Zwei neue Hüften und (k)ein Plan - Vencke Wassner - E-Book

Zwei neue Hüften und (k)ein Plan E-Book

Vencke Wassner

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Beschreibung

Betina Raicharth-Liebelein hat in einer Operation zwei neue Hüften bekommen. Eine Anschlussheilbehandlung ist da absolutes Pflichtprogramm. Der Therapieplan ist perfekt abgestimmt, nur nicht auf eine Doppelhüfte! Während andere brav auf Anweisungen warten, trainiert Betina mit und ohne Plan, hinterfragt so manche Therapie und treibt Ärzte, Therapeuten und Mitpatienten in den Wahnsinn - und zum Lachen. Eine Geschichte über den Mikrokosmos Rehaklinik. Frech, herzlich und mit ganz viel (Hüft)Schwung.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Vencke Wassner

Zwei neue Hüften und (k)ein Plan

„Mein ganz persönlicher Blick in die Welt einer Kureinrichtung

mit einer Prise Selbstironie, reichlich gewürzt mit Übertreibung und

einer ordentlichen Portion Humor. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen

ist rein zufällig und dient der Pointe. Also bitte ganz entspannt

zurücklehnen, schmunzeln und die Dinge nicht zu ernst nehmen!“

Betina Raicharth-Liebelein hat in einer Operation zwei neue Hüften bekommen. Eine Anschlussheilbehandlung ist da absolutes Pflichtprogramm!

Der Therapieplan ist perfekt abgestimmt, nur nicht auf eine Doppelhüfte!

Texte: © 2025 Copyright by Vencke Wassner

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Vencke Wassner

Verlag:

Vencke Wassner

Steigerstraße 41

99897 Tambach-Dietharz

[email protected]

Prolog

Eigentlich soll man ja nicht in der Vergangenheit herumfuhrwerken. Ist ja vergangen und kann nicht mehr geändert werden. Aber die Vergangenheit war ja auch mal Gegenwart und davor sogar mal Zukunft.

Und für meine Anschlussheilbehandlung gab es schließlich mal einen Grund:

Wenn man als Mittvierzigerin feststellt, dass die eigene Beinaufhängung nicht mehr richtig funktioniert, weil das Bücken schwerfällt, Wanderungen am nächsten Tag vom Körper mit einem tu-das-nie-wieder geächtet werden und der männliche Lieblingsmensch mit „Du warst auch schon mal gelenkiger!“ die doch erfolgreich zu Ende gebrachte Bettgeschichte frech und grinsend kommentiert, ist es dringend Zeit, über Ersatzteile nachzudenken. Das war damals Zukunft! Also das nur darüber Nachdenken.

Frei nach dem Motto, was allein gekommen ist, geht auch allein wieder, wurden sämtliche Beschwerden einfach über Jahre ignoriert. Also zumindest nach außen für die Mitmenschen. Manche Mitmenschen. Lieblingsmenschen konnte ich leider nicht täuschen.

Irgendwann wollte ich dann aber doch Beweise für meinen vermutlichen Knochenverschleiß. Es mussten Fotos von meinem Innenleben her, die auf ärztliche Anweisung auch schnell gemacht waren.

Mit einem „Warum haben Sie denn nicht Ihre eigenen Röntgenaufnahmen ihrer Hüften mitgebracht, sondern die einer 80jährigen?“ wollte mein Knochendoktor vor knapp zwei Jahren dann witzig sein.

Unweigerlich musste ich daraufhin an Hilde denken. Die hatte ich mal zur Kontrolle gebracht und es wurde damals erklärt, dass die defekte Aufhängung, insbesondere die Kugelgelenke, für eine schlechtere Stabilität, ungewöhnliche Geräusche und ungleichmäßigen Verschleiß verantwortlich sind. Damals hatte der nette Mann auch gut zugeredet, Hilde noch nicht aufzugeben, sondern die fast ausgeschlagenen Kugelgelenke umgehend zu reparieren. Der Verschleiß wurde noch frühzeitig genug erkannt, wodurch Hilde gar nicht erst zum Sicherheitsrisiko werden würde und danach noch einige Jahre perfekt in der Spur laufen wird.

Mit Hilde hat damals dann alles bestens geklappt. Sie ist dann wirklich noch einige Jahre gut in der Spur gelaufen. Das sollte doch auch mit mir funktionieren?

Gut, abgesehen davon, dass Hilde viele Jahre meine treue Begleiterin auf vier Rädern von einem asiatischen Fahrzeughersteller war, fand ich den Vergleich sehr passend.

Mein Entschluss stand also fest! Ich gebe mich nicht auf, sondern investiere in meine Zukunft!

Ohne Umschweife ließ ich, inzwischen die 49 d überschritten, den Doktor wissen, dass ich zurück zu perfekter Fahr-, sorry, Gehstabilität wollte, ohne knarksende und klickende Geräusche. Der Verschleiß sollte sich dann, zumindest in Höhe der Beinaufhängungen, auch wieder normalisieren, ganz zu schweigen vom dann wieder rund laufenden Kugelgelenk.

Die einzige Besonderheit: meine beiden Hüpfhölzer waren gleichmäßig defekt und ich wollte beide Hüften in nur einer Sanierungsmaßnahme erneuert bekommen. Ein Abwasch sozusagen! Denn in Anbetracht der Tatsache, dass nach jeder Reparatur auch das Wieder-Anlernen des Systems notwendig wird, wollte ich den ganzen Bettel nicht zweimal haben. Bei Hilde hatten Sie schließlich auch gleich beide Kugelgelenke getauscht und die verschlissene Besohlung gleich mit.

Mein medizinischer Handwerker hatte damit kein Problem, da ich außer dem Verschleiß in bester Verfassung und ohne weitere Auffälligkeiten war.

