Zwei Eichen und zwei Linden - Georg-Jescow von Puttkamer - E-Book

Zwei Eichen und zwei Linden E-Book

Georg-Jescow von Puttkamer

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Beschreibung

Deutsche Geschichte als Familienportrait Über 700 Jahre lang waren die Puttkamer eine der führenden Familien des sogenannten "ostelbischen Grundbesitzeradels", mit mehr als 300 landwirtschaftlichen Gütern in Hinterpommern. Aber wieso soll das heute noch von Interesse sein? Diese Familiengeschichte schildert die Schicksale, Leistungen und die schwarzen Flecken einer Familie, die untrennbar mit der preußischen und deutschen Geschichte verbunden ist. So war die Ehefrau Otto von Bismarcks eine geborene von Puttkamer. Und von verwegenen Raubrittern und mondänen Künstlergestalten, über Abenteurer und Auswanderer bis hin zum Berliner Polizeipräsidenten und dem Kommandanten der gefürchteten "Puttkamer-Husaren" führt uns diese unterhaltsam geschriebene Geschichte die unterschiedlichsten Figuren und ihre zeitgeschichtliche Ambivalenz vor Augen, zwischen Glamour und Rückständigkeit, zwischen Glanz und Grauen.

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EPUB

Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ebook Edition

Georg-Jescow v. Puttkamermit Oliver Domzalski

Zwei Eichen und zwei Linden

Die Puttkamer: Die Geschichte einer deutschen Adelsfamilie

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www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-683-5

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2018

Umschlaggestaltung: Buchgut Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhaltsverzeichnis

Prolog
Vorwort
1 Das Land Pommern
2 Die Familie und ihre Ländereien
Erste Spuren
Familienverband und Wappen
Grundbesitz
Landwirtschaft
Das Leben auf dem Lande
3 Die Zeit bis 1847
Höflinge, Kleriker und Räuber
Militärkarrieren
Die neuen Preußen
4 Bei den Puttkamer begann die Bismarckzeit früher. Die Zeit von 1848 bis 1918
Von der Revolution bis zur Reichsgründung
Die Kaiserzeit
Die Puttkamer und Bismarck
Aus Fräulein v. Puttkamer wird Frau von Bismarck
»Ein vorzüglicher Schwimmer« – Robert v. Puttkamer
Familienverband und Präsentationsrecht
»… so dass ihnen für allezeit das Auflehnen vergeht.« : Auswanderer, Abenteurer, Kolonialbeamte
Auswanderer
»Mit bebenden Händen lös’ ich mein Haar«
5 Alte und neue Berufe
Schul- und Ausbildung
6 Kriege, Karrieren, Katastrophen (1918–1946)
Vorbemerkung:
Erster Weltkrieg
1918: Mehr verloren als nur den Krieg
Die Puttkamer und der Nationalsozialismus
»Wo der Mensch aufhört, Mensch zu sein«: Kriegsende in Hinterpommern
Aus heiterem Himmel?
7 Was Besseres? Der Adel und seine Werte
Wer gehört dazu?
Die Werte des Adels
Die Frage des Namens
Fürsorge, karitatives Engagement und Netzwerke
Religion
8 Alles auf null (1945 bis heute)
Die Stunde der Frauen
»Lastenausgleich«
Neuanfang
First und andere Ladys
Unser Mann bei der NASA
In der SBZ/DDR
Neue Ostpolitik
Die alte Heimat
Die Puttkamer und Polen
Nachwort und Dank

Die politische Gliederung Pommerns 1932.

Artificiosa non durant (Künstliches ist nicht von Dauer)

Prolog

Irgendwo im fernen Osten stand einst ein Gutshaus mit langen Fluren und dunklen, knarrenden Treppen. Nirgends konnte man schöner und aufregender »Verbannt« spielen oder »Räuber und Prinzessin« als hier, und es gab nichts Schöneres für mich, als auf Socken die alten Treppen hinaufzuschleichen, mit angehaltenem Atem und auf der Lauer zu liegen oder mich gar in den unheimlich dunklen unterirdischen Gang zu wagen. Den ganzen Tag über war hier ein emsiges Treiben. Nie war das Haus ganz still. Selbst in der Nacht nicht, wenn es zu schlafen schien. Dann strich der Wind ums Haus. Er rüttelte an den Fensterscheiben und ließ die Läden in den Angeln quietschen, oder er heulte und pfiff im Ofenrohr. Die alte Standuhr, sie tickte so beruhigend, und plötzlich rauschte ein Flügelschlag an den Fenstern vorbei. Dann wurde die alte Treppe lebendig, sie raunte und rumorte, als wollte sie erzählen von längst vergangenen Zeiten.

Vor unserem Haus standen zwei Eichen und zwei Linden. Die Eichen an beiden Seiten waren hoch und aufrecht gewachsen. Die eine von den Linden war klein geblieben. Sie neigte ihre Krone, als wäre sie ihr zu schwer, und es schien, als schmiegte sie sich schutzsuchend in ihrem sanften grünen Kleide an ihre ältere und verständigere Schwester. Wenn der Sommer kam, dann zogen die Linden ihr Festtagskleid an. Ihre Zweige waren übersät mit Blüten, und den ganzen Tag summten und brummten die Bienen, sie flogen hin und her, um ihre süße Last zu bergen. Unvergesslich werden mir jene Sommerabende bleiben, wo der betäubende Lindenduft Haus und Hof erfüllte und ein kühler Seewind den süßen Geruch des Heus von den Wiesen brachte. Dann war es so still.

Die Ernte kam, die goldenen Ähren fielen, und über das holprige Pflaster des Hofes schwankten die schwer beladenen Erntewagen. Ein fieberhaftes Schaffen war in Feld und Scheuer, denn oft genug stand eine drohende Wolkenwand am Himmel, und wenn die ersten Tropfen fielen, waren wir froh über jedes schwere Fuder, das geborgen wurde. Den ganzen Tag war mein Großvater auf den Feldern. Manchmal blieb er stehen, um eine Garbe aufzuheben, oder er gebrauchte den Krückstock, um ein paar Pferdeäpfel, die auf dem Wege lagen, auf den Acker zu werfen. Mit seinen über achtzig Jahren scheute er weder Kälte noch Hitze, und oft genug standen Trudchen, das Stubenmädchen, händeringend in der Diele und meine Großmutter am Fenster, weil es schon wieder zwei Uhr war, und weder der Gong noch das Mittagessen ihn bewegen konnten, nach Hause zu kommen. Wie erleichtert waren wir dann, wenn endlich hinter dem Koppelzaun ein grauer Rock auftauchte und bald darauf mit Donnergetöse ein Krückstock in den Ständer fiel.

Klare, kühle Herbsttage – ein letztes Aufleuchten des Landes, um in den Schlaf des Winters zu sinken – kahle Stoppelfelder, wohin das Auge reichte und in der Ferne leuchtend in wundervollen Farben der Buchenwald. Über die von Herbststürmen durchbrausten Alleen zog das Heer der Kraniche. Herbst! – und damit auch der große Tag, an dem die Remonten [Reitpferde in der Ausbildung] geholt wurden aus der ungebundenen Freiheit der Koppel, hinein in die heimatlichen Ställe, hinein in ein neues Leben voller Mühe und Arbeit.

Und der Winter kam mit Schnee und Eis und mit ihm ein helles Licht in dem Dunkel jener Zeit. Wer kennt nicht den Zauber des Weihnachtsfestes? Dann kamen die dunklen Monate, die kein Ende nehmen wollten. Aber die Stille und die Eintönigkeit jener Zeit wurde unterbrochen von den lärmenden Jagden in Wald und Feld.

