Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese kleine Lektüre spiegelt einen kleinen Rahmen eines Lebens mit der MS wider, wie es nicht zwangsläufig im Rollstuhl enden muss und das ohne Pharmazie! Das kennen Sie bereits? Vielleicht finden Sie meine Ergänzungen trotzdem ganz hilfreich, denn ich bin dieser Betroffene, über den geschrieben wird. Sind Sie selber betroffen? Ich kann Sie da beruhigen. Sie sind nicht allein! Folgen Sie mir gerne durch meine Schübe, erlangen Sie Hintergrundwissen zum Thema der MS und mögliche Wege diese zu meistern, ohne in die Abhängigkeit der Neurologen zu müssen. Möglich ist vieles, wenn auch nicht alles.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Encephalomyelitis disseminata
a) Rückenmark
b) Gehirn
I Hirnnerven
II Frontalbereich
III Dorsalbereich
IV Mittelhirn
V Kleinhirn
VI Hirnstamm
VII Neurotransmitter und Hormone
VIII Fatigue-Syndrom und weitere Symptome
Der erste Schub
Der zweite Schub
Der dritte Schub
Der vierte Schub
Der fünfte Schub
Meine zwei Kinder
Ernährung bei MS
1) Omega-Säuren
2) Vitamin D3
3) Vitamin B12
4) Kaffee
5) Nichtraucher
6) Kein Alkohol
Weitere Ansätze einer erfolgreichen, nichtmedikamentösen Therapie
a) Leaky gut
b) Salutogenese
c) Sport
d) positive Lebenseinstellung
e) Medikamente bei MS
Konzepte in der Physiotherapie
Sonstiges
Die Suche nach einem Neurologen
Behinderung
Hilfsmittel
a) für Betroffene mit Problemen von Hand und/oder Arm
b) für Betroffene mit Problemen von Fuß und/oder Bein
c) und für Betroffene mit allgemeiner Problematik und diverse nützliche Ergänzungen zu dem Thema
2019 - nCoV
Veränderung von sich und der Umwelt
Um Sie direkt ins rechte Licht zu rücken: Ich habe MS!
Noch viel gravierender daran ist, dass ich diese Abkürzung seit 2010 mit mir herum trage, immer noch nicht im Rollstuhl sitze und keine Medikamente einnehme, die irgendetwas Pharmazeutisches mit dieser Krankheit zu tun hätten!
Oh, entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Dennis Walther, seit etlichen Jahren bin ich Physiotherapeut, habe die Ausbildung zum Osteopathen erfolgreich durchlaufen und ebenso die Heilpraktik gestreift. Und ja, ich habe seit 2010 die Diagnose Encephalomyelitis disseminata oder besser bekannt unter „Multipler Sklerose – MS“.
Diese schränkt mich täglich ein und verlangt mir einiges ab. Einen Grad der Behinderung (GdB) habe ich nicht beantragt und habe es in naher Zukunft auch nicht vor!
Ich lasse mir dadurch gewisse Vorteile entgehen? Welche Vorteile? Ich habe verdammt nochmal MS! Und ich sehe weiß Gott keine Vorteile darin in eine Schublade gesteckt zu werden, in die ich noch nicht gehöre.
Wie ich meinen Alltag meistere, ohne das es jemand bemerkt? Zauberkunst, Disziplin und ein eisernen Wille!
Dieses Wortkonstrukt spiegelt nicht ansatzweise die Tragweite wider, die diese chronische Krankheit mit sich bringt. Viele kennen sie unter „Multipler Sklerose“ oder kurz „MS“. Wiederum andere nennen sie die Krankheit mit den Tausend Gesichtern. Und genau das ist diese auch. Die Symptome sind so mannigfaltig, wie es Funktionen von Nerven gibt, die in Mitleidenschaft gezogen werden können, denn die MS greift als entzündliche Autoimmunerkrankung genau diese an!
Im Kontext einer Autoimmunerkrankung richtet der Körper sich gegen sich selbst, sprich gegen seine eigenen Zellen – In diesem Falle Nervenzellen – Genauer: Die Myelinschicht der Axone.
