Zuweilen bewölkt - Maria Klausing - E-Book

Zuweilen bewölkt E-Book

Maria Klausing

0,0

Beschreibung

Besonders die manischen Auswüchse der bipolaren Störung, können bisweilen auch Angehörigen den Boden unter den Füßen wegreißen: Mitleid, Wut, Existenzangst, aber auch Schuldzuweisungen der "besserwissenden" Mitmenschen. Manches Mal kann das Einschlagen unkonventioneller Wege, die getragen von Respekt vor der Seele, die zeitweise von der affektiven Störung einfach überrumpelt wird, die bessere Lösung sein, als Andere uns das einreden wollen. Auf sich selbst achtgeben, um Kraft und Orientierung weitergeben zu können. Mögen der/m Leser/in meine Denkanstöße Mut und Kraft spenden, den eigenen holprigen Weg zu ebnen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Manches Mal ist dies ein Kampf,

in dem selbst starke Familien ins Straucheln geraten

und daran auseinanderbrechen können…

Die Heilkräfte der Liebe

sind allen vertraut,

die in der Liebe sein dürfen –

die Liebe wird aber auf einen harten Prüfstand gestellt.

Es reicht nicht nur

eine liebevolle Begleitung im gesamten Familienverbund –

alle „an einem Strang ziehen“,

sondern hier bedarf es zusätzlich

eines Netzwerkes unterschiedlicher Fachkompetenz.

Durch Bewahren des gegenseitigen Respektes

kann das Miteinander erhalten werden.

Dazu möchte dieses Büchlein beitragen.

Rupert Krömer

Inhaltsverzeichnis

Mein Vorwort

Wechselbad der Gefühle

Die "Taktik" der bipolaren Störung

Noch tappe ich im Dunkeln

Meine Rolle in der Depression: Päckchenträger

„Ausbremser“ - Meine Rolle in der Manie

Meine Rolle als „Vermittler“ - Was ist los mit Papa?

Meine Alltagsengel

“Abschirmer“

Ohrfeigen einstecken?

„Loslasser“

Mitbetreut – Fluch oder Segen?

Sicher oder hilflos?

Ärztliche Betreuung - Teamwork auf Augenhöhe?

Stärke, Schwäche, Zweifel

Was eigentlich würde ich mir wünschen, wenn...

Meine Emotionen

Aus- und Lichtblicke

Scheiterer?

Meine moralische Rolle als Nächste

Loslöser

Und doch noch ein Tipp

Nachwort... und jetzt?

Vom allgemeinen "Beuge-" zum individuellen "Lösungswort"?

Unser individuelles Lösungswort

Post Scriptum

Mein Vorwort

Ein gutes Jahrzehnt lang habe ich nun Bernhards bipolare Störung als Partner auf ihrem holprigen Weg begleitet. Welche harten Geschütze diese Erkrankung nicht nur gegen den Erkrankten, sondern auch gegen mich auffahren kann! Denn die so genannte affektive bipolare Störung setzt genau da an, wo wir miteinander verbunden sind: An unserer Gefühlswelt, die sich heftigen Angriffen erwehren muss.

Ich möchte darüber erzählen, in welchen neuen Rollen ich mich durch diese Störung wiederfinde, mit welchen veränderten Situationen ich mich auseinander setzen lernen musste und wie ich ganz persönliche Lösungen für viele neue Herausforderungen finden musste und konnte.

Wie erlebten meine Kinder und ich die depressiven Phasen, wie die manischen? Welche Erfahrungen mussten unsere drei Kinder mit den Veränderungen machen, wie gingen sie damit um? Wie hat unser soziales Umfeld reagiert, wie "behandelten" uns Bernhards Ärzte? Welche neuen Aspekte brachte die amtliche Betreuung in unser Leben? Wie konnten wir lernen, uns den Angriffen der Krankheit entgegen zu stellen, den Weg für uns gangbarer machen?

Durch Beobachten, Analysieren und Hinterfragen habe ich einige Schwachstellen der Bipo auftun können, wo wir sie erwischen können, wie ihr den Wind aus den Segeln nehmen. Es gibt sicher keine Standardlösungen für schwierige Situationen, denn zu unterschiedlich sind die Komponenten in den Krankheitsverläufen. Ich möchte keine allgemeinen Ratschläge an Sie weiter geben, denn davon bekommt man wahrlich genug. Manchmal hatte ich in schweren Zeiten "die Nase voll" von all den Besserwissern, die doch in Wirklichkeit unsere individuelle Situation gar nicht wirklich beurteilen konnten.

