Zwischen Rendite und Risiko - Beat Bernet - E-Book

Zwischen Rendite und Risiko E-Book

Beat Bernet

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Beschreibung

Der erfahrene Finanzexperte Beat Bernet spricht Privatpersonen an, die sich Gedanken zu ihrer Vorsorgeplanung machen. Schritt für Schritt zeigt er, wie der individuelle Lebensentwurf in realistische finanzielle Ziele umzusetzen ist, wie ein persönlicher Finanzplan erstellt wird und wie man die eigenen finanziellen Möglichkeiten und Grenzen erkennt. Er beschreibt den erfolgreichen Kapitalaufbau und Kapitalerhalt. Dabei zeigt er auch Verständnis für die individuelle Geldpersönlichkeit und die Grenzen der eigenen Vernunft im finanziellen Entscheiden und Handeln. Der richtige Umgang mit Banken, Beratern und Betreuern will gelernt sein. Er gibt wertvolle Tipps und empfiehlt, wie man am besten eine geeignete Fachperson auswählt, wie man sich auf Gespräche vorbereitet, welche Fragen man stellen muss und wie man die Antworten im Zusammenhang mit den eigenen finanzund risikobezogenen Zielsetzungen beurteilt.

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Beat Bernet

Zwischen Rendite und Risiko

Finanzplanung und Vermögensverwaltung für Private in turbulenten Zeiten

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Das Buch basiert auf einem Vorlesungszyklus des Autors im Rahmen des Öffentlichen Programms der Universität St. Gallen.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2014 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Umschlag: Atelier Mühlberg, Basel

Gestaltung, Satz: Claudia Wild, Konstanz

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN 978-3-03823-998-7

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Es geht um Ihre Zukunft!

Kein Tag vergeht ohne Medienmeldungen zur gefährdeten Finanzierung der Altersvorsorge, zu den Folgen tiefer Zinsen für Versicherungen, zu den finanziellen Folgen der demografischen Entwicklung und zur Notwendigkeit einer intensiveren finanziellen Selbstvorsorge für die späteren Lebensphasen. Meist sind es kritische oder negative Meldungen. Und oft sind sie verbunden mit der unterschwelligen Warnung vor der am Horizont aufziehenden Gefahr einer finanziellen Unterversorgung im Alter oder gar der Altersarmut.

Die meisten von uns nehmen diese Botschaften schon gar nicht mehr auf. Doch sie haben eben doch einen wahren Kern. Dass soziale Netze nicht mehr so dicht geknüpft sind und staatliche wie private Vorsorgesysteme sich in den kommenden Jahrzehnten vor grosse finanzielle Herausforderungen gestellt sehen, ist offensichtlich. Ebenso offensichtlich wird die Bedeutung der Eigenverantwortung für die individuelle finanzielle Vorsorge hinsichtlich künftiger Lebensphasen für die meisten Menschen weiter zunehmen.

Zwar wird der Staat für die sozial schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft auch weiterhin die Existenzsicherung auf einem minimalen Niveau sicherstellen und die damit verbundenen Leistungen sogar noch ausbauen. Wer über ein überdurchschnittliches Einkommen und Vermögen verfügt, braucht sich über seine Vorsorge wenig Gedanken zu machen. Doch für den grossen Teil der Bevölkerung, den sog. Mittelstand, sehen die Zukunftsperspektiven anders und vor allem düsterer aus. Steigende Kosten der Gesundheits- und Vorsorgewerke, wachsende Abgaben und sinkende Leistungen für die Versicherten ziehen sich als roter Faden durch die noch vor uns liegenden politischen Diskussionen im Zusammenhang mit unserem Vorsorge- und Versicherungssystem. Etwas plakativ müssen wir feststellen: Nur ein Narr verlässt sich für die Sicherung seiner Altersvorsorge heute noch allein auf die staatlichen Vorsorgesysteme.

Wir wissen um die Notwendigkeit einer langfristigen Planung von Einkommen und Vermögen, wenn wir dereinst unsere späteren Lebensphasen zumindest unter finanziellen Aspekten einigermassen sorgenfrei gestalten möchten. Doch viel zu wenige Menschen beschäftigen sich frühzeitig und systematisch mit den Problemstellungen, die es im Zusammenhang mit der finanziellen Vorsorge zu bedenken gilt. Wir verdrängen und verschieben finanzielle Entscheidungen, weil wir uns eigentlich gar nicht mit diesen Problemen auseinandersetzen wollen. Umfragen und Untersuchungen bestätigen, wie wenig sich die meisten von uns mit den zentralen Fragen der finanziellen Vorsorge befassen, ja wie oft wir uns dieser Fragestellungen überhaupt nicht bewusst sind. Jeder1 kennt das Sprichwort: Über Geld redet man nicht. Ein Blick in die finanzplanerische Realität der Bevölkerung zeigt, dass man offenbar auch ungern darüber nachdenkt, wenn man nicht gerade durch die jeweiligen Umstände dazu gezwungen wird. Nicht von ungefähr stellte eine Studie vor einiger Zeit fest, dass sich die Menschen länger und systematischer mit dem Kauf eines neuen Autos oder einer Kücheneinrichtung befassen als mit der finanziellen Planung und Vorsorge für die künftigen Lebensphasen.

Dieses weitverbreitete Verdrängen, Vergessen und Verschieben finanzbezogener Fragen hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist psychologischer Natur. Wir befassen uns ungern mit Risiken, die unser Leben dereinst negativ beeinflussen könnten. Wir mögen uns nicht in der Blüte unserer Jahre mit der Finanzierung unserer späteren und spätesten Lebensphasen beschäftigen. Und wir gehen stillschweigend davon aus, dass sich unsere Einkommen und Vermögen in den kommenden Jahren wohl schon so entwickeln werden, dass wir unsere Lebenspläne in der einen oder anderen Form verwirklichen können.

Ein anderer, nicht minder wichtiger Grund für den fahrlässigen Umgang mit unserer finanziellen Vorsorge liegt im fehlenden oder mangelhaften Wissen der meisten Menschen finanzielle Fragestellungen betreffend. In Schule und beruflicher Ausbildung bekommen wir meist nur wenig an Wissen vermittelt, das uns bei der Bewältigung finanzieller Probleme unterstützen könnte. Und das Wenige an Handwerk, das wir etwa im Bereich der Finanzmathematik gelernt haben, vergessen wir im Laufe des Lebens wieder. Wer weiss schon nach vielen Jahren noch, wie Zinseszinsrechnungen durchzuführen sind, wie eine Rente aus einem Vermögensstock berechnet wird, oder wie gross ein Kapital sein muss, um dem Besitzer über eine bestimmte Zeit hinweg ein bestimmtes Einkommen zu sichern? Gilt es dann noch, schwankende Ertragsströme, eigene finanzielle Verpflichtungen, potenzielle Versicherungsleistungen, Einkommen aus Sozialwerken oder Steueraspekte in die Überlegungen einzubeziehen, wird das Ganze vollends unübersichtlich.

Doch nichts kommt uns im Laufe unseres Lebens so teuer zu stehen wie das Verdrängen und Verschieben notwendiger finanzieller Entscheidungen. Während die Nachkriegsgeneration sich noch auf die Leistungen der von ihnen initiierten und aufgebauten Sozial- und Vorsorgewerke verlassen konnte, sehen sich die Generation der Babyboomer und ihre Nachkommen mit der Frage konfrontiert, wer denn die zukünftigen Renten für ihre letzten Lebensphasen bezahlen soll und ob die einst von Politikern und Arbeitgebern gemachten Versprechungen in den kommenden Jahrzehnten noch erfüllt werden können. Entscheidungen zur Gestaltung der finanziellen Zukunft werden schon heute immer mehr dem Einzelnen überlassen. Es sind Entscheidungen, die wir verdrängen, weil wir uns ihnen aus welchen Gründen auch immer nicht stellen wollen, oder weil wir durch sie schlicht überfordert sind.

Zwar kann uns eine wachsende Zahl von Beratern und Institutionen bei der Formulierung unserer finanziellen Bedürfnisse, bei der Beantwortung unserer finanziellen Fragen und beim Treffen und Umsetzen von finanz- und risikobezogenen Entscheidungen unterstützen. Sie versprechen, uns diese Entscheidungen abzunehmen und sie für uns, und ausschliesslich in unserem Interesse, zu treffen. Doch die Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass letztlich ein jeder für seine finanzielle Gesundheit selbst verantwortlich ist. Es ist wichtig, sich selbst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Und es ist wichtig, sich das dazu notwendige Wissen und Können selbst anzueignen. Wir dürfen uns nicht mehr wie bisher auf andere verlassen – auf Banken, Vermögensverwalter, auf den Arbeitgeber oder auf den Staat. Mancher hat in den vergangenen Jahren erkennen müssen, dass Vertrauen gut, kritische Kontrolle aber besser ist. Unzureichende Performance in der Vermögensverwaltung, zu risikoreiche Anlagestrategien oder sich häufende Leistungskürzungen bei Sozial- und Vorsorgewerken zeigen, dass wir gut daran tun, die Leistungsversprechen derjenigen, die unsere zur Sicherung der finanziellen Zukunft vorgesehenen Vermögenswerte verwalten, immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Kontrollieren und hinterfragen kann aber nur, wer etwas versteht von dem, was er überwachen und beurteilen will. Das heisst nicht, dass wir nun alle selbst zu Finanzexperten werden müssen. Doch unser Wissen und Können sollten uns zumindest ermöglichen, unsere finanz- und risikobezogenen Bedürfnisse zu erkennen, sie zu formulieren und im Gespräch mit Banken, Finanzplanungsinstitutionen oder sonstigen Beratern die richtigen Fragen zu stellen, die erhaltenen Antworten kritisch zu überprüfen sowie aus einer Vielzahl von Angeboten die für uns optimale Lösung auszuwählen.