Und so wurde aus einer alten Zukunft die Gegenwart und bevor ich mich versah, lag ich auf einem vorgewärmten Operationstisch.

Nach nur 5 Stunden standen zwei Physiotherapeuten an meinem Krankenbett, klemmten mir zwei Unterarmgehstützen in die Hand und waren lächelnd der Meinung: „Na dann wollen wir mal!“

Was die beiden genau wollten, haben sie mir nicht verraten. Trotz gut wirkendem Medikamentennebel erahnte ich, dass die beiden meine Bodyguards bei meinen ersten Gehversuchen mit neuen Hüften und auf Hilfsbeinen sein wollten. Aufpassen, dass mir keiner zu nahekommt und mich womöglich umrempelt.

Willig stakste ich also auf vier Beinen meine ersten Meter auf dem Krankenhausflur. Ob das an dem Medizincocktail lag, weiß ich nicht, auf jeden Fall legte ich gleich einen ziemlichen Speed hin, was meine Aufpasser sofort amüsiert kommentierten:

„Betina mit zwei neuen Hüften und (k)einem Plan!“

Ich ließ mich nicht provozieren und lief im Krankenhaus bereits in meine neue Zukunft und verließ nach nur fünf Tagen die Reparaturwerkstatt.

Zack! Und schon wieder war auch das Vergangenheit.

Die rehabilitierende stationäre Anschlussheilbehandlungskur hatte mich von Anfang an eigentlich nicht wirklich überzeugt, aber in dieses Schicksal musste ich mich, auf strikte Anordnung des Docs, ergeben.

Als Mensch, der immer Sumsi mit Po (Optimismus ) bei sich hat, würde ich auch diese drei Wochen für mich positiv bewältigen. Schließlich hatte ich von einigen Bekannten gehört, die bereits eine Kur in der auch von mir gewählten Einrichtung durchlaufen haben, dass es das Beste war, was Ihnen passieren konnte und alles schön war.

Ob das auch meiner Wahrheit entsprach, musste ich in den nächsten einundzwanzig Tagen selbst herausfinden.

Kapitel 1

Tada! Ich bin im Hier und Jetzt und es gibt kein Zurück! Der Krankentransport hat mich tatsächlich zur Reha-Klinik mitten in den Wald gefahren. Und lädt auch noch mein ganzes Gepäck aus! Kann ich nicht erstmal gucken, ob mir das Zimmer gefällt, um im Notfall umbuchen zu können? Scheinbar gibt es keine Gnade – ich soll mich nur um mich selbst kümmern und mich anmelden.

Dann tue ich das mal. Mit meinen zwei niegelnagelneuen Hüften mit rosa Gelenkköpfen (schade, dass ich die nicht zeigen kann) stehe ich also vor der Rezeption, sage artig meinen Namen und dass hier ein Zimmer zur Reha für mich gebucht ist. Die Rezeptionistin, mich irgendwie durch Kleidung, einen strengen straffen Dutt und Oberschlau-Brille an eine Gouvernante erinnernd, begrüßt mich und rattert ohne jegliche Regung einen hervorragend auswendig gelernten Text monoton herunter, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Sie wünscht mir gute Genesung in dieser Anstalt. Ich soll mich setzen und warten bis ich abgeholt werde.

Wenn dieses Fräulein Rottenmeier auch für Zimmerkontrolle und Nachtruhe zuständig ist – na dann, gute Nacht! Und für die richtige Verwendung der Begrifflichkeiten ist sie auch zuständig, schließlich hat sie mich in der Anmeldungsrunde gleich ermahnt, dass meine angemeldete Maßnahme eine Anschlussheilbehandlung und keine Reha ist. Natürlich hat sie Recht, aber mein Vorhaben ist, hier weiter auf die Strümpfe zu kommen, egal wie das Vorhaben nun heißt. Und letztendlich weiß doch eh jeder, was gemeint ist.

Außerdem kann Klugscheißer keiner leiden...

Ein in weiß-bunt gekleideter Mensch, bei dem auf Anhieb nur durch die Optik nicht erkennbar ist, ob Männlein oder Weiblein, holt mich ab. Wie sich herausstellt, ist es eine Krankenschwester, die mir versichert, mein gesamtes Gepäck wird auf mein Zimmer gebracht und so positioniert, dass ich selber auspacken kann. Wow! Nobelschuppen mit Page! Naja, sollte man auch erwarten dürfen, schließlich ist man zum einen stark eingeschränkt, weil man ständig die Hände mit Hilfsbeinen voll hat und zum anderen die Rentenversicherung bestimmt eine nicht kleine Summe an die Einrichtung löhnt, um mich und die anderen Hausgäste wieder auf Vordermann zu bringen. Da mir bekannt ist, dass ich später auch noch einen eigenen finanziellen Beitrag zur Unterstützung des Hauses leisten muss, entscheide ich mich gegen ein Trinkgeld für den Pagen.

Die Schwester lotst mich unfallfrei durch den mit Koffern und Taschen von Abreisern und Neuankömmlingen vollgestellten Empfangsbereich, nicht ohne dabei schon Belehrungen und Hinweise abzusondern, die ich aber alle noch einmal schriftlich erhalte. Mein Hirn jubiliert – du musst nicht aufpassen!

Im Schwesternzimmer angekommen, kann die gute Frau ihre Neugierde nicht mehr verbergen und will allerhand wissen. Verblüfft stelle ich fest, dass sie zwar schreiben kann, aber nicht lesen. Denn alle Fragen liegen schwarz auf weiß vor ihr, von mir schriftlich vorab beantwortet und ihr ausgehändigt, so wie es vor Kurantritt gewünscht war.

Sie tut mir tatsächlich ein bisschen leid, dass sie des Lesens nicht mächtig ist, also beantwortete ich ihr geduldig noch einmal alle Fragen. Sie legt dazu verantwortungsvoll eine Niederschrift an, welche ich noch einmal, wie auch im vorab ausgefüllten Fragenkatalog, unterschreiben muss.

