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Die Verbundenheit zwischen Tieren und ihren Menschen hat viele Gesichter. Diese Sammlung von Erzählungen zeigt auf anrührende Weise, wie Tiere Menschen helfen können, und setzt den Zwei- und Vierbeinern ein emotionales Denkmal. Ob sie den Blutzuckerabfall ihres Frauchens erschnüffeln, verlässlich den Weg zeigen oder der beste Nachhilfelehrer sind – die hier beschriebenen Tiere leisten Erstaunliches und haben eine Hommage verdient. Die Autoren Walter Möbius und Armgard Beran stellen Tiere vor, die einen Arzt und eine Lehrerin durchaus bei der körperlichen oder emotionalen Behandlung von Patienten unterstützen. Unter ihnen: Diabetes-Assistenzhund Sanni, Schwein Urmel vom therapeutischen Bauernhof, Kälber mit heilenden Zungen, Perserkatzen, die Sinn stiften, und das Kamel Adji, das seinen blinden Reiter führt.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Walter Möbius und Armgard Beran
Ziemlich beste Helfer
Ein tierisch gutes Leben dank Hund, Katze & Co.
Mit Bildern von Young Lee
Unter Mitarbeit von Gabriele Gillen.
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf
Umschlagmotiv: © Da Antipina / shutterstock
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster
ISBN Print 978-3-451-60885-8
ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-82833-1
Einleitung
Magnus und LaraZum Leben braucht es manchmal eine Dogge
Hühner in Corona-ZeitenVom Überleben in der Pandemie
Abenteuer mit UrmelWie ein Kind mit Downsyndrom Freundschaft mit einem Schwein schloss
Die Stute ArabellaFamilienfrieden dank Pferd
Die Geschichte vom Zappel-PhilippWarum ein Aquarium bei ADHS helfen kann
Ursula und ihre KatzeDie Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft
Das Wunder von ManderscheidOder können Kälber heilen?
Vinur und FaxiZwei Islandponys und ihre Freunde aus der Jugendpsychiatrie
Kohlekinder in AmagáVon der Heldentat eines mutigen Hundes
Das KatzenparadiesDie heilsame Kraft der Stubentiger
Reiskuchen für einen TotenWie ein Hund ein Leben rettete
Der Papagei von Naxos Die Geschichte von Cocco und Jannis und ihrer wunderbaren Symbiose
Die Schneckentherapie Die Entdeckung der Langsamkeit für Autisten
Der Taubenzüchter Von den Freuden und Gefahren einer Leidenschaft
Das Kamel AdjiOder die Geschichte einer unglaublichen Freundschaft
Die rettende PfoteTina und ihr Diabeteshund
Gefangen Vom Esel Donkey, der Gefängnismauern überwand
Das etwas andere SeniorenheimWie die Liebe zu einem Pferd die Demenz vergessen ließ
Die Fledermäuse aus der alten MeiereiOder das Abenteuer, kleine Vampire zu fangen
Herz und Hund Eine späte Idylle
Über die Autoren
Tiere tun uns Menschen gut, ob es nun unseren Körper oder unsere Seele betrifft. Sie können uns beschützen, unterstützen und bei unserer Heilung helfen. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis, aber eine, die wir immer wieder als sehr wertvoll erfahren. In vielen Geschichten und Märchen aus früheren Zeiten ist von dieser besonderen Beziehung zwischen Tier und Mensch die Rede. So sollen englische Mönche bereits im 18. Jahrhundert bei der Behandlung von seelisch Erkrankten auf Tiere gesetzt haben – und nicht allein auf Gebete. Und auch Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, befasste sich mit tiergestützter Therapie. In Anwesenheit seines Chow-Chows Jofi waren Freuds Patienten, vor allem die Kinder, eher bereit, sich zu öffnen.
Es gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, Fürsorge zu geben und Fürsorge zu empfangen. Wir möchten geliebt werden, und wir möchten Lebewesen um uns haben, die wir lieben können. Zu Tieren können wir ebenso intensive Beziehungen aufbauen wie zu Menschen. Und diese Beziehungen gestalten sich oft einfacher, weil sie frei sind von Leistungsdruck oder Verlustangst. Selbst in einer kalten und einsamen Umgebung können uns Tiere Wärme spenden. Gerade in den hinter uns liegenden Corona-Jahren durften wir das auf ganz besondere Weise erfahren. Und es ist gewiss kein Zufalls, dass sich viele Menschen in dieser schwierigen und belastenden Zeit mit Haustieren zusammengetan haben.