Das bezeichnet man in der Fachsprache als Financial Literacy. Mit diesem auf Deutsch nur schwer fassbaren Begriff wird die Fähigkeit bezeichnet,

• finanz- und risikobezogene Fragestellungen aus dem eigenen Lebensumfeld zu erkennen und zu formulieren,

• die für die eigene private Finanzplanung notwendigen Instrumente der modernen Finanztheorie zu verstehen und auf die eigenen Fragestellungen anzuwenden,

• und nicht zuletzt ein kritisches Gespräch mit Fachleuten aus der Finanzwelt über eigene Finanzprobleme führen zu können.

Financial Literacy

Financial Literacy beinhaltet das Basiswissen und -können, das wir brauchen, um grundlegende Problemstellungen unserer finanziellen Lebenssphäre zu verstehen, mit Fachleuten zu diskutieren und selbstständig oder mit Unterstützung Dritter zu lösen. Dazu gehören insbesondere Fragestellungen im Zusammenhang mit unserer individuellen Finanzplanung und Vermögensverwaltung.

Damit sind wir bei der Zielsetzung dieses Buches. Es will Ihnen das Wissen und Können vermitteln, das Sie brauchen, um sich in der immer komplexeren Welt der privaten Finanzplanung und Vermögensverwaltung zurechtzufinden. Wenn Sie die einzelnen Abschnitte sorgfältig durchgelesen haben, werden Sie in der Lage sein, selbst eine fachlich fundierte Finanzplanung für sich und Ihre Familie durchzuführen. Sie werden fähig sein, mit Ihrer Ansprechperson aus dem Bank- oder Finanzumfeld zielgerichtete und fachlich fundierte Gespräche über Ihre Finanzplanung und Vermögensverwaltung zu führen. Und Sie sollten in der Lage sein, Ihrem Gesprächspartner die richtigen Fragen zu den richtigen Themen zu stellen, die erhaltenen Antworten zu verstehen, sie in Bezug zu Ihren persönlichen Bedürfnissen zu setzen und entsprechend zu beurteilen.

Die einzelnen Abschnitte helfen Ihnen, dieses Ziel zu erreichen. Sie können Sie in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, oder aber Sie suchen sich diejenigen Themen heraus, die Sie im Zusammenhang mit Ihrer Finanzplanung besonders interessieren:

• Im ersten Abschnitt lernen Sie einige Basisinstrumente kennen – sozusagen die Buchstaben des Alphabets der Finanzplanung und Vermögensverwaltung –, um Ihre Financial Literacy zu verbessern.

• Im zweiten Abschnitt befassen wir uns mit den wichtigsten Elementen einer integrierten Finanzplanung. Sie lernen, Ihren individuellen Lebensentwurf in finanzielle Zielsetzungen zu übersetzen, Ihre aktuellen und künftigen finanziellen Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen, sie in Zahlen zu fassen und daraus realistische Zielsetzungen zur Verwirklichung Ihres Lebensentwurfs abzuleiten. Sie lernen die Kernelemente eines individuellen, auf diese Zielsetzungen ausgerichteten Finanzplans kennen und erfahren, wie Sie Schritt für Schritt einen solchen Finanzplan erarbeiten.

• Der dritte Abschnitt vermittelt Ihnen das Grundwissen, das Sie brauchen, um unser auf drei Säulen aufgebautes Vorsorgesystem mit seinen Stärken und Schwächen und deren Konsequenzen für Ihre langfristige Vorsorgeplanung zu verstehen.

• Der vierte Abschnitt führt Sie anwendungsorientiert und ohne viel Formalismus in die wichtigsten Grundlagen der langfristigen Vermögensplanung und -verwaltung ein. Er beschreibt die Legosteine eines erfolgreichen Kapitalaufbaus und Kapitalerhalts und skizziert einige Grundwahrheiten der modernen Finanztheorie, die viele private wie professionelle Investoren immer wieder vergessen und deren Berücksichtigung zwar nicht Garant, aber doch unabdingbare Voraussetzung für Ihren langfristigen Anlageerfolg ist.

• Der fünfte Abschnitt befasst sich mit der wichtigen Erkenntnis, dass auch in der Finanzwelt unserer eigenen Vernunft und Rationalität Grenzen gesetzt sind. Erkenntnisse der Behavioral Finance helfen uns, individuelles Endscheiden und Handeln im Finanz- und Risikobereich besser zu verstehen und zu steuern. Wir lernen in diesem Abschnitt auch die Dimensionen unserer Geldpersönlichkeit kennen. So verstehen wir, wie unser Verhalten im Zusammenhang mit finanziellen Entscheidungen auch durch den Charakter, die Erfahrungen und den soziokulturellen Hintergrund mitbestimmt wird.

• Dem richtigen Umgang mit Banken, Beratern und Betreuern ist der sechste Abschnitt gewidmet. Sie lernen, wie man eine geeignete Fachperson findet und auswählt, wie man sich auf Beratergespräche vorbereitet, welche Fragen man stellt und wie man Antworten im Zusammenhang mit den eigenen finanz- und risikobezogenen Zielsetzungen beurteilt.

• Der abschliessende siebte Abschnitt fasst in sechs goldenen Regeln der Finanzplanung die wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen zusammen und zeigt Ihnen die zentralen Konsequenzen für Ihr eigenes finanzplanerisches Denken, Entscheiden und Handeln.

Die einzelnen Abschnitte sollen Ihnen eine nicht nur lehrreiche, sondern hoffentlich auch spannende Einführung in die Welt der modernen Finanzplanung und -anlage geben. Finanzielle Sorgen oder die Ungewissheit über die eigene finanzielle Zukunft gehören zu den emotionalen Belastungen, die unsere Lebensfreude und unsere Erwartungen an die Zukunft dämpfen. Verfügbares Kapital dagegen bedeutet Willens- und Handlungsfreiheit. Das Wissen um die eigenen finanziellen Möglichkeiten und Grenzen schafft Freiraum zur gezielten Lebensplanung und -gestaltung. Es ist das Ziel dieses Buches, Ihnen aufzuzeigen, wie Sie systematisch und zielorientiert diese Möglichkeiten und Grenzen erkennen und wie Sie Ihre finanziellen Optionen auf Ihre individuellen Lebensziele ausrichten.

1

Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

Wer sich in einem fremden Land bewegt, ohne die Sprache seiner Bewohner zumindest ansatzweise zu verstehen, ist auf Gedeih und Verderb auf die Hilfe von anderen, sprachkundigeren Menschen angewiesen. Das ist in der Finanzwelt nicht anders. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Sprache entwickelt, die für die meisten Nicht-Fachleute zur Fremdsprache geworden ist. Die verwirrende Vielfalt von Bezeichnungen, Fachausdrücken, Formeln und Produktenamen täuscht zusammen mit dem Finanzjargon von Banken, Bankern und Beratern leicht darüber hinweg, dass es mit der Finanzsprache ist wie mit jeder Sprache: Ein einfacher Grundwortschatz reicht meist schon, um die grössten Verständigungsbarrieren zu überwinden, um die wichtigsten Fragen zu formulieren und die erhaltenen Antworten zu verstehen. Auch das finanzielle Alphabet besteht letztlich aus einigen wenigen Grundbegriffen und Regeln. Man kann sie ohne vertieftes Theorieverständnis und vor allem ohne viel Mathematik verstehen.

In diesem Abschnitt befassen wir uns mit den wichtigsten Grundbausteinen der Financial Literacy, die Sie brauchen, um sich selbst um Ihre Finanzplanung und Vermögensverwaltung kümmern zu können. Wir stellen uns einen kleinen Werkzeugkasten zusammen, mit dessen Hilfe wir die wichtigsten Probleme erkennen, die zentralen Fragen stellen und die erhaltenen Antworten verstehen und beurteilen können.

Dieser Werkzeugkasten zur Financial Literacy beinhaltet die folgenden sechs Basisinstrumente:

1. Das Verständnis der Bedeutung von Zins und Zinseszinseffekt;

2. das Verständnis des Zeitwerts von Geld und Kapital und die Fähigkeit, diesen Wert für einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft zu berechnen;

3. das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Rendite und Risiko;

4. das Verständnis der Bedeutung von Inflation und Deflation für Kapital und Einkommen;

5. das Verständnis der Bedeutung von Spesen, Gebühren, Steuern und anderen Kostenelementen für das Vermögenswachstum;

6. das Verständnis der grundlegenden Produktbausteine, aus denen jedes beliebige Finanzprodukt zusammengesetzt werden kann.

Mit diesen sechs Bausteinen eines elementaren Finanzverständnisses wollen wir uns im Folgenden etwas eingehender befassen. Wir benötigen dazu auch einige einfache finanzmathematische Werkzeuge, die wir in einigen für die Finanzplanung hilfreiche (aber für Ihre Finanzplanung nicht zwingend notwendige) Formeln zusammengefasst haben. Doch keine Angst, Sie brauchen zu deren Verständnis keine weitreichenden mathematischen Kenntnisse oder Fähigkeiten. Ein einfacher Taschenrechner reicht, um die angeführten Beispiele selbst nachzuvollziehen und die Berechnungen auf die eigene Situation anzuwenden. Und wenn Ihnen das zu weit geht, dann genügt es, wenn Sie den Text dieses Abschnitts sorgfältig durchlesen, um die wichtigsten Effekte zumindest in ihren Auswirkungen zu verstehen, selbst wenn Sie diese nicht konkret berechnen und in Zahlen ausdrücken möchten. Dennoch empfehle ich Ihnen, sich auch ein paar elementare finanzmathematische Fähigkeiten als wichtigen Teil Ihrer Financial Literacy anzueignen. Es lohnt sich in jeder Hinsicht!