Ostern kam. Es gibt eine uralte Sitte von den Wenden her, die vor uns hier gelebt hatten: Das Osterwasser holen. Wenn man, so heißt es, am Ostermorgen, bevor die Sonne aufgeht, an einem Strom, von Osten kommend, das Wasser holt, so ist dieses geheiligt. Wäscht man sich darin, so wird man schön und von keiner Krankheit befallen während des ganzen Jahres. Ich habe wohl nicht daran geglaubt, aber es ist was Schönes um eine alte Sitte, und so machten wir uns auf an jedem Ostermorgen vor Sonnenaufgang.

Ich sehe sie vor mir: die endlosen Roggenschläge, die Buchenwälder und die weißen Dünen, die in der Ferne schimmern, die schwarzen Moore mit den einsamen Dörfern. Breite Alleen, in denen die Blätter treiben – und der blaue Schimmer der Ostsee. Seit Hunderten von Jahren haben meine Ahnen hier gelebt. Sie haben gesät und geerntet, sie waren verwachsen mit der Scholle, wie wir es waren. Dann erst wird ein Land zur rechten Heimat.

(Sylvia v. Veltheim, Enkelin von Gerhard v. Puttkamer, dem »letzten Glowitzer«. Ihre Darstellung trifft die Atmosphäre vieler ehemaliger Puttkamer-Güter.)

Vorwort

Über 700 Jahre lang, vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, waren die Puttkamer eine der führenden Familien des ostelbischen Grundbesitzeradels. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs besaßen die verschiedenen Zweige der Familie mehr als 300 landwirtschaftliche Güter in Hinterpommern.

Dieses Buch erzählt die Geschichte der Puttkamer im Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte – in ihren positiven wie in ihren negativen Aspekten. Es schildert die Schicksale, die Leistungen, die Ruhmesblätter und die schwarzen Flecken einer Familie, die zugleich typisch und besonders ist. Typisch ist die untrennbare Verbindung mit der preußischen und deutschen Geschichte – so war die Ehefrau Otto von Bismarcks eine geborene v. Puttkamer. Und wie in vielen anderen Familien findet sich auch bei den Puttkamer während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs die ganze Bandbreite von Mittäterschaft bis Widerstand. Das kollektive Schicksal der Vertreibung schließlich hat die deutsche Nachkriegsgeschichte ebenso geprägt wie die Familiengeschichte der Puttkamer.

Besonders, ja einmalig hingegen sind die Anekdoten und Typen, die diese Familie hervorgebracht hat – von verwegenen Raubrittern und mondänen Künstlergestalten über Auswanderer, Abenteurer und Raketenwissenschaftler bis zum Berliner Polizeipräsidenten und dem Kommandanten der gefürchteten »Puttkamer-Husaren« des Siebenjährigen Krieges.

Wer es darauf anlegte, könnte die Geschichte der Puttkamer und des ostelbischen Adels insgesamt als eine des Niedergangs erzählen. Nach einem letzten Höhepunkt von Wohlstand, Macht und Kultur im 19. Jahrhundert hat der Adel seine weltliche Macht heute ebenso verloren wie die Kirche – auch wenn manche noch immer gegen diese vergangene Macht kämpfen und nicht anerkennen, welche Rolle der Adel heute spielt, etwa durch ehrenamtliches Engagement und indem er materielle und immaterielle Kulturgüter pflegt. Die traditionelle Lebensweise und das Selbstverständnis des Adels jedenfalls sind den meisten in unserer durch und durch bürgerlichen Gesellschaft fremd geworden. Eine soziale Vorrangstellung erwächst heute nicht mehr aus der familiären Herkunft, sondern, wenn überhaupt, aus Erfolg und Besitz.

Dieses Buch zeigt aber, dass der Abstieg von der herrschaftlichen Stellung des Junkers dem ostelbischen Adel eher gut getan und seine besten Anlagen zum Vorschein gebracht hat. In der Zeit seit 1945, als die Welt sich endgültig zu Ungunsten des Adels veränderte, reagierten die Puttkamer trotz der Katastrophe der Vertreibung nicht mit Resignation oder mit Dekadenz, sondern mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit. Sie öffneten sich einerseits der »verbürgerlichten« Welt und bewahrten andererseits eine adelige Haltung und die dazugehörigen Gepflogenheiten wie beispielsweise die traditionelle Zugehörigkeit zum Johanniterorden.

Das vorliegende Buch will keine Hagiographie sein, die nur die Sichtweisen der Familie vermittelt. Deshalb hat der Familienverband ganz bewusst mit einem von außen kommenden, politisch in den sozialliberalen 1970er Jahren geprägten Historiker zusammengearbeitet. Dieser hat die Unterlagen aus dem Familienarchiv und die Überlieferungen über bekannte und unbekannte Puttkamer gesichtet und seine eigenen Schlüsse gezogen. Wo es ihm nötig erschien, waren diese auch kritisch gegenüber Mitgliedern der Familie oder historischen wie aktuellen Gepflogenheiten des Adels. Dies war ihm leichter möglich als Mitgliedern der Familie, die gegenüber ihren Vorfahren zunächst immer Loyalität werden walten lassen. Das Bemühen um den Blick von außen schlägt sich auch in der Schreibhaltung nieder: Nicht »wir Puttkamer«, sondern »die Puttkamer« sind das Thema dieses Buchs.

Die Zusammenarbeit zwischen dem liberal-konservativen Autor und dem linksliberalen Co-Autor war immer spannend und manchmal auch spannungsreich – etwa bei den Themen sozialliberale Ostpolitik, der Gewichtung der NS-Verbrechen als Ursache der Vertreibung, der Tauglichkeit der Wehrmacht für die Traditionsbildung bei der Bundeswehr oder auch beim »Salischen Recht«. Und es war von vornherein klar, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit nicht allen Mitgliedern der Familie gleichermaßen gefallen würde. Zum einen sind selbstverständlich nicht alle Puttkamer derselben Meinung über heikle historische Fragen – und auch nicht darüber, welche Bedeutung und Gültigkeit adelige Traditionen heute noch haben sollten. Zum anderen war ein austarierter Proporz, der alle »Häuser« der Familie gleichmäßig berücksichtigt, nicht das Ziel des Buchs. Es soll vielmehr den Interessen eines allgemeinen Publikums und den Standards einer populären, gut lesbaren historischen Darstellung über die Gesamtfamilie v. Puttkamer gerecht werden. Ob ein im Buch zitierter Puttkamer aus dem Ast »Wollin – Jüngeres Nossin« oder aus dem Zweig »Wobeser« stammt, ist für die allermeisten Leser vermutlich irrelevant. Dass insbesondere der Ast Versin-Sellin etwas überproportional vertreten ist, liegt allerdings auch daran, dass dessen Mitglieder am meisten Materialien und Erinnerungen beisteuern konnten.

