Zwei Herzen sind ein Universum - Savannah Lichtenwald - E-Book

Zwei Herzen sind ein Universum E-Book

Savannah Lichtenwald

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Beschreibung

Wenn zwei Männer ihr Herz entdecken, verlieren, verschenken, entsteht ein Universum voller Liebe. In zehn emotionalen Kurzgeschichten funkeln Romantik, Erotik und Humor. Ein eifersüchtiger Polizist verteilt Strafzettel an die Kunden eines Callboys, ein Spanier versteht besser Deutsch als erwartet, ein Schönling erhält an Halloween mysteriöse Botschaften, ein Haarreif mit Puschelohren ist ebenso anziehend wie ein schottischer Kilt - auf dem Weg zur wahren Liebe kämpft manch einer mit ernsten Problemen, während andere von ihren eigenen Gefühlen überrascht werden. Diese Gay Romance Geschichten sind für volljährige Leser empfohlen.

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Savannah Lichtenwald

Zwei Herzen sind ein Universum

Gay Romance

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Vorwort

 

 Für France

 

 

Danke, dass du mich am Genick gepackt

und geschüttelt hast,

bis die Geschichten

in die Tasten gerutscht sind :)

 

Wenn du mir nicht die Sterne gezeigt hättest,

wüsste ich nicht, wie hell sie leuchten können.

Fuck - No Parking

Steffen Hartmann ist einer von den Guten - er ist Polizist. Selbstverständlich sind ihm die Falschparker gegenüber seiner Wohnung ein Dorn im Auge. Mit großer Leidenschaft verteilt er in seiner Freizeit Strafzettel, obwohl das gar nicht zu seinem Aufgabenbereich gehört. Der Grund dafür wohnt auf der anderen Straßenseite im dritten Stock, heißt Leslie und ist Callboy von Beruf. Um seine verwirrenden Gefühle für den Mann loszuwerden, vereinbart Steffen mit ihm einen Termin. Doch etwas geht schief und plötzlich hat Steffen echten Liebeskummer - und ganz andere Probleme als ein paar Autos im Parkverbot.

 

******

 

Wieder einen erwischt! Zutiefst befriedigt schob Steffen den kleinen Zettel hinter den Scheibenwischer des roten BMW und fuhr zum Revier, um seinen Dienst anzutreten. Er konnte es einfach nicht lassen, für jeden Wagen, der hier im Parkverbot stand, ein Ticket zu schreiben. Jede Woche fuhren dort schicke Autos vor. Meist gut aussehende Männer im Alter zwischen zwanzig und vierzig stiegen aus, blieben eine oder zwei Stunden und verschwanden dann wieder. Für seine Beobachtungen musste Steffen nicht einmal auf die Straße gehen oder zum Fernglas greifen, denn der gut besuchte Adressat wohnte seit drei Monaten schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite.

Im Prinzip müsste ihm das Liebesleben anderer egal sein, doch er wusste genau, wen die attraktiven Herren aufsuchten: Leslie Winter, Sohn reicher Eltern, abgebrochener Jurastudent, Größe ungefähr eins siebzig, Haare dunkelbraun, Augenfarbe blaugrün – und Steffens Ziel all seiner Wünsche. Seit er ihm das erste Mal morgens beim Bäcker begegnet war, ließen ihn die sanfte Stimme und der traurige Blick nachts nicht mehr ruhig schlafen.

Er erinnerte sich an die leisen Worte, mit denen Leslie die Brötchen bestellte und die perfekte Form seiner zierlichen Hände. Noch nie hatte Steffen bei einem Mann derart schöne Hände gesehen mit geraden, gepflegten Fingern und heller Haut. Fasziniert hatte er zugesehen, wie sie die Münzen in den kleinen Teller auf der Theke gelegt und nach der Brötchentüte gegriffen hatten.

Der Rest war auch nicht zu verachten – schmale Hüften, die in engen Jeans steckten, ein knackiger, runder Hintern, Stupsnase und ein sündhaft verlockender Mund. Alles an Leslie gefiel ihm. Am liebsten hätte er ihn auf der Stelle vernascht. Leider hatte er nicht auf Steffens freundliches „Guten Morgen“ reagiert und war regelrecht aus dem Laden geflüchtet.