Abbildung 1: Basiswerkzeug zur Financial Literacy.

1.1 Zins und Zinseszinseffekt

Das wichtigste Instrument für das langfristige Kapitalwachstum ist der Zinseszinseffekt. Kapital, das wir für eine bestimmte Zeit anlegen, arbeitet für uns. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist der Zins (z), den wir dafür erhalten, dass wir ein Kapital (K) jemandem für eine vereinbarte Zeit (t) zur Verfügung stellen.

Es ist wichtig zu verstehen, was genau mit dem Zins entschädigt wird. Wir schauen uns das am Beispiel einer Obligation an, für die Sie als Anleger einen jährlichen Zinsertrag gutgeschrieben erhalten. Der Zinssatz soll Ihnen vor allem drei Aspekte Ihrer Kapitalanlage abgelten:

• den Verzicht auf das angelegte Kapital während der Anlagedauer. Sie könnten das Geld ja auch ausgeben; durch Ihre Anlage üben Sie Konsumverzicht. Je länger Sie bereit sind, auf Ihr Kapital zu verzichten, desto höher fällt die entsprechende Basisentschädigung über den Zinssatz aus.

• das Risiko, das Sie mit der Kapitalanlage eingehen (bspw. das Risiko, dass die Firma, welche die Obligation ausgegeben hat, in der Zwischenzeit in Konkurs geht und Ihnen den Anlagebetrag nicht mehr oder nur teilweise zurückzahlen kann; oder dass Ihnen die versprochenen Zinsen nicht ausbezahlt werden). Je grösser das Konkursrisiko einer Firma ist, desto grösser wird der Risikozuschlag im Zinssatz sein. Und je länger Sie Ihr Kapital binden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit eines Kapitalverlusts. Der Risikozuschlag im Zins steigt deshalb auch mit der Bindungsdauer des Kapitals.

• das Risiko, dass Ihr Kapital bei der Rückzahlung nicht mehr gleich viel Wert ist wie zum Anlagezeitpunkt (z.B. wegen der inzwischen aufgelaufenen Inflation). Das Risiko eines Kaufkraftverlusts und der damit zusammenhängende Risikozuschlag steigen ebenfalls mit der Bindungsdauer des Kapitals.

Weil alle drei Faktoren von der Bindungsdauer des Kapitals abhängig sind, liegen die langfristigen Zinsen im Normalfall höher als die Zinssätze für kurzfristige Anlagen. Wenn die Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen gross ist, spricht man von einer steilen Zinskurve, ist die Differenz gering, von einer flachen Zinskurve. In den sehr seltenen Situationen, wo die kurzfristigen Zinsen höher liegen als die langfristigen (z.B. in Zeiten finanzieller Krisen oder als Folge geldpolitischer Massnahmen von Notenbanken), spricht man von einer inversen Zinsstruktur; sie spielt für unsere finanzplanerischen Überlegungen jedoch keine Rolle.

Abbildung 2: Zinskurve und Basiselemente des Zinssatzes.

Der Verlauf der Zinskurve wird vor allem durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen von den Erwartungen der Anleger an die Zukunft der gesamten Wirtschaft und der Unternehmung, die eine Obligation zum Kauf anbietet, und von den damit verbundenen Zins- bzw. Risikoentwicklungen. Zum anderen von den geld- und konjunkturpolitischen Massnahmen der Notenbanken (etwa der Schweizerischen Nationalbank SNB, aber auch der Europäischen Zentralbank EZB oder der amerikanischen Notenbank Fed). Die Ersteren prägen vor allem die langfristigen Zinsen, Letztere die kurzfristigen, wobei sich die Massnahmen der Notenbanken bspw. über die Beeinflussung von Inflationserwartungen je länger, desto mehr auch auf die langfristigen Zinsen auswirken.

Merkpunkte

• Zinsen sind eine Entschädigung für Kapitalverzicht, erwarteten Kaufkraftverlust und erwarteten Kapitalverlust während der Anlageperiode.

• Die mit der Anlage verbundenen Risiken des Kapitalverlusts und des Kaufkraftverlusts sind umso höher, je länger die Bindungsdauer der Anlage ist. Deshalb sind langfristige Zinsen in der Regel höher als kurzfristige Zinsen.

• Für die Finanzplanung sind vor allem die mittel- und langfristigen Zinsen von Bedeutung. Sie werden durch die Erwartungen der Anleger bezüglich der Wirtschaftsentwicklung, der Zinsentwicklung und der Risikoentwicklung geprägt. Eine wichtige Rolle kommt dabei auch den Inflationserwartungen der Marktteilnehmer zu.

1.1.1 Die Macht des Zinseszinseffekts

Nach Ablauf der vereinbarten Anlagezeit erhalten wir das Kapital plus den vereinbarten Zins zurück. Legen wir beides erneut an, erhalten wir anschliessend die nächste Zinszahlung sowohl auf dem ursprünglichen Kapital als auch auf dem zuvor vereinnahmten und wieder investierten Zins. Die letztere Komponente bezeichnet man als Zinseszins. Unser Kapitalstock wächst also nicht gleichmässig (oder linear), sondern progressiv (oder exponentiell). Weil immer auch auf dem erzielten Zins in den Folgejahren wieder ein Zinsertrag anfällt, bezeichnet man die progressive Wachstumsrate des Kapitals als den Zinseszinseffekt.

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Bedeutung, die der Zinshöhe dabei zukommt:

Sie können 1000 Franken für zwanzig Jahre zu einem Zinssatz von a) 10 Prozent, b) 4 Prozent oder c) 1 Prozent anlegen. Ihr Endkapital nach diesen zwanzig Jahren setzt sich wie folgt zusammen:

Das Beispiel zeigt, wie der Zinseszinseffekt erst bei grösseren Zinszahlungen wirklich zu greifen beginnt. Bei einem Zinsniveau, wie wir es gegenwärtig in den europäischen Ländern haben, kann er nur wenig zum langfristigen Kapitalwachstum beitragen. Steigen die Zinsen jedoch auf mindestens 3 bis 4 Prozent, nimmt sein Beitrag exponentiell zu.

Die Abbildung 3 zeigt schematisch das Grundprinzip des Zinseszinseffekts am Beispiel der Entwicklung eines Kapitalbetrags von 1000 Franken über einen Zeitraum von 10,15 und 25 Jahren hinweg bei Zinssätzen von 2,4 und 6 Prozent.

Abbildung 3: Der Zinseszinseffekt.

Für finanzplanerische Überlegungen spielt deshalb der Zinssatz, der auf dem heute oder künftig angelegten Kapital erzielt werden kann, eine ganz wichtige Rolle. Schon kleine Unterschiede in den Zinsannahmen bedeuten über einen längeren Zeitraum hinweg einen grossen Unterschied für das verfügbare Kapital am Ende des Anlagezeitraums. Der gleiche Effekt wirkt natürlich nicht nur beim Zins, sondern auch bei Dividendenausschüttungen, die sogleich wieder reinvestiert werden. Nur lässt sich hier das Kapitalwachstum nicht so einfach berechnen, da Dividenden im Zeitverlauf schwanken und in einzelnen Jahren vielleicht auch ganz ausfallen können.

Mathematisch können wir den Zinseszinseffekt mit der folgenden einfachen Formel berechnen:

Dabei setzen wir die folgenden Werte ein:

• für K0 das Anfangskapital, das uns zur Verfügung steht;

• mit t bezeichnen wir die Anzahl Jahre, während der wir das Kapital anlegen wollen;

• für z setzen wir den unterstellten Zinssatz ein, den wir während der Zeitperiode t erzielen können;

• Kt ist dann das Endkapital nach Ablauf der gewählten Jahre t.

Ein einfaches Rechenbeispiel

Um den Term 1,0412 zu berechnen, kann man auf einen einfachen wissenschaftlichen Taschenrechner zurückgreifen, oder aber einen solchen Rechner im Internet aufrufen, die Zahl 1.04 eingeben, die mit yx bezeichnete Taste anklicken und die Zahl 12 für den Exponenten eingeben. Das Ergebnis in der Anzeige wird dann noch mit dem Anfangskapital multipliziert.

Für unsere Überlegungen zur Finanzplanung ist diese einfache Berechnung des Zinseszinseffekts ausreichend. Mit ihr können wir die Frage beantworten, wie gross ein investiertes Kapital nach einer bestimmten Zeitperiode oder zu einem bestimmten Zeitpunkt (bspw. bei unserer Pensionierung) sein wird. Wir finden diese Basisformel auch als Baustein in den in Abschnitt 1.3 vorgestellten Berechnungen von Antworten auf etwas komplexere Fragen im Rahmen unserer Finanzplanung.