Meine Lösungen fand ich in der Veränderung meiner inneren Einstellungen, meiner Neupositionierung im Umgang mit Außenstehenden, mir Hilfe in mein Leben holen in Form von Menschen oder Gedanken, die mich wieder auftankten. Die bipolare Störung saugte viel Kraft aus mir, die es aufzufüllen galt. Leider war es auch erforderlich, mir Ellenbogen anzutrainieren gegen (Über)forderungen in Form von Pflichten, die mir als Ehefrau von Therapeuten automatisch übergestülpt werden sollten, so aber nicht zu leisten waren.

Ich möchte Mut machen, das Beste aus den neuen Gegebenheiten zu machen, sich aus dem ersten "Unmut" aufzurappeln, sich der Krankheit, die einen sicher auch mal mit "umhauen" kann, mutig entgegen zu stellen. Ein stärkeres Selbstbewusstsein zu entwickeln, damit ich mir als Angehöriger "Gehör" verschaffen lerne und aus meiner zunächst passiven "Leide-Rolle" in eine aktive "Selbstsicher-Rolle" schlüpfen kann.

Die bipolare Störung kostet Kraft, Nerven, Durchhaltevermögen, aber ich konnte lernen, ihr mindestens genauso viel entgegen zu setzen und durch Änderungen meiner Position auch durchaus positive Ausrufezeichen zu setzen.

1. Wechselbad der Gefühle

Als Kind habe ich mir die Viren und Bakterien, die uns krank machten, als winzige Männchen vorgestellt. Mit kleinen Hämmerchen liefen sie für mich in Scharen durch unseren Körper und durch die vielen Einschläge erzeugten sie Hals- und Kopfweh, sie öffneten die Nasenschleusen und durch ihre heftige Energieerzeugung bekämen wir Fieber. So habe ich mir das Phänomen Krankheit leichter erklären können. Irgendwie steckte für mich dadurch ein gewisser Sinn hinter unseren Leiden, denn die Erreger wollten ihren Spaß im Leben und treiben, was sie wollen. Und so ließen sie sich immer wieder Tricks einfallen, wie sie den Medikamenten der Menschen entkommen könnten. Nur mit großer menschlicher List und Tücke konnte man ihnen beikommen. Natürlich weiß ich heute, dass Manches in Wirklichkeit anders läuft.

Ein bisschen meines kindlichen Gedankengutes hat mir im letzten Jahrzehnt, das mich unerwartet mit Bernhards bipolarer Störung „infiziert“ hat, auch diese anschaulicher werden lassen. Fünfundzwanzig Jahre waren wir bis zu diesem Zeitpunkt schon als starkes, harmonisches Team zusammen unterwegs gewesen. Bis dato hatten wir es als ebenbürtige Partner sehr gut geschafft, unsere Lebensaufgaben wie Ganztagsberufstätigkeit, Haushaltspflichten und die Betreuung unserer drei geliebten Kinder Lena, Ferdinand und Tobias gemeinsam zu schultern. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, dass unser glückliches Familienleben durch so eine blöde Krankheit Risse bekommen könnte.

Nun, direkt ansteckend ist sie als psychische Erkrankung ja nun zum „Glück“ nicht, indirekt aber sicher schon. So wusste sie ganz andere Kaliber gegen uns aufzufahren, als die „Hämmerchen" meiner kindlichen Vorstellungen. Als sogenannte affektive Störung trampelt sie nämlich unbarmherzig auf dem betroffenen Gemüt herum, welches ja bekanntlich die Andockstelle zum Lebensgefährten darstellt. Und genau da trifft sie mich mit: Und zwar unvorbereitet und sehr lange Zeit uns im Unklaren darüber lassend, was da eigentlich sein Unwesen mit unserer Partnerschaft zu treiben begonnen hat. Dabei ist die langsame, phasenweise Entwicklung wohl ganz typisch für die meisten Krankheitsverläufe, so dass man viele Jahre im Dunkeln tappt und daher auch zunächst keine Idee davon hat, warum so Vieles im Zusammenleben sich so unberechenbar verändert.