Der ersten Begegnung folgten weitere, die alle ähnlich verliefen. Steffen bekam höchstens eine genuschelte Antwort und kaum einen Blick, sodass er anfing, Leslie gezielt zu beobachten. Mit jedem Tag wuchs sein Interesse an diesem Mann. Welche Hobbys hatte er? Welche Art Musik mochte er? Nachts träumte Steffen davon, wie Leslie ihm ins Ohr hauchen würde, überlegte, ob er beim Höhepunkt wohl eher laut oder leise wäre.

Dumm nur, dass Steffen sich in einen Callboy verknallt hatte. Mit diesem „Beruf“ kam Leslie nicht einmal für einen Flirt infrage. Nach einer frustrierenden On-Off-Beziehung hatte Steffen einen gewissen Ausschließlichkeitsanspruch. Sein Ex hatte nichts ernst nehmen können und vor allem das Konzept „Treue“ als besonders lächerlich bezeichnet. Das würde nicht zum perfekten, schwulen Lifestyle passen. Feiern und alles mitnehmen, was sich anbot, war seine Devise. Anfangs hatte Steffen diese Einstellung noch akzeptiert, doch auf Dauer war er nicht damit klar gekommen.

Große Gefühle waren ohnehin nicht im Spiel gewesen. Die unausweichliche Trennung hatte weder ihn noch seinen Ex belastet und alles könnte in schönster Ordnung sein. Steffen hatte sich über seinen unkomplizierten Singlestatus gefreut – nur um sich wenige Wochen später in dieser aussichtslosen Situation wiederzufinden. Leslie verursachte bei ihm eine Art von Herzklopfen, das ihm total fremd war und seine Bußgeldaktionen nahmen pathologische Züge an. In einem schwachen Moment hatte er schon über Urlaub nachgedacht, um keinen dieser notgeilen Falschparker zu verpassen.

 

Als er auf der Wache vor seinem Kollegen Rüdiger die Zettel auf den Tisch legte, hob dieser den Kopf und schmunzelte. „Schon wieder Knöllchen aus der Römerstraße? Strafzettel verteilen ist doch gar nicht dein Job. Stören die Leute deine Aussicht aus dem Wohnzimmerfenster? Bis zu dem sexy Kerl im dritten Stock solltest du eigentlich einen ungehinderten Blick haben, egal, wer vor der Tür steht.“ Das unmännliche Kichern passte nicht zu dem rothaarigen Bär von Mann und die Ursache dafür ging Steffen gewaltig auf den Sack.

„Das geht dich nichts an. Freu dich einfach über die Einnahmen für die Stadtkasse“, knurrte Steffen zurück.

Rüdiger hob bei der ruppigen Antwort kritisch eine Augenbraue. Er war für Steffen nicht nur ein Kollege, sondern auch ein guter Freund. Seite an Seite hatten sie die Ausbildung absolviert und sich nach erfolgreichem Abschluss für dieselbe Polizeiwache beworben, da hier zufällig zwei Stellen gleichzeitig frei geworden waren.

Rüdiger war ein gutmütiger, ausgeglichener Mann mit großem Verständnis für menschliche Schwächen, doch Steffen konnte ihm unmöglich erzählen, was genau ihn an den Delinquenten störte. Schließlich hatte er selbst keine Erklärung dafür, warum ihn seit Wochen die Eifersucht quälte und er sich Leslie nicht aus dem Kopf schlagen konnte.

Die Tür des Reviers öffnete sich und Maxim, ein Bekannter aus Steffens bevorzugtem Club, kam auf den Tresen zu. „Moin, ich hab hier einen Knollen kassiert und will Einspruch erheben. Ich stand nur ein paar Zentimeter drüber, da, wo das Parkverbotsschild steht“, polterte er los. „Oh, hey, Steffen. Guck mal, kannst du da was machen?“, ergänzte er erfreut und hielt Steffen den Strafzettel entgegen.

„Auch wenn es nur ein paar Zentimeter waren, musst du bezahlen“, grummelte Steffen. Der also auch. Wer gehörte denn noch alles zu Leslies erlauchter „Kundschaft“? Warum musste er für die Hälfte der männlichen Stadtbevölkerung den Arsch hinhalten?