Mutig hat sie allerdings auch eine neue Frage in unsere Unterhaltung eingebaut: ob ich, ohne mein Innerstes nach außen krempeln zu müssen, an einer psychologischen Betreuung interessiert bin. Dies lehne ich dankend ab, ich will dem Psychoheini nicht zu viel zumuten.

Die Blutdruckmessung ergibt dann Traumwerte – hoffentlich bleibt das so, bei dem, was auf mich zukommt.

Meine Größe ist tatsächlich Dank Tausch der abgewetzten Knochen durch eingebaute Edelhüften wieder etwas nach oben geklettert.

Natürlich zählt auch das Wiegen zum unumgänglichen Ritual der Erstaufnahme in diese Genesungsanstalt. Dass man sich nicht komplett nackig macht, kann ich ja verstehen. Aber in kompletter Ankunftsmontur wird die Waage von mir gequält und spuckt dementsprechend auch eine Zahl aus, die nicht meinem Lebendgewicht nach Gottes Schaffung entspricht. Mir ist es im Grunde egal, schließlich ist mein Motto, so zu bleiben, wie ich bin!

Doch was tut die gute Schwester? Nimmt einen BMI-Rechner und kritzelt einen errechneten Wert aus Größe und Gewicht inkl. Vollausrüstung in meine Karteikarte! Das gehört sich nicht!

Und schon gar nicht bei einer Frau!

Mir kommt echt zugute, dass ich wieder gewachsen bin und dank schlanker Figur trotzdem im grünen Farbbereich der kreisförmigen Papierrechenmaschine bleibe. Glück gehabt! Trotzdem wird mir schlagartig klar, dass durch diese hinterhältige Taktik mancher Patient im Anschluss doch um den Psychologentermin bettelt, weil er das frisch ermittelte Übergewicht mit fachlicher Unterstützung seelisch verarbeiten lernen muss. Hinzu kommt ganz bestimmt die sofortige Teilnahme am Kurs „Ernährungsberatung“. Ganz schön schlau, wie hier schon gleich am Anfang gesteuert wird, die scheinbar nicht so beliebten Kurse, aufzufüllen.

Mit mir nicht!

Bedingt durch diese Taktik bleibe ich wachsam, da ich ja nicht weiß, was als nächstes auf mich zukommt und welche Tricks und Kniffe hier noch angewendet werden, um die Statistik zu schönen.

Nach einem kurzen Telefonat der Schwester mit einem hausansässigen Arzt, soll ich selbigen gleich aufsuchen.

Auch wenn ich diese zackige Vorgehensweise als militärischen Druck empfinde und das meinem Streben nach einem ruhigen Ankommen und Einfinden absolut widerspricht, widersetzte ich mich nicht und besuche den netten Mann in seinem Zimmer.

Wenn ich dazu beitragen kann, keine Langeweile aufkommen zu lassen, bin ich dabei gern behilflich.

Langeweile kann ich selber nicht leiden und kann die Situation des Arztes, einfach nur rumzusitzen, daher gut nachvollziehen.

Freundlich stellt er sich vor, bittet mich Platz zu nehmen und, ich denke, ich höre nicht richtig, hat er als erstes ein paar Fragen!

Da die Schwester aber alle Unterlagen mitgegeben hat und diese auch schon auf dem Schreibtisch zwischen Arzt und mir auf der mir gegenüberliegenden Seite geöffnet liegen, war es logisch, dass er mir nun andere Fragen stellen wird.

Ich bin also ganz Ohr und bereit, die nächsten Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten...

Angstschweiß befeuchtet meine Hände, mein Hirn rattert, nervös knabbere ich so unauffällig wie möglich an meiner Unterlippe. Was haben die hier vor? Ist der Psychologe Berufsneuling oder gar Quereinsteiger und braucht auf Gedeih und Verderb Versuchspatienten?

Die Alarmglocken in meinem Kopf läuten so laut, dass der Arzt von seiner Mitschrift aufschreckt und fragt: „Ist alles in Ordnung? Sie gucken etwas verständnislos!“ – Siegessicher, dass auch er nicht lesen kann, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf ohne Gefahr zu laufen, dass ich richtig Ärger bekomme.

Doch plötzlich und unerwartet geschieht ein Wunder und der Arzt stellt mir auch eine völlig neue, mir unbekannte Frage: „Was erwarten Sie von der Reha bzw. welches Ziel möchten Sie am Ende erreichen?“

Leider kann ich diese Frage nicht sofort beantworten, da ich mir zum einen darüber keine Gedanken gemacht hatte und zum anderen zu dieser stationären Anschlussheilbehandlung vom Chefhandwerker der ersatzteileinbauenden Klinik verdonnert wurde.

Ehrlich gebe ich meine nicht vorhandene Zielsetzung preis, werde dennoch animiert, zu überlegen, dass ich doch ein Ziel haben müsste. Der Tatsache geschuldet, dass ich lauftechnisch schon sehr gut und flink, bedingt durch eisernes Trainieren bereits im Krankenhaus, unterwegs bin, gebe ich an, dieses weiter zu festigen und die allgemeine Konstitution zu stärken. Herr Doktor ist damit immer noch nicht zufrieden und trampelt mit weiteren Nachfragen auf meinen Nerven herum, was bei mir sofort erneut die Alarmglocken schrillen lässt, irgendwann doch auf den Seelenklempner-Stuhl zu müssen.

Taktisch klug entscheide ich mich für eine Gegenfrage, was denn genau formuliert werden soll. Seinen Vorschlag, am Ende der Reha 1000 Meter am Stück laufen zu können und eine (ganze!) Etage Treppen zu steigen, nehme ich, innerlich kopfschüttelnd, dann einfach an. Die Nachfrage, ob er mich verarschen will, bleibt in meinem Kopf mit dem freudigen Gedanken, er kann sie eh nicht lesen.

