Verlag: Otto Müller Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Ziegelbrennen - Christian Lorenz Müller

"Warum eigentlich Raimund?", fragt sich Rosmarinka mit beinahe neunzig Jahren. Die gebürtige Kroatin hätte wohl ihr ganzes Leben in ihrem Heimatdorf verbracht, wäre sie als junges Mädchen nicht ausgerechnet an den Donauschwaben Raimund Quendler geraten. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bedrängen Titos Partisanen den Hof der Quendlers, und so flieht die Familie nach Österreich, wo ein Neuanfang nur unter großen Entbehrungen gelingt. Rosmarinkas Sohn Anton soll es einmal besser haben und Priester werden, aber er bricht das Studium ab, ohne Gründe dafür zu nennen. Erst Jahrzehnte später, als der Historiker Arthur, der mit Rosmarinkas Enkelin Valentina liiert ist, nachfragt, beginnt die alte Frau zu erzählen. Bild fügt sich an Bild und ein Zusammenhang nach dem anderen erschließt sich. "Ziegelbrennen" ist eine weit ausgreifende Familiengeschichte, ein Chor aus vielen Stimmen, die scheinbar sprunghaft wechseln: zwischen der Zeit der faschistischen Ustascha-Diktatur in Kroatien während des Zweiten Weltkriegs, den Ereignissen der 1990er Jahre auf dem Balkan und der unmittelbaren Gegenwart, denn im Herbst 2015 zogen zehntausende von Syrern, Irakern, Afghanen durch den Osten Kroatiens. Dort, in jener Gegend, in der Rosmarinka aufgewachsen ist, beginnt und endet dieser große Roman, der siebzig Jahre mitteleuropäischer Geschichte umspannt.

Meinungen über das E-Book Ziegelbrennen - Christian Lorenz Müller

E-Book-Leseprobe Ziegelbrennen - Christian Lorenz Müller

Christian Lorenz Müller

Ziegelbrennen

Roman

www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1262-7eISBN 978-3-7013-6262-2

© 2018 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIENAlle Rechte vorbehaltenSatz: Media Design: Rizner.atDruck und Bindung: Christian Theiss GmbH, A-9431 St. StefanCover: Leopold Fellinger

„Die Zeit ist keine gerade Strecke, eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und die Stimmen hören, kann man sich selbst auf der anderen Seite vorbeigehen hören.“

Tomas Tranströmer, Briefe beantworten

Inhalt

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Zweiter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Dritter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Erster Teil

1

Gewöhnliche Hühner gackerten zur Türe hinaus, wenn sie mit Schaufel und Besen zu werken begann. Natürlich konnte es vorkommen, dass eine Henne, die brütete, nicht von ihren Eiern lassen wollte, aber dann duckte sie sich in der Regel tief in ihr Nest. Die Weiße jedoch stolzierte nicht selten hinter Rosmarinka auf und ab, wenn sie die Einstreu aus den Ecken kratzte und ihr der Geruch des Hühnerdrecks beizig in die Nase stieg. Heute flatterte das Huhn sogar auf die Sitzstange, die Raimund und seine Brüder quer durch den Stall gespreizt hatten, und schaute skeptisch zu, als Rosmarinka zur Spachtel griff. Die Schwiegermutter duldete keinen eingetrockneten Kot, nicht auf dem Bruthäuschen und nicht auf der Sitzstange. Und bevor die junge Frau frische Einstreu holen gehen konnte, musste sie den Stall schön säuberlich ausfegen.

Sie gab übertrieben viel Druck auf die Spachtel, als sie damit begann, den Dreck von der Latte zu schaben. Dadurch geriet das Holz unter Spannung und fing leise an zu vibrieren. Das Schwanzgefieder der Weißen zitterte leicht hin und her, es sah aus wie der feine Seidenfächer von Esther Klärmann, einer Dame, die auf dem Markt von Poschega Rosmarinkas Stammkundin gewesen war.

Das dumme Huhn dachte nicht daran, die Latte zu räumen, obwohl die Spachtelklinge gefährlich nahe an seine Krallen herankratzte. Mit vornehm gerecktem Hals blickte die Weiße Rosmarinka prüfend an, und es war, als erleuchtete ihr Gefieder den Dämmerschein des Stalls, denn an diesem nassen Apriltag fand weder durch die offenstehende Türe noch durch das Fenster viel Licht herein. Kein Zweifel, diese Henne kam sich genauso schön und besonders vor wie Esther Klärmann. Selbst im Sommer hatte die Jüdin weiße Handschuhe getragen, die nicht selten schmutzig geworden waren, wenn sie Rosmarinkas Krautköpfe geprüft hatte, ihre Melanzani oder ihren Salat. Bei wem sie jetzt wohl einkaufte? Lebte sie eigentlich noch in Poschega? Marica hatte Rosmarinka bei ihrem letzten Besuch erzählt, dass die Ustasche jetzt auch schon Halbjuden zum Ziegelbrennen schickten. Ziegelbrennen in einer Gegend, die bei einem Wetter wie heute in Sumpf und Schlamm versank, wie sollte das denn gehen?

Noch im letzten Sommer hatte Rosmarinka körbeweise Eier nach Poschega getragen, und im Herbst war sie immer ihre gestopften Gänse losgeworden, aber nun war sie schon seit Monaten nicht mehr in der Stadt gewesen. Es genügte, die Eier und die Butter ein Mal die Woche hinüber nach Sveti Ivan zu bringen, wo der Lastwagen der Wehrmacht für ein paar Stunden Station machte. Was die Kleinhäusler aus der Gegend auch brachten, es wurde unbesehen eingekauft.

Sie stoppte die Spachtel einen Fingerbreit vor den gelben Krallen der Weißen. Das Vieh begann mit dem Kopf zu rucken und ein leises „Gaaa, Gaaa“ auszustoßen, das sich so unwillig anhörte, dass Rosmarinka in plötzlichem Zorn mit der Faust auf die Sitzstange hieb. Sofort flatterte das Huhn mit Gegacker in Richtung Türe, seine Flügel schnalzten über das Dach des Bruthäuschens, bevor es ins Freie flog. Noch als es längst draußen war, hing eine bauschig-weiße Daunenfeder in der Luft. Rosmarinka schaute zu, wie sie langsam auf den Boden schwebte und ihr weißes Leuchten von der feuchten Einstreu aufgesogen wurde, dann kratzte sie den restlichen Dreck von der Latte.

Eine halbe Stunde später war der Stall gesäubert. Die Schwiegermutter würde sehr zufrieden sein, sofern sie überhaupt zu einem Kontrollgang herauskam. Am Anfang war das anders gewesen, da hatte die Alte Rosmarinka während der Arbeit misstrauisch beobachtet. Manchmal hatte sie, den Rechen oder den Kochlöffel in der Hand, minutenlang auf die junge Frau eingeredet, ohne dass Rosmarinka etwas verstanden hätte, denn damals hatte sie noch kaum Deutsch gekonnt, und die Schwiegermutter sprach bis heute fast kein kroatisches Wort.

Mit den Eiern aus dem Bruthäuschen, die sie in einem Weidenkorb gesammelt hatte, trat sie zufrieden hinaus in den Nieselregen. Unter dem Fuhrwerk, das nahe dem Hühnerstall abgestellt war, glotzten ein halbes Dutzend Hennen hervor, die zurück ins Trockene wollten, unter ihnen auch die Weiße, deren Brustgefieder lehmfarben geworden war. Das nasse Wetter der letzten Tage hatte den Innenhof verschlammen lassen. Rosmarinka wollte gerade die erste Pfütze überstelzen, als sie Antons Stimme hörte. Sie wandte sich in Richtung Hoftor, wo der Bub aufgeregt durch einen Bretterspalt mit jemandem sprach.

„Du bist ganz schlimm. Ich weiß es genau. Du stiehlst in der Nacht die Hühner“, rief Anton auf Kroatisch, als Rosmarinka eilig in seine Richtung lief. „Und den Kübel mit der Milch! Den hast du auch gestohlen.“

„Mit wem redest du da? Anton!“ Den Eierkorb an den Bauch gepresst, patschte Rosmarinka voll böser Vorahnungen am Radbrunnen vorbei. Der Dreck spritzte ihr hinauf bis zum Rocksaum, ohne dass sie es wirklich bemerkte.

„Mit mir!“, kam es von draußen. „Mach das Tor auf, oder ich schneide dem Bengel den Kopf ab!“

Endlich wieder zurück. Endlich und gerade noch rechtzeitig. Die räudige Pappel im Innenhof ist ein Hundeschweif, der heftig hin und her geht, und bald wird der Donner bellend zwischen die Mauern springen. Hoffentlich geht nicht wieder Glas zu Bruch. Wenn man die alten Rahmen nicht festhakt, genügt schon ein Windstoß, so wie vor drei oder vier Wochen: Ich eile die Stiege hinunter, unruhig zischt mir die Luft um die Füße, und plötzlich kracht ein offenes Fenster zurück in seinen Rahmen, ein glasiges Scheppern, und die Scheibe ist mit einem Mal durchblitzt von Sprüngen. Bis heute ist sie nicht ausgetauscht worden. Der Hausmeister hat Klebeband über die Scheibe gezogen, damit das Glas nicht irgendwann herausscherbt, und so wird es bleiben, bis dieser alte Kasten saniert wird, bis die Pensionistin aus dem Erdgeschoss ins städtische Altersheim umquartiert wird, weil sie sich den neuen Mietzins nicht mehr leisten kann; bis die Kunststudenten, die die obersten zwei Geschosse bewohnen, in eine normal dimensionierte WG umsiedeln werden, und bis ich … aber bis dahin ist mein Stipendium längst ausgelaufen, bis dahin ist Valentina hoffentlich aus Hamburg zurück, und dann gehen wir nach Wien, nach Graz oder in irgendeine andere österreichische Stadt. So ist es wenigstens geplant.

