Zur Liebe Verführt - Susanne Etz - E-Book

Zur Liebe Verführt E-Book

Susanne Etz

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Beschreibung

Der schottische Clanführer Cailen muss auf Geheiß des Königs eine englische Lady heiraten, um den Frieden zwischen Schottland und England zu wahren. Erst nach der Hochzeit merkt er, dass seine Braut Lady Dakota nicht nur wunderschön ist, sondern auch temperamentvoll und wild. Ganz anders, als der Highlander sich seine Zukünftige vorgestellt hatte. Doch er hat keine Wahl, als sie mit auf die gefährliche Reise auf seine Burg in den Highlands zu nehmen. Obwohl Cailen sich geschworen hat, einer Engländerin nicht zu verfallen, übt die starrköpfige Schönheit eine unerklärliche Anziehung auf ihn aus…

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Zur Liebe Verführt

Die Autorin

Susanne Etz wurde im Jahr 1987 in Erfurt geboren. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder verbrachte sie ihre Kindheit im hessischen Taunusstein. Mit vierzehn Jahren belegte sie bei einem Schriftstellerwettbewerb den Zweiten Platz. Heute arbeitet sie als Erzieherin und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in Taunusstein.

Das Buch

Der schottische Clanführer Cailen muss auf Geheiß des Königs eine englische Lady heiraten, um den Frieden zwischen Schottland und England zu wahren. Erst nach der Hochzeit merkt er, dass seine Braut Lady Dakota nicht nur wunderschön ist, sondern auch temperamentvoll und wild. Ganz anders, als der Highlander sich seine Zukünftige vorgestellt hatte. Doch er hat keine Wahl, als sie mit auf die gefährliche Reise auf seine Burg in den Highlands zu nehmen. Obwohl Cailen sich geschworen hat, einer Engländerin nicht zu verfallen, übt die starrköpfige Schönheit eine unerklärliche Anziehung auf ihn aus…

Susanne Etz

Zur Liebe Verführt

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinFebruar 2021 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-600-2

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Leseprobe: Love factually

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 1

Dakota nutzte die letzten Tage des Spätsommers, um mit ihrer Stute ausgiebig auszureiten. Es gab einfach nichts Herrlicheres, als auf dem Rücken ihrer geliebten May über die Felder zu galoppieren. Sie störte sich nicht daran, dass ihre langen Haare dabei vom Wind zerzaust wurden und ihre Wangen danach rot glühten. Sie führte May nach dem wilden und ungezähmten Ritt am Zügel zurück in den Stall, als ihr der Stallknecht – wie immer – seine Hilfe anbot.

Sie war das Pferd geritten, also war es für sie selbstverständlich, dass sie sich auch darum kümmerte, dass es von seinem Sattel befreit und trocken gerieben wurde. Der Stallmeister runzelte die Stirn, als sie rasant an ihm vorbeigaloppierte. Nun stand er in der Stallgasse und sah zu, wie sie sich um die Schimmelstute kümmerte.

»Dein Vater wird nicht begeistert sein.«

Dakota drehte sich nicht zum Stallvorsteher um, stattdessen begann sie das Pferd mit Stroh trocken zu reiben. »Er muss es ja nicht erfahren«, meinte sie.

»Er wird.«

»Nicht, wenn du es ihm nicht sagst.« Dakota warf einen schnellen Blick über die Schulter. »Ich bin nicht der Einzige, der dich gesehen hat«, erklärte Edwin.

Seufzend ließ Dakota das Stroh sinken und trat einen Schritt zurück. »Ich weiß, aber May braucht Bewegung. Sie kann nicht immer nur hier drin eingesperrt bleiben. Sie würde eingehen, wenn ich nicht regelmäßig mit ihr ausreite.«

»Sprichst du von deinem Pferd oder von dir?«, fragte Edwin schmunzelnd. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie selbst es auch nicht ertragen konnte, ständig drinnen zu sein. »Ich bin nicht wie meine Schwestern. Ich kann mit diesen ganzen Handarbeitssachen einfach nichts anfangen. Es liegt mir nicht, am Kamin zu sitzen und zu sticken.« Dakota hatte dieses Gespräch schon so oft geführt.

»Du bist eindeutig die Tochter deiner Mutter. Es ist eine Schande, dass du sie nie kennenlernen konntest.«

Dakotas Mutter war direkt nach ihrer Geburt gestorben. Ihren Vater hatte es so erschüttert, seine zweite Ehefrau zu verlieren, dass er niemals über sie sprach. Schon als Kind hatte Dakota gelernt, keine Fragen über ihre Mutter zu stellen. Einmal, als er einen besonders schlechten Tag gehabt und sie ihn nach ihrer Mutter gefragt hatte, hatte er ihr so heftig den Hintern versohlt, dass sie ganze zwei Tage lang nicht hatte richtig sitzen können.

»Bitte, erzähl mir noch mal von ihr«, bat Dakota. Sie legte etwas frisches Heu in die Box und füllte noch den Eimer mit Wasser auf.

»Ich habe dir doch bestimmt schon hundert Mal von ihr erzählt«, meinte Edwin. Er klang nicht böse, eher belustigt. Dakota wusste, dass er seine Herrin sehr gemocht hatte. Sie war ein warmherziger Mensch gewesen. Zumindest war es das, was man sich über sie erzählte.

»Aber ich höre es doch so gerne.«

»Wie du weißt, bist du das perfekte Ebenbild deiner Mutter. Du hast ihr Haar geerbt, nur die Farbe deiner Augen ist anders. Ihre waren blau wie das Meer. Ich weiß noch genau, wie sie hier ankam. Es hatte an dem Tag ohne Unterlass geregnet, es war schon spät, und ich wollte gerade zu Bett gehen, als sie plötzlich vor mir stand. Nass bis auf die Knochen kam sie in den Burghof und fragte mich nach einer Unterkunft für die Nacht.«

Ihre Mutter, Lady Rowenna, war mit nichts als dem, was sie am Leib trug, aufgetaucht. Und ein einziger Moment hatte gereicht, damit der Burgherr sich unsterblich in sie verliebte. Keine Woche nach ihrer Ankunft wurde sie zu seiner Frau. Seine beiden Töchter aus vorheriger Ehe, Mary und Alice, waren sehr gut mit ihr zurechtgekommen. Besonders die schüchterne Alice blühte unter ihrer Pflege auf.

Die Mutter der Mädchen war nach einem schweren Fieber ein halbes Jahr zuvor dahingeschieden, und die Mädchen schmerzte der Verlust noch immer. Zum Glück habe sie nicht allzu lange leiden müssen, sagten die Leute. Lady Rowenna wurde kurz nach der Hochzeit schwanger. Das Kind, Dakota, kam viel zu früh, und die Mutter starb noch im Kindbett. Der Vater hatte es nicht ertragen, in das Antlitz seiner jüngsten Tochter sehen zu müssen, und reichte diese an eine Amme weiter. Siebzehn Jahre waren vergangen, und Dakota sah ihrer Mutter immer ähnlicher. Auch hatte sie deren starken Willen und den Drang nach Freiheit von ihr geerbt.

Verträumt starrte Dakota vor sich hin, während sie Edwins Erzählungen lauschte. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter über den Burghof lief. Wie sie sich suchend zwischen den Mauern umschaute …

Ein lauter Ruf vom Hof unterbrach ihre Gedanken. Noch ehe sie sich rühren konnte, brüllte ein Mann erneut »Dakota!«.

Sie beeilte sich und rannte mit wehenden Röcken nach draußen. Die Szene, die sich ihr bot, ließ sie bestürzt innehalten. Die Hühner liefen aufgeschreckt im Burghof umher, und überall flogen Federn herum.

Ihr Vater, Lord Samuel Beaufort, stand auf dem Hof, und ein rohes Ei tropfte von seinem Kopf. Hinter ihm saß Alice auf den Boden. Sie hielt immer noch einen Korb in der Hand, und überall um sie herum lagen zerbrochene Eierschalen. Dakota musste bei dem Anblick lachen.

»Oh, Alice, was ist passiert?« Ohne auf die zornige Miene ihres Vaters zu achten, rannte Dakota zu ihrer Schwester, um ihr aufzuhelfen. Diese starrte immer noch ängstlich in Richtung des Hühnerstalls. »Ach, Schwesterherz, du weißt doch, dass du keine Angst zu haben brauchst. Merlin würde dir nie etwas zuleide tun.«

»Ich weiß, aber ich hab mich so erschrocken, als ich aus dem Hühnerstall kam. Er stand plötzlich vor mir.«

Merlin, ein ausgewachsener Fuchs, beobachtete die beiden Frauen aufmerksam. Langsam kam er näher, als er Dakotas ausgestreckte Hand sah. »Na, komm her, du Schlingel.«

»Nein!«, rief ihr Vater. Er wollte sich auf das Tier stürzen, doch Dakota war schneller. Flink packte sie den Fuchs und rettete ihn auf ihren Arm.

