Ziegeleien in Recklinghausen - Hans-Georg Kollmann - E-Book

Ziegeleien in Recklinghausen E-Book

Hans-Georg Kollmann

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Beschreibung

Der Autor beleuchtet in diesem Buch ein Stück Heimat- und Industriegeschichte. Recklinghausen ist begünstigtes Lehm- und damit Ziegeleigebiet. Ziegel zum Hausbau wurden in der Region Dank reicher Lehm- und Tonvorkommen früher oft im Feldbrand selbst hergestellt. Mit Beginn des Kohle- bergbaus und der Zuwanderung von Menschen ins Ruhrgebiet wuchs der Bedarf an Baumaterial stark und viele Ziegeleien entstanden. Hans-Georg Kollmann hat den heute fast vergessenen Ziegeleien Recklinghausens nachgespürt und deren wechselhafte Geschichte von der Gründung bis zur Schließung bzw. Abriss dokumentiert.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Vorwort

Mit der Fertigstellung dieses Buches ist ein großes Arbeitspensum erledigt. Das ist mir mit fortschreitendem Alter bewusst geworden. Es erfüllt mich mit Freude, dass so viele Angesprochene und an der Arbeit Interessierte ihre Ideen und ihre Kraft für dieses Projekt eingesetzt haben. Meine Söhne Andreas und Karl-Bernd haben mit ihren Fachkenntnissen und ihrem medialen Können die Texte kritisch gelesen und das verfügbare Bildmaterial bearbeitet. Einiges Material haben die Damen und Herren des Vestischen Archivs und des Katasteramt des Kreises Recklinghausen mit Blick auf das Thema zugesteuert.

So ist ein Stück Regional-, Wirtschafts- und Bergbaugeschichte Recklinghausens beschrieben und dokumentiert worden. Relativ wenige Spuren aus der „Ziegeleizeit“ erschließen sich dem suchenden und forschenden Heimatfreund im Raum Recklinghausen. Mit diesem Buch wird es ihm gelingen.

Mögen dieser Ausführungen zur Stadt Recklinghausen dazu beitragen, diese Regionen unserer Stadt kennen und schätzen zu lernen.

Viel Freude und Gewinn wünscht

Hans-Georg Kollmann

Recklinghausen, Januar 2019

Abb. 1a Ziegeleien in Recklinghausen (Übersichtskarte). Hans-Georg Kollmann, 2017

Abb. 1a: ungefähre Größe und Lage der Vorkommen. Hans-Georg Kollmann, 2017

Inhaltsverzeichnis

A.

Allgemeine Einleitung zum Thema Ziegeleien

Lehmgewinnung und -verarbeitung

1.

Das Ziegeleigelände

2.

Geologische Voraussetzungen

3.

Bedeutung der Ziegelrohstoffe

4.

Ziegelsteinproduktion

a.

Der Feldbrandofen

b.

Die Ringofen-Ziegelei

c.

Die Nordwanderung des Bergbaus

5.

Bauboom im Ruhrgebiet

6.

Arbeitszeiten auf der Ziegelei

7.

Ziegelsteintransporte

8.

Zechenziegeleien

9.

Der Raum Hillen / Recklinghausen-Ost: Zentrum des Ziegeleigewerbes

10.

Gemeinsamkeit macht stark – Ziegel-Verkaufsvereine

B.

Nummerierung der Recklinghäuser Ziegeleien

I.

Recklinghäuser private Ziegeleien

1.

Zgl. Bönte (Minette)

2.

Zgl. Gertz (Dorth)

3.

Zgl. Billmann (Ziegelgrund)

4.

Zgl. Fischdick (Am Quellberg)

5.

Zgl. Münch & Jörgens

6.

Zgl. Schulte

7.

Zgl. Kopper

8.

Zgl. Hütter / Budde

9.

Zgl. Hermannshütte (Drecker) (Krabbe) (ten Hompel) (Plöger)

10.

Clemenshütte

11.

Zgl. Ehling

12.

Zgl. Kaudelka

13.

Zgl. Tillmann

14.

Zgl. Timphus

15.

Zgl. Schröder

16.

Alte Zgl. Mittelviefhaus

17.

Zgl. Stenkhoff & Breucker

18.

Zgl. Schulte Oestrich I

19.

Zgl. Schulte Oestrich II

20.

Zgl. Holtkamp

21.

Zgl. Eickmann

22.

Zgl. Isselstein

23.

Rademacher & Lansing

II.

Ziegeleien auf Zechenanlagen

24.

Zgl. Zeche Recklinghausen 2

25.

Zgl. Zeche König Ludwig 1/2

26.

Zgl. Zeche König Ludwig 4/5

27.

Zgl. Zeche Blumenthal 1/2

28.

Zgl. Zeche Blumenthal 3/4

III.

Ziegeleistandorte in Recklinghausen

Bearbeitung der Übersicht: Hans-Georg Kollmann 2016

Abb. 1 Ehemaliges Ausziegelungsgelände nördlich der Straße 'Am Quellberg'. Das Gebäude links ist das Haus 'Am Quellberg' 37. Fotonachlass Alfred Fischdick.

