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Das Buch erzählt die Geschichte von Fritz Felder, der als junger Schmied aus der Innerschweiz nach Zürich zieht. Dort erlangt er schnell berufliche Anerkennung und heiratet die Tochter einer Papeterie-Besitzerin. Gemeinsam bauen sie ein erfolgreiches Geschäft auf, das später von ihrem Sohn und dessen Söhnen zu einem führenden Handelsunternehmen weiterentwickelt wird. Der Besuch der Leipziger Messe wird für die Familie zur Tradition, die auch in schwierigen Zeiten beibehalten wird. In den 1980er Jahren begleitet Huldrych seinen Vater zur Messe, wo er Heike kennenlernt, die Tochter prominenter Republik flüchtiger. Trotz politischer, gesellschaftlicher und privater Herausforderungen entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die jedoch von Hindernissen geprägt ist.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.
Theodor Fontane (1818-1898)
Bauer oder Schmid
Escher Wyss
Zwei Jahre später
Vom Schmid zum Händler
Heike Hunger, die Flucht der Eltern
Zürich der 80er
Huldrych
Gundula
Heike in Leipzig
Huldrych und Gundula
Masterarbeit
Tim in Zürich
Acht Monate später
Neun Brüder und Schwestern, alle älter als er, hatten sich um den Küchentisch im ärmlichen Schattenhof zu hinters im Entlebuch versammelt. Die meisten seiner Geschwister, bereits verheiratet und mit eigenen Kindern gesegnet. Bis auf Klara alle ausgeflogen und auf ihren eigenen Beinen stehend. Bauern auf diesem Hof, mit vier Rindern, einem Dutzend Schweine und Schulden bis unter dem Giebel, hatte keiner seiner Brüder gewollt. Und nun sollte es Fritz, der Jüngste, richten.
Draußen lag der Schnee bis unter das Vordach der schütteren Scheune. So früh war der Schnee gekommen, dass es der alte Vater nicht mehr geschaffen hatte, im Wald einen Weihnachtsbaum zu schneiden. Nur dank dem Vetter Ruedi, dessen Hof noch weiter hinten im Tal lag und dessen Zufahrtsweg neben Felders vorbeiführte, war einigermaßen geräumt. Mit seinen Pferden hatte er, als der Schnee schon kniehoch lag, begonnen zu räumen. Immer wieder hin und her. Felder hatte geholfen, so gut er mit seinem krummen Rücken konnte.
Nur weil der Weg gepfadet und der Schneefall aufgehört hatte, konnten alle Nachkommen des Felder am Weihnachtstag zum Hof stapfen. Der eine brachte Lebkuchen, ein anderer eine Seite Speck und Lisa hatte Zimtsterne gebacken. So war der große Küchentisch nicht so leer wie sonst im Alltag. Mutter kochte Tee und eine Flasche Schnaps machte die Runde.
Kilian mit seiner lauten Stimme rief: "Im Frühling bist du fertig mit der Schule, dann hat Vater einen, der ihm hilft. Du wirst hier bauern, Fritzli." Obwohl kräftig und beinahe eins achtzig groß, eben der Jüngste und deshalb seit jeher Fritzli gerufen, begehrte auf. „Nein, das mache ich nicht, ihr alle seid vom
Hof gegangen, der eine in die Sagi, der andere als Käser und du, Kilian, bist bei der Post. Ihr alle habt gewusst, dass es auf diesem Hof keine Zukunft gibt. Nun soll ich die Schulden tragen und mich hier für nichts abrackern, nein, ich gehe zum Kiener, der nimmt mich als Lehrling in seine Schmiede.“
Einem Moment der Stille folgte das Stimmengewirr. Beinahe alle schienen auf den Jüngsten einzureden. Bis die Mutter aufbegehrte und, so laut sie noch konnte, Ruhe verlangte.