(Bild. D. Walther)
Die Myelinschicht ummantelt die grundlegende Nervenfaser (Axon) und sorgt für eine schnellere und kontinuierliche Informationsweiterleitung. Stellen Sie sich also vor, dass von einem Telefonkabel die schnellste Schicht wegrostet, sodass nur noch Knacken und Rauschen, unterbrochen von einigen Worten, klar übermittelt werden können. Bei schweren Verläufen dieser Krankheit kann es sogar bis zur gänzlichen Destruktion der Nervenfaser kommen, sodass eine absolute Unterbrechung der Informationsübermittlung kommt.
Oder ein anderes Beispiel könnte sein, dass ein Postbote, der vorher immer mit einem rasanten Motorrad seine Eilbriefe versendet hat, nach einer Vernarbung nur noch auf einem Muli über Wald- und Wiesenwege seine Post überbringen kann.
In Deutschland erhalten rund 14.000 bis 16.000 Personen die Neudiagnose „MS“ jährlich, was anzeigt, dass es sich hierbei nicht um ein kleines Themengebiet handelt. Der überwiegende Teil hiervon (gut 3/4) sind weiblich – Wie Sie bereits lasen, ich gehöre zu dem verbleibenden 1/4. Gerne jonglieren verschiedene Fachbücher mit dem Manifestationsalter zwischen 20 und 30 Jahren, jedoch liegt das tatsächliche Durchschnittsalter in Deutschland bei 33 Jahren, was wiederum anzeigt, dass es nicht nur junge Menschen trifft – bei mir 25 ½ .
Ja! Diese Krankheit kann via Disposition vererbt werden! Mein Vater und ich sind der beste Beweis dafür. Mein Vater erhielt die Diagnose 2009 im Alter von 68 Jahren. Sie sehen wieder einmal, dass hier alle Durchschnittsangaben gesprengt werden. Mein Vater ist zu diesem Zeitpunkt weder weiblich noch 33 Jahre jung gewesen.
Ich möchte Ihnen noch ein wenig mehr zum Thema der Lokalisation der Entzündung darbieten:
Die Autoimmunerscheinung der Encephalomyelitis disseminata zentriert sich auf das zentrale Nervensystem, sprich ausschließlich Gehirn und Rückenmark, was anatomisch bedingt ist. Das periphere Nervensystem hat folglich einen differenzierten Aufbau, an dem die Immunreaktionen nicht statt finden.
(Bild: D. Walther)
Im Anschluss der Entzündungsreaktion und der Zerstörung der Schwanschen Zellen, endet dieser Kampf gegen sich selbst meist mit einer Vernarbung der betroffenen Faser,
(Bild: D. Walther)
sodass die Informationsweiterleitung qualitativ gehemmt oder ganz gestoppt ist.
Das zentrale Nervensystem, also Rückenmark und Gehirn, kann dementsprechend viele verschiedene Symptome hervorbringen. Im möchte Ihnen einen Einblick in die Möglichkeiten der Symptome bieten. Wir fangen beim Rückenmark an, da dieses Gebiet schneller abgearbeitet ist, als das Gehirn selbst:
a) Rückenmark:
Ein wenig grenzwertig ist die Erklärung der Dermatome (siehe Bild), da ein Dermatom (ein Hautareal, welches einer bestimmten Wirbelsäulenhöhe zugeordnet ist) bedingt durch Spinalganglien (Nervenbündel einer jeden Segmenthöhe) seine Bezeichnung erhält. Ein Segment hierbei ist eine Bandscheibe mit dem drunter und drüber liegenden Wirbelkörper (in etwa einem Burger aus zwei Brotscheiben und einem Stück Fleisch in der Mitte), was das Rückenmark ebenfalls einer Höhe zuordnet. Die Spinalganglien sind jedoch ein Umschaltpunkt, wo Nervenfasern des zentralen Systems in das periphere Nervenfasersystem umkoppeln, was also nicht vollkommen korrekt dem zentralen Nervensystem zugeordnet werden kann. Nehmen wir also hypothetisch an, dass dem so wäre, um eine korrekte Zuordnung in Gänze zu erhalten und lassen das Kleinkarierte damit außer Acht.