Abb. 2 Auf der Verladerampe für den Lehmtransport hinter dem Haus Am Quellberg 38. (Foto: Privatfoto Korf)

Abb. 3 Lehmabbau südlich von Fischdick (Haus Nr. 73) im Bereich des heutigen Einkaufszentrums am Quellberg. St.A.R., Fotoarchiv Nr. 103105, ca. 1965 (G. Vach).

Abb. 4 „Urlandschaft“ bei Haus Fischdick (Am Quellberg Nr. 73) St.A.R., Fotoarchiv Nr. 103105, ca. 1965 (G. Vach).

Abb. 5 (links) Haus mit heller Giebelseite (rechts). Haus von Familie Hans-Georg Kollmann, Am Quellberg Foto 1964. St.A.R., Fotoarchiv 103105.

A. Allgemeine Einleitung zum Thema Ziegeleien

Lehmgewinnung und -verarbeitung

1. Das Ziegeleigelände

„Wie kommst Du dazu, Dich mit Ziegeleien in Recklinghausen zu befassen?“ – Das war eine oft gestellte Frage, wenn man mich im Gespräch nach meiner Freizeitbeschäftigung gefragt hatte.

Mit einem Satz war das nicht zu beantworten, wenn die Fragesteller hinreichend informiert werden sollten. Manchmal lieferte mir ein Gesprächspartner gleich selbst die Antwort, die er erwartet hatte. „Du brauchst nur ins Internet zu gehen (surfen), dann findest Du alles über Ziegeleien in Recklinghausen.“

So viel wusste ich bereits, dass es Schriften über Ziegeleien gab, aber nicht speziell über bestimmte Ziegeleien in Recklinghausen.

Nun hat mein Lebenslauf zur Beantwortung der Frage eine Rolle gespielt. Die Kinder- und Jugendzeit und noch einige weitere Jahre verbrachte ich in Oer. Meine junge Familie zog 1960 nach Recklinghausen. 1964 endlich war unser eigenes Haus am Quellberg in Recklinghausen Ost fertig. Nach frostbedingten überlangen und harten Winterpausen der Maurer konnten wir im Februar ins eigene Haus einziehen. Hier lernten unsere Kinder die Vorzüge und Nachteile des klebrigen Lehmbodens kennen. Sie matschten und formten damit. Sie bestrichen mit dem Lehm Zweiggeflechte und lernten Wände mit Lehm zu verschmieren, wie es seit alters beim Hausbau üblich war. Hundert Meter von unserem Haus Am Quellberg entfernt stand zu der Zeit eine Verladerampe für den Abtransport des hier ausgegrabenen Lehms.

Das Ausziegelungsgebiet erschien mir damals wie eine aufgewühlte Urlandschaft. Den Lehm ließ der Pächter der in der Langen Wanne noch tätigen Ziegelei, Ziegelmeister Korf, mit LKW's zu seiner Ziegelei transportieren. Die Wohnlage in der Nähe einer ehemaligen Ziegelei machte mich neugierig, denn es gab hier viele Fragen zu klären. So fand ich es ganz normal, den Fragen um Ziegeleien meiner Zeit, mein Interesse und meinen Ehrgeiz zu widmen.

Zunächst versuchte ich, mit dem Material des Vestischen Archivs Fragen zum Thema Ziegeleien zu beantworten. Die Hilfsbereitschaft der Damen und Herren des Stadtarchivs RE machte Mut, in die Arbeit am Thema Ziegeleien in Recklinghausen einzusteigen. Dazu gehörten gutes Fotomaterial vom Quellberg und leider nur wenige Zeitungsausschnitte. Einen Teil der Ergebnisse konnte ich bereits mit sechs verschiedenen Schwerpunkten in Jahrgängen des Vestischen Kalenders veröffentlichen.1 Nun soll hierzu noch weiteres erarbeitetes Material behandelt werden. Das klingt so einfach, verlangte aber immer wieder neue Nachforschungen.

Dazu gehörte auch ein Einarbeiten in die Welt des Ziegeleiwesens allgemein und das Suchen nach ehemaligen einheimischen Ziegeleien.

Abb. 6 Blick nach Süden von der Straße Am Quellberg (heute ungefähr Nr. 28). Foto: Hans-Georg Kollmann, August 1961.

Bei vielen Begegnungen mit früheren und neuen Bekannten lenkte ich – oft bewusst – das Gespräch auf Ziegeleien. Die waren schon bald zu „meinem Thema“ geworden. Umfassendes Wissen vermittelten mir die Besuche der ehemaligen Ziegeleien Sylbach in Lage (Lippe), eines Ziegeleimuseums des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe2 und des westfälischen Industriemuseums Zeche Nachtigall in Witten-Bommern.3 Um den Bestand an ehemaligen Ziegeleien in Recklinghausen zahlen- und bestandsmäßig erfassen zu können, arbeitete ich im Vestischen Archiv Recklinghausen mit seinem Fotoarchiv, im Archiv des Bergbaumuseums Bochum, im Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund (Märkische Str. 120), ferner in den Archiven des Oberbergamts Dortmund (Goebenstr. 25) und des damaligen Bergamtes Recklinghausen (Reitzensteinstr. 28-30).