Nachdem auch hier nun endlich der Fragenkatalog beantwortet ist, folgt noch einmal Blutdruck messen. Trotz, dass die Schwester meines Augenscheins nach ein paar Minuten zuvor kompetent das elektronische Messgerät bedient und einen traumhaften Wert ermittelt hat, will der Doc selbst noch einmal messen.

Womöglich hatte sich nur eine in dritter oder vierter Ausbildung befindliche Krankenschwester an mir versucht?

Zufrieden stelle ich fest, dass meine Nerven trotz vorgenannten mutwilligen Frage-Attacken hart wie Stahlseile geblieben sind und der Weißkittel auch nur einen perfekten Blutdruck diagnostiziert.

Die dann folgende körperliche Eingangsuntersuchung speichere ich mir positiv als gründlichen, schon lange nicht mehr erfolgten, Gesundheits-Check ab.

Da der Doktor scheinbar wirklich Langeweile hat und noch kein Neuankömmling für das Psycho-Frage-Spiel vor der Tür steht, schlägt er mir noch diverse Therapien vor. Immer die Angst im Nacken, dass ein Haken dabei ist, artikuliere ich meine Verwunderung über die Wahlmöglichkeit. Freudig empfiehlt er mir Wassergymnastik ab dem zweiten Drittel der Heilbehandlung, da verständlicher Weise erst die Spuren vom Klammeraffen beseitig werden müssen. Ebenso freudig lehne ich dieses Angebot ab, was zu großen Augen meines Gegenübers führt – das mögen doch alle und fiebern dieser Möglichkeit entgegen.

ICH BIN NICHT ALLE!

Meine ehrliche Aussage wird mit einem Schmunzeln quittiert, nicht ohne nochmals neugierig nachzubohren, warum dieser Sport, wo man das Gewicht nicht selber tragen muss, nicht meine Zustimmung findet. Da war sie wieder! Diese hinterhältige Taktik, auch das Gewichtsproblem aufzugreifen und einem Bange zu machen!

Ich erkläre, Wasser nur zu trinken und zum Waschen und kochen zu nutzen, mir nur allein das Umgeziehe so auf die Nerven geht, dass der Blutdruck womöglich steigt. Natürlich vermeide ich, zu erwähnen, dass ich das Geturne mit der Schwimmnudel albern finde und außerdem weiß, warum es im Schwimmbad nach Chlor riecht...

Einen schlechten Blutdruck will der Doc nicht riskieren und notiert mein Wasser-Desinteresse. Die Frage nach der Teilnahme am „Therapeutischen Gestalten“ quittiere ich mit großen Augen. Der Doc schwärmt von Korb flechten, Seidentücher bemalen und Speckstein schnitzen. Da ich weder die drei Sachen gebrauchen kann, noch den Sinn in dieser Therapie für die korrekte Einarbeitung meiner neuen Hüpfhölzer sehe, lehne ich auch hier dankend ab. Verzweifelt bettelt mich der Arzt an, doch wenigstens einmal vorbei zu schauen und wenn es wirklich nichts für mich ist, streicht er es aus meinem Plan. Da ich tierlieb bin und sein Dackelblick herzerweichend ist, stimme ich zu. VORBEIgehen, bekomme ich auf jeden Fall hin!

Als erkennbar ist, den Start in diese Gesundheitsmaßnahme endlich geschafft zu haben, geht die Tür auf und die Chefärztin der Klinik betritt den Raum. Ihre sympathische und freundliche Art können jedoch nicht verhindern, dass mir heiß und kalt wird.

Kann sie denn wenigstens lesen?

Frau Chefärztin macht dann aber doch nur ein bisschen Small Talk mit mir und bewundert meinen Mut, gleich beide Hüften auf einmal saniert gelassen zu haben. Stimmt mir aber auch positiv zu, dass somit alles in einem Ritt erledigt ist. Froh, dass sie mich versteht, strahle ich übers ganze Gesicht und signalisiere, dass mein Plan ist, schnell voranzukommen, voller Energie und mit ganz viel Eigenmotivation.

Klatsch!

Völlig unerwartet und volle Breitseite erhalte ich von der Orthopädenchefin, zwar freundlich, aber mit voller Wucht, einen Hieb!

Die Aufnahmemethoden machen mir immer mehr Angst. Mit Worten will Frau Doktor mir meine Motivation und meine Energie aus dem Kopf schlagen. Sie prophezeit mir ein schwarzes Loch, in das ich definitiv fallen werden, da ich hier in der Einrichtung nicht mehr behütet und umsorgt bin wie im Krankenhaus, sondern laut Plan alles allein managen muss und viele Laufwege habe. Prima! Dann sollte ich ja die 1000 Meter am Ende der Behandlung locker und ohne Sauerstoffzelt schaffen.

Ist doch positiv!

Jeder hier hat, meistens in der Mitte der Genesungsmaßnahme, ein großes Tief, orakelt sie mir vor und warnt mich vor zu viel Euphorie.

ICH BIN NICHT JEDER!

Auch wenn ich nicht weiß, aus welchem Kaffeesatz sie ihre Prophezeiung für mich gelesen hat, nehme ich ihre Wahrsagung trotzdem zur Kenntnis, nicht ohne den Gedanken im Kopf, dass auch sie, wiederum mit einer anderen Taktik, versucht, mir den Besuch beim Psychofritzen schmackhaft zu machen. Nun ja, ich werde sehen. Wenn ein Gespräch mit dem Daseinsberater notwendig werden sollte, bin ich natürlich gern bereit, ihm zuzuhören. Er muss ja auch mal sein Leid loswerden. Und da meine Schultern einiges tragen, helfe ich natürlich gern.