(Bild: D. Walther)
Im Rahmen von Rückenmarkssymptomen ist also auf jeder Segmenthöhe ein zugeordnetes Dermatom ableitbar. In den einzelnen Dermatomen sind Missempfindungen von Kälte, Wärme, stromartigen Gefühlen, Berührungsunkorrektheiten und Taubheit und/oder Schmerzen möglich. Eher selten finden sich hierbei einzelne Funktionsverluste von Muskelgruppen, jedoch sind diese ebenfalls möglich. Bei multisegmentaler (Mehretagen) Betroffenheit, sind nicht nur einzelne, sondern eben mehrere Dermatome symptomauffällig. Hierbei wiederum sind Funktionsausfälle von Muskelgruppen gehäuft anzutreffen, da Muskeln meist multisegmental angesteuert werden.
b) Gehirn:
Kommt es im Bereich des Gehirns selbst zu Entzündungsprozessen, die meist ebenso nach Abklingen vernarben, ist die Lokalisation entscheidend darüber, welche Funktionen betroffen sind und welche Symptome sich dementsprechend zeigen. Um eine Vorstellung zu bekommen, was in etwa wo zu finden ist, lohnt es sich eine Art Stadtplan des Gehirns kennen zu lernen.
Gewiss ist Ihnen bekannt, was Sie alles im Alltag benutzen und welcher Fähigkeiten Sie habhaft sind. Wissen Sie aber auch, wo im komplexen Rechenzentrum des Körpers, sprich dem Gehirn, diese außerordentlichen Komplexen Abläufe beginnen oder deren Zentren liegen? Also, ich weiß es nicht immer, da ich kein Neurochirurg bin und genau deshalb schlage ich nach. Hierzu also erst einmal der grobe Aufbau des Gehirns.
(Bild: D. Walther)
Dieses Bild zeigt das Gehirn von oben (im Transversalschnitt), sodass man beide Hirnhälften (Hemisphären) klar erkennt. In deren Mitte zeigt sich eine Furche, die beide Hälften voneinander trennt. Die falx cerebri media (eine Art Sehnensegel) spannt sich genau in dieser Furche und formt eine Rinne, die dem Blutabfluss dient. Unterhalb dieser Rinne verbindet der sog „Balken“ genannt (corpus calosum) die beiden Hirnhälften miteinander, sodass beide Teile miteinander korrespondieren und sich Aufgaben teilen können. Genau hier ist u.a. einer meiner Entmarkungsherde.
Jede Hemisphäre ist für sich ein autarkes Gehirn und würde im Notfall ohne die andere Hälfte überleben können. Jedoch bilden beide Teile vereint erst das volle Operationsvolumen alle Aufgaben zu bearbeiten und lösen zu können.
(Bild: D. Walther)
Sie sehen in dieser schematisch vereinfachten Darstellung von der Seite (im Sagitalschnitt), dass das Großhirn über dem Hirnstamm liegt, gleich einer Baumkrone auf einem Stamm.
Hinter (in diesem Falle rechts im Bild) dem Stammhirn oder Hirnstamm liegt das Kleinhirn, welches den hinteren, unteren Teil unseren Schädels fast komplett ausfüllt. Leichte Schläge auf den Hinterkopf…okay, falsches Thema!
Das erste Unterthema des Gehirns sind dessen Hirnnerven. Es gibt insgesamt 12 Paare, also 24 einzelne Hirnnerven. Diese heißen Hirnnerven, weil sie eine Direktverbindung mit dem Hirn haben, ohne im Rückenmark umgeschaltet zu werden. Primär haben diese Nerven lebenswichtige und überlebenssichernde Aufgaben!
(Bild: D. Walther)
Wie Sie sehen, haben diese lebenswichtigen Nerven römische Ziffern erhalten, während alle anderen Nerven des Körpers nicht nummeriert sind. Die Reihenfolge dieser Zahlen ist nicht etwa eine Staffellung der Wichtigkeit, sondern die anatomische Anordnung von vorn nach hinten (in diesem Falle aus einer Ansicht von unten im Transversalschnitt).
I. Nervus olfactorius: Er bündelt die Aufgaben des Riechens. Fällt dieser aus, so erkennen wir keine Gefahren mittels Geruch oder verdorbene Nahrung.