„Mann, ey, ich bin echt klamm diesen Monat. Das hat mich schon genug gekostet. Solltest auch mal hingehen, siehst Scheiße aus. Leslie hat `magic hands´“, verkündete Maxim unverblümt. „Das hier bezahle ich jedenfalls nicht, so einen Bullenmist.“ Mit diesen Worten warf er den Zettel auf den Tresen und verließ die Wache, ohne eine Antwort abzuwarten. Von draußen konnte man noch ganz schwach ein wütendes „Fuck the Police“ hören.

Steffen kniff die Lippen zusammen und griff nach dem amtlichen Wisch. Grünes Gift floss durch seine Adern und blutrote Rachegelüste blockierten sein Denkvermögen. Wenn er sich vorstellte, wie dieser Primitivo über Leslie herfiel, könnte er einen Mord begehen. Nein, mehrere - an allen lüsternen Mistkerlen, die jemals vor Leslies Haus geparkt hatten.

 

Das musste ein Ende haben. Seit Wochen konnte er nicht mehr geradeaus denken. Vielleicht sollte Steffen die angepriesenen Dienste tatsächlich in Anspruch nehmen. Wenn er ihn einmal im Bett hatte, hörte sicher diese absurde Fixierung auf und er könnte den Druck loswerden, der sich durch wochenlange Enthaltsamkeit aufgebaut hatte. War bloß eine Frage des Preises. Er wartete, bis sein Kollege nach nebenan ging und wählte auf dem Handy Leslies Nummer, die er sich im Internet herausgesucht hatte.

„Leslie Winter?“, kam es leise aus dem Telefon.

„Steffen Hartmann hier, ich hätte gerne einen Termin.“

„Ja, gerne, kurz oder lang? Und wünschen Sie eine Extrabehandlung?“

„Äh, kurz, keine Extras.“ Das sollte reichen. Mit seinem Gehalt konnte Steffen keine großen Sprünge machen. Außerdem hatte er Bedenken, dass sein wundes Herz nicht lange durchhalten und er Leslie womöglich mehr sagen würde, als er sollte.

„Passt Ihnen Freitag um sechzehn Uhr?“

Der leicht singende Tonfall verursachte in Steffens blauer Uniformhose Platzmangel und brachte seine Atmung ins Stocken. „Ja … ja, das passt mir gut. Wir sehen uns dann, ich freue mich schon.“ Schnell legte er auf. Länger hätte er Leslie nicht zuhören können ohne die nächsten Stunden mit einem Ständer durchs Revier zu laufen.

 

Die vier Tage bis zum Freitag zogen sich wie Kaugummi und vor Leslies Haus parkten während Steffens dienstfreier Zeit ein Fiat, ein Porsche, ein Ford und zwei Peugeots – jeder Einzelne umgehend mit einem hübschen Zettel am Scheibenwischer dekoriert. Die Besitzer der fahrbaren Untersätze zogen allesamt ein Gesicht wie nach dem Genuss einer Zitrone und fuhren schweigend davon.

Nur dem Porschefahrer mangelte es an vornehmer Selbstbeherrschung. Laut brüllte er über das Autodach hinweg „Fuck the Police“ und schlug nach dem Einsteigen geräuschvoll die Tür hinter sich zu. Das hatte Steffen in dieser Woche schon mal gehört. Es war ihm ein inneres Fest. Diese Adresse sollten sie alle in möglichst unangenehmer Erinnerung behalten. Dann kämen sie vielleicht nicht so schnell wieder und er müsste sich dann nicht qualvoll vorstellen, welche Gegenleistungen sie für ihr Geld erhalten hatten.

Der Freitag nahte, eine schwarze Jeans und ein passendes grauschwarzes Hemd hatte Steffen sich schon morgens zurechtgelegt. Zum Glück konnte er mit seinen blonden Haaren fast jede Farbe tragen und die sportliche Statur kam in seinem Lieblingshemd am Besten zur Geltung.

Steffen schwankte zwischen Vorfreude und Magenschmerzen. Je länger er darüber nachdachte, umso ungeeigneter erschien ihm sein Plan, mithilfe von Leslies Job seine eigenen Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Schließlich rang er sich dazu durch, das, was er begonnen hatte, auch durchzuziehen. Weiterhin am Fenster zu stehen, Leslies Haus zu beobachten und dessen Freier mit Knöllchen zu bestrafen, war keine Option.

