooi ihm noch ein paar zusätzliche Scheine in die Hand drückte.

»He, Mister«, hörte Victor da eine bekannte Stimme.

Er beachtete den zahnlosen jungen Mann nicht, doch dieser stellte sich ihm in den Weg. Die Uhren an seinen Armen glitzerten. Kooi ging weiter.

»Du kaufen andere Uhr, Mister? Für Frau oder Freundin? Sie auch magen schöne Uhr, ja?«

Victor schüttelte den Kopf und wollte dem Kerl ausweichen. Dabei fiel er ein paar Meter hinter Kooi zurück. Doch der Einheimische ließ sich nicht so leicht abschütteln.

»Ich dir machen gut Preis. Kaufst du zwei, ich gebe eine ganz billig. Gut Geschäft. Kucken, kucken.«

»Nein«, erwiderte Victor. »Keine Frau. Keine Freundin. Keine Uhr. Mach Platz.«

Doch der junge Bursche, angestachelt durch seinen Erfolg von vorhin und Victors erneutes Auftauchen, wollte einfach nicht verstehen. Er ließ Victor nicht weitergehen, fuchtelte mit den Armen, deutete abwechselnd auf die Frauen-Armbanduhren, die um seine Handgelenke lagen, und sprach die Markennamen falsch aus.

»Bitte«, sagte Victor und versuchte, den Burschen abzuschütteln, bevor er Kooi völlig aus den Augen verlor. Gleichzeitig wollte er aber friedlich bleiben, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.

Kooi drehte den Kopf. Er hatte etwas entdeckt. Vielleicht wollte er sich ja doch noch etwas anschauen. Er schob sich durch die Menge auf einen Verkaufsstand zu, ohne in Victors Richtung zu sehen … noch nicht.

»Gute Preis«, sagte der Uhrenverkäufer und streckte beide Arme aus, damit Victor auf keinen Fall an ihm vorbeikam. »Deine Frau dir sehr lieben.« Er lächelte. »Weißt du?« Er schürzte die Lippen und gab Kusslaute von sich.

»Also gut, also gut«, sagte Victor. »Ich nehme die da.«

Er zog sein Portemonnaie hervor, um den Tumult zu beenden, bevor Kooi etwas bemerkte, aber als der junge Händler vor Freude über sein zweites Geschäft laut in die Hände klatschte, hob der Holländer den Kopf.

Kooi sah Victor.

Er ließ nicht sofort eine Reaktion erkennen. Er starrte ihn eine Sekunde lang an, weil er wusste, dass er ihn schon einmal irgendwo gesehen hatte. Er starrte ihn noch eine weitere Sekunde lang an, weil er nicht wusste, wo. Und dann noch eine dritte Sekunde, während er überlegte, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ein einzelner Weißer, den er schon einmal gesehen hatte und der sich jetzt gerade direkt hinter ihm befand, auch bloß ein harmloser Tourist war.

Dann rannte er los.

Kapitel 2

Victor packte den Uhrenverkäufer an den schmächtigen Schultern und stieß ihn zur Seite. Dabei stürzte das Bürschchen zu Boden. Er stützte sich mit dem einen Uhrenarm ab, während die Damenuhr, die er bereits abgenommen hatte, um sie Victor zu zeigen, in einem Gewirr aus Sandalen, Beinen und Füßen verschwand.

Kooi konnte sich etwas ungehinderter bewegen als Victor, aber er hatte sich erst noch umdrehen müssen und dadurch ein klein wenig von seinem Vorsprung eingebüßt. Durch seine Größe und seine Masse konnte er die kleineren Algerier, die ihm den Weg versperrten, beiseitedrängen. Sie brüllten ihm Flüche hinterher und schüttelten die Fäuste. Victor nutzte die Schneise, die Kooi hinterließ, und hastete ihm hinterher, wich immer wieder Einheimischen aus und rammte diejenigen beiseite, denen er nicht mehr ausweichen konnte, nur um damit auch seinen Anteil an Verwünschungen zu ernten.