II. Nervus opticus: Dieser ist für das Sehen zuständig. Fällt er aus, sind wir blind.
III. Nervus oculomotorius: Er vereint die motorische Komponenten des Auges. Ist dieser betroffen, so wird das Sehen unscharf, verschwommen oder mit Doppelbildern versehen.
IV. Nervus trochlearis: Die Augenrollbewegung wird über diesen Nerven gesteuert. Fällt er aus, so haben wir keinerlei Möglichkeiten mehr den Augapfel zu bewegen und unser Blick bleibt starr gerade aus. Er ist also schon der dritte Nerv, der das Sehen ermöglicht, was Sie erkennen lassen sollte, wie elementar das Sehen für uns ist.
V. Nervus trigeminus: Dieser Nerv steuert u.a. die komplexen Bewegungen des Kauens und die Phonetik. Ohne diesen müssten wir uns von Suppen ernähren und bekämen keine Wörter geformt.
VI. Nervus abducens: Eine Kombination aus Augenzentrierung und sensiblen Anteilen der Wahrnehmung im Gesicht sind seine Aufgaben. Ohne ihn wäre eine Feineinstellung des Augapfels nicht möglich und gewisse Bereiche unseres Gesichts wären berührungsunempfindlich.
VII. Nervus fascialis: Er steuert unsere gesamte Mimik. Ohne diesen wäre eine Kommunikation nur noch mittels Wörtern möglich und ein maskenhaftes Gesicht die Folge. Daneben würden wir keine Berührungen im Gesicht wahrnehmen und uns wahrscheinlich all zu oft in diesem verletzen.
VIII. vestibulocochlearis: Die Steuerung vom Gleichgewicht und die akustische Wahrnehmung, sprich das Hören, sind seine Aufgaben. Bei Störungen wären wir taub und ohne Gleichgewicht. Stürze und immerwährendes Übergeben wären die Folge.
IX. Nervus glossopharyngeus: Er steuert das Schlucken. Ohne diesen, würden wir verhungern oder aspirieren (Fest- oder Flüssigstoffe in die Atemwege gelangen und daran ersticken).
X. Nervus vagus: Dieser komplexe Nerv zieht bis in die untere Bauchregion hinein und versorgt dabei alle passierten Organe. Große Teile des Verdauens, der Atmung und unserer Blutversorgung gehen auf sein Konto. Bei Störungen wären Gallensteine, Blutdruckveränderungen, Atembeschwerden, Verdauungsprobleme bis hin zu Selbstvergiftungen möglich. Kurzum – alles abwärts des Halses wäre gestört oder ohne Funktion.
XI. Nervus accessorius: Dieser koordiniert die Kopfdrehung, Schulterbewegungen und den oberen Anteil der Atemhilfsmuskulatur. Fällt dieser aus, sehen wir keine Gefahren neben uns, könnten keine Greifbewegungen oder Hangeln ausführen, könnten uns nicht ankleiden und würden also erfrieren und bei stärkeren Belastungen nicht ausreichend atmen.
XII. Nervus hypoglossus: Er koordiniert alle Zungenbewegungen und unterstützt das Schlucken. Ohne diesen Nerven gäbe es keine Wortbildung und damit sprachliche Kommunikation, Ertasten von Fremdstoffen im Nahrungsbrei und Verschlucken, bis hin zum Aspirieren.
Bei all diesen Aufzählungen von Symptomen habe ich stets nur das Extrem genannt. Natürlich gibt es auch Abstufungen, dass nicht direkt eine Taubheit droht, sondern eben eine Hörminderung und nicht direkt eine Blindheit, sondern ein stufenweises Schlechter-Sehen, jedoch setze ich voraus, dass Sie kreativ genug sind vom Extremen ins Leichter-Betroffene zu antizipieren und abzustufen!
In diesem Abschnitt des Gehirns gibt es zahlreiche Prozesse und Funktionen, sodass ich mir wieder nur die großen und extremen Bereiche und deren Dysfunktionen (Fehlverhalten) herauspicke und diese Ihnen näher bringe.