Eine Familiengeschichte zu schreiben bedeutet, mit genealogischen Begriffen zu arbeiten. Aber wie soll man die Gesamtheit der Puttkamer eigentlich bezeichnen? »Familie« klingt am vertrautesten und wärmsten; und der Verband der Puttkamer, der sich 1859 gegründet hat, nannte sich zunächst auch »Genossenschaft der Familie v. Puttkamer«. 1939 wurde er dann in »Verband des uradeligen Geschlechtes v. Puttkamer (v. Puttkamerscher Geschlechtsverband)« umbenannt. Auf ihrer Homepage sprechen die Puttkamer vom »Clan« – und statt des »Geschlechtsverbands« bevorzugen sie im täglichen Umgang den Ausdruck »Familienverband«. Auch die Zusammenkünfte der Puttkamer alle zwei Jahre heißen ganz selbstverständlich »Familientage«. Natürlich birgt der Ausdruck »Familie« stets eine Unschärfe – jeder versteht die Grenze dessen, was er noch als seine Familie betrachtet, je nach Kontext und Sympathien anders. Aus stilistischen Gründen werden die drei Begriffe »Familie«, »Geschlecht« und »Gesamtfamilie« (= Clan) in diesem Buch dennoch austauschbar verwendet; was gemeint ist, ergibt sich in der Regel aus dem Kontext.

Bei der Untergliederung werden die Begriffe »Linie« und »Stamm« hier – wie auch in den familienhistorischen Dokumenten – austauschbar verwendet. Der »Stamm« liegt in der Logik der botanischen Metapher vom »Stammbaum«; dieser entspricht dann auch die weitere Untergliederung in »Äste« und »Zweige«. Um es noch komplizierter zu machen: Zur besseren genealogischen Übersicht bilden adelige Grundbesitzer-Familien häufig sogenannte »Häuser«. Auch der Geschlechtsverband der Puttkamer benannte 1860, also bei der ersten Zusammenkunft nach der Gründung, 22 solcher »Häuser«, auf die sich die damals lebenden Puttkamer verteilten: Es waren dies: Granzin-Jeseritz; Vietzke-Pansin; Schluschow; Wobeser; Kremerbruch; Bartin; Versin; Barnow; Treblin; Deutsch-Karstnitz; Grapitz; Klein-Gustkow; Zettin-Schickerwitz; Rabuhn-Mühlenbruch; Plassow-Lossin; Bolcieniki (Polen); Podel, Grumbkow; Jassen; Freudenthal; Wollin und Nossin. (Im Jahre 2018 bestanden von den 22 damaligen Häusern noch 13; die anderen neun sind erloschen.) Die Kriterien für die Benennung und Abgrenzung dieser Häuser waren allerdings fragwürdig; und die Familienhistorikerin Ellinor v. Puttkamer konnte sich 1973 einen Stoßseufzer hierüber nicht verkneifen. Sie sprach von einer unhistorischen, unter ephemeren Gesichtspunkten vorgenommenen Einteilung; es ist dadurch leider viel genealogische Verwirrung angerichtet worden. Wir wollen diese Verwirrung durch weitere Erläuterungsversuche nicht noch vergrößern, sondern festhalten: Bei der Benennung und Zuordnung eines Puttkamer muss man sich stets des möglicherweise schwankenden begrifflichen Grundes bewusst sein. Dies gilt auch deshalb, weil die für einen Ast oder Zweig namensgebenden Güter manchmal nach 1860 innerhalb der Gesamtfamilie den Besitzer wechselten. So gehörten die Puttkamer, die 1945 auf Jeseritz wohnten, nicht dem Ast »Granzin-Jeseritz« an, sondern wegen eines Besitzerwechsels dem Zweig »Jüngeres Wollin«.

Zugleich ist eine Differenzierung durch Angabe der Herkunft (Ast/Zweig/Haus) jedoch erforderlich, weil Vor- und Nachname nur selten ausreichen, um eine Person eindeutig zu identifizieren. Denn bei der Wahl der hierfür entscheidenden männlichen Vornamen waren die verschiedenen Äste und Zweige der Puttkamer nicht gerade einfallsreich. Gefühlt heißt jeder dritte Puttkamer nach dem Ahnherrn des Geschlechts Jesko, Jesco, Jeskow oder Jescow. Und die heute genau eingehaltene Schreibweise des Vornamens hilft in früheren Jahrhunderten auch nicht zur klaren Unterscheidung, weil diese keine vereinheitlichte Rechtschreibung kannten. Als Beispiel diene die Schreibung des Raubritters Lorenz v. Puttkamer (Glowitz) in einer Gerichtsakte von 1525: » ook tho Glouitz, sus Laffrens Puttkummer ghenomet«.

Da dieses Buch keine apologetische Familienchronik sein will, behandelt es – vor allem im 6. Kapitel – auch moralisch abgründige Handlungen von Angehörigen des Geschlechts. Dazu eine notwendig Klärung: Es ist ein Unterschied, ob jemand sich bewusst über die zu seiner Zeit geltenden moralischen Regeln hinwegsetzt (also zum Beispiel: im Jahre 2018 seine Kinder und seine Frau schlägt) oder ob sein Verhalten nach den Maßstäben seiner Zeit von vielen als normal betrachtet wurde und erst spätere Generationen es als moralisch fragwürdig erkannt oder bewertet haben. Die kritische Schilderung früherer Aussagen und Handlungen von Mitgliedern der Familie v. Puttkamer – etwa gegenüber faktisch leibeigenen Bauern in früheren Jahrhunderten, in der deutschen Kolonie Kamerun um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert oder während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs – bedeutet also keine wohlfeile moralische Verurteilung von Individuen aus der bequemen Sicht der Gegenwart. Das Praktizieren rückwärtsgewandter politischer Korrektheit ist das Gegenteil dessen, was Historiker tun und tun müssen. Es ist also unsinnig, sich mit heutigen Maßstäben darüber aufzuregen, dass ein Kolonialbeamter 1895 ganz selbstverständlich das Wort »Neger« benutzte.

Zugleich müssen heutige Puttkamer sich auch nicht persönlich angegriffen und gemeint fühlen durch das klare Benennen früheren Geschehens – es sei denn, sie wollten sich frühere Untaten oder Haltungen durch unkritische Bewunderung für die Täter zu eigen machen. Man kann und soll sich auch den unschönen Teilen der Familiengeschichte stellen – auch wenn man dafür natürlich nicht persönlich verantwortlich ist. Aber das ist man für die Leistungen und Ruhmestaten seiner Vorfahren ja auch nicht. Für die eigene Familienhistorie gilt dasselbe Prinzip wie für die nationale Geschichte: Entweder man schlägt das Erbe ganz aus oder man nimmt es ganz an. Um es mit Siegfried Lenz zu sagen: »Vergangenheit hört nicht auf, sie überprüft uns in der Gegenwart.«

Bisweilen muss der Historiker sich sogar dreierlei fragen – auch und gerade im Falle der Puttkamer. Die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach wurden häufig einige Jahre später von Zeitzeugen aus der Erinnerung aufgeschrieben; diese Berichte waren eine wichtige Quelle dieses Buchs. Hier war erstens zu fragen: Welche Maßstäbe und welches Wissen herrschten zum Zeitpunkt des Geschehens (zum Beispiel beim Einmarsch der Roten Armee im Frühjahr 1945 in Hinterpommern)? Zweitens: Was konnte (und wollte) ein Zeitzeuge wissen, der sich zehn Jahre später erinnerte? Und drittens: Was wissen und denken wir heute? Zwischen diesen Zeitebenen zu unterscheiden war und ist eine ständige Herausforderung – für die Autoren und für die Leser.

Zwei editorische Bemerkungen: Erstens: Die Ortsnamen in Pommern werden in der Regel in der deutschen Version wiedergegeben, also mit den Namen, die sie trugen, als das hier Erzählte geschah. Damit soll in keiner Weise in Zweifel gezogen werden, dass dieser ehemalige Teil Deutschlands heute zu Polen gehört, weshalb die Orte heute selbstverständlich polnische Namen tragen. Aber eine politisch korrekte »Verschlüsselung« aller Namen, die der Leser dann mühsam wieder zurückübersetzen müsste, um sie mit den Ortsnamen aus den Akten und Familienaufzeichnungen sowie den bis heute gebräuchlichen Namenszusätzen wie »Barnow« oder »Nippoglense« in Deckung zu bringen, wäre uns künstlich erschienen.