Der Zinseszinseffekt zeigt die Bedeutung des Zinssatzes für die Kapitalentwicklung über einen langen Zeitraum hinweg. Bei einem Ausgangskapital in unserer Pensionskasse von bspw. 500 000 Franken wächst das Kapital im Zeitraum von zwanzig Jahren bei einer Verzinsung von 2 Prozent auf 743 000 Franken, aber auf fast 1,1 Millionen im Fall einer Verzinsung von 4 Prozent. Im zweiten Fall würden also für künftige Rentenleistungen gut 350 000 Franken mehr zur Verfügung stehen als bei der geringeren Verzinsung. Je nachdem, ob man von 2 Prozent oder von 4 Prozent ausgeht, verändert sich das erwartete Kapitalwachstum z.B. in zwanzig Jahren damit vom rund 1,5-Fachen des Ausgangskapitals (bei 2 %) auf das fast 2,2-Fache (bei 4 %). Der erfolgreiche amerikanische Investor Warren Buffet meint: «Zinseszins ist ungefähr so, als ob man einen Schneeball einen Hang hinunterrollt. Man kann mit einem ganz kleinen Schneeball anfangen. Wenn er lange genug den Hang hinunterrollt und der Schnee nur ein wenig klebt, dann hat man am Ende eine riesige Schneekugel.» Und ähnlich wie bei der Lawine entsteht der grösste Zuwachs an Vermögen in den letzten Jahren der Halteperiode.

1.1.2 Was ist ein realistischer Zinssatz?

Für unsere Finanzplanung ist die Zinsannahme, die wir für die nächsten Jahre und Jahrzehnte treffen, eine der wichtigsten Grundlagen zur Beurteilung unserer künftigen finanziellen Situation. Auch für die ganz einfachen Berechnungen gilt es deshalb, sich selbst und allenfalls seinen professionellen Diskussionspartnern einige kritische Fragen zum Zinssatz zu stellen. Zwei davon sind besonders wichtig:

1. Was ist ein realistischer Zinssatz, der sich über einen längeren Zeitraum hinweg im Durchschnitt erzielen lässt und mit dem wir im Rahmen unserer langfristigen Finanzplanung rechnen sollen?

2. Soll man mit nominal erzielten Zinsen rechnen (Nominalzins), oder soll der Zinssatz um eine Inflationsrate korrigiert werden (Realzins)?

Die realistische Rendite

Mit was für einer Rendite bzw. welchem Zinssatz kann und soll man realistischerweise rechnen? Aus einer langfristigen Perspektive heraus betrachtet, kann man folgende Überlegungen anstellen:2

• Die durchschnittliche Jahresrendite eines gut diversifizierten Aktienportfolios lag in den vergangenen dreissig Jahren bei 9,37 Prozent nominal und 7,67 Prozent real (d.h. unter Berücksichtigung der Inflation).

• Bundesobligationen rentierten im gleichen Zeitraum durchschnittlich rund 4,58 Prozent nominal und 2,96 Prozent real.

• Pensionskassen rechnen heute bei ihren Beitrags- bzw. Rentenberechnungen mit einer durchschnittlichen Verzinsung der Pensionskassenguthaben von noch 1,75 Prozent3. Im Jahr 2002 betrug dieser Zinssatz noch 4 Prozent.

Die Wahl des Zinssatzes, den man der eigenen Finanzplanung zugrunde legen sollte, hängt von zwei Faktoren ab: zum einen vom Anlagehorizont, d.h. von der Zeitdauer bis zum Zeitpunkt, an dem man über das Kapital verfügen will, und zweitens von der eigenen Risikobereitschaft und -tragfähigkeit.

Anlagehorizont  Je länger der Anlagehorizont ist (d.h., je länger man das Kapital anlegen kann, bis man es benötigt), desto höher kann der erwartete Zinssatz angesetzt werden. Unter einigermassen normalen Marktbedingungen sind die langfristigen Zinsen höher als die kurzfristigen. Zehnjährige Anlagen rentieren mehr als Festgeldanlagen, die einen Zeithorizont von maximal einem Jahr haben. Aktien, die man über einen längeren Zeitraum hinweg halten kann, haben zumindest in der Vergangenheit eine höhere Rendite erzielt als kurzfristige Anlagen, die man rasch wieder liquidieren kann, wenn man das Kapital benötigt.

Risikobereitschaft/-tragfähigkeit  Im gewählten Zinssatz für finanzplanerische Berechnungen kommen auch die Risikoneigung und die Risikotragfähigkeit des Planenden zum Ausdruck. Wer einen höheren Zinssatz wählt, kann grössere Beträge in seinen Finanzplan einsetzen, mit denen er in einer vielleicht noch fernen Zukunft rechnen zu können glaubt. Der Zinseszinseffekt zeigt, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Zinssätzen exponentiell mit dem Faktor Zeit wachsen. Gleichzeitig wächst aber mit dem Faktor Zeit auch die Unsicherheit darüber, wie sich die Welt, der Markt und damit der tatsächlich erreichbare Zinssatz entwickeln werden. Der vorsichtige Finanzplaner wird deshalb mit Sicherheitsabschlägen auf dem erwarteten Zinssatz rechnen. Der Abschlag wird umso grösser sein, je weniger er sich einen Irrtum bei der Schätzung des erwarteten Zinses leisten kann (wir befassen uns in Abschnitt 2.7 noch eingehender mit dem Thema des individuellen Risikoprofils).

Nominalzins oder Realzins

Wir leben letztlich nicht von nominellen Geldbeträgen, sondern von dem, was wir uns mit diesem Geld kaufen können. Deshalb ist für die Finanzplanung nicht der nominelle Zins wichtig (also der effektiv realisierte Zinssatz bzw. der daraus resultierende Ertrag), sondern der kaufkraftbereinigte, also der um die Inflation korrigierte Zinssatz. Wir brauchen die Ergebnisse unserer Finanzplanung ja um festzustellen, mit welchen Zahlungen wir zu einem zukünftigen Zeitpunkt rechnen können, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten und unseren Lebensstandard abzusichern. Wenn wir uns für eine bestimmte Geldsumme in zwanzig Jahren nur noch halb so viel kaufen können wie heute, dann muss dieser Betrag doppelt so hoch angesetzt werden, um kaufkraftmässig dem heutigen Gegenwert zu entsprechen. Für die Berechnung künftiger Einnahmen und Ausgaben müssen wir deshalb immer von realen Werten ausgehen, d.h. den Kaufkraftverlust durch die Inflation in unsere Überlegungen einbeziehen.

Die Inflationsrate wirkt sich auf die reale Rendite grundsätzlich gleich aus wie Bankgebühren oder andere Kostenelemente. Zusammen mit diesen Kosten schmälert sie die Bruttorendite und bewirkt eine Reduktion des Zinseszinseffekts und damit des potenziellen Kapitalwachstums.

Einige Faustregeln zeigen, wie man bei der Bestimmung des langfristigen Zinssatzes vorgehen kann, den man für die Finanzplanung einsetzen will:

• Eine sinnvolle Basis ist ein Mix aus der langfristigen Aktienrendite und dem langfristigen durchschnittlichen Zinssatz für erstklassige Unternehmensanleihen. Dieser Durchschnittszinssatz liegt für die Jahre 2003 bis 2012 bei rund 5,2 Prozent nominal bzw. 4,6 Prozent real.

• Je nach Risikobereitschaft und -tragfähigkeit zieht man zusätzlich eine Sicherheitsmarge von 0,5 bis 1 Prozent ab.

Angesichts der längerfristigen Zinsaussichten an den Kapitalmärkten können wir in unserer Finanzplanung für die nächsten ein bis zwei Dekaden von 1 bis zu 2 Prozent nach unten vom langfristigen Durchschnitt abweichenden langfristigen Zinsen ausgehen.

Abbildung 4: Aktien- und Obligationenrenditen nominal und real zwischen 1992 und 2012.4

Merkpunkte

• Der Zinseszinseffekt ist das wichtigste Element zur Bestimmung des Wachstums von Anlagekapital. Er setzt voraus, dass die erzielte Rendite auf einer Anlage immer gleich wieder investiert wird.

• Das Kapitalwachstum infolge des Zinseszinseffekts verläuft nicht linear, sondern exponentiell. Die letzten Jahre eines Anlagezeitraums führen deshalb zu einem überproportional hohen Zuwachs an Kapital.

• Bereits ein kleiner Unterschied in der Verzinsung eines Kapitals kann über die Zeit einen grossen Unterschied im Kapitalwachstum bedeuten.

• Für die Beurteilung der Attraktivität eines Zinssatzes oder einer Anlagerendite sind nicht die nominellen Zinsen, sondern die um die Inflationsrate korrigierten realen Werte wichtig.

1.2 Der Zeitwert des Kapitals

Das Gegenstück zum Zinseszinseffekt ist die Diskontierung. Sie beantwortet die Frage: Wie viel ist ein bestimmtes Kapital oder Einkommen, das ich zu einem zukünftigen Zeitpunkt erhalten werde, zurückgerechnet auf den aktuellen Zeitpunkt wert? Wenn ich bspw. heute den Betrag von 10 000 Franken erhalte, ist dann eine Kapitalzahlung von 15 000 Franken, die ich in 15 Jahren erhalten werde, bei einem angenommenen durchschnittlichen Zinssatz von 3 Prozent mehr oder weniger wert als mein heutiger Betrag? Oder wie vergleicht sich die Kaufkraft eines heutigen Einkommens mit derjenigen einer künftigen Rentenzahlung, die mir auf dem jährlichen Pensionskassenausweis angezeigt wird, wenn wir von einer bestimmten Inflationsrate im Zeitraum bis zum Rentenbezug ausgehen?

Wir können uns die Bedeutung der Diskontierung an einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Wahl, den Betrag von 1000 Franken entweder gleich heute zu erhalten oder den gleichen Betrag in einem Jahr ausbezahlt zu bekommen. Selbstverständlich ziehen Sie die sofortige Auszahlung vor. Denn Sie könnten den Betrag heute noch auf der Bank einzahlen und hätten in einem Jahr zusätzlich zu Ihrer Einzahlung auch den Zinsertrag zur Verfügung. Wir können die Frage aber auch umkehren: Wie viel müsste man Ihnen heute bar geben, damit es für Sie egal wäre, ob Sie heute diesen Betrag annehmen oder die versprochenen 1000 Franken in einem Jahr? Diese Frage können Sie nur beantworten, wenn Sie den Zinssatz kennen, zu dem Sie eine heutige Zahlung während eines Jahres anlegen können.