Mit allen guten Wünschen für beste Therapieerfolge und einer gut voranschreitenden Genesung werde ich dann endlich aus dem Arztzimmer entlassen, nicht ohne nochmaligen Hinweis, dass die Wiederherstellung nach einer solchen OP, und die auch noch in doppelter Ausführung, Zeit braucht. Ich soll mir Ruhephasen gönnen, um in mich zu gehen, auch einfach nichts tun und die Seele baumeln lassen.

Der letzte Satz der guten Frau ist:

„Auch für zwei neue Hüften gibt es einen Plan!“

Artig und dankend nehme ich die Worte der Chefärztin mit auf den Weg. Schließlich möchte ich nicht unangenehm auffallen, obwohl ich befürchte, dass es dafür bereits zu spät ist.

***

Puh! Geschafft! Endlich erreiche ich mein Zimmer. Zweiter Stock, was aufgrund der bergigen Gegend und der angepassten Bauweise eigentlich der vierte Stock ist. Eine schlichte, zweckmäßige und für bewegungseingeschränkte Menschen perfekt eingerichtete Behausung mit einem grandiosen Ausblick auf den malerisch in die Berghügel eingebetteten Ort.

Wirklich traumhaft schön! Der Ausblick!

Der Page hat sein Versprechen gehalten und mein Gepäck im Zimmer deponiert. Tatsächlich auch auf richtiger Höhe und auf einem rollbaren Sideboard, um alles aus dem Koffer später in den Kleiderschrank zu räumen. Später! Jetzt bleibt mir nicht mehr viel Zeit bis zum nächsten Event am Ankunftstag. Und diese Zeit werde ich vorbildlich, noch frisch die letzten Worte der Chefärztin im Ohr, mit Ruhe, also faul rumliegen, verbringen. Einfach wohlfühlorientiert!

***

Mittagszeit! Der nächste Höhepunkt am Anreisetag steht an: Einweisung in die Abläufe bei Tisch, welche dann immer zu allen drei Mahlzeiten, die zur Vollpension des gebuchten Aufenthaltes gehören, gelten.

Vor dem Speisesaal haben sich alle Neuankömmlinge des Tages versammelt. Auf Krücken oder Rollator gestützt oder auch ohne Gehunterstützung hören die Neuen dem Restaurantleiter gespannt zu. Dieser rattert, wie auch schon bei Ankunft die Rezeptionistin, seinen Text monoton herunter. Mimik und Gestik scheint man hier bei Arbeitsbeginn abgeben zu müsse. Die Patienten könnten sich ja sonst womöglich willkommen fühlen.  Ganz wichtig in der Ansprache des Herrn ist, in jedem zweiten Satz zu erwähnen, was man im Restaurant alles nicht darf, also was VERBOTEN ist.

Ein Kurpatient, der sein Essen nicht selber transportieren kann, also wie ich, da ich meine Hilfsbeine festhalten muss, wird platziert! Aha, wie früher im DDRRestaurant, welches zwar völlig leer war, aber dennoch ein großes Schild am Eingang darauf hinwies:

„Bitte warten Sie, Sie werden platziert!“ 

Der rechte Teil der Mensa ist für die selbstständigen Patienten vorgesehen mit einer entsprechenden Buffetstrecke und freier Platzwahl.

Der linke Teil ist für die auf Hilfe angewiesenen Kurgäste bestimmt, wie schon erwähnt, ohne freie Platzwahl. Es werden immer Vierertische voll besetzt. Durch den militärischen Ton ist das klar und deutlich, versteht jeder!

Die Neuankömmlinge dürfen nach Verkündung des Regelwerkes endlich hinein in den Speisesaal. Wird auch Zeit, der Magen hängt schon in der Kniekehle.

Obwohl die eigentliche Mittagszeit bereits vorbei ist, sitzen noch einige Schon-Dagewesene an den Tischen. Laut Befehlston des Einweisers ist das aber VERBOTEN. Man darf, wenn man artig abgegessen hat, nicht länger am Tisch sitzen, um dem Personal die Chance zu geben, abzuräumen und die Tische wieder hygienisch vorzubereiten. Mein Blick schweift über die Tabletts der noch Sitzenden auf der linken Seite – bei jedem ist noch eine Kleinigkeit auf dem Teller, im Glas oder im Kompottschälchen. Den Trick werde ich mir gleich merken! Ich lass mich doch nicht hetzen und schon gar nicht beim Essen!

Ziemlich mittig, aber zur linken Seite gehörend, sitzt noch ein mehr als korpulenter Mann im Rollstuhl und schmatzt sein Essen. Man hört, es schmeckt ihm. Er gehört zu den Sitzengebliebenen. Ein Gorilla, offensichtlich mit operierter Schulter und von den Neuen, wird an diesem Tisch platziert. Ebenfalls sitzt urplötzlich ein kleines runzeliges Hutzelmännchen, allerdings ohne sichtbare Einschränkungen, auch an diesem Tisch. Der Größe nach zu urteilen kommt er wahrscheinlich nicht allein ans Buffet und braucht deshalb Hilfe. Er ist also der Dritte dieser Tafelrunde. Ungeachtet der eben gehörten Anweisungen flitze ich wieselflink an diesem Tisch vorbei, wie angedacht: links! und wähle einen leeren Tisch.

„DAS IST VERBOTEN!“ wird mir noch einmal als Einzelanweisung eingeschärft! Jeder auf der linken Seite wird platziert! Meine Bemerkung, dass ich vorbildlich auf Geschlechtertrennung wie auf der Toilette achten wollte, wird ignoriert und ich muss zur leicht müffelnden und schmatzenden Skat-Runde, obwohl meines Wissens nach keine 4. Person für dieses Spiel gebraucht wird.

