Zurückgelassen durch Suizid - Annette Meißner - E-Book

Zurückgelassen durch Suizid E-Book

Annette Meißner

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Beschreibung

Durch den Suizid ihres zweitgeborenen Sohnes durchlebte die Autorin, Annette Meißner, die Tiefen der Trauer. Sie hilft mit ihrem Buch Suizidhinterbliebenen wieder ins Leben zurückzukommen. Die eigene Geschichte und wertvolle Tipps zeigen dem Leser, dass sie weiss, wovon sie schreibt. Die Gedichte von Sabine Mann runden das Buch ab.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zurückgelassen

durch Suizid

Mein Weg durch die Trauer zurück ins Leben

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliographie.

Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über

die Seite der DNB abrufbar.

4. Auflage 2015

Copyright © 2015 Lente Verlag, Essen

Inhaberin Annette Meißner

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten, wie Nachdruck oder

Vervielfältigung, das Abdruckrecht für Zeitungen und

Zeitschriften, das Recht zur Gestaltung und Verbreitung

von gekürzten Ausgaben, Funk-und Fernsehsendungen.

Auch Nachdruck einzelner Teile nur mit schriftlicher

Genehmigung des Verfassers.

Covergestaltung :

©UlinneDesign, 48485 Neukirchen

Mein Name ist Annette Meißner. Mein zweitgeborerner Sohn nahm sich im Jahr 2008 das Leben.

Ich durchlebte die Tiefen der Trauer und fand den Weg wieder zurück ins Leben.

Mit diesem Buch möchte ich Mut machen und zeigen, wie ich es geschafft habe, mit der Trauer zu leben.

Die Gedichte in meinem Buch sind urheberrechtlich geschützt.

Die Autorin der Gedichte, Sabine Mann, gestattet nicht,

dass ihre Werke ungefragt kopiert oder verbreitet werden.

Mir hat sie die Veröffentlichung erlaubt.

Auch hier bin ich zu finden:

Herzlich willkommen

Es ist zwar etwas ungewöhnlich, jedoch habe ich dieses Buch in der Du-Form geschrieben. Meiner Ansicht nach ließ es sich leichter schreiben und lässt sich leichter lesen. Auch wenn wir uns noch nicht kennen, möchte ich eine Vertrautheit zwischen uns aufbauen.

Alle meine direkten Gedanken habe ich inkursiver Schriftgeschrieben. Es sind Originalschriften aus der Zeit, nachdem Enrico starb.

Auch wenn meine Gedankengänge etwas „durcheinander“ oder „kurios“ erscheinen - sie waren zu dem Zeitpunkt so sonderbar. Ich sammelte alle meine Schreibzettel, Hefte und Collageblöcke, um keinen Gedanken je zu vergessen.

Dass ich eines Tages daraus ein Buch schreiben würde, war mir zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht bewusst.

Vorwort von Sabine Mann

Ich möchte damit beginnen, Dir zu erklären, wer ich bin und wie es dazu kommt, dass ich dieses Vorwort schreiben darf.

Mein Name ist Sabine Mann. Ich habe einen 19-jährigen Sohn und mein Mann hat zwei Kinder. Ein Mädchen und einen Jungen.

Im Jahr 2005 beschloss der Sohn meines Mannes spontan sein Leben zu beenden. Christian, so ist sein Name, war damals 16 Jahre jung.

So kam ich in das Forum von AGUS (Selbsthilfegruppe – Angehörige um Suizid). In diesem Forum lernten Annette und ich uns kennen und als sie dann ein Praktikum in meiner Nähe machte, beschlossen wir, uns persönlich zu treffen.

Zu diesem Zeitpunkt ging es Annette noch sehr schlecht und vor unserer ersten Begegnung hatte ich deshalb die Befürchtung, dass wir viel zu verschieden seien, denn mit meiner Trauer war ich ihr um dreieinhalb Jahre voraus.

Unsinn.

Trauer verbindet und die Trauer nach einem Suizid ist etwas, das man mit keinem anderen Verlust und Schmerz vergleichen kann.