Um mir die undurchsichtigen Vorgänge besser vorstellen zu können, habe ich mir auch hier wieder einen bildlichen Vergleich konstruieren können: Die Bipo zurrt sich in akuten Phasen wie ein Umhang um Bernhard, aus dem er sich selbst nicht mehr befreien kann und selbst für mich als Angehörige, die ihn zu erahnen beginnt, ist dieser nicht zu packen. Er rutscht mir immer wieder aus den Händen. Ich kann ihm alleine nicht helfen, das clevere, hartnäckige Ding wieder los zu bekommen. Und so machte sich immer wieder ein Gefühl von Hilflosigkeit in mir breit, obgleich ich den Kampf gegen ihn bis heute nie aufgegeben und inzwischen auch manchen Punktgewinn zu landen gelernt habe. Denn auch er hat Schwachstellen, die ich finden kann.

Bernhard selbst konnte ihn, außer in stark einengenden depressiven Phasen, wahrscheinlich nicht wahrnehmen. Das genau ist die Tücke der Bipo. Daher war es entscheidend, ihn gefühlvoll an eine klare Krankheitseinsicht heranzuführen. Und trotzdem er die Erkrankung an sich erkannt hat, heißt das noch lange nicht, dass er die Symptome, die der Umhang clever verschleiert, als solche zu entlarven in der Lage ist. Deshalb wird auch immer Argwohn unser Begleiter bleiben, wenn wir ihm als Familie mit unserem nun geschulten Blick Zusammenhänge vor Augen zu führen suchen.

In der Depression machte der Mantel dicht, Bernhards Gefühle und Emotionen konnten die Barriere zu mir und den Kindern nur noch schwer durchbrechen. Die Signale kamen nicht mehr durch, die Fernbedienung zu schwach. Ich als Partner deutete es leider anfangs noch als Desinteresse, wenn ich mich seines Lächelns nicht mehr wert fühlte oder unsere abendlichen Gespräche sich seinerseits auf wenige genervte Kurzsätze beschränkten. Oder die Toleranzgrenze für meine neuen Interessen und Ideen, die ich zu entwickeln begann, um die entstehenden Leerräume in meinem Gemüt aufzufüllen, gegen Null ging. In der Anfangszeit konnte ich nicht verstehen, dass der Umhang Ursache dafür war und nicht der darunter verborgene Bernhard, der nun andererseits zu sehr mit seinem eigenen Gemüt zu kämpfen hatte, als sich um das Wohlergehen Anderer bemühen zu können. Auch dieses verbarg der Umhang wiederum vor meinen Augen, sodass ich es nicht realisieren konnte.

Eheabstumpfung, Auseinanderleben? Will er sich mir überhaupt zuwenden oder kann er nicht? Das waren so die Gedanken und Fragen, die mir dann durch den Kopf gingen…

In den sich steigernden manischen Phasen legte der Umhang aber mit Kraftdemonstration erst richtig los: Er verselbständigte sich, tat, was er wollte, trieb sein Unwesen auch mit mir, nahm keine Rücksicht mehr auf mich und Andere, man meinte, es ginge darum, die Welt zu erobern! Wie gesagt, der Umhang. Nicht die mitgerissene Seele darunter. Auch dazu brauchte ich eine Zeitlang, es zu verstehen. Und noch mal viel länger, dies als Symptom dieser herausfordernden Krankheit zu akzeptieren.

Das unwirsche Verhalten nicht Bernhard anzuhängen, der hilflos für sich eingenommen wurde. Der Gefangene kann sich des Umhangs nicht entledigen, er versteht von innen nicht wirklich, auf welche Höhenflüge ihn das für ihn unsichtbare Gewand gerade mitreißt. Bemitleidenswertes, armes, körperlich geschundenes, hilfloses Wesen, möchte ich sagen. Für Außenstehende, die ihn nicht so genau kannten, schien es ihm doch aber auch irgendwie wieder gut zu gehen: er war gutgelaunt dauernd auf Tour, besuchte Musikveranstaltungen und jeden sich bietenden Event, knüpfte neue Freundschaften, führte endlose Unterhaltungen, endlich frei von der Einengung der Depression in die eigenen vier Wände!

