Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands: Analyse des kommunistischen Frauenkampfs - Clara Zetkin - E-Book

Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands: Analyse des kommunistischen Frauenkampfs E-Book

Clara Zetkin

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Beschreibung

Dieses eBook: "Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands: Analyse des kommunistischen Frauenkampfs" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Clara Zetkin, geborene Eißner (1857-1933) war eine sozialistische deutsche Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin. Aus dem Buch: "Diese und andere hindernde Umstände raschen und gewaltigen Aufschwungs der kommunistischen Frauenbewegung entmutigen nicht, im Gegenteil, sie spornen zu höchster Willens- und Kraftentfaltung an. Mit leninistischer Gewissenhaftigkeit wird sie an Hand des dialektischen Materialismus die Bedingungen ihres Reifens und Wirkens untersuchen, wird sie sich dank festgegründeter theoretischer Erkenntnis erfolgreiches praktisches Handeln sichern."

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Clara Zetkin

Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands: Analyse des kommunistischen Frauenkampfs

Klassiker der feministischen Literatur
e-artnow, 2017 Kontakt: [email protected]
ISBN 978-80-268-7788-2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Die Forderung der Frauenemanzipation in der deutschen Revolution 1848/1849
Die Anfänge der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland
Die deutschen Arbeiter in der Frühperiode ihres Klassenaufmarsches und die Frage der beruflichen Frauenarbeit
Marx und Engels und die I. Internationale zur industriellen Frauenarbeit und zur Frauenemanzipation
Die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland
Louise Otto-Peters
Flora Tristan
Julius Motteler
Die bürgerliche Frauenbewegung
Die sozialdemokratische Frauenbewegung
Die kommunistische Frauenbewegung

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Den Ausgangspunkt der nachfolgenden Studie bildete eine gedrängte Darstellung der Entwicklung und des Wirkens der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, die im Februar 1869 zu Crimmitschau in Sachsen gegründet wurde. Diese Organisation war zusammen mit der zwei Jahre früher ebenfalls in Crimmitschau entstandenen Spinn- und Webgenossenschaft E. Stehfest & Co. der feste Kern und die lebendige Kraft der sozialdemokratischen Aufklärungs-, Werbe- und Organisierungstätigkeit im sächsischen Erzgebirge und Vogtlande, und vor allem unter dem Textilproletariat dort, das der junge aufstrebende Kapitalismus mit der ihn auszeichnenden Brutalität einer schrankenlosen Ausbeutung unterwarf. Es muß hinzugefügt werden, daß es Sozialdemokraten Eisenacher Richtung waren, die von Crimmitschau aus planmäßig und tatkräftig dafür wirkten, die Textilarbeiterschaft zunächst dieser Gegend und dann ganz Deutschlands zum Kampfe wider das kapitalistische Unternehmertum zu vereinigen und zu rüsten. Sozialdemokraten Eisenacher Richtung, das besagt die innere Zugehörigkeit zu der Internationalen Arbeiterassoziation, im Ringen mit dem bürgerlichen Liberalismus um die Sammlung der Proletarier das offene Bekenntnis zu den Grundsätzen der I. Internationale und die Betätigung in ihrem Geiste. Die Entstehung, das Leben und Weben der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter zu Crimmitschau wurde durch die Richtung ihrer Führer bestimmt. Die innere Verknüpfung mit der I. Internationale ist zweifelsohne von entscheidendem Einfluß darauf gewesen, daß der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Textilarbeiter die Ehre zufällt – soweit ich festzustellen vermöchte – , die erste Organisation in Deutschland gewesen zu sein, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen zusammen mit den Männern auf dem Boden des revolutionären Klassenkampfes sammelte, organisierte und als gleichberechtigte und vollwertige, tätige Mitglieder gegen den kapitalistischen Klassenfeind führen wollte.

Was darüber in dieser Broschüre berichtet wird, wurde im wesentlichen bereits im Sommer 1905 geschrieben und erschien im »Illustrirten Neue Welt-Kalender« der deutschen Sozialdemokratie für 1906. Die Eigenart der Publikationsstelle und der damit zusammenhängende geringe Raum, der mir zur Verfügung stand, zwangen mich, meine Arbeit auf das äußerste zu beschränken. Wenn ich mich trotzdem für ihre Veröffentlichung im »Illustrirten Neue Welt-Kalender« entschied, so geschah es im Hinblick auf die dadurch gesicherte Massenverbreitung. Der Kalender findet in Deutschland einen weiter ausgedehnten Kreis von Lesern und Leserinnen als andere Parteiliteratur, als Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren. Vor großen Massen das so gut wie unbekannte Kapitel aus der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands aufzuschlagen dünkte mir aber wertvoller, als darüber mit wissenschaftlicher Geste vor einer kleinen Zahl von Geschulten zu berichten.

Nach meinem Dafürhalten konnten gerade die in ihrer Einstellung zu den sozialen Dingen Unsicheren und Ängstlichen, die Ungeschulten, Scheuen und Schüchternen, die »Kleinen« der Bewegung – und unter ihnen besonders die Frauen – aus dem Bilde hingebungsvollen, ausdauernden Ringens und Aufbauens in der Vergangenheit Belehrung gewinnen, ebenso auch Ansporn, Ermutigung, Begeisterung und Beispiel. Ich hoffte des weiteren, die Arbeit werde die Veröffentlichung von Erinnerungen und Schriftstücken aus jener Zeit anregen, denn damals lebten noch Genossinnen und Genossen, die die erste organisierte Zusammenfassung von proletarischen Frauen und Männern zum Klassenkampf mitgeschaffen und getragen hatten. Außerdem erachtete ich es für eine Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit, die Massen daran zu erinnern, daß sie über der verheißungsvollen Entwicklung der Arbeiterbewegung, dem Ruhm der Sozialdemokratie und ihrer Führer, dem Aufschwung der Gewerkschaften in der damaligen Zeit nicht die Namen und die Leistungen der sich selbst verleugnenden Männer und Frauen vergessen dürften, das Streben und Mühen zahlreicher Ungenannter und Unbekannter, die unter gehäuften Schwierigkeiten und Opfern in den Jahren der Anfänge zur Organisierung der deutschen Arbeiterklasse als Baumeister, Werkführer oder schlichte Kärrner tätig gewesen sind.