 

Entschlossen marschierte Steffen über die Straße, drückte forsch auf den Klingelknopf und der Magnet des Türöffners brummte innerhalb weniger Sekunden. Die Treppen bis zum dritten Stock brachte Steffen hingegen nur zögernd hinter sich. Auf den letzten Stufen wäre er beinahe wieder umgekehrt. In der offenen Wohnungstür stand Leslie und lächelte verhalten. Ein kurzärmeliges, weißes Shirt bedeckte hauteng dessen Oberkörper, braune, wellige Haare hingen ihm vereinzelt ins Gesicht und seine Augen sahen ihm freundlich entgegen. Endlich ein direkter Blick – Steffens Herz hüpfte vor Begeisterung.

„Hallo, Herr Hartmann, schön, dass Sie pünktlich sind. Wollen wir gleich anfangen oder möchten Sie erst einen Kaffee? Ich habe auch Wasser da. Es ist ziemlich warm draußen“, sagte Leslie und hielt ihm die Hand hin.

Eine derart förmliche Begrüßung hätte Steffen nicht erwartet, aber er verfügte über keinerlei Erfahrung mit Callboys der gehobenen Klasse. In seinem Job begegnete er Junkies, die Geld für den nächsten Schuss brauchten, osteuropäischen Strichern und asiatischen Bordsteinschwalben. Die teureren Varianten gab es in diesem Teil der Stadt nicht. Mit Ausnahme von Leslie.

„Wir können gleich anfangen, wenn es dir recht ist.“

Steffen zog den überraschten Mann zu sich und küsste ihn stürmisch. Er wusste, dass Küsse im Gewerbe nicht üblich waren, doch er wollte Leslie auch auf diese Art spüren, wenigstens einmal. Dessen leichter Widerstand ließ schnell nach. Der schlanke Mann lehnte sich an ihn und seufzte leise. In wenigen Momenten wurde ein sanfter Zungenkuss daraus, der Steffen beinahe die Umstände hätte vergessen lassen, die ihn hierher gebracht hatten. Leslie passte in seine Arme und auf seinen Mund, als sei er speziell für ihn geschaffen worden und duftete nach Erdbeeren, Leslie und irgendetwas Ungewöhnlichem, das Steffen momentan nicht zuordnen konnte.

Dennoch durfte er nicht vergessen, weshalb er hier war. Sein Ziel war schließlich, diese unselige Verliebtheit loszuwerden, nicht, sie zu verstärken. Er löste sich von ihm, begann, sein Hemd aufzuknöpfen und ließ es lässig neben sich fallen.

Leslies Mimik wandelte sich von lächelnd-glücklich in verwirrt-unglücklich. „Was … äh … was machst du da? Ich meine, das war schön, aber du bist sehr … schnell?“

Mit der Hand am Reißverschluss seiner Jeans antwortete Steffen: „ Ich habe nicht so viel Zeit. Meine Schicht beginnt bald. Sind hundert Euro okay? Oder reicht das nur für Blasen ohne Ficken?“

Leslie entfuhr ein kleiner, entsetzter Laut, den Steffen nur am Rande wahrnahm. Viel zu abgelenkt war er von diesem verdammten, klemmenden Reißverschluss. Als er den Kopf hob, stand Leslie in versteinerter Haltung vor ihm, Tränen in den Augen und mit leicht geöffnetem Mund. Hatte Steffen irgendwas vergessen? Vielleicht wollte der Kerl die Kohle vorher?

„Du denkst, ich bin … ich würde …“, stotterte Leslie leise und brach ab. Er hob das Hemd auf und drückte es Steffen an die Brust. „Geh! Jetzt sofort … und komm nie mehr wieder.“

Das lief ganz anders als geplant. Seit wann warfen Callboys ihre Kunden hinaus, bevor sie bezahlt hatten? Und warum zitterte Leslies Hand, als sie die Tür öffnete? Diese zierliche, ebenmäßige Hand, die vor zwei Minuten noch zärtlich auf Steffens Hals gelegen hatte.