So wurden Annette und ich Freundinnen. Nachdem ihr Praktikum beendet war, telefonierten wir häufig und dabei weinte Annette oft. Ich war gern für sie da.

Häufig hörte ich einfach nur zu, wenn sie mich anrief, denn an vielen Tagen gibt es nichts, was diese Trauer und den Schmerz lindern kann. Dann kann man nur durch Zuhören helfen und dadurch, für den Trauernden da zu sein.

Bis heute ist es so, dass wir miteinander weinen und auch gemeinsam lachen können.

Eines Tages teilte Annette mir mit, dass sie ein Buch schreiben möchte. Nun setzt sie diesen Wunsch in die Tat um und ich finde, das macht sie richtig gut.

Ich selbst habe nach Christians Tod viele Bücher zu den Themen Trauer und Suizid gelesen und das hat mir sehr geholfen.

Auf manche Fragen konnte ich Antworten finden und ich erhielt auch manche Anregungen zur Trauerverarbeitung. Jedoch das Wichtigste war wohl, dass ich mich beschäftigte. Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, es kann nicht genügend Bücher zu diesen Themen geben, die aufklären und somit helfen können.

Annette möchte dazu beitragen und anderen beistehen.

Sie möchte so etwas von dem weitergeben, was sie in den schwersten Tagen ihrer Trauer erfahren durfte und sie möchte helfen.

Dieses Buch kann Dir eine Stütze sein und vielleicht auch ein Ratgeber für Deine Angehörigen.

Du wirst in diesem Buch auch ein paar meiner Gedichte finden, die ich nach Christians Suizid geschrieben habe, um meine Gefühle auszudrücken.

Ich hoffe sehr, dass sie und dieses Buch Dir helfen werden, mit Deiner Trauer umzugehen und in ein neues Leben zu finden.

Warum ich dieses Buch schrieb

Nachdem sich mein Leben am 03.07.2008 von einer Sekunde auf die andere schlagartig änderte, schrieb ich, um nicht vollends unterzugehen. Mein Sohn Enrico hatte sich am 22.06.2008 das Leben genommen. Er war erst 19 Jahre jung.

Mein Tagebuch und meine darin festgehaltenen Gedanken halfen mir, zu „überleben“. Selbst meine kleinsten „Erfolge“ hielt ich schriftlich fest. Ich möchte Dir mit meinem Buch Mut machen und Dir sagen, dass auch Du mit Deinem veränderten Leben zurechtkommen kannst.

Dieses Buch soll Dir helfen, Dich besser zu verstehen, denn Du hast Dich durch den Suizid Deines geliebten Menschen sehr verändert. Die Welt außen ist noch so, wie sie war, nur Deine eigene Welt ist innerlich zusammengebrochen.

Suizid - ein sehr bedrohliches Wort - und noch bedrohlicher scheint das Leben der Hinterbliebenen. Ich benutze absichtlich das Wort „scheint“. Denn ich bin selbst eine „verwaiste Mutter“ und weiß aus eigener Erfahrung, dass es auch wieder Sonne nach dem Regen gibt.

Auch möchte ich mit meinem Buch einen Beitrag dazu leisten, Vorurteile in Bezug auf Suizid zu entkräften. Hinter vorgehaltener Hand wird laut gemunkelt.

Suizid ist immer noch ein großes unethisches Tabu-Thema. Weil dem so ist, wurde mein Sohn ohne meine Zustimmung anonym beerdigt.

An dieser Stelle klage ich niemanden an. Ich möchte durch mein Buch ein Stück weit helfen, das Thema Suizid zu enttabuisieren.

Trauerarbeit ist eine schwere Arbeit und manchmal, nein, sogar sehr oft, bewegte ich mich im Kreis und konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Ich möchte Dir gerne helfen, Deine Gedanken zu sortieren. Vielleicht schaffe ich es, Dir mit meinen Gedanken ein Stück weit andere Wege nahe zu bringen.