Nun, da meine Arbeit als Broschüre erscheinen sollte, war die damals gebotene Beschränkung gegenstandslos. Umgekehrt: Eine Erweiterung und Ergänzung der früheren Studie erwies sich als nötig für die richtige geschichtliche Bewertung der Frühzeit proletarischer Frauenbewegung in Deutschland. Was als deren Anfang erscheint, ist gleichzeitig der Abschluß einer wichtigen Entwicklungsstufe der Sammlung und Organisierung des Proletariats als Klasse. Die von Crimmitschau ausgegangene erste organisierte Zusammenfassung von Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen mit ihren Klassenbrüdern gleicht der Quelle, die, stark und rasch abfließend, aus dem Boden tritt, deren Hervorbrechen aber die Vereinigung vieler feiner Wasseradern zur Voraussetzung hat. Die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter ist die Verkörperung einer geschichtlichen Einstellung zur industriellen Frauenarbeit und Frauenemanzipation, die sich auch die Elite des deutschen Proletariats erst allmählich zu eigen gemacht hat. Die Broschüre zeigt den Weg, den das sich organisierende Proletariat Deutschlands seit den Revolutionstagen 1848/1849 bis Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgelegt hat, um von dem Mitgefühl für die jammervolle Lage der Arbeiterinnen und den Klagen über ihre verhängnisvolle Rückwirkung auf Arbeits- und Lebensbedingungen des gesamten Proletariats zur Betätigung dieser Erkenntnis zu gelangen: Kein Verbot der Industriearbeit, der Erwerbsarbeit der Frauen, vielmehr Schutz gegen ihre mörderische Ausbeutung, gemeinsame Organisierung der von der Kapitalistenklasse ausgebeuteten Frauen und Männer zum entschlossenen Kampfe gegen den gemeinsamen Feind. Gewiß, vereinzelte Fünkchen dieser Erkenntnis blitzten 1848 und später in der Stellungnahme organisierter Arbeiter und in frauenrechtlerischen Strömungen auf. Jedoch davon abgesehen, daß diese Fünkchen meist nicht ganz klar und hell brannten, zündeten sie nicht unter den Proletarierinnen selbst und entfachten nicht ihre klassenbewußte Aktivität. Die ersten Teile der Broschüre geben einen Überblick über das, was vor der Gründung der Internationalen Gewerksgenossenschaft des Textilproletariats in Deutschland war. Dazu gehört auch ein gedrängtes Eingehen auf das erste Eintreten bürgerlicher Frauen für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, auf die Anfänge der bürgerlichen Frauenbewegung, die, den Zeitströmungen entsprechend, mit einem Sträußlein Interesse für die Lage der Arbeiterinnen, von Mitgefühl für ihre Leiden geschmückt sind. Ist das überschwengliche Lob gerechtfertigt, das die deutsche Frauenrechtlerei in beiden Beziehungen ihren ersten Vorkämpferinnen spendet? Die Broschüre beantwortet diese Frage mit Tatsachen. Sie erhärten unbestreitbar, daß in Deutschland Schwäche und Verschwommenheit die hervorstechenden Merkmale des Kampfes bürgerlicher Frauen für die volle Emanzipation ihres Geschlechts waren und mehr noch ihres Eintretens für das Recht der Proletarierinnen, der Arbeiterklasse. Helles Licht fällt darauf durch die Forderungen, die die kühne Flora Tristan in Frankreich einige Jahre vor Louise Otto für die volle Befreiung des weiblichen Geschlechts und des Proletariats als Klasse erhob; fällt darauf durch die rücksichtslose Energie, mit der Frauen der Vereinigten Staaten von Nordamerika 1848 ihre uneingeschränkte Gleichberechtigung heischten. Die angeführten Tatsachen weisen zugleich hin auf die geschichtlichen Ursachen der Kümmerlichkeit hier, der Stärke dort. Sie unterstreichen, daß die klassenbewußte proletarische Frauenbewegung Deutschlands keineswegs ein wildwuchernder Absenkung der bürgerlichen Frauenbewegung ist, wie manche glauben.

So gliedern diese Teile der Studie den Beginn des Aufmarsches der deutschen Proletarierinnen zum Kampfe für ihre Gleichberechtigung noch fester als früher in den Werdegang der deutschen Arbeiterbewegung bis zum Erlaß des Sozialistengesetzes 1878 ein. Sie erbringen damit den Nachweis, daß die planmäßigen Bestrebungen zur Organisierung der Proletarierinnen als klassenbewußter Kämpferinnen und ihre Schulung ein wesentlicher Bestandteil dieses Werdeganges sind. Das gilt insbesondere für die Frühzeit der Gewerkschaftsentwicklung, die sich auf dem Boden des Klassenkampfes vollzog. Der Gewerkschaftskongreß zu Halberstadt 1892 hat sich nur zu einem Grundsatz bekannt, der mehr als 20 Jahre vor ihm gewerkschaftliche Praxis gestaltete, als er beschloß, die der Generalkommission angegliederten zentralisierten Verbände hätten ihre Statuten dahin zu ändern, daß die Arbeiterinnen als gleichberechtigte Mitglieder aufzunehmen seien. Ein bedeutsames Stück geistiger, ideeller Entwicklung der deutschen Arbeiter offenbart sich in ihrem Aufstieg von der früheren Forderung des Verbotes der industriellen Frauenarbeit bis zum tatkräftigen Eintreten für die Organisierung der Lohnsklavinnen, der Proletarierinnen, in Reih und Glied ihrer Klassengenossen zum Kampfe gegen die kapitalistische Wirtschaft, die bürgerliche Ordnung. Diese Entwicklung ist auf das engste verbunden mit der fruchtbaren Ausstrahlung der Auffassung von Marx und Engels von der geschichtlichen Tragweite der industriellen Frauenarbeit und mit der von ihnen beeinflußten Stellungnahme der I. Internationale zu den das Proletariat bewegenden Zeit- und Streitfragen. Das wird in der vorliegenden Broschüre gezeigt und gewürdigt.

Die engere Zusammenbindung der Ansätze zur klassenbewußten Organisierung der Proletarierinnen mit der Entwicklung der allgemeinen Arbeiterbewegung in Deutschland machte eine gründliche Revision des alten Textes unerläßlich. Nicht daß er einschneidende sachliche Veränderungen erfahren hat. Wohl aber war an manchen Stellen eine erläuternde und erklärende Fassung erforderlich, hier und da auch die Einschaltung von Sätzen, die auf späteres Geschehen hinweisen. Gestrichen ist, was den inneren Zusammenhang der Crimmitschauer Organisation mit der I. Internationale nachwies, weil es ausführlicher an anderer Stelle steht.

Nichts jedoch von diesen Korrekturen ändert den grundsätzlichen Charakter der alten Arbeit, mit einer einzigen Ausnahme. Nicht die Länge der seit 1905 verrauschten Zeit, vielmehr die in ihr erfolgte Umwandlung der deutschen Sozialdemokratie aus einer stolzen revolutionären Klassenpartei des Proletariats in eine bescheiden-bürgerliche, demokratisch-soziale Reformpartei hat mich gezwungen, den Schluß der alten Arbeit völlig umzuändern. Diese endete mit einem vollen und damals wohlverdienten Lob für die sozialdemokratische Frauenbewegung in Deutschland. An Stelle des Lobes mußte schärfste Kritik treten. Die deutsche proletarische Frauenbewegung hat ihr gerüttelt Maß Anteil an dem Verfall, dem Niedergang der Sozialdemokratischen Partei. Sie ist von einer tapferen, zielklaren Kämpferin für den revolutionären Marxismus in der II. Internationale zu einer gehorsam dienstbaren, fleißigen Magd des Reformismus geworden, die auf selbständiges Prüfen, Urteilen und Handeln verzichtet. Die Kennzeichnung dieser schimpflichen Mauserung war Pflichtgebot, sollte meine Arbeit ihrem alten Ziel treu bleiben: die Klärung und Kräftigung des proletarischen Klassenbewußtseins zu fördern, eine Klärung und Kräftigung, die die ausgebeuteten und geknechteten Männer und Frauen zur siegreichen, entscheidenden Macht der Geschichte zusammenballt.

Als Anhang ist der Broschüre Biographisches über die drei Persönlichkeiten hinzugefügt, die im Verlaufe der Darstellung besonders hervorgetreten sind: Louise Otto-Peters, Flora Tristan und Julius Motteler. Viel Zeit ist seit 1905 verstrichen, da die Erinnerung an entscheidende Einzelheiten der Frühperiode und des »Heldenzeitalters« der deutschen Sozialdemokratie unter dem Ausnahmegesetz wie an ihre führenden Persönlichkeiten noch lebendig war und vielerlei vorausgesetzt werden konnte. Gewaltigste Ereignisse sind seither in die Geschichte getreten, haben Geschichte gestaltet. Für die nachgerückten Geschlechter beginnt eine Vergangenheit zu verblassen, die um mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Wie viele oder richtiger wie wenige der Jungen wissen heute, durch welche unsterblichen Verdienste um die Sache des geknebelten und gehetzten Proletariats Motteler den Ehrennamen des »Roten Feldpostmeisters« erwarb?

Moskau, Ende 1928Clara Zetkin

Die Forderung der Frauenemanzipation in der deutschen Revolution 1848/1849

Inhaltsverzeichnis

Es muß auffallen, daß in dem revolutionären Sturm und Drang von 1848/1849 in Deutschland nur wenige einzelne Frauen, noch weniger fordernde Frauenmassen handelnd hervorgetreten sind, geschweige denn Frauenorganisationen, die beherzt und kräftig in das politische und soziale Geschehen eingegriffen hätten. Welcher Gegensatz zu dem Verhalten der Frauen des Dritten Standes und ganz besonders der Kleinbürgerinnen und Proletarierinnen der Pariser Vorstädte während der Französischen Revolution. Es sei an einige besonders markante Episoden und Frauengestalten aus der Geschichte jener Zeit erinnert: an den Zug der Pariserinnen nach Versailles, um »den Bäcker und die Bäckerin«, das heißt den König und die Königin, samt der Nationalversammlung nach Paris zu führen, jenen denkwürdigen Zug, der angefeuert wurde durch die »Amazone der Freiheit«, Theroigne de Méricourt, die beim Sturm auf die Bastille in vorderster Reihe focht und auch am Aufstand des 10. August tätigsten Anteil nahm, der 1792 zum Sturz des Königtums führte; an das stürmische Begehren der Frauen, mit der Waffe das Land der Revolution zu verteidigen. Im Namen mehrerer hundert Bürgerinnen forderte Pauline Léon von der Volksvertretung Piken, Pistolen, Säbel und die Errichtung eines Übungslagers. In Paris und in vielen Departements formierten sich Amazonenkorps; 4000 junge Mädchen entfalteten zu Bordeaux am 14. Juli 1792 ihre Fahnen. Ganz zu schweigen von den einzelnen Frauen und Mädchen, die als Soldaten die Feldzüge der jungen Republik gegen die Koalition des reaktionären Europas mitfochten und die nicht selten in den Tagesbefehlen der revolutionären Armee für ihre Tapferkeit mit Auszeichnung erwähnt wurden. Es sei erinnert an den führenden Einfluß, den Madame Roland in der Partei der Girondisten, das heißt der Großbourgeoisie, ausübte, während die Schauspielerin Rose Lacombe, die für ihre Tapferkeit bei der Einnahme der Tuilerien mit der Bürgerkrone ausgezeichnet wurde, gestützt auf die »Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen«, eine treibende Kraft in der Manifestation war, die die Vernichtung dieser Partei einleitete; an die Petition der Pariserinnen an die Nationalversammlung 1789, in der sie politische Gleichberechtigung und wirtschaftliche Betätigungsfreiheit des weiblichen Geschlechts forderten; an die »Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin« durch Olympe de Gouges; an das leidenschaftliche Interesse, mit dem die Frauen den Verhandlungen der Verfassungsgebenden und der Gesetzgebenden Versammlung und den Kämpfen des Konvents folgten und sich an ihnen durch Zwischenrufe, Anregungen und Deputationen beteiligten; an ihr Auftreten in den politischen Klubs und in den Frauenvereinigungen. Es gab in ganz Frankreich keine große und keine kleine Stadt, die nicht ihren Frauenklub gehabt hätte, und mancherorts waren selbst Dorfbewohnerinnen Mitglieder politischer Frauenvereinigungen. Die Gesellschaft der »Freundinnen der Freiheit und Gleichheit« zu Lyon stand an der Spitze der Bewegung im Herbst 1792, die ihren Ursprung in einer Hungerrevolte hatte und die Stadt vorübergehend in die Gewalt der Frauen brachte. Diese setzten die Preise der lebensnotwendigen Waren fest und ließen das Preisverzeichnis öffentlich anschlagen. Die »Freundinnen der Freiheit und Gleichheit« zu Besançon faßten einen Beschluß, daß vom Konvent für die Frauen das Stimmrecht in den Versammlungen der Urwähler gefordert werden solle. Während aber in der Provinz die meisten Frauenklubs sich mehr in dem allgemeinen Kampf der Republikaner gegen die Feudalaristokratie betätigten, ergriffen in der Hauptstadt politisch organisierte Frauen in den Schlachten Partei, in denen innerhalb des bürgerlichen Lagers die Klassen auf Tod und Leben um den Inhalt der Revolution rangen. Die »Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen« zu Paris verband ihr Wirken und ihr Schicksal mit den extremsten Revolutionären, deren soziale Ziele weit über die der Politik Robespierres und selbst die Forderungen der Hebertisten hinausgingen. Vornehmlich um diese »Tollen« in der »Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen« zu treffen, die sich durch Deputationen und radikale Petitionen unbequem machte und die stets mit den revolutionären Sektionen demonstrierte und marschierte, schloß der Wohlfahrtsausschuß Ende 1793 alle Frauenklubs. Das erwachte politische Bewußtsein und die materielle Not trieben die Frauen aber immer wieder in den öffentlichen Kampf. Zahlreich nahmen sie teil an dem Aufstand im Mai 1795, in dem die hungernden Massen der Pariser Vorstädte zum letzten Mal versuchten, der seit dem Thermidor herrschenden und zunehmenden Reaktion Halt zu gebieten. Daraufhin erließ der Konvent eine Verordnung, die Frauen hätten in ihren Behausungen zu verbleiben.