(Bild: D. Walther)
a) Broca-Zentrum
Dieses Zentrum im Vorderbereich des Gehirns ist für die Sprachbildung verantwortlich. Es geht hierbei nicht nur um die korrekte Lautbildung, sondern auch um Sinnhaftigkeit dieser motorisch geformten Geräusche. Ein U sollte auch als U verstanden werden und ein X sollte immer ein X bleiben. Klar gibt es Dialekte und schlechte Zähne, Sprachfehler und Eigenarten, aber die Motorik der Sprache im Gehirn meint in diesem Falle eine korrekte Abfolge von aneinandergereihten Buchstaben, sodass mein Gegenüber diese Geräusche als Wörter wahrnimmt oder eben ein Gesang als Gesang, ein Schnalzen als Schnalzen und so weiter. Kurzum: Bei Störungen im Broca-Zentrum verfehlt der Betroffene eine adäquate Artikulation.
b) Steuert und kontrolliert Bewegungen
Der vordere (frontale) Bereich des Gehirns trägt maßgeblich zur Steuerung und Kontrolle von Bewegungen bei. Wenn Sie z.B. Ihre Autoschlüssel auf dem Tisch liegen sehen und danach greifen möchten, erfolgt diese Bewegung meist ohne größeren Aufwand. Sie machen sich wahrscheinlich nur wenige Gedanken darüber, was alles nötig ist, um den Schlüssel aufzunehmen.
Das Vorderhirn schätzt erst die Entfernung, nachdem das Hinterhirn die Blickinformation (Sehen) des Zieles verarbeitet und an das Vorderhirn weitergegeben hat.
Anschließend wird in Millisekunden ein Bewegungsmuster herausgesucht, welches der bevorstehenden Bewegung ähnelt, denn meist greifen Sie nicht das erste Mal nach einem Gegenstand dieser Entfernung und dieser Größe. Neu zu erlernende Bewegungsmuster gehen anfänglich oft schief oder schießen über das Ziel hinaus, darum versorgt das Gehirn unsere Zielpeilung gerne mit Routinen!
Der Rumpf wird in die richtige Position und Entfernung eingestellt, da er oftmals noch einen Schritt benötigt oder ein Vorbeugen. Gleichermaßen hinterfragt das Vorderhin die eingegangenen Informationen des Hinterhirns, ob der Weg dahin wirklich frei ist oder noch ein Gegenstand im direkten Wege hängt, an dem wir uns stoßen könnten. Diese ständige Rückfrage geschieht mittels Auge und Blickverarbeitungsfeld des Hinterhirns.
Als Nächstes wird die Schulter tätig, hebt oder senkt sich, stellt die 5 Schultergelenke mittels Muskulatur in die nötige Vorspannung und sichert die Gelenke, damit bei der Bewegung des Armes kein Auskugeln statt findet.
Nun kann sich der Arm in Bewegung setzen, meist ein Anheben und eine Ellenbogenbeugung.
Bei all den vorab getätigten Muskelaktivitäten findet immer eine Soll-Ist-Wert-Abfrage statt, denn ein zu stark gehobener Arm bringt die Hand am Ziel vorbei, ebenso ein zu stark gebeugter Ellenbogen. Ein zu wenig geneigter Rumpf oder eine mangelnde Sicherung der Gelenke, lassen die „einfache“ Aufgabe des Autoschlüsselbundgreifens ebenfalls scheitern.
Der Unterarm wird nun durch die Muskulatur in Position gedreht, damit das Handgelenk sich leicht anheben kann.
Erst jetzt, ewige Millisekunden nach Abrufen des Bewegungsmusters aus dem Speicher des Gehirns, öffnet sich die Hand, wobei jeder Finger und jedes Fingergelenk hierbei ebenfalls wieder genauestens auf eine Soll-Ist-Wert-Abfrage zurückgreifen muss. Sie werden lachen, aber für das Gehirn sind diese Millisekunden bereits EWIG her.
Die Hand senkt sich, wobei meist ein Handflächenkontakt den vorangegangenen Ablaufketten den Erfolg der Mission meldet, sodass ein Handschluss und Aufnehmen in die Hand des Schlüssels erfolgen kann.