Seine Zielperson hatte fünfzehn Meter Vorsprung, war aber durch den Größenunterschied leicht zu verfolgen. Trotzdem … Kooi war schnell und zu allem entschlossen und rannte um sein Leben.

Marktstände flogen an Victor vorbei. Vor ihm schrie eine Frau auf, und er jagte an ihr vorbei. Sie saß weinend auf dem Boden, neben ihr ein zerbrochener, verzierter Tontopf. Das Zimtpulver, das darin gelegen hatte, färbte die Steine orange und wurde vom Wind weggeweht.

Victor stolperte über einen Fuß. Nur seiner Beweglichkeit und den vielen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung war es zu verdanken, dass er nicht zu Boden ging.

Er sah gerade noch, wie Kooi den Marktplatz verließ und in eine schattige, von hohen Häusern gesäumte Seitenstraße stürmte. Zimtstaub hatte den Rücken und den rechten Arm seines kurzärmeligen Hemds orange gefärbt. Wenige Sekunden später gelangte auch Victor in die Seitenstraße und sah gerade noch, wie Kooi um die nächste Ecke bog. Bettler saßen mit gekreuzten Beinen an einer Hauswand. Neben ihnen standen kleine Holzschälchen. Sie schenkten den vorbeirennenden Männern keine Beachtung. Victor vermied mit knapper Not einen Zusammenstoß mit zwei Männern, die plötzlich auf die Gasse traten, indem er sich seitlich zwischen ihnen hindurchzwängte und um die Ecke rannte, hinter der Kooi verschwunden war.

Er gelangte auf eine lange, gerade Straße. Kooi wich gerade ein paar Fußgängern aus und sprang über eine Bank, um einem weiteren Menschenknäuel aus dem Weg zu gehen. Victor tat es ihm nach. Irgendjemand applaudierte.

Kooi bog noch einmal ab. Als Victor die Abzweigung erreicht hatte, stand er vor einem Fußweg, der nur wenige Meter weiter einen zweiten Fußweg kreuzte. Kooi war weder links noch rechts zu entdecken, aber rechter Hand standen ein paar Einheimische mit verwirrtem oder neugierigem Gesicht.

Victor entschied sich für diese Richtung und nahm dann eine kleine Gasse mit ein paar umgestoßenen Kisten. Am anderen Ende angelangt, hörte er eine Hupe, stürmte über die Straße und in eine weitere Gasse hinein, immer dem Klang der Hupe nach, der aus einer baumbestandenen Allee zu kommen schien, die von einstmals ehrwürdigen, aber heute baufälligen französischen Kolonialbauten aus dem 19. Jahrhundert gesäumt wurde. Er sah Kooi zur Tür eines Restaurants hineinschlüpfen.

Als Victor sich zwischen dem fließenden Verkehr hindurch auf die andere Straßenseite schlängelte, wurde noch mehr gehupt. Er bekam mehr als eine deftige Beleidigung zu hören. Dann stieß er die Restauranttür auf, wich den Tischen und den Kellnern aus und stürmte durch die einzige Tür, die Kooi genommen haben konnte, durchquerte die Küche, schubste das Personal beiseite und folgte dem Holländer zur Hintertür hinaus wieder ins Freie.

Er landete auf einer weiteren, gewundenen Marktgasse, die zu beiden Seiten von brüchigen Ständen gesäumt war. Victor wandte sich nach links, weil dort einer der Stände umgekippt war. Händler brüllten und warfen mit Gegenständen. Er sprang über den umgekippten Marktstand, richtete dabei noch mehr Schaden an und schüttelte zahlreiche einheimische Hände ab.