Verallgemeinernd kann man die Frage so stellen: «Wie viel ist ein Betrag Kt, den ich in t Jahren erhalte, heute wert (K0), wenn der Zinssatz zwischen heute und t durchschnittlich z beträgt? Die Antwort gibt die folgende (Diskontierungs-)Formel:

Dabei setzen wir die folgenden Werte ein:

• Kt ist der Betrag der zukünftig zu erhaltenden Zahlung;

• t ist die Anzahl Jahre zwischen heute und dem Zeitpunkt der zukünftigen Zahlung;

• z ist der durchschnittliche Zinssatz für die Zeitperiode zwischen heute und t;

• K0 ist der heutige Wert der zukünftigen Zahlung Kt.

Rechenbeispiel

Ich erhalte in zehn Jahren aus meiner Lebensversicherung den Betrag von 120 000 Franken ausbezahlt. Der erwartete durchschnittliche Zinssatz über diese zehn Jahre ist 3 Prozent. Die künftige Auszahlung hat damit einen heutigen Wert von:

Die Antwort auf die obenstehende allgemeine Frage ist also gar nicht so schwierig zu finden: Der in einem Jahr ausbezahlte Betrag sollte dem heute ausbezahlten Betrag plus den Zinsen auf dessen Anlage während des Jahres entsprechen. Oder etwas formaler ausgedrückt:

Der heutige Wert des zukünftig zu erhaltenden Betrags Kt hängt somit einerseits vom Zinssatz ab, den ich während der Zeitperiode t erhalten kann, und andererseits von der Länge dieser Zeitperiode t. Je höher der Zinssatz und je länger die Zeitperiode t sind, desto geringer wird der Gegenwartswert eines zukünftigen Betrags (bspw. einer Kapitalauszahlung aus einer Lebensversicherung oder eine Rentenzahlung) ausfallen. Den Zeitwert eines künftigen Geldbetrags bezeichnet man in der Fachsprache auch als den Barwert des Betrags. Der Zinssatz wird als Diskontierungsfaktor bezeichnet. Dieser Faktor kann einerseits einen Marktzins beinhalten, zu dem man Kapital während der betrachteten Laufzeit anlegen kann. Er kann aber auch eine angenommene Inflationsrate und damit den zu erwartenden Kaufkraftverlust des Kapitalbetrags ausdrücken.

Die Diskontierung

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Berechnung des heutigen Werts eines Betrags, der uns erst in der Zukunft zur Verfügung stehen wird. Diesen Wert nennt man in der Finanzwelt auch Barwert. Er drückt aus, dass der heutige Wert eines zukünftigen Kapitals Kt vom Zeitpunkt t abhängt, zu dem man über dieses Kapital verfügen kann, und vom durchschnittlichen Zinssatz z, der zwischen heute und dem Zeitpunkt t erzielt werden kann (oder der durchschnittlichen Inflationsrate, mit der wir im jeweiligen Zeitraum zu rechnen haben). Bei Barwertberechnungen künftiger Kapitalzuflüsse sollten wir für unsere Finanzplanung wiederum möglichst von inflationsbereinigten Realwerten ausgehen.

1.3 Ein wenig Formalismus kann nicht schaden …

Wer sich mit seiner Finanzplanung befasst, wird im Laufe des Planungsprozesses früher oder später auf einige Grundfragen stossen, für die er gerne eine in Zahlen gefasste Antwort finden möchte. Meistens stehen die folgenden fünf Fragen (oder eine Kombination davon) im Mittelpunkt der Überlegungen:

Allgemeine Formulierung

Ein Beispiel zur Verdeutlichung

Welches Kapital K brauche ich, um bei einem Zinssatz z während einer unbegrenzten Zeit eine Auszahlung A zu erhalten, wenn ich das Kapital selbst nicht verbrauchen, sondern erhalten will?

Bei meiner Pensionierung möchte ich bis zu meinem Tod zusätzlich zu meiner Rente ein Kapitaleinkommen von 12 000 Fr. pro Jahr erzielen können. Mein Sparkapital möchte ich meinen Nachkommen als Erbe weitergeben. Wie hoch muss mein Kapital zum Pensionierungszeitpunkt mit 65 Jahren sein, wenn ich von einer durchschnittlichen Verzinsung von 3 Prozent ausgehe?

Welches Kapital K brauche ich, wenn ich bei einem durchschnittlichen Zinssatz z eine jährliche Auszahlung A über einen begrenzten Zeitraum von t Jahren hinweg erhalten will und ich das Kapital über diesen Zeitraum hinweg aufbrauchen will?

Gleiche Situation und gleiche Zinsannahme wie oben, aber ich möchte das jährliche Einkommen von 12 000 Fr. nur für die Lebensspanne zwischen 65 und 90 Jahren, also für 25 Jahre, haben. Da ich kein Erbe hinterlassen will, möchte ich in diesem Zeitraum auch das ganze Kapital aufbrauchen.

Ich habe ein Kapital K zur Verfügung. Während einer bestimmten Anzahl Jahre t verbrauche ich jedes Jahr den Betrag von A. Wie hoch ist mein Kontostand nach t Jahren, wenn der jährliche Zinssatz z beträgt?

Ich erhalte bei meiner Pensionierung mein Vorsorgekapital von 800 000 Fr. ausbezahlt. Ich möchte während der folgenden zwanzig Jahre jedes Jahr 36 000 Fr. für meine Lebenskosten verwenden. Wie viel Geld habe ich nach diesen zwanzig Jahren noch verfügbar, wenn ich von einem durchschnittlichen Zinssatz von 4 Prozent pro Jahr ausgehe?

Wenn ich bei einem unterstellten Zinssatz z während t Jahren regelmässig den Betrag E einzahle, wie hoch ist dann am Ende der Frist mein Kontostand?

Ab heute bis zu meiner vorzeitigen Pensionierung in zwölf Jahren zahle ich jährlich einen Betrag von 10 000 Fr. in die dritte Säule ein. Wie hoch ist mein Kontostand nach zwölf Jahren, wenn ich einen Jahreszins von 3 Prozent unterstelle?

Welchen Betrag muss ich (wiederum bei einem angenommenen Jahreszins von z) jährlich während der nächsten t

1

Jahre einbezahlen, um anschliessend jährlich während t

2

Jahren den Betrag A verbrauchen zu können? Und wie hoch ist mein Kontostand am Ende der Auszahlungsperiode, also nach t

1

+ t

2

Jahren?

Heute bin ich fünfzig Jahre alt und kann jedes Jahr einen Betrag sparen. Ich möchte ab meiner vorzeitigen Pensionierung in zwölf Jahren für die nächsten zwanzig Jahre bis zu meinem 82. Geburtstag einen jährlichen Betrag von 8000 Fr. zusätzlich zu meinem Renteneinkommen zur Verfügung haben. Dabei werde ich auch das angesparte Kapital verbrauchen. Wie viel muss ich ab heute jährlich sparen, damit ich bei einem unterstellten durchschnittlichen Zinssatz ab heute bis in 32 Jahren (12 Jahre bis zur Pensionierung und 20 Jahre bis zum Alter von 82 Jahren) dieses Zusatzeinkommen zur Verfügung habe?

Welche jährliche Auszahlung A kann ich erwarten, wenn ich einen Betrag von K zur Verfügung habe und diesen über den Zeitraum t bei einem durchschnittlichen Zinssatz z verbrauchen will?

Ich erhalte beim Erreichen des Rentenalters ein Alterskapital von 750 000 Fr. ausbezahlt, das ich langfristig zu 4 Prozent anlegen kann. Wie viel kann ich gleichmässig jedes Jahr verbrauchen, damit das Kapital nach zwanzig Jahren aufgebraucht ist?

Natürlich sind das nur Musterfragen. Wir können sie beliebig variieren. Wie ändert sich die Antwort auf diese Fragen, wenn wir einen höheren oder tieferen Zinssatz unterstellen? Bei welchem Zinssatz würde die Antwort unseren Wünschen entsprechen, und ab welchem Zins würden sich unsere Ziele nicht mehr erreichen lassen? Wie viel ist mein Geld nach einer bestimmten Anzahl Jahre noch wert, wenn wir eine Inflationsrate von i unterstellen? Wie berechnet der Staat, die Pensionskasse oder eine Versicherung meine künftige Rente, welche Faktoren bestimmen diese Berechnungen, und was ändert sich an meiner Rente, wenn sich diese Faktoren verändern?

Diese Fragen haben Sie sich in der einen oder anderen Form mit Sicherheit auch schon gestellt, wenn Sie sich Gedanken zu Ihrer finanziellen Vorsorge oder zur Möglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung gemacht haben. Um zuverlässige Antworten darauf zu finden, müssen wir unseren finanzplanerischen Werkzeugkasten um einige einfache finanzmathematische Instrumente erweitern. Für viele von Ihnen wird alles, was mit Formeln und Berechnungen zu tun hat, auf wenig Begeisterung stossen. Ein klein wenig Formalismus muss aber leider sein, wenn wir uns seriös und fundiert mit den wichtigen finanzbezogenen Fragen unserer Zukunft beschäftigen wollen. Und: Sie benötigen keine komplizierte Mathematik, um die wichtigsten theoretischen Grundlagen Ihrer persönlichen Finanzplanung zu verstehen. Es reicht, wenn Sie die zwei in den vorherigen Abschnitten erklärten Grundprinzipien verstehen, die allen auf Ihre Zukunft ausgerichteten finanziellen Überlegungen zugrunde liegen:

Erstes Grundprinzip: der Zinseszinseffekt  Der Geldbetrag, den Sie heute haben und erst morgen benötigen, wächst auf dem Weg in die Zukunft.