„Er hat Recht, nur weil er der Jüngste ist, soll er die ganze schwere Last auf sich nehmen und unser armseliges Heimetli bewirtschaften. Wenn ihr etwas häufiger als nur an Weihnachten zu Besuch kommen würdet, hätten wir das schon lange bereden können. Vater und ich werden bald allein hier wohnen. Klara wird sich am ersten Mai mit dem Jungen von Vetter Ruedi verloben. Unser Land legen wir mit ihm zusammen. Wir können hier weiterhin wohnen und helfen dort mit, wo wir können.“
Als Erste hatte Kilians Frau Sofie die Tragweite des eben Gehörten erkannt. Sofie, unscheinbar, mit einem Gesicht wie die Karikatur eines Uhus und der Stimme eines im Stimmbruch stehenden Hahns. Immer zuvorderst, wenn etwas zu holen, am Ende der Schlange, wenn auch etwas von ihr erwartet wurde. „Dann gehen unser Land und der Hof an Vetter Ruedi und damit an seinen Sohn und nicht zuletzt an unsere junge Klara. Und wir alle gehen leer aus. Das ist Erbschleicherei, das könnt ihr nicht machen, uns einfach übergehen und bescheißen.“
Niemand schien jetzt in der Lage, dem lauten und gehässigen Geschrei Einhalt zu bieten. Auf einmal stand der alte Vater, der sich auf einer Bank in die Nähe des Ofens hingesetzt hatte, auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Ruhe“, schrie er so laut er mit seinem Asthma noch konnte. „Es wurde heute schon mehrmals gesagt, unser Hof ist verschuldet. So hoch, dass ich kaum noch weiß, wie die Zinsen bezahlen. Ich bin bereit, den Hof an jenen von Euch zu verschreiben, der ihn mit den Schulden übernimmt. Jetzt habt ihr die Gelegenheit euch dazu zu äußern.“
Das Stimmengewirr, das nun folgte, schien nicht auflösbar. Immerhin zum Schluss waren sich alle einig, dass es doch an Kilian lag, mit seiner habsüchtigen Frau den Hof zu bewirtschaften und das Erbe zu übernehmen. Der schielte mit hochrotem Kopf zu seiner Frau, die dabei war, ihre abgelegten Kleider anzuziehen und wortlos zur Haustür zu gehen. Unter dem Gelächter seiner Geschwister und Verschwägerten lief er ihr nach, ohne allen frohe Weihnachten zu wünschen.
Noch einmal erhob der Vater seine Stimme. „Es scheint, dass hiermit der Mist geführt und die Sache mit dem Hof geregelt ist.“ Niemand begehrte auf.
Von da an bildeten die Frauen einen Kreis um Klara, sie wollten Näheres und Einzelheiten zu ihrer Verlobung erfahren. Die Männer nahmen Fritz in die Zange und überhäuften ihn mit Fragen zum Schmied, zu dem er in die Lehre gehen wollte. „Der hat doch einen Sohn, der die Schmiede mal übernehmen wird, da kannst du es dir abschminken, jemals Meister zu werden“, rief ihm sein älterer Bruder zu. Keck, wie der Jüngste schon war, konterte er: „Meint ihr denn, ich bleibe hier im engen Tal? Überall werden tüchtige Schmiede gesucht, jetzt, wo mit dem Bau des Gotthardtunnels begonnen wird, müssen jeden Tag Meißel und Spitzeisen neu geschmiedet und gehärtet werden. In drei Jahren werde ich auch zu denen gehören, die in Göschenen arbeiten. Ins Loch muss ich nicht, dort arbeiten die Italiener.“
Da habe sich der Kleine aber viel vorgenommen, aber es könnte funktionieren, war nach langen Diskussionen die einheitliche Meinung.