Eine Mitpatientin seines stationären Aufenthaltes sagte einmal zu meinem Mann: „bei Allem, was die Manie mit mir und meiner Umwelt angestellt hat: irgendwie fühlte es sich doch an, wie die beste Zeit meines Lebens.“ Für mich als Partner in den meisten Fällen die schwerste Zeit meines Lebens...

Das kann man wirklich so sagen und viele von Ihnen werden mir beipflichten, oder? Denn ich als "Gesunder" bin nicht in der Lage, die Höhenflüge mitzugehen und muss mit realistischem Blick mit ansehen, was durch die Sorglosigkeit alles zerstört werden kann. Menschlich, finanziell, existenziell. Aus mir ebenbürtigem Menschen wird der Ausbremser, Spielverderber, Gegenspieler. Einmal wurde mir erzählt, dass mich Bernhard vor unseren Segelfreunden sogar mal als „asozial“ betitelt hatte, weil ich beim manischen Ausfliegen nicht mithalten konnte und wollte. Natürlich war ich mit meinem Normalbenzin nicht in der Lage seinem Superbenzin zu folgen. Solche abschätzenden Bemerkungen über mich kannte ich bisher kaum. Aber diese Zeit war eben nicht "normal", sondern manisch gesteuert. Dies so zu werten und nicht als Unverschämtheit, das ist eine der Breitseiten, die ich inzwischen der Bipo zu zeigen gelernt habe, und ich denke, dass jeder Betroffene, sehr sensibel unterscheiden lernen kann: was entspringt meinem Partner, was seiner Krankheit?

In der Literatur finde ich immer wieder die Aussage, dass Angehörige bipolar Erkrankter ein höheres Risiko tragen, selbst depressiv zu werden. Kein Wunder eigentlich, denn je nach Phase wird man von dem Menschen, der einem am nächsten steht, eventuell mit Gleichgültigkeit, andererseits dann aber durchaus auch mit Ablehnung und vielleicht sogar Aggression konfrontiert. Wie oft musste ich mich mit vielleicht unkonventionellen Hilfen aus diesem Frust, Unverständnis und Hilflosigkeit wieder heraus retten lernen, sonst hätte unweigerlich das depressive Loch für mich selbst folgen können. Vor allem, als ich anfing, mir selbst die Schuld für verfahrene Situationen zu geben. Und der Mensch, den ich in schwieriger Situation an meiner Seite bräuchte, ist gerade total mit sich selbst beschäftigt und dann auch noch die Ursache vieler meiner Sorgen. Zum Glück habe ich auch hierbei bald verstehen gelernt: der Umhang, nicht er.

Als Partner hatte ich natürlich stets die Alternative, für immer Reißaus zu nehmen, mich zu trennen. Aber dann wieder der Gedanke: soll ich mich wegen des Umhanges von dem Menschen darunter trennen, der ja gar nichts für seine „Verkleidung“ kann?

Immer ist da doch die Hoffnung und zunehmend auch die Erfahrung, dass er irgendwann befreit wieder zum Vorschein kommen wird. Wir wieder teamfähig sein können wie bisher. Denn Phasen weitgehend normalen Familienlebens folgten ja zum Glück immer wieder auf die schwierigen Krankheitsepisoden. Hätten wir es mit Herzinfarkt, Krebsleiden oder Rheuma zu tun, würde ich dann weg laufen? Was würde ich mir wünschen, sollte mich selbst eine psychische Erkrankung treffen? Ich möchte nicht beschönigen, dass wir es mit sehr herausfordernden Zeiten mit ganz vielen offenen, oft dauerhaft unbeantworteten, Fragen zu tun hatten, die der ein oder andere Betroffene sicher so auch kennt. Aber das Besondere neben diesen Krankheitsphasen, waren die relativ symptomlosen, die uns immer wieder einige Monate Verschnaufpausen bescherten. Und genau hier entscheidet sich für mein eigenes Wohlergehen, ob ich lernen kann, einfühlsam mit meinem zeitweise gekränkten, frustrierten Seelchen umzugehen. Es für diese Zeiten zu stärken, um nicht Gefahr zu laufen, selbst mit nach unten gezogen zu werden.