Zweites Grundprinzip: der Barwerteffekt  Der Geldbetrag, den Sie morgen benötigen, kann aus einem heutigen Kapital stammen, das geringer ist als der Betrag, den Sie in der Zukunft benötigen werden.

Zwei Grundformeln kennen wir schon – mit sechs weiteren Formeln können wir (fast) alle Antworten auf die obenstehenden und viele ähnliche Fragen (ziemlich) einfach ausrechnen. Erschrecken Sie nicht ob der Formeln – sie bestehen alle aus den Ihnen bereits bekannten beiden Grundformeln des Zinseszinseffekts und des Barwerteffekts und können mit einem Taschenrechner, der über eine Exponentialfunktion () verfügt, sehr einfach ausgerechnet werden.5

Basisformeln für die Finanzplanung

Anwendungsbeispiel:

Betrachten wir uns als Anwendungsbeispiel die Frage 4. Die Formel bezieht sich auf die Fragestellung, wie viel Kapital ich zum Zeitpunkt meiner geplanten Frühpensionierung mit 62 Jahren zur Verfügung haben müsste, um bei einem angenommenen jährlichen Zinssatz von 3 Prozent bis zu meinem 75. Geburtstag jedes Jahr eine Zusatzrente von 18 000 Franken zu erhalten (oder rund 1500 Fr. pro Monat), wobei ich das Kapital in diesem Zeitraum aufbrauchen möchte.

Die Berechnung sieht unter Anwendung der Formel IV folgendermassen aus:

K0 ist das gesuchte Kapital;Aist die jährliche Auszahlung, hier also 18 000 Fr.;zist der angenommene Zinssatz, hier also 3 %;tist die gewählte Zeitperiode, hier also 13 Jahre (75 minus 62).

Diese Grössen setzen wir in die Formel IV ein, was wie folgt aussieht:

Ich muss also mit 62 über rund 192 000 Franken verfügen, um anschliessend während 13 Jahren einen jährlichen Zufluss von 18 000 Franken zu erhalten, wenn ich annehme, dass der künftige Zinssatz während dieser Auszahlungszeit rund 3 Prozent pro Jahr betragen wird.

In diesem Beispiel beträgt der Zinseszinseffekt rund 42 000 Franken (nämlich die Differenz zwischen 13 Jahren zu 18 000 Fr. und den mit der Formel IV berechneten knapp 192 000 Fr., die effektiv benötigt werden, um die 13 Auszahlungen zu ermöglichen):

1.4 Rendite und Risiko

Die beiden Begriffe Rendite und Risiko im Titel dieses Buches sind die Schlüsselbegriffe für alles Denken, Entscheiden und Handeln im Zusammenhang mit Kapitalanlage und Vermögensverwaltung. In unserem finanzwirtschaftlichen Werkzeugkasten kommt ihnen deshalb auch eine ganz besondere Bedeutung zu.

1.4.1 Die Rendite

Viele Werbebotschaften von Finanzinstituten basieren auf dem einfachen Vorschlag: «Lassen Sie doch Ihr Geld für sich arbeiten!» Er drückt aus, dass Kapital, richtig eingesetzt und angelegt, seinerseits Einkommen und damit neues Kapital schafft. Das geschieht auf zwei Arten. Einerseits kann das investierte Kapital über die Zeit hinweg an Wert gewinnen, andererseits erhält man für die Investition eine Entschädigung in der Form eines Zinses, einer Dividende oder sonst eines geldwerten Nutzens. Setzt man für einen bestimmten Zeitabschnitt die Wertveränderung plus die erhaltene Entschädigung ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital, erhält man die Rendite.

Ein wenig Formalismus kann nicht schaden …

Zur Berechnung der Rendite einer Investition K0 nehmen wir den Betrag Kt, den wir nach der Anlagezeit t zur Verfügung haben, teilen ihn durch das zu Beginn der Zeitperiode eingesetzte Kapital K0 und multiplizieren das erhaltene Resultat mit 100. Die entsprechende Formel sieht also folgendermassen aus (Formel IX):

wobei gilt:

K0: Kapital zu Beginn der Periode t.

Kt: Kapital am Ende der Periode t.

zt: Rendite auf K0 in Prozenten ausgedrückt.

Anwendungsbeispiel:

Das Anfangskapital K0 sei 150, das Endkapital Kt nach einem Jahr sei 180. Die Rendite z für die Periode t (ein Jahr) berechnet sich folgendermassen:

Die Rendite wird meist in Prozenten des investierten Kapitals für einen Zeitraum berechnet. Sie setzt sich aus den beiden Komponenten Wertveränderung und Einkommen aus Zinsen bzw. Dividenden zusammen. Die Zeitperiode beträgt im Normalfall ein Jahr, aber man kann eine Rendite natürlich für jede beliebige Zeitperiode t bestimmen – für einige Monate, einen Tag oder ein paar Jahre. Die vielen Spielarten der Renditeberechnung sollen uns hier nicht interessieren. Wenn wir im Folgenden von Rendite sprechen, meinen wir den Wertzuwachs in Prozenten, den unser Kapital über einen Zeitraum von einem Jahr hinweg erarbeitet bzw. erfahren hat.6

Natürlich ist das eine stark vereinfachende Renditeberechnung. Sie fragt nicht, wann in der betrachteten Zeitperiode allfällige Zuflüsse stattgefunden haben. Sie zieht auch Einzahlungen oder Auszahlungen (etwa bei einem Konto oder Wertpapierdepot), die während der Anlageperiode stattgefunden haben, nicht in die Berechnungen mit ein. Wo mehrjährige Perioden berechnet werden, fasst sie die Gesamtrendite in einer einzigen Zahl zusammen, ohne Renditeschwankungen in einzelnen Teilperioden zu betrachten, usw. Doch für unsere finanzplanerischen Betrachtungen reicht diese einfache Renditedefinition durchaus. Wer genauere Renditeberechnungen durchführen will, dem steht in der entsprechenden Fachliteratur eine Vielzahl von komplexeren Berechnungsmodellen zur Verfügung.

Brutto- und Nettorendite

Wertveränderungen und erhaltene Geldleistungen bestimmen die Ertragsseite der Rendite. Eine Rendite, die ausschliesslich aufgrund dieser beiden Ertragsfaktoren berechnet wird, bezeichnet man als Bruttorendite einer Anlage. Daneben gilt es aber, eine Reihe von Kostenaspekten in die Berechnungen miteinzubeziehen, die zur schliesslich tatsächlich resultierenden (und für den Investor einzig massgeblichen) Nettorendite führen. Es sind in erster Linie drei Faktoren, die wir dabei beachten müssen: die Gebühren, die Steuern und die Inflation.

Gebühren  Finanzprodukte, Finanztransaktionen und Finanzdienstleistungen sind immer mit Kosten belastet. Viele dieser Gebühren werden von Banken, Vermögensverwaltern und anderen Finanzdienstleistern direkt in Rechnung gestellt, andere sind in der Produktarchitektur versteckt, schmälern aber die Rendite für den Investor genauso wie die direkt ausgewiesenen Gebühren. Wir werden uns in Abschnitt 1.6 mit den unterschiedlichen Gebühren beschäftigen.

Steuern  Steuern werden auf Vermögensbeständen wie auf Einkommenselementen erhoben. Sie können, je nach individueller Steuersituation des Anlegers, bis zu 50 Prozent der Bruttorendite ausmachen. Der Einbezug von Steuerwirkungen in die langfristige Finanzplanung ist deshalb genauso wichtig wie die Frage, in was und wie investiert werden soll.

Inflation  Und nicht zuletzt frisst die Inflation einen Teil der gewonnenen Rendite wieder weg, indem die langfristige Kaufkraft von Kapital und Einkommen geschmälert wird.

Bei den drei Kostenelementen spielt wiederum der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Durch den Zinseszinseffekt wirken sich Kosten, Steuern und Inflation im Zeitverlauf immer stärker negativ auf das Endkapital aus.

Ein einfaches Beispiel zur Berechnung der Nettorendite

Im obigen Beispiel entsteht aus einem auf den ersten Blick ansprechenden Zinsertrag, versüsst durch einen zusätzlichen im Anlagezeitraum erzielten Kursgewinn der Anlage, schliesslich eine negative Nettorendite. Verursacht wird sie durch die Transaktionsgebühren, die Steuern auf dem Zinsertrag und den in der Zeitperiode entstandenen Kaufkraftverlust auf dem investierten Betrag. Doch es ist diese Nettorendite, die uns im Rahmen unserer Finanzplanung interessiert. Denn nur den Betrag, der uns letztlich auf dem Konto bzw. in unserer Geldbörse verbleibt, können wir auch für die Befriedigung unserer Bedürfnisse bzw. die Umsetzung unseres Lebensentwurfs einsetzen!

Für unsere langfristige Finanz- und Vorsorgeplanung müssen wir von einer erwarteten durchschnittlichen Rendite über den Planungszeitraum hinweg ausgehen. Bei der Bestimmung dieser Rendite sind drei Fragen von Interesse:

• Kann man aus den Renditen der Vergangenheit Aussagen zur zukünftigen Rendite einer Anlage ableiten?