Zweitens: Bekanntlich gab es bis weit ins 19. Jahrhundert hin­ein keine einheitliche deutsche Schreibweise von Wörtern und Namen – noch Goethe schrieb ein und dasselbe Wort munter in mehreren Varianten. Entsprechend variiert in den Akten auch die Schreibweise des Namens Puttkamer; dies wird in diesem Buch beibehalten. Daran, dass mit der »Unordnung« aufgeräumt wurde, waren Mitglieder der Gesamtfamilie im 19. Jahrhundert gleich doppelt beteiligt. Zu einen einigte sich die Gründungsversammlung der Familiengenossenschaft 1859 in Stolp darauf, dass man den Namen künftig einheitlich »v. Puttkamer«, also mit nur einem »m« schreiben solle. Zum anderen gab der preußische Kultusminister Robert v. Puttkamer gemeinsam mit dem Sprachwissenschaftler Wilhelm Wilmanns im Januar 1880 ein Rechtschreib-Regelbuch für die preußischen Schulen heraus. Und die darin festgelegten Regeln wurden – obwohl Otto von Bismarck sie massiv ablehnte – auch zur Richtschnur des im selben Jahr erstmals erschienenen »Duden«. Das erst spät zur Nation zusammengewachsene Deutschland verständigte sich also auch unter Mitwirkung eines Puttkamer auf eine einheitliche Rechtschreibung.

Lange diskutieren kann man auch darüber, ob der Plural »die Puttkamer« oder »die Puttkamers« lauten sollte. Wir haben uns für die Variante ohne »s« entschieden.

1 Das Land Pommern

Wer die Geschichte der Puttkamer schreibt, bewegt sich, jedenfalls bis 1945/46, in Pommern. Zwar gab es auch in anderen Teilen Europas Güter, die durch Träger des Namens Puttkamer geführt und geprägt wurden – etwa in West- und Ostpreußen, Schlesien, Polen, Kurland, Litauen, Westfalen, den Niederlanden und Luxemburg –, und Mitglieder der großen und verzweigten Familie wirkten und wirken über die ganze Welt verstreut, von Berlin über Prag bis Rom und von Kamerun über Cape Canaveral bis Südamerika. Aber das Kernland, in dem sich 700 Jahre lang das Leben der allermeisten Puttkamer abspielte und wo die zeitweilig mehr als 300 Güter der verschiedenen Zweige und Äste der Familie lagen, war Hinterpommern, also jener in Ost-West-Richtung kaum 200 Kilometer lange Teil der früheren preußischen Provinz Pommern, der östlich der Oder liegt. Noch genauer war es das am weitesten östlich gelegene Gebiet um die Städte Stolp (heute Slupsk), Schlawe (Slawno) und Rummelsburg (Miastko).

Lange Zeit war diese Gegend aus der Sicht der weiter westlich Wohnenden der Inbegriff für Rückständigkeit und Hinterwäldlertum. Die erste Nummer der 1778 erstmals erschienenen Wochenschrift »Der pommersche und neumärksche Wirth« trug den bezeichnenden Titel:

»Widerlegung der ungegründeten Vorurteile womit Auswärtige gegen die beide Provinzien Pommern und Neumark gemeiniglich eingenommen zu seyn pflegen«.

Ausführlicheres zu den Ländereien der Puttkamer findet sich im folgenden Kapitel; hier soll zunächst kurz der geographische, landschaftliche und historische Rahmen abgesteckt werden, in dem sich unsere Familiengeschichte entfaltet hat.

Das Land »am Meer« – so die Bedeutung des slawischen Ausdrucks »po more« – ist stark vom Wasser geprägt. Nahe der Ostseeküste mit ihren unendlichen Stränden und Hafenstädten wie Kolberg und Rügenwalde finden sich vom Stettiner Haff im Westen bis zum Lebasee im Osten mehrere große Süß- und Brackwasserflächen, also Bodden oder Strandseen, die teilweise durch imposante Dünenlandschaften vom offenen Meer getrennt sind. Auch im Hinterland prägen neben Kiefern- und Eichenwäldern viele Moore, Seen und Tümpel die Landschaft. Und die Städte Hinterpommerns gründeten sich, wie überall auf der Welt, entlang der fließenden Gewässer. Hinterpommern hat immerhin fünf (etwas) größere Flüsse, die das Gebiet durchschneiden und in die Ostsee münden. Von West nach Ost sind dies die Rega, die bei Treptow die Ostsee erreicht, die Persante (Kolberg), die Wipper (Rügenwalde), die Stolpe (Stolpmünde) und die Leba (Leba). Die natürlichen Hindernisse, die diese Flüsse bildeten, sorgten dafür, dass Pommern bis weit ins 20. Jahrhundert eine eher kleinräumige und landwirtschaftlich geprägte Wirtschaftsstruktur hatte. Und noch während der Fluchttrecks 1945 waren die Brücken über die Flüsse die Nadelöhre, die die Flüchtenden häufig aufhielten; mehr hierzu im Kapitel 6.

Aber so lebenswichtig Wasser auch ist: Hinterpommern war, was die Ergiebigkeit seiner Böden angeht, nie ein von der Natur gesegneter Landstrich. Natürlich ist die Landschaft aus Sicht moderner, erholungsbedürftiger Städter reizvoll, und wer in Pommern aufwuchs, erinnert sich sehnsüchtig an unendlich lange, warme Sommerabende zwischen erntereifen Kornfeldern. Aber ein raues Klima, lange Winter, sandige Böden und das Fehlen von Bodenschätzen sorgten selbst bei vielen »herrschaftlichen« Grundbesitzerfamilien für ein meist eher bescheidenes bis karges Leben. Erst die Einführung der für Pommern idealen Kartoffel durch Friedrich II. im 18. Jahrhundert ermöglichte erstmals nennenswerte Überschüsse aus landwirtschaftlicher Produktion. Und auch die späteren Fortschritte in der Landwirtschaft wie Kunstdünger und Maschinen erforderten einen Kapitaleinsatz, den viele Grundbesitzer (sich) eigentlich nicht leisten konnten, so dass die steigenden Erträge oft mit einer dauerhaften Verschuldung oder dem Bankrott erkauft wurden.

1717 profitierten die Puttkamer davon, dass der preußische Staat die Ertragsqualität der pommerschen Güter erstmals systematisch einstufte, um ihre Steuerkraft abzuschätzen. Die überwiegend leichten Böden der Puttkamer-Güter sorgten dafür, dass sie fast durchweg in die niedrigste Steuerklasse kamen. Davon profitierten in erster Linie die Bauern, indirekt aber auch die – als Adelige generell von der Steuerpflicht befreiten – Grundherren, die vorher häufig auf den Bauern liegende Lasten hatten übernehmen müssen, um die Bauern am Leben zu erhalten.