Warum habe ich mich bloß dazu überreden lassen, am Wochenende schon wieder nach Bad Perneck zu fahren? Valentinas wegen, die ihren Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen hat? Hamburg, das liegt doch nicht auf der anderen Seite des Erdballs, das ist zehn Stunden Zugfahrt oder neunzig Flugminuten entfernt. Es steht nichts dagegen, sich drei, vier Tage freizunehmen und nach Österreich zu kommen, besonders, wenn die geleisteten Überstunden schon seit Monaten nicht mehr gezählt werden. Aber ich weiß schon, ich muss Verständnis haben: Wer einmal bei Jensen, Rominger & Partner gearbeitet hat, kann sich später aussuchen, wo er als Kreativdirektor eingestellt wird. Und dass diese Wahnsinnsprojekte so wahnsinnig komplex und so wahnsinnig interessant sind, dass man gerne bis zehn, elf Uhr am Abend im Büro bleibt. Ich verbaue Valentina die Zukunft mit meinem Gejammer auf Skype, mit meinem ewig sehnsuchtsvollen „komm zurück“ und meinem „ich vermisse dich“, lauter Formeln, die früher von Frauen auf parfümiertes Briefpapier geschrieben oder in Telefonhörer aus Bakelit geflüstert wurden, ihren Männern hinterher, die in der Welt unterwegs waren.

Valentina wird sich vielleicht schon dazu gezwungen haben, mit dem Arbeiten aufzuhören, wird gerade in der U-Bahn sitzen und sich eventuell daran erinnern, dass heute Sonntag ist und dass wir früher am Sonntagabend immer ausführlich miteinander telefoniert haben. Jetzt dauern diese Gespräche kaum mehr als eine Viertelstunde, und wenn sie sich einmal dazu überwindet, mir Körperteile via Webcam zu zeigen, die sie sonst sorgfältig bedeckt hält, benehme ich mich ziemlich daneben. Beim letzten Mal zum Beispiel habe ich mit bitteren Augen zuerst auf ihre büroblasse Brust geschaut, habe meinen Blick dann nach unten wandern lassen und sie mit Proletenverachtung in der Stimme gefragt, ob ihr sogar die Zeit dazu fehlt, sich unten blank zu machen.

Früher, verdammt, früher habe ich ihr oft dabei zugeschaut, sie ist im warmen Badewannenwasser gelegen und hat den Rasierer angesetzt, und ich habe mich beim ersten Mal geschämt für meine gierigen Augen, habe mich in die gekachelte Ecke des Badezimmers gedrückt, aber sie hat nur gelacht und mich gefragt, wie ich es haben will, und das hat mich nur noch verlegener gemacht. Früher, in unserer winzigen Wohnung in der Isarvorstadt, in der nicht viel mehr als ein alter Schreibtisch gestanden ist und unser Bett, 140 Zentimeter schmal; unser Bett, das wir tagsüber mit einer Decke und ein paar Kissen in eine Couch verwandelt haben. Dort sind dann oft Valentinas Texter, ihr Kontakter oder irgendein anderer Kollege bis tief in die Nacht gesessen, lässig zurückgelehnt und mit einem Glas Weißwein oder einem Nudelteller in der Hand. Fast alle diese Kollegenfreunde haben sich inzwischen selbständig gemacht, alle fretten sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben, und wenn ihr Konto am Monatsletzten wieder einmal leer ist, dann denken sie seufzend an Valentina. Sie stellen sich vor, wie sie in Hamburg vor dem Bildschirm sitzt und so lange mit Licht und Schatten, Farben und Schriften trickst, bis aus einer ordinären Fotovorlage ein Werbekunstwerk wird, das irgendwo in dieser gigantischen Galerie, zu der unsere Welt geworden ist, ausgestellt wird, in der realen wie in der virtuellen: Ein Rollkoffer, der von einem blonden Mann an einer bröseligen Wand im italienischen Süden, die mit Pastellpixeln vollgesogen ist, entlanggezogen wird; ein Glas Premium-Multivitaminsaft, dessen gesundes Orange sonnengleich auf einer dreckigen Betonstiege leuchtet; in eine geschlossene Männerhand geknüllte Dessous, deren heraushängende Bänder an Zügel erinnern, die frau nur zu fassen braucht; und natürlich Valentinas erste Arbeit für die Hamburger Agentur, eine Rasierklinge aus Licht, die die Konturen eines Frauentorsos freilegt. Bis heute streitet sie ab, dass sie für das Ausgangsfoto Modell gestanden ist; bis heute bilde ich mir ein, dass sie den Job bei Jensen, Rominger & Partner nicht ohne dieses besondere Engagement bekommen hätte. Trotzdem oder gerade deswegen ist das Rasierklingenfoto die einzige ihrer Arbeiten, die ich mir hier aufgehängt habe, in Plakatgröße über dem Bett.

Jetzt geht es los. Der Donner bellt durch den Innenhof und plötzlich geifert Regen ans Fenster, recht so, er soll den Industriedreck, der sich während der letzten heißen Wochen auf die Scheibe gelegt hat, abwaschen. Der Pappelschweif peitscht auf das Gebäude, das meinem Fenster gegenüberliegt, peitscht auf die Glasfront des Penthauses im fünften Stock, hinter der jemand hektisch hin- und herläuft.

Genug gestanden und gestarrt. Ich habe Anton versprochen, dass ich das Faxgerät, das er mir geschenkt hat, heute noch anschließe. Er hat mir rollenweise Papier mitgegeben, aus einer riesigen Kiste, die in der Pernecker Veranda steht. Ich glaube nicht, dass ich den Packen jemals aufbrauchen werde, schließlich schickt heutzutage kaum noch jemand eine Faxnachricht. Also los, anstecken, und dann in die Küche und die Knödel anbraten, die mir die dankbare Sophie eingepackt hat; in der gewitterdüsteren Küche werden die Gaszungen blau den Pfannenboden belecken, und durch die offene Türe des Arbeitszimmers werde ich den eingeschalteten Rechner im Blick haben, schwach wird der Bildschirmschoner wetterleuchten, während das Donnerbellen über den Dächern verhallt, während es langsam dunkel wird und ich auf Valentinas Anruf warte.

„Bist du still!“, zischte Rosmarinka Anton zu, als sie ihn endlich erreicht hatte. Halb blind von der Angst, die plötzlich ihre Glieder durchblitzte, wollte sie den Jungen in die Arme raffen und hinter das Fuhrwerk fliehen oder sich mit ihrem Sohn im Hühnerstall verstecken, aber dafür fuhr nur ihr Knöchel hart auf seinen Kopf hinunter. Der Dreijährige plärrte augenblicklich los und rannte in Richtung Haus, während Rosmarinka das Hoftor entriegelte und aufzog.

Er trug keine Waffe und war einen ganzen Kopf größer als sie, aber so dünn, dass sie wahrscheinlich ganz alleine mit ihm fertig geworden wäre. Stattdessen sagte sie, plötzlich wieder so ruhig geworden, als stände sie in Poschega auf dem Markt: „Willst du Eier? Ganz frisch. Ein paar davon sind sogar noch warm.“

„Eier!“ Er hatte schwarze Augen, die übergroß in einem Gesicht standen, aus dem der Hunger das letzte Gramm Fett gekratzt hatte. Wasser troff von seinem schäbigen Strohhut, als er sich vorbeugte, um die Eier mit zitternder Fingerspitze zu berühren. „Tatsächlich, noch warm.“

Seine fistelige Stimme kam Rosmarinka bekannt vor, aber ihr wollte nicht einfallen, wo sie sie schon einmal gehört hatte. „Ich kann dir die Eier braten. Wir haben auch Suppe im Haus.“

„Du bittest mich ins Haus? Dort warten wohl schon dein Mann und deine Schwager, he?“ Misstrauisch hob er die Augen von den Eiern, und plötzlich wusste Rosmarinka wieder, mit wem sie es zu tun hatte: mit Darko Belanović, dem entlaufenen Lehrling des Friseurs von Sveti Ivan. Er war mehr im Wirtshaus anzutreffen gewesen als im Geschäft seines Meisters. „Mein Mann und mein Schwiegervater sind draußen beim Pflügen. Kannst dich gerne davon überzeugen, ob die Pferde da sind oder nicht.“ Sie drehte sich leicht zur Seite, um ihm einen Blick auf den Stall zu ermöglichen, der sich mit seiner Stirnseite an die Längsmauer des Wohnhauses lehnte. „Schau, die Stalltüre ist offen. Keine Schweifspitze zu sehen. Und meine Schwager sind im Krieg. Einer in Griechenland, zwei in Russland. Das weißt du wahrscheinlich, oder nicht?“

„In Russland, recht so! Die Deutschen sollen in Russland krepieren, allesamt!“ Er blickte wieder begehrlich auf die Eier, dann sagte er: „Hast du Schnaps im Haus?“

„Habe ich. Ein kleines Fläschchen. Kannst es mitnehmen, wenn du willst. Mein Mann war im Winter oft genug besoffen.“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Das ist ein Wort!“ Darko lachte, dann steckte er die vordersten Glieder seiner Zeigefinger in den Mund und drehte sich um. Sein Pfiff vergellte in der waldigen Nässe der slawonischen Hügel. Die Buchen, die sich die Hänge hinaufzogen, hatten sich erst vor wenigen Tagen mit einem ängstlichen Grün belaubt, in dem schwadig der Nebel hing, und nun traten zwei weitere Männer zwischen den Stämmen hervor und liefen rasch über den Karrenweg, der den Wald vom Anwesen der Quendlers trennte, auf das Hoftor zu. Der eine, ein junger bartloser Schlaks mit einem verrosteten Stahlhelm auf dem Kopf, trug ein altes Jagdgewehr über der Schulter, der andere, der sehr kurz geraten war, hatte eine neu und gefährlich aussehende Waffe im Anschlag.