• Was ist eine gute und was eine schlechte Rendite? Was ist ein vernünftiges Renditeziel?

• Wie hängen Rendite und Zeitraum der Anlage zusammen?

Abbildung 5: Wie reduzieren die Kosten ein Kapital von 10 000 Fr. bei einer Verzinsung von 4 % über 10 Jahre?

Der Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft

Oft liest man Aussagen wie «Aktien haben in den vergangenen fünfzig Jahren im Durchschnitt besser rentiert als Obligationen», oder «Die Rendite der Anlage A war in den letzten fünf Jahren immer höher als 5 Prozent». Mit solchen und ähnlichen Aussagen wird unterstellt, dass man aus dem bisherigen Ergebnis einer Anlage Rückschlüsse für ihre zukünftige Entwicklung ableiten kann. Wenn es bisher so war, wird es wohl auch in Zukunft so sein.

Das ist eine gefährliche Schlussfolgerung. Renditen werden unter bestimmten Rahmenbedingungen erzielt. Wenn diese sich verändern, ohne dass der Anleger selbst darauf reagieren kann, wird sich auch die Rendite verändern. Solche Rahmenbedingungen können die Konjunktur sein, politische oder rechtliche Rahmenbedingungen, eine Krise an den Finanzmärkten oder die Inflation, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Je volatiler das Umfeld wird, desto weniger haben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kapitalanlage miteinander zu tun.

Es ist deshalb wenig sinnvoll, Renditeerkenntnisse aus den 1990er-Jahren auf die kommenden Jahrzehnte zu übertragen. Wir leben heute in einer fundamental veränderten ökonomischen Welt. Die Erkenntnisse aus der Vergangenheit helfen uns nur bedingt, Prognosen für die künftige Entwicklung von Finanzanlagen zu treffen.

Gute und schlechte Renditen. Wann ist eine Rendite gut oder schlecht? Die Beurteilung der Qualität einer Rendite hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Zuallererst gilt es, eine möglichst objektive Vergleichsbasis zu finden. Was wäre die Rendite einer vergleichbaren alternativen Anlage gewesen (vergleichbar heisst dabei: gleichwertige Charakteristika wie Risiko oder Zeitfaktor)? Eine solche Vergleichsbasis bezeichnet man in der Fachsprache auch als Benchmark. Eine Rendite ist dann gut, wenn sie dieser alternativen Anlagemöglichkeit entspricht oder sie gar übertrifft.

Unabhängig von dieser Benchmark sollte eine Rendite aber auch drei grundlegende Faktoren abdecken, um das Prädikat gut zu erhalten – wir haben diese Faktoren bereits bei der Beschreibung des Zinssatzes angetroffen:

•Konsumverzicht: Sie sollte den Konsumverzicht entschädigen, den wir eingehen, wenn wir Kapital nicht verbrauchen, sondern diesen Verbrauch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

•Geldentwertung: Sie sollte die Geldentwertung entschädigen, die wir erleiden, weil wir unser Kapital erst künftig wieder zur Verfügung haben und verbrauchen können.

•Risiko: Und sie sollte das Risiko abdecken, das wir mit der Kapitalanlage eingehen (auf diesen Punkt kommen wir im folgenden Abschnitt 1.4.2 zurück).

Unabhängig davon trägt eine gute Rendite zur Erreichung unserer finanziellen Ziele bei. Eine negative Rendite kann also nie eine gute Rendite sein, selbst wenn sie in einem schwierigen finanziellen Umfeld erzielt wurde und besser ausfällt als entsprechende Vergleichsrenditen.

Rendite und Anlagezeitraum. Die Rendite einer Anlage hängt auch vom in die Berechnung einbezogenen Anlagezeitraum ab. Ziehen wir mehrere Jahre in die Betrachtung ein, wächst sie wegen des Zinseszinseffekts. Je länger der Anlagezeitraum ist, desto schwerer wiegt der Konsumverzicht, desto grösser wird der Kaufkraftverlust durch die Inflation sein und desto höher werden die verschiedenen mit der Anlage verbundenen Risiken. Entsprechend grösser wird auch der Anspruch des Anlegers an die zu erzielende Rendite.

Merkpunkte

• Die Rendite ist ein Mass, durch das der Erfolg (oder Misserfolg) einer Finanzanlage in einer Zeitperiode ausgedrückt wird.

• Sie besteht aus den beiden Komponenten Kapitalgewinn (-verlust) und Finanzertrag (Zinsen, Dividenden oder sonstige geldwerte Leistungen).

• Die Bruttorendite wird durch Kosten wie Spesen und Gebühren, durch die Inflation und durch Steuern geschmälert. Zieht man diese drei Faktoren von der Bruttorendite ab, erhält man die Nettorendite einer Anlage.

• Nur diese Nettorendite ist für unsere Finanzplanung von Bedeutung.

• In der Vergangenheit erzielte Renditen sind kein guter Indikator für künftige zu erwartende Renditen einer Anlage.

• Eine Rendite ist dann gut, wenn sie mindestens derjenigen einer hinsichtlich Risiko und Anlagehorizont vergleichbaren Anlage entspricht und einen positiven Beitrag zur Erreichung unserer finanziellen Zielsetzungen leistet.

1.4.2 Das Risiko

Der spannendste Baustein in unserem finanzwirtschaftlichen Werkzeugkasten ist zweifellos das Risiko. Der Begriff kommt aus dem frühitalienischen Wort risciare, was so viel heisst wie «etwas wagen». Risiko entsteht einerseits aus Entscheidungen, die wir treffen; in der Finanzplanung entsteht es aber auch aus solchen, die wir nicht treffen oder aufschieben. Andererseits müssen auch Schicksalsschläge oder vom Einzelnen nicht beeinflussbare zufällige Ereignisse wie etwa Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Tod in das Risikodenken miteinbezogen werden. Solche Ereignisse können nicht auf bewusste Entscheidungen eines Einzelnen zurückgeführt werden. Sie beeinflussen aber unsere finanzplanerischen Überlegungen ganz wesentlich.

Wir unterscheiden drei Denkansätze zur Erfassung von Risiko, die alle im Rahmen der Finanzplanung und der Vermögensverwaltung ihre Bedeutung haben:

Wertschwankungs-Risikoansatz  Der erste Ansatz basiert auf einem statistischen Risikoverständnis: Risiko wird als Abweichung von einem erwarteten Wert interpretiert. Ich erwarte z.B. für die nächsten zehn Jahre für meine Finanzanlagen einen durchschnittlichen Zinssatz von 3 Prozent. Bei diesem Zinssatz würde über diesen Zeitraum hinweg mein Kapital vom heutigen Wert K0 auf den Wert Kt anwachsen. Weicht der effektive Zinssatz positiv oder negativ von meiner Erwartung (und damit Berechnung) ab, steigt oder sinkt auch das Kapital, das ich nach zehn Jahren zur Verfügung haben werde. Die Abweichung vom erwarteten Wert bestimmt das Risiko. Auch eine positive Abweichung gehört im finanzmathematischen Verständnis zum Risiko, weil auch sie, so paradox das klingen mag, negative Aspekte haben kann – z.B. hätte ich dann weniger sparen müssen und mir dafür eine tolle Ferienreise leisten können, auf die ich nun unnötigerweise verzichte. Will ich das Risiko verändern, so suche ich nach Entscheidungen, welche die Schwankungsbreite möglicher Ergebnisse um den erwarteten Zielwert reduzieren. Dieses Risikoverständnis steht im Mittelpunkt der finanzwissenschaftlichen Überlegungen und wird bspw. bei der Bestimmung von Wertpapierrisiken angewendet.7

Shortfall-Risikoansatz  Der zweite Ansatz definiert Risiko als die Wahrscheinlichkeit, ein definiertes Ziel nicht zu erreichen. In der Finanzwissenschaft wird mit dem Shortfall-Risiko die Wahrscheinlichkeit ausgedrückt, in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Rendite nicht zu erreichen oder einen bestimmten Vermögenswert zu unterschreiten. Je grösser diese Wahrscheinlichkeit ist, desto grösser ist das Risiko, das mit einer bestimmten Entscheidung oder Handlung verbunden ist. Will ich mit diesem Denkansatz mein Risiko verändern, so definiere ich mein Ziel so, dass die Wahrscheinlichkeit, es auch wirklich zu erreichen, steigt oder fällt. Solche Risikomodelle werden z.B. bei der Berechnung von Risiken ganzer Portfolios bei Banken, Versicherungen oder auch in der Vermögensverwaltung eingesetzt.8 Für unsere Finanzplanung ist dieses Risikoverständnis von grosser Bedeutung. Denn unser auf die langfristige Finanzplanung und Vermögensverwaltung ausgerichtetes Entscheiden und Handeln wird stark vom Risiko bestimmt, ein für uns wichtiges Ziel (wie bspw. eine Frühpensionierung oder die Sicherung eines gewünschten Lebensstandards) in einer künftigen Lebensphase nicht zu erreichen.