Inzwischen belegen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass Tiere eine positive Wirkung sowohl auf die Psyche als auch auf die physiologischen Funktionen des Menschen haben und so in einem umfassenden Sinn heilend wirken. Sie helfen uns seelisch und praktisch: Tiere sorgen für mehr Bewegung oder einen strukturierten Tagesablauf, Tiere helfen gegen Einsamkeit, sie ersetzen fehlende menschliche Berührungen, bewahren uns vor Depressionen, und sie können sogar im wahrsten Sinn des Wortes Leben retten ...
Besitzer von Hunden oder Katzen müssen seltener zum Arzt und verkraften leichter den Verlust eines nahestehenden Menschen. Tiere lehren uns, Verantwortung und Fürsorge für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Sie vermitteln uns den Wert von Gemeinschaft, wodurch sie unsere seelischen Möglichkeiten erweitern. Sie schenken uns, wenn wir sie liebevoll behandeln, ihre wärmende Freundschaft – eine Geborgenheit, auf die umgekehrt auch viele Tiere angewiesen sind. Tiere interessiert weder unsere soziale Herkunft noch unsere Visitenkarte; ihnen ist es egal, ob wir reich sind oder arm, dick oder dünn; sie fragen nicht nach geistigen oder körperlichen Einschränkungen. Sie sind einfach nur da, so selbstverständlich wie sonst nichts. Und sie sind dankbar, wenn wir ihnen Aufmerksamkeit, Zuneigung und Pflege schenken.
Wer sich in der Welt, wer sich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaut, wird immer wieder Beispiele dafür finden, welche positiven Auswirkungen der Kontakt mit Tieren auf Kranke oder Einsame, auf Kinder oder Erwachsene haben kann. Und wird darüber staunen, wie wir seelisch und körperlich von den vielfältigen Facetten der Mensch-Tier-Beziehung profitieren. Während unserer langjährigen Tätigkeit in medizinischen und pädagogischen Berufszweigen konnten wir aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln Erfahrungen gewinnen, die in diesem gemeinsam verfassten Buch zum Tragen kommen.
So haben wir Geschichten gesammelt, die wir entweder selbst erlebt oder von denen wir erfahren haben, und daraus kurze Erzählungen über schicksalhafte, zum Teil existenzielle Begegnungen und liebende Beziehungen zwischen Mensch und Tier geformt. Erzählungen, in denen es um den Umgang mit Demenz, Autismus und ADHS ebenso geht wie um Hilfe bei Ekzemen oder plötzlichen Notsituationen, in denen Tiere Helfer oder sogar Retter sein können. Zugleich sollen in diesem Buch ganz unterschiedliche Tiere – von der Schnecke bis zum Kamel, begleitet von Katzen und Hunden und vielen anderen – eine Hauptrolle spielen und verschiedene Krankheiten somatischen oder psychischen Ursprungs angesprochen werden. Wir hoffen sehr, dass uns ein Lesebuch gelungen ist, das von der Möglichkeit erzählt, durch die Freundschaft zu Tieren glücklicher zu werden.
Alles Wissen, die Gesamtheit aller Fragen und alle Antworten sind im Hund enthalten.
Franz Kafka
Dr. Ebert gehörte einige Jahre zu meinen Patienten. Als Kind litt er häufig an eitrigen Anginen. Als Folge entwickelte sich ein Herzfehler, der erst relativ spät erkannt wurde. Wegen seiner Herzerkrankung erschien er häufig bei uns im Krankenhaus. Dr. Ebert war ein bekannter Orthopäde und besaß eine gut gehende Praxis in Königswinter. Er war verheiratet, und seine Frau hatte eine Tochter mit in diese Ehe gebracht. Ihr gemeinsamer Sohn Magnus wurde mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspaltung geboren und erfolgreich operiert: Nahrungsaufnahme und Atmung waren gewährleistet, doch der Mund-Nasen-Bereich blieb missgestaltet.
Schon bald bemerkten die Eltern, dass bei Magnus zusätzlich eine Entwicklungsverzögerung vorlag. Er krabbelte nicht und lernte erst spät zu laufen und zu sprechen, und das mit einer auffallend näselnden Stimme. Magnus war gut gewachsen, hatte dichtes hellblondes Haar und große blaue Augen; er war eigentlich ein hübscher Junge, wenn nur nicht diese Auffälligkeit im Mund- und Nasenbereich gewesen wäre.