Koois Vorsprung war zwar nicht groß, aber die Altstadt bestand aus einem Labyrinth schmaler Pflastersteingässchen, die sich ohne erkennbares Muster zwischen weiß getünchten Häusern hindurchschlängelten. Darum verschwand Kooi immer wieder hinter Ecken und nahm Abzweigungen, die Victor nicht vorausahnen konnte. Er fiel weiter zurück, musste sich immer wieder nach allen Seiten umsehen, um herauszufinden, welchen Weg seine Zielperson eingeschlagen hatte, oder um zu hören, aus welcher Richtung das Geräusch hastiger Schritte kam. Hätte Kooi sich in der Stadt gut ausgekannt, seine Chancen zu entkommen wären nicht schlecht gewesen. Aber Kooi war ein Tourist, der die letzten Tage damit verbracht hatte, Unbekanntes zu entdecken. Er kannte sich in Algier nicht aus. Er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Er wusste nicht, wo er sich verstecken konnte. Er versuchte, genügend Abstand zwischen sich und seinen Verfolger zu bekommen. Er setzte auf Tempo und Ausdauer und wollte Victor abschütteln. Er wusste noch nicht, dass das unmöglich war.

Victor lief jetzt in eine kleine Passage, wich Männern und Frauen aus, die das gebotene Spektakel so unterhaltsam fanden, dass sie ihm liebenswürdigerweise den Weg wiesen. Die Passage führte zum Meeresufer. Kooi war nirgends zu sehen und die Promenade breit. Der Flüchtende hatte die anderen Passanten nicht so sehr irritiert, dass sie seine Route markierten. Er konnte entweder nach rechts oder nach links gelaufen sein, und eigentlich hätte Victor ihn zwischen den wenigen Fußgängern mühelos erkennen müssen. Aber so war es nicht. Kooi musste umgekehrt sein.

Victor drehte sich auf der Stelle um und rannte den Weg wieder zurück, den er gekommen war. Vor seinem geistigen Auge sah er Kooi auf einer parallelen Strecke ebenfalls zurücklaufen. Vielleicht verlangsamte er seine Schritte sogar, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Victor gelangte zu einer Kreuzung und blickte nach rechts und links. Falls Kooi tatsächlich auf einer der parallel verlaufenden Gassen den Rückweg eingeschlagen hatte, dann würde er später als Victor auf dieser Höhe auftauchen, da Victor nur geradeaus hatte laufen müssen, während Kooi zunächst ein Stück am Ufer entlanggerannt war, um sich dann wieder zurückzuwenden.

Da war er, zu Victors Linken! Victor rannte los, noch bevor der Holländer wusste, dass er entdeckt worden war. Als er schließlich ebenfalls beschleunigte, betrug sein Vorsprung keine fünf Meter mehr.

Victor hetzte ihn eine Gasse entlang, und Kooi flüchtete über einen breiten, französischen Boulevard hinweg, mitten durch den spärlichen, träge dahinfließenden Verkehr. Er riss sich das Hemd mit den Zimtflecken vom Leib und schleuderte es von sich. Er wollte die Möglichkeit haben, sich in der Menge zu verstecken und unterzutauchen, und dabei war das Hemd ein Hindernis. Darunter trug er ein weißes Unterhemd.

Victor folgte ihm. Kooi rannte vor einem Auto mit knatterndem Auspuff über die Straße, Victor hinter dem Heck des Wagens. Dann stürmte er in eine Gasse, die kaum schulterbreit war, zerriss sich das Hemd an Schultern und Ellbogen und schürfte sich die Haut auf. Knapp vier Meter vor ihm bog Kooi scharf ab. Er nahm die Hände zu Hilfe, um die Neunzig-Grad-Drehung zu schaffen und nicht gegen die Wand zu prallen. Victor stellte sich rechtzeitig auf den abrupten Richtungswechsel ein und konnte den Abstand wieder um ein paar Zentimeter verkürzen.