Hinzu kam noch ein nicht endendes Suchen im Recklinghäuser Atlas und im Kartenarchiv des Kreiskatasteramtes. Karten aus vergangener Zeit enthielten für Ziegeleistandorte das Wort „Ziegelei“ oder nur ein kleines „Z“. Einen weiteren Hinweis auf Ziegeleien gab mir ein einfacher Grundriss eines Ringofens – ein Muster, nach welchem ich dann auf Karten besonders forschte (s. Abb. 8). Ein Heimatfreund schickte mir Fotos von seiner ehemaligen Baustelle beim Talsperrenbau im Sauerland zu. Die dort verarbeiteten Ziegelsteine trugen auf einer Seite den Namen der fabrizierenden Ziegelei (s. Abb. 9 und Abb. 10).

Nach vieljähriger Arbeit am Thema Ziegeleien ist mir in den Ziegeleimuseen und beim Besuch der historischen Ziegeleieinrichtungen recht deutlich geworden, wie mühsam und schwer die Arbeit auf der Ziegelei gewesen ist. Das betrifft die Lehmgewinnung, die Lehmaufbereitung zu einem geschmeidigen verwertbaren Ausgangsstoff und das Formen der Ziegel von Hand. Sehr schwer war der Transport vieler Ziegelsteine auf den von Hand zu schiebenden Karren zu den Trockenhallen, zur Brandstelle und wieder zurück zu den Lagerplätzen. So lernte ich Ziegeleieinrichtungen und die Produktionen in verschiedenen Epochen kennen. Historische Aspekte der schweren Lebens- und Arbeitswelt der Ziegeleiarbeiter konnten verdeutlicht werden. Ganz besonders haben mich die Belastungen der Saisonarbeit beeindruckt.

Abb. 8 Typisches Muster einer Ringofens. (hier: Clemenshütte)

Abb. 9 Ziegelstein mit dem Firmennamen des Herstellers STOLTING, Oberwengern / Ruhr. Foto: Herbert Guckelsberger, Haltern a.S.

Abb. 10 Ziegelstein mit dem Namen der Hersteller-Firma W. ESCHER, Nachf. Herdecke. Foto: Herbert Guckelsberger, Haltern a.S.

„Bereits nach Beendigung des 30 jährigen Krieges waren Arbeiter aus Lippe in die Fremde gezogen, um in den Sommermonaten Arbeit und Verdienst zu finden. 1750 registrierte man in Lippe etwa 150 Wanderarbeiter, 1800 waren es bereits 558 Ziegler, die ins Ruhrgebiet kamen, 1850 war die Zahl der Wanderarbeiter, vorwiegend Ziegler, auf 6500 angewachsen. 1900 arbeiteten etwa 14.000 Wanderarbeiter in der Fremde.“

Aus: Heinrich Wienke, Pannenmakers Wanderfahrt. Aschendorf Münster, 1956.

Abb. 11 Ehemaliges Ziegeleigelände beiderseits der Straße Am Quellberg und Verladerampe (s. Pfeil) der Ziegelei Minette / Lange Wanne im Bereich der heutigen Ostseestraße, Foto ca. 1969 / 70. St.A.R., Fotoarchiv Nr. 103105.

Abb. 12 Verladerampe für den Lehmabtransport hinter dem Haus Am Quellberg 38. Foto: Korf.

Abb. 13 Verladung von Lehm in die Loren der Ziegelei Minette. Foto: Korf.

1 Die Artikel „Hundert Jahre Ziegeleien in Recklinghausen“ erschienen in folgenden Vestischen Kalendern: Jahrgänge 2007, 2008, 2009, 2010, 2011 und 2012.

2 Museumsführer Ziegelei Lage, Westfälisches Industriemuseum. Immenkamp Andreas (Hg.). Ohne Jahr.

3 Westfälisches Industriemuseum Zeche Nachtigall, Witten-Bommern.

2. Geologische Voraussetzungen

Dass ich bei meinen Recherchen über Ziegeleien im Raum Recklinghausen zahlreiche Ziegeleien nachweisen konnte, hatte viele Bekannte überrascht. Der Grund für die Ziegeleien lag in der Beschaffenheit des Bodens, der sich für die Ziegelproduktion gut eignete. Der Blick auf eine geologische Karte gab weitere Antwort.4 In der meist sandigen Region des Vestischen Raums hob sich in der Gegend von Recklinghausen ein langgezogenes Oval mit Tonmergelboden ab. Er ist in der Karte (Abb. 14) grün dargestellt und erstreckt sich von Buer westlich von Recklinghausen bis Datteln im Osten. Während die Längenausdehnung ca. 8 – 10 km beträgt, misst die Breite nur 3 km. Wie eine Insel wird dieses Gebiet von sandigem Boden umgeben.5