Welchem Herrschafts- und Sprachraum Pommern einst zugehören würde, war lange Zeit offen. Bewohnt war es seit der Steinzeit; bis zur Völkerwanderung dominierten germanische Stämme, dann slawische. Viele der führenden Familien Pommerns hatten beziehungsweise haben slawische Wurzeln. Gustav v. Puttkamer, der letzte Besitzer Versins, schrieb 1961:

Wir bekennen uns auch ohne jede Einschränkung als zugehörig jenem slawischen Volksstamm, der im frühen Mittelalter unsere Heimat besiedelt hat, nachdem germanische Volksstämme ihren Wohnsitz dort aufgegeben hatten – ein bemerkenswertes Statement, 16 Jahre nach der Vertreibung durch »slawische Horden«, wie auch mancher Puttkamer im 20. Jahrhundert Polen und Russen zu bezeichnen geneigt gewesen ist.

Geopolitisch lag das Land im Einflussbereich der Gebiete, die heute Polen, Deutschland und Skandinavien heißen. Weder die Christianisierung ab dem 12. Jahrhundert noch die Kolonisation durch Siedler aus dem deutschsprachigen Westen im 14. Jahrhundert (siehe Kapitel 3) bedeutete eine »nationale« Entscheidung – nationale Fragen spielten noch keine Rolle. Und alle interessierten Mächte waren christlich geprägt. Die Verbreitung des Christentums war im Übrigen längst ein Herrschaftsinstrument und keine religiöse Bekenntnisangelegenheit mehr. Und die Kolonisation lag im Interesse aller Landbesitzer, ob slawisch- oder deutschstämmig. Denn erst das Urbarmachen neuer Ländereien in Verbindung mit dem Lehnsrecht und dem Anerbenrecht, also der Weitergabe des gesamten Besitzes an den ältesten Sohn, ermöglichte den Großgrundbesitz, der Pommern bis 1945 prägen sollte und den Puttkamer früh eine führende Stellung im Lande Schlawe-Stolp verschaffte.

Lange Zeit gelang es keiner der erst entstehenden Großmächte, Pommern dauerhaft ihrem Herrschaftsgebiet zuzuschlagen. An eine starke und stabile Zentralgewalt war noch nicht zu denken. Das Schlawe-Stolper Land, also das Kerngebiet der Puttkamer, war laut Ellinor v. Puttkamer bis ins frühe 13. Jahrhundert »praktisch ein sich selbst überlassenes Gebilde«. Wer auf einer der Burgen – zum Beispiel in der Gegend der späteren Städte Alt-Schlawe, Stolp oder Rügenwalde – herrschte, der nahm sich Land zu Besitz; überwiegend solches, das bisher brachgelegen hatte. So entstand überall in Europa ganz ursprünglich der grundbesitzende Adel – aus dem Recht des Stärkeren. Wer das Land besaß, kontrollierte die ansässigen Bauern und ihre Erträge. Das, was später als »ursprüngliche Akkumulation« bezeichnet wurde, also die ersten Ungleichheiten beim Besitz, geschah wohl in keiner Kultur der Welt auf besonders feine und zivilisierte Weise. Die Rolle als legalisierte Besitzer, Kulturträger und Bewahrer der Ordnung übernahmen die Besitzenden – wenn überhaupt – erst mehrere Generationen nach den »wilden« Frühzeiten.

Ab etwa 1100 beherrschte das Geschlecht der Swenzonen das Land Schlawe-Stolp (sowie das östlich angrenzende, bis Danzig reichende Pommerellen); im 13. Jahrhundert etablierte sich dann das Geschlecht der Greifen, die als Herzöge über 300 Jahre lang auf dem pommerschen Thron sitzen sollten. Ihr Name leitet sich von dem Greifen her, der zunächst das Familienwappen zierte und dann zum Wappentier des Landes Pommern wurde. Allerdings war auch dies eine Zeit von Teilungen, dynastischen Streitereien, Kriegen und Besetzungen. Ruhige politische Verhältnisse waren selbst im abgelegenen Hinterpommern eher die Ausnahme als die Regel.

Aber auch wenn die Landesherren weit weg und schwach waren und häufig wechselten: Dass ihre Einnahmen flossen, wussten sie sicherzustellen. An ihrem Hof war für die Finanzen der Kämmerer zuständig; draußen im Lande waren es die Unterkämmerer (slawisch podkomorzy, was wiederum die wörtliche Übersetzung des lateinischen subcamerarius ist), die vor Ort die Abgaben beitrieben. Der Name der Familie v. Puttkamer geht also – anders als bei vielen anderen Adelsgeschlechtern – nicht auf ein Territorium zurück, sondern ganz »bürgerlich« auf einen Beruf beziehungsweise ein Amt, nämlich das des Steuereintreibers. Die Beliebtheit der ersten Puttkamer wird das nicht gesteigert haben – wohl aber vielleicht ihren Landbesitz. Denn sie hatten durch ihr Amt Informationen über brachliegende und verlassene Höfe – und das dürfte auch Bereicherungsmöglichkeiten bedeutet haben.

Die gesellschaftliche Struktur, die Hinterpommern bis 1945 prägen sollte, nämlich die Dominanz des grundbesitzenden Adels, bildete sich bereits im 15. Jahrhundert heraus. Die Landnahme durch die früheren Burgritter wurde legalisiert, indem das Land nachträglich als Lehen, das heißt als »Dauerleihgabe« des Herrschers an den Adel, deklariert wurde – wegen des Gewohnheitsrechts allerdings zu recht günstigen Bedingungen für den Adel. Und auch bei neu vergebenen Lehen meinten die pommerschen Herzöge es stets gut mit dem Adel. So ist das theoretische Recht des Landesherrn, das »verliehene« Land zurückzufordern, gegenüber den Puttkamer kein einziges Mal angewandt worden. Und das – lehensrechtlich eigentlich nicht vorgesehene – Verpfänden, Verkaufen oder Vererben des Lands wurde oft doch genehmigt. Insbesondere in Hinterpommern wurde den Herzögen ihr freundlicher Umgang mit den Grundbesitzern gedankt: Der Stolper Adel betrieb auch weiter keine selbständige Politik wie einige Osten, Wedel, Borcke, Manteuffel oder Dewitz, aber im Laufe dieses Jahrhunderts entwickelte er seine konservative Lebensform, eng verbunden mit dem Landesherrn, aber auch mit den kleinen Städten des Stolper Landes und seinen Bauern, so Ellinor v. Puttkamer, die »Familienhistorikerin«. (Sie wird noch häufig auftauchen in diesem Buch. Wegen ihrer markanten Persönlichkeit und ihres unverwechselbaren Namens nennen wir sie im Folgenden nur beim Vornamen.)

Die Bauern allerdings gerieten mit dem Beginn des Lehnssystems faktisch in den Zustand der Leibeigenschaft: Sie und ihre Nachkommen durften ohne Zustimmung des Grundherrn ihr Land nicht verlassen – Erbuntertänigkeit und Schollengebundenheit hießen die entsprechenden, als Recht getarnten Fesseln; außerdem mussten ihre Kinder ohne Bezahlung beim Gutsherrn arbeiten und durften ohne dessen Zustimmung nicht heiraten.

Adolph Freiherr von Knigge schilderte 1780 das Schicksal der Landbevölkerung:

In den meisten Provinzen von Deutschland lebt der Bauer in einer Art von Druck und Sklaverei, die wahrlich oft härter ist wie die Leibeigenschaft (…) in anderen Ländern. Mit Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurteilt, unter dem Joche grausamer, rauhherziger Beamter seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein sicheres Einkommen und arbeiten nicht für sich und die ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.

Und der Historiker Hans-Ulrich Wehler ergänzt:

(Sie) litten unter den Feldschäden rücksichtsloser Jagdgesellschaften, standen bei Widerstand nahezu wehrlos vor Gericht, fürchteten den Steuereintreiber, den Soldatenwerber, die Einquartierung im Frieden sowohl wie im Krieg, dazu immer auch die Unbilden der Natur – in der übergroßen Mehrheit wahrhaft degradierte Untertanen ihrer Herren.