»Verdammt noch mal! Das ist keine Hauskatze!« Lord Beaufort war außer sich vor Zorn.

»Das weiß ich selbst, aber er hat nichts Unrechtes getan!«

»Nichts Unrechtes?«, fragte ihr Vater. Immer noch tropfte ihm das rohe Ei von seinem Kopf. Alice war gerade dabei gewesen, die Eier nach drinnen zu bringen, als sie sich so erschrocken hatte. Die Hühner waren von Merlin aufgescheucht worden und rannten gackernd über den Hof.

»Er hat versucht, sich in den Hühnerstall zu schleichen. Und dann hätte er sich auch beinahe auf Alice gestürzt!«, schimpfte ihr Vater.

»Nein, bestimmt nicht. So etwas würde er nie tun!« Wie zur Bestätigung ihrer Worte leckte Merlin ihr kurz mit seiner Zunge über die Nasenspitze.

»Es reicht mir jetzt mit diesem elenden Tier. Wenn ich ihn noch einmal in der Nähe meiner Burg sehe, lass ich ihm das Fell über die Ohren ziehen.«

»Das kannst du nicht tun!«, fuhr Dakota ihn entsetzt an.

»Ich kann, und ich werde.« Er wandte sich an ihre Schwester: »Alice, komm, mein Schatz. Du solltest dich nach drinnen begeben, um dich etwas auszuruhen.«

Das schüchterne Mädchen schenkte seiner Schwester einen bedauernden Blick. Dakota ahnte, dass es ihrer Schwester leidtat, durch den Unfall so viel Aufhebens um Merlin gemacht zu haben.

»Und du siehst zu, dass alle Hühner wieder in den Verschlag kommen!«, herrschte er sie an. Mit seiner Tochter im Arm ging er auf die Burg zu. Vor der Tür blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. »Und wag es ja nicht, reinzukommen, solange noch eines der Viecher frei herumläuft!«

»Da hast du mir ja was Schönes eingebrockt«, sagte sie zu dem Fuchs. Merlin begann sich in ihrem Arm zu winden. Ohne auf seinen Protest zu achten, brachte sie ihn aus der Burg. »Na los, lauf in den Wald und besorg dir dein Abendessen.« Sie drückte Merlin kurz an sich, bevor sie ihn auf den Boden absetzte.

Es dauerte, bis sie alle Hühner wieder eingefangen hatte. Das Federvieh hatte sich über den ganzen Hof verstreut und keine große Lust, wieder eingepfercht zu werden. Dakota stieß mehrere derbe Flüche aus, bis sie es endlich geschafft hatte.

Sie klopfte sich den Staub von ihrem Kleid und ging zügig nach drinnen. Ihr Magen knurrte lautstark. Die Zeit für das Abendessen war schon längst verstrichen. Hoffentlich konnte sie sich noch etwas aus der Küche holen.

In der großen Halle traf sie auf ihre älteste Schwester Mary. Sie saß vor dem Kamin und war mit einer Stickarbeit beschäftigt. Bald würde Mary zu ihrem Verlobten, Sir Gordon Roberts, ziehen. Dakota sehnte diesen Tag bereits herbei, denn von da an würde sie nicht mehr den ständigen Spott und die Sticheleien der Älteren über sich ergehen lassen müssen. Auch Alice würde froh sein, obwohl sie die scharfe Zunge der Schwester nicht ganz so oft zu spüren bekam.

»Du siehst aus, als ob du dich im Dreck gewälzt hättest!«, spöttelte Mary.

»Es gibt Menschen hier auf der Burg, die sich mit nützlichen Sachen beschäftigen und nicht irgendwelche Initialen auf Taschentücher sticken.«

»Vater lässt dir ausrichten, dass das Essen bereits vorbei ist.«

Dakota wollte in die Küche gehen, aber Mary hielt sie mit den Worten auf: »Das kannst du dir gleich abschminken. Vater hat angeordnet, dass du dir nichts nehmen darfst. Er sagt, es sei deine Schuld, dass die Eier kaputtgegangen sind.«

Ohne weiter auf Mary zu achten, änderte sie die Richtung und steuerte die steinernen Stufen nach oben an. Wenn sie schon nichts mehr zu essen bekam, wollte sie sich direkt in ihre Kammer zurückziehen. »Glaubst du, mir würde Fuchspelz stehen? Klar, mit deinen roten Haaren würde der sich beißen. Aber bei mir würde er bestimmt gut aussehen«, rief Mary ihr hinterher.

Dakota blieb auf der untersten Treppenstufe stehen. Sie wusste, dass es klüger wäre, einfach weiterzugehen. Mary wollte sie nur reizen. »Du hast schon genug Kleider.«

»Kleider kann man nie genug haben. Außerdem brauche ich noch etwas Besonderes für meine Hochzeit. Aber ich vergaß, du hast ja keine Ahnung, wie es ist, sich auf etwas so Schönes zu freuen. Und bei deinem Aussehen bezweifle ich, dass je ein Mann um deine Hand anhalten wird!«

»Du magst recht haben, aber es ist mir egal. Viel lieber genieße ich meine Freiheit, anstatt mich dem Willen eines Mannes zu fügen, für den ich nicht mehr bin als ein einfaches Schmuckstück, das man ablegen kann, wie man gerade möchte«, erwiderte Dakota. Sie ließ Mary einfach sitzen. Sie würde sich niemals freiwillig an einen Mann binden. Sie hatte kein Interesse daran, sich den Wünschen von jemandem zu beugen, der in ihr nur ein Stück Fleisch sah. Ihr Ehemann würde bestimmt nicht wollen, dass sie allein durch die Wälder zog oder rittlings auf einem Pferd galoppierte. Nein, sie müsste einen Haushalt führen, sticken lernen und sich um die Kinder kümmern. Sie mochte Kinder, aber sie könnte es nicht ertragen, wenn der Vater sie für irgendetwas bestrafen wollen würde. Was, wenn er sie schlagen würde? Sie könnte nie glücklich werden, wenn sie wüsste, dass es ihren Kindern nicht gut ginge. Lieber blieb sie für immer allein und ohne Kinder.

Ihre Mutter hätte das nie zugelassen. Ihr Vater bestrafte sie oft, wenn sie einen Fehler gemacht hatte, aber sie war sehr wild und temperamentvoll und sagte oft ihre Meinung, war nicht wie ihre Schwestern. Sie war das genaue Gegenteil von dem, was von einer guten Ehefrau erwartet wurde.

Ihr Vater hatte sowieso nicht vor, sie mit irgendjemandem zu verheiraten. Mary und Alice würden gute Verbindungen eingehen, schließlich waren sie ihr ganzes Leben darauf vorbereitet worden. Dakota wusste, dass es Überlegungen gegeben hatte, sie in ein Kloster zu schicken, doch brauchte Lord Beaufort jemanden, der ihm den Haushalt führte, wenn seine beiden älteren Töchter zu ihren Ehemännern ziehen würden. Somit würde sie für immer hierbleiben, auf der Burg ihrer Eltern. Beruhigt von diesem Gedanken, kuschelte sie sich tief in die Laken in ihrem Bett und ignorierte ihren knurrenden Magen.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen war die Laune ihres Vaters noch immer schlecht. Für heute war der Besuch von Marys Verlobtem, Sir Roberts, angekündigt. Beaufort wollte mit dem zukünftigen Ehemann seiner Tochter noch einige Details bezüglich der Mitgift besprechen. Dakota hatte mitbekommen, dass ihr Vater den jungen Mann sehr schätzte, daher konnte sein Ärger nicht rühren. Seine geliebte Alice hatte wirklich Todesängste ausstehen müssen wegen Merlin.

Nur weil Dakota sich nicht benehmen konnte. Das war es, was sie am Morgen gehört hatte. In der Küche hatte der Koch ihr freundlicherweise ein Stück Brot und etwas Käse gegeben, damit sie den gröbsten Hunger stillen konnte.

Dabei hatte sie zwei Dienstmägde belauscht, die über ihren Vater tratschten.