Der alltägliche Umgang mit einem akut psychisch Erkrankten forderte wahrlich sehr viel von mir und natürlich auch unseren Kindern. Etwas, mit dem ich bisher keine Erfahrung hatte. Zu dem mir zumindest am Anfang das Hintergrundwissen fehlte. Eine Rolle, in die ich mich sehr mühsam und sorgsam einfinden musste. Aber ich habe Möglichkeiten gefunden, mir Hilfe in mein eigenes Leben zu holen, indem ich vor allem meine Einstellung zu vielen Dingen modifizieren lernte.

Es gibt sicher keine Standardlösungen für bestimmte konkrete Fragestellungen der Bipo an mich. Ich möchte Ihnen keine Lösungswörter beibringen, die ja nie passen können, da die Komponenten der jeweiligen Konstellationen total verschieden sind. Ich werde auch keiner dieser Ratgeber mit erhobenem Zeigefinger sein. Denn ich selbst hatte manches Mal genug von diesen ewigen Besserwissern, die in Wirklichkeit keine Ahnung hatten, von dem, was unsere alltägliche Situation betraf. Und dennoch meinten, mich anleiten, verbessern und kritisieren zu dürfen.

Vielleicht kann ich Ihnen statt dessen ein bisschen näher bringen, wie ich die Buchstaben meines persönlichen Lösungswortes kreativ zusammenziehen und arrangieren lernte, die Rechtschreibregeln manches Mal außer Acht lassend, die Grammatik bisweilen ignorierend und die Betonungen anders setzend, um das für uns passende Wort zu finden. Oder auch mal ganz neue Wörter kreierte, die in unsere Situation eine harmonischere Klangfarbe brachten.

Wirkliche Lösungen für mich konnte ich nur in der Veränderung meiner persönlichen Positionierung finden, die es mir ermöglichte, mich Bernhards Erkrankung entgegenzustellen oder zumindest ein Arrangement mit ihr einzugehen. Ich musste mir die inneren Voraussetzungen dafür schaffen, dass es dann äußerlich funktionieren konnte. Wenn ich mit mir selber und den Herausforderungen der Krankheit nicht ins Reine komme, kann ich für den Anderen nicht da sein. Dann stimmt das tragende Fundament nicht und wird irgendwann zusammenbrechen. Aus dieser internen Stärkung heraus, kann ich die äußeren Rahmenbedingungen für ein für beide Seiten tolerierbares Miteinander unterstützen. Getragen von Respekt an den Anderen und an mich selbst.

Dazu habe ich unsere affektive Störung unter die Lupe genommen in all ihren kleinen Alltäglichkeiten. Habe sie studiert, analysiert, auseinander genommen. Darüber möchte ich Ihnen erzählen und wünsche mir, dass Sie sich durch meine Anregungen vielleicht auf ihrem eigenen Weg bestärkt fühlen werden oder Freude daran finden, manches festgefahrene Denkmodell mal neu zu analysieren.

Dass man dabei manches Mal mit dem sozialen Umfeld aneinander geraten kann, auch das habe ich leider erfahren müssen. Bis vor einigen Jahren war es wohl laut der Literatur noch üblich, Angehörigen eine Mitschuld am Ausbruch und der Ausprägung der bipolaren Störung zu geben. Hallo?! Wie ist das zu verstehen? Ich möchte es mal konkret auf den Punkt bringen: Man hätte sich einerseits so abscheulich verhalten, dass der Andere einfach depressiv werden muss? Oder so langweilig, dass der Kranke manisch alleine hinaus in die Welt ziehen möchte? Auf jeden Fall musste wohl jemand Schuld an der Misere sein, und dann natürlich derjenige, der an der Gemütsstelle des Patienten den meisten Einfluss hätte, um diese krankhaft zu zerstören? Toll! Da ist doch wohl was faul dran?

Gegebenenfalls wird der Erkrankte die Situation, aus seiner Sicht sogar zu Recht, mit seinen Therapeuten so thematisieren. In der unbefriedigenden Depression fühlt er sich unterdrückt, weil die Anderen ans Ruder gehen (müssen), in der Manie hingegen mag man den Partner bisweilen als „asozial“ ansehen, weil der nicht alle Höhenflüge mitzumachen vermag, die man selbst doch als soooo toll empfindet. Nur kann und darf objektiv die durch den Umhang veränderte Empfindung nicht als Maßstab angesetzt werden, eine Schuldfrage beim Angehörigen zu suchen. Das geht nun wirklich zu weit.