Zusätzlich waren sie verschiedenen Monopolen des Gutsherrn unterworfen wie beispielsweise dem »Mühlenbann«, der sie zwang, ihr Getreide nur bei ihrem Gutsherrn zu mahlen und die von ihm verlangten Preise zu bezahlen. Und nur der Gutsherr durfte die landwirtschaftlichen Erträge durch lukratives Bierbrauen und Schnapsbrennen vergolden, nicht aber die Bauern.

Die Bauern finanzierten sowohl die Existenz des Hofherrn (durch die »Rente« von ca. 40 Prozent ihrer Erträge für ihr Land und durch durchschnittlich sechs Wochentage pro Jahr Frondienst auf dem Rittergut) als auch die Hofhaltung des Landesherrn durch die Steuern; diese betrugen nochmals etwa 40 Prozent der verbliebenen Nettoerträge oder einen festen Betrag pro Hof, der bei einer schlechten Ernte oft Existenznot bedeutete. Der Adel selbst hingegen genoss seit jeher Steuerfreiheit – ein Privileg, an dem sich auch der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713–1740) die Zähne ausbiss. Allerdings mussten die Grundbesitzer, wie oben erwähnt, häufiger für Steuerschulden ihrer Bauern aufkommen.

Georg Dietrich v. Puttkamer (1681–1754) schuf das prächtige Gutshaus in Wollin, erwarb den puttkamerschen Freiherrentitel und begründete mehrere Nebenlinien (siehe Kapitel 3, Seite 39).

Ein großer Vorteil für die pommerschen Großgrundbesitzer war auch, dass ihre ursprünglichen Lehnspflichten gegenüber dem Lehnsherrn, also zum Beispiel das Stellen von Lehnspferden, Kriegsdienste und andere Dienstleistungen, nach dem Dreißigjährigen Krieg mehr und mehr durch (überschaubare) Geldzahlungen (Kontributionen) ersetzt wurden – man hatte jetzt stehende Heere und brauchte zu deren Unterhalt vor allem Geld. Damit war das Bewirtschaften der Lehnsgüter sehr viel planbarer geworden, weil der Gutsherr nicht plötzlich für eine »Campagne«, also einen Feldzug, abberufen werden konnte.

Pommern hatte um 1880 unter allen Provinzen des Deutschen Reichs den höchsten Anteil an Großgrundbesitz: 64 Prozent des Grundbesitzes entfielen auf Güter von über 150 Hektar Größe.

Dem stand gegenüber, dass um 1800 knapp zwei Drittel der Landbewohner keine Bauern waren, sondern Kleinbesitzer, Landlose, Gesinde und rechtlose Landarbeiter.

Die im 19. und 20. Jahrhundert so existentiell erscheinende Frage der nationalen Zugehörigkeit hat, wie erwähnt, die längste Zeit der europäischen und damit auch der pommerschen Geschichte keine Rolle gespielt. Wichtiger waren stets lehnsrechtliche, dynastische, geopolitische und konfessionelle Aspekte. Dennoch bedeutete die Tatsache, dass Brandenburg im 12. Jahrhundert zunächst die Lehnshoheit über Pommern und 1338 dann die Zusage der Erbfolge über Pommern erhielt, eine gewisse Vorentscheidung, die dann 1653 – nach dem Aussterben der Greifen und dem Dreißigjährigen Krieg – in die Vereinnahmung Hinterpommerns durch Brandenburg mündete. Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts waren es übrigens die brandenburgischen Askanier gewesen, die während einer kurzen Periode der Herrschaft über das Land Schlawe-Stolp 1310 die Siedlung Stolp zur Stadt nach »lübischem Recht« machten, ihr also Vorrechte nach Lübecker Vorbild gewährten – eine Pioniertat für das entlegene Ländchen. 1381 wurde Stolp Mitglied der Hanse.

Die Unterscheidung zwischen »Vorpommern« und »Hinterpommern« ist, wie Nachgeborene vielleicht glauben mögen, keineswegs erst durch den Eisernen Vorhang entstanden, der die beiden Teile ab 1946 brutal voneinander trennte. Pommern hatte bereits seit 1295 zwei Teile, in denen seit damals verschiedene Linien der Greifen regierten. Wir können hier allerdings das weltgeschichtliche Kuriosum einer Grenzlinie bewundern, die sich plötzlich um 90 Grad gedreht hat. Angesichts der Tatsache, dass Grenzen sich historisch ja sehr oft anhand unveränderlicher geographischer Gegebenheiten wie Gebirgszügen oder breiten Flüssen entwickelt haben, ist das, was im 16. Jahrhundert in Pommern geschah, schon eine bemerkenswerte Rarität. Die Greifen hatten Pommern nämlich ursprünglich »waagerecht« geteilt: Der nördliche (Küsten-)Streifen hieß Pommern-Wolgast, der südliche, binnenländische Teil hieß Pommern-Stettin. 1532 dann vereinbarten die beiden Linien – nach einer kurzen Phase der Vereinigung und einer längeren Auseinandersetzung mit Brandenburg – eine neue Aufteilung mit der Oder als Grenze: Pommern-Wolgast (bald auch Vorpommern genannt) hieß jetzt, was westlich der Oder lag; der östliche Teil wurde zu Pommern-Stettin (oder auch Hinterpommern). Über die Gründe der »Grenzdrehung« kann hier nur spekuliert werden. Vermutlich war es wenig lukrativ, das karge Hinterland zu beherrschen, ohne Zugang zum Meer und damit zum Ostseehandel zu haben; die neue Ost-West-Teilung hätte dann zwei wirtschaftlich gleichartigere Territorien hervorgebracht. Vielleicht aber hatten sich die Oder und das Stettiner Haff auch als zu starke natürliche Barriere für die Einheit des Territoriums erwiesen. Die aus Familienstreitigkeiten der Greifen hervorgegangene und 1532 veränderte Aufteilung Pommerns war jedenfalls wirkungsmächtig: Nach dem Dreißigjährigen Krieg erhob Brandenburg zwar – erbrechtlich korrekt – Anspruch auf ganz Pommern, musste sich aber zunächst mit dem größten Teil Hinterpommerns begnügen, während der Rückzug der Schweden aus Vorpommern und Stettin sich portionsweise und zäh gestaltete und das sogenannte »Neuvorpommern« (Rügen und das südöstlich gelegene Festland) sogar erst 1815 im Rahmen des Wiener Kongresses an Preußen fiel.

Apropos Dreißigjähriger Krieg: Bereits 1534 hatten die Greifen-Herzöge in ihren Landen die Reformation eingeführt, die sich ebenso stürmisch und durchgreifend zur dominanten Konfession entwickelte wie in den benachbarten skandinavischen und norddeutschen Ländern. Für das Land Schlawe-Stolp bedeutete die Reformation ein Abreißen der »bis dahin noch engen Verbindungen mit Polen; das Land Stolp orientierte sich bereits ab 1526 völlig nach Westen«, wie Ellinor feststellt. Johannes Bugenhagen aus Treptow an der Rega wurde einer der bekanntesten Kämpfer für die neue Lehre Martin Luthers und entwarf für Pommern die neue Kirchenordnung. Die Herzöge und der pommersche Adel griffen die neue Lehre auch deshalb freudig auf, weil sie einen »abgesegneten« Zugriff auf bisher katholisches Vermögen ermöglichte – die Ländereien der säkularisierten Klöster und kirchlichen Güter.