Im Bereich des Ovals liegt in geringer Tiefe sandig-mergeliges Gestein der Oberen Kreide mit ziegelfähigem Boden. Nördlich der Emscher liegen mehrere nicht zusammenhängende Ton-Mergel-Lagerstätten. Die Ablagerungen aus Meeresnähe sind reich an Fossilien wie Seelilien, Muscheln, Ammoniten und Krebsen. Seit Jahrhunderten hat der Mensch die Recklinghäuser Sandmergel für die Herstellung von Mauersteinen und Dachziegel verwendet. Als Rohstoff dafür kommen Lehme und Tone mit mehr oder weniger Eisen- und Kalkgehalt in Frage. Der Lehm sollte einen Kalkgehalt von 30% nicht übersteigen. Lehm und Ton müssen leicht formbar sein, wetterfest brennen und frei von Gips sein. Die Farbgebung der Ziegel hängt von der Ofenatmosphäre ab. Ungünstige rohstoffseitige Einflüsse lassen sich durch produktionstechnische Maßnahmen korrigieren, d.h. zu stark sandige Böden wurden durch Tonbeimischungen verbessert, während zu stark tonige durch Sandbeimengungen „gemagert“ werden mussten6.

Zusammenfassend rufen wir uns die Ziegelrohstoffe ins Gedächtnis. Lehm ist ein Verwitterungsprodukt, das aus Ton, Schluff und Sand besteht. Der Korndurchmesser liegt beim Ton unter 0,002 mm, beim Schluff in einer Korngröße von 0,002 mm bis 0,063 mm. Die Eisenbeimischung sorgt für die Bildung der gelblichen bis braunen Farbe. Die Eignung von Rohstoffen für die Ziegelherstellung hängt von einer guten Plastizität, vom Quellungsvermögen und vom geringen Schwund beim Brennen ab.

Abb. 14 Ausschnitt aus der Karte des Geologischen Landesamts NRW (Hg.): Untersuchung und Bewertung von Lagerstätten der Erze, nutzbarer Materiale und Gesteine. Vademecum 1, Krefeld 1981, S. 35 – 36, Nr. 6 geol. K.

4 Herausgeber Kreis Recklinghausen (Hg.): Braun, Dahm-Arens, Koch u. Pieper: Der geologische Bau und die erdgeschichtliche Entwicklung. Stuttgart 1979, S. 17 – 23.

5 Der Kreis Recklinghausen. Ebda., Nutzbare Lagerstätten, S. 24 – 33.

6 Geologisches Landesamt NRW (Hg.): Untersuchung und Bewertung von Lagerstätten der Erze, nutzbarer Materiale und Gesteine (Vademecum 1), Krefeld 1981, S. 35 – 36.

3. Die Bedeutung der Ziegelrohstoffe

Lehm ist ein uraltes Baumaterial. Bereits vor 15.000 Jahren gab es in Vorderasien und in Ägypten ungebrannte Lehmziegel. Sie waren durch Sonneneinstrahlung getrocknete Ziegel. Erste gebrannte Mauerziegel sind aus der Zeit um etwa 4.500 v. Chr. auf Kreta bekannt.7 Die kulturelle Entwicklung des Menschen führte in der Mittelsteinzeit (80.000 – 4.000 v. Chr.) vom Sammler und Jäger, der aus Naturmaterialien wie Holz, Knochen, Horn und Feuersteinen seine Geräte herstellte, in der Jungsteinzeit ca. 4.000 – 1700 v. Chr. zur Sesshaftigkeit. Mit der Züchtung von Haustieren und mit Feldanbau konnte er selbst zur Vermehrung von Nahrung beitragen. Statt einfacher Hütten errichtete der Mensch Häuser aus Holz und Lehm. Aus Ton begann er Gefäße zu formen. Auf der Siepenheide in Recklinghausen-Hochlarmark entdeckte man Gebäudespuren aus der vorrömischen Zeit. Sie stammten von etwa neun Mal sechs Meter großen, aus Holzpfählen errichteten Gebäuden, deren Wände aus Rutengeflecht bestanden, das mit Lehm verstrichen war, wie später unsere Fachwerkhäuser.8 Durch römische Legionäre kam im ersten Jahrhundert n. Chr. die Kunst des Ziegelbrennens in das Gebiet nördlich der Alpen. Die nach Abzug der Römer in Vergessenheit geratene Ziegelherstellung wurde durch das Dekret Karls des Großen, die Dächer der Kaiserpfalz mit gebrannten Dachziegeln einzudecken, wieder neu belebt. Die rein handwerkliche Ziegelherstellung hatte bis ins 19. Jahrhundert Bestand. Zum Thema „Kulturentwicklung in unserem Raum“ dürfte ein Hinweis auf den vorgeschichtlichen Friedhof in Recklinghausen interessant sein. Dazu schreibt der Museumsdirektor Karl Brandt aus Herne, der mich wiederholt durch die Ausgrabungsstelle in Röllinghausen geführt hat, in der Vestischen Zeitschrift 1951 (Seite → u. 32) folgendes: „Zeugen für die Anwesenheit von Jungsteinzeitmenschen sind gefunden worden; so eine durch und durch rötlich gebrannte, harte Tongefäßscherbe mit dichtem Gesteinsgrußzusatz.“

Abb. 15 Urnenfund auf dem vorgeschichtlichen Friedhof in RE-Röllinghausen, Ludgerusstraße. Urnenabbildung von Karl Brandt9.