So hatte Dakota erfahren, dass ihr Vater nicht mehr weiterwusste. Alle seine Züchtigungen und Bestrafungen schienen einfach an seiner jüngsten Tochter abzuprallen. Offensichtlich dachte er bereits darüber nach, sie zusammen mit Mary fortzuschicken. Gordon Roberts würde mühelos mit beiden Frauen fertigwerden. Er war bekannt für seine Art, mit Frauen umzugehen, und so würde Mary womöglich von ihm in Ruhe gelassen werden. Natürlich hatte sie ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, aber über alles Weitere hinaus konnte Roberts seine abartigen Vorlieben an jemand anderem auslassen. Eine der beiden Dienstmägde betonte, wie sehr Beaufort seine älteste Tochter Mary liebte, aber auch wusste, dass sie mit ihrem zukünftigen Ehemann zurechtkommen würde. Sie war genauso selbstverliebt wie er. Sie hatte Spaß daran, auf andere Menschen herabzusehen, sie zu erniedrigen und zu demütigen.

Die Dienstmägde hatten Dakota nicht bemerkt. Es gehörte sich nicht, andere zu belauschen. Und erst recht, wenn es um die Angelegenheiten ihres Vaters ging, aber irgendwie betraf es ja auch Dakota. Entschlossen schob sie ihr schlechtes Gewissen beiseite und hörte weiter den beiden Mägden zu. Sie waren ja auch selbst daran schuld, wenn sie so offen über private Dinge redeten.

Eine der beiden sprach darüber, dass Alice das absolute Ebenbild ihrer Mutter war. Selbst die ruhige und sanfte Art hatte sie von ihr geerbt. Es war offensichtlich, dass Lord Beaufort alles für seine Tochter tun würde. In dieser einen Sache war er anscheinend froh, dass sie Dakota an ihrer Seite hatte. Das Mädchen diente oft als Prellbock zwischen Alice und Mary. Er unterstützte es, wenn seine Jüngste Alice beschützte. Egal, ob Dakota sich dabei selbst Ärger einhandelte. So war sie wenigstens zu etwas nütze.

Dakota hatte genug gehört. Auf leisen Sohlen schlich sie sich davon. Pflicht – wenn sie das Wort schon hörte, lief ein kalter Schauer über ihren Rücken. Was sollte das denn für eine Pflicht sein, sein eigenes Leben aufzugeben, nur um sich einem Mann unterzuordnen? Aber vielleicht blieb Alice ja dieses Schicksal wirklich erspart. Doch was meinte ihr Vater wohl damit, dass er sie, Dakota, dem Verlobten von Mary überlassen wollte? Sollte er sie etwa in Zukunft für ihr Fehlverhalten bestrafen? Sie verdrängte den Gedanken. Mary würde es eh nicht zulassen, dass sie sie in ihr neues Zuhause begleiten würde.

Sir Gordon traf ein.

Dakota war beim Stall und beobachtete, wie er einem heraneilenden Burschen die Zügel seines Pferdes zuwarf, nachdem er abgestiegen war. Eine Begegnung mit ihm war unvermeidlich.

»Na, wenn das nicht die liebreizende Dakota ist«, begrüßte er sie. Er musterte ihren Körper, die Blicke blieben besonders an ihrem Busen hängen, der sich deutlich unter ihrem Kleid abzeichnete.

»Und wenn das nicht der zukünftige Ehemann meiner Schwester ist.« Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Sie konnte ihn nicht ausstehen. Sir Roberts war ein widerwärtiger, selbstverliebter und obendrein eingebildeter Mann. Bei seinem letzten Besuch hatte sie beobachtet, wie schlecht er sein Pferd behandelte. Er hatte auf das arme Tier eingedroschen, weil es seinem Befehl nicht sofort gefolgt war.

Die Stute hatte blutige Striemen auf dem Rücken davongetragen. Dakota verstand nicht, wie ihr Vater so jemanden für Mary hatte auswählen können. Aber vielleicht würden sie gut zueinanderpassen. Mary hatte auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie keinem anderen Lebewesen als sich selbst so etwas wie Zuneigung entgegenbrachte.

Dakota bemerkte ein seltsames Funkeln in Sir Roberts‘ Augen. Auch wenn sie es nicht deuten konnte, fühlte sie sich unbehaglich und hätte am liebsten die Flucht angetreten. Doch blieb sie standhaft, reckte ihr Kinn angriffslustig nach vorne, um ihm zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hatte.

»Ich bin hier, um die letzten Einzelheiten wegen der Hochzeit mit Eurem Vater zu besprechen«, äußerte er herablassend.

»Tut Euch keinen Zwang an. Mein Vater und meine Schwester befinden sich beide in der großen Halle.« Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie in den Stall.

Während Sir Roberts dem Burgherren seine Aufwartung machte, sattelte Dakota ihre Stute für einen Ausritt. Im gestreckten Galopp jagte sie über die Felder und Wälder dahin. May gehorchte jedem ihrer Befehle. Es war, als ob das Tier bereits im Voraus erahnte, was sie von ihm wollte. Sie war oft allein unterwegs und kannte den Wald wie die Linien auf ihrer eigenen Hand. Auch jenseits der Wege fand sie sich sehr gut zurecht. Das nicht zuletzt wegen Merlin. Doch im Moment verspürte sie nicht das Bedürfnis, nach dem Fuchs zu suchen. Sie lenkte May auf den Pfad, der zum Dorf hinführte. Sie wollte den Menschen dort einen Besuch abstatten. Lord Beaufort hielt es für unter seiner Würde, sich mit dem einfachen Volk abzugeben, aber Dakota war da anderer Ansicht. Ohne die harte Arbeit der Bauern und der anderen Arbeiter würde das Leben auf der Burg nicht so reibungslos ablaufen.

Im Dorf wurde sie freudig von den herumspringenden Kindern begrüßt. Sie stieg ab und kniete sich auf den Boden, damit sie auf gleicher Höhe mit ihnen war. Dass ihr Kleid dabei schmutzig wurde, beachtete sie nicht weiter.

»Dakota, hast du uns etwas mitgebracht?«, fragte einer der Jungen. Er war nicht älter als sechs Jahre. Sein blondes Haar hing ihm wirr ins Gesicht, und er hatte Dreck auf den Wangen. »Ja, hast du?« Auch die anderen Kinder waren neugierig.

Bedauernd schüttelte sie den Kopf.

Am Morgen hatte sie es nicht geschafft, sich in die Burgküche zu schleichen. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, den Kindern so oft wie möglich eine Leckerei mitzubringen. »Aber wenn ihr wollt, und solange May mitmacht, dürft ihr alle eine Runde auf ihrem Rücken reiten«, versuchte sie zu trösten. Dakota wusste, dass ihre Eltern sie alle gut behandelten und ihr Bestmögliches taten, um es ihren Kindern gut gehen zu lassen, aber einfach so auf einem Pferd herumzureiten, war kaum möglich.

Als ob sie spürte, dass es ganz wichtig war, große Vorsicht walten zu lassen, hielt May besonders still, während Dakota immer zwei der Kinder auf ihren Rücken hob. Im gemütlichen Schritt ließ die Stute sich im Dorf herumführen. Das fröhliche Lachen war noch meilenweit zu hören. Die erwachsenen Dorfbewohner nickten der jüngsten Tochter des Lords zu.

Das jüngste der Dorfkinder, die vier Jahre alte Heather, senkte betrübt den Kopf, als Dakota sagte: »So, jetzt ist aber genug. May braucht auch mal eine Pause.« Als sie das traurige Gesicht von Heather sah, hob sie das Mädchen hoch in die Luft. »Sei nicht traurig, meine Kleine. Wir werden das bestimmt wiederholen«, versprach sie. Das Lachen des kleinen Mädchens war wundervoll mitanzuhören.

»Oh, Lady Dakota, bitte bemüht Euch doch nicht immer so um Heather. Ihr verwöhnt sie noch.« Astrid, die Mutter der Kleinen, trat mit einem großen Korb auf den Dorfplatz. Dakota stellte Heather zurück auf den Boden und eilte zu der hochschwangeren Frau.

»Astrid, Ihr sollt doch nicht mehr so schwer tragen. Was ist da drin?« Die Mutter von drei Kindern erwartete in Kürze ihr viertes. Dakota sah ihr an, wie sehr sie sich auf den Nachwuchs freute. Sie hatte ihr bei einem ihrer letzten Gespräche sogar anvertraut, wie sehr sie sich ein weiteres Mädchen wünschte. So hätte Heather wenigsten auch einen Spielpartner. Ihre zwei älteren Brüder Jim und Viktor waren zwei richtige Lausbuben. Ständig heckten sie irgendwelche Streiche aus. Oft ärgerten sie auch die kleine Schwester.

Dakota warf einen Blick in den Korb, der jetzt vor Astrid auf dem Boden stand. Es war schmutzige Wäsche. Sie erkannte weiße Laken, die mit Schlamm bespritzt waren. »Oh, was ist denn da passiert?«

Astrid schaute streng auf ihre beiden Söhne, die sich hinter den anderen Kindern verstecken wollten. Da sie aber nach ihrem Vater kamen, dem wirklich groß gewachsenen Benjamin, gelang ihnen das nur schlecht. »Meine beiden lieben Söhne meinten, den Dorfbewohnern einen Streich spielen zu müssen. Sie haben die frisch gewaschenen Laken von ihnen genommen und sich dann mit Schlamm beschmiert, um Sumpfmonster zu spielen. Die jüngeren Kinder haben sich fürchterlich erschreckt«, erklärte Astrid.