Was wäre gewesen, wenn Bernhard vor vielen Jahren eine andere Frau geheiratet hätte? Wären die Transmitterlevel in seinem Körper dann heute wirklich anders? Und wie passt es zusammen, dass auch Bernhards Cousin, der eine ganz andere Partnerin hat, an dieser Störung erkrankt ist? Also das mit der Schuldfrage möchte ich verständlicherweise für mich so nicht annehmen wollen und würde mir diesbezüglich auch gesellschaftlich ein bisschen mehr Zurückhaltung meiner Mitmenschen wünschen. In dieser Beziehung habe ich mich wappnen gelernt gegen gleichlautende Vorwürfe von "Besserwissern", das war und bin ich meiner eigenen Person schuldig.

Die zahlreichen depressiven und manischen Phasen, die ich mittlerweile mitgegangen bin, haben einige Lernprozesse in mir angestoßen. In Zeiten des Mitleids, der Wut, der Hilfslosigkeit, des „Ohrfeigen“-Einsteckens, was ich nur bildlich meine, körperlich attackiert hat mich Bernhard nie. In dieser Beziehung hat sein fester Charakter die Krankheit im Zaum halten können, was ich ihm hoch anrechne und was durchaus nicht jedem Erkrankten möglich scheint. Die Manie bricht mit vielen Normen des guten Benehmens. Alleine der unbändige manische Rededrang hat sehr oft seine Stimme erheben lassen gegen jeden, der ihn dann zu unterbrechen wagte. Das ist einfach eines der unliebsamen Symptome der Manie und ich habe aufgegeben, dagegen anzukämpfen, weil es einfach sinnlos war.

Auch gesellschaftlichen Fragen habe ich mich krankheitsbedingt stellen lernen müssen wie z.B.: Darf ich es mir vermeintlich gutgehen lassen, wenn es dem Lebensgefährten schlecht geht? Darf ich Distanz einfordern? Darf ich mir Hilfe für mein Seelchen suchen?

Ich habe nach vielen frustrierenden Episoden schließlich eingesehen, dass ich im Besonderen auf mich selbst aufpassen muss, wenn ich für Bernhard da sein möchte. Als schwacher Angehöriger, der sich selbst aufgibt, sich der Krankheit ergibt und aufopfert, nutze ich weder ihm noch unseren Kindern. Das bekommt man wohl so als Standardsatz von vielen Ratgebern zu hören. Aber für das konsequente Umsetzen in meiner speziellen Situation musste ich mir leider immer noch gehörige Ellenbogen antrainieren.

Die Schuldfrage an Bernhards Erkrankung bin ich, wie gesagt, jedenfalls nicht mehr bereit, mir auch noch zuschieben zu lassen. Dafür, dass ich viele Jahre gekämpft habe für die Ausbalancierung schwieriger Lebensphasen. Schuld an der bipolaren Störung ist die genetische Veranlagung, die Natur, der liebe Gott oder wer auch immer für unsere Existenz verantwortlich ist. Oder auch wir alle, die wir uns gesellschaftlich unter immer stärkeren Dauerstress setzen. Aber doch nicht ich alleine, weil ich vor fast dreißig Jahren die Ehe mit ihm eingegangen bin.

Durch sehr viel Nachdenken, Analysieren, Mitfühlen, aber auch infrage Stellen der typischen Verhaltensmuster, die von mir als Angehörigem eingefordert werden, bin ich nach meinen Erlebnissen, von denen ich Ihnen später einige erzählen möchte, zu dem Schluss gekommen, dass wir alle sehr viel tun und ändern können, um ein harmonischeres Zusammenleben von psychisch krank und vermeintlich gesund zu erreichen.

Normen können durchbrochen werden, indem ich mich ihnen auch mal in den Weg stelle und sie zu hinterfragen wage. Das bin ich meinem eigenen Seelchen, nach dem in meinem Falle leider nicht viele Therapeuten fragten, schuldig. Und auch meinen Kindern, für deren Wohl ich in besonderem Maße verantwortlich bin.