Abb. 16 Urnen-Nachbildung von der Ludgerusstr. (Römisch-German. Museum Mainz). Foto: Hans-Georg Kollmann.

Mit dem Mergelvorkommen kannten sich die Bauern wohl aus. Sie schätzten den Kalkgehalt des Mergels und reicherten damit die durch den Getreideanbau ausgelaugten Ackerböden wieder an.

Für einen Morgen Land (7.553 m2) rechnete man nach drei Jahren mit einem Bedarf von etwa sechs Sturzkarren voll Lehmbodens, auch „Leim“ genannt. Nach Dorider geschah die Düngung des Bodens alle vier Jahre. Der Dünger aus Stroh wurde mit Plaggen versetzt. Dazu trat alle 12 bis 15 Jahre die Düngung mit Mergel.10 An Ausschachtungsstellen blieben Lehmkuhlen zurück, die man bisweilen als „Müllkippen“ auffüllte.

Es würde hier zu weit führen, alle Lehm- und Mergelkuhlen zu nennen. Einige Straßen- und Flurnamen auf Recklinghäuser Gebiet tragen die Bezeichnung „an der Lehmkuhle“ oder Ziegelkamp („Teigelkamp“). Als durch den verheerenden Stadtbrand im Jahr 1500 viele Häuser zerstört waren, wollte man die Schäden schnell beheben. Die Stadt erlaubte dem Bauern Hütter am Panhütterweg, auf seinem Grund und auch auf dem benachbarten Gemeinheitsland Tonlehm zu graben. Damit konnte man zur Bedarfsdeckung Haus-, Stall- und Scheunenbauten sowie Backhäuser errichten. Wer sich gerne auf Spurensuche begibt, der findet, allerdings aus neuerer Zeit, Hinweise auf das Thema „Ziegel“ südlich der Merveldtstraße (nämlich die Straßennamen: Ziegelstraße, Ringofen, Klinkerstraße). An der südlichen Seite der Dortmunder Straße gibt es den Ziegelgrund und in der Nähe des Bahnhofs RE-Ost den bereits erwähnten Panhütter Weg, wo der Bauer Hütter (heute Budde) vor einigen Generationen eine Dachpfannen herstellende Ziegelei betrieb.

Die Zeitschrift „Monumente“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz widmet in der Nr. 11/12 aus 2003 (S. → – →) dem Baustoff Lehm eine besonderer Beachtung. Mit dem Wachsen der ökologischen Bewegung in Deutschland seit den achtziger Jahren des vorigen Jhd. wurden auch wieder neue Wohnhäuser, Kirchen, Ausstellungshallen und Hotels aus Lehm errichtet. Die Beilage der Recklinghäuser Zeitung „Vest immo“ vom 13.08.2011 stellt unter der Überschrift „Lehm erlebt eine Renaissance“ die Bedeutung der Lehmverarbeitung kurz gefasst zusammen: Es ist ein Trend mit historischen Wurzeln. Lehm erfreut sich wieder größerer Beliebtheit. Mit dem altbewährten Baustoff werden Wände errichtet, verputzt oder gestrichen. Denn Lehm sorgt nicht nur für ein behagliches Klima – er steht auch für gesundes, kreatives und ökologisches Wohnen.

Dazu verwendete man keine Luftsteine, die aus Lehm geformt und an der Luft getrocknet waren. Für den Hausbau benötigte man den gebrannten und somit härteren Ziegelstein. Nach der Brandkatastrophen in Recklinghausen im Jahr 1500 und einem Brand in Oer im Jahre 167611, als die Flammen das gesamte Kirchdorf bis auf ein Haus vernichteten, war der Bedarf an Ziegelsteinen besonders groß. In dem noch bäuerlich strukturierten Gemeinwesen mit Ausstattungen aus Holz, Stroh und Flachs, mit der Produktion von Brot, Bier und Schnaps und mit dem täglichen Gebrauch von offenem Feuer konnte schon ein Funke eine Katastrophe auslösen. Für das Vest und die Stadt Recklinghausen hatte der Kurfürst Maximilian Franz in Köln 1784 die Vestische Brandordnung verpflichtend gemacht.

Abb. 17 Straßenschild in Recklinghausen-Süd: Straße „Ringofen“. Foto: Hans-Georg Kollmann, 2005.

Abb. 18 Titel und 7. Kapital der Vestischen Brandordnung, Köln 1784. Kopie aus dem St.A. Oer-Erkenschwick.