»Dann liegt es ja wohl klar auf der Hand, dass ihr beide dabei helft, die Wäsche wieder sauber zu kriegen!«, bestimmte Dakota in einem Ton und mit einer Miene, die keinen Widerspruch duldeten.

Mit gesenkten Köpfen traten sie nach vorne. »Ja, Lady Dakota, wir kümmern uns sofort darum.«

»Das ist gut. Und hört gefälligst auf, mich Lady zu nennen. Das klingt, als ob ich eine alte Frau wäre. Auch Ihr, Astrid, sollt mich bitte nicht so nennen. Das sage ich Euch jedes Mal.« Sie lächelte der Frau zu.

»Wollt Ihr nicht eine Weile bleiben, um zusammen mit mir und meinem Mann etwas zu essen?«, fragte Astrid. »Er müsste jeden Moment nach Hause kommen.«

Begeistert stimmte Dakota zu.

»Wir wollen auch was essen!«, fielen ihre Jungen ein.

»Ihr kümmert euch erst um die Wäsche!«, bestimmte Astrid.

Sie führte Dakota, die bereits wieder die kleine Heather an der Hand hatte, in die schlichte Hütte. Dakota wusste, dass Astrid sich sehr geschämt hatte, als sie sie das erste Mal mit hierhergenommen hatte. Die Behausung war klein, bot gerade genug Platz für ihre Familie.

Es war etwas ganz anderes als die große Burg mit den vielen Räumen und dem ganzen Platz, den sie dort zur Verfügung hatte. Doch Dakota hatte die Hütte lieb gewonnen. Hier hatte sie Liebe und Leben in jeder Ecke sehen können, und alles verströmte seinen eigenen warmen Charme. Ganz anders als die Burg, die ihr an vielen Tagen kalt und einsam vorkam.

Bevor Benjamin zu ihnen gestoßen war, hatte er sich noch um ihre Stute May gekümmert.

Dakota blieb bis spät in den Nachmittag hinein im Dorf. Sie unterhielt sich angeregt mit Astrid und ihrem Mann über die verschiedensten Dinge. Vor allem war sie daran interessiert, wie die Ernte verlaufen war. Sie bewunderte die Ehe der beiden. Hatte sie selbst nie erfahren können, wie glücklich ihre Eltern miteinander gewesen waren, bekam sie hier einen vagen Eindruck davon. Ben warf seiner Frau immer wieder liebevolle Blicke zu, er sorgte sich darum, dass sie nicht zu hart arbeitete.

Auch das noch ungeborene Baby liebte er jetzt schon. Sanft strich er über Astrids stark gerundeten Leib und lächelte dabei. In solchen Momenten fragte Dakota sich manchmal, wie es wäre, wenn sie von einem Mann so bewundert werden würde. Würde er sie auch so zärtlich behandeln? Ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen? Sie auf Händen tragen? Schnell verdrängte sie diesen Gedanken. Für sie kam eine Heirat aus Liebe nicht infrage. Sie hätte einen Mann aus reiner Zweckmäßigkeit ehelichen müssen. Es würde allein darum gehen, eine vorteilhafte Verbindung einzugehen. Aber wie sie bereits ihrer Schwester mitgeteilt hatte, würde sie sich nie in diese Knechtschaft begeben.

Eine Heirat ohne Gefühle würde bedeuten, dass ihr Mann ganz allein über sie bestimmen konnte. Er würde keine Rücksicht auf sie nehmen.

Am Abend verabschiedete sie sich von der Familie und ritt zurück zur Burg.

Der scharfe Galopp mit May über die Wiesen fegte endgültig all die Gedanken an das andere Geschlecht aus ihrem Kopf. Begleitet wurde sie von Merlin, der neben dem Pferd herjagte. Weil die beiden Tiere vertraut miteinander waren, ließ die Stute bereitwillig zu, dass der Fuchs neben ihr herrannte. Es war fast wie ein Wettrennen, mit dem Burgtor als Ziel. Hier trennten sich ihre Wege. Dakota schickte Merlin zurück in den Wald, es war für ihn zu gefährlich, hierzubleiben. Sie hatte noch die Drohung ihres Vaters im Kopf.

Zufrieden mit dem Tag, betrat sie die große Halle. Zu ihrem Leidwesen musste sie feststellen, dass sich ihre ganze Familie dort aufhielt. Auch Sir Roberts war noch da. Er saß zusammen mit ihrem Vater vor dem Feuer und spielte Karten. Alice und Mary saßen daneben mit Stickarbeiten in den Händen. Das Bild einer harmonischen Familie.

»Wo warst du?«, wollte ihr Vater wissen.

»Ich bin ins Dorf geritten«, es interessierte bis auf Alice niemanden, was sie getan hatte.

Samuel sah sie vorwurfsvoll an. »Du solltest nicht ständig die Nähe des Gesindels suchen. Lern endlich, wo dein Platz ist.«

Dakota wollte ihm eine scharfe Erwiderung entgegenschleudern, doch der flehende Gesichtsausdruck von Alice ließ sie innehalten. Stattdessen ballte sie nur wütend die Hände zu Fäusten und marschierte auf die Treppe zu.

»Ich erwarte dich zum Abendessen. Und zwar ordentlich gekleidet«, rief ihr Vater ihr hinterher.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, den Befehl ihres Vaters zu ignorieren, aber Alice, die genau wusste, was in ihr vorging, hielt sie davon ab. Sie kam in ihre Kammer, um ihr dabei zu helfen die widerspenstigen Locken zu bürsten. Kleinlaut erzählte Alice ihr, wie unwohl sie sich in der Anwesenheit von Sir Roberts fühlte.

»Alice, du fühlst dich bei jedem unwohl«, stellte Dakota fest.

»Ja, das stimmt schon, aber bei ihm ist es mehr als das. Er jagt mir Angst ein.«

Dakota wandte sich ihr zu. »Hat er sich dir irgendwie genähert? Ich meine, hat er dich bedrängt oder sogar angefasst?«

Alice schüttelte verneinend den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Er ist doch Marys Verlobter.«

»Das würde ihn aber nicht daran hindern, dir zu nahe zu kommen«, murmelte Dakota. Erst nachdem Alice ihr mehrfach erklärt hatte, dass Gordon Roberts nichts dergleichen getan hatte, sondern es einfach nur ein Gefühl war, ließ Dakota von ihr ab. Schließlich versprach sie, mit zum Abendessen nach unten zu kommen.

Als es Zeit für das Essen war, betrat sie, in einem sauberen marineblauen Kleid, zusammen mit Alice die große Halle. An einem Gürtel, der locker um ihre Taille saß, hing ihr kleiner silberner Dolch. Auch wenn er nach außen hin nicht viel hermachte, war die Klinge doch sehr scharf. Mary schenkte ihrem Verlobten gerade einen weiteren Becher Wein ein, als sie ihre Schwestern bemerkte.

Sie warf Dakota einen gehässigen Blick zu. Irgendetwas schien sie sehr zu freuen.

»Alice, meine Gute, komm, setz dich auf die andere Seite deines alten Herrn. Dakota, du nimmst neben Sir Roberts Platz«, wies Lord Beaufort sie beide an.

»Aber Vater, du bist doch kein alter Herr. Du stehst doch in der Blüte deines Lebens.« Schmeichelnd tätschelte Mary seine Hand.

Dakota blieb nichts anderes übrig, als sich auf den noch einzigen freien Stuhl zu setzen. Für ihren Geschmack war sie viel zu nah dran.

Als sie von Roberts wegrücken wollte, griff er nach ihrem Arm. »Eure Schwester hat mir vorhin erzählt, dass sie gerne einen Fuchspelz zur Hochzeit tragen würde. Was haltet Ihr denn davon?«, fragte er.

Sie sah Mary böse an, diese lächelte nur. Es machte ihr nichts aus, dass ihr eigener Verlobter einer anderen so nahe war. »Wie ich meiner Schwester bereits mitgeteilt habe, finde ich es abscheulich, sich ein unschuldiges Tier um den Hals zu hängen. Egal, ob Fuchs oder etwas anderes!«, erwiderte Dakota in gereiztem Ton. Mit einem Ruck entzog sie sich Roberts‘ klammerndem Griff und rückte mit ihrem Stuhl so weit wie möglich zur Seite.

»Dakota, hör auf, hier so rumzuzappeln«, befahl Lord Beaufort.