Das Kopfsteinpflastergässchen führte über eine ganze Reihe breiter, niedriger Treppenstufen bergauf und mündete schließlich in eine breite Wohnstraße, wo prächtige, bunte Blumenkästen die Fenster schmückten und die farbigen Haustüren vergitterte Sicherheitsfenster besaßen. Kooi kletterte über eine Mauer. Victor folgte ihm nur wenige Sekunden später und landete in einem Hinterhof voll großer Topfpflanzen. Kooi stieß sie um und rannte weiter. Tontöpfe brachen entzwei, Erde quoll heraus. Victor wich den Bruchstücken aus und kam schon wieder ein Stückchen näher, da Kooi ihm den Weg freigeräumt hatte.

Jetzt rannte er auf die Wand am anderen Ende des Innenhofs zu. Er katapultierte sich mit einem mächtigen Satz nach oben, zog sich über die Kante und ließ sich auf die andere Seite fallen. Victor hörte einen Schrei. Als er auf der anderen Mauerseite landete, sah er Kooi wieder auf die Füße kommen. Ein Mann lag schimpfend am Boden und rieb sich den Knöchel. Victor wich ihm aus, während Kooi auf die Motorhaube eines parkenden Taxis sprang. Dafür erntete er ein lang gezogenes Hupen. Der Fahrer stieg aus und fluchte ihm hinterher. Victor musste ihn beiseiteschubsen und folgte Kooi über die Motorhaube hinweg und die nächste Treppe hinauf.

Am oberen Ende verließ gerade eine ältere Frau ihr Haus. Kooi stieß sie zur Seite und verschwand im Hauseingang. Als Victor den kühlen Hausflur betrat, hörte er ihn die Treppe hinauftrampeln. An der Decke brummten Ventilatoren. Er hastete Kooi hinterher. Angst vor einem Hinterhalt hatte er nicht, schließlich konnte er die Schritte seiner Zielperson laut und deutlich über sich hören.

Victor erreichte die oberste Etage des vierstöckigen Hauses, stürmte durch eine offene Tür – Koois einzige Möglichkeit – und gelangte in eine kleine Wohnung. Eine Familie saß auf dem Fußboden, bis ins Mark erschrocken und vollkommen verängstigt angesichts dieser Störung beim Nachmittagsmahl. Weiter hinten hörte man Glas splittern, und Victor sah, dass eine Balkontür eingetreten worden war. Aber auf dem Balkon war von Kooi weit und breit nichts zu sehen. Die Straße war zu breit, um einen Sprung zu dem Haus auf der anderen Seite zu wagen, und es war auch eindeutig zu hoch, um auf die Straße zu springen. Also blickte Victor nach rechts, sah nichts, blickte nach links.

Der Holländer war auf den Nachbarbalkon gesprungen. Victor machte es ihm nach, landete auf der steinernen Brüstung und eilte hinterher, während Kooi bereits einen Balkon weiter war. Victor beeilte sich, aber seine Zielperson war schon auf dem letzten Balkon in der Reihe. Er kletterte auf die Brüstung und sprang.

Kooi landete auf dem zwei Meter tiefer gelegenen Dach des Nachbarhauses und rollte sich ab. Victor folgte nur Sekunden später. Kooi warf einen Blick über die Schulter zurück. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Für einen kurzen Moment sah er seinem erbarmungslosen, unermüdlichen Verfolger in die Augen.

Das nächste Flachdach war nur einen kurzen Sprung entfernt, aber bei der Landung geriet Kooi ins Stolpern und musste abbremsen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Vom hinteren Dachrand führte eine Steintreppe nach unten. Kooi hastete darauf zu. Victor war ihm jetzt so dicht auf den Fersen, dass er das Keuchen des Holländers hören konnte.

Die Treppe führte auf einen kleinen Platz mit einem reich verzierten, gekachelten Brunnen in der Mitte. Etliche Leute aus der Nachbarschaft holten dort gerade Trinkwasser. Kooi packte einen Jungen, der einen Eimer in jeder Hand hielt, und schubste ihn Victor vor die Füße. Victor wich dem Jungen aus, aber den Wassereimern entkam er nicht. Er rutschte aus, konnte sich zwar mit viel Mühe auf den Beinen halten, verlor aber trotzdem eine Sekunde auf Kooi, der über eine niedrige Mauer setzte und eine weitere Gasse entlangrannte.