„Es ist kein Mann im Haus. Sie brät uns Eier“, rief ihnen Darko zu.

„Halt’s Maul!“ Der Kurze stieß ihn zur Seite, kaum dass er heran war, und richtete den ölig-schwarzen Lauf seines Gewehrs direkt auf Rosmarinka. „Ich warne dich. Wenn du gelogen hast, hämmere ich dir Eisen in dein hübsches Köpfchen. Das ist eine Maschinenpistole.“ Er hatte eine blaffige Stimme und misstrauisch-schlitzige Augen. Wieder durchblitzte Rosmarinka die Angst, dann jedoch war es ihr, als könne sie durch die Partisanen hindurchsehen wie der Röntgenapparat, von dem sie einmal gelesen hatte: Rosmarinka konnte nicht nur die Herzen und die Lungen der Männer erkennen, sondern auch ihre Magensäcke, und diese waren vollkommen leer.

„Ich lüge nicht“, sagte sie mit fester Stimme. „Hund haben wir keinen mehr. Er ist vorige Woche gestorben.“

„Klug von dem Hund, dass er gestorben ist“, knurrte der Kurze. „Sonst würde ich ihn jetzt erschießen. Na gut.“ Die Waffe immer noch im Anschlag, trat er durch das Hoftor. „Wir gehen rein und essen Eier.“

„Gebratene Eier!“ Ein entrücktes Glänzen trat in Darkos Augen. „Ich habe seit drei Monaten kein Ei mehr gegessen.“

„Halt’s Maul, Idiot! Los, gehen wir!“ Mit vorgestreckter Waffe zwang der Anführer Rosmarinka in Richtung Haustüre. Warum ärgerte sie sich gerade jetzt über das Wasser, das in ihren Holzklumpen gluckste? Warum dachte sie an die Schwiegermutter, die das Haus wie jeden Samstag von oben bis unten geschrubbt hatte? Es war ganz unmöglich, die drei verdreckten Partisanen zu bitten, im Vorhaus die Schuhe auszuziehen.

Aber als Rosmarinka dann mit dem ungebetenen Besuch in die Küche kam, dachte die Vettel, die in ihrem schwarzen Altweibergewand am Ofen stand, gar nicht daran, sich über den Schmutz, den sie hereintrugen, zu beschweren. Ihr Gesicht wurde so weiß wie die gestärkten Sonntagshemden ihrer Söhne, die sie stets im Schrank bereit hielt, obwohl nur eines davon gebraucht wurde.

„Leg Holz nach und stell die Suppe auf“, befahl ihr Rosmarinka auf Kroatisch und wunderte sich nicht im Geringsten darüber, dass die Schwiegermutter sofort gehorchte. „Setzt euch doch!“

„Wir bleiben stehen“, schnauzte der Kurze und schlug Rosmarinkas Hand, mit der sie einladend auf den großen Küchentisch gedeutet hatte, mit dem Gewehrlauf zur Seite.

Sie beeilte sich, die gewaltige gusseiserne Pfanne, in der sonst der Maisgrieß brutzelte, auf den Ofen zu wuchten. Zwölf Eier zerschlug sie über reichlich zerlassener Butter, deren Duft den Gestank, den die Partisanen ins Haus gebracht hatten, ein wenig minderte. Sie rochen wie eine alte, schimmelig gewordene Rossdecke voller Mistspuren, die tagelang auf modrignassem Waldboden gelegen hat und nun in ein warmes Zimmer gebracht worden ist. Kein Zweifel, die Partisanen führten ein elendes Leben, und das, obwohl sich die Wehrmacht schon seit Monaten nicht mehr hinauf in die Gipfelregionen des Papuk gewagt hatte, wo sie ihre Lager hatten.

Die Suppe aßen die Drei noch im Stehen, aber als die Spiegeleier fertig waren, setzten sie sich doch an den Tisch. Rosmarinka schnitt auf der Anrichte einen ganzen Laib Brot auf. Einen weiteren legte sie in den leeren Eierkorb, als die Löffel der Partisanen bereits über das Gusseisen kratzten. Die gierige Hast, mit der der Kurze und seine Leute die Suppe hinuntergeschlungen hatten, wich vorsichtigem Genuss, und aus Darkos Augen glänzte sogar Behagen. Nur der Anführer wollte sich nicht ganz ins Essen verlieren. Immer wieder blickte er prüfend Richtung Vorhaus, die Maschinenpistole schussbereit auf den Knien. Auch die Türe zur Stube ließ er nie außer Augen, und als sie plötzlich aufging, klirrte sein Löffel augenblicklich in die Pfanne, er schnellte von der Bank hoch und riss seine Waffe, die metallisch klickte, an die Wange.

„Nicht! Die Kinder!“ Rosmarinkas Warnschrei machte, dass der Kurze sein Gewehr wieder sinken ließ. Im Türrahmen standen Anton und Helga, Hand in Hand.

„Mama, warum hast du die bösen Männer hereingelassen?“ Antons Stimme schrillte vor Empörung. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um größer zu wirken, und schaute den Kurzen herausfordernd an. Helga hingegen kämpfte mit den Tränen.

„Sie sollen gehen! Sofort!“

„Sie sind gleich weg, Anton. Sie müssen nur noch aufessen“, beeilte sich Rosmarinka auf Deutsch zu antworten, damit ihr Sohn nur ja nicht auf die Idee kam, ins Kroatische zu wechseln.

„Deine beiden?“, fragte der Kurze, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte. Einen Moment lang lächelte er Rosmarinka zu.

„Ja, der Junge ist drei, das Mädchen eineinhalb Jahre.“

„Fast so alt waren meine zwei, als ich fort bin. Jetzt sind sie vier und zwei Jahre alt.“ Er seufzte und starrte für einen Augenblick versonnen auf die Kinder. Plötzlich sah er so klein und kraftlos aus, dass Rosmarinka ihm mühelos die Maschinenpistole hätte entwinden und die ganze Bande hinaus in den Dreck hätte treiben können, aber das tat sie nicht. Lieber sah sie zu, wie der Anführer kurz zusammenzuckte und seine Waffe mit plötzlich wieder wach gewordenen Augen in Richtung Vorhaus richtete, bevor er abermals zum Löffel griff und schmatzend aß.

Währenddessen war die Schwiegermutter schattengleich zur Stubentüre gehuscht und hatte die Kinder aus der Küche gedrängt. Rosmarinka hörte Helga leise weinen, Anton hingegen war ungewöhnlich still, dafür hatte die Großi wahrscheinlich mit einem Klaps gesorgt.

Die junge Mutter schlüpfte in die Speisekammer, nahm eine ellenlange Speckschwarte vom Haken und beeilte sich, etwas von dem Sliwowitz, der in einem großen Glasballon stand, in eine Flasche umzufüllen. So konnte sie Darko den vollen Weidenkorb in die Hände drücken, als der Kurze seine Männer nach dem Ende der Mahlzeit von der Bank hochbarschte.

„Raus! Wir sind schon viel zu lange hier!“ Er stieß seine Leute aus der warmen, trockenen Küche hinaus in den Regen, und bevor er sie durch das Hoftor scheuchte, rief er Rosmarinka, die in der Haustüre stand, zu: „Die Eier waren gut. Schade, dass du einen Schwaben geheiratet hast.“ Halb schon auf dem Karrenweg, drehte er sich noch einmal um: „Wenn du Probleme von anderen Trupps bekommst, dann sag ihnen, dass ich bei dir war. Dann tun sie dir und deiner Brut nichts an.“

„Wer bist du?“

„Man nennt mich den Bolzen. Ich habe das Postamt von Poschega überfallen. Merk dir das.“

Einen Augenblick später waren er und seine Männer im tropfenden Wald verschwunden. Rosmarinka stand lange in der Haustüre, ohne sich zu rühren. Kurz vor Weihnachten die gestohlenen Eier, um Heilig Drei König der verschwundene Kübel mit der Milch und dann, kurz vor der Fastenzeit, das Klopfen, das den Brotvorrat für eine ganze Woche gekostet hatte. All dies war mitten in der Nacht geschehen. Auch das Postamt von Poschega war in der Finsternis überfallen worden. Die Partisanen hatten zwei Wachsoldaten erschossen und die deutschen Funkgeräte, die im Keller gelagert gewesen waren, gestohlen. Und nun waren sie gekommen, um Spiegeleier zu essen. Am helllichten Tag.