Um jeglichen Ärger am ersten Tag zu vermeiden, weiß ich mich natürlich zu benehmen und setze mich brav auf den mir zugewiesenen Stuhl, vergesse dennoch nicht, die Augenbraue hochzuziehen, die Mundwinkel im Kanzlerinnen-Style nach unten hängen zu lassen und den Blick starr ins Leere zu richten. In Gedanken forme ich mit meinen Händen noch eine Raute, um mich zu motivieren: „Ich schaffe das!“

Speck-Rolli will Unterhaltung und legt auch gleich mit vollem Mund los, uns Neue zuzuquatschen. Die anderen zwei Skat-Brüder erachten beim ersten gemeinsamen Mittag ein Gespräch aber auch nicht unbedingt als sinnvoll und schaufeln kommentarlos das von ihnen gewünschte und servierte Essen in sich hinein.

Aus drei Essen habe ich mich für Hähnchengeschnetzeltes mit Kartoffeln und Kaisergemüse entschieden. Wenn man davon absieht, dass die Sprengladung im Huhn nicht ordentlich platziert war, da halbe Brüste, aber auch tausende mikrokleine Teilchen in der Soße schwimmen, ist es recht lecker. Allerdings glaube ich, dass dem Franzl (der von der Sisi) das Gemüse, wie auch mir, zu hart gewesen wäre. Mit den Erbsen habe ich beim aus-versehen-mit-der-Gabel-drauf-drücken fast dem Schulter-Gorilla ein Auge ausgeschossen. Diese kleine harte gemeine grüne Kugel hat sich dem Druck der Gabel widersetzt und den soßig-flutschigen Teller als Startrampe für eine kleine Flugmission genutzt.

Sorry!

Der zum Hauptgang im Schälchen gereichte, sehr bunte Salat aus allen möglichen gesunden Pflanzen ist tatsächlich auch schmackhaft.

Allerdings muss die Küche beim als Nachtisch gereichten Milchreis vielleicht mal noch gesagt bekommen, dass man den Reis kocht, bis er weich ist. Aber gut, wenn man allen nicht verzehrten Milchreis ordentlich abspühlt, kann man die Körner noch einmal in einer schönen heißen Brühe (vielleicht aus den Knochenstücken vom Hauptgericht gekocht?) nachziehen lassen und alle freuen sich, dass es an einem anderen Tag Reissuppe gibt ...

***

Gut satt, habe ich nun Freizeit. Aber eben keine freie Zeit, da in meinem Zimmer noch ein ziemlich großer voller Koffer aufs Auspacken wartet. Da Auspacken nicht zum Service des Hauses gehört, muss ich selber tätig werden. Dafür muss ich jetzt Zeit haben.

Und dann? Schon wieder rum liegen oder mal auf Erkundungstour gehen?

Schnell ist die Entscheidung für aktives Zeit-rum-bringen gefallen und ich tigere los. Auf vier Beinen, mit der Kraft und Eleganz, die ich im Moment aufbringen kann und doch auch so unauffällig und geschmeidig wie möglich, um erstmal das Revier zu erkunden. Lauern, was hier so herumläuft. Und dann entscheiden, ob ich Einzelgänger bleibe oder doch in Gesellschaft gehe.

Da das Klinikgebäude insgesamt ziemlich lang ist, sind auch die Flure nicht kurz. Ich kann und muss also Strecke machen, wenn ich mein Zimmer verlasse. Schließlich steht am Ende der Reha ein 1000-Meter-Lauf und Berg erklimmen in Form eines Treppenabsatzes. Unweigerlich werde ich also ab sofort für diesen Abschlusstest üben, wenn ich mein Zimmer verlasse und zum Essen oder zu Therapien oder sonst wohin laufe.

Im Foyer angekommen, nehme ich also Witterung auf, welches Klientel hier so abgestiegen ist. Auf den ersten Blick ist erkennbar, dass der Altersdurchschnitt eher höher angesiedelt ist, was durchaus logisch erscheint, wenn man bedenkt, dass das menschliche Knochengerüst nach dem 30. Lebensjahr wieder anfängt, sich zu verkleinern oder zu zerbröseln. Und wenn ich dann noch Hutzelmännchen sehe, dessen Mission scheinbar ebenfalls Lage-Checken war, werde ich in meinem biologischen Verständnis gestärkt. Seine Knochen sind scheinbar an allen Ecken und Enden schon so abgewetzt, dass er eigentlich mit einem Sprüche-T-Shirt „Das Leben ist kurz. Ich auch.“ passend gekleidet wäre.

Hutzelmännchen ist mir tatsächlich einen Schritt voraus – er hat sich bereits an einen Tisch gesellt, an dem seine Altersgruppe lautstark die vorliegenden Einschränkungen und vergangene und zukünftige Krankheiten bespricht. Jeder der am Tisch Sitzenden siecht eigentlich nur noch so vor sich hin und jeden hat es am schlimmsten erwischt. Wie furchtbar! Nur im Vorbeigehen wird mir durch die aufgeschnappten Satzfetzen ganz schlecht bei dem Gedanken, dass ich mich in ca. 20 Jahren womöglich auch diesem Verfall hingeben muss.

Hauptsache, das ist nicht jetzt schon ansteckend!

Da das sonnige Wetter förmlich nach draußen einlädt, setze ich meine Erkundungstour vor der Tür fort. Im Augenwinkel sehe ich eine größere bunt gemischte Menschenansammlung. Toll! Da könnte vielleicht was Brauchbares dabei sein?! Mir gefällt schon mal, dass diese Bewohner auch das schöne Wetter genießen und draußen sind – vielleicht laufen sie auch gern, lieben die Natur und fotografieren gern das ein oder andere. Schon fast am Ziel, überholt mich ein Kerl und grölt in die Gruppe, dass er gerade beim Arzt war und ermahnt wurde, dass Rauchen krebserregend sei. Er hätte dem Arzt aber klargemacht, dass ihm scheißegal ist, was Krebse geil macht …

Zieht einen Glimmstengel aus seiner Tasche und zündet sich, nicht einkriegend vor Lachen, sein Vitaminstäbchen an.