So habe ich zum Beispiel erleben müssen, wie wir in schwieriger, manischer Situation von seinen Psychiatern in die Rolle der heimischen Therapeuten hineingepresst werden sollten. Zunächst habe ich, der Harmonie wegen und aus einer gewissen Einfältigkeit heraus, zugestimmt und so wurden wir als Familie einfach mit der Situation rundweg überfordert. Auch davon möchte ich Ihnen im Laufe meines Buches mehr erzählen.

Wir können und wir müssen etwas ändern. Am Umgang miteinander, am Verständnis füreinander, an der einseitigen Sichtweise, nur an den Erkrankten zu denken. Niemand will diesem Hilfe verweigern, aber helfen kann ich nur, solange ich selber stabil auf dem Boden stehen bleiben kann. Es war unbequem mir das "Stopp" zuzugestehen. Es passte nicht in den Therapieplan. Nach diesem prägenden Erlebnis sind Bernhard und ich schließlich den einvernehmlichen Weg des getrennten Wohnens gegangen, der nach langer Zeit nun von den Meisten so akzeptiert wird, da es nicht einen menschlichen Bruch voneinander beinhaltet, wie das erstmal hinein interpretiert wurde.

Ein überfordertes nicht Können wurde zunächst mit bequemen nicht Wollen gleichgesetzt und entsprechend gewertet. Nein, so darf es nicht mehr gehen!

Ich möchte nicht Fakten über das Verhalten des bipolar Erkrankten in den Vordergrund stellen. Kein Erfahrungsbericht der Äußerlichkeiten. Sondern einer der Innerlichkeiten. Hier soll es um mich und meine Familie (und um Sie?) gehen. Die Mitleidenden, die leider immer noch allzu oft in die Nische abgeschoben werden, in der sie aber in Höchstleistung funktionieren sollen. Die wir aber doch eine so entscheidende Rolle in der Stabilisierung des Erkrankten spielen. Was jedoch so oft von der Außenwelt nicht richtig erkannt, noch gewürdigt, noch wirklich helfend unterstützt wird.

Es muss sich etwas ändern, damit ich mich als Angehöriger selbstbewusst und offen mit diesem Problem in die Öffentlichkeit wagen kann und auch gehört und ernst genommen werde. Ich musste meine Einstellung dazu ändern, wie Andere auf mich einwirken dürfen. Unser gesellschaftliches Verhältnis zu psychischen Erkrankungen sollte sich verbessern. Wir können ihnen mit mehr Selbstverständnis begegnen und sie aus der Tabuzone holen, in die sie immer noch gesteckt werden.

Um der Bipo den Wind aus den Segeln nehmen zu können, musste ich sie erst mal kennenlernen. Wie sie funktioniert, wo sie ansetzt, was sie mit uns allen anstellt. Ich meine das nicht auf das Große bezogen, was man etwa als Definition im Lehrbuch findet. Sondern in den vielen kleinen Alltäglichkeiten, im täglichen Umgang miteinander, in den kleinen Schlachten, die sie jeden Tag mit uns ausfechten will. Wenn ich weiß, wie sie "tickt", dann kann ich mich ihr selbstbewusst in den Weg stellen lernen und das Beste aus der gegebenen Situation für den Erkrankten und mich als Begleiter herausholen lernen.

Als betroffene Angehörige und deren Mitmenschen, möchte ich Ihnen von einigen unserer alltäglichen und auch nicht alltäglichen Ausprägungen erzählen. Vielleicht erkennen Sie das eine oder andere wieder, dass sie vielleicht bisher noch gar nicht unserer cleveren Bipo so zuordnen konnten. Wenn ich sie entlarven kann, unsere psychische Störung, dann weiß ich, wo ich ansetzen kann. Wo der Umhang seine Schwachstellen hat, an denen man ihn vielleicht doch mal packen kann.

An selbst erlebten Beispielen möchte ich Mut machen, dass die eingetretenen steinigen Wege auch mal hier und da verlassen werden dürfen und man sich dadurch gedanklich auch mal wieder auf einer schönen Blumenwiese wiederfinden kann. Ich möchte Ihnen mehr erzählen, über die typischen Schwierigkeiten, mit denen ich mich als „Neuling“ auseinander setzen lernen musste und konnte. Welche neuen Aspekte bringt die psychische Erkrankung meines Partners in mein Leben und wie habe ich Vieles meistern können? Wie habe ich auf mein eigenes Seelchen aufpassen gelernt?