Eine Prüfung des antizipierten Gewichts erfolgt ebenfalls bei der Aufnahme des Schlüssels. Liegt es zu hoch – Fehler und wir benötigen mehr Kraft, als erwartet, was uns meistens wundert. Liegt das Gewicht zu niedrig, überreißen wir meist überschwänglich die Bewegung des Aufhebens – Fehler, was uns wiederum wundert.
Je nachdem, wo Sie ihn als nächstes hinbewegen wollen, ruft das Gehirn nun weitere, bekannte Bewegungsmuster ab.
Und da wundern Sie sich noch, um was Sie sich bis jetzt noch keine Gedanken gemacht haben, weil das Gehirn diese Tätigkeiten für Sie stillschweigend übernommen hat?!
Bei all diesen Einzeltätigkeiten, können Veränderungen oder Ausfälle drohen, wenn das Vorderhirn einen Entmarkungsherd aufweist oder einen akuten Schub! Sie sehen, da können schon viele der 1000 Gesichter der MS zusammen kommen.
c) Persönlichkeit und Sozialverhalten
Ebenfalls im Vorderbereich des Gehirns sitzen Sie!
Was ich?!
Ja, genau Sie; Ihr Ich und das, was Sie allein von den anderen Menschen um Sie herum unterscheidet. Hier sitzt die Persönlichkeit. Damit wir nicht alle Roboter auf diesem Planeten sind, oder einzellige Amöben, hat uns die Natur eine Persönlichkeit entwickeln lassen. Wenn dieser Teil von einer MS betroffen ist, so verändert sich der Mensch von seinem Wesen her. Ging Person X vorher lebensfroh durchs Leben, so kann es genau ins Gegenteil umschlagen. Die gesamte Bandbreite an Persönlichkeitsstörungen setzt hier an:
Paranoide, Schizoide, Histrionische, Narzisstische, Dissoziale, Borderliner, Selbstunsichere, Abhängige und Zwanghafte, bis hin zu den passiv-Aggressiven!
Die Bandbreite an Veränderungen ist so breit gefächert, dass Ihnen dieses enorm große Themengebiet besser anderweitige Fachliteratur erklärt, da wir sonst sicherlich nicht unter 400 Seiten raus kämen.
Damit verbunden, ist das Sozialverhalten betroffen, wenn das Vorderhirn von der MS angegriffen wird. Sozial umgängliche Menschen könnten plötzlich Einsiedler werden. Introvertierte Menschen könnten urplötzlich extrovertierte Gruppengänger werden und das Mauerblümchendasein hinter sich lassen. Liebe könnte Buchstäblich zu Hass werden, Philanthropen zu Misanthropen, Soziale bis hin zu Asozialen. Gerne halte ich dieses Gebiet ebenfalls nur angerissen oberflächlich, da jeder Mensch bereits sein Kreuz zu tragen hat und jeder Satz ohnehin schon als eine Anklage aufgefasst werden könnte – Kurzum: Stellen Sie sich einfach vor, dass Sie sich insoweit verändern würden, dass man auf Sie zukäme und Ihnen unmissverständlich mitteilen könnte, dass Sie sich verändert hätten.
d) Pyramidenbahnen Beginn
Als letzten Punkt für diesen Bereich möchte ich Ihnen die Pyramidenbahnen aufzählen. Nein, wir befinden uns nicht in Ägypten, sondern immer noch im Gehirn und zwar im Vorderteil – nicht Abteil.
Die Pyramidenbahnen sind ebenfalls Kerngebiete, die dem Mittelhirn, nämlich dem motorischen Cortex zugeordnet werden können. Ihre Quellgebiete sind jedoch z.T. so ausladend, dass ich sie im Vorderbereich ebenfalls erwähne.