Schon als kleines Kind nahm Magnus selbst wahr, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte, und litt sehr darunter. Die Erwachsenen sahen ihn mit neugierigen und mitleidigen Blicken an, die Kinder auf dem Spielplatz wollten nicht mit ihm spielen. Magnus fühlte sich ausgestoßen und weigerte sich bald, auf den Spielplatz zu gehen. Mit sieben Jahren und sechs Monaten wurde er eingeschult. Seine Eltern hatten eine sogenannte Elite-Grundschule in einer bevorzugten Wohngegend ausgesucht. In Magnus’ Klasse waren insgesamt achtzehn Kinder, alle aus wohlhabenden Familien. Die Eltern von Magnus hofften auf die gute Erziehung der Mitschüler. Tatsächlich wurden Magnus’ Aussehen und Sprache weitgehend toleriert, offenen Spott oder offene Ablehnung erlebte er nicht. Doch einen Freund fand Magnus auch hier nicht.
Zu Beginn seiner Schulzeit luden Magnus’ Eltern regelmäßig zu großen Kinderfesten auf ihrem parkähnlichen Grundstück mit Schwimmbad und Spielplatz ein. Aber Magnus wurde nie von anderen Kindern eingeladen, weshalb er die Partys seiner Eltern irgendwann ablehnte. Der Junge besaß Spielzeug im Überfluss, eine große Ritterburg, eine Segelbootflotte und Elektroautos, in denen er durch den großen Garten fuhr. Allein. Meist saß Magnus traurig in seinem Zimmer, hörte Kinderkassetten und wollte kaum etwas essen und auch nicht mit seinen Eltern sprechen. Seine um einige Jahre ältere Schwester, mit der er sich gut verstand, hatte inzwischen das Haus verlassen, um im Ausland zu studieren.
Trotz der guten Bedingungen – eine kleine Klasse und engagierte Lehrer – fiel Magnus das Lernen schwer. Zum Ende des ersten Schuljahres wurde den Eltern mitgeteilt, dass Magnus’ Leistungsrückstand zur zweiten Klasse erheblich war. Die Schulleitung legte ihnen nahe, ihren Sohn in eine Schule für Lernbehinderte zu geben. Die Eltern waren tief betrübt, doch schließlich gaben sie ihre Zustimmung und Magnus wurde in eine solche Schule überwiesen. Hier war er nicht mehr der Größte und Älteste, auch das Lernniveau war angemessen, und beim Rechnen war Magnus den Mitschülern sogar überlegen. Trotzdem verschlimmerte sich Magnus’ Leidensweg noch weiter. Seine Mitschüler hänselten ihn, lachten ihn aus, sie bewarfen ihn in der Pause mit Dreck und bezeichneten ihn sogar als Monster. Lehrer und Schulleitung waren machtlos.
Es muss erwähnt werden, dass der Vater Magnus morgens mit einem riesigen Mercedes zur Schule brachte und die Mutter ihn mittags mit einem Porsche abholte. Außerdem wurde Magnus sehr gut und teuer gekleidet. Der Reichtum der Familie wurde deutlich zur Schau gestellt, was sicher mit zur Ablehnung beitrug. Der größte Teil von Magnus’ Mitschülern kam aus sozial schwachen Familien und litt zudem unter Verhaltensauffälligkeiten.
Nach einigen Monaten wurde das Ehepaar Ebert zu einem Gespräch in die Schule gebeten. Man erklärte den Eltern, dass die Schule wegen der vielen unangenehmen Vorfälle für Magnus nicht die richtige sei. Doch was tun mit einem Kind, das in keine Schule passt, leidet und sich deprimiert zurückzieht? Verzweifelt kam Dr. Ebert zu mir und klagte mir seine Ratlosigkeit. Ich kannte mich in der Bonner Schullandschaft nicht aus und empfahl ihm, einen bekannten Kinder- und Jugendpsychiater zu konsultieren. Mehr als ein Jahr hörte ich nichts mehr von Dr. Ebert. Doch dann tauchte er überraschend wieder bei uns in der Ambulanz auf. Auf den ersten Blick erschien er mir verändert. Glücklicher und entspannt. Was war in der Zwischenzeit geschehen?