Irgendwann zog die Schwiegermutter Rosmarinka ins Haus, nicht ohne sie daran zu erinnern, die Holzklumpen auszuziehen. In der Küche war es bereits wieder sauber, allein der Rossdeckenmoder hing noch in der Luft. Rosmarinka ließ sich auf die Eckbank sinken, und als Helga aus der Stube auf sie zuwackelte, fuhr der jungen Frau der Atem plötzlich stoßweise in die Brust. Sie schluchzte, ohne dass ihr die Tränen gekommen wären, bis die Schwiegermutter einen halben Teller dünne Brühe vor sie hinstellte. Das war alles an Suppe, was vom Besuch der Partisanen übriggeblieben war.

Valentina: Warum hast du die Kamera nicht eingeschaltet?

Arthur: Hab keine Lust.

Valentina: Dann schalte ich meine auch aus. Ist vielleicht besser, wenn wir uns auf das Reden konzentrieren. Bist du in Perneck gewesen?

Arthur: Ja. Schöne Grüße von deinen Eltern. Du sollst sie bei Gelegenheit anrufen.

Valentina: Wenn ich Papa am Telefon habe, hört er nicht mehr auf zu erzählen. Dann beschreibt er mir haarklein, was gerade im Garten reif wird. Dazu habe ich wirklich keine Zeit.

Arthur: Natürlich hast du keine Zeit. Und ich? Als ich ankomme, steht dein Vater im Garten, über einem Fenster, das er auf zwei Holzschragen gelegt hat. Es fällt ihm nicht ein, seine Finger, die vor Kitt nur so kleben, abzuwischen, bevor er meine Hand quetscht, und dann erzählt er mir, dass er schon den ganzen Vormittag dabei ist, Fenster zu kitten und zu streichen, deiner Mutter zuliebe. „Unsinnige Mühe“, sagt er. „Es wird kein Winter kommen, nicht in diesem Herbst und nicht im nächsten. Wann hast du das letzte Mal gefroren, mein Schwiegerfreund?“

„Gestern“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Bei mir in der Wohnung wird es nie richtig warm.“

Valentina: Vielleicht bist du einfach zu lange im Archiv über deinen Büchern gesessen. Oder vor dem Rechner. Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass du am Nachmittag rausgehen sollst, in die Stadt oder an die Donau oder auf den Freinberg, einen Spaziergang machen.

Arthur: Willst du mir Vorhaltungen machen, oder willst du wissen, wie es deinen Eltern geht?

Dein Vater redet und redet und kratzt dabei neuen Kitt aus einer Tüte und rollt ihn zwischen seinen flachen Händen zu einem halbfingerdicken Wurm, der immer länger und länger wird, abreißt und auf das Fensterglas hinunterfällt. Er redet und redet und der Wurm windet sich zwischen seinen Handflächen hin und her, bis deine Mutter aus dem Haus kommt und mich abküsst, und ein paar Minuten später setzen wir uns an den Tisch unter dem alten Apfelbaum und trinken Kaffee und essen Apfelkuchen.

Valentina: Mamas Apfelkuchen! Was würde ich jetzt dafür geben, im Apfelbaumschatten zu sitzen und Mamas Apfelkuchen zu essen. Ich würde die Schuhe und die Strümpfe ausziehen, mich zurücklehnen und mit den nackten Zehen Gras ausreißen, einfach so.

Arthur: Dafür müsstest du gar nicht so viel geben.

Valentina: Geben? Wofür?

Arthur: Du hast gerade gesagt, dass du viel dafür geben würdest, wenn du im Garten sitzen könntest.

Valentina: Du hörst dich seltsam an. Du hast so einen Lauerton in der Stimme, den ich überhaupt nicht mag.

Arthur: Weißt du, was du dafür geben musst? Hundert Euro für die Zugfahrt oder den Flug und zwei, drei Tage Zeit, nicht mehr!

Valentina: Ich hasse deine vorwurfsvolle Art. Du weißt genau, dass ich stark unter Druck bin.

Arthur: Selber schuld.

Valentina: Weiß ich. Das brauchst du mir nicht unter die Nase zu reiben.

Arthur: Den Rest des Nachmittags sind dein Vater und ich über dem Fenster gestanden. Er hat mich darüber aufgeklärt, wie man alte Farbe abspachtelt, hat mich gefragt, ob ich Augustinus gelesen habe und was ich von den Bogomilen halte und mir gezeigt, wie man den Kitt zwischen Rahmen und Scheibe drücken muss. Am Schluss hat er den Rahmen weiß gepinselt, nein, nicht nur den Rahmen, er hat auch die Fensterhebel mit Farbe bekleckert und selbst den Kitt, der noch feucht war, gestrichen. Das kann nicht gut sein.

Valentina: Und? Hast du Augustinus gelesen?

Arthur: Nein. Aber ich kann mich an ein Zitat deines Vaters erinnern: „Liebe und tu was du willst.“

Valentina: Liebe und tu was du willst. Das ist schön. Das ist weise.

Arthur: Genau. Weil ich dich so sehr liebe, bettle ich darum, dass du wieder mal runterkommst, für drei Tage, für ein Wochenende, für ein paar Stunden, für …

Valentina: Hör auf mit deinem Gejammer. Das ist ein tiefsinniger Satz, über den man nachdenken muss.

Arthur: Von den Bogomilen sagt dein Vater, dass er sich schon im Konvikt mit dieser Sekte beschäftigt hat. Bücher, die damals in anderen kirchlichen Einrichtungen im Giftschrank aufbewahrt worden sind, standen dort in der Bibliothek.

Valentina: Die Bogomilen haben ein sehr freies Sexleben gehabt, oder nicht?

Arthur: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich fast überhaupt kein Sexleben mehr habe. Ich halte es nicht mehr aus ohne dich, ich muss dich an mich pressen, deinen Hintern in meine Hände raffen, ich bin so …

Valentina: Hör auf damit. Glaubst du vielleicht, das macht mich an? Hilf dir selbst, wenn du es nicht mehr aushältst.

Arthur: Du bist so was von … ich bin voller Leidenschaft, und du, du …

Valentina: Wie geht es Mama? Sieht sie ein wenig besser aus?

Arthur: Deine Mutter sieht nicht gut aus, nicht, wenn sie neben deinem Vater steht. Obwohl sie gleich groß sind, scheint es mir immer so, als würde dein Vater sie weit überragen. Wenn er keine Glatze hätte, käme er wohl noch dominanter rüber. Er hat davon geredet, dass die Zeit ihm mit scharfer Klinge eine Tonsur geschert hat, und dabei gelacht. Sieht er sich als Mönch? Mir kommt es eher so vor, als sei er ein Faun, der in den Tiefen eures Gartens haust. Du weißt ja, wie wild ihm die Brusthaare aus dem Kragen wachsen und dass er im Sommer tiefbraun wird. Ein Faun, der auf der Suche nach Frühäpfeln selbst durch die Nachbarsgärten stöbert und seine Beute dann im Gartenhäuschen ausbreitet, tagelang von nichts anderem redet, bis er die Früchte dort vergisst und deiner Mutter gäriger Fäulnisgeruch in die Nase zieht.

Valentina: Mama geht es also nicht besonders gut?

Arthur: Sie ist sehr blass, sie sollte raus aus diesem Haus, raus aus diesem Perneck, in dem ein Tag wie der andere vergeht.

Valentina: Sie will Papa nicht alleine lassen. Danke, dass du hingefahren bist.

Arthur: Bitte.

Valentina: Du fehlst mir.

Arthur: Wirklich?

Valentina: Ja. Untertags denke ich kein einziges Mal an dich. Aber wenn ich heimkomme, dann fehlst du mir, ganz plötzlich. Dann fühle ich mich ganz alleine, und ich frage mich, ob es das alles eigentlich wert ist.

Willst du die Kamera einschalten? Ich würde dich gerne sehen.

Arthur: Ich habe dir schon gesagt, dass ich heute keine Lust dazu habe.

Valentina: Glaube ich dir nicht. Du hast bestimmt nichts dagegen, wenn ich mich für dich ausziehe, oder?

Arthur: Aber ich habe mich doch das letzte Mal … ich meine, ich war nicht eben nett zu dir.

Valentina: Vergeben und vergessen. Na los, schalt ein. Besonders fehlt mir dein Augenblau, oder sind deine Augen überhaupt blau? Das helle Blau dunkelt rund um die Pupille hin so stark nach, dass es fast schwarz wirkt. Geh ganz nahe an die Kamera, während ich mich ausziehe, dann kann ich dir in die Augen schauen, okay?

Sehr geehrter Herr Mantler,

unten stehend finden Sie die Pressemitteilung. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden.

Wie schon telefonisch besprochen, stellen wir Ihnen für Ihre Interviews ein neutrales Büro in unserer Hauptverwaltung zur Verfügung, Hauptplatz 3, dritter Stock. Bitte holen Sie sich bei nächster Gelegenheit den Schlüssel bei mir ab.

Es tut mir sehr leid, dass Ihr Sounddesigner nun doch nicht mit Ihnen zusammenarbeiten kann. Bitte benachrichtigen Sie mich sofort, sobald Sie eine neue Künstlerin/einen neuen Künstler gefunden haben, mit der/mit dem Sie die Ausstellung gestalten wollen.