Suizidhinterbliebene verstehen die Gedanken und Gefühle anderer Suizidhinterbliebener besser als jeder andere Mensch.

Enrico soll nicht umsonst gegangen sein. Und das ist er auch nicht, denn er hat sehr viel in mir bewirkt.

Ich sende Dir ganz viele liebe und tröstende Grüße,

Deine Annette Meißner,

Handhabung dieses Buches

Dies ist kein „normales“ Buch, welches Du von vorne bis hinten lesen musst, um es zu verstehen. Jedes Kapitel ist abgeschlossenen. Jeder Mensch kann dieses Buch so lesen, wie es ihm zusagt.

Denn: Trauer ist für viele Menschen schwer zu verarbeiten. Trauer nach dem Suizid unseres geliebten Angehörigen ist für uns Hinterbliebene noch viel schwerer zu verstehen und zu verarbeiten. Wir alle sind verschiedenartige Menschen und trauern auf unterschiedlichste Art und Weise.

Daher: Lies erst einmal die Kapitel, die Dir am wichtigsten erscheinen.

Trauer und Trauerverarbeitung sind sehr komplexe Themen. Viele Dinge sind miteinander verknüpft, sodass ich keine bestimmte Reihenfolge aufstellen konnte. Jedes Kapitel ist so wichtig, wie es in dem Moment wichtig für Dich ist.

Da ich selbst betroffen bin, beruhen die Tipps auf meinen persönlichen Erfahrungen. Die in meinem Buch eingebrachten Hilfestellungen habe ich alle selbst praktiziert.

Ich hoffe, dass sie auch für Dich hilfreich sind.

Dieser Tag hat mein Leben komplett verändert

Wieso rief meine Schwester mich so oft an diesem Tag an? Es war Donnerstag, der 03.07.2008:

Wo ich denn sei? Wann ich wieder zurück sei?

Es wird schon seinen Grund haben, dachte ich im Zug und entschied mich dazu, die Fahrt nach Hause zu genießen. Die Sonne war herrlich warm. Ich beschloss, mir keine weiteren Gedanken zu machen und freute mich, dass sie mich vom Bahnhof abholen würde, so, wie sie mir am Telefon versprach.

Als ich aus dem Zug ausstieg, hielt ich Ausschau nach ihr und entdeckte obendrein meine jüngere Schwester.

Sie sei zufällig in der Nähe gewesen und dachte, dass es doch nett wäre mich mit abzuholen. Ich freute mich sehr darüber und lud beide Schwestern kurzerhand zum Tee zu mir nach Hause ein.

Dass dies die letzten „normalen“ Momente in meinem Leben waren, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht geahnt.

Bei mir zu Hause angekommen, sah mir meine ältere Schwester plötzlich ganz intensiv in meine Augen und sagte:

„Ich muss dir etwas sagen ...“

SOFORT kam mir Enrico in den Sinn.

Ich: „Enrico?“

Sie: „Ja.“

Ich: „Was ist mit ihm? Ist ihm etwas passiert?“

Sie: „Wir können ihm nicht mehr helfen.“

Ich: „Was ist denn los? Wo ist er?“

Sie: „Er ist … … tot.“

Ich: „Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze. Enrico ist doch nicht tot. Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da?“

Sie (leise - kaum hörbar): „Doch.“

Ich schrie laut los: „NEIN NEIN NEIN! Wie? Wo?

Was ist passiert?“

Meine Schwester blickte mich an. Ganz leise flüsterte sie folgende Worte, die ich nie wieder in meinem Leben vergessen werde:

„Enrico hat sich am Wasserturm erhängt.“

Stille …

NEIN! Das kann nicht sein. Er kommt doch gleich wieder nach Hause. Ich hab doch die Stühle bald fertig gestrichen.

Hilfesuchend blickte ich zu meiner jüngeren Schwester hinüber, die bis dahin ganz ruhig auf dem Sofa saß und mich unsicher beobachtet hatte.

„Nein“, stammelte ich, „das stimmt nicht! Enrico macht so etwas nicht!“

Stille herrschte und keine der beiden Schwestern widersprach mir. Plötzlich stieg eine große Hitze in mir hoch.