Schnell kriege ich die Kurve und muss feststellen, dass hier bestimmt auch total nette Kuris dabei sind, aber der Ort zum Kontakt knüpfen für mich un(b)rauchbar ist.

Also bleibe ich erstmal Einzelgänger und mache Orthopädic-Walking mit meinen Unterarmgehstützen auf den herrlichen Waldwegen direkt vor der Klinik.

***

17.15 Uhr beginnt die Abendbrotzeit. 17.30 Uhr bin ich vor Ort und stelle mich brav in die Schlange für Krückis, Rollis und medizinisch im Oberkörper verschnürte Kuris. Von meinen drei Skat-Brüdern ist keiner zu sehen – doch Speck-Rolli mampft schon am bekannten Tisch Berge von Brot in sich hinein.

Ich bin dran.

„Und Sie?“

Aus wie beim Fleischer aufgetürmten Wurstbergen, eine Sorte mit fünf Geschmacksrichtungen, darf der Brotbelag ausgesucht werden. Brot, Käse, Ei und Leberwurst stehen ebenso zur Auswahl wie auch drei, dem Namen nach, gesunde Salate. Ich entscheide mich wieder, wie bereits zum Mittag, für buntes Kaninchenfutter mit Dressing, statt Eimerware vom Großhersteller. Der einfache Teil ist geschafft.

Der wirre Blick der Angestellten mit meinem Fresschen auf dem Tablett macht mir ein bisschen Angst, weil sie scheinbar überlegt, erstmal Tische, wie vorgesehen, aufzufüllen. Hutzelmännchen kauert doch schon an einem voll besetzten Tisch im Eckchen, Speck-Rolli ist auch unter. Puh! Aber was sonst noch so rumsitzt, macht nicht wirklich Lust auf Zwangskommunikation am Tisch.

Gnädiger Weise platziert mich die Dame an einem leeren Tisch, wo gleichzeitig ein älterer Herr um die siebzig platziert wird. Huch! Älter, aber einer, der noch auf sich achtet. Gepflegt, ansprechende Figur und modern und sportlich gekleidet. Sehr höflich und freundlich, da er mir auf Nachfrage gleich Tee mit einschenkt. Sympathisches Lächeln. Garantiert ein Guido der alten Schule. Und seine Krücken sind aus demselben Sanitätshaus.

Keine zwei Minuten später sitzen DDR-Herbert und Krückenkäthe (meine Kurzform: KK) mit am Tisch.

Sie stellen sich nicht vor, aber der Name ist ihnen förmlich auf die Stirn geschrieben. Außerdem ist es mir ziemlich egal, wie die Leute hier wirklich alle heißen. Ich will sie für mich auseinanderhalten.

DDR-Herbert sitzt tatsächlich im guten blauen Trainingsanzug am Tisch – das war noch Qualität!

Und bevor er das Mahl startet, holt er einen Kamm aus der Tasche und striegelt das, wahrscheinlich nicht durch gutes Futter wie bei einer Katze, mega glänzende Haar nach hinten und setzt seine schwarze, zum Haar passende Hornbrille ab. Ich gehe davon aus, dass er von Mutti noch weiß, man setzt sich mit gekämmten Haaren und gewaschenen Händen an den Tisch zum Essen. Die Hände hat er hoffentlich vor Betreten der Mensa ordentlich desinfiziert, wie es uns gehießen wurde. Und das mit den Haaren ist ihm sicher zu spät eingefallen?! Immerhin kämmt er sie ja noch vor dem Essen!

Beides, Haare und Brille hätten durchaus mal eine Reinigung nötig gehabt. Aber dazu sind ihm wohl die Worte von Mutti, auf Grund seiner etlichen Lenze auf dem Buckel, entfallen. Und fragen kann er sie bestimmt nicht mehr.

Wie auch Krückenkäthe hatte er sich nur für Knäckebrot mit Belag entschieden und nimmt das als Anlass, Kontakt zu KK aufzubauen. Sie erklärt, dass sie Knäckebrot liebt und froh ist, dass man dies wählen kann: „Gibt es ja nicht mehr überall zu kaufen!“

Okay, ich weiß ja nicht, wo KK wohnt? Aber wenn Sie in ihrem 300-Seelendorf regelmäßig zur verbarrikadierten Bruchbude rennt, wo man noch schwach „Konsum“ lesen kann, wird sie nie mehr, außer in dieser Kur, Knäckebrot essen.

DDR-Herbert wiederum erklärt mit kauenden Knuspergeräuschen allen am Tisch, dass er zum Knäckebrot greift, weil das zum Abend reicht und nicht unnötig belastet.

„Wird sonst ja immer mehr auf den Rippen!“ vernehme ich zwischen seinen Knabbergeräuschen. Auch das verstehe ich.

Bleibt nur die Frage, welche Diät es ist, wenn man die Leberwurst vierfach so dick wie das Knäckebrot draufschmiert und in eine kleine Tasse Tee drei Tütchen Zucker schüttet? Und auch noch umrührt!

Kapitel 2

Entspannt liege ich auf meinem gelb-weiß gestreiften Badehandtuch der Kurklinik. Die Vöglein zwitschern. Ich bin klatschnass. Mein Körper hat eine Mordsleistung vollbracht. Ja! Ich bin stolz auf mich! Langsam bewege ich mich von meinem Badehandtuch, versuche es zumindest, denn es klebt an mir ... ich sitze ... und die Vöglein trällern so schön ihr Morgenlied! Die Sonne zeigt sich auch schon... 