Victor ließ sich nicht abschütteln. Er fing den Aufprall mit federnden Knien ab und sah Kooi gerade noch um die nächste Ecke flitzen. Wenige Augenblicke später war Victor an derselben Ecke. Er sprintete die nächste Gasse entlang, sprang über Körbe, die Kooi umgestoßen hatte, an einem Schuppen mit einer roten Tür vorbei und landete in einer kleinen Seitenstraße. Er blickte nach links: eine lange Straße, die Kooi unmöglich bis ganz zum Ende gelaufen sein konnte, keine Restaurants, keine Geschäfte, keine Abzweigungen. Victor blickte nach rechts: Sackgasse. Hier konnte Kooi auch nicht sein. Victor spulte die Ereignisse langsam zurück. Die rote Tür. Keine Holzsplitter am Schloss oder den Angeln, die auf gewaltsames Eindringen schließen ließen, aber trotzdem hatte sie einen Spalt weit offen gestanden. Er wirbelte herum und sah …

… Kooi, der aus der Tür gestürmt kam. In seiner Hand glitzerte eine stählerne Klinge. Sie war eigentlich für Victors Rücken gedacht gewesen. Aber jetzt zielte sie direkt auf sein Herz.

Kapitel 3

Einen halben Meter von Victor entfernt blieb Kooi stehen. Die Spitze seines Messers verharrte wenige Zentimeter vor Victors Brustkorb. Es war eine zierliche Waffe, schwarz lackiert, mit einer dreieckigen Spitze und einer geschwungenen Klinge. Eine schöne Waffe – viel besser als Victors – aus gefaltetem Karbonstahl, unglaublich scharf und stabil genug, um Knochen zu durchstoßen, aber vollkommen harmlos, solange sie nur durch die Luft stieß.

Er war kaum älter als Victor, aber die Verfolgungsjagd hatte ihn erheblich mehr angestrengt. Kooi war ungefähr gleich groß und ähnlich gebaut wie Victor, lange Gliedmaßen, athletisch und muskulös, aber gleichzeitig kompakt und schlank. Dicke Schweißtropfen liefen ihm über das Gesicht und färbten die Vorderseite seines Unterhemds dunkel. Kooi strauchelte, bewegte sich aber keinen Zentimeter weiter. Er öffnete den Mund, sagte jedoch keinen Ton. Er starrte Victor an, doch sein Blick war auf einen Punkt weit hinter ihm gerichtet.

Dann stieß er pfeifend den Atem aus. Das schwarze Messer fiel ihm aus den zitternden Fingern und landete mit lautem Klappern auf dem Kopfsteinpflaster vor Victors Füßen.

Der Holländer zwinkerte, seine Augen tränten, und dann stützte er sich mit beiden Händen auf Victors rechten Arm. Er wandte den Blick nach unten, auf seine Magengrube. Dort sah er Victors Faust, die gegen sein weißes Unterhemd presste.

Jetzt färbte sich das weiße Unterhemd rund um Victors Faust rot.

»Nein«, sagte Kooi, als könnte er durch seinen trotzigen Widerstand die Klinge aus seiner Bauchgegend entfernen und das Loch stopfen, das sie hinterlassen würde.

Victor ließ den Messergriff los. Er ragte knapp unterhalb von Koois Brustbein hervor. Die Klinge steckte, aufwärts gerichtet, in seiner Brust und durchbohrte mit der Spitze die Unterseite seines Herzens. Kooi hustete und rang nach Luft, während das Blut aus der verletzten linken Herzkammer in die Brusthöhle sickerte, sodass die Lunge sich nicht mit Luft füllen konnte. Als Koois Beine nachgaben, ließ Victor ihn sanft zu Boden gleiten.

»Nein«, sagte Kooi noch einmal, dieses Mal leiser.

Er sackte gegen die Wand, die Beine auf dem Kopfsteinpflaster ausgestreckt, die Arme leblos zu beiden Seiten. Er versuchte nicht, das Messer herauszuziehen. Er musste wissen, dass es sinnlos gewesen wäre, selbst wenn er die Kraft gehabt hätte, gegen den Unterdruck anzukommen. Aber er hätte dadurch nur sein Sterben beschleunigt. Victor überlegte, was er an seiner Stelle getan hätte – ob es besser war, ein paar Extra-Sekunden voll Schmerz und Furcht zu erleben oder so schnell wie möglich das Ende herbeizuführen.

Victor klopfte Koois Oberschenkel und seine Hüfte ab, um sicherzugehen, dass er keine anderen Waffen mehr am Körper trug, die er mit letzter Kraft vielleicht noch gegen ihn einsetzen konnte. Er wusste besser als die meisten, dass ein Mensch im Angesicht des Todes jede sich bietende Möglichkeit beim Schopf packte, um am Leben zu bleiben oder sich zu rächen. Schließlich hatte er beides schon selbst getan.

In einer von Koois Hosentaschen fand er ein Portemonnaie und einen Zimmerschlüssel, und dann war da noch die Holzfigur in seiner Schenkeltasche, aber mehr nicht. Victor untersuchte die Figur. Sie war ungefähr fünfzehn Zentimeter groß und schwarz lackiert. Victor wusste nicht, was sie darstellen sollte. Sie sah aus wie ein Reptilienmensch, ein bisschen seltsam, fast kindlich. Kooi besaß einen merkwürdigen Geschmack.

Victor steckte das Portemonnaie ein. Er brauchte es nicht zu durchsuchen, weil es nichts von Interesse enthielt. Er würde es später wegwerfen. Er nahm es nur mit, um der Polizei etwas zu geben, woran sie sich halten konnte. Aus demselben Grund nahm er Koois Armbanduhr an sich und riss den kleinen Anhänger ab, den er an einem Band um den Hals trug. Handy war keines zu finden, aber auch Victor hatte nur selten eines dabei.

Kooi saß mit bleichem Gesicht da, sterbend, und starrte Victor an, während dieser ihn ausraubte.

»Wer hat dich geschickt?«, wollte Kooi im Flüsterton wissen.

Selbst wenn jetzt in diesem Augenblick ein Notarztwagen vorbeigekommen wäre, Kooi hätte keine Chance mehr gehabt, darum erwiderte Victor: »CIA.«

»Bist du …?«

Victor schüttelte den Kopf. »Selbstständig. Wie du.«

Der Holländer blinzelte und schluckte, während er die Kraft für den nächsten Satz sammelte. »Für den Amerikaner?«

Victor nickte.

Ein schwaches Lächeln. »Ich hab’s gewusst … Ich hätte diesen … Job nicht … annehmen dürfen.« Er hustete. Die vielen Worte hatten ihn große Anstrengung gekostet. Er musste alle Kraft aufbieten, um den Kopf gerade und die Augen offen zu halten.

»Die Gier kostet uns alle irgendwann das Leben«, sagte Victor.

»Aber mich zuerst.« Noch ein schwaches Lächeln. Noch ein Husten. Blut glitzerte auf seinen Lippen. »Wie heißt du?«

»Frag mich noch mal, sobald ich nachkomme.«

Er nickte, akzeptierte diese Antwort. »Könntest du etwas … für mich tun?« Er unterbrach sich und atmete pfeifend ein und aus. »Einen Gefallen. Es ist wichtig …« Seine Augenlider flatterten. Blut tropfte von seinem Kinn. Er wollte die Hand heben. »Bitte …«

»Vielleicht«, sagte Victor. »Was denn?«

Aber Kooi gab keine Antwort mehr.

Kapitel 4

Drei Wochen später, irgendwo über dem Atlantik

Der Learjet befand sich in einer Höhe von neuntausendfünfhundert Metern. Der Pilot und der Kopilot saßen im Cockpit, überwachten die Instrumente und vertrieben sich die Zeit mit kleinen Scherzen. Außer ihnen waren keine Besatzungsmitglieder an Bord. Am hinteren Ende der Passagierkabine saßen eine Frau und ein Mann. Die Frau hieß Janice Muir. Der Name des Mannes lautete Francis Beatty. Sie saßen einander in braunen Ledersesseln gegenüber. Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch. Der Himmel vor dem kleinen, runden Fenster war schwarz, kein Stern war zu sehen.

Auf dem Tisch lag ein Tablet-Computer, auf dessen Display ein Foto zu erkennen war. Es war pixelig und ziemlich unscharf. Offensichtlich war das Bild aus großer Entfernung aufgenommen und dann so stark wie möglich vergrößert worden. Muir betrachtete das Bild, während Beatty mit dem Finger über das Display fuhr und ihr noch weitere Bilder zeigte. Darauf war ein Mann im Anzug auf den Straßen einer europäischen Stadt zu sehen. Dann ging er eine kleine Treppe hinauf und trat durch die schwarze Haustür eines weiß getünchten Stadthauses.

»Sind wir sicher, dass es sich um die Zielperson handelt?«, fragte Muir.

»Vermutlich«, erwiderte Beatty. »Die Größe stimmt, der Körperbau und das Alter auch. Aber die Haare sind anders.«

»Perücke?«

»Ich glaube, er hat einfach eine andere Frisur.«

Die Frau blätterte mit dem Daumen vor und zurück und sah sich die Fotos genau an. »Eigentlich hätte ich gerne ein bisschen mehr als eine Vermutung.«

Beatty runzelte die Stirn. »Wir haben eben nur veraltetes Material zur Verfügung. Dass Haare wachsen und geschnitten werden, ist doch völlig normal. Ich finde, das spielt keine Rolle.«

»Wir haben jetzt schon zwei falsche Identifizierungen gehabt. Ich würde nur sehr ungern eine dritte erleben.«

»Vielleicht haben wir ja diesmal Glück. Aller guten Dinge sind drei.«

Jetzt war es Muir, die die Stirn runzelte. »Ich verlasse mich lieber auf Fakten als auf das Glück.«

»Ist doch bloß so eine Redewendung.«

»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit?«

Er zuckte mit den Schultern und neigte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Schwer zu sagen.«

»Du wirst dafür bezahlt, etwas zu sagen.«

»Dann würde ich sagen, sie liegt ungefähr bei sechsundsechzig Prozent.«

»Das macht meine Zuversicht nicht unbedingt größer.«

»Ich wollte eine möglichst exakte Aussage liefern und nicht dein Selbstvertrauen stärken. Nach dem bisschen zu urteilen, was auf diesen Fotos zu erkennen ist, könnte er es durchaus sein. Eine noch größere Übereinstimmung mit der Beschreibung können wir meines Erachtens nicht erwarten.«

»Das ließe sich aber von vielen Männern sagen.«

»Ich habe doch gesagt, meines Erachtens. Was willst du also unternehmen?«

»Außer ihm haben wir nur noch einen Kandidaten, stimmt’s?«

Beatty nickte. »Aber bei dem gibt es die wenigsten Übereinstimmungen mit unseren Kriterien. Dieser Kerl hier …«, er tippte auf den Bildschirm, »… hat deutlich mehr Kreuzchen.«

»Aber nicht so viele wie die beiden vor ihm.«

»Was auch bedeuten kann, dass er sich sehr gut tarnt. Wie nicht anders zu erwarten.«

Sie rieb sich die Augen und seufzte. »Was sagt dein Gefühl?«

»Dass die Zielperson auf jeden Fall einer der vier Kandidaten sein muss. Die ersten beiden waren es nicht, und der letzte ist ziemlich unwahrscheinlich. Darum spricht alles dafür, dass der hier unser Mann ist.«

»Das sehe ich ganz genauso.«

»Soll ich ein Team zusammenstellen?«

»Es sei denn, du willst, dass wir es zu zweit gegen ihn aufnehmen.«

Ein ironisches Grinsen. »Ich glaube kaum, dass das angesichts der Fähigkeiten der Zielperson vernünftig wäre.«

»Angst?«, sagte Muir.

»Ich bin nicht so alt geworden, weil ich immer mutig war.«

»Du bist nicht alt, Francis.«

»Was lediglich bedeutet, dass du auch alt wirst. Wie willst du die Sache angehen?«

»Die Zeit wird langsam knapp, darum will ich so viele Kräfte wie möglich dabeihaben. Aber keine Bremsklötze. Nur wirklich gute Leute. Und alle müssen ganz genau wissen, wer die Zielperson ist, mit der sie es zu tun bekommen.«

»Dann kannst du schon mal den Etat erhöhen.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Immer noch besser als die Alternative. Ich will keine Amateure mit dabeihaben. Dieser Kerl ist ungemein gefährlich. Wir müssen damit rechnen, dass er bewaffnet ist. Wer weiß, wozu er in der Lage ist.«

Er zuckte ebenfalls mit den Schultern. »Setz ein halbes Dutzend Männer auf ihn an, dann spielt es keine Rolle mehr, wozu er in der Lage ist. Und auch nicht, ob er eine Kanone hat. Wir haben in jedem Fall mehr. Letztendlich gewinnt immer die Masse. Wie wär’s zum Beispiel in seinem Hotel? Selbst wenn er etwas ahnt, wir könnten ihn einfach im Gebäude in die Enge treiben. Es ist öffentlich zugänglich. Wir könnten …«

»Nein!« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht im Hotel. Das wäre wirklich die schlechteste Möglichkeit von allen. Glaub mir!«

»Na gut. Du weißt mehr über ihn als ich. Also, wo dann?«

Sie tippte auf den Bildschirm. »Wir wissen, wo er ist. Also warten wir einfach ab, bis er wieder weggeht. Wir bleiben dicht an ihm dran, aber nicht zu dicht. Beschatten ihn von vorn und von hinten. Sobald wir eine Gelegenheit bekommen – und das werden wir –, kreisen wir ihn ein. Er kann nicht alle Seiten gleichzeitig im Blick behalten. Schnell und überraschend, noch bevor er begriffen hat, was eigentlich los ist.«

»Aus deinem Mund hört sich das so einfach an.«

»Das ist es auch«, erwiderte Muir selbstbewusst. »Er wird nicht einmal mitkriegen, was da passiert ist.«

Kapitel 5

Wien, Österreich

Der Patient trug einen dunkelgrauen Anzug– gehobene Bürokleidung, offensichtlich in sehr guter Qualität und klassisch geschnitten. Das Jackett hatte er aufgeknöpft, sodass die stahlgraue Krawatte auf dem weißen Hemd gut zu erkennen war. Er war groß und schlank, aber trotzdem sehr kräftig, und saß entspannt, aber aufrecht, die Hände auf die Armlehnen gelegt, im Besuchersessel. Er sah ein klein wenig jünger aus als in seiner Krankenakte vermerkt. Seine dunklen Haare waren kurz und sauber geschnitten, aber der Schnitt war weder besonders modisch, noch hatte er seine Frisur durch Gel oder andere Pflegeprodukte irgendwie aufgepeppt. Seine Augen, die noch dunkler waren als seine Haare, gaben nichts von seiner Persönlichkeit preis, abgesehen vielleicht von einer gelassenen Wachsamkeit und einem scharfen Intellekt. Frau Dr. Margaret Schule, die sich auf ihre Menschenkenntnis durchaus etwas zugutehielt, fand ihn ausgesprochen faszinierend.

Sie untersuchte die operierte Stelle. »Haben Sie Schmerzen?«, erkundigte sie sich.

Der Patient schüttelte den Kopf.

»Und wenn ich so mache?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Wunderbar, das ist ganz ausgezeichnet. Ich freue mich sehr.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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