Mit freundlichen Grüßen

Maria Radauer

Presseabteilung Heldenstahl

Heldenstahl vergibt erneut Hermann-Lenzlott-Stipendium für Historiker

Pressemitteilung

Heldenstahl ist eines der transparentesten Unternehmen Österreichs, auch auf dem Gebiet der Vergangenheitsbewältigung. Seit über einem Jahrzehnt bemühen wir uns aktiv um die Aufarbeitung historischer Altlasten. Neben der Einsetzung von Historikerkommissionen vergeben wir im Abstand von zwei Jahren auch das Hermann-Lenzlott-Stipendium für Historikerinnen/Historiker, die sich mit einem Thema beschäftigen möchten, das geschichtliche oder gesellschaftliche Relevanz für unser Unternehmen hat.

In diesem Jahr hat sich die Jury für ein Forschungsprojekt des Vorarlberger Historikers Arthur Mantler entschieden – einstimmig, denn Mantler hat sich mit einem äußerst interessanten Vorhaben beworben: Er möchte herausfinden, was Jugendliche, deren Eltern aus Bosnien und Herzegowina oder Kroatien zugewandert sind, über die Zeit des Nationalsozialismus/den Holocaust in Österreich denken.

Auf dem Betriebsgelände und in den Büros von Heldenstahl sind derzeit fast 250 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, die aus diesen beiden Ländern stammen. Allein schon deshalb unterstützen wir das auf vier Monate angelegte Projekt.

Arthur Mantler ist 39 Jahre alt. Er forschte an der Wiener Universität zum Thema Jugoslawismus (Ethnizität ohne nationale Bindungen: Jugoslawismus in Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina in den späten 1980er Jahren, Edition Auslasser, Bregenz) und war mehrere Jahre als freier Lektor für einen Vorarlberger Verlag, der vor allem historische Fachbücher herausbringt, tätig.

Basis von Mantlers Arbeit werden Interviews mit Jugendlichen sein. Teile dieser Tondokumente möchte der Historiker dann für eine Klangausstellung verwenden, die er zusammen mit einem Audiokünstler gestalten will. Diese Ausstellung wird ab Oktober öffentlich zugänglich sein – kostenfrei. Denn ganz im Sinne unseres langjährigen Vorstandsmitglieds Hermann Lenzlott ist Heldenstahl sich bewusst, dass ein international tätiges Unternehmen nur dann Zukunft haben kann, wenn es auch in Vergangenheitsfragen öffentlich Transparenz beweist.

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Sehr geehrter Schwiegerfreund!

Seien Sie herzlich bedankt für Ihren Besuch, den mir Sophie sehr wohl angekündigt, den ich aber vergessen hatte, bis Sie plötzlich bei uns im Garten standen. Wie schön, dass Ihnen die Marillen sogleich in die Augen leuchteten, 83 süße Sonnen in diesem Jahr, ich habe sie sämtlich gezählt. So viele waren es selten, und nun fürchten wir um die Tragkraft des Spaliers, das ich vor fast vierzig Jahren mit leichter Hand auf den Putz unserer Villa gehämmert habe. Sie sehen ihn bröckeln, den Putz, nicht wahr? Sie sehen den Rost in den Traufen, den Rost auf dem Dach der Holzveranda, dessen grüner Schutzanstrich in den letzten Tagen blattrig geworden ist. Sophie ist der Meinung, dass die Farbe sich über die Jahre hinweg abgelöst hat, aber sie versteht nichts von diesem Haus und von diesem Dach, das ich selbst gestrichen habe, jahrzehntelang hat die Farbe gehalten, und nun platzt sie vom Blech, als hämmerte jemand mit aller Gewalt dagegen.

Rost, Rost, Rost. Der Pickup im Hof unseres Wohnheims in Washington, District of Columbia, war löchriger als meine Pernecker Traufen. Wenn es geregnet hatte, konnte man einige Tage lang nicht damit fahren, weil sich die Sitze mit Wasser vollgesogen hatten – was schreibe ich, der Pickup hatte keine Sitze, sondern eine breite Bank, selbstverständlich ohne Kopfstützen und ohne Gurte. Wenn man den Führerschein machen wollte, musste man sich zuvor einen geübten Autolenker suchen, der bereit war, für eine festgelegte Anzahl von Stunden den Beifahrer zu spielen und einen durch die Stadt zu leiten. In meinem Fall übernahm Heinrich diese Rolle, das heißt, er gab bei der Prüfung vor, mich begleitet zu haben, denn ich war nach ein paar Runden im Hinterhof sogleich allein losgeknattert und ein paar Tage später auch alleine zu der Polizeiwache, auf der die Prüfung stattfinden sollte, gefahren. Ich wollte mir das Gelände vorher ansehen, weil ich ja wusste, dass als erstes das Einparken drankommen würde. Also fuhr ich auf den Innenhof, der ein großer Parkplatz war, und übte das Reversieren, bis ich die Lust daran verlor. Dann ging ich in die Wache, fragte einen officer nach der theoretischen Prüfung, und er meinte, dass er im Moment keinen Beilspielbogen im Büro hätte, ich aber dem Schwarzen, der gerade im Prüfungsraum säße, gern ein wenig über die Schulter schauen könne. Er sei ein hervorragender Autofahrer, könne aber nicht richtig lesen. Solidarität, mein lieber Schwiegerfreund, Solidarität! Ich half dem Schwarzen, seine Prüfung zu bestehen, dann meldete ich mich für den übernächsten Tag selber an und fuhr zurück ins Wohnheim. Heinrich standen die Haare zu Berge, als er meine Geschichte hörte. Er war immer so besorgt um mich, fast so besorgt wie Sophie jetzt um mich ist, ach, was schreibe ich, er ist immer noch besorgt um mich. Wenn er uns besucht, was selten genug vorkommt, stecken Sophie und er die Köpfe zusammen, und dann zerfließen ihre Züge vor Besorgnis. Alles völlig umsonst! Vor meinem Fenster leuchtet nicht nur eine, es leuchten 83 Sonnen! Ich habe Licht und Wärme, bis weit in den Herbst hinein.

Werter Schwiegerfreund, Sie sind jederzeit bei uns willkommen, gerne auch über Nacht. Bestellen Sie unserer Tochter doch einen schönen Gruß mit der Bitte um einen gelegentlichen Anruf und seien Sie herzlich gegrüßt, auch von Sophie.

Raimund und der Alte Jakob führten Josef und Magda in den Hof, als Rosmarinka gerade mit dem Melken fertig geworden war. Den Blecheimer mit der warmen Milch in der Hand, stand sie in der Nähe der Stalltüre und sah zu, wie Josef, der zu einem Rappen geworden war, hereingebracht wurde. Selbst Magdas weiße Flanken hatte der Aprilregen gehörig nachgedunkelt. Die Schimmelstute stampfte ungeduldig mit dem Vorderhuf, weil sie ein wenig warten musste, bevor sie ins Trockene konnte.

„Marinkchen, mein Marinkchen, wie geht es dir?“, rief der Alte Jakob, als er Magda an den Barren geführt und ihr die Kette um den Hals gelegt hatte.

Rosmarinka schien es, als könne sie die Augen des Schwiegervaters aus der dunstig-warmen Tiefe des Stalls zu sich herüberblitzen sehen, obwohl es dazu viel zu dämmrig war. Allein seine buschigweißen Brauen, die ihm ein leicht euliges Aussehen gaben, waren deutlich wahrzunehmen. Nun begann er, Magda mit einer alten Rossdecke trockenzureiben. „Gut geht es mir“, antwortete sie und bemühte sich um ein Lächeln. „Wir haben heute Nachmittag Besuch gehabt.“ Ein Schauder durchfuhr sie. Das kam wohl von der feuchtkalten Luft, die durch die offene Türe zog.

„Besuch?“ Raimunds Tenor drang unter dem Bauch des großen Gauls hervor. Gewissenhaft wie er war, rieb er selbst die Rossunterseite trocken. „Wer macht denn bei diesem Wetter den Weg von Sveti Ivan zu uns herüber? Dein Vater?“ Die Pferde hatten ihre Nase schon in das Heu, das Rosmarinka vor dem Melken in die Barren gegabelt hatte, gesteckt, und nun waren für Sekunden nur ihre mahlenden Kiefer zu hören. „Kannst du nicht antworten, he? Wer ist zu Besuch gewesen?“ Raimund richtete sich auf und schaute zu ihr herüber. Ganz im Gegensatz zum Alten Jakob, dessen Kopf kaum über die Pferderücken hinausreichte, waren sein hagerer Hals und seine schmalen Schultern zu sehen.

„Die Partisanen.“

„Was? Die Partisanen! Mitten am Tag?“

„Ja. Ich habe … ich habe Eier für sie gebraten.“ Rosmarinka begann plötzlich wieder zu schluchzen. Sie musste den schweren Milcheimer auf den Boden stellen und vermochte sich nicht einmal zu vergewissern, ob er auf all dem Stroh und dem Mist auch richtig stand, weil ihr plötzlich das Wasser in die Augen schoss.

„Eier? Du hast die Parti … du hast sie doch nicht etwa ins Haus gebeten!“ Raimunds Stimme war so schrill geworden wie das sonst nur bei manchen Frauen vorkam, wenn sie in Zorn gerieten.

„Was hätte ich denn tun sollen?“, schniefte Rosmarinka.

„Du hättest sie nicht ins Haus lassen dürfen!“ Raimunds Stimme wurde kreischig. „Nicht ins Haus, verdammt noch mal!“

Rosmarinka hörte ein heftiges Klatschen, erschreckt schnaubten die Pferde auf und rissen an ihren Ketten. „Niemals nicht ins Haus!“

Rasch wischte sich die junge Frau die Tränen aus den Augen und sah gerade noch, wie Raimund die nasse Decke erneut auf den Rücken des Braunen niederschnalzen ließ. Josef zerrte an der Kette und stampfte seine Vorderhufe wiehernd in die Einstreu.