»Ich habe gehört, hier im Wald Eures Vaters gibt es einen Fuchs mit herrlich rotem Fell. Der würde sich bestimmt prächtig eignen«, fuhr Gordon fort. »Wenn ich es mir recht überlege, werde ich mir morgen die Zeit nehmen, um dieses Tier zu erlegen.« Er hob seinen Becher und prostete seiner Verlobten zu.

»Dafür müsstet Ihr ihn erst mal kriegen. Und ich bezweifle, dass Ihr nur halb so viel Verstand habt wie der Fuchs. Er wird Euch entwischen!«, prophezeite Dakota ihm. Alice schlug entsetzt die Hände vor dem Mund zusammen. Dakota aber war das egal. Sie sprach genau das aus, was sie dachte.

»Verdammt noch mal, Mädchen! Schluss jetzt. Zeig gefälligst etwas mehr Respekt. Wir können froh sein, wenn Sir Roberts sich dieser Plage annimmt!« Samuel Beaufort hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen. Der Zorn ließ ihn erbeben. Dakota hob stolz das Kinn. Sie würde nicht mitanhören, wie jemand plante, Jagd auf Merlin zu machen.

»Schon gut. Ich denke, die kleine Lady hier wird sich schon sehr bald bei mir für ihre Frechheiten entschuldigen«, meinte Roberts mit einer Arroganz in seiner Stimme, die Dakota fast noch schlimmer fand als seine überheblichen Worte.

»Darauf könnt Ihr lange warten!«, fauchte sie ihn an.

Wieder griff er nach ihr. Diesmal erwischte er ihre Hand. Er drückte sie so fest, dass es schmerzte. »Das werden wir ja noch sehen.«

Dakota verfehlte eine Erwiderung, da das Essen serviert wurde. Diener stellten Platten mit verschiedenen Speisen auf den Tisch, und Wein wurde nachgeschenkt. Weil der Verlobte ihrer Schwester jetzt gezwungen war, ihre Hand freizugeben, um sich auf das Essen zu konzentrieren, konnte Dakota sich etwas entspannen. Sie hatte schon geglaubt, in einem Schraubstock gefangen zu sein. Die ganze Zeit über plauderte Gordon fröhlich mit ihrem Vater und Mary über die bevorstehende Hochzeit. Dabei rückte er unauffällig wieder näher zu ihr und berührte wie zufällig ihren Körper. Zuerst dachte sie, dass er es nicht mit Absicht tat, aber als er zum dritten Mal mit dem Arm ihren Busen streifte, wurde es ihr zu bunt.

Wieso interessierte es hier keinen, was dieser ekelhafte Mensch mit ihr tat? Es musste doch jemandem auffallen? Aber Alice starrte die meiste Zeit über auf ihren Teller. Sie war viel zu beschäftigt mit ihrem Essen. Und auch ihr Vater und Mary schienen nichts zu bemerken, oder es war ihnen schlichtweg egal. Denn selbst wenn sie etwas sahen, so taten sie, als ob nichts wäre. Dakota versuchte, immer weiter von Roberts abzurücken. Als er unter dem Tisch nach ihrem Knie griff, schlug sie seine Hand fort. Doch Gordon langte blitzschnell nach ihr. Wieder schlossen sich seine Finger schmerzhaft um die ihren. Aber diesmal, versteckt unter der Tischplatte, zog er ihre Hand zu sich. Er legte sie sich in seinen Schritt. Dakota konnte fühlen, wie sich etwas in seiner Hose regte und hart gegen ihre Handfläche drückte.

Angewidert versuchte sie, sich zu befreien. Er ließ es nicht zu. Während er ihre Hand auf und ab rieb, unterhielt er sich weiter mit seiner Verlobten. Niemand schien darauf zu achten, dass es gegen jegliche Tischmanieren verstieß, dass seine Hand nicht zu sehen war.

»Sir Roberts, ich würde jetzt gerne meine Hand wiederhaben wollen«, teilte Dakota ihm hochnäsig mit. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, stellte er sich taub gegenüber ihrer Forderung.

Mary tat so, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, und wollte wissen, was ihr Verlobter davon hielt, wenn ihr Vater sie nach der Hochzeit regelmäßig besuchen würde. »Aber natürlich doch, mein Liebling. Ich würde mich sehr darüber freuen, deinen Vater und Alice öfter bei uns begrüßen zu können.«

Hilfesuchend machte Dakota Alice auf sich aufmerksam, die sie musterte. Immer wieder sah sie verstohlen in Richtung Sir Roberts‘ und dann auf Dakota. Es dauerte einen Moment, ehe sie verstand, was ihre Schwester ihr sagen wollte. Gordon hatte nur davon gesprochen, dass Alice und ihr Vater Mary besuchen würden, von ihr selbst war nicht die Rede gewesen.

Vermutlich war Sir Roberts einfach nicht sehr versessen darauf, wenn auch sie mit zu einem Besuch kommen würde. Immerhin war sie nicht sehr freundlich zu ihm.

Da Dakota wusste, dass dieser Körperteil, auf den ihre Hand gepresst wurde, sehr empfindlich war, beschloss sie zu handeln.

Es war offensichtlich, dass Roberts nicht damit gerechnet hatte, dass Dakota von sich aus begann, ihn zu streicheln. Sie ließ ihre Hand auf und ab gleiten. Sie spürte, wie sein Griff sich etwas lockerte. Die Gelegenheit nutzend, drückte sie mit all der Kraft, die sie aufbringen konnte, zu. Roberts zog scharf die Luft ein. Sie sah, wie er sich selbst auf die Lippen biss, um nicht laut aufzuschreien. Zufrieden zog sie ihre Hand zurück. Höflich lächelnd wandte sie sich zu ihm. »Geht es Euch nicht gut, Sir Roberts?«, fragte Dakota mit Unschuldsmiene.

»Nein, alles in bester Ordnung«, brachte er mühsam hervor. Die restliche Zeit des Essens ließ er sie in Ruhe. Anscheinend hatte er seine Lektion gelernt. Er würde es sich bestimmt zweimal überlegen, sie noch einmal so zu bedrängen.

Nachdem die Diener die Platten und das schmutzige Geschirr abgeräumt hatten, war es an der Zeit für die drei Mädchen, sich zurückzuziehen. Doch bevor Dakota die Treppe erreichen konnte, hielt ihr Vater sie zurück. »Dakota, ich möchte, dass du unseren Gast nach oben geleitest. Zeig ihm das Turmzimmer, damit er sich dort ausruhen kann«, wies er sie an.

»Wäre das nicht eher die Aufgabe von Mary?«, fragte Dakota erstaunt. Sie hatte wenig Lust, auch nur eine Minute allein in Roberts‘ Gegenwart zu verbringen.

»Es war ein anstrengender Tag für Mary, und sie muss sich ausruhen. Tu, was ich dir sage, oder soll ich etwa Alice darum bitten?«

Alice war ihre Schwachstelle, für sie würde Dakota alles tun, und das wusste ihr Vater nur zu gut. Der Gedanke, dass dieser eklige, schmierige Kerl ihre geliebte Schwester anfassen könnte, war unerträglich. Vermutlich hätte Alice nicht den Mut, sich zu wehren, und wäre ihm damit gnadenlos ausgeliefert. Nach den Dienstboten brauchte sie erst gar nicht zu fragen. Ihr Vater hatte es so entschieden und machte mit seinen vor der Brust verschränkten Armen unmissverständlich klar, dass er nicht mit sich reden ließ. Mit einem tiefen Seufzer wandte Dakota sich zu Roberts um. »Wenn Sie die Güte hätten, mir zu folgen, Sir, dann bringe ich Sie zu Ihrer Kammer.«

»Es ist mir ein Vergnügen«, erwiderte Roberts und erhob sich. Sein anzügliches Grinsen ignorierend, lief Dakota voraus die Treppe nach oben. Er lief so hinter ihr, dass sie seinen schweren Atem deutlich hören konnte. Für einen Ritter war er wohl nicht ganz so gut in Form, wie er es sein sollte. Doch sie nahm keine Rücksicht auf seinen Zustand. Dakota wollte ihren Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen, um endlich aus seiner Nähe entkommen zu können.

Doch der Weg schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Als sie endlich das obere Ende der Treppe erreicht hatten, schloss Dakota erleichtert die Augen. Obwohl es wesentlich einfacher gewesen wäre, Gäste in den unteren Räumlichkeiten unterzubringen, hatte ihr Vater schon vor Jahren darauf bestanden, dass das oberste Zimmer im Turm für etwaigen Besuch bereitgehalten werden sollte. Denn von dort aus hatte man eine wundervolle Sicht auf das Gelände um die Burg herum. Man konnte sogar in der Ferne das Dorf erblicken. Dakota bezweifelte jedoch, dass Sir Roberts sich daran erfreuen würde oder es gar zu schätzen wüsste.