Nach Ostern war es so weit. Fritz, seine Sachen in ein Tuch gewickelt, an einem Stock über die Schultern gelegt, marschierte frohen Mutes nach Zell und meldete sich beim Schmied Kiener. Die Frau des Meisters zeigte ihm seine Stube, die er mit einem anderen Lehrling im dritten Lehrjahr, teilen sollte.
„Im ersten Jahr gibt es keinen Lohn, du isst mit uns am Tisch. Wenn du dich gut hältst, fleißig bist und von keinem Schnaps annimmst, gebe ich dir an jedem Markttag einen Franken. Deine ausgelatschten Schuhe lässt du in deiner Stube, in der Schmiede stehen Holzböden zum Anziehen und ein Lederschurz, ohne diesen will ich dich dort nie sehen“, klärte ihn sein Meister auf.
Fritz stellte sich gelehrig an, seine Meisterleute zeigten ihm ihre Zufriedenheit. „Du wirst es zu etwas bringen, beginn ja nicht mit dem Laster des Saufens“, sagte Frau Kiener regelmäßig, wenn sie ihm zum Markttag einen Franken mehr als versprochen zusteckte. Harte Arbeit, genügend und kräftiges Essen ließen den Jüngling zu einem stattlichen Mann werden.
Im letzten der drei Lehrjahre nahm Kiener einen Auftrag einer Fabrik an, etwas herzustellen, das er noch nie gemacht hatte. Ein Dampfkessel, zwei Meter Durchmesser, vier Meter hoch. Eine Herausforderung, die es in sich hatte. Kessel für hohen Dampfdruck konnten nicht einfach zusammengeschweißt und mit Stahlbändern umschlungen werden. In einem neu erschienenen Fachbuch machte sich Kiener schlau, wie das mit dem Nieten so eine Sache war. Seinen Lehrling Fritz nahm er zu sich und beide studierten am Küchentisch an langen Abenden die Technik des Nietens. „Fritz, die nächsten beiden Wochen nimmst Du alles, was du benötigst. An Stahlplatten übst du so lange, bis jede Niete, die du schlägst, anliegt und sicher hält. Auch müssen deine Nieten auf beiden Seiten schöne runde Köpfe haben.“
Zuerst formte Fritz aus Kohlenstoffstahl die im Buch beschriebenen Hämmer. Dann schmiedete er aus weichem, gut verformbarem Stahl Nietnägel mit auf der einen Seite in Form des Nietkopfes, dann den Schaft, jeder genau passend in die Löcher, die er in die beiden zusammen zu nietenden Platten gebohrt hatte. Die in der glühenden Esse auf Schmiedetemperatur gebrachten Nietnägel drückte er durch die Löcher. Während sein Unterlehrling gegen den Niet hielt, formte er auf der gegenüberliegenden Seite aus dem zylindrischen Schaft des Nagels in mehreren Schritten den anliegenden zweiten Nietkopf. Immer wieder übte er, bis es ihm gelang, zwanzig Nieten nacheinander zu stemmen, ein Kopf wie der andere, enganliegend.
Unter den prüfenden Blicken seines Meisters durfte er den Dampfkessel als Abschlussarbeit seiner Lehre bauen.
Mit berechtigtem Stolz saß Meister Kiener vorne auf dem Bock, als der Dampfkessel auf ein Fuhrwerk geladen durchs Dorf bis nach Emmen geführt wurde. Vier Pferde zogen den verstärkten Wagen des Fuhrhalters. Neben dem Schmied der Fuhrmann, Fritz hinten auf dem Wagen. In der Fabrik, zu der der Transport führte, warteten Monteure der Escher Wyss aus Zürich. Sie hatten die Dampfmaschine geliefert, mit welcher künftig die Maschinen der Fabrik angetrieben werden sollten. Erst misstrauisch und skeptisch, schlussendlich bewundernd begutachteten sie den vom Schmied aus dem Luzerner Hinterland gelieferten Kessel. „Gut gemacht, sauber und sicher dicht, der wird den hohen Druck halten“, