Zwillinge - Thomas Kewitz - E-Book

Zwillinge E-Book

Thomas Kewitz

0,0
2,49 €

  • Herausgeber: neobooks
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Auf der Suche nach der „ultimativen Erkenntnis“ steht zunächst der Tod anderer im Mittelpunkt. Freunde, Eltern, Wesen, mit denen ich vielleicht nicht für lange, aber intensiv eine „Lebensblase“ geteilt habe. Dabei spielt der Tod meines Vaters eine besondere Rolle. Denn damals, kaum Twen, begann sich eine ganz eigene Lebensphilosophie zu entwickeln, die erst heute, nach einem langen und erlebnisreichen Leben ihren Sinn erfüllt, tatsächlich zu einem Kompass geworden ist. Mit Hilfe dieser Orientierung betrachte ich nun erzählerisch und bald tagebuchartig meine eigene persönliche Evolution im Kontext zum großen Ganzen. Es geht also nicht nur um den zerstörerischen Verlauf meines ererbten genetischen Defektes, den Umgang und Verlauf vor dem Hintergrund des spanischen Gesundheitswesen, die Beschreibung einer schleichenden Krankheit, die mich vor größte persönliche Anforderungen stellt, ein paar Tips für ebenso Betroffene, sondern auch gleichzeitig um die antidemokratischen Strömungen in den Gesellschaften weltweit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 354

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Ich schaue mir diesen Bauch an, und beginne ein Buch zu schreiben. Mein erstes Buch nur für mich. Ich muss niemanden mehr gefallen, niemanden mehr unterhalten. Nicht so wie all die Jahre zuvor, in denen es auf unzähligen Blättern Papier im Prinzip nur darum ging, Anerkennung zu ernten, bewundert, ja geliebt zu werden.

Es existiert kein Plan. Ich habe keine Ahnung wo das Ganze enden wird. Ich sehe einfach diesen Bauch, sehe mich schwanger gehen, mit dieser meiner Geschichte und bin höchst gespannt, was hier zur Geburt reift.

Eigentlich wirkt dieses Ding fremd, scheint so gar nicht zu passen. Macht eher einen absurden Eindruck zwischen meinen sehnigen Gliedern. Kaum zu glauben, dass diesem Monstrum einst die schönsten Frühlingsgefühle entsprangen. Zu jeder Jahreszeit. Immer wieder wimmelte es von Schmetterlingen. Ein Bauch, so rundum positiv. Quell unerschütterlichen Optimismus. Hort zweier ganz normaler Nieren, faustgroß, ungefähr zweihundert Gramm schwer, die sich mittlerweile auf ihr Zehnfaches vergrößert haben. Jede Einzelne besitzt nun die Ausmaße eines Footballs, wiegt runde zwei Kilo und ist durchsetzt von unzähligen bis zu apfelgroßen Zysten, die sich im Prinzip von Pisse und Zucker nähren.

PKD, Polycystic Kidney Disease, polyzystische Nieren, eine der häufigsten lebensbedrohlichen, uns bekannten Erbkrankheiten. Allerdings ist „häufig“ relativ. Von rund tausend erwischt es Eine/Einen, höchstens Zwei…

Meine Großmutter starb daran. Am Ende ihrer Vierziger, lange vor meiner Geburt. Jene, von der man erzählte, dass sie als ehemalige Garderobiere des Wiener Konzerthauses mit dem damals überaus bekannten Dirigenten Karl Böhm ein Techtelmechtel einging, dessen Resultat meine Mutter gewesen sein soll… Tatsächlich besaß Muttern eine kleine goldene Damen Uhr, die ihr einst der Sohn des Dirigenten, Karlheinz Böhm, also eventueller Halbbruder, persönlich überreichte, als sie 13, 14, oder 15…wurde. Also kurz bevor Karlheinz in der Rolle des österreichischen Kaisers Franz Joseph I an der Seite Romy Schneiders mit der Sissi-Trilogie bis zu 25 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte. Ein Kaiser der seine minderjährige Cousine zur Frau nimmt. Eben jene inzestuöse Kinderehe, die ständig Sonntagnachmittag zum obligatorischen Kaffee und Kuchen über den alten Grundig flimmerte. Ausgerechnet! Da war mir Elvis oder Peter Alexander lieber. Ja selbst Peter Kraus!

Leider habe ich es verpasst mich noch während der Lebenszeit meiner Mutter für die ganze Geschichte wirklich zu interessieren. Geschichte interessierte mich immer, aber nur im Großen, nicht im Detail. Vielleicht wollte ich aber die Dinge noch nicht zu früh an mich heranlassen…

Auch sie starb an den Konsequenzen von PKD. Die „Lulu-Oma“. So nannten sie meine Kinder. Klar. Pinkeln ist Top Thema eines jeden Nierentoten. Auch bei mir jetzt, an der Dialyse. Es tropft zwar nur noch, aber noch nie war pinkeln so schön wie heute...

Sieh Dir diesen Bauch an. Einst blickte ich an mir herunter, verglich das Erblickte mit dem Wanst meines Freundes Chema und dachte „Jetzt ist Schluss mit der Biersauferei“. Das war am Strande des Atlantiks in Marokko. So um das Jahr 2010, am Ende einer viel zu langwierigen endgültigen Trennung von der Mutter meiner Kinder.

Die Tage davor waren wir mit dem kleinen Fiat Panda durch das Rif gejagt, bepackt mit Stiegen voller warmer Bierdosen. Die Grundversorgung Chemas. Ziel war ein Dorf inmitten von Niemandsland, zu dem nur ausgestorbene Pisten führten. Dort lebten die „Ex-Schwiegereltern“. Ein Dorf ohne Autos, ohne blonde Menschen. Es erinnerte mich an Besuche in der ländlichen DDR, als plötzlich massig Kinder und Hunde hinter unserem Gefährt herrannten, als wären wir Rockstars. Nur, dass wir hier keine Kugelschreiber mit westlichen Firmen Emblemen hinaus schleuderten um die Meute loszuwerden. Doch mein Freund konnte genügend Arabisch, brauchte bloß etwas mit „Allah“ zu zischen, und der Stress Moment verging im Nu.

Langsam fuhren wir auf der staubigen Piste an Behausungen vorbei, die eher Ställen glichen, bis wir an einer aus Schrott und Brettern zusammen geschusterten Hütte ankamen.

„Hier??“ fragte ich ungläubig. Um das Ganze komplett zu machen fehlte nur noch die Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tod.“

Chema hatte in diesem Dorf vor nicht allzu langer Zeit eine fast dreißig Jahre jüngere Frau geheiratet, der Idiot! Die marokkanische Hochzeit war Bedingung, um die Tochter mit nach Europa mitnehmen zu dürfen. Er war verliebt, obwohl ich persönlich sie nicht nur für zu jung, sondern ebenfalls für zu doof und dick hielt.

Auch scheute er nicht davor sich deshalb ordentlich zu verschulden, ja selbst zum Islam zu konvertieren. Eine weitere Voraussetzung, um die junge Frau mit nach Spanien nehmen zu können, dort offiziell als Hausangestellte anzumelden, und natürlich auch die auf der spanischen Halbinsel üblichen hohen Sozialversicherungskosten zu bedienen. Hier natürlich nicht mehr rechtsgültig verheiratet.

Doch tatsächlich erlebte ich die Beiden recht glücklich, ständig am kichern, essen und einkaufen . Bis auf den Tag, als wir von einer Reise nach Madrid zurückkamen und die junge Dame verschwunden war. Mit ihr ein Haufen Wertgegenstände und jede Menge Bargeld, das mein Freund im Hause gebunkert hatte. Einen Tag später stand die Polizei mit einer Anzeige wegen Körperverletzung vor seiner Tür. Aufgegeben in Sevilla, rund 300km entfernt, von eben jener jungen Frau. Da in Spanien nach wie vor die Schuldannahme gilt, sofern es sich um eine Anzeige einer Frau gegen einen Mann handelt, landete er noch am gleichen Tag für 48 Stunden in der Arrestzelle, und brach in Tränen aus, als ich ihm ein Päckchen Zigaretten vorbei brachte. Die arme Sau! Schließlich vor den Richter, und bis zur endgültigen Verhandlung einmal die Woche bei der Polizei melden, und natürlich mindestens dreihundert Meter Abstand zu dem angeblichen Opfer halten. Zwei Jahre dauerte es, bis sie ihn freisprachen. Währenddessen kassierte die Dame eine monatliche Opferrente, arbeitete schwarz als Hausmädchen in einer sevillanischen Familie, und telefonierte fröhlich durch die Welt. Die horrenden Rechnungen erhielt Yussuf, alias Chema, da alles noch über ihn lief und er den Vertrag nicht rechtzeitig gekündigt hatte.

„Echt hier“ fragte ich noch einmal die Augen weit aufgerissen. Staub, kaum Grünes, nur ein alter Olivenbaum, halb vertrocknet, und über allem der Geruch von Tierscheiße. Kein fließend Wasser, kein Strom. Voll Sahelzone.

Eine uralt anmutende Frau kam auf uns zu. Sie schien um die hundert, war aber erst fünfzig. Mutter von unzähligen Kindern, davon etliche tot. Und sie liebte Yussuf. Unschwer zu erkennen. Einmal rettete er ihr Leben mit 2,50€. Das kostete die Packung Antibiotika. Eine lächerliche Zahninfektion bedeutete fast das Ende, weil diese Familie nicht einmal 2,50€ locker machen konnte. In Marokko sterben die Leute vor den Eingängen der Krankenhäuser. Ohne Kohle kein Leben. Ganz schön amerikanisch!

Chema, ziemlich besudelt von dem warmen Bier, vor lauter Nervosität hatte er mal schnell zuvor zehn Büchsen vernascht, begann sich in die Rolle des betrogenen Ehemanns zu begeben. Tränen flossen und immer wieder beteuerte er ihrer Tochter nichts angetan zu haben. Das verstand sogar ich. Allerdings ließ sich aus den Reaktionen der Mutter lesen, dass dies gar kein Thema war.

Sie führte uns zu ihrem Gatten, ein kleines verdorrtes Männchen, mit einem unglaublich einnehmenden Lächeln. Schließlich saßen wir alle auf Steinblöcken vor dem winzigen Haus, aus dem immer wieder ein neuer Kopf lugte und uns begrüßte. Eigentlich alles ohne Worte. Dann kam der Jüngste von der Arbeit, jeden Tag zwei Stunden zu Fuß über Stock und Stein, um dann bis zu zehn Stunden in einer Fruchtkonservenfabrik zu arbeiten… selbstredend für einen Hungerlohn, der für die ganze Bagage reichen musste. Doch er konnte ein paar Brocken spanisch, so dass die Kommunikation an verständlichen Tönen gewann. Alles sehr einfach, auch die Weltsicht. Der Vater ließ erkennen, dass seine Tochter nicht mehr seine Tochter sei, sondern Yussufs offizielle Ehefrau, und somit er alleine für sie verantwortlich. Allerdings räumte er ein, dass es Dinge gibt, die man nicht tut. Zum Beispiel den Ehemann beklauen. Wohl ab jetzt ein Grund für seine Tochter, sich besser nicht in ihr Dorf zurück zu trauen. Denn so jemand will man dort nicht haben. Genauso wie ihre ältere Schwester, die, wie jetzt herauskam, schon seit Jahren In Sevilla als Prostituierte arbeitete, und wohl die Auslöserin des Ganzen war. Sie seien schlechte Menschen, ohne Respekt vor der Autorität des Mannes, und somit für den Vater nun tabu. So, einfach gesagt und getan, Thema beendet. Wie wäre es mit einer neuen Frau? Schließlich gab es da noch mehr Töchter…

Bei der Anreise sprach Chema davon, dass es ihm wichtig sei, persönlich mit den Eltern zu reden und die Dinge klar zu stellen. Natürlich erhoffte er sich ebenfalls den väterlichen Machtspruch, die Anzeige wieder zurück zu nehmen. Tatsache war aber auch, dass er vor langer Zeit am Rande des Hauses fast ein Kilogramm Haschisch versteckt hatte, das er nun wieder mitzunehmen gedachte und auch tat. Und kaum saßen wir im Auto, entfernte sich in Blitzeseile der depressive Gesichtsausdruck des betrogenen Ehemanns und an seine Stelle trat das Lächeln eines pubertierenden Buben…

Allerdings mit dem gleichen dicken fetten Bierbauch wie schon zuvor. Ja mein Freund war Bier-Alkoholiker. In Spanien kein Problem, und im islamischen Marokko auch nicht. Denn er kannte in jedem verfluchten Ort einen meist gut versteckten Schuppen, in dem man uns das marokkanische Gesöff verkaufte. Selbst am Arsch der Welt. Bier, das offiziell nur für uns ungläubige Touristen gebraut wurde.

Ich trank zwar lange nicht so viel, doch regelmäßig. Und so lag es nahe, vor allem bei Betrachtung des Bauches Chemas, dem Gerstensaft die Schuld für meine eigene physische Expansion zu geben. Also trank ich nicht mehr. Doch natürlich ohne Erfolg.

Chema, das ist die spanische Kurzform für Jose Maria, starb 2015. Eine Mischung aus Unfall und Selbstmord. Wie oft hatten wir das Thema… Entscheide Dich! Leben oder Tod! Er gehörte zu den ersten zweihundert Hippies in Francos Madrid, von denen die Meisten schon früh das Zeitliche segneten. Damals war es leichter an Heroin als an Marihuana zu kommen. Noch in den späten Achtzigern saß in jeder spanischen Großfamilie mindestens Eine/Einer am Tisch, vollkommen weggetreten, sabbernd, und wenn nur dummes Zeugs labbernd. Doch das schien integriert, entbehrte jeder Dramatik. Es wurde kein Unterschied gemacht. Man betrachtete die Nadelabhängigen wie den Alkoholiker. Also ganz normal…. Niemand hätte die Sucht als Krankheit bezeichnet. Natürlich vor allem das Resultat fehlender staatlicher Aufklärung.

Selbst als Bankangestellter jagte sich Chema das Teufelszeug noch ins Blut. Einen Schuss auf dem Kloo und anschließend an die Kasse. Und keiner merkt es…..

Ich hätte es gemerkt. So wie ich es merke, ob jemand zu viel gekifft, gekokst, Tranquilizer geschluckt hat, auf einem Pilz-, Tollkirschen-, Stechapfel- oder LSD Trip, besoffen oder einfach nur verrückt ist. Es gibt nur wenige Substanzen, deren Begleiterscheinungen mir nicht persönlich bekannt sind. Bekannt, weil nicht nur selbst probiert, sondern vor allem über lange Zeiträume beobachtet. Darum zolle ich Menschen wie Chema einen großen Respekt, wenn sie sich von dem einen oder anderen lossagen konnten. Na ja, was heißt lossagen? Im Prinzip tauschen wir nur das Eine gegen das Andere aus. Und wie oft hörte ich mich sagen, die schlimmste aller Drogen ist das Leben selbst.

Chema tauschte Heroin gegen Bier, viel Bier. Aber aufgrund seiner ungewöhnlichen Genetik, diesem großen hochgewachsenen Körper, konnte er sich sehr viel mehr antun als die Meisten anderen. Es gab Zeiten, in denen er monatelang jeden Tag zwischen sieben und neun Litern Bier trank. Für andere Nahrung war da kein Platz mehr. Und so brach dieser riesen Typ regelmäßig zusammen, wurde eingeliefert, um dann anschließend ein/zwei Wochen alkoholfrei zu bleiben. Wie viele Male von mir solidarisch begleitet! Für mich aber war das nichts weiter als eine willkommene Gelegenheit einfach mal wieder eine Weile keinen Alkohol zu trinken. Doch für Chema ging es zunehmend um Leben und Tod. Er hatte sich in einer Endlosschleife verheddert. Gut. Endlos ist relativ, auch wenn es das nicht sein sollte.

Und immer wenn ich ihn zur Seite nahm und ihn auf allen möglichen Weisen daran erinnerte, dass er eine Entscheidung treffen musste, eben Leben oder Tod, schaute er mich mit diesen wunderschönen großen mandelfarbigen Augen an, grinste wie ein kleiner unschuldiger Junge, erwiderte etwas die ganze Weichheit seines herzlichen Wesens offenbarend mit einer Selbstironie, wie sie mir bis heute nicht noch einmal begegnet ist. Die volle Entwaffnung.

Ihm verdanke ich es zu großen Teilen, das ich mich heute schnell ermahnen kann, wenn sich mal wieder meine Gedanken um vollkommen unnötiges Zeugs drehen. Etwas, das Chema zum Schluss ständig geschah und mich mal laut, mal sarkastisch, mal liebend aufregen ließ. Aber was ihn letztlich umbrachte war Orientierungslosigkeit, die ungeheuren Selbstzweifel und gnadenlose Entscheidungsunwilligkeit.

Die Beerdigung fand in Granada statt. Auf dem städtischen Friedhof, gleich neben der Alhambra. Es war das erste Mal, dass ich einer solchen Zeremonie beiwohnte. Und meine zweite Beerdigung überhaupt. Und das bei so vielen Toten! Damals aber, das erste Mal, dazwischen lagen rund 30 Jahre, wartete ich vor der Kapelle. Erst als die winzige Gruppe mit der Urne in ihrer Mitte hinauskam, schloss ich mich ihnen an um dann das schmucklose Ding zu versenken. Darin verglüht ein anderer intimer Freund. Ollie hatte sich mit Anfang Zwanzig eine Überdosis verpasst. Ganz sicher ohne Absicht.

Mit ihm stritt ich mich oft darüber, dass er von nichts genug bekommen konnte. Und das ihm die Dröhnung wichtiger als die Liebe sei. Uff! Ich kritisierte natürlich nicht nur ihn, sondern vor allem mich. Allerdings in jenen Jahren noch sehr unbewusst.

Auch mit Olli verbrachte ich endlose Momente, wir alleine, in einer winzigen Lebensblase, obwohl sie uns damals gar nicht so klein vorkam… Doch natürlich war auch diese längst geplatzt, als er sich die ultimative Nadel ansetzte.

Wenige Tage vor seinem Tod trafen wir uns in einer Bar. Das Gespräch war kurz. Er beschwerte sich von mir noch nicht ein einziges Mal nach Berlin eingeladen worden zu sein, und ich antwortete und erklärte, solange er an der Nadel hinge, wollte ich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Null. Ebenso wenig wie mit so einigen anderen, mit denen wir früher zusammenhingen. Übrigens heute auch alle tot. Totgespritzt.

Chema lag aufgebahrt in einem schlichten hölzerneren Sarg, leicht schmunzelnd. Und während die rund fünfzig anwesenden Personen dem Pfarrer lauschten, starrte ich wie gebannt auf meinen großen friedlichen Freund in seiner engen Kiste. Plötzlich liefen die Tränen. Und sie liefen und liefen. Zum Glück saß neben mir einer der Brüder Chemas und teilte mit mir sein Taschentuch, das von nun an ständig zwischen uns hin und her wanderte. Mir wurde klar, dass ich all diese Tränen nicht nur für Chema weinte, sondern auch für die vielen anderen Toten. Nie zuvor hatten sie es geschafft mir nur einen Tropfen zu entlocken. Nicht einmal meine eigene Mutter. Und jetzt ein Wasserfall…

Der Anblick der Leiche war mir nicht neu. Schon mit rund achtzehn Jahren sah ich meine ersten hominiden Kadaver. Und gleich Drei in einer Woche! Damals arbeitete ich in einem Hospiz für die Ärmsten der Ärmsten in Fulda. Verknackt zu 48 Stunden Sozialarbeit. Man hatte Ollie und mich dabei erwischt wie wir in einem Privatteich einen Hecht angelten. Oder war das doch wegen der unzähligen geklauten Autoradios? Jedenfalls bekam Ollie „nur“ eine Geldstrafe, während man mich zu den Nonnen schickte. Seltsamerweise empfand ich es gar nicht wirklich als Strafe, sondern konnte dem Ganzen Positives abgewinnen.

Einmal floh ich mit zwei super Greisen, davon ein Spastiker im Rollstuhl, in die Innenstadt. Wahrscheinlich unbewusst inspiriert von „Einer flog über das Kuckucksnest“. Auf jeden Fall hatten die alten Herren ihren Spaß. In einem Tabakladen erpresste ich Zigarren, und in einem Kiosk für jeden eine Büchse Bier. Wie? Ganz einfach! Ich sagte, dass wir nicht eher verschwinden. Und weil sich die restliche Kundschaft durch meine beiden sabbernden Halbtoten ziemlich belästigt fühlte, dauerte es nicht lange, bis wir im Zentrum der Stadt, unter den kritischen Augen der damals rund 95% katholischen Fuldaner, gemütlich eine kostenlose Havanna pafften und ein ebenso kostenloses Bierchen dazu schlürften… also schlürfen im wahrsten Sinne des Wortes.

Am nächsten Tag starb der alte Spastiker. Trotz seiner ständigen Verrenkungen strahlte er für mich vom ersten Moment an ungewöhnlich viel Würde aus. Seine Glieder mochten sich selbständig gemacht haben, aber sein Geist schien von ihm selbst kontrolliert. Er sprach zwar so gut wie nie, denn es kostete ihn enorme Kraft, doch die Augen waren voller Weisheit und Wärme. Im Gegensatz zu dem trüben toten Blick eines anderen bemitleidenswerten Greises, der ihm gleich darauf in die Unterwelt folgte. Wie nur einen Tag später eine arme alte Oma, die manchmal nur deshalb in das Bett pinkelte, um die bitter ersehnte Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Unten im Keller lagen sie dann, katholisch aufgebahrt, umringt von großen immer brennenden katholischen Kerzen, fein zu Recht gemacht. Es war mir wichtig, wenn auch tränenlos, von diesen armen Geschöpfen Abschied zu nehmen. Denn ich hatte das Gefühl, dass sie mich wirklich mochten. So verbrachte ich einige Zeit mit dem Anblick der Leichen. Tote, um die sich schon zu Lebzeiten keiner scherte. Gab es Familienangehörige, so tauchten sie oft erst jetzt auf um zu sehen, ob es noch etwas zu erhaschen gab. Und wie viele kamen nur für ein paar Minuten zum Monatsersten um die Sozialhilfe der Sterbenden zu kassieren! Leben scheiße, Tod scheiße…

Ein anderer Freund, mit dem ich schon in der Pubertät begann so einige Lebensblasen zu teilen, war Frisco. Er starb 2014 an Leukämie. Unsere gemeinsamen intimen Momente verteilten sich über die Jahre. Den Letzten dieser Art, so Anfang der 2000er, als er uns mit seiner ersten Tochter in Spanien besuchte. Ja, wir waren jetzt „Papas“, nicht mehr die wilden Jungs von früher. Und wild, das waren wir! Wobei Frisco immer schon zu den mehr geerdeteren Typen gehörte, und ich mich oft dabei erwischte, gerade gegenüber ihm auch so erscheinen zu wollen. Allerdings ohne Erfolg. Denn für Frisco blieb ich immer der „Abgehobene“, egal wie vehement ich dagegen argumentierte, egal wie viel Bäume ich pflanzte oder Häuser baute. Doch er meinte „abgehoben“ im Sinne der Freiheit eines Paradiesvogels, ohne gesellschaftliche Konventionen. Von denen fühlte er sich einerseits sein ganzes Leben stark eingeschränkt, aber andrerseits befriedigten sie sein erhöhtes materielles Sicherheitsbedürfnis. Etwas, das mir bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben ist. Aber ich fühle, dass es genau das ist, worum er mich beneidete, und wofür er mich liebte. Wie oft versuchte Frisco mich zu bremsen, während ich versuchte ihn zu überreden! Immer wieder das gleiche Spiel: Bedenken, Besorgnis äußernd, hin und her und schließlich „scheißegal“ mit dem Resultat, meist etwas Tolles erlebt zu haben.

Für mich war dieser Mensch ein Fels in der Brandung. Er lebte seine Prinzipien, einen dem Herzen entsprungenen Humanismus, und doch begleitet von der ständigen Frage nach dem Sinn des Ganzen. Vielleicht war es diese Frage, die ihn letztendlich aus dem Leben riss. Ich weiß es nicht. Leider hatten wir die letzten Jahre kein Kontakt. Beide nun Familienväter, Garten, Hypotheken, einfach ordentlich eingespannt. Er 2300 Kilometer weiter nördlich im höchst gelegensten Dorf Hessens, in dem ehemaligen Einfamilienhaus eines Pfarrers, durch dessen Flure einst meine Mutter wandelte, als sie Ende der Sechziger dessen Buchhalterin war. Welch´Zufall…

Ich frage mich, ob es bei mir überhaupt angekommen wäre, wenn ich von der Leukämie gewusst hätte? Ich, der sich schon als unfähig erwies, den Leidensweg der eigenen Mutter zu realisieren. Wahrscheinlich nur von Angesicht zu Angesicht. Wahrscheinlich nur in einer neuen Blase…

Ja Mensch, was ein Bauch! Als ich einst einsah, dass sich seine Größe anscheinend doch nicht vom Biere nährte, dachte ich, dann müsse es wohl eine Laktose Unverträglichkeit sein. Kein Käse, kein Joghurt, keinen Kakao mehr. Das war schwieriger als das Bier. Wirklich nur Gase, nur Luft? Obwohl wissend um den genetischen Defekt, obwohl wissend um die längst getroffene Diagnose, harrte ich auf dem ignorierenden Standpunkt, nichts mit all dem zu tun zu haben. Selbst mit Ende Vierzig ging ich noch davon aus, dass mich mit meiner Familie höchstens der Nachname verbindet. Zwar wurden schon erste Zysten vor Jahren zufällig entdeckt, aber natürlich bin ich nicht jedes Jahr zu der verurteilten Revision gegangen. Im Gegenteil. Zwischen 1999 und 2011 kein einziger Arztbesuch. Nur mal ein angebrochener Arm, als ich vom Dach fiel… So war es ein Leichtes sich in der Illusion zu wiegen, nichts wirklich mit den Mädels mütterlicherseits gemeinsam zu haben, also nicht mein Problem.

Auch das Resultat der Verbindung eines damals 48 Jahre alten Preußens mit einer 17 Jahre jüngeren Schlesierin zu sein, entbehrte lange meiner Akzeptanz. Der alte Charmeur. Tausend rote Rosen auf ihrem Bürotisch und eine Einladung zum Diner. Muttern arbeitete damals Mitte/Ende der goldenen Fünfziger für Warner Brothers in Frankfurt, als einfache Sekretärin. Und Papa war Chef von der Werbeabteilung der Paramount Pictures Deutschland. Klar, immer gestriegelt, die intellektuelle Pfeife zwischen den damals noch vorhandenen Zähnen, massig Pomade in den nach hinten gekämmten Haaren, und das bis zu seinem Tod. Ich kann es noch heute riechen. Wie so vieles. Erinnerungen, die sich am Geruch orientieren. Mein Langzeitgedächtnis ist voll davon. Und jeder Ort, jede Kreatur besitzt einen anderen Geruch. Und Vatern stank. Sein Geruch war natürlich für mich der Inbegriff von Männlichkeit. Logisch. Er war ja der erste Mann in meinem Leben. Und wie oft ertappte ich mich dabei inständig zu hoffen, niemals ein solcher Mann zu werden, so zu stinken, überhaupt so alt so werden…

Papa und Mutti wurden ein Jahr nach ihrer Hochzeit von dem hessischen Bembelkönig Heinz Schenk zum glücklichsten Ehepaar gekürt, natürlich in Schwarz-Weiß, gewannen eine Kreuzschifffahrt, noch ohne die heute üblichen Ringelschwanztänzchen und selbstredend in Etikette! Der Königsberger und die junge Breslauerin. Beide waren sie schwer verknallt. Die alten Fotos lügen nicht! Doch sicher aus unterschiedlichen Gründen. Vatern hatte ja schon einmal geheiratet, eine Ehe aus der drei Söhne entsprungen sein sollen. Zwei kannte ich, Mischa liebte ich, der andere ist schwer zu finden, weil er nicht gefunden werden will. Wir alle, sämtliche Söhne meines Vaters, also mindestens derer Vier, hatten das gleiche Problem mit ihm. Der alte Feigling und Muttersohn war schwer zu respektieren. So viel Show! Auch meine besten Freunde ließen sich blenden. Spätestens wenn er seine Karten zuckte… Unmengen von Fotos aus seiner kurzen Paramount Zeit mit sämtlichen damaligen Superstars Arm in Arm. Die Jungs verglichen ihn mit ihren eigenen Vätern, die nicht solche Fotos besaßen, nicht „Männer von Welt“, sondern einfache blöde deutsche Spießer waren. Sie erkannten nicht, dass mein Vater zwar nicht unbedingt ein Spießer, aber etwas viel Schlimmeres war, nämlich nur eine Attrappe. Meine Persönlichkeit ist wenigstes gespalten, dachte ich. Aber seine entbehrte jeglicher Konsistenz, schien nichts weiter als ein hundertprozentiges Ergebnis außerhalb liegender Einflüsse zu sein. Klar. Die verlorene Jugend im Krieg. Er war fünfzehn, ein Teen, als es 1933 zur Machtergreifung kam. Hitlerjugend. Dann der Einzug. Und was ein Glück! Meine Oma, seine Mutter, durchquerte einige Male das Reich, um ihn nach Hause zu bringen. Keine Front scheute sie für den Jüngsten von sechs Kindern, von denen nur seine Schwester überlebt hatte. Meist fand sie ihren Sohnemann im Lazarett. Ob an der russischen oder französischen Front. Sie scheute keine Wege für ihr Baby. Kein Wunder das der Jüngste so hörig wurde. Er tat was ihm die Mutter befahl. Die Bindung muss unglaublich gewesen sein und ein hartes Los für die Schwiegertöchter.

Diese Blase platze erst als Oma starb, so um ´68. Ich also noch in ganzer Babyspeck-Pracht. Gleich danach Opa, der alte Monarchist. Und Vatern am Liebsten auch… Ging aber nicht. Zu viele hungrige Bälger. Ich verglich ihn oft mit jenen Kandidaten, die nun endlich die Stütze ihres Lebens innerhalb einer Therapie gefunden hatten, und kaum war der Therapeut entschwunden, brachen ihr Korsett, und damit das ganze Leben vollständig ein. Oma schnürte solche Korsetts. Mutter behauptete, ich hätte mit jener charismatischen Dame so viel gemein, dass wir nur fortwährend am Streiten gewesen wären… Seit dem allerdings sind schon wieder viele Blasen geplatzt….

Und Papas Korsett fiel besonders eng aus. Opa, damals noch Chef vom Königsberger Hauptbahnhof, sah er nur für ein Stündchen am Sonntag. Dann, wenn Oma ihre Bälger zum Report, zur Begutachtung in das Wohnzimmer schickte, das ansonsten für Kinder tabu war. Die Mädchen einen Knicks und Wangenküsschen, und die Jungs Handschlag. Anschließend kurze Berichterstattung über Erziehungserfolge, und ab die Post bis nächsten Sonntag.

Auch mir gab mein Vater nur die Hand. Selbst in der Öffentlichkeit, auch unter den verunsicherten Augen meiner Freunde. So kam selbst noch ich rund siebzig Jahre nach Einführung der Weimarer Republik in den Genuss wilhelminischer preußischer Väterlichkeit. Meine Herren!

Doch das war alles Lug und Trug. Oder wie Mutti häufig bemerkte: Außen hui und innen pfui. Opa war nur der Repräsentant der Familie. Ähnlich dem deutschen Bundespräsidenten. Doch der Kanzler war Oma, sämtliche Fäden in der Hand, denn sie sorgte nicht nur für schöne Worte, oder dafür das die Kinder mehr als satt wurden, sondern ebenfalls etwas später für privaten Unterricht im gutbürgerlichen Vorderhaus in Berlin Wilmersdorf. Bis zum Bruch des Nichtangriffspaktes zwischen Stalin und Hitler verkaufte sie Parfüm nach Russland, leitete eine ganze Fabrik. Sie war es gewohnt immer wieder weitreichende Entscheidungen zu treffen. Nicht nur für ihren Sohn, sondern für alle. Nu wachse mal als jüngstes Kind mit einer solch dominanten Mutter auf! Hinzu kommt das sie Dir wortwörtlich mehrere Male das Leben gerettet hat. Entweder Du bringst Deine Mutter um, also metaphorisch, oder Du vergehst in Formlosigkeit und wechselst nur noch die Waschmaschinen.

So hatte auch bei uns zu Hause eigentlich Muttern das Zepter in der Hand. Und sie hatte es verdient! Schließlich war sie die Einzige die wirkliche Kontinuität, Stabilität und Sicherheit gewährleistete. Doch aufgrund des Dilemmas des gewaltigen Altersunterschieds, siebzehn Jahre, dauerte die heimliche Regierungsbildung ziemlich lange. Einmal fragte ich sie als Teenager, warum sie sich nicht scheiden lassen will. Des Öfteren kam es zu elterlichen verbalen Auseinandersetzungen, die mich als Sohn meiner Mutter einmal sogar eine Ohrfeige austeilen ließ. Die Einzige mir in jener Familie bekannte Äußerung „physischer Gewalt“. Vatern sprach in einer Weise mit Mutti, die ich als Ungeheuerlichkeit empfand und klaps, da war es schon passiert. Die Peinlichkeit dieser Situation zwang den Teenager eine Woche von zu Hause abzuhauen, wie schon oft seit meinen frühesten Lebensjahren. Aber hier ging es nicht um Belange der Freiheit, sondern peinlichen Kontrollverlust. Doch wie immer kehrte ich zurück, erzählte von meinem Erlebten, und das Restliche fiel unter den sich mehr und mehr hebenden Teppich des Schweigens.

Mutti sagte, sie könne sich nicht scheiden lassen, da mein Vater alleine nicht zurechtkäme. Er wüsste weder seine Hemden zu bügeln, geschweige sich etwas zu kochen… War das Ausdruck tiefster Loyalität oder einfach nur saublöd? Es klang wie das Resultat eines preußischen Eheversprechens bis zum Tod, und basierte wohl auf dem Grundvertrauen, das auch ihr Alter es niemals brechen würde.

Wenn Muttern begann mich mit ihrem verstorbenen Gatten zu vergleichen, gemeinsames zu erahnen, womit natürlich zunächst die Defekte gemeint waren, tat das besonders weh. Das sie mich ausgerechnet mit diesem Typ vergleichen musste! Auch ich sei eine Großschnauze, mehr Schein als Sein… und wahrlich, das war ich und bin es zu Teilen noch heute. Eben doch Sohn meines Vaters. Allerdings wurde ihre Einstellung im Laufe der Jahre relativiert, als sie sah, dass meine Anstrengungen bezüglich eigener Familie, eigener Kinder nicht ohne waren und der Vergleich zunehmend hinkte. Und sie sah wohl auch ein, dass man einen Heranwachsenden auch zur Großschnauze erziehen konnte, wenn man ihm ständig einhämmert der Intelligenteste aller ihrer Kinder zu sein und nicht aufhört zu sagen „Der Thommy macht das schon!“ Das tut mir nicht nur Leid für meine Geschwister, deren Intelligenz damit automatisch abgestuft wurde, sondern auch um die viele Zeit die es mich kostete, jene auferlegte Arroganz loszuwerden. Da aber war unsere Blase schon lange geplatzt. Dachte ich, fühlte ich. Doch jetzt, in meinem eigenen, von Menschen ziemlich entleerten Raum, über alle Zeit der Welt verfügend, tritt Mutti manchmal in mein Bewusstsein und wir quatschen über alles. Von Fisteln, Pillen, Phosphor, Kalium oder urinieren, bis über die Liebe und ihre unendlichen Facetten.

Als Vatern starb war ich so um die Neunzehn, lebte schon rund zwei Jahre außerhalb des elterlichen Einflussgebietes. Damals bewohnten Ollie und ich die letzten zwei Zimmer von über hundert eines ehemaligen katholischen Konviktes. Ein riesen Gebäude, mehrere Etagen hoch, mit Fluren soweit das Auge reichte. Richtig katholisch. Noch der Geist der jungen Kurienanwärter durch die Gänge schwebend. Und nur wir! Eine recht surrealistische Filmkulisse. Damals herrschte keine Wohnungsnot, nur Geldnot. Die selbige trieb uns zuvor aus einer Landkommune. Ein Aussiedlerhof, also das alte Bauernhaus, Fachwerk, im Winter mit Eiszapfen auf der Innenseite der Fenster, am Dorfrand inmitten der schönen Rhön. Geldnot und die wachsende Aggressivität der Ureingeborenen gegenüber den Gammlern, den volksfeindlichen Pestgeschwüren, zwangen uns die Kommune aufzugeben und ein Zimmer in jenem ehemaligen Konvikt zu mieten. Natürlich war ich heilfroh, dann später endlich ein Appartement gefunden zu haben. Endlich nicht mehr die drei Kilometer durch die dunkle Flur Welt laufen müssen, nur um zu pinkeln... und endlich ein bisschen mehr Platz. Die Zimmer hatten natürlich katholische Größen.

Aber dumm gelaufen. In der Nacht zu jenem Tag, an dem mein Vater als Bürge meinen neuen Mietvertrag mit hätte unterschreiben sollen, nachdem ich ihn zuvor mit dem Jugendamt gedroht hatte, falls er sich weigern würde mir Unterhalt zu zahlen, eben jene Finanzierung die das Appartement und mein gerade begonnener Neuanlauf auf das Abitur absichern würde, in dieser Nacht da starb er. Und seine letzten Worte waren so etwas wie „Grüß mir die Kinder“. Das jedenfalls sagte Muttern.

In der gleichen Nacht hatte ich einen Traum, rund drei Kilometer entfernt. Etwas wollte mit mir telefonieren. Mein Vater. Stammelnd bat er um Entschuldigung, die ich ihm wiederholt gewährte. Es war, als zöge sich die Linie immer mehr in die Länge, und plötzlich machte es kawumm! Doch nicht ein Knall aus Tönen sondern aus Farben und geometrischen Formen ergoss sich über die vollständige Vision, bis es einfach nur „Plop“ machte und alle Teile und Farben in eine Art kosmische Suppe plumpsten.

Der Leiter des ehemaligen Konviktes, ein recht liberaler aufgeschlossener Mann, klopfte noch vor Sonnenaufgang an meine Türe, stürzte hinein und blieb lange wortlos stehen nachdem ich ihm laut zuraunte, das Gesicht noch ins Kissen gedrückt: „Ich weiß. Vater ist tot.“

Schließlich wurde er hektisch. „Wie kannst Du das wissen, er ist vor einer halben Stunde gestorben.“

Wie schon immer ohne nachzudenken erwiderte ich sofort: „Ich hab´s gerade geträumt.“ Und in dem Moment wurde ich wach! Mir wurde schlagartig klar, dass ich etwas Besonderes erlebt hatte.

Heute weiß ich, dass mein Hirn keinerlei Anlass besaß sich mit dem Tod meines Vaters zu beschäftigen. Er war gesund, soff nur Freitags, und lief brav jeden Tag einige Kilometer, natürlich immer im Anzug, mit Krawatte und Pomade. Nie kurze Hosen… Habe ich ihn überhaupt ein einziges Mal in kurzen Hosen gesehen?

Auch hasste ich ihn nicht. Natürlich beschäftigte ich mich mit seiner Person und hatte eine Menge an ihm auszusetzen. Na ja, so viel das ich damals am Tag seiner Beerdigung in die Schule ging, die natürlich ausfiel, weil alle die Beerdigung meines Vaters besuchten. Aber okay. Deswegen wünscht man sich doch nicht gleich den Tod für jemand und lässt entsprechendes Gedankengut zu. Und selbst wenn. Wie sollte das Hirn wissen wann genau das geschieht?

Und die Frage nach dem Unbewussten? War der Tod meines Vaters vielleicht die Erfüllung eines verborgenen Wunsches? Tatsache ist Muttern erlebte anschließend eine Blüte. Auch machte sie mir keinerlei Vorwürfe, als ich während des Trösters die sogenannte anwesende Familie lautstark daran zu erinnern versuchte, welch´ Schwachmat der Heini doch gewesen sei und das alle Lobpreisungen jeglicher Basis entbehrten. Es war das letzte Mal Familie für mich. Von insgesamt sehr wenig Familie. Nicht nur weil sie sich auf das gesamte Bundesgebiet verteilte, auch weil es kaum Angehörige gab. Im Prinzip war mir das Gefühl „Familie“ schon seit meiner Kindheit fremd. Keinerlei Clan – Empfindungen. Die meisten Mitglieder hatte ich schon Jahre nicht gesehen, und längst sind einige tot. So wie Vaterns Schwester Tante Dita, TD. Jahrzehnte leiteten sie und ihr Gatte, Onkel Karl, die verschiedensten Kurhotels in der BRD, waren gewohnt sich auf hohem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen, und waren für mich als Heranwachsender der zu Fleisch gewordene Ausdruck wahrer Vornehmheit, mit einem Hauch der goldenen Fünfziger. Ja, wirklich vornehm, vor allem TD. Aber nicht im Sinne von pingelig, humorlos, übertrieben, neureich. Sondern im Sinne von elegant. Tante Dita pflegte noch Zigaretten nur deshalb zu rauchen, weil es einmal in „ihrer Zeit“ als schick galt. Natürlich nicht auf Lunge! Sondern nur paffend, am liebsten mit Zigarettenspitzen. Ich mochte sie sehr, allerdings nicht ihren Gatten…Onkel Karl. Der Typ war echt hart und wesentlich preußischer als Vatern. Einst zwang er mich als junger Bub das Essen mit Messer und Gabel zu erlernen. Mann! Was eine Tortur! Es gab nichts zu futtern, egal wie hungrig, bevor ich nicht in der Lage war wie Fürst Metternich zu dinieren.

Er und Papa waren schon lange Freunde, und auch in Uniform wahre Kameraden. Am Ende des Krieges dienten sie als Sanitäter im Süden des Reiches, bargen unzählige Leichen aus den Trümmern, bis sie schließlich vor dem Amerikaner nach Tirol flüchten mussten. Karl steuerte das 250 ccm BMW-Krad, und Vatern als Beifahrer. Wenig später beschreibt Karl in einer hundertseitigen tagebuchähnlichen Erzählung wie Beide gleich nach der Kapitulation den langen Heimweg nach Berlin antraten, getrieben von der Sehnsucht nach den Liebsten. Schon mehr als ein Jahr ohne Kontakt, Lebenszeichen, aber voller Hoffnung. Monate lang wanderten sie durch das zerstörte Heimatland. Hinweg über fast unüberwindbare Zonengrenzen, vorbei an plündernden „Polenjungs“ oder „durchgedrehten SS-Rülpeln“, die noch immer ziellos durch die Gegend ballerten, obwohl die Asche jenes „caesarkranken Fantasten, der sich zum Führer des deutschen Volkes deklariert hatte und der dann durch einen gigantischen Massensuggestionsrummel von dieser Masse zum Gott gemacht wurde“ längst von den Russen in alle Winde verteilt worden war. Aber sie schafften es, lagen dem „lieben Frauchen“, meine Tante D, und den „herzguten Eltern“, Oma und Opi in den Armen. Und „Heinerles Frauchen“, also die erste Ehepartnerin meines Vaters, hatte aus „Freude seiner Rückkehr ihm andertags einen strammen Sohn geschenkt“. Mein Lieblingshalbbruder Mischa.

Auch mit diesem Menschen habe ich einige Zeit in einer geschlossenen Blase verbracht. Einst, ich war mal wieder abgehauen, damals während dem ersten Male elfte Klasse, gab er mir Asyl, Job, Brot und Bett. Aber diesmal für länger. Schon mit 15 bin ich ab und zu von Fulda nach Bremen getrampt. Ich liebte diese Stadt, den Slang, die Leute. Hatte auch Freunde und besuchte natürlich immer Mischa und seine mir damals so erscheinende Superglücklich-Familie. Doch diesmal wollte ich bleiben. Die Entscheidung fiel, als ich das Mädchen in das ich verliebt war, plötzlich in den Armen eines Anderen, sehr viel Älteren und Cooleren entdeckte. Wie auch immer. Mischa gab mir einen Job in seiner Firma. Damals Gastronomieeinrichtungen. Das bedeutete vor allem viel Essen und Trinken und Reden. Darin war mein halber Bruder wirklich gut, authentisch. Die Menschen liebten diesen auffälligen Menschen, der so groß und dick war, dass er nur hinter das Lenkrad eines extra für ihn umgebauten PKW´s passte. Schilddrüsenunterfunktion und Genusssucht. Aber Genuss vom Feinsten. Er war es, der meinen Geschmacksnerven erst Sinn verlieh. Nach einem kleinen Schluck wusste er die Ausrichtung des Weinberges zu bestimmen, in welcher Erde die Rebe gedieh, die ungefähre geographische Position, ja manchmal sogar den Namen. Doch auch Fleisch war plötzlich nicht mehr einfach Fleisch, und Sauce konnte ganze Universen bergen. Ich begann ganz zierlich zu genießen, beziehungsweise versuchte es. Und wenn ich nicht gestorben bin, versuche ich es auch noch weiter…

Aber es überkam mich nicht nur der Genuss, sondern natürlich auch die eine oder andere Predigt. Mischa nutzte seine Chefposition aus. Als so viel älterer Bruder legte er mir nah, das Abitur doch noch zu machen. Dazu führte er Beispiele aus seinem eigenem Leben an, nach dem Motto: Wenn ich es so leicht gehabt hätte wie Du, wobei er mir mehr Intelligenz als sich selbst unterstellte. Aber wir sprachen auch über die Liebe, und wie schwer es ist, wirklich immer der zu sein, der man sein will. Viel habe ich wohl nicht verstanden. Aber ich habe mich von diesem Menschen unglaublich angezogen gefühlt. Das letzte Mal als ich ihn sah, war am Tag der Beerdigung Vaterns. Doch ich befand mich schon so weit weg, kann mich an diesen Moment gar nicht erinnern. Das letzte Mal, dass wir uns wirklich in einer Blase befanden, war damals am Ende meines längeren Aufenthaltes. Er drehte „Whole lotta Rosie“ von AC/DC bis zum Anschlag auf und überredete mich endgültig zurück nach Fulda zu trampen und das Abi anzugehen.

Mischa konnte gerade noch seinen größten Wunsch realisieren, die Eröffnung einer eigenen Bodega, da starb er an den Folgen seiner Fettleibigkeit. Anfang der Neunziger. Lange vor meinen ersten Tränen für die Toten….

Bei dem Versuch mich gelebter Blasen mit meinem Vater zu erinnern wird es schwierig. Da waren die Sonntagnachmittage bei Kaffee und Kuchen, Peter Alexander, oder der inzestuösen Kinderehe Sissis. Doch zunehmend mündeten diese obligatorischen Familienstunden im heimlichen Triumph meinerseits, und betretendem Schweigen bis Schmollen auf der anderen Seite. Vatern stellte eine das Allgemeinwissen betreffende Behauptung auf, die ich grundsätzlich bezweifelte. Aber spätestens nach Einsicht in den großen Brockhaus und jeder Menge anderer Lexika, fein säuberlich um den Fernseher gereiht, wurde es still, Papa mal wieder der Verbreitung alternativer Fakten überführt…

Aber so richtig Blase, nur er und ich, da reicht eine Hand zum Zählen. Die früheste Erinnerung hatte sogar noch etwas Gewalttätiges. Ich war rund fünf Jahre alt und sollte lernen das Fahrrad ohne Stützräder zu benutzen. Ein nahe gelegener großer Spielplatz bot den notwendigen Parcours. Wahrscheinlich würde ich mich nicht mehr daran erinnern, wenn es nicht die ganze Zeit in Strömen geregnet hätte. Vatern im Anzug und Pomenade in der Mitte des Geschehnisses, jagte mich immer wieder aufs Neue in die Runden, wohl nicht beachtend, dass er trocken unter einem Schirm stand, während sein Jüngster auf Teufel komm raus versuchte triefend eine Runde zu überstehen, ohne dabei vom Fahrrad zu fallen. Vielleicht weinte ich, daran kann ich mich nicht erinnern. Doch alleine die Zwanghaftigkeit des Umstandes ließ mich zürnen. Wahrscheinlich der Anfang meiner grundsätzlichen Hinterfragung gegenüber Autoritäten im Allgemeinen, und der bis heute andauernden Respektlosigkeit gegenüber der selbigen, sofern sie sich nur auf Alter und Stand beziehen. Später verweigerte ich den Wehrdienst, nicht weil ich nicht wusste, ob es mir gelingen würde jemanden zu töten, sondern weil klar war, dass es mir niemals mehr gelänge Befehle entgegenzunehmen. Von nichts und niemand. Auch nicht mehr von Vatern. Das hatte er nun von seinen preußischen Erziehungsmethoden. Ein anderes Resultat: Ohne Stützräder wurde ich nicht nur mobiler, unabhängiger, sondern entwickelte geradezu eine Sucht auf immer neuen Wegen zu wandeln, die Welt, die Freiheit zu entdecken. Oft nun kam es dazu, dass die Eltern keinen blassen Schimmer hatten, wohin ihr Sohn denn diesmal ausgerissen war. Doch kein Schimpfen, kein Stubenarrest oder Taschengeldentzug konnte meine Abenteuerlust mehr bremsen. Aber immer, wirklich immer, berichtete ich anschließend stolz von dem Erlebten.

Anfangs hatte ich das Gefühl sogar ein Lächeln auf Vaters Lippen zu vernehmen. Doch zunehmend schien es sich in eine Art Eifersucht zu verwandeln. Klar. Wie oft habe ich ihn daran erinnert, dass er in seiner Jugend an irgendwelchen Fronten in den Schützengräben schwitzte, dem Tod frönte, anstatt dem Leben, so wie sein viert, bzw. fünftgeborener Sohn.

Ein anderes Mal, Muttern war in Kur, hatte Vatern die tolle Idee die Küche zu reformieren. Es sollte eine Überraschung werden. Ausgerechnet er, der nicht einmal in der Lage war einen Nagel in die Wand zu hämmern. Letztendlich trug er außer Material und Worten auch nichts dazu bei.

Schließlich war Freitag, also sein Bierkastentag. Da kam der „Limomann“, brachte einen Kasten Bier, einen Kasten Limo für die Kinder und meist zwei Kisten sprudelndes Mineralwasser. Während sich der Konsum der antialkoholischen Getränke über die ganze Woche hinzog, soff Vatern den Kasten in einer Nacht. Eigentlich wollten wir die Küche feiern, reden, Vater-Sohn spielen, doch am Ende lallte er nur noch vom dritten Weltkrieg, dem Untergang der Menschheit und verspielte wahrscheinlich den letzten Rest von Respekt seitens seines damals kaum pubertierenden Sohnes…

Wenige Tage nach seiner Beerdigung ging es um das Thema Erbschaft. Ich riet allen Beteiligten davon ab den Erbschein zu unterschreiben. Mein Verdacht war begründet. Vatern liebte es sich von Neckermann Päckchen schicken zu lassen. Jede Menge billiger Schrott, der meist nur kurze Zeit überlebte. Doch anstatt einmal etwas qualitativ Gutes und etwas Teureres zu bestellen (damals gab es diese Zusammenhänge noch…), orderte Vatern billig und viel. Ich hatte es geahnt. Rund sieben Tausend deutsche Mark Schulden für jeden, hätten wir unterschrieben. Aber der größte Witz war ein anderer: Plötzlich existierte ein handgeschriebenes Testament! Ausgerechnet. Ein Testament von einem Besitzlosen. Ein Testament, aufgesetzt nur wenige Wochen vor seinem absolut unerwarteten Tod, in dem es um nichts anderes ging als darum, dass ich, sein jüngster Sohn, NICHTS erbe. Also nichts von meiner ehemaligen Briefmarkensammlung, die ich als Kind begonnen und er dann übernommen hatte, und nicht ein einziges der Wiegendrucke, also Büchern aus der Anfangszeit des Buchdrucks, wie zum Beispiel das Werk „Wie bedient man eine Wünschelrute“ von Fünfzehnhundert, das er wie allesamt bei seinem letzten Job hat mitgehen lassen und mir eigentlich einmal geschenkt hatte. Also nicht nur Enterbung, sondern auch Doppel-Raub. Aber ehrlich gesagt, ging mir das schon damals ziemlich am Arsch vorbei, wie all die Tänze um das goldene Kalb. Nein, man kann mich wahrlich nicht materialistisch nennen. Wie oft in meinem Leben habe ich genau in dem Moment den Job geschmissen, als es wirklich lukrativ zu werden versprach! Wie oft habe ich Dinge, Gesammeltes, Kram zurückgelassen, mich radikal von allem getrennt! Zum Beispiel lagert mein ganzes Leben vor 1995, meine ersten Geschichten, Gedichte, Fotos, Persönliches, seit über zwanzig Jahren in Pappkartons an der schwedisch-norwegischen Grenze in einem kleinen leerstehenden Holzhaus, und wird wohl längst von ganzen Biotopen bewohnt.

Ich wurde öfters im Leben gefragt, ob es mir nicht schwerfiele, so einfach alles aufzugeben, sich auf das Notwendigste zu reduzieren, und einfach in das Ungewisse aufzumachen. Doch ich begann schon sehr früh die Erfahrung zu machen, dass die Sprünge in eine unbekannte Zukunft, jedenfalls mit gewonnener Distanz, gar nicht mehr so dramatisch erscheinen, wie noch davor. Das was einst so aufregend, neu erschien, wird plötzlich zu nichts Weiterem als ein Schritt von vielen, ein Baustein von vielen in der persönlichen Evolution, Teil einer fast schon skrupellos wirkenden Logik. Und egal wohin es mich treibt, egal wie wenig ich auch mit mir trage, mich nehme ich immer mit. Mittlerweile jedenfalls..

Das erste Mal war Mitte der Achtziger. Ich hatte alles verscheuert und verschenkt. Sogar meine komplette Beatles Sammlung und besaß nur noch einen großen Marinesack, die in ihm befindliche Reise-Schreibmaschine und etliche anthroposophische Bücher, Schreibutensilien, Camping-Geschirr und viel zu wenig Kleidung, vor allem Unterhosen. Aber auch ein Ticket für die Bahn bis Südfrankreich, obwohl das Ziel Südspanien hieß. Aber für mehr Kilometer hatte es nicht gereicht. Den Rest würde ich trampen. Hauptsache schon einmal im Warmen.