»So, da wären wir«, erklärte sie und deute auf die einzige Tür. Ohne ein weiteres Wort wollte sie wieder nach unten gehen.

Eigentlich hatte sie gedacht, dass er seine Lektion bereits während des Essens gelernt hätte, Gordon belehrte sie eines Besseren. Er presste sie mit seinem Körper gegen die kalte Burgmauer, um sie so an einer Flucht zu hindern. Ihre Arme hielt er mit einer Hand über ihrem Kopf fest und griff mit der anderen nach ihrer Brust. »So, da wären wir!«, hauchte er ihr ins Ohr. Dakota drehte sich hin und her, konnte sich aber nicht befreien. Das Einzige, was es ihr einbrachte, war, dass er sich noch stärker gegen sie drängte. Sie konnte kaum atmen, ihre Brust schmerzte, und sie wollte ihn so schnell wie möglich loswerden. »Lassen Sie das! Sie tun mir weh!«

Dakota keuchte vor Anstrengung. Aber Roberts lachte nur über ihre Bemühungen. »Stell dich nicht so an. Ich verlange doch nur ein bisschen deiner Zeit. Damit du dir schon mal eine Vorstellung von dem machen kannst, was dich erwartet«, sagte er kalt.

Etwas irritiert sah sie ihn direkt an. Sie hatte keine Ahnung, was Sir Roberts damit meinte. Hatte es etwas mit dem Gespräch zu tun, das sie am Morgen belauscht hatte? Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich nicht darum gekümmert, aber jetzt rief sie sich den Tratsch der beiden Mägde noch einmal ins Gedächtnis. Sie hatte gedacht, vielleicht etwas falsch verstanden zu haben, als eine der beiden Frauen meinte, dass ihr Vater sie, Dakota, dem Verlobten von Mary mitgeben wollte. War da doch etwas dran?

»Wenn Sie mich nicht auf der Stelle loslassen, dann schrei ich!«, drohte sie. Doch noch ehe sie auch nur noch einen Laut von sich geben konnte, presste er seinen Mund hart auf ihren. Hatte sie bisher geglaubt, der erste Kuss sei etwas sehr Schönes, wurde sie maßlos enttäuscht. Sie fühlte, wie die Galle in ihr hochstieg, als seine Zunge sich gewaltsam in ihren Mund schob. Seine Hand knetete weiterhin grob ihre Brust, was ihr zusätzlichen Schmerz bereitete. Sollte das seine Rache sein für das, was während des Essens geschehen war? Egal, warum er es tat, er hatte kein Recht, sie so zu behandeln.

Ungerührt von ihrer steifen Körperhaltung, ihren Händen, die versuchten, ihn von sich wegzuschieben, erkundete er mit seiner Zunge weiterhin ihren Mund.

In ihrer Verzweiflung grub sie ihre Zähne tief in seine Zunge. Fluchend zog er sich von ihr zurück. »Du verdammtes Miststück. Das wirst du mir büßen. Ich werde dich schon lehren, mir zu gehorchen!«, behauptete er und schlug ihr mit flacher Hand ins Gesicht.

Es tat weh, aber sie weigerte sich, ihm zu zeigen, wie sehr. Sein gewaltsamer Kuss hatte sie schon genug gedemütigt, sie musste ihm nicht auch noch zeigen, wie sehr ihre Wange brannte. Zumal ihr Vater meist gröber zu ihr war. »Ich werde meinem Vater davon erzählen! Dann wird er Ihnen Mary bestimmt nicht zur Frau geben!«, drohte Dakota.

Sein kaltes Lachen sprach für sich. Er hatte ihre Drohung als das erkannt, was sie wirklich war, nichts anderes als leere Worte. Samuel Beaufort würde sich einen Dreck darum kümmern, was gerade passiert war. Womöglich würde er seiner Tochter noch selbst die Schuld daran geben und sie für ihr Verhalten bestrafen.

Roberts Hand, die immer noch ihre Hände festhielt, hatte sich, abgelenkt durch ihren Wortwechsel, etwas gelockert. Blitzschnell entzog sie sich seinem Griff. »Dein Vater hat mich sogar darum gebeten, dir ein paar Manieren beizubringen. Und ich bin gerne dazu bereit, dich nach der Hochzeit mit an meinen Hof zu nehmen«, erklärte er ihr völlig sachlich.

Ungläubig schüttelte Dakota den Kopf. Sie hätte nie damit gerechnet, dass ihr Vater zu so etwas fähig wäre. Auch wenn sie manchmal anderer Meinung waren und sie sich nicht so benahm, wie er es gerne hätte, liebte er sie doch. Immerhin war sie seine Tochter.

»Das würde er nie tun. Und auch Mary würde es nicht erlauben!«

»Fragt ihn doch selbst, wenn Ihr mir nicht glaubt. Deiner Schwester ist es egal, solange ich diskret bleibe. Und keine Angst, das werde ich. Ich habe einen hübschen Keller, in dem ich mich stunden-lang mit Eurem Körper vergnügen kann. Dort könnt Ihr schreien, so viel Ihr wollt. Niemand wird es hören.« Gordon lachte kurz auf, und es war ihm anzusehen, dass er völlig ernst meinte, was er sagte.

»Nein, das ist nicht wahr«, flüsterte sie schockiert. Sie riss sich zusammen und stieß ihn mit aller Kraft von sich und rannte die vielen Stufen nach unten. Sein böses Lachen verfolgte sie noch bis in ihre Kammer. Schnell verbarrikadierte sie die einfache Holztür hinter sich, indem sie zuerst den Riegel umlegte und dann auch noch die Truhe mit ihren Kleidern davorschob. Schwer atmend ließ sie sich dagegensinken.

Konnte das wirklich wahr sein? Sollte sie wirklich mit diesem widerlichen Kerl mitgehen müssen? Und wie konnte ihr Vater so jemandem eine seiner Töchter zur Frau geben? Dakota überprüfte noch einmal das Schloss ihrer Tür und ging dann zum Fenster.

Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern war zu sehen. Betrübt starrte sie in die schwarze Nacht hinein, sie überlegte, Alice um Rat zu fragen. Doch sollte sich wirklich bewahrheiten, was Roberts gesagt hatte, würde das ihre Schwester bloß aufregen. Sie würde zusammenbrechen und anfangen zu weinen. Von ihr konnte sie keine Hilfe erwarten. Sie musste allein damit zurechtkommen. Und das würde sie auch.

Kapitel 3

Cailen Kincade war nun schon seit mehreren Wochen von zu Hause fort. Sein Weg hatte ihn und seine drei Begleiter erst zum englischen König geführt, wo sich sein eigener Regent, der König von Schottland, ebenfalls eingefunden hatte. Cailen war stolz darauf, ein Schotte zu sein, und diente aus voller Überzeugung seinem König James. Nur auf dessen Geheiß hin hatte er diese weite Reise angetreten und sein eigenes Land für längere Zeit allein gelassen. Doch auch jetzt, nachdem er alles über sich hatte ergehen lassen, konnte er immer noch nicht in seine geliebten Highlands zurückkehren. Stattdessen hatte er noch eine weitere Aufgabe zu erfüllen, eine, die ihm selbst nicht behagte und die er nur aus einem Grund ausführte. König James persönlich hatte ihn mit der Erledigung dieser einen Sache beauftragt.

»Schlimm genug, dass wir durch dieses verfluchte Land reiten müssen, jetzt regnet es auch noch seit Tagen«, fluchte Ayden, sein ältester engster Vertrauter, und riss ihn aus seinen Gedanken.

»Sei froh, es könnte auch schlimmer sein.« Lennox, der hinter ihnen ritt, war dafür bekannt, in jeder Situation auch etwas Gutes zu sehen. Cailen war froh darüber, dass sein Clan auch über solch fröhliche Männer verfügte, auch wenn es manchmal etwas anstrengend sein konnte, Lennox und seinem Freund Duncan zu zuhören. Sie mussten einfach zu allem ungefragt ihre Meinung äußern, was nicht selten in einem Streit endete. Ihre herausragende Fähigkeit im Kampf glich diesen Makel jedoch wieder aus.

»Stimmt. Es könnte gewittern«, warf Duncan, der Jüngste von ihnen, ein.

Cailen zügelte wortlos sein Pferd. Ein Fuchs überquerte auf leisen Sohlen den Weg vor ihnen und verschwand im Gebüsch.

Da Cailen die Langeweile am Hof des Königs geplagt hatte und die Schwere der Aufgabe, die noch vor ihm lag, ihn belastete, fasste er kurzerhand einen Entschluss. So leise wie möglich schwang er sich aus dem Sattel und griff nach Pfeil und Bogen. Seine Männer, die sofort verstanden hatten, nickten ihm aufmunternd zu.