Als ersten Schritt hatten die Eltern einen Hauslehrer für Magnus engagiert. Jetzt konnte Magnus in einem für ihn passenden Lerntempo und mit speziellen Lerninhalten das schulische Programm absolvieren. Doch natürlich fehlten Magnus weiterhin soziale Kontakte zu Gleichaltrigen. Der Kinderpsychiater hatte die Anschaffung eines Haustiers empfohlen, und das Ehepaar Ebert beschloss, Magnus einen Hundewelpen zu schenken. Vielleicht einen kleinen Malteser oder einen Golden Retriever, einen zuverlässigen Kinderfreund und Familienhund. Doch der inzwischen neunjährige Magnus hatte seine eigenen Vorstellungen. Im Fernsehen hatte er einen Bericht über eine Hundeaufnahmestation in München gesehen. Dort wurden Straßenhunde aus Rumänien und Bulgarien aufgenommen, um anschließend ein neues Zuhause für sie in Deutschland zu finden. »Ich will einen Hund von da!«, erklärte Magnus entschieden. In dem Film, erzählte er weiter, habe man eine dreijährige schwarze Dogge vorgestellt, die so ein liebes und schönes Gesicht habe und große, wunderschöne Augen, die traurig in die Kamera guckten. Das arme Tier habe ein verkürztes Bein, und auch der Schwanz schien zu kurz. »Sicher hat sie einen Unfall gehabt, und dann hat der Besitzer sie einfach auf die Straße gesetzt.« Magnus ließ sich nicht beirren: entweder diese Dogge oder gar kein Hund.
Zwar konnten sich die Eltern keinen »Straßenköter aus Rumänien«, so Dr. Ebert wörtlich, in ihrem eleganten Haus vorstellen, aber schließlich fuhren sie mit Magnus nach München zur Auffangstation. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, ging es mit der riesigen Dogge Lara zurück nach Bonn. Vom ersten Augenblick an waren Magnus und Lara ein Herz und eine Seele. Es stellte sich heraus, dass Laras verkürztes Bein und der halbe Schwanz nicht die einzigen Probleme des Hundes waren. Lara hatte unter dem Bauch eine nicht verheilte Wunde, und ihre Ohren waren stark entzündet. Was folgte, waren zahllose Besuche beim Tierarzt, und Magnus hegte und pflegte den Hund mit ganzem Herzen. Magnus las Bücher über Doggen und ihre Behandlung, er notierte alle Arzt- oder Impftermine in einer Liste und führte ein Hundetagebuch, in das er auch Fotos von Lara klebte. Beim täglichen Unterricht lag Lara zu Magnus’ Füßen. Die Dogge hatte den jungen Hauslehrer gleich akzeptiert, und Magnus machte große schulische Fortschritte.
Als Lara wieder gesund war, besuchte Magnus mit ihr regelmäßig das Training in einer Hundeschule. Und hier fand Magnus endlich Freunde. Mit den anderen Hundebesitzern führte er Fachgespräche, man telefonierte miteinander und verabredete sich zu gemeinsamen Spaziergängen. In den Sommerferien fuhr die ganze Familie – auch die große Schwester war dabei – für drei Wochen nach Holland ans Meer. Natürlich mit Lara. Für Magnus waren es die bis dahin schönsten Ferien in seinem Leben, und das galt sicher auch für Lara aus Rumänien. Nach der qualvollen Odyssee der letzten Jahre war die Familie zur Ruhe gekommen.
Wieder hörte ich lange nichts von Dr. Ebert. Dann der Zufall: Ich befand mich gerade in einem Café, um für überraschend gekommene Gäste Kuchen zu besorgen. Während ich in der Schlange wartete und die Torten in der Auslage betrachtete, stupste mich plötzlich eine Dame an: »Herr Möbius, kennen Sie mich noch?« Es war die Mutter von Magnus. »Sie werden es nicht glauben«, erzählte Frau Ebert, »unser Magnus hat im vergangenen Jahr extern seinen qualifizierten Hauptschulabschluss bestanden und lernt nun für das Fachabitur. Er will Altenpfleger werden.« Ich erkundigte mich nach Lara. Ihr ging es ebenfalls gut in ihrer Familie, und Magnus und sie waren weiterhin unzertrennlich.
Übrigens: Magnus ist inzwischen tatsächlich Altenpfleger geworden. Wegen seiner Einfühlsamkeit wird er von Kollegen und Patienten sehr geschätzt.
In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut,
geht ein Huhn
hin und her …
Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteher?
Wird dem Huhn
man nichts tun?
Hoffen wir es! Sagen wir es laut:
dass ihm unsre Sympathie gehört,
selbst an dieser Stätte, wo es – »stört«!
Christian Morgenstern
Familie Schulze lebt in einem Reiheneckhaus am Rande einer größeren Stadt. Herr und Frau Schulze haben vier Kinder: Charlotte, zwölf Jahre, Jonas, neun Jahre, und die Zwillinge Alex und Niclas, acht Jahre.
Die Pandemie ist wie für alle Familien mit Kindern eine große Herausforderung, für die Schulzens mit ihren lebhaften Jungen besonders. Herr Schulze arbeitet in einer großen Firma als Abteilungsleiter, Frau Schulze in einem kleinen Betrieb als Sekretärin, jetzt im Homeoffice. Die Schulen befinden sich im Shutdown.