Jeder Krankheitsverlauf, jede Ausprägung, und natürlich auch jede Situation und jeder Angehöriger hat eine andere Ausgangsbasis. Meine Gedanken und Gefühle finden sich auch heute noch im Fluss wie typischerweise die Bipo auch. Heute ist stets anders als gestern und vielleicht als morgen. Die meisten Erfahrungen musste ich erst mal für mich alleine machen und sie verarbeiten und sie mit mir selbst ins Reine bringen.

Aber ich konnte mir ein bestimmtes Schema antrainieren, wie ich an die sich mir stellenden Probleme herangehen konnte. Manchmal musste ich die Gefühlsebene für eine Zeitlang abschalten lernen, aus der Schusslinie bringen. Um möglichst objektiv die unübersichtlichen Geschehnisse analysieren zu können, auf den Punkt bringen. Um dann einen Lösungsansatz zu suchen, kompromissbereit, um möglichst für beide Seiten hilfreich zu sein. Respektvoll für Bernhard, aber auch für mich selbst. Und mir dann die Kräfte antrainieren, dies auch durchzusetzen. Denn nur meine gestärkte Seele kann auch stark sein für Andere.

Ich wünsche mir, dass Sie durch meine Erfahrungen ein bisschen Hilfe und Kraft für Ihren eigenen Weg mitnehmen können. Und die Zuversicht, dass man etwas verbessern kann. Manchmal hilft es einem schon, dass man Dinge einfach mal aus einem anderen Blickwinkel sehen kann oder die Erkenntnis, dass es Anderen ähnlich ergeht. Man nicht alleine ist auf dem Weg. Sobald Sie sich trauen, mit allem offen umzugehen, werden Sie sich vielleicht wundern, wie vielen Ihrer Bekannten und Freunden es ähnlich geht. Von den meisten psychischen Erkrankungen hört man nur in Extremfällen, da immer noch Vieles aus Scham oder Angst in den eigenen vier Wänden ausgestanden wird. Ich wünsche Ihnen Stärke und Selbstbewusstsein, denn nur Sie alleine können wirklich beurteilen, was die erkrankte Andockstelle stabilisiert. Damit es ihr immer wieder gut gehen kann. Das kann kein anderer für Sie tun. Nur Mut!

„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers

über deinem Haupte fliegen,

kannst du nicht ändern.

Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen,

das kannst du verhindern.“

Chinesische Volksweisheit

2. Die "Taktik" der bipolaren Störung

Erfahrungen mit der bipolaren Störung können je nach Ausprägung mehr oder weniger schmerzlich sein. Das liegt daran, dass das Manisch-Depressive, wie schon gesagt, genau da heimtückisch ansetzt, wo Emotionen Menschen verbinden.

Diese Stelle wird, zumindest phasenweise, angefressen, zerstört oder im schlimmsten Maniefall die ursprünglich positiven Gefühle sogar ins Gegenteil verkehrt. Da die meisten Partnerschaften, nüchtern betrachtet, in der Regel auf Liebe und nicht auf Vernunft gründen, werden sie besonders hart getroffen. Wahrscheinlich könnte es mir gefühlsmäßig relativ gleichgültig sein, einen fremden Menschen, zu dem ich keinerlei Beziehung habe, in manischem oder depressivem Verhalten zu beobachten.

Etwa einen an sich sehr anrührend inszenierten Fernsehfilm zu diesem Thema habe ich vor kurzem sehr interessiert verfolgen können, Verständnis für die Charaktere und das Krankheitsbild entwickeln, aber wirklich gerührt fühlte ich mich in den entsprechenden Szenen nicht. Wenngleich ich Mitleid oder Empörung empfand, so wurde doch mein unmittelbares Wohlbefinden nicht stark beeinträchtigt.

Ganz anders aber, wenn die Gefühle meines Partners und mir wie durch ein Seil verbunden sind. Dieses wird bei der Erkrankung nun von der anderen Seite aus langsam aufgetruddelt oder angeschnitten, ohne dass ich zunächst weiß, warum.

Am Anfang bemerke ich es wahrscheinlich noch gar nicht, dann aber wundere ich mich darüber, was da vor sich geht. Bernhards Mimik mir gegenüber wurde starrer oder andere unbewusste körperliche Signale, die mir normalerweise sagten, "du, ich mag dich", seltener.