So ruhig wie möglich schlich er dem arglosen Tier hinterher. Cailen folgte dem Fuchs durch das Gebüsch bis hin zu einem kleinen Wasserlauf.

Er bereitete sich in Ruhe vor und spannte den Pfeil in dem Bogen ein. Endlich hatte er eine Beute vor sich, die sein Interesse wirklich weckte, im Gegensatz zu den Frauen am englischen Königshof. Trotz der vielen Annäherungsversuche der Damen war keine unter ihnen gewesen, die seine Beachtung geweckt hätte.

Langsam ließ er die Luft aus seinen Lungen entweichen, konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf seine Beute, zielte, und – ein heftiger Schlag traf ihn direkt gegen seine Stirn. Ein nasses Stück Erde tropfte von seinem Gesicht. Noch ehe er reagieren konnte, wurde er ein weiteres Mal getroffen, dem dritten Dreckklumpen konnte er gerade noch rechtzeitig ausweichen. Fluchend warf Cailen seinen Bogen weg und sprang aus seinem Versteck, an den Fuchs dachte er nicht mehr. Das Einzige, was für ihn jetzt noch zählte, war, den Übeltäter zu stellen, der es wagte, ihn zu bewerfen.

Das Gebüsch auf der anderen Seite des Baches wackelte verdächtig. Sein Angreifer war nicht sehr schlau, denn sonst hätte er schon längst das Weite gesucht und nicht versucht, sich vor ihm zu verstecken. Der Wasserlauf war schmal, sodass Cailen ihn mit einem großen Schritt überwunden hatte. Er stürzte sich mit einem wilden Kriegsschrei in das Dickicht, genau auf seinen Angreifer. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass das Gelände auf dieser Seite des Baches steil nach unten hin abfiel. Durch die Wucht, mit der er gegen seinen Gegner stieß, wurde dieser aus dem Gleichgewicht gebracht, und beide fielen den Abhang hinab. Ein entsetztes Aufkeuchen drang in seine Ohren. Wer auch immer es wagte, ihn zu attackieren, musste mit den Konsequenzen leben. Niemand legte sich ungestraft mit dem Clanchief der Kincades an.

Unten blieb Cailen schwer auf seinem Gegner liegen. Dieser versuchte, sich mit Händen und Füßen zu wehren. Es war ein schmaler, zierlich gebauter Bursche, der sich da unter ihm wand. Kleine, zu Fäusten geballte Hände trommelten gegen seine Arme, doch er bemerkte es kaum.

»Geh gefälligst von mir runter, du Idiot.« Die Stimme klang ganz und gar nicht männlich.

Irritiert musste Cailen feststellen, dass der Körper unter ihm sich alles andere als nach einem heranwachsenden Mann anfühlte. Die festen Rundungen von Brüsten drückten sich gegen seinen Oberkörper, auch die langen roten Locken, die das Gesicht verdeckten, sahen verdächtig nach dem anderen Geschlecht aus. Nur die Flüche, die sie ausstieß, klangen alles andere als weiblich. »Du verdammter Esel! Beweg dich endlich, ich bekomme ja schon gar keine Luft mehr!«

Cailen war noch viel zu entsetzt, um zu reagieren, Was für ein Weibsbild wagte es, ihn mit Dreck zu bewerfen? So etwas hatte in seinem ganzen Leben noch niemand getan. Plötzlich breitete sich ein brennender Schmerz in seinem Oberarm aus. Ungläubig stellte er fest, dass er aus einer tiefen Wunde am Arm blutete. Sie hatte es irgendwie geschafft, ihn mit einem Dolch zu verletzen, ihren nächsten Angriff konnte er gerade noch abwehren. Sie holte bereits zum nächsten Stich aus, als er ihr die silberne Klinge entwand, indem er ihre Hände packte und sie flach auf den Boden presste. Gleichzeitig drückte er mit seinem Oberschenkel ihre Beine nach unten. So gefangen, war es ihr nicht möglich, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

»So, du kleine Wildkatze. Jetzt ist Schluss mit dem Unsinn.« Cailen versuchte erst gar nicht, seine Stimme freundlich klingen zu lassen. Er war wütend und wollte seine Angreiferin einschüchtern, ihre weiblichen Rundungen, die sich weiterhin gegen seine Brust drückten, erschwerten es ihm aber erheblich. Ihre bebenden Atemzüge, ihr keuchender Atem, all das trug dazu bei, sein Blut in Wallung zu bringen. Doch er musste sich zusammenreißen. Die junge Frau hatte ihn angegriffen. Sie war keine Dirne, die mit der er sich auf dem feuchten Waldboden vergnügen konnte.

»Unsinn?«, fuhr sie ihn ebenso wütend an. »Ihr wart es doch, der hier durch das Gebüsch streift und Jagd auf unschuldige Tiere macht.« Ihre Augen, von so einem intensiven Grün, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte, blitzten ihn förmlich an.

Er konnte nicht anders, als sie anzustarren. Es war, als ob er in ihren Bann gezogen wurde, nicht in der Lage, sich daraus zu befreien.

»Jetzt geht endlich runter von mir!«

»Nein«, sagte er schlicht. Sofort begann sie wieder gegen ihn anzukämpfen. Es war ein Leichtes für ihn, sie weiter festzuhalten. Cailen war ein erprobter Krieger, seine Gegner waren normalerweise ebenso gestandene Männer wie er und keine zierliche Frau. »Hört auf, so rumzuzappeln. Das macht Eure Lage nicht besser.«

»Meine Lage würde wesentlich besser sein, wenn Ihr mich loslasst«, konterte die Frau.

Cailen musste sich ein Grinsen verkneifen. Das Mädchen hatte durchaus Feuer. Ihre Gegenwehr und der verlockende Körper, den sie dabei unbewusst präsentierte, reizten ihn. Vielleicht war sie ja doch für ein kleines Abenteuer zu haben, der Gedanke begann ihm mehr und mehr zu gefallen. »Wir könnten das Ganze auch etwas freundlicher gestalten«, schlug er vor.

Es war schwierig, ihre Miene zu deuten, aber es schien ihm nicht so, als ob sie abgeneigt wäre. Zudem glaubte er nicht daran, dass sie eine unbedarfte Frau war. Kein Vater würde es seiner unschuldigen Tochter erlauben, allein im Wald herumzulaufen und dann auch noch fremde Männer mit Dreck zu bewerfen. Nein, so ein Verhalten passte bestimmt nicht zu einer feinen Dame. Viel eher war sie eine erfahrene Bauerstochter, die sich ihr Geld damit verdiente, dass sie ihren Körper anbot. Womöglich hatte sie ihm einen Streich spielen wollen, um sich etwas die Zeit zu vertreiben.

Cailen dachte schon, dass sie auf sein Angebot eingehen würde. Gerne hätte er ihre kleine fiese Attacke vergessen, wenn sie sich im Gegenzug dafür anderweitig erkenntlich zeigen würde. Eine kleine Ablenkung würde ihm bestimmt guttun. Vor allem, wenn man bedachte, welche Aufgabe noch vor ihm lag.

Er verlagerte sein Gewicht auf seine Beine, sodass er sich etwas nach oben stemmen konnte, um ihren Körper besser betrachten zu können. Blitzschnell nutzte die Frau ihre Chance. Mit aller Kraft zog sie ihre Knie an, um sie ihm in den Unterleib zu rammen. Sie traf ihn mitten in seine Männlichkeit. Er krümmte sich vor Schmerz, rollte von ihr runter und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Die Qual war einfach unerträglich, was, wenn sie ihn mit ihrer hinterhältigen Attacke entmannt hatte?

Es dauerte einen Moment, bis er wieder einigermaßen klar denken konnte. In dieser Zeit hatte die Frau sich wieder aufgerichtet und stand nun mit ihrem Dolch in der Hand vor ihm. »Lasst Euch das eine Lehre sein. Niemand vergreift sich hier an unschuldigen Frauen oder an unschuldigen Tieren!«, belehrte sie ihn, bevor sie mit wehenden Röcken im Wald verschwand.

So ein kleines Miststück. Immer noch fassungslos, starrte er ihr hinterher. Das war ihm wirklich noch nie passiert. Wie hatte er sich nur so täuschen können? Jetzt freute er sich erst recht darauf, endlich wieder nach Hause zurückzukehren. Dort benahmen die Frauen sich wenigstens noch wie anständige Frauen, gerne bereit, sich mit ihm überall und zu jeder Zeit zu vergnügen.