Der Tractus corticospinalis und der Tractus corticonuclearis bilden die beiden Hauptteile, welche sich gleich einer auf dem Kopf stehenden Pyramide bündeln und als Hauptfunktion die Aktivierung von Motoneuronen (Nervenfasern für die Willkürmotorik) zur Durchführung von Bewegungen bedienen. Wenn diese durch die MS betroffen sind, treten Reflexe auf, die wir zuletzt als Säuglinge zeigten und durch Willkürmotorik unterdrückten:
(Auszug aus meinem Buch: „Ein Raum für Tests“)
Zusätzlich kommt es oft zu Kloni (unwillkürliche, rhythmische Kontraktionen von Muskeln bzw. Muskelgruppen) und/oder Tremor (unwillkürliches, sich rhythmisch wiederholendes Muskel- und Extremitätenzittern). Stellen Sie sich einfach vor, Sie wollen nach einem Glas greifen und auf dem Weg dahin schlackert der Arm, sodass Sie nur mit Mühe das Glas ergreifen. Beim Zurückziehen, verschütten Sie die Hälfte des Inhalts und wohlmöglich lassen Sie es sogar fallen. Ebenso gibt es auch Varianten des Beines, sodass ein Schritt kein sicherer Schritt werden würde, sondern eine ziemlich wackelige und abenteuerliche Angelegenheit. Stellen Sie sich einfach hierzu vor, dass man Teile Ihrer Gelenke im Bein mittels Gummi ersetzt hätte, statt soliden Komponenten – ein Drahtseilakt!
Mit dem Hinterhirn meine ich in diesem Falle nicht etwa das cerebellum (Kleinhirn), sondern den hinteren Bereich der Großhirnrinde. In diesem finden sich, neben diversen allgemeinen Anteilen, die spezifischen Kerne des:
(Bild: D. Walther)
a) Wernicke-Zentrums
Diese Ansammlung an Zellkernen ist für das Sprachverständnis verantwortlich und bildet mit dem Broca-Zentrum des Vorderhirns unser Sprachzentrum. Im Wernicke-Zentrum werden Töne mit Bedeutungen verknüpft, sodass wir verstehen, was unser Gegenüber meint. Beherrschen wir diese Sprache nicht, erkennen wir zumindest eine Andersartigkeit und den Unterschied zwischen einzelnen Lauten, Melodien und Wörtern. Oftmals werden diese Informationen mit dem Limbischen System (Sitz unserer Emotionen) gekoppelt, sodass verschiedene Töne, Lieder oder Wörter gleichsam mit Emotionen verbunden werden.
Sofern hier eine Schädigung durch die MS Platz findet, verstehen die Betroffenen einzelne Wörter nicht mehr, Satzkonstruktionen ergeben keinen Sinn mehr oder die Widergabe von Texten werden mit Füllwörtern versehen. Wortneuschöpfungen, wie z.B. Zebrafant oder Autopool sind ebenso Zeichen einer Schädigung dieses Zentrums, welche jedoch öfter bei Alkoholismus auftreten, als bei der MS.
b) Zentrums für Planung und Regulation komplexer motorischer sowie intellektueller Handlungen
In Absprache mit dem Vorderhirn, ist das Hinterhirn für nahezu alle Rückfragen von Soll-und Istwerten von Bewegungen verantwortlich. Entsinnen Sie sich des Beispiels mit dem Aufheben des Schlüsselbundes? Wann immer eine Rückfrage gestellt wird, wann immer ebenso die Augen eine Zielkontrolle vornehmen müssen, kommt das hintere Planungsfeld des Gehirns ins Spiel. Warum eine Information vom weitentferntesten Punkt des Vorderhirns zum diametralen Pendent gesendet wird, kann ich nur spekulieren:
Damit diese Information möglichst viele Bereiche des Hirns durchstreifen muss, die wiederum Stellglieder für Korrekturen und Absprachen darstellen (aber das ist nur meine, nicht neurophysiologische, Antwort).
Ferner sind Teile des Hinterhirns maßgeblich für logische Handlungen und Abfolgen reserviert, die ebenso mit dem Intellekt zu tun haben. Plumpe Bereiche erzielen plumpe Handlungen, während ausgereifte und vernetzte Bereiche komplexe und feinabgestimmte Handlungen erreichen. Hier setzt also nicht nur die Reaktion auf gewisse Kausalitäten an, sondern auch die Koordination und Umsetzungsgeschwindigkeit dieser Reizantworten. Dies wird wohl der Grund dafür sein, weshalb es schon immer hieß:
„Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen.“