Gewiß, auch in Deutschland wurden die Forderungen der Frauenemanzipation laut, die zuerst in Frankreich und England erklungen waren. Gleichzeitig mit der »Verteidigung der Frauenrechte« durch Mary Wollstonecraft hatte der Königsberger Bürgermeister und Polizeidirektor Theodor Gottlieb von Hippel unter dem Eindruck der gewaltigen Umwälzung in Frankreich in seiner Streitschrift »Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber und über die weibliche Bildung« die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts verfochten. Seitdem hatten die Ideen französischer und englischer Vorkämpfer und Vorkämpferinnen für die Gleichberechtigung beider Geschlechter im vormärzlichen Deutschen Bund Anhängerinnen geworben. Allein, ihre Zahl war nicht bedeutend, und wie eine organisatorische Zusammenfassung fehlte ihnen erst recht der politische, der revolutionäre Kampfmut. Sie gehörten überwiegend zu den begüterten Gesellschaftsschichten, und ihr individualistisches Streben nach Freiheit und Gleichberechtigung erschöpfte sich zumeist in der schöngeistigen literarischen Predigt einer durchaus subjektivistischen »Emanzipation des Herzens«, deren deutlich wahrnehmbarer Unterton die Stimmung der Romantik war. Soweit die Frauen des honetten Bürgertums durch die politischen Zeitereignisse von 1848 und 1849 aufgewühlt wurden, blieben sie mit ihrem Fühlen und Denken in der Nebelatmosphäre schwarzrotgoldener Schwärmerei für die »Demokratie«. Das trifft auch für die wenigen Frauen dieses Bürgertums zu, die politisch aktiv, kämpfend aus der Menge emportauchten. Es seien davon nur die drei bekanntesten »Amazonen der deutschen Revolution« erwähnt: Amalie von Struwe, Mathilde Anneke und Emma Herwegh. Niemand wird die glühende, schwärmerische Liebe der drei und einiger anderer Gesinnungsgenossinnen für die Ideale des Märzen bezweifeln, die Stärke und Lauterkeit ihrer Hingabe an sie, den Mut ihrer Überzeugung. Jedoch überprüft man das Leben und Handeln dieser Frauen als Ganzes, so tritt sinnfällig in Erscheinung, daß die Liebe zu ihren Gatten die stärkste Triebkraft war, die sie zur politischen Betätigung und in revolutionäre Kämpfe führte. Davon abgesehen, war das deutsche Amazonentum von 1848/1849 mehr Kostüm als Tat. In der sozialdemokratischen Literatur von heute wird es anerkennend verzeichnet, daß die Revolutionärinnen von 1848 wohl kaum Gebrauch von den Dolchen und Pistolen gemacht haben, die sie im Gürtel trugen. Die Anerkennung wird zur unbeabsichtigten Kritik leerer, theatralischer Gesten, deren es zur Bekundung fester Kampfentschlossenheit nicht bedurft hätte. Amalie von Struwe hielt sich aufrecht, stolz, als sie von einer betrunkenen, tollgemachten Soldateska abtransportiert wurde. Emma Herwegh wird größere Kaltblütigkeit und Tapferkeit in gefährlichen Situationen als ihrem Mann nachgerühmt.

Jedoch alles in allem scheint es, daß das revolutionäre Auftreten der genannten Frauen mehr die Zielscheibe sittlicher Entrüstung und billiger Witzeleien des wohlanständigen deutschen Philistertums gewesen ist als ein Gegenstand ernster Beachtung oder gar von Befürchtungen der Gegenrevolutionäre. Im Gegensatz zu den Kämpferinnen der Französischen Revolution sind ihre deutschen Nachfolgerinnen bei wichtigen Episoden des Ringens für das neue, freiheitliche Deutschland nicht als selbständig Handelnde, ja Entscheidende hervorgetreten, haben sie sich nicht als Bewegerinnen und Führerinnen Recht und Freiheit heischender Frauenmassen, Volksmassen betätigt, die ein gemeinsamer politischer Zielwille im Sturmschritt vorwärtstrieb. Nebenbei: Sozialdemokratische Geschichtsklitterung versucht es, die Regierungskoalition, der Reformisten mit der Bourgeoisie zu rechtfertigen und insbesondere die Proletarierinnen für sie zu begeistern, indem sie in sentimentaler Seichtbeutelei die Schatten der Frauengestalten aus der achtundvierziger Revolution heraufbeschwört, denen als besonderes Verdienst angerechnet wird, daß sie zu den Besitzenden und Gebildeten gehörten und nur durch ihr Mitgefühl für die Leiden des Volkes, nicht aber durch Klassensolidarität mit diesem verbunden waren. Demgegenüber sei auf das vorbildliche Heldentum der Pariser Kommunekämpferinnen hingewiesen, das sich ebenso schlicht, einfach, gleichsam selbstverständlich äußerte, wie es unsterblich ist. Und noch ein anderes Beispiel: Die russischen Revolutionärinnen, die als Propagandistinnen »unter das Volk gingen«, als Terroristinnen Brust an Brust mit dem Zarismus rangen und in Sibirien oder am Galgen endeten, stammten zum großen Teil aus der Aristokratie und Bourgeoisie; die Geschichtsschreibung der Frauenrechtlerei hat ihnen keine Lorbeerkränze gewunden. Es versteht sich, daß in der Atmosphäre der deutschen Revolution freiheitlich gerichtete Frauenvereine aufkamen, jedoch ohne sozial klar fundierte politische Ziele, ohne grundsätzliche Frauenrechtsforderungen. Ihnen eignete überwiegend der Charakter von Hilfsorganen demokratischer Vereine der Männer, von Samariterorganisationen. Ihre Mitglieder betätigten sich beim Aufbringen von Geldern, von Proviant, sie leisteten Kundschafter- und Verbindungsdienste, übernahmen die Verwundeten- und Flüchtlingspflege und vieles andere mehr. Über den Anteil der Frauen des deutschen Bürgertums an dessen revolutionärem Waffengang gegen die feudale Gesellschaft kann nicht mehr gesagt werden, als was Louise Otto-Peters nach fast 20 Jahren darüber schrieb, als die zeitliche Entfernung manches nüchtern bewerten ließ und manches verklärte. Louise Otto-Peters war eine der wenigen Frauen in Deutschland, die mit voller Überzeugung den Kampf für die Gleichberechtigung ihres Geschlechts mit der revolutionären Bewegung von 1848/1849 verknüpfte, wenn sie auch einzig und allein mit ihrer Feder focht und ohne Dolche und Pistolen im Gürtel auftrat. Auf jene Tage zurückblickend, gab sie diese Charakteristik: »War auch der größte Teil der Frauen auf der Seite jener Fanatiker der Ruhe, welche den Sieg der Freiheitsbestrebungen fast viel mehr erschwerten als selbst die erbittertsten Gegner derselben, und rächte es sich dadurch furchtbar, daß man die Frauen und selbst seitens der dem Fortschritt huldigenden Männer von aller Teilnahme an den politischen Angelegenheiten des Tages ausgeschlossen und sie in Indifferentismus und in Unwissenheit erhalten hatte – so fanden sich doch unzählige begeisterte Frauen, welche der Sache der Demokratie dienten und zugleich für die eigenen, d. h. die weiblichen politischen Rechte das Wort und die Feder ergriffen. Die Sache der Frauen und ihre Stellung war eine Parteiangelegenheit geworden, und es gab kein vereintes weibliches Wirken, das nicht im Dienste einer Partei geschehen wäre. Da und dort entstanden demokratische Frauenvereine, die namentlich zur Zeit der niedergeworfenen Erhebung noch voll schöner Hingebung Gutes und Großes unter eigenen Gefahren wirkten. Aber eben darum wurden diese Frauenvereine nur zu bald gewaltsam aufgelöst, und damit waren, angesichts der immer mehr hereinbrechenden und immer mehr die Gemüter niederdrückenden Reaktion, auch alle die Bestrebungen und Interessen wieder verschwunden, an die auch das weibliche Geschlecht sich mit erwachendem Bewußtsein freudig hingegeben hatte. Erging es doch unter der Männerwelt nicht besser – wie hätten die Frauen dem allgemeinen Schicksal, das auf allen lastete, sich entziehen sollen?« Louise Otto, »Das Recht der Frauen auf Erwerb«, Hamburg 1866, S. 77/78.

Und die Frauen des werktätigen Volkes? Peitschte nicht die Härte ihres Loses sie mit Klagen und Anklagen in den Kampf für eine neue, bessere Zeit, in den Kampf für volle Rechte, die nicht nur die ihres Geschlechts, sondern die ihrer Klasse waren? Die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft war in dem Deutschland der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unbestreitbar weiter fortgeschritten als in dem Frankreich der großen Revolution. Der sich rasch entfaltende Kapitalismus stampfte ohne Erbarmen die Handwerker und andere Kleingewerbetreibende unter seine eisernen Füße, verwandelte sie in seine Lohnsklaven in seinen Fabriken oder auch mittels des Verlagssystems und ähnlicher Betriebsformen im eigenen Heim. Er unterwarf anschwellende Scharen von Frauen, jungen Mädchen und Kindern zarten Alters seiner mörderischen Auspressung und steigerte mit alledem das Elend des Proletariats auf das höchste.

Das schwerste Kreuz lastete auf den Schultern der Frauen und Töchter der Besitzlosen und Wenigbesitzenden und beugte namentlich die Industriearbeiterinnen nieder. Durch ihre Lage in der Familie an Fügsamkeit und Sichduckenmüssen gewöhnt, sozial widerstandsschwächer, wehrloser und gefesselter als die Arbeiter, frondeten sie für Hungerlöhne endlos lange Arbeitszeiten bei Tag und Nacht – wie es dem Profitbegehren und der Willkür der Unternehmer gefiel – unter Bedingungen, die auch den bescheidensten hygienischen Anforderungen hohnsprachen. Ihre Behandlung war schmachvoll. Die Ketten der Vergangenheit zogen sie zu Boden, und alle Skorpione der neuen Ära der Kapitalsgewalt züchtigten sie. Sicherlich bewegte Tausende dieser Opfer der bürgerlichen Ordnung in ihrem Herzen die Hoffnung auf ein anbrechendes Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Manche von ihnen leisteten den Aufständischen wertvolle Hilfsdienste, bis zum Kugelgießen und dem Bau von Barrikaden. Allein von ihrem geschlossenen Auftreten als organisierte Fordernde in Versammlungen und Konferenzen, gemeinsam mit den wider Ausbeutung und Knechtschaft sich erhebenden Brüdern, von ihrem gemeinschaftlichen Aufmarsch mit diesen vor Gemeinde- und Staatsbehörden erzählen keine mir bekannten Dokumente. Die Arbeiterinnen schwiegen von dem, was sie als ausgebeutete Proletarierinnen, als sozial Unmündige fordern und erkämpfen mußten. Die Ideologie dessen, »was der Frau ziemt«, hatte offenbar in Deutschland eine besonders stark bindende Kraft, die erst zusammenbrach, als der Kapitalismus unerbittlich weiter und gründlicher »mit dem Hammer philosophierte«.

Wozu Tausende, Hunderttausende sich nicht erkühnten, das wagte eine junge Schriftstellerin, Louise Otto, deren Rückblick auf die Revolutionsjahre wir oben wiedergaben. Sie tat ihren Mund auf für die Stummen und verlieh ihrem namenlosen Jammer eine Stimme. In der »Leipziger Arbeiter-Zeitung« vom 20. Mai 1848 veröffentlichte sie die »Adresse eines Mädchens« an den sächsischen Minister des Innern, an die durch ihn berufene Arbeiterkommission und an alle Arbeiter. Dieses denkwürdige Schriftstück enthält folgende bemerkenswerte Sätze:

»... ich schreibe diese Adresse nicht, trotzdem daß ich ein schwaches Weib bin – ich schreibe sie, weil ich es bin. Ja, ich erkenne es als meine heiligste Pflicht, der Sache derer, welche nicht den Mut haben, dieselbe zu vertreten, vor Ihnen meine Stimme zu leihen ... denn die Geschichte aller Zeiten hat es gelehrt und die heutige ganz besonders, daß diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergaßen, auch vergessen wurden. Darum will ich Sie an meine armen Schwestern, an die armen Arbeiterinnen mahnen! Meine Herren, wenn Sie sich mit der großen Aufgabe unserer Zeit: mit der Organisation der Arbeit beschäftigen, so wollen Sie nicht vergessen, daß es nicht genug ist, wenn Sie die Arbeit für die Männer organisieren, sondern daß Sie dieselbe auch für die Frauen organisieren müssen ... weil die Frauen nur zu wenig Arten von Arbeiten zugelassen sind, die Konkurrenz in denselben die Löhne so heruntergedrückt hat, daß, wenn man das Ganze im Auge behält, das Los der Arbeiterinnen noch ein viel elenderes ist als das der Arbeiter ...