 

Mit dem Hemd im Arm drehte Steffen sich um und ging verstört die Treppe hinunter. Er verstand das nicht. Was hatte er bloß falsch gemacht? War sein Geld nicht ebenso gut wie das der Anderen? Den ganzen Abend zerbrach er sich den Kopf darüber und kam zu keinem vernünftigen Ergebnis. Kurz nach Mitternacht waren sein Dienst fast beendet und seine Nerven völlig zerrüttet. Wiederholt fuhr er sich abwesend mit den Fingern durch die Haare und ließ mehrmals Kugelschreiber oder Papiere fallen. Einen Einsatzbericht musste er zweimal schreiben, weil er versehentlich das Formular im Computer gelöscht hatte.

„Dein Kumpel hat recht, du siehst Scheiße aus“, sprach Rüdiger ihn vom Tisch gegenüber an. „Wenn du schon praktischerweise einen Friseur gegenüber wohnen hast, warum gehst du dann nicht hin? Leslie kann bestimmt aus deinem Heu da oben noch was zaubern. Gegen das Heu IM Kopf ist er natürlich machtlos“, ergänzte Rüdiger und schmunzelte.

„Das ist mir egal, ich habe zurzeit ganz andere Probleme“, erwiderte Steffen. Was bedeuteten schon Haare und Frisuren? Solche Dinge waren absolut unwichtig, wenn man ein hübsches, unglückliches Gesicht vor Augen hatte, über das eine Träne lief und man nicht die geringste Ahnung hatte, aus welchem Grund … Friseur … Leslie … Heu … Friseur …

Der Grund donnerte in Steffens Bewusstsein wie eine Abrissbirne. Genau so fühlte er sich nun auch: Wie eine in kleine Stücke zerlegte Bruchruine. Verdammt! Er war schon zu lange in diesem Job. Wann war er so abgefuckt geworden, dass er übereilte Schlüsse zog, nicht mehr nachforschte, überprüfte, Fakten ermittelte? Ein paar oberflächliche Beobachtungen hatten ihm genügt, Leslie Dinge zu unterstellen, die ihn verletzten, verletzen mussten. Ein Mann wie Leslie war vermutlich viel zu sensibel, um so etwas einfach wegzustecken. Kein Wunder, dass er Steffen rausgeworfen hatte. Er selbst hätte entweder gelacht oder dem Anderen die Faust ins Gesicht gerammt.

„Verdammte Scheiße!“ Steffen sah seinen Kollegen an und verzog schmerzvoll das Gesicht. „Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Woher weißt du, was Leslie in seiner Wohnung tut?“

Rüdiger hob fragend die Augenbrauen. „Ich dachte, du weißt Bescheid? Dein Kumpel von neulich lässt sich schließlich auch von Leslie die Haare schneiden.“

„Nein, das wusste ich nicht. Warum arbeitet er nicht in einem normalen Friseursalon?“

„Leslie erträgt die vielen Leute nicht. Die Musik und die Gespräche um ihn herum machen ihn nervös. Das hat mir mein Bruder erzählt. Der geht regelmäßig zu Leslie, weil er der Beste in der Gegend ist.“

„Und warum sehe ich bloß Männer bei ihm ein- und ausgehen? Kann er keine Damenfrisuren schneiden? Das muss er doch während seiner Ausbildung gelernt haben“, fragte Steffen und runzelte die Stirn.

Rüdiger antwortete lachend: „Sag mal, du weißt aber auch gar nichts, oder? Ganz schön armselig für einen Bullen. Wenn du nicht mehr mitbekommst, was in deiner Stadt vor sich geht, solltest du den Job wechseln.“

Mit ernster Stimme fuhr er fort: „Leslies Mutter gehört die Personalberatung in der Hauptstraße. Hast du noch nie was von Winter Consulting gehört? Wenn es irgendwo in der Stadt Champagner am Stehtisch gibt, kannst du sicher sein, dass eine Winter danebensteht. Darum sollte Leslie auch Jura studieren, hat aber abgebrochen und Friseur gelernt. Das war für die schon schlimm genug und als er bei seinem letzten Arbeitgeber kündigte, setzten Leslies Mutter und seine beiden älteren Schwestern ihn vor die Tür. Sie waren der Meinung, er würde ihnen ab sofort nur auf der Tasche liegen. Er entspricht halt nicht dem Bild, wie sie sich einen Mann ihrer Gesellschaftsklasse vorstellen. Seitdem geht er Frauen aus dem Weg, die er nicht wirklich gut kennt.“

Konnte es noch peinlicher werden? Wenn Rüdiger mehr über Steffens Herzblatt wusste als er selbst, dann hatten Eifersucht und Vorurteile offensichtlich seinen Verstand komplett vernebelt. Natürlich war Steffen „Winter Consulting“ ein Begriff, doch er hatte keine Verbindung zu Leslie gezogen. Alle Puzzleteile fügten sich nun zusammen. Er rief sich die Szene in Leslies Wohnung ins Gedächtnis und die Scham kroch ihm den Nacken hoch. Wo war ein Loch im Boden, wenn man dringend eines brauchte, um darin zu verschwinden?