„Hör sofort auf!“ Der Alte Jakob schlüpfte unter Magdas Bauch hindurch und riss seinem rasenden Sohn die Decke aus der Hand.

„Partisanen! In meinem Haus!“, heulte Raimund, dessen Augen jetzt sicherlich gelb geworden waren, immer wurden seine Augen schwefelgelb, wenn der Zornteufel in ihn fuhr.

„Noch ist es nicht dein Haus!“, schrie der Alte Jakob, während er Rosmarinkas Mann zwischen den Pferdeleibern hervorzerrte. Er war der Einzige, der es wagte, sich Raimund entgegenzustellen, wenn er tobte.

„Ich gehe nach Poschega! Zur Wehrmacht! Sie sollen die verdammten Partisanen …“

„Hör auf! Du machst die Gäule ganz verrückt.“

„Lass mich los! Ich gehe zur Wehrmacht!“

„Einen Dreck wirst du tun. Wenn du die Partisanen an die Wehrmacht verrätst, dann Gnade uns Gott!“

„Ich gehe zur Wehrmacht“, jaulte Raimund. „Und ich verrate ihnen auch, was Erwin gesagt hat. Wenn es keine Leute wie Erwin gäbe, dann gäbe es auch keine Partisanen! Das ist Wehrkraftzersetzung!“

Rosmarinka machte, dass sie aus dem Stall kam. Nie würde sie vergessen, wie der Verstand ihres Mannes kaum zwei Wochen nach der Hochzeit das erste Mal von seinem Zorn hinweggefegt worden war, von einem Gewittersturm, der bei schönstem Sommerwetter von den Höhen des Papuk heruntergefahren war. Damals war ihm nicht eine alte Rossdecke, sondern der schöne blaue Wasserkrug in die Hände gefallen, ein Teil von Rosmarinkas Aussteuer, der an der Wand der Schlafkammer in Scherben gegangen war. Erst Tage später hatte sie verstört begriffen, dass ihre Weigerung, sich vor dem Zubettgehen die bestickte Sonntagsschürze vor ihr Nachthemd zu binden, dafür verantwortlich gewesen war. Lange hatte sie darüber nachgegrübelt, weshalb Raimund sie dazu angehalten hatte, sich so absonderlich anzuziehen. Schließlich hatte sie sich daran erinnert, dass sie diese Schürze während des ersten gemeinsamen Tanzes getragen hatte und wohl auch während jener Stunde im Wald, in der Raimund sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass die kroatischen Mädchen von Sveti Ivan selbst an den Sonntagen im Sommer nicht vier oder fünf, sondern höchstens zwei oder drei Unterröcke trugen.

Sehr geehrte Frau Radauer,

nochmals herzlichen Dank für die Pressemitteilung. Ich finde, dass Sie mich und meine Arbeit sehr gelungen dargestellt haben.

Danke auch für das schöne Büro in der Hauptverwaltung. Vorgestern habe ich dort bereits das erste Interview geführt. Meine junge Gesprächspartnerin und ich waren von der direkten Aussicht auf den Hauptplatz sehr beeindruckt. Damit Sie sich eine erste Vorstellung von meiner Arbeit machen können, schicke ich Ihnen anbei die stark gekürzte Transkription des Interviews.

Mit herzlichen Grüßen

Arthur Mantler

Wird in Eurer Familie über die nationalsozialistische Zeit in Österreich gesprochen?

Nein, eher nicht. Zumindest mit meiner Mutter rede ich nicht über solche Sachen. Sie hat einen anstrengenden Job. Sie ist selbständige Putzfrau und steht jeden Tag um fünf Uhr auf. Wenn sie daheim ist, ist sie so müde und kaputt, dass sie keine Lust mehr zum Reden hat. Außer am Sonntag. Nach der Messe gönnen wir uns meistens ein langes Frühstück und reden miteinander.

Was weißt du über den Holocaust (den Mord an den Juden während des Dritten Reichs)?

Ist der Holocaust Gesprächsthema in deiner Familie?

Ich geb’s zu, ich weiß eigentlich nicht so viel darüber, außer, dass es Mauthausen und Auschwitz gegeben hat und diese ganzen grausigen anderen Konzentrationslager, wo die Juden vergast worden sind. Mein jüngerer Bruder provoziert mich manchmal damit, er sagt Sachen, die ich hier lieber nicht erzähle. Mama und ich machen uns große Sorgen um ihn. Vor ein paar Monaten ist er nämlich einem kroatischen Fußballclub beigetreten. Der Club mietet einen Bus, und dann fahren sie zu irgendwelchen Spielen nach Bosnien. Das ist sehr gefährlich, weil es dort oft zu Schlägereien kommt.

Ist die nationalsozialistische Zeit in Österreich Gesprächsthema in deinem Freundeskreis? Sprecht ihr über den Holocaust?

Nicht wirklich. Das ist schwierig, weil in meiner Klasse so viele Ausländer sind, viele Türken und Bosnier. Zwei meiner Klassenkameraden sind aus Ghana und zwei Mädchen sind aus Syrien. Die wissen wahrscheinlich noch weniger über diese schlimme Zeit wie ich. Aber eigentlich kennen sich die echten Österreicher auch nicht besser aus, zumindest nicht die, die in meiner Klasse sind. Einer davon ist vor ein paar Wochen plötzlich in Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln dahergekommen und hat angefangen, sich nazimäßig aufzuführen. Dabei hat er hat nicht mal gewusst, dass weiße Schnürsenkel ein Symbol für Rassismus sind. Unser Geschichte-Lehrer hat es ihm erst erklären müssen.

Wie siehst du persönlich die nationalsozialistische Zeit in Österreich?

Hitler war vielleicht genauso beschränkt wie der Möchtegern-Nazi in meiner Klasse. Der kann bei uns Mädels nicht landen und ist deswegen so frustriert, dass er uns Angst machen will. War Hitler eigentlich verheiratet? Ich weiß wirklich viel zu wenig. Wenn ich mehr wissen würde, dann könnte ich bei Brani besser dagegenhalten – wenn er zum Beispiel sagt, dass Hitler die ganzen Serben gleich mitvergasen hätte sollen. Ich mache mir wirklich große Sorgen um ihn. In letzter Zeit hat es sogar in der Werkstatt, in der er Mechatroniker lernt, Probleme gegeben. Hoffentlich schmeißt er seine Lehre nicht hin! Wissen Sie, er ist schon als Kind sehr schwierig gewesen, vielleicht, weil er noch so klein gewesen ist, als das mit unseren Eltern in die Brüche gegangen ist. Es wäre schön, wenn er sich bald verlieben würde, am besten in eine Serbin. Das würde ihm bestimmt die Augen öffnen.

Werter Schwiegerfreund!

Erzählen Sie mir nie mehr wieder, Sie hätten zwei linke Hände! Offenbar ist es Ihnen gelungen, das Faxgerät anzuschließen und meinen ersten Brief zu empfangen. „Kommunikation“, sagt mir Valentina immer wieder, „Kommunikation ist alles, Papa. Ein Produkt kann noch so gut sein. Wenn es nicht kommuniziert wird, wird kein Mensch es kaufen.“ Verstehen Sie das? Die Sense zum Beispiel, mit der ich heute den hinteren Teil des Gartens ausgelichtet habe, diese Sense ist mindestens siebzig Jahre alt. Mein Vater hat sie über Jahrzehnte hinweg benutzt, und vielleicht hat sie schon mein Großvater in Händen gehabt. Ist dieses Produkt jemals „kommuniziert“ worden? Was ist wirklich notwendig auf der Welt außer einem Spaliergitter mit sonnigen Marillen und einer Sophie, welche das erste Mal seit Jahren wieder kurze Hosen trägt, der Hitze wegen, die zwischen den Pernecker Bergen brütet? Ich selbst habe mich meines Hemds und meiner Schuhe entledigt, und beinahe wäre es mir gelungen, sie in der Mülltonne verschwinden zu lassen; ich schnappte gerade den schwarzen Deckel zurück, ein hitziger Fäulnisgeruch drückte mir entgegen, als Sophie zufällig aus dem Haus kam und sofort begriff, was ich vorhatte. Es gelang ihr, mir Hemd wie Schuhe aus der Hand zu winden, aber nicht, mich dazu zu bringen, sie wieder anzuziehen. Weil ich ihr drohte, hinkünftig gänzlich nackend durch den Garten zu laufen, begnügte sie sich damit, ins Haus zurückzukehren und zwei Minuten später mit einer gelben Tube Sonnenmilch wieder herauszukommen. Wie ich mich erinnerte, hat Valentina vor etwa zwei Jahren eben dieses Produkt kommuniziert, aber das nur am Rande. Ich hätte auch Sonnencreme einer anderen Marke in der Mülltonne verschwinden lassen.

Knödeln Sie Sophie, ob Ihnen das mitgegebene Essen geschmeckt hat, sie freut sich sicherlich sehr darüber, und besuchen Sie uns bald wieder.