Ohne Kriegspartei zu sein, wurde Pommern im Dreißigjährigen Krieg zunächst von kaiserlichen, dann von schwedischen Truppen schwer verwüstet und ausgeplündert: Hungrige Heere scherten sich nicht um konfessionelle Zugehörigkeiten. Hinzu kamen Missernten durch die »Kleine Eiszeit« zwischen 1570 und 1750. Die Schätzung Ellinor v. Puttkamers, Pommern habe zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren, dürfte allerdings übertrieben sein. Ab 1700 setzte zwar mit dem allmählich wieder besseren Klima eine sprunghafte Bevölkerungszunahme ein, die die Bevölkerung Pommerns innerhalb eines Jahrhunderts von 120000 (1700) auf 500000 (1800) vervierfachte, aber das Wachstum betraf vorwiegend die landlosen Unterschichten. Auch wenn also Historiker mittlerweile bezweifeln, dass das bekannte Volkslied »Maikäfer flieg« mit seiner Zeile »Pommerland ist abgebrannt« aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs stammt und sich in seiner ersten Fassung überhaupt auf Pommern bezog: Es trifft die Stimmung und die Lage.

Zu Brandenburg-Preußen zu gehören bedeutete für Hinterpommern, dass der moderne, zunehmend zentralisierte Staat sich ab dem 17. Jahrhundert auch hier durchsetzte. Dies geschah vor allem mit den Mitteln der Militär- und der Finanzverwaltung. Der Staat betrachtete seine ländlichen Gebiete als Reservoir für Soldaten und für Steuern. Dies waren zunächst scheinbar schlechte Nachrichten für die Stände, also den Adel, die Städte und den Klerus, weil die relative Autonomie verlorenging, mit der Provinzen sich bisher selbst verwaltet hatten. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte in Hinterpommern ein voll ausgeprägter ständischer Dualismus geherrscht, eine institutionalisierte Verfassung, in der sich hoheitliche und ständische Organe rechtlich legitimiert gegenüberstanden (Ellinor v. Puttkamer). Diese Phase endete jetzt. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Zentralmacht auf loyale und qualifizierte Kräfte vor Ort angewiesen war – und die rekrutierte sie vor allem aus dem Adel. Die führenden Familien Hinterpommerns stellten jetzt (beziehungsweise: weiterhin) die Beamten und Offiziere, übten die Gerichts- und Polizeigewalt aus – und sie hatten als Gutsherren das Kirchenpatronat inne, bestimmten also auch die Pastoren, so dass auch die evangelische Kirche und später das von ihr dominierte Schulwesen zu entscheidenden Stützen der Herrschaft wurden. (Zum Streit zwischen Altlutheranern und Unierten Näheres im Kapitel 7)

In diesem Zuge setzte sich übrigens in »gehobenen« Zusammenhängen, also in der Kirche, auf Ämtern und vor Gericht, allmählich das Hochdeutsche durch; die Landbevölkerung blieb aber bis 1945 beim Plattdeutschen. Und je nach Herkunft mischten sich slawische oder noch andere Begriffe in die Umgangssprache. Anna Geijer-von Zitzewitz, die Enkelin Gustavs v. Puttkamer (Versin), erzählte von ihrer Großmutter Anna (geborene von Trebra), diese habe immer wieder einmal schwedische Wörter verwendet wie »Tassenkopf« (vom schwedischen »kopp« für Tasse), »Linjongs« (das schwedische Wort für Preiselbeere ist »lingon«) und »Brüllauf« für ein großes Fest (»bröllop« bedeutet auf Schwedisch »Hochzeit«). Hier hatte die schwedische Besetzung eines Teils von Pommern ihre Spuren hinterlassen. Wie sehr diese Besatzung nachwirkte, zeigt auch eine von Ellinor berichtete Angewohnheit ihrer Eltern. Wenn sie von Hinterpommern in den vorderen Teil Pommerns, z.B. in den Kreis Cammin gefahren seien, hätten sie immer gesagt: »Jetzt fahren wir ins Schwedische.«

Und auch das Kaschubische war im 18. Jahrhundert noch so weit verbreitet, dass die Stolper Synode, also der kirchliche Verwaltungsbezirk, nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch aus sprachlichen Gründen in zwei Unterbezirke aufgeteilt war, nämlich einen »circulus teutonicus« und einen »circulus vandalicus«, von denen jeder 16 Sprengel umfasste. Zum »Deutschen Distrikt« gehörten 1710 außer der Stadt Stolp der nordwestliche und der westliche, zum »Wendischen« oder »Kaschubischen Distrikt« der nordöstliche und der östliche Bereich des Kreises sowie im südlichen Kreis Rummelsburg die puttkamerschen Kirchspiele Alt Kolziglow, Zettin und Waldow. In den Kirchen des »circulus vandalicus« wurde der Gottesdienst in deutscher und in slawischer Sprache gehalten – in Glowitz beispielsweise noch mindestens bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Treue der pommerschen Eliten war König Friedrich Wilhelm I. durchaus bewusst, wie dieses Zitat belegt: Die pommerschen Vasallen sein getreu wie Gold; sie räsonnieren wohl bisweilen, aber wenn mein Successor sagt, es soll sein und dass er sie mit gutem zuredet, so wird keiner sich dagegen movieren. Und die preußischen Könige belohnten die Vasallentreue (und die stets erforderlichen Steuerbewilligungen für Armee und Verwaltung durch die Stände) mit der oben erwähnten Großzügigkeit in der Handhabung von Lehensangelegenheiten und mit dem langen Geschehenlassen des »Bauernlegens«, also der Umwandlung bäuerlicher Betriebe in Gutsland. Hier griffen erst die Preußenkönige des 18. Jahrhunderts ein: Weil er um den Fortbestand des Bauernstandes (und damit auch um ausreichenden Soldaten-»Nachschub« für seine aufwendige Armee) fürchtete, schwächte Friedrich II.1749 die Erbuntertänigkeit und schaffte die Schollenpflichtigkeit ab, womit die faktische Leibeigenschaft der Bauern zumindest rechtlich endete. Auch das weitere Bauernlegen wurde 1864 verboten. In Kapitel 4 wird deutlich werden, dass diese rechtlichen Änderungen die Lage der Landbevölkerung keineswegs verbesserten.

Anders als für Adel und Klerus wendete sich die Geschichte für die Städte nach einer Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert tatsächlich zum Schlechteren, denn die Großgrundbesitzer setzten zunehmend auf den Export in entferntere Gebiete (vor allem über die Häfen Rügenwalde und Stolpmünde, aber auch über Danzig), so dass das Monopol der kleinen und mittleren Landstädte als einziger Absatzmarkt für landwirtschaftliche Überschüsse verlorenging.

Pommern und damit auch das »Land Schlawe-Stolp« war jetzt zu einem Teil der preußisch-deutschen und damit der europäischen Geschichte geworden. In welcher Weise einzelne Puttkamer mit dieser Geschichte verwoben waren und sind, wird in den folgenden Kapiteln dargestellt. Doch zunächst wollen wir genauer klären, was und wer eigentlich gemeint ist, wenn von »den Puttkamer« die Rede ist.