In der ersten Woche verlief das Familienleben noch einigermaßen harmonisch. Herr Schulze kaufte ein großes Trampolin, einen Rasensprenger, und die Kinder hatten viel Spaß. Doch schon in der zweiten Woche hatte keins der Kinder mehr Lust, auf dem Trampolin herumzuspringen, die Atmosphäre wurde immer gereizter.
Morgens bekam Frau Schulze ihre Kinder nicht aus dem Bett und abends nicht hinein. Charlotte hing nur an ihrem Handy oder iPad, betrachtete das Ganze als Ferien, und sie sah nicht ein, irgendetwas für die Schule zu tun.
Die drei Jungen tobten und stritten den ganzen Tag, weder Vater noch Mutter konnten sie motivieren, die erforderlichen Arbeitsblätter der Schule zu bearbeiten. Auch die Schulaufgabe, nämlich ein Corona-Tagebuch zu führen, hielten die vier für total schwachsinnig, denn da ein Tag wie der andere verlief, wusste keiner, was er schreiben sollte.
Frau Schulze war mit ihren Nerven am Ende, und wenn abends ihr Mann nach Hause kam und die Kinder wegen ihres Verhaltens und der nicht angefertigten Schularbeiten zusammenstauchte, war das Familienleben nahezu unerträglich.
Da, ein Glücksfall!
Frau Schulze las folgende Anzeige in der Tageszeitung:
Tagesstätte Regenbogen in Düsseldorf sucht tierliebende Familie mit Kindern, die eine kleine Hühnerschar für 8 Wochen in Pflege nimmt. Zaun, Stall und Futter werden mitgeliefert.
Sie sah darin eine große Chance, die Kinder sinnvoll mit eigenen, verantwortungsvollen Aufgaben zu beschäftigen.
Sie konnte es vor Freude kaum fassen, als ihre Familie aus den zahlreichen Bewerbern ausgewählt wurde. Das könnte die Lösung sein. Die Begeisterung war groß, und alles wurde in die Wege geleitet.
Bereits am nächsten Tag kamen sechs Hühner mit ihren Utensilien an und zogen in den hinteren Teil des Gartens. Jonas protestierte zunächst, er vermisse den stolzen Hahn in der Gruppe. Man erklärte ihm, dass das leider in einer Wohngegend nicht erlaubt sei, da ein Hahn bereits morgens um fünf Uhr laut krähe und die Nachbarn störe.
Das Hühnergehege war schnell aufgebaut, und gemeinsam erarbeiteten die Kinder einen Arbeitsplan, wer wann was zu machen habe, wobei auch die schulischen Belange berücksichtigt wurden.
Jedes der Kinder durfte sich ein Huhn aussuchen, Frau Schulze und ihr Mann nahmen die übrig gebliebenen. Alles verlief ohne Streit. Zum großen Bedauern der Kinder hatten die Hühner schon Namen, nämlich Lisa, Lea, Lotte, Luise, Lola und Lina.
Jonas protestierte, was das denn für bekloppte Namen seien, er werde sein Huhn auf keinen Fall Luise rufen, sondern Isabella. Aber er musste sich fügen, denn das war die ausdrückliche Anweisung der Leiterin, die Hühner seien an ihre Namen gewöhnt, somit sei ihre Identität gewahrt.
Die Begeisterung der Kinder ließ nicht nach. Sie standen bereits morgens um sieben auf, und noch vor dem Frühstück wurden die Hühner aus dem Stall gelassen und bekamen ihr Futter und frisches Wasser. Dann erst setzten sich die Kinder selbst an den Frühstückstisch. Anschließend wurden die Schularbeiten erledigt. Der Tag war somit strukturiert, und der Friede kehrte in die Familie zurück, selbst das Corona-Tagebuch war nun kein Problem mehr. Charlotte beschloss sogar, ihr Tagebuch sowohl in Deutsch als auch in Englisch zu verfassen, und erntete von der Englischlehrerin großes Lob.
Im Internet recherchierten die Kinder gemeinsam alles über die Haltung von Hühnern und machten sich entsprechende Notizen. Die Zwillinge erweiterten geschickt das Gehege, Charlotte baute ihnen einen speziellen Sandkasten, damit sie im Sand baden konnten. Jonas hatte eine andere Idee. Er hob seine schneeweiße Luise über den Zaun und ließ sie frei im Garten herumlaufen. Er wollte sie dressieren, und tatsächlich lief ihm Luise fortwährend laut gackernd hinterher. Doch Frau Schulze erklärte Jonas, dass das nicht gehe, die anderen Hühner würden neidisch sein und anschließend nur auf Luise herumhacken. Das leuchtete Jonas ein.