„Danke für die Infos, Rüdiger. Ich mache jetzt Feierabend. Wir sehen uns morgen.“

 

Voller Schuldgefühle schlich Steffen aus der Polizeiwache zu seinem Auto, fuhr nach Hause und klingelte bei Leslie. Der Türöffner blieb still - kein Brummen, kein Summen, keine Chance auf ein verzeihendes Lächeln. Auch Steffens zahlreiche Versuche, Leslie im Laufe des Abends telefonisch zu erreichen, blieben ebenso erfolglos wie sein Bemühen um etwas Schlaf. Das schlechte Gewissen wütete in seinem Inneren und den Blick in den Spiegel am nächsten Morgen konnte er kaum aushalten.

Ja, er war ein raubeiniger Typ und im Umgang mit anderen Menschen meist nicht zimperlich. Doch dass er ausgerechnet Leslie falsch eingeschätzt hatte, ließ ihn zutiefst beschämt den Kopf senken. Ein Job als Callboy hätte überhaupt nicht zu ihm gepasst. Leslies Verhalten in der Bäckerei hätte Steffen schon zu denken geben müssen. Menschenkenntnis: setzen, sechs.

Während er dem Wasser im Waschbecken zusah, das ebenso unaufhaltsam im Abfluss verschwand wie Steffens Träume, musste er an den intensiven Kuss denken. Die Erinnerung brachte einen Hauch von Hoffnung mit sich, weckte seinen Kampfgeist wie eine Initialzündung. Leslies Reaktion war zärtlich und leidenschaftlich gewesen. Dessen Erregung hatte Steffen genauso gespürt wie die eigene. Noch war nicht alles verloren. Er musste nur einen Weg finden, mit ihm zu sprechen, bloß wie?

 

Die Strecke zur Arbeit erschien Steffen doppelt so lang wie sonst und die nächsten Stunden langweilig wie nie. Der Tag wollte kein Ende nehmen. Selbst der Zeiger der großen Wanduhr schleppte sich schwerfällig über das Zifferblatt. Vormittags fand am Rathaus eine friedliche Mini-Demo statt und nachmittags wurden sie zu einer häuslichen Auseinandersetzung gerufen, die auf einem nachbarschaftlichen Missverständnis beruhte.

Noch ruhiger hätte Steffens Job heute kaum noch sein können – viel zu viel Zeit zum Grübeln. Bis zum Abend war ihm jedoch keine Lösung seines Problems eingefallen. Mindestens zehn Mal hatte er Leslies Nummer gewählt, doch seine Anrufe gingen ins Leere. Mangels Anrufbeantworter konnte er ihm keine Nachricht hinterlassen und in den üblichen sozialen Netzwerken gab es keine Spur von dem Mann, keine Möglichkeit, mit ihm in Kontakt zu kommen. Verzweifelt rubbelte Steffen sich mit den Händen übers Gesicht und seufzte leise.

Sein Kollege blickte auf und sprach ihn an: „Jetzt spuck´s endlich aus, was dir auf der Seele liegt. Ich wette, es hängt mit einem speziellen Bewohner der Römerstraße zusammen.“ Er zwinkerte Steffen zu. „Welchen Fehler hast du bei Leslie gemacht?“

Sollte er das wirklich erzählen? Sein von Reue zerfressenes Herz ausschütten?

„HabnfürnClboyghldn“, nuschelte Steffen mit Blick auf den Boden.