2 Die Familie und ihre Ländereien

Seit mehr als 20 Generationen tragen Menschen jetzt den Familiennamen (von) Puttkamer. Gegenwärtig leben etwa 300 Personen dieses Namens. Was verbindet sie über den gemeinsamen Namen hinaus? Ellinor formulierte es in ihrer 1973 publizierten Schrift Der Landbesitz der Puttkamers so: Nicht das im Laufe der Jahrhunderte immer mehr gemischte und verwässerte ›Blut‹ oder die bloße Namensgleichheit haben der verwandtschaftlichen Verbundenheit den eigentlichen Inhalt gegeben, sondern die jahrhundertlang kaum veränderten Lebensverhältnisse, die ausgedehnter ererbter Grundbesitz uns gewährte. Ihm verdankten wir unsere soziale Stellung. Er bleibt auch nach dem totalen Verlust die Grundlage unserer Zusammengehörigkeit.

Ein Puttkamer zu sein bedeutet also, in einer langen Tradition des Landbesitzes zu stehen – und damit auch einen gesellschaftlichen Rang und eine Lebenshaltung geerbt zu haben, deren beste Teile hoffentlich auch den Verlust der heimatlichen Ländereien überdauern, der die Puttkamer 1945 kollektiv in eine komplett veränderte (und sich weiter rasant verändernde) Lebenswirklichkeit katapultierte (siehe Kapitel 8).

Erste Spuren

Adelsgeschlechter wollten sich stets auf möglichst weit zurückliegende Ahnen berufen können – idealerweise auf solche aus biblischer oder antiker Zeit. Je länger ihre Vorrangstellung schon andauerte, desto gottgewollter und unveränderlicher erschien sie. Auch das Geschlecht der Puttkamer hat zeitweilig die großen slawischen Mythen mit seiner eigenen Herkunft in Verbindung bringen wollen; auf der Homepage des Familienverbands finden sich sowohl die Wiedergabe der Sage, wie noch die Familiengeschichte von 1878/80 sie erzählte, als auch ein abwägender Kommentar zu deren Stichhaltigkeit.

Für diese Familiengeschichte wollen wir uns an die gesicherten Fakten halten – und uns damit abfinden, dass die frühesten Ursprünge einer jeden Familie mangels schriftlicher Zeugnisse im Dunkel der Geschichte verborgen sind und bleiben. Man kann es auch mit einer Binsenweisheit sagen: Letztlich stammen wir alle aus Afrika.

Die erste tatsächliche Erwähnung des Namens Puttkamer stammt aus dem Jahre 1212. Das »Neue Preußische Adelslexikon« von 1837 zitiert ein Dokument, wonach Jeschko Puttkammer im Jahre 1212 als »Herr der Lande Schlawe und Rügenwalde« die Stadt Rügenwalde mit festen Mauern umgeben habe. Natürlich wohnt jedem Ausgangspunkt eines Stammbaums eine gewisse Willkür inne. Auch Jeschko als der erste in den Akten auftauchende Puttkamer hatte schließlich einen Vater und vermutlich auch Brüder (und Schwestern; zum Thema »Vererbung im Mannesstamm« mehr im Kapitel 7). Aber Jeschko soll hier als Ausgangspunkt der Gesamtfamilie Puttkamer akzeptiert werden.

Vermutlich seine Enkel waren Swenzo I. und Lorenz I., die am Anfang der ununterbrochen nachweisbaren Ahnenreihe der Puttkamer stehen. Swenzo I. war Palatin (polnisch: Wojewode), also höchster Beamter des Bezirks Danzig und Stolp; sein Bruder Lorenz I. war Kastellan von Stolp, also Kommandant und Gerichtsherr des Burgbezirks. Die Ursprünge der Puttkamer sind also vermutlich identisch mit jenen des hinterpommerschen Herrschergeschlechts der Swenzonen, die nach Swenzo I. benannt sind. Dies wird besonders anschaulich am Begründer der 3. Linie, dessen Name mit »Lorenz Swentz« angegeben wird; als Namenszusatz finden wir dann »Podkommer«, wobei unklar ist, ob es sich dabei um eine Amtsbezeichnung oder einen Familiennamen handelt; diese Unterscheidung hätten viele damalige Zeitgenossen vermutlich überhaupt nicht verstanden. An anderer Stelle findet sich »Swancz, anders Potkomer genannt«.

Hier war eben schon die Rede von der »3. Linie« des Geschlechts. Auf die Brüder Swenzo und Lorenz folgten weitere vier Generationen – dann teilte sich das Geschlecht um den Beginn des 15. Jahrhunderts in drei Linien, deren Stammväter Georg, Lorenz VI. und besagter Lorenz Swentz waren.

Aber Achtung: Diese Unterteilung in Linien ist natürlich nachträglich geschehen. Jeder, der einmal einen Familienstammbaum erstellt oder auch nur studiert hat, weiß: Die Übersicht zu wahren ist schwierig – erst recht, wenn die Überlieferung Lücken aufweist und Vor- und Nachnamen in sehr verschiedenen Varianten geschrieben werden. (Bis zum 19. Jahrhundert konnte ein und dieselbe Person durchaus mal als Hans, mal als Johannes oder auch als Hanns, Johann, Ioannis etc. auftauchen.) Deshalb behilft man sich ex post, also rückwirkend, mit der Unterteilung in Linien, Äste, Zweige und Häuser. Inwiefern sich die Puttkamer des 14. und 15. Jahrhunderts tatsächlich als Angehörige eines Geschlechts oder einer bestimmten Linie betrachtet und gesehen haben, können wir heute nicht mehr feststellen. Wie grenzten die verschiedenen Linien, Äste, Zweige und Häuser sich voneinander ab? Gab es ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit? Wie drückte es sich aus? Auf wen bezog es sich? Wir wissen es nicht.

Familienverband und Wappen

Einen klaren Beleg für ein solches Bewusstsein haben wir erst für das 19. Jahrhundert – und zwar nicht nur bei den Puttkamer, sondern bei vielen Adelsfamilien. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Erst mit dem Aufstieg des Bürgertums und der allmählichen Verdrängung des Adels aus seiner Position als »natürlicher« und einziger Führungsschicht der Gesellschaft gab es für die adeligen Familien die Notwendigkeit, sich auf ihre Geschichte und ihre gemeinsamen Interessen zu besinnen und ihren Anspruch auf Vorrang durch den Verweis auf Tradition und Verdienste zu legitimieren.

Im Februar 1859 formulierten acht Puttkamersche Geschlechtsgenossen den Aufruf, sich am 12. August 1859 – am hundertsten Todestag des Husaren-Puttkamer – in Stolp zu versammeln und über allgemeine Angelegenheiten des Geschlechts zu beraten und darüber zu beschließen. Die »Kreuzzeitung« berichtete danach, dass 23 Grundbesitzer, 12 Militärangehörige und 4 Personen mit »Civil-Karriere« anwesend gewesen seien und die zweitägige Versammlung mit einem einstimmigen Hoch auf die Genesung »unseres innigst verehrten und geliebten Königs und Herrn« begonnen und mit »ernsten und erheiternden Trinksprüchen in Prosa und Versen« geendigt habe.

Bericht der »Kreuzzeitung« über die Gründung des Familienverbands 1859

Das Ergebnis war, wie bereits erwähnt, die formelle Gründung des Familienverbands beim ersten Familientag in Köslin am 3. Oktober 1860 (siehe Kapitel 4). Sein erster Vorsitzender wurde der Generalleutnant Leopold v. Puttkamer (1797–1868, Abbildung S. 43) aus dem Ast Granzin-Jeseritz, der auch hohes Mitglied des Johanniterordens war.

Das im 19. Jahrhundert wachsende Bewusstsein für die Familiengeschichte drückte sich auch in einer intensiven Beschäftigung mit dem Wappen aus.