Großen Raum in der Brandordnung nehmen Hinweise zur Verhinderung von Bränden ein und die Vorschriften zum Bau und zur Reinigung von Kaminen. Mit dem Erscheinungsjahr der Brandordnung durfte kein neues Haus ohne Kamin gebaut werden. Doch im 19. Jahrhundert war Brandschutz bei der Anlage von Schornsteinen noch nicht selbstverständlich, sondern wurde noch diskutiert. Im Brennpunkt stand dabei die Verwendung von sogenannten Luftsteinen, also von ungebrannten, an der Luft getrockneten Lehmziegeln beim Bau von besteigbaren Schornsteinen, d.h. bei Kaminen in zwei- und mehrstöckigen Häusern. Vom technischen Standpunkt aus sollten diese Steine nur für den Ausbau der inneren Lang- und Quermauern und der Feuerungsanlagen bei einstöckigen ländlichen Wohnhäusern verwandt werden. Luftsteine sind feuchtigkeitsempfindlich und bröckeln leicht.12

Landrat von Reitzenstein informiert 1860 die Amtsverwaltungen über die vorliegende eindeutige Regelung: Die Verwendung von Luftsteinen im Bezirk ist verboten. Dafür führt er als einen Hauptgrund die Art der Kaminreinigung an.

Denn durch Auskratzen und Kehren mit Borsten statt durch Kehren mit einem Besen halten die weniger festen Luftsteine nicht lange. Ferner müssen Luftsteine im Fundament mindestens 18 Zoll über dem Erdboden oder über höchstem Wasserniveau liegen. Sie dürfen nicht für Rauchmäntel, d.h. für Vorrichtungen oberhalb von Kaminen in geschlossenen Räumen, z.B. auf Dachböden, verarbeitet werden, da hierfür nur hartgebrannte Ziegelsteine oder Bruchsteine zu verwenden sind. Stützkonstruktionen aus Holz oder Fachwerk an Kaminen genügen nicht den Ansprüchen der Brandverhütung.

Beim Umbau des Lehrerhauses in Oberröllinghausen im Jahre 1893 wurde eine Schulstube zur Wohnung für eine Lehrerin umfunktioniert. In der Kostenberechnung erwähnt man noch ausdrücklich, für das Schornsteinrohr im Innern Ringofensteine zu verwenden, was eigentlich nach der Reitzenstein‘schen Verordnung schon längst eine Selbstverständlichkeit hätte sein müssen.13

Weitere Forderungen sollen hier in Kurzfassung folgen:

7 Schya Lothar: Gut Brand, Der Siegeszug des Ringofens. Suderburg-Hösseringen, 2000, S. 12 u. 13.

8 Brandt Karl: Der Stand der germanischen Siedlungsforschung im Heimatgebiet „Vest Recklinghausen“, In: Vestische Zeitschrift, Jahrgang 1937, S. 19 und: Die Ausgrabungen auf dem vorgeschichtlichen Friedhof in Recklinghausen-Röllinghausen, V.Z. 1951, Bd. 53, S. 29 u. 32.

9 Brandt Karl (Herne): Die Ausgrabungen auf dem vorgeschichtlichen Friedhof in Recklinghausen-Röllinghausen, VZ 1951 Bd. 53, S. 29 u. 32.

10 Dorider, Adolf: Geschichte der Stadt Recklinghausen 1577 – 1933 Recklinghausen, 1955, S. 128.

11 Kollmann, Hans-Georg: Brände in Oer. Festschrift des Vereins für Orts- und Heimatkunde, 1994.

4. Die Ziegelsteinproduktion

Der Feldbrandofen, auch Feldofen genannt.14

19.02.1888: Bezirksschornsteinfeger haben Kontrollbücher über Revisionen von Schornsteinen zu führen.

14.05.1892: Aus Holzfachwerk oder Lehmschlag hergestellte Schornsteine sind nach und nach zu beseitigen.

Viele Jahrhunderte hindurch verwendeten unsere Vorfahren zur Ziegelsteinherstellung das Verfahren des Feldbrandes. Wie der Name sagt, wurde die Fabrikation der Steine auf dem

Abb. 19 Ziegeleigelände Schwarting in Borgstede (Stadtteil von Varel) mit aufgeschichteten Ziegelsteinen im Jahr 1890. Quelle: Wikipedia, „Borgstede“.

Abb. 20a Aufbau eines Feldbrandofens und Abdichten des fertigen Meilers mit Lehm. Büning, Hans: „...hab ich angefangen, auf Papenheide Ziegelsteine zu formen ...“. In: Vest. Kal. 1988, S. 190 –195.

Feld vollzogen. Einen großen Vorteil hatte dieses Verfahren:

Die Bauleute konnten am Ort der geplanten Baustelle den Ziegelofen errichten, wenn ziegelfähiger Boden vorhanden war. Man ersparte sich lange Transportwege für die Steine. Der Feldbrandofen war im Grunde genommen kein Ofen, in dem die Steine gebrannt werden. Die aufgeschichteten Rohlinge wurden selbst zum Brennofen. Der aus dem Ausziegelungsgebiet ergrabene Lehm wurde von Arbeitern mit Schubkarren oder mit Loren auf Feldschienen zur „Mischbühne“ gefahren. Hier zogen Pferde ihre Bahn in einem Rundlauf, um die noch klumpigen Lehmstücke im Göpel zu zerkleinern.15

Der Göpel war ein einfaches Gerät bei der Lehmaufbereitung. Pferde zogen die mit Steinen beschwerten Karren im Kreis durch den in der Mischbühne angeschütteten Lehm. Durch Wasserzugabe erhielt der Lehm die richtige Konsistenz. Dann wurde er in Holzformen hineingepresst. In Handarbeit strich man die Lehmziegel an der freien Formseite glatt und beförderte sie nach dem Ausformen zum Trocknen in die Trockenschuppen oder lagerte sie unter freiem Himmel, aber gegen Regen abgedeckt (wie die Abb. 19 zeigt).