Gefahrenansatz  Der dritte Risikoansatz schliesslich verzichtet ganz auf statistische Überlegungen. Er geht vom intuitivsten Risikoverständnis aus: nämlich, dass etwas geschieht, das mir zwar extrem unwahrscheinlich erscheint, aber dennoch möglich ist, und dessen Eintreten für mich drastische Auswirkungen haben kann. Ein solches Ereignis ist z.B. ein schwerer Unfall, der Verlust der sicher geglaubten Arbeitsstelle, eine Scheidung oder im Extremfall der Tod. Es ist nicht ein eigentliches Risiko, das man für den individuellen Einzelfall mit einer Wahrscheinlichkeit berechnen und bewerten kann, sondern vielmehr eine für den Einzelnen unberechenbare Gefahr. Natürlich kann man oft auch solche Risiken in der Terminologie der Wahrscheinlichkeit ausdrücken. Solche Werte sind aber zu abstrakt, als dass sie für die individuelle Finanzplanung sinnvoll genutzt werden können. Vielmehr müssen wir eine Gruppe von Risiken definieren, deren Auswirkungen wir unter Berücksichtigung unserer individuellen Lebensumstände unabhängig von der Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens eliminieren oder reduzieren wollen. So schliessen wir etwa eine Lebensversicherung ab, obschon wir absolut überzeugt sind, die nächsten zehn Jahre zu überleben – falls wir uns aber doch irren sollten, wäre die Familie durch die Versicherungssumme abgesichert.

Abbildung 6: Drei unterschiedliche Sichtweisen des Risikos.

Für unsere Finanzplanung sind vor allem der zweite und der dritte der obigen Risikoansätze von Bedeutung. Finanzplanung ist immer langfristig ausgerichtet. Risiken bestehen denn auch weniger in kurzfristigen Schwankungen von Werten und Ergebnissen, sondern im langfristigen Nichterreichen der definierten finanziellen Rahmenbedingungen, die wir voraussetzen müssen, um unseren Lebensentwurf in künftigen Lebensphasen realisieren zu können.

Risikotypen

Wir unterscheiden vier Risikotypen, die einzeln oder in Kombination die Erreichung unserer finanziellen Ziele gefährden können:

Marktrisiken  Marktrisiken sind Veränderungen von Vermögenswerten und Einkommensströmen, die direkt mit der Veränderung von Marktparametern in Zusammenhang stehen – bspw. mit Börsenkursen, Wechselkursen, Rohstoffpreisen, Zinsen, aber auch Einkommensgrössen.

Gegenparteirisiken  Gegenparteirisiken drücken das Risiko aus, dass ein Partner, mit dem ich einen Vertrag abgeschlossen habe, diesen Vertrag nicht mehr erfüllen kann oder will und damit die ursprünglichen finanzplanerischen Dispositionen infrage stellt. Zu diesen Risiken gehören z.B. der Ausfall einer Obligation, die Kündigung des Arbeitsplatzes oder der Konkurs eines Bank- oder Versicherungspartners.

Systemrisiken  Systemrisiken sind Risiken, die das ganze Wirtschafts- oder Finanzsystem betreffen und die sich direkt oder indirekt auf unser Vermögen und Einkommen auswirken. Dazu zählen z.B. Konjunktureinbrüche, Inflation, aber auch die Veränderung rechtlicher Rahmenbedingungen wie Steuersätze, der Umwandlungssatz von Vorsorgevermögen oder Veränderungen bei der Kranken- oder bei Unfallversicherungen.

Individualrisiken  Individualrisiken charakterisieren Ereignisse, die mit uns selbst oder unserem persönlichen Umfeld in Zusammenhang stehen und sich gravierend auf unsere zukünftige finanzielle Situation auswirken können. Dazu gehören etwa ein unerwarteter Arbeitsplatzverlust, schwere Krankheiten, Unfälle, Todesfälle oder auch eine Scheidung.

Ereignisrisiken und Bedingungsrisiken

Ereignisrisiken bezeichnen eine Störung, die irgendwo in einem an sich normalen Prozess auftritt. Ich werde nicht befördert wie vorgesehen, ich werde in einen Verkehrsunfall verwickelt, verliere meine Stelle, werde krank oder verliere Geld an der Börse. Mit anderen Worten: Es tritt innerhalb eines an sich normalen und stabilen Umfeldes ein Ereignis ein, das meinen Lebensentwurf stört und sich ungünstig auf meine aktuelle oder zukünftige finanzielle Situation auswirkt. Diese Störfälle kann man mit etwas sorgfältigem Überlegen erkennen, analysieren, ihre Konsequenzen auf das eigene Leben abschätzen und ihre finanziellen Auswirkungen ganz oder teilweise zu neutralisieren versuchen.

Bedingungsrisiken dagegen bedrohen die als stabil unterstellten Rahmenbedingungen meines Lebensentwurfs. Sie charakterisieren das Risiko, dass Säulen einstürzen, auf denen mein Leben und meine Finanzplanung aufgebaut sind. Damit wären wichtige Voraussetzungen, unter denen ich zu einem früheren Zeitpunkt finanzielle Entscheidungen getroffen und umgesetzt habe, nicht mehr gegeben. Zu dieser Kategorie gehören bspw. eine nachhaltige Rezession, ein Zusammenbruch der Immobilienpreise, eine anhaltende hohe Inflationsrate oder eine substanzielle Veränderung steuerlicher Rahmenbedingungen. Solche Risiken können wir im Rahmen unserer Finanzplanung nur schwer erfassen. Entsprechende Ereignisse sind oft unvorstellbar, vielleicht gar undenkbar.

Ein einfaches Beispiel

Wenn Sie mit einem Würfel würfeln, kann Ihnen die Statistik genau sagen, wie gross die Chance (oder das Risiko) ist, eine bestimmte Zahl zu würfeln. Diese Aussage bezeichnet ein Ereignisrisiko. Sie gilt aber nur unter der Voraussetzung, dass der Tisch, auf dem wir würfeln, gerade ist, dass der Würfel völlig gleichmässig gearbeitet ist und dass nicht während des Würfelns jemand gegen das Tischbein tritt. Sind diese Bedingungen nicht mehr gegeben, stimmen auch die Verteilungsannahmen der Ereignisse bzw. die aus ihnen abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten nicht mehr.

Das Risiko einer derartigen Verletzung von Rahmenbedingungen bezeichnen wir hier als Bedingungsrisiko. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass in der Finanzwelt immer öfter «jemand gegen den Tisch tritt» und damit die traditionellen finanzwirtschaftlichen Risikomodelle häufiger versagen.

Diese Unterscheidung zwischen Ereignis- und Bedingungsrisiken ist wichtig. Denn während wir uns mit Ereignisrisiken noch einigermassen seriös auseinandersetzen – ein jeder sieht die Notwendigkeit von Versicherungen oder von Risikobeschränkungen bei Börsenanlagen ein –, verdrängen wir Bedingungsrisiken fast vollständig aus unserem finanziellen Denken, Entscheiden und Handeln. Ein Blick zurück auf die Geschichte der Finanzwelt und auf die vielfältigen Konsequenzen historischer Ereignisse für die finanzielle Situation des Einzelnen zeigt, dass es meist solche Bedingungsrisiken sind, die immer wieder ganze Bevölkerungsgruppen und Nationen in finanzielle Schieflagen gebracht haben.9

Beide Risikokategorien zusammen bestimmen unser langfristiges finanzielles Risiko. Mit Ereignisrisiken können und müssen wir rechnen; Bedingungsrisiken können wir nicht berechnen, müssen sie aber dennoch in unsere Überlegungen miteinbeziehen, bspw. im Sinne eines Notgroschens oder einer Alternativplanung.

Vier Perspektiven des individuellen Risikos

Ein Risiko, dem wir im Rahmen unserer Finanzplanung begegnen, hat meist vier sich gegenseitig ergänzende Perspektiven: eine technische, eine finanzielle, eine individuell subjektive und eine soziale Perspektive.

Die technische Perspektive  Die technische Dimension des Risikos drückt dessen quantitative Erfassung und Messung aus. Wie kann ich Risiken in Zahlen ausdrücken – etwa in der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einer Zeitperiode?

Die finanzielle Perspektive   Die finanzielle Risikodimension übersetzt ein Risiko in finanzielle Konsequenzen. Was heisst es konkret für mich, in Geldeinheiten, wenn das Risiko Unfall oder Stellenverlust eintritt? Was hat das für Auswirkungen auf meine Einkommens- und Vermögensverhältnisse, und wie wirkt es sich auf meine langfristige Finanzplanung aus?

Die soziale Perspektive  Viele Risiken wirken sich nicht nur auf meine Person aus, sondern haben Konsequenzen für andere Menschen, die mit mir in Beziehung stehen und von meiner Finanzplanung mit betroffen sind. Dazu gehört natürlich in erster Linie mein familiäres Umfeld.

Die subjektive Perspektive  Die subjektive Risikodimension schliesslich drückt die ganz persönliche Beurteilung eines objektiv vorhandenen Risikos aus. Diese Beurteilung wird bei jedem Einzelnen etwas anders ausfallen – sie hängt von unserer individuellen Lebenssituation ab, von unseren finanziellen Verhältnissen, unseren Persönlichkeitsaspekten, unseren Erfahrungen und von vielen weiteren Faktoren, die unsere sog. Geldpersönlichkeit beschreiben (siehe dazu auch Abschnitt 5.1).

Für die Finanzplanung ist die quantitative Erfassung von Risiken von untergeordneter Bedeutung, weil wir die meisten unserer Risiken zahlenmässig gar nicht zuverlässig erfassen können. Die finanzielle Risikodimension etwa eines Erwerbsausfalls oder eines Stellenverlusts können wir in wichtigen Bereichen zumindest in summarischen Beträgen erfassen und in unsere Planung miteinbeziehen. Die sozialen Aspekte des Risikos spielen vor allem für die Selbsterkenntnis der Einschränkungen unserer Risikowahrnehmung und -beurteilung eine Rolle (wir kommen in Abschnitt 5 darauf zurück).

Abbildung 7: Risikoperspektiven.

Das individuelle Risikoprofil.