Mit den Füßen aufstampfend schrie ich erneut los:

„NEIN! Das glaube ich dir nicht. Enrico tut so etwas nicht! Ich will ihn sehen! Jetzt! Ich will ihn jetzt sehen!“

Ja, ich will ihn sehen!

Dann folgte der nächste Schock:

Meine jüngere Schwester wandte sich zu mir und sagte ganz vorsichtig und leise:

„Er wurde heute Mittag anonym beerdigt. Niemand wusste, wer er war, als sie ihn gefunden haben.“

WAS? Wie bitte? NEIN! Das darf nicht sein! Das kann nicht sein!

Es hat doch niemand die Erlaubnis von mir bekommen! Mein Flippy! Ganz alleine - ohne mich! Es kannte ihn keiner? Er ist doch hier aufgewachsen! Er kann ja auch gar nicht tot sein, denn er kommt ja gleich wieder nach Hause!

Ein plötzlich auftretender drückender Schmerz in meiner Brust wurde unerträglich. Ich rang nach Luft, stampfte erneut mit den Füßen auf den Boden und vergrub dann den Kopf in meinen Armen. Meine jüngere Schwester nahm schweigend meine Hand. Ich ließ es zu.

Da beide Schwestern vorausdachten, rief die Ältere in meinem Beisein meinen Hausarzt an. Er würde sofort bei mir erscheinen, versicherte er, wenn sie es für notwendig erachtete. Er sei auf Abruf bereit.

Blitzartig gingen mir wichtige Gedanken durch den Kopf:

„Was ist mit meinen beiden Jungs? Wissen sie es schon?“ , fragte ich erschrocken.

Selbst daran hatten meine Schwestern gedacht und sie wollten zusammen mit mir meine Söhne aufsuchen, die nicht mehr bei mir wohnten, um es ihnen persönlich zu sagen.

Bevor wir zu ihnen fuhren, fragte meine ältere Schwester, welchen Menschen ich um mich haben wolle. Es war natürlich Regina. Meine langjährige und beste Freundin. Auch Julia, die Patentante meines ältesten Sohnes, hätte ich gerne gesehen.

Organisation war für mich unmöglich, weil ich nicht klar denken konnte. Ich war so froh, dass mir alles aus der Hand genommen wurde. Im Grunde genommen war ich mit allem einverstanden, denn:

Denken

-was ist das?

Ich denke Nebel

Fühlen

-was ist das?

Ich fühle Nebel

Meine Schwestern standen vom Sofa auf und ich folgte ihnen schweigend. Meine Beine bewegten sich wie automatisiert. Die gesamte vertraute Umgebung nahm ich auf einmal nicht mehr wahr. Ich lehnte mich an meine jüngere Schwester und ließ mich von ihr führen.

Im Auto meiner älteren Schwester fand ich mich wieder; auf dem Weg zu meinem jüngsten Sohn.

Das „Wir“ war so wichtig. Glücklicherweise war es in unserer Familie normal, füreinander da zu sein. Alleine hätte ich es nicht geschafft, meinen anderen beiden Jungs diese Mitteilung zu überbringen. Der Schock saß zu tief in mir.

Dieser scheußliche Schmerz, der mittlerweile meinen gesamten Körper befiel, wurde immer unerträglicher. Übelkeit stieg in mir hoch. Mein Körper fühlte sich an, als wickelte mich jemand zu einer Mumie zusammen und zöge die Bandagen immer fester zu. Ich rang nach Luft.

Enrico und ich hatten alleine in unserer Wohnung gelebt. Mein ältester und mein jüngster Sohn waren bereits ausgezogen und lebten ihr eigenes Leben.

Zwölf Tage vor diesem dritten Juli hatten wir uns das letzte Mal gesehen, denn wir hatten uns wieder einmal wegen irgendeiner Kleinigkeit gestritten. Daraufhin hatte er seine Sachen gepackt und war meiner Vermutung nach zu seinem Freund gegangen. Ich hatte ihn gehen lassen, denn damals hatten wir es so besprochen. Es war nicht das erste Mal, dass er im Streit wütend das Haus verließ.