»Was ist denn mit dir passiert?«, wollte Lennox wissen, als Cailen endlich wieder auf den Weg trat, auf dem seine Männer auf ihn warteten. Er war voller Schlamm und Blättern, und der Schnitt an seinem Oberarm,

den die Wildkatze ihm zugefügt hatte, war zwar nicht sonderlich tief, aber deutlich zu sehen. »Hat der Fuchs dir etwa nachgesetzt?« Ayden lachte spöttisch.

»Von wegen Fuchs. So ein freches kleines Luder hat mich hinterrücks mit Dreck beworfen«, berichtete Cailen.

Er vermied, es zu sagen, was noch alles passiert war. Es ging niemanden etwas an, dass er beinahe seiner Männlichkeit beraubt worden war.

Cailen gab sich selbst das Versprechen, es dieser kleinen Wildkatze heimzuzahlen, sollte er sie jemals wiedersehen.

Dakota war völlig außer Atem, als sie den hinteren Eingang der Burg erreichte. Sich endlich außer Gefahr wähnend, lehnte sie sich gegen die schwere Holztür und holte tief Luft. Die Begegnung mit dem Fremden hatte ihr mehr zugesetzt, als sie zu zeigen bereit war. Allein sein Äußeres war zum Fürchten, mit seiner Körpergröße überragte er alle Männer, die sie kannte, und seine breiten Schultern hatten das Tageslicht hinter ihm verschluckt. Dann waren da noch seine Augen gewesen, so schwarz wie die Nacht und ebenso gefährlich.

Dakota erschauderte innerlich. Nie hätte sie damit gerechnet, dass er sich auf sie stürzen würde, nachdem sie ihn davon abgebracht hatte, auf Merlin zu schießen. Aber was hätte sie sonst tun sollen?

Sie wollte sich schnell den Dreck abwaschen und ein sauberes Kleid anziehen, bevor sie jemand entdeckte und lästige Fragen stellen würde. Von der Begegnung mit dem Fremden wollte sie lieber nicht erzählen. Sie konnte sich schon denken, wie ihr Vater darauf reagieren würde, er würde wütend werden und alles andere als freundlich zu ihr sein. Sie hatte Merlin schon wieder das Leben gerettet, obwohl ihr Vater es ihr ausdrücklich verboten hatte.

Sie musste Merlin unbedingt dazu bringen, etwas vorsichtiger zu sein. Aber wie brachte man so etwas einem Tier bei? Sie erinnerte sich noch daran, wie Sir Roberts vor ein paar Tagen versucht hatte, Merlin zu erlegen. Zu ihrer Freude war er kläglich gescheitert und hatte kurz darauf die Burg verlassen. Dakota würde ihn erst am Tag der Hochzeit wiedersehen, und da, so hatte sie sich selbst geschworen, würde sie ihm aus dem Weg gehen. Seine unmöglichen Versuche, sie anzufassen, die Behauptungen, sie würde bald ihm gehören, ignorierte sie einfach. Sie verbannte sie aus ihrem Gedächtnis. Die Erinnerung an den Fremden aus dem Wald konnte sie jedoch nicht so schnell abschütteln. Es beunruhigte sie, dass sie keine Furcht verspürt hatte. Wenn sie daran dachte, was hätte passieren können, hätte ihr eigentlich angst und bange werden müssen.

Aber sie selbst war eher neugierig gewesen. Es war ein ihr völlig fremdes Gefühl gewesen, einem Mann so nahe zu sein.

Sie ermahnte sich, diese Begegnung am besten so schnell wie möglich zu vergessen. Sie überquerte den Burghof, als ihr die fremden Pferde auffielen. Wie seltsam, sie hatte gar nicht gewusst, dass sie Besuch erwarteten. Umso wichtiger war es, sich so schnell wie möglich in die Burg zu schleichen.

Dakota hatte es schon halb über den Hof geschafft, als die Tür zum Stall geöffnet wurde. Ihr Vater trat mit vier Unbekannten ins Freie. Der Besuch musste von äußerster Wichtigkeit sein, sonst wäre ihr Vater nie aus der großen Halle gekommen.

Lord Beaufort sah sie sofort und zog seine Augenbrauen hoch. Sie wusste, dass Ärger bevorstand. Der Schmutz auf ihrem Kleid war nicht zu übersehen, und ihr Haar war völlig durcheinander.

»Dakota, was zum Teufel hast du gemacht!«, herrschte ihr Vater sie an. Er schaute zwischen seiner Tochter und den Männern neben ihm hin und her. Seine Miene wurde noch düsterer. »Komm sofort hierher!«, befahl er ihr.

Sie ergab sich ihrem Schicksal und tat wie geheißen. Während Dakota näher trat, musste sie mit Schrecken feststellen, dass sie einen der Fremden kannte. Zwar wusste sie seinen Namen nicht, aber es war mit absoluter Bestimmtheit der Mann, mit dem sie vorhin auf dem Waldboden gekämpft hatte. Das war der Grund, warum ihr Vater noch zorniger war als sonst. Denn der Fremde hatte ihm bereits erzählt, was sich im Wald zugetragen hatte. Ob er ihm wohl auch von seinem Versuch, sie wie eine Dirne zu behandeln, berichtet hatte? Dakota konnte es sich nicht vorstellen.

Der Fremde bedachte sie mit einem bösen Lächeln, was ihm aber aus dem Gesicht fiel, als ihr Vater sagte: »Kein Vater wünscht sich so eine aufsässige Tochter wie dich.«

Kapitel 4

»Das ist Eure Tochter?«, entfuhr es dem großen Mann entsetzt. Dakota, die seinen Ausbruch nicht ganz verstand, ihn aber als Beleidigung auffasste, reckte stolz das Kinn nach oben. »Lady Dakota Beaufort. Und mit wem habe ich die Ehre, wenn ich fragen darf?« Sie achtete nicht auf Mary, die sich zu ihnen gesellte. Stattdessen blickte sie direkt in die dunkelsten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie hatte sich vorhin nicht getäuscht, sie waren wirklich schwarz.

»Cailen Kincade, Clanchief der Kincades«, stellte er sich knapp vor. »Und das sind meine Männer Ayden, Lennox und Duncan.«

»Aha, und was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches? Oder seid Ihr etwa nur darauf aus, unschuldige Tiere zu jagen?«, fragte sie. Dakota verschwieg bewusst, dass er auch hinter ihr her gewesen war. Immerhin war sie es, die ihn zuerst angegriffen hatte.

»Seit wann kümmert sich ein kleines Mädchen um die Angelegenheiten eines Burgherrn? Oder ist das ein englischer Brauch, von dem ich nichts weiß?«, entgegnete Cailen hochmütig.

Dakota fühlte sich durch seine Worte zutiefst beleidigt. Sie war mitnichten ein kleines Mädchen, und das würde sie ihm auch beweisen. Was fiel diesem Mann ein, einfach hierherzukommen, um sie zu beleidigen?

»Genug! Dakota, hüte gefälligst deine vorlaute Zunge.« An die Schotten gewandt, fragte Beaufort freundlicher: »Bitte, entschuldigt das Auftreten meiner Tochter. Sie ist leider ohne den Zuspruch einer Mutter aufgewachsen. Was verschafft mir denn die Ehre Eures Besuches?«

»Das würde ich gerne in Ruhe und ohne die Anwesenheit der Mädchen besprechen«, erklärte Cailen. Was wiederum ein weiteres zorniges Schnauben aus Dakotas Richtung hervorbrachte. Nur Mary blieb ganz ruhig an der Seite ihres Vaters. Sie schien sich nicht daran zu stören, dass man sie nicht als Frau bedachte, sondern mehr mit einem Kind verglich.

»Ja, natürlich, Ihr habt vollkommen recht. Sollen wir uns dann vielleicht nach drinnen begeben?«, schlug Samuel Beaufort vor.

»Gerne, aber vorher würde ich mich gerne etwas frisch machen. Das erste Aufeinandertreffen im Wald mit Eurer reizenden Tochter war nicht gerade sehr angenehm.« Dakota wollte ihm die Zunge rausstrecken, besann sich aber, ihre Strafe würde schlimm genug werden.

»Ihr habt vollkommen recht. Brain!«, rief der Lord einen Diener herbei. »Zeig diesem Herrn die Kammer für Gäste, und lass den Waschzuber zu ihm hinaufbringen.«

Dakota beobachtete, wie der Mann mit Namen Kincade sich kurz mit seinen Männern besprach und dann sein Gepäck vom Pferd nahm. »Man sieht sich immer zwei Mal, mein Kätzchen«, hörte sie ihn sagen, als er an ihr vorbeilief.

Sie sah zu, wie er hinter Brain das Innere der Burg betrat. Er war wirklich sehr groß, selbst der kräftig gebaute Brain konnte sich problemlos hinter ihm verstecken.