„Wie bitte? Sprich verständlich, sonst kann ich dir nicht helfen.“

Steffen hob den Kopf. „Ich sehe ihn fast jeden Morgen beim Bäcker und auf meine Flirtversuche hat er nicht reagiert. Möglicherweise mochte er mich ebenfalls und war bloß schüchtern. Jedenfalls habe ich sein Haus ein paar Wochen lang beobachtet. Ich dachte …“, er zuckte mit den Schultern, „... ich dachte, er sei ein Callboy … und habe mich dann bei meinem Termin in seiner Wohnung entsprechend verhalten und Dinge gesagt, die ...“ Steffen wurde mit jedem Wort leiser. „Er hat mich rausgeschmissen, zu Recht, und jetzt weiß ich nicht, wie ich das wieder gutmachen soll.“ Er atmete tief durch und blickte wieder nach unten.

„Wow, bist du ein Vollhorst! Ich weiß ja, dass du beruflich ein Tier sein kannst, aber dass du privat so wenig Einfühlungsvermögen hast ...“ Rüdiger grinste. „Alter Schwede, du warst eifersüchtig, oder? Ich lach mich schlapp. Steffen ist eifersüchtig.“

Steffen ballte die Hände zu Fäusten. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal derart beschissen gefühlt hatte. „Wenn du dich genug amüsiert hast, gib mir gefälligst einen Rat, was ich jetzt machen soll. Leslie sagte, ich soll nie wieder zu ihm kommen. Ich bin garantiert der letzte Mensch, mit dem er reden würde. Er macht die Tür nicht auf und geht nicht ans Telefon.“

Rüdiger grinste immer noch und glättete mit den Fingern seine struppigen Haare. „So ist das mit Freunden. Sie helfen dir immer … aber erst, wenn sie dich ausgelacht haben. Nachdem du dich gründlich in die Nesseln gesetzt hast, musst du schwere Geschütze auffahren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er was für dich übrig hat. Du musst ihn belagern. Schreibe ihm einen Brief und wirf ihn in seinen Briefkasten. Entschuldige dich und erkläre ihm, warum dir dieser Irrtum unterlaufen ist. Ruf ihn an, jeden Tag, klingele an seiner Haustür, auch wenn er nicht öffnet. Schick ihm Blumen. Bleib hartnäckig. Leslie ist ein echt netter Kerl, wenn ich meinem Bruder glauben darf, aber was du da verzapft hast, wird er nicht so schnell verzeihen … ein Callboy ...“ Rüdiger schüttelte den Kopf. „Wie kann man als Bulle nur so dämlich sein?“

„Jaja, ist ja gut, ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe.“

„Definitiv, schuldig im Sinne der Anklage … und jetzt raus mit dir. Tu was!“

Mit neuem Elan und großen Schritten lief Steffen zur Tür hinaus und begann, Rüdigers Plan in die Tat umzusetzen. Im nächsten Blumenladen bestellte er einen Strauß bunter Sommerblumen und ließ sie an Leslies Adresse liefern. Zu Hause schrieb er einen Brief, in dem er ausführlich erklärte, wie es zu seinem fatalen Irrtum gekommen war. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken und Gefühle in die richtigen Worte zu fassen. Den Umschlag warf er in Leslies Briefkasten und klingelte mehrmals – natürlich ohne Erfolg. Schon auf dem Rückweg über die Straße wählte er die gespeicherte Nummer und ließ es klingeln, bis die Automatik die Verbindung kappte. Die Falschparker beobachtete er nur noch mit Wehmut.

 

Nach drei Tagen voller Herzschmerz, Klingel- und Anrufversuchen war er psychisch am Ende. Vielleicht hatte er Leslies Reaktion beim Küssen genauso falsch verstanden wie die Besuche von dessen Kunden und er ging dem Mann schlicht auf die Nerven. Stalking war strafbar. Steffen befand sich daher mit seinen Aktionen auf dünnem Eis - ein letztes Mal und danach musste Schluss sein. In voller Montur stand er abends vor Leslies Haus und drückte resigniert auf die Klingel. Überraschend summte der Türöffner und Steffen eilte die Treppe hinauf, bereit, jedes Verhör und jeden Vorwurf geduldig zu ertragen.

Dort stand er, der heißeste Kerl diesseits des Äquators, barfuß und lediglich mit einem engen Top und knappen Shorts bekleidet. Im letzten Moment bremste Steffen ab, sonst hätte er in der Wohnung auf dem Teppich gelegen, mit dem begehrten Mann unter sich.

Steffen trat in den Flur und begrüßte ihn nervös: „Hallo, Leslie.“