Unser Abkommen war seinerzeit, dass er bei einer Auseinandersetzung lieber für ein paar Tage zu seinem Freund gehen möchte, um sich dort zu beruhigen. Er wolle nicht etwas Beleidigendes zu mir sagen, was ihm später Leid täte. Ich hatte damals diese Regelung für gut befunden, denn nachdem wir uns beide beruhigt hatten, hatten wir immer vernünftige Gespräche geführt.

Daher hatte ich mir keine Sorgen gemacht, als Enrico gegangen war. Ich hatte ihm noch aus dem Badezimmerfenster hinterher gerufen, dass ich ihn lieb hätte. Er hatte sich nicht einmal umgedreht, sondern nur abgewinkt.

Auch darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht, da diese Geste für ihn zu jener Zeit normal war. Später hatte ich meinem ältesten Sohn und meiner Schwester von unserem Streit berichtet. Beide waren der Meinung, dass er sich wieder beruhigen würde, wie sonst auch. Also war ich die Tage darauf zur Arbeit gegangen. Ich hatte mir vorgenommen mit ihm zu reden, sobald er wieder nach Hause kommen würde.

Da Enrico unsere Stühle für den Balkon hässlich gefunden hatte, hatte ich sie abends, nach der Arbeit, in freundlichen Farben angestrichen. Diese Beschäftigung hatte mich davon abgehalten, mir Sorgen über seinen Verbleib zu machen, denn er war bereits über eine Woche nicht nach Hause gekommen.

Mein Ärger über den Streit war längst verflogen. Innerlich hatte ich mich schon auf seine anerkennenden Blicke gefreut, denn er hatte es immer „cool“ gefunden, wenn „seine Mommy“ für unsere Wohnung irgendetwas verändert hatte.

Natürlich hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, dass er sich nach so vielen Tagen noch nicht gemeldet hatte, aber ich wollte ihm Zeit lassen.

Einige Monate zuvor blieb er ganze vierzehn Tage von zu Hause weg, ohne dass er sich gemeldet hatte. Als er wieder nach Hause gekommen war, hatten wir lange und ausführlich über den Vorfall gesprochen. Enrico hatte es gut von mir gefunden, dass ich mich an unsere Abmachung gehalten und ihn nicht mit meinen Anrufen „genervt“ hatte. Damals hatte er gesagt:

„Cool, Mommy. Du bist meine coole Mommy.“

Das Auto stoppte und das Motorengeräusch versiegte. Wir waren da! Bei meinem jüngeren Sohn.

Mit zittrigen Knien, dem stechenden Schmerz und der Übelkeit stieg ich aus dem Wagen aus. Ich musste nun meinem kleinen Sohn sagen, was passiert war.

Als ich ihm dann sagte, dass Enrico tot sei, reagierte er genauso wie ich:

„Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze.

Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da? NEIN! Enrico? Nein!“

Er wollte es mir nicht glauben und rannte die Straße hinunter, als könne er so der Wahrheit entfliehen. Ich ließ ihm etwas Zeit sich zu sammeln. Allerdings stieg Unruhe in mir hoch, da mein ältester Sohn noch nichts von unserem Schicksal wusste.

Er sollte es auch von mir erfahren - und nicht unvorbereitet von jemandem, der es zufällig hörte.

Nach einiger Zeit sagte ich: „Wir müssen jetzt los. Dein Bruder weiß es noch nicht. Ich möchte, dass er es von uns erfährt.“

Ein paar Sachen wurden von ihm zusammen gepackt und wir fuhren gemeinsam unter Tränen in Richtung der Wohnung meines ältesten Sohnes.

Schluchzen und Schweigen erfüllte den Innenraum des Wagens.

Was würde ich ohne meine Schwestern tun?