Nun kann man zwar sagen: Wenn die Männer künftig besser als jetzt bezahlt werden, so können sie auch besser für ihre Frauen sorgen und diese sich der Pflege ihrer Kinder widmen, statt für andere zu arbeiten. Einmal fürchte ich, wird das Los der arbeitenden Klassen nicht gleich in diesem Maße verbessert werden können, und dann bleibt immer noch die große Schar der Witwen und Waisen, auch der erwachsenen Mädchen überhaupt, selbst wenn wir die Gattinnen und Mütter ausnehmen. Ferner heißt dies aber auch, die eine Hälfte der Menschen für Unmündige und Kinder erklären und von der anderen ganz und gar abhängig machen. Es heißt dies, um es geradeheraus zu sagen: die Sittenlosigkeit, das Verbrechen begünstigen ... Auf alle Fälle wird die Zahl der unglücklichen, unmoralischen, leichtsinnig geschlossenen Ehen, der unglücklichen Kinder und der unglücklichsten Proletarierfamilien auf eine bedenkliche Weise gerade dadurch vermehrt, daß das Los der alleinstehenden Arbeiterinnen ein so trauriges ist ...

Vergessen Sie bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht! ... Vergessen Sie auch die Fabrikarbeiterinnen, Tagelöhnerinnen, Strickerinnen, Näherinnen usw. nicht! – Fragen Sie auch nach ihrem Verdienst, nach dem Druck, unter dem sie schmachten ...

Und auch für Sie, meine Herren, auch für Sie, die ganze große Schar der Arbeiter, habe ich diese Adresse geschrieben ... Sind das nicht Ihre Frauen, Schwestern, Mütter und Töchter, deren Interessen es zu wahren gilt, so gut wie Ihre eigenen? – Statt dessen hat es in Berlin geschehen Können, daß die Fabrikarbeiter, die eine Verbesserung ihres Loses begehrten, darauf drangen, daß aus den Fabriken alle Frauen entlassen würden! – Nein, geben Sie nicht zu, daß fortan noch das Elend Ihre Töchter zwingt, noch ihr einziges Besitztum, ihre Ehre, da man ihre Arbeitskraft verschmäht, an den lüsternen Reichen zu verkaufen! ... Denken Sie nicht nur daran, wie Sie sich selbst, sondern auch wie Sie Ihren Frauen, Töchtern Brot verschaffen können!«

Das Blatt, in dem die »Adresse« erschien, durfte sich im wahrsten Sinne des Wortes eine Arbeiterzeitung nennen, denn es war eine Schöpfung von Proletariern. Leipziger Setzer hatten 1847 eine eigene Zeitschrift »Typographia« gegründet. Louise Otto war bald nach Gründung von einer Abordnung der Setzer zur Mitarbeit an der »Typographia« aufgefordert worden. Sie sagte zu und schrieb für die Zeitschrift noch mehr, als diese sich 1848 in die erste »Leipziger Arbeiter-Zeitung« verwandelte. Als Louise Otto 1848 mit der »Adresse eines Mädchens« hervortrat, hatte sie bereits mehrere Jahre in der demokratischen Presse für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts mit der Feder gefochten. 1844 war in Robert Blums »Sächsischen Vaterlands-Blättern« die Frage aufgeworfen worden: »Haben die Frauen ein Recht zur Teilnahme an den Interessen des Staates?« Zur Beantwortung dieser Frage schrieb Louise Otto ihren ersten Artikel, dessen Kern der Satz war: »Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht allein ein Recht, sie ist eine Pflicht der Frauen.« Ebenda, S. 76. Der Artikel erschien mit der öffentlichen Aufforderung, »mehr in diesem Sinne zu schreiben«. So wurde Louise Otto Mitarbeiterin an demokratischen Blättern, Zeitschriften und anderen Veröffentlichungen. »Überall vertrat ich die Rechte meines Geschlechts«, sagte sie von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Veröffentlichungen erwarben ihr die Sympathien und das Vertrauen weiter Arbeiterkreise.

Louise Otto gründete und leitete das erste deutsche Frauenblatt, die »Frauen-Zeitung«, mit dem Motto: »Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen!« Es erschien wöchentlich; die erste Nummer kam am 21. April 1849 heraus. Die »Frauen-Zeitung« war aus dem gleichen Geiste geboren und wurde von der nämlichen arbeiterfreundlichen, mehr gefühlsmäßigen als sozial erkenntnisklaren Auffassung beherrscht wie die »Adresse eines Mädchens«, nur daß in ihr die Forderung der politischen Gleichberechtigung der Frau unzweideutiger, nachdrücklicher vertreten wurde. Das Programm der »Frauen-Zeitung« erklärte unter anderem: »Mitten in den großen Umwälzungen, in denen wir uns alle befinden, werden sich die Frauen vergessen sehen, wenn sie selbst an sich zu denken vergessen!

Wohlauf denn, meine Schwestern, vereinigt Euch mit mir ...

Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwicklung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.

Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, daß wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen ... Wir wollen unser Teil aber auch dadurch verdienen, daß wir nicht vereinzelt streben, nur jede für sich, sondern vielmehr jede für alle und daß wir vor allem derer zumeist uns annehmen, welche in Armut, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten.«

Das Programm enthält die Bitte an »diejenigen meiner Schwestern, die nicht Schriftstellerinnen sind, um Mitteilungen, zunächst die Bedrückten, die armen Arbeiterinnen, auch wenn sie sich nicht geschickt zum stilisierten Schreiben fühlen ...« Es ist wichtig, »daß gerade ihre Angelegenheiten vor die Öffentlichkeit kommen, so kann ihnen am ersten geholfen werden«. Anders gesagt, Louise Otto warb um Korrespondentinnen aus den Reihen der Arbeiterinnen, der werktätigen Frauen. Ihre »Frauen-Zeitung« erschien bis 1852, als auch sie der Reaktion zum Opfer fiel. Ihre Wirkung scheint nicht sehr groß gewesen zu sein und namentlich nicht die Arbeiterinnen erfaßt zu haben.

Louise Ottos Hervortreten mit der Forderung voller sozialer Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts war zweifellos eine mutige Tat und bleibt ein denkwürdiges Ereignis. Ihr Ruf nach Recht und Hilfe für die »armen Schwestern«, die Arbeiterinnen, darf ebensowenig vergessen werden. Um jedoch Louise Ottos Verdienst geschichtlich richtig zu werten, muß man den Blick über den Rhein hinüber nach Frankreich wenden. Dort begann unter der Julimonarchie die moderne kapitalistische Produktion sich in rascherem Tempo zu entfalten, die sozialen Beziehungen differenzierten sich, und die Lebensformen der Bourgeoisie erfuhren eine Wandlung. In der Folge entfesselte die Frage der Frauenemanzipation im öffentlichen Leben eine breite Strömung, die bereits von einer Tiefe war, daß die Klassengegensätze der bürgerlichen Gesellschaft in ihr Ausdruck fanden. Die Stärke dieser Bewegung erhellt daraus, daß sie schon die Gegenspielerinnen der Frauenrechtlerinnen auf den Plan rief. Die christlichen Frauen verwarfen in ihrer Frauenzeitung jegliche politische und soziale Entsklavung der Frau. Sie forderten nur eine Reform der Erziehung des weiblichen Geschlechts, und dies lediglich zu dem Zweck, die Frau für ihren einzigen Beruf als Gattin und Mutter innerhalb der patriarchalischen Familie besser zu rüsten. Betont bürgerlich und beschränkt feministisch waren die Ziele der Frauenrechtlerinnen, die sich unter der tätigen Führung von Madame de Mauchamps um eine politische Frauenzeitschrift scharten. Sie beschworen Louis-Philippe, König der Franzosen, sich auch zum »König der Französinnen« zu erklären, indem er die politischen Vorrechte, die der große Besitz genoß, auch den besitzenden Frauen zukommen lasse. Des weiteren verlangten sie die Öffnung der freien Berufe, wie des der Ärzte, und der Beamtenlaufbahn für die Frauen, was wiederum nur denjenigen unter ihnen zugute kommen konnte, die die teuren Studien zu bestreiten vermochten. Beschränkten sich die Bemühungen dieser Frauenrechtlerinnen darauf, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft den Kreis der Bevorrechteten durch Frauen der besitzenden Klassen zu erweitern, so zielten die Bestrebungen des anderen Flügels der Frauenbewegung über den Rahmen der bestehenden Ordnung hinaus. Hier setzte man sich für die völlige Befreiung des gesamten weiblichen Geschlechts ein, und Frauen und Männer verkündeten vereint diese Forderung als untrennbaren Teil der radikalen Neuordnung der Gesellschaft. So bildeten in Frankreich in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Forderungen und Bestrebungen, wie sie Louise Otto in der deutschen Revolution vertrat – nur viel weitergehend – , einen wesentlichen Bestandteil der Lehren sozialistischer Sekten und Schulen und hatten auch in dem politischen und schöngeistigen Schrifttum Eingang gefunden.

Die großen Utopisten und ihre Schüler schlossen in die planvolle, harmonische Organisation der Menschheit, die sie als Rettung aus den qualvollen Widersprüchen und Gegensätzen der bürgerlichen Gesellschaft erträumten, wie die Befreiung der Arbeiter so auch die Emanzipation der Frau als selbstverständlich ein. Friedrich Engels verwies darauf in seiner Polemik gegen Dühring, der sich einbildete, »man könne die modern-bürgerliche Familie von ihrer ganzen ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch ihre ganze Form zu verändern«. Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring)«, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 396. Engels schrieb: »Die Utopisten stehn hier weit über Herrn Dühring. Ihnen war mit der freien Vergesellschaftung der Menschen und der Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in eine öffentliche Industrie auch die Vergesellschaftung der Jugenderziehung und damit ein wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der Familienmitglieder unmittelbar gegeben.« Ebenda, S. 396/397. Aus einer saint-simonistischen Messe im Jahre 1831 stammt folgender Glaubenssatz: »Die Frau und der Arbeiter bedürfen beide der Befreiung. Beide, gebeugt unter der Last der Sklaverei, müssen uns die Hand reichen und, der eine und die andere, eine neue Sprache uns offenbaren.« In der schönen Literatur fanden solche Ideen Widerhall, so unter anderem namentlich in den Romanen George Sands. Salonfähig geworden, drangen sie auch hinüber in die »Kinderstube Deutschland«. Wichtiger als ihr Schicksal im Bürgertum ist für uns hier die Tatsache, daß bereits im Anfang der vierziger Jahre in Frankreich der Versuch unternommen wurde, die Losung der Emanzipation des Arbeiters und der Frau unter die Massen der Proletarier und Proletarierinnen zu tragen, um sie durch die Massen selbst zu verwirklichen.