Obwohl ich es eigentlich gar nicht darf wegen der noch zugetackerten Operationswunden und ich es auch bei der Eingangsuntersuchung beim Arzt abgelehnt habe, habe ich nun doch Wassergymnastik gemacht.

Ups! Das ist in diesem Stadium nach der OP noch VERBOTEN! Aber gegen Gymnastik in einem Wasserbett kann Frau Chefärztin nichts haben!

Dank Gummilaken unter dem Hauch-von-nichts-Bauwolllaken auf meinem Bett und meinen vor Katerschmerzen weinenden Muskeln, stimmt das Entwässerungssystem nicht so ganz. Das gelb-weiße Badetuch, des Nachts schnell als Trocknungsgerät aus dem Badezimmer geholt, hat seine Aufgabe perfekt erfüllt – Wasser aufgesaugt. Trotzdem bin ich noch klatschnass. Mein Do-it-yourself-Wasserbett muss ich wohl noch einmal überdenken oder mir für die nächste Nacht lieber meinen Badeanzug bereitlegen.

Das erste Frühstück in dieser Beherbergungsstätte beginnt mit Schlange stehen als gäbe es kein Morgen. Nun ja, der Druck ist groß, schließlich steht ein straffes Tagesprogramm für jedermann an. Das persönliche Patientenbuch, in dem das ärztlich verordnete To-do-Programm für jeden Tag schriftlich verankert ist, trägt jeder Bewohner immer bei sich, damit es gleich nach der morgendlichen Kalorienzufuhr mit den Anwendungen losgehen kann.

Wie am Abend zuvor kann man aus den liebevoll wie beim Fleischer angerichteten 5 Wursttürmen, Käse, Brot, Brötchen, Marmelade und Joghurt wählen.

Ich hätte gern auch Ceralien!

Wie kann ich nur!

Genervt von meiner Unwissenheit wird mir kurz, knapp und knackig erklärt, dass man diese selber am Ceralienstand, auf der rechten Seite des Speisesaals, in ein Schälchen tut und dieses dort stehen lässt. Dort wird es dann vom Personal geholt, an der Bedienungstheke noch mit dem gewünschten Joghurt oder Quark aufgepeppt und auf dem Tablett serviert.

Puh! So früh am Morgen und schon wieder was gelernt, verstanden und hoffentlich bis morgen nicht vergessen, um es ablauftechnisch korrekt umzusetzen. Ich will ja keinen Ärger!

Heute gibt es dann eben nur Heidelbeerquark zu meiner anderen Auswahl. Man is(s)t ja zufrieden.

***

Mein erster Tag ist mit acht Tagesordnungspunkten ganz schön vollgepackt. Wann soll ich mir denn da Ruhe gönnen, in mich gehen und die Seele baumeln lassen?

Da ich noch keine der Therapien und Maßnahmen kenne, bleibe ich optimistisch und begebe mich gut gelaunt auf die Suche nach den entsprechenden Räumlichkeiten, in denen ich Hilfe für meine Genesung bekomme.

Krankengymnastik Hüfte in Einzeltherapie ist eine meiner Vormittagsbeschäftigungen. Tatsächlich habe ich anscheinend das große Los gezogen und darf diese Einzeltherapie bei der Chef-Physiotherapeutin der Heilanstalt absolvieren.

Bevor sie mit mir turnt, lässt sie mich wissen, dass sie sich einen Überblick von mir und meinen Hüften verschaffen muss, um dann gezielte Kräftigungsübungen mit mir machen zu können. Klingt logisch, also bin ich bereit.

Mit der Frage, was denn meine Ziele dieser Reha sind, bringt mich Frau Berufssadistin sofort in Hab-Acht-Stellung. Da sie scheinbar lesen kann, befördert sie ohne Umschweife meine Gedanken ans Licht und erklärt, dass sie unabhängig von den Ärzten am Ende meiner Heilbehandlung einen Erfolgsbericht aus Therapeutensicht über mich schreiben muss. Da ich keine Lust auf Diskussion habe und auch Zeit sparen will, gebe ich ihr Recht, dass sie Recht hat. Die Schmerzlinderungsbeauftragte ist jedoch auch über die durch den Arzt gesetzte Zielstellung, am Kurende 1000 Meter laufen zu können, irritiert und gibt lächelnd zu bedenken, dass ich nur allein durch die weiten Laufwege in dieser Klinik bereits am ersten Tag diese Ziellinie mehr als erreicht habe. Prima! Sie wird mir sympathisch, da auch sie den Schwachsinn dieser Zielsetzung erkennt. Während sie munter weiter plappert und Fragen stellt, misst sie mit Winkelmesser und Lineal an mir herum, notiert ihre Feststellungen und ist dann der Meinung, wenn ich es in ihren sehr kurzen Atempausen mal geschafft habe, auch etwas zu sagen, dass ich ein bisschen zu viel Optimismus mitbringe. Ich würde förmlich vor Energie übersprühen und mit meiner lockeren Art sehr wahrscheinlich die ein oder anderen Probleme übertünchen wollen, ist sie sich sicher. Außerdem weiß sie, dass es Momente geben wird, wo auch ich an meine Grenzen stoßen werde und alles verfluche und dann Hilfe brauche.

Was zum Teufel soll das? Warum kennen mich hier alle, wo ich mich doch selbst manchmal nicht kenne? Die sollten froh sein, mich nicht zu kennen!

Ich gehe kurz in mich und überlege, dass ein Physiotherapeut, wo ich gerade bin, und ein Psychotherapeut, wo die mich hier scheinbar unbedingt hin haben wollen, eigentlich dasselbe machen: Probleme lösen, von denen man eigentlich nicht wusste, dass sie existieren und dass auf eine Art und Weise, die man sowieso nicht versteht.