Je näher wir zur Wohnung meines Sohnes kamen, umso schlechter fühlte ich mich. Diese Übelkeit und dieser Schmerz in der Brust ließen mich erneut schwer nach Luft ringen. Meine Gedanken waren wirr:

Ach, der Enrico ist ja da und er kann diese Aufgabe übernehmen - Natürlich NICHT - Enrico, wo bist Du nur?

Oh nein, jetzt werde ich bestimmt wahnsinnig! Ich muss mich zusammenreißen!

Es ist bestimmt gleich vorbei… Es ist nur ein böser Traum. Dann fahren wir alle nach Hause und ich koche uns etwas Leckeres. Was hab ich denn zum Kochen zu Hause? –

Annette, jetzt reiß Dich endlich zusammen.

Wieder stoppte der Wagen und erneut stieg ich mit zittrigen Knien aus dem Auto. Die Treppen zur Wohnungstüre meines Sohnes schienen sich vermehrt zu haben, der Weg kam mir unendlich lang und steil vor. Meine Beine wollten mich nicht mehr halten, doch ich riss mich extrem zusammen und konzentrierte mich darauf, meinem Sohn die schlimme Nachricht zu überbringen.

Ich klingelte, die Türe ging auf und mein Großer sah uns erschrocken an. „Was ist denn hier los?“, fragte er sehr erstaunt. Er wunderte sich über unseren unangemeldeten Besuch. Als wir alle in seiner Küche standen, teilte ich ihm ohne Umschweife mit, dass Enrico sich das Leben genommen hatte.

Stille …

Endlich sprach mein Großer: „Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze.

Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da? Nein! Enrico? Nein!“

Er legte dieselbe Reaktion an den Tag wie kurz zuvor mein kleiner Sohn und ich.

Fassungslosigkeit machte sich bei ihm breit und er lief durch die Wohnung. Immer wieder sagte er:

„Nein, das stimmt doch gar nicht. Was hat er denn jetzt angestellt. Das darf doch wohl nicht wahr sein.“

Nach etwa einer Stunde fuhren wir gemeinsam zu mir in die leere Wohnung. Ich war froh, dass ich nicht alleine war.

Julia und Regina kamen kurz darauf auch bei mir an. Schluchzend fielen wir uns in die Arme.

An diesem Abend war es sehr warm. Als mein Blick nach draußen auf den Balkon fiel und ich die nicht fertig gestrichenen Stühle sah, brach ich zusammen und konnte mich nicht mehr beruhigen.

Plötzlich merkte ich, wie Regina mir an die Schulter fasste. „Annette, du bist nicht schuld. Nein, hör auf damit. Es ist nicht deine Schuld.“ Sie redete auf mich ein. Der Nebel um mich war so dicht, dass ich nicht einmal bemerkte, dass ich sprach.

Ach wäre doch Enrico jetzt hier, dann würde ich mich viel besser fühlen und wir könnten alle gemeinsam draußen sitzen. Ach nein, die Stühle muss ich doch noch fertig streichen. Dann kann Enrico kommen.

Ohne Dich

Und wieder ein neuer Tag ohne Dich.

Es doch zu verstehen, darum kämpfe ich.

Ich kämpf' darum auch ohne Dich durchzuhalten,

lerne ganz langsam die Trauer nur auszuhalten.

Versuche, einem Leben ohne Dich wieder Sinn zu geben.

Es fällt unendlich schwer das Leben, die Freude neu zu erleben.

Ohne Dich wirkt alles kalt und leer,

ohne Dich fallen Gefühle so schwer.

Und wieder ein neuer Tag ohne Dich.

Und wieder der Gang durch den Tunnel ans Licht.

Jeden Tag, der Kampf ohne Dich stark zu sein.

Jeden neuen Tag die Erkenntnis: wir müssen nun auch

Ohne Dich Sein!

Nicht wahrhaben wollen - Gefühle und Gedanken

Selbstverständlich war meine beste Freundin sofort zur Stelle und ließ mich die darauf folgende Woche nicht mehr alleine. Ich betone ausdrücklich das Wort „selbstverständlich“, denn das war es für mich.