Während des Nachtessens war Rosmarinkas Mann wieder der friedlichste Mensch dieser Welt. Der Teufel war durch ihn hindurchgefahren, und nur der gelbliche Glanz seiner Augäpfel war davon zurückgeblieben. „Wir müssen Josef und Magda umtaufen“, erklärte er, während er fetttriefende Bratkartoffeln auf seinen Löffel häufte. Weil sämtliche Eier in die Partisanenmägen gewandert waren, hatte die Schwiegermutter die Erdäpfel zusammen mit reichlich Speck in der gusseisernen Pfanne, die nun wieder in der Tischmitte stand, gebraten.

„Warum?“, ließ sich Anton vernehmen, der auf dem Schoß seiner Großmutter saß. „Josef und Magda sind doch schöne Namen.“

„Das verstehst du nicht“, fuhr ihm sein Vater über den Mund. „Heute beim Pflügen scheuche ich einen Feldhasen aus einer Senke, ohne dass ich es merke. Er hüpft zwischen den Beinen der Pferde hin und her. Josef scheut und will zur Seite ausbrechen. Und was schreit der Vater, der am Feldrand Steine klaubt und gesehen hat, was los ist? ,Pass bloss auf‘, schreit er. ,Der Goebbels will ausreißen. So ein Hasenfuß!‘ Und dann lacht er, er schlägt sich auf die Schenkel vor lauter Lachen und sagt, dass es schade ist, dass der Erwin nicht da ist, weil ihm das gefallen hätte.“

„Umtaufen, so ein Blödsinn!“, rief der Alte Jakob. „Kein Mensch ist unterwegs gewesen bei diesem Wetter! Gell, mein Marinkchen, bei Regen pflügen bloß die Schwaben. Da gehen die Kroatischen nicht aus dem Haus und auch nicht die Tschechischen.“ In Erwartung einer zustimmenden Antwort wandte er sich Rosmarinka zu. Seine Brauen buschten nach oben, als er sie anschmunzelte.

Sie leckte sich Fett von den Lippen. „Genau. So dumm wie die Schwaben sind die Tschechischen nicht. Und die Kroatischen schon gar nicht.“

„Na siehst du!“, lachte Jakob in Raimunds Richtung. Er war sichtlich damit zufrieden, dass nun auch seinem Sohn ein Grinsen auskam. „Die Gäule heißen Josef und Magda, aber natürlich nur, bis der Führer heiratet. Dann erst taufen wir sie um. Wir nennen den Josef dann Adolf und die Magda nennen wir Gudrun oder Uschi oder Antje.“ Weil er schon mit seiner Suppe fertig war, lehnte er sich zurück, stopfte seine Pfeife und gab einen Seufzer des Behagens von sich, der durch das Schmatzen der Schwiegermutter fast nicht zu hören war. Weil ihr nur drei oder vier Zähne geblieben waren, plagte sie sich mit dem angebratenen Speck. Anton hingegen verzehrte ihn mit großem Genuss.

Als der Alte Jakob seine Pfeife angezündet hatte, begann er davon zu erzählen, dass es seit alters her in der Familie Quendler üblich gewesen sei, das Kaiserpaar in Wien zu ehren, indem man die Ackergäule mit ihren Vornamen versehen habe. Es habe einen Ferdinand und eine Maria-Anna gegeben, aber an diese Rösser könne er sich nicht mehr erinnern, weil er seine ganze Kindheit und Jugend lang mit Franz Josef und Sisi zu tun gehabt habe. Dann jedoch sei dieser unselige Krieg gekommen, der ihn die Hälfte seines Magens gekostet habe. Seither gebe es nur mehr Suppe für ihn.

Einen Moment lang unterbrach er sich und blickte bedauernd auf die Pfanne, die fast leergegessen war. Schon als es gegen die Serben gegangen sei, habe er sich gefragt, welche Namen denn die Gäule zukünftig tragen würden. Franz Ferdinand und Sophie seien ja zu seinem Bedauern nicht mehr möglich gewesen, und dass der alte Kaiser Franz nicht mehr allzu lange leben würde, habe zwar jeder gewusst, aber keiner gesagt.

„Drei Wochen lang sind wir marschiert. Die Italiener haben uns einfach nichts Anständiges zu essen gegeben. Wenn wir durch ein Dorf gekommen sind, haben wir die Kartoffelschalen von den Misthaufen geholt. Wir haben schimmeliges Brot und lehmige Steckrübensuppe gegessen. Da ist es kein Wunder, dass mein Magen nur noch halb so groß ist wie vorher.“

Raimund wischte mit einem Stück Weißbrot verbliebenes Fett aus der Pfanne und steckte den Brocken Helga in den Mund. Wie stets saß das Kind brav auf dem Schoß seines Vaters und aß so fein und anständig, wie das sonst nur die Nachkommen besserer Leute tun. Bis auf Rosmarinka hörte dem Alten Jakob niemand wirklich zu. Ein bis zwei mal die Woche verlor er sich während des Essens ins Erzählen, und die Kriegsgefangenschaft in Italien war sein bevorzugtes Thema. Jetzt aber kam er wieder zu den Quendlergäulen zurück: „Unsere Rösser haben auch nach dem Krieg Franz Josef und Sisi geheißen. Ganz am Anfang habe ich mir noch gedacht, jetzt müssen sie den Namen von dem Wiener Bundeskanzler und seiner Frau bekommen, aber die hohen Herren haben so schnell gewechselt, dass ich das bald aufgegeben habe.“ Weiß wölkte der Pfeifenrauch des Schwiegervaters hinauf zur Petroleumlampe, die ein wenig blakte, obwohl Rosmarinka den Docht erst am Vormittag gekürzt hatte.

„Der Erwin hat vorgeschlagen, dass die Gäule neue Namen brauchen. Er hat gemeint, dass in Deutschland eine neue Zeit angebrochen ist und dass das selbst für uns Slawonier Auswirkungen haben wird. Er hat recht gehabt.“

Rosmarinka nickte dem Alten Jakob lächelnd zu. Als Erwin das vorletzte Mal auf Fronturlaub gewesen war, hatte er ein Radio mitgebracht. Bedeckt mit einem gestärkten Spitzentuch, stand es nun in der Stube auf dem Fensterbrett, und die Kinder drehten manchmal ehrfürchtig an seinen Knöpfen herum. Um es in Betrieb nehmen zu können, hätte Rosmarinka den Holzkasten bis nach Poschega tragen müssen, denn in ganz Sveti Ivan und Umgebung gab es keinen Strom. Ein solches Radio könne nicht nur Musik spielen, sondern auch Neuigkeiten aus aller Welt erzählen, hatte Erwin einmal berichtet. In einem Quartier an der Front sei er viel neben dem eingeschalteten Apparat gesessen und habe mit Erstaunen bemerkt, dass das Kroatische auch dafür gut sei, ein paar Wörter einer russischen Sendung zu verstehen. Die Beiträge aus dem Reichspropagandaministerium hingegen habe er sich vor allem dann angehört, wenn das Heimweh übermächtig geworden sei. „Josef wiehern“ zu hören habe ihm nämlich stets den Eindruck vermittelt, gerade im Quendler’schen Stall zu stehen.

Rosmarinkas Mann würde sich hüten, Erwin wegen derartiger Witzchen an die Wehrmacht zu verraten. Einer der vier Quendler-Söhne hatte das Recht, seinem Vater bei der Bewirtschaftung des Hofes zu helfen, und niemand, nicht einmal Rosmarinka, hätte es nicht verstanden, wenn Erwin gesagt hätte, dass nun Raimund an der Reihe sei. Raimund, der dem letzten Fronturlaub seines Bruders mit nervöser Unruhe entgegengesehen hatte und unduldsam mit Rosmarinka gewesen war. Zu dritt hatten sie im Hof Brennholz geschnitten, Raimund auf der einen, der Alte Jakob und Rosmarinka auf der anderen Seite der Wiegesäge, die ständig unter Zug gehalten werden musste, damit sich das Blatt nicht verwellte und verzog und die Zähne sich nicht im Stamm verzackten. Einmal hatte der Alte Jakob gezogen, dann Rosmarinka und dann wieder der Alte Jakob, und Raimund immerzu auf seiner Seite. So war es stundenlang dahingegangen, und der überfrorene Schlamm des Innenhofs war gelb geworden vom Sägemehl. Und dann war Erwin von Sveti Ivan herübergekommen, auf dem Karrenweg, den schon seit Tagen niemand mehr benutzt hatte. Bei jedem Schritt krachte er durch den Harsch und sank in den feuchten Schnee, der darunter lag, herbeikrachen hörten ihn der Alte Jakob, Raimund und Rosmarinka, und als Erwin an das Hoftor klopfte, das sie der Partisanen wegen Tag und Nacht verriegelt hielten, fluchte Raimund, weil sein Vater den Griff der Säge plötzlich losließ.

Der Alte Jakob sagte später, er habe am Klopfen erkannt, dass sein jüngster Sohn nach Hause gekommen sei, Erwin, der durch das aufgezogene Tor in den Hof stapfte, kleiner selbst als sein Vater wirkte er unter dem riesigen Leinenrucksack, der auf seinem Rücken huckte und der zwölf Pfund Bohnenkaffee enthielt, zwanzig Tafeln Wehrmachtsschokolade, drei Flaschen kaukasischen Wein und ein Kleid aus der Schwarzmeerstadt Odessa, das von einem schamlosen Rot war und so eng, dass es nur ohne Unterröcke getragen werden konnte.

Anton, der sich vom Schoß der Großi gezappelt hatte, drückte sich an Rosmarinka. Er versteckte seinen Kopf halb unter ihrer Schürze und murmelte kaum vernehmlich, dass er heute das Holzgewehr neben sein Bett stellen wolle, gegen die Partisanen, und dass er seinen Vater gleich morgen bitten werde, ihm eine Maschinenpistole zu tischlern.

„Heute bringe ich die Kinder ins Bett.“

Rosmarinka zuckte zusammen, als die Schwiegermutter sie kurz am rechten Handrücken berührte, nicht, weil die Fingerkuppen der krumm gearbeiteten Hände so kalt waren, sondern weil sich die junge Frau nicht erinnern konnte, jemals von der Vettel angefasst worden zu sein. „Brauchst auch den Abwasch nicht zu machen. Hast heute genug Arbeit und Aufregung gehabt.“

Was war nur in die Alte gefahren? Als Rosmarinka ihr Angebot ausschlug, aufstand und nach dem Griff der längst geleerten Gusspfanne langte, umfasste die Schwiegermutter nachdrücklich ihren Handrücken und wandte sich an die Kleinen:

„Wollt ihr heute wieder bei der Großi schlafen, Kinder?“ Weil Anton und Helga nichts lieber hatten, als in der Kammer der Großeltern zu übernachten, und die Schwiegermutter die Pfanne energisch an sich nahm, blieb Rosmarinka nichts anderes übrig, als ihr ihren Willen zu lassen. Sie ging hinüber in die Stube, wo neben der Türe zur Küche die Judenkommode stand. Vorsichtig zog sie die oberste Schublade des alten Möbels auf. Gleich bei ihrem Einzug ins Quendlerhaus hatte sie der Alte Jakob wissen lassen, dass sie das gute Stück pfleglich behandeln müsse, weil es etwas ganz Besonderes sei: Dass es sich um keine gewöhnliche Bauernkommode handle, könne sie allein schon an dem gelackten Holz erkennen, das nenne man Furnier, das müsse sie sich merken. So hatte Rosmarinka dieses deutsche Wort noch vor vielen anderen, wichtigeren Wörtern gelernt, vor Erbsen, Kürbis oder Sellerie, aber nach Kartoffeln, Milch und Speck. Der Vater seines Vaters, so hatte ihr der Alte Jakob später erzählt, habe die Kommode von einem Juden, der in Geldschwierigkeiten gewesen sei, gegen eine junge Fuchsstute eingetauscht, und seither würden die Kommunionkerzen und Gesangsbücher der Familie in der untersten Lade verwahrt, die oberste hatten die Frauen für ihre Stick- und Stricksachen zur Verfügung, und in der mittleren fanden sich die Geburts- und Sterbedokumente zusammen mit der Bibel. Auch die Feldpostbriefe der eingezogenen Söhne lagen darin, drei sorgfältig mit Zwirn umwickelte Stapel.

Rosmarinka holte das Schultertuch, das sie gerade in Arbeit hatte, aus der Schublade und ließ sich damit auf die Kachelofenbank niedersinken. Seit sie ins Quendlerhaus eingezogen war, gab es hier nicht mehr nur rote, blaue und schwarze Fäden, sondern auch grüne und gelbe. Die Schwiegermutter hatte es nicht vermocht, die junge Frau davon zu überzeugen, dass sie nun, da sie eine Deutsche sei, auch in den althergebrachten Farben und Mustern zu sticken habe. Über so etwas konnte Marica nur lachen. Die Cousine hatte ihre Schneiderlehre in Poschega zwei Wochen nach Rosmarinkas Hochzeit begonnen, und nun waren es nur noch ein paar Monate bis zu ihrer Gesellenprüfung. Ihre Eltern waren gegen die Lehre gewesen, genauso wie Rosmarinkas Vater dagegen gewesen war, dass sie sich ausgerechnet mit einem Überständigen verheiratete.

Der Alte Jakob und Raimund kamen herein. Sie setzten sich mit ihrem Abendschoppen an den Stubentisch, rauchten und redeten über das nasse Wetter, das ihnen wohl für die kommende Woche das Pflügen verleiden würde.

Mehr als einmal nickte Rosmarinka kurz über ihrem Stickrahmen ein. Was musste dieses Rosenmuster auch so kompliziert sein. Marica hatte es aus Poschega mitgebracht, zusammen mit einem selbst entworfenen Schnittmuster für einen anstößig kurzen Rock. Die Cousine hatte kichernd erzählt, wie sehr ihre gewagten Kreationen ihrem Meister zu Anfang missfallen hätten, inzwischen jedoch habe sich in Poschega herumgesprochen, dass bei Albert Miesgang Mode nach Vorlagen aus Wien und Berlin zu haben sei, und die Damen der Gesellschaft hätten damit begonnen, gutes Geld in dem verstaubten Laden zu lassen. Der alte Miesgang knickere trotz der unverhofften Einkünfte weiterhin mit jeder Garnrolle. Vor dem Krieg habe er es dem Vernehmen nach immerhin alle paar Monate fertiggebracht, die Gewölle aus Stoff- und Lederresten, die in den Ecken seiner Schneiderstube lagen, an den Lumpensammler zu verkaufen. Jetzt aber weigere er sich, selbst das kleinste Fitzelchen herzugeben. „Er wartet darauf, dass ein Zigeuner mit löchriger Hose kommt. Dem kann er dann einen farblich ganz genau passenden Flicken aufnähen“, hatte Marica gespottet. „Wenn ich ausgelernt habe, eröffne ich mein eigenes Geschäft! Und wenn ich damit genug Geld verdient habe, gehe ich nach Slavonski Brod oder sogar nach Zagreb und schneidere nur noch für die vornehmsten Damen!“

Seufzend stand Rosmarinka auf und verräumte das Stickzeug in der obersten Lade der Kommode. Ob sie Zagreb jemals mit eigenen Augen sehen würde? Dass sie in Slavonski Brod ins Kaffeehaus hatte gehen und sich bei einem deutschen Lebzelter ein Herz mit süßem Bandelzierwerk hatte aussuchen dürfen, war das Verdienst ihres Firmonkels, der in Poschega mit Saatgut handelte. Er hatte sie in seinem Automobil in die große Stadt mitgenommen und ihr alles gezeigt. Erzählte sie Raimund von diesem Ausflug, lachte er bloß. Obwohl er über zehn Jahre älter war als sie, war er nur drei Mal in Slavonski Brod gewesen, und immer nur deswegen, weil es sich nicht hatte vermeiden lassen. Er behauptete, von dem Krach der Automobile und Lastwägen Kopfweh zu bekommen, und außerdem würden ihn die vielen fremden Menschen, die einem dort ständig über den Weg liefen, nur verwirren.

Rosmarinka wünschte dem Alten Jakob eine Gute Nacht und gab Raimund mit einem unmerklichen Nicken zu verstehen, dass sie auf ihn warten würde. Er antwortete mit einem Lächeln, das genauso begehrlich war wie jenes, das er ihr auf dem Tanzboden gezeigt hatte, so begehrlich unanständig, dass ihr alles Blut vom Herzen in den Kopf geschossen war, und selbst jetzt, fast vier Jahre nach der Hochzeit, verspürte sie noch einen Anflug von Scham bei dem Gedanken daran, was er gleich von ihr erwarten würde.

3

Alles in ordnung? Warum hast du dich heute früh nicht bei mir gemeldet? Habe jetzt besprechung, melde mich abends bei dir. Küsse, V.

Warum ich mich nicht bei dir gemeldet habe? Weil du den ganzen Tag über nicht an mich denkst, den ganzen langen Arbeitstag über denkst du kein einziges Mal an mich. Erst wenn du keine Kollegen und keine Kunden mehr um dich hast; erst wenn du die Türe zu deinem Ein-Zimmer-Appartement aufstößt, dann fehle ich dir plötzlich. Dann erst erinnerst du dich daran, dass du mich jederzeit anrufen kannst, dann erst holst du dein Privattelefon aus der Hosentasche und liest meine Nachrichten, hörst deine Mailbox ab – nein, du legst dein Handy auf den staubigen Couchtisch und sagst dir, dass du mich später anrufen wirst, weil draußen noch ein wenig Tageslicht über der Außenalster dämmert und du schon seit drei, vier Tagen keinen Sport mehr gemacht hast. Obwohl du nicht die geringste Lust dazu hast, streifst du dir sofort die Sandalen ab, du fährst aus deinem Rock und springst drei Minuten später in Turnschuhen durchs Stiegenhaus hinunter auf die Straße. Der Appartementblock, in dem du zusammen mit Ina, Lukas, Sarah, Zoltan, oder wie deine Kollegen noch alle heißen, wohnst, gehört Jensen, Rominger & Partner. Wozu Zeit und Energie mit der Wohnungssuche verplempern, wenn der Arbeitgeber Appartements in Bestlage anbietet, nur zwei S-Bahn-Stationen vom Büro entfernt?

Die hundertfünfzig Meter bis zum Wasser schlenderst du, du reckst dich zum blässlich gewordenen Himmelsblau hinauf und versuchst, nicht an den Auftrag zu denken, der dir und deinem Texter heute zugeteilt worden ist, eine Kampagne, die den Hamburger Containerhafen im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt machen soll. Es muss alles sehr schnell gehen, weil Rotterdam etwas Ähnliches im Sinn hat, das hat Matthias Jensen heute Morgen von einem Informanten erfahren. Höchstpersönlich ist er ins Großraumbüro gekommen, leger in Kurzarmhemd und Jeans gekleidet, und hat dich gebeten, ihm doch bitte in den Besprechungsraum zu folgen.