Die getrockneten Steine, die Rohlinge, wurden zum Aufschichten des Feldbrandofens verwandt. Im Quadrat oder Rechteck reihte man Steine hintereinander und auf Lücke, ließ jeweils im Innern Gänge, durch die später die heiße Luft zu den Steinen geführt wurde. Holzkohle, auch Steinkohle, schüttete man in die Schürgassen.16

Abb. 20b Aufbau eines Feldbrandofens und Abdichten des fertigen Meilers mit Lehm. Büning, Hans: „...hab ich angefangen, auf Papenheide Ziegelsteine zu formen ...“. In: Vest. Kal. 1988, S. 190 –195.

Wichtig waren die Gänge für die Feuerbildung und den Wärmetransport. In der unteren Schicht führten Öffnungen nach außen, da der Luftsauerstoff zur Unterhaltung des Feuers und damit für die Hitzebildung wichtig war. So fraß sich das Feuer durch alle Schichten von unten aufwärts und brannte die Lehmsteine. Der Feldbrandofen war von außen mit Lehm verschmiert, damit der Feuergang geordnet verlief. Brandzeiten von zwei bis zu fünf Wochen richteten sich nach der Größe der aus Steinen geschichteten Pyramide. Diese Ziegelöfen erreichten u.U. acht Meter Höhe.

Nach dem Brand der Steine wurde der Feldbrandofen abgebrochen. Die Brandergebnisse fielen unregelmäßig aus. Je nach Hitzestärke gab es hart gebrannte Steine von dunkler Färbung, aber auch helle Steine mit ungenügender Festigkeit.

Für den nächsten Brand musste ein neuer „Feldbrandofen“ aufgebaut werden, was auch erklärt, dass viele Menschen in diesem Gewerbe beschäftigt waren.

Der rasche Absatz der Dachziegel auf meiner Ziegelei im Emscher-Bruche hat es verhindert, mehrfache Anfragen befriedigen zu können, weshalb ich mich zu der ergebenen Anzeige veranlaßt fühle, daß ich nunmehr wieder Vorrath an rothen Dachziegeln, Estrichen und Ziegelsteinen auf genannter Ziegelei habe. Blaue und glasirte Dachziegel, so wie blaue Estrichen werden nur auf Bestellung gemacht. Auch ist der erste Feldofen auf meinem Lande hier bei der Stadt ausgebrannt und die Steine sind alle vorzüglich gerathen. Eine technische und chemische Untersuchung der Thonerde durch Sachkenner hat mir eine größere Gewißheit für die Güte meiner Waare gegeben, weshalb ich für deren Haltbarkeit einstehen kann.

Abb. 21 Ziegelsteine aus grober Mischung am Kontrollhaus am Lippewehr bei Haus Vogelsang. Foto: Hans-Georg Kollmann, Sept. 2007.

Recklinghausen, den 30. Juli 1839.Schüermann.

Feldbrandöfen waren zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht ganz passé. So hatte der Recklinghäuser Bauunternehmer Wilhelm Gertz vor 1906 einen Feldbrandofen genehmigen lassen, um damit die Steine für den Bau seiner Ringofenziegelei mit Wirtschafts- und Unterkunftsräumen selbst herstellen zu können.

Abb. 22 Lehmaufbereitung im Pferde-Göpel. Pferde ziehen das mit Steinen beschwerten Gerät im Kreis durch die Mischbühne. Foto im Museum Lage/ Lippe. (Reproduktion: Hans-Georg Kollmann, 2006).

Abb. 23 Lehmaufbereitung in einer Mischbühne (ohne Pferde). Ziegeleimuseum Lage/Lippe. Foto: Hans-Georg Kollmann, 2006.

Die Ringofen-Ziegelei

Die Geburtsstunde des Ringofens fällt in das Jahr 1858. In dieser Zeit hatten Friedrich Eduard Hoffmann, ein Ingenieur und Baumeister, und Julius Albert Gottlieb Licht für die Entwicklung der Ziegeleitechnik viel geleistet. Nach mehrjähriger Arbeit am Bau und am Betrieb der Eisenbahnstrecke Berlin-Hamburg widmete Hoffmann sich ganz der Patentierung des Ringofenprinzips in einem eigenen Konstruktionsbüro. Licht war ein Mitstreiter bei der Patentierung.

Abb. 24 Empfehlung zum Dachziegel- und Steine-Verkauf Kopie aus dem Wochenblatt für den Kreis Recklinghausen vom 10.08.1839.

Abb. 25 Hoffmann‘scher Ringofen im Ziegeleipark Mildenberg. Quelle: Wikipedia, „Friedrich Eduard Hoffmann“. Hoffmann gründete ein Baugeschäft und ein ziegeleitechnisches Büro in Berlin. Im gleichen Jahr erfolgten von Licht und ihm selbst zwei Patentanmeldungen über die Erfindung eines ringförmigen Ofens zum ununterbrochenen Betrieb beim Brennen aller Arten von Ziegeln, Thonwaren, von Kalk, Gyps u.a.17 Keine Persönlichkeit auf der Welt hat das Ziegeleiwesen im 19. Jahrhundert so revolutioniert wie Hoffmann und sein Mitstreiter Licht.

Mit der Aneinanderreihung von Brennkammern im Rund oder Oval hatte die Entwicklung der Ziegelherstellung einen enormen Schub bekommen. Damit konnten die Produktionszahlen um ein Vielfaches vermehrt werden. Während in der vorindustriellen Fertigung in einem Feldbrandbetrieb 10.000 bis 45.000 Ziegel jährlich hergestellt wurden, betrug die Jahresproduktion im Ringofen 1 Mio. bis 10 Mio. Steine. Der Ofen, zunächst kreisrund, enthielt 10, 12, 16 oder auch mehr als 20 Kammern. Der große Vorteil dieses Systems bestand in dem Erhalt des Ziegeleiofens und in dem kontinuierlichen Verfahren des Brennens mit Vorwärmphase, Brandsektor und Abkühlphase.

Die beigefügte schematische Darstellung des Ringofens (Abb. 26 und Abb. 27) soll den Brennvorgang verdeutlichen.

Schon 1870 waren fast 1000 Ringöfen in aller Welt in Betrieb. Der Einsatz von Dampfmaschinen erleichterte Transporte und das Mischen und Pressen von langen Formsträngen. Mit Stolz stellten Besitzer solcher Ziegeleien die Bezeichnung „Dampfziegelei“ heraus. Handarbeit blieb den Zieglern an den Füllöffnungen auf dem Ringofen, durch die der Fachmann das jeweils richtige Quantum Kohle nachfüllte.

Abb. 26 Schematische Darstellung eines Ringofens. Abbildung aus: Schyia, Lothar: „Gut Brand!“ – Der Siegeszug des Ringofens, Suderburg-Hösseringen, Jg. 2000, S. →.

Abb. 27 Steinstapel im Ringofen. Repro: Hans-Georg Kollmann.

Die Nordwanderung des Bergbaus

Mit der Abteufung neuer Schächte im Raum Recklinghausen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zog der Bergbau auch in das Gebiet nördlich der Emscher ein. Mit dieser Expansion war die Entwicklung verschiedener anderer Wirtschaftszweige verbunden, besonders des Baugewerbes. Die Zechen benötigten für den Schachtbau, die Errichtung zahlreicher Nebengebäude und die Schaffung von Wohnraum für die rasch zunehmende arbeitende Bevölkerung viel Ziegelsteinmaterial. Die florierende Ziegelindustrie in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts beschäftigte viele Arbeitskräfte mit der Qualifikation eines Facharbeiters, aber auch nicht spezialisierte Kräfte. Die Zuwanderer machten einen bemerkenswerten Teil der Bevölkerung aus. Einige kamen als Saisonarbeiter hierher, die neun Monate lang, von April bis November, arbeiteten, solange der Lehm noch aus den Gruben gefördert werden konnte. Die lippischen Ziegler mit qualifizierter Ausbildung, mit Fachkenntnissen und reicher Erfahrung waren sehr geschätzte Arbeitskräfte. Rund 34.000 Lipper verließen zwischen 1870 und 1910 für immer ihre Dörfer, um in den USA oder in der deutschen Industrie ihr Glück zu finden.18

Abb. 28 Der Brennvorgang im Ringofen am Beispiel des Ringofens Münch, Hoher Steinweg. Zeichnung: Hans-Georg Kollmann, 2015.

12 St.A.R. Amtsarchiv Recklinghausen, Nr. 800: Die Schornsteine (1850 – 1898), und St.A.R. Amtsarchiv Recklinghausen Nr. 1109, Kath. Schule in Röllinghausen, 1892 – 1909.

13 St.A.R. Amtsarchiv Nr. 1109, Kath. Schule in Röllinghausen, 1892 – 1909. Amtsarchiv Nr. 800 Schornsteine (1850 – 1898).

14 Büning, Hans: “... hab ich angefangen, auf Papenheide Ziegelsteine zu formen.“ In: Vest. Kalender 1988, S. 190 – 195.

15 Göpel: Verwendung bei der Lehmaufbereitung. Pferde zogen eine mit Steinen beschwerte Karre im Kreis durch die Mischbühne.

16 Immenkamp Andreas (Hg.): Ziegelei Lage, Museumsführer. Kleine Reihe 25, Westfälisches Industriemuseum, Landschaftsverband Westfalen-Lippe. S. 70 – 77.

17 Schya, Lothar: „Gut Brand!“ – Der Siegeszug des Ringofens. Suderburg-Hösseringen, Jg. 2000, S. 23 – 25.

18 Andres, Marco-Stefan: Ziegler auf Wanderschaft. In: Westfalenspiegel 52. Jg., Heft 3/2003. S. 26.

5. Bauboom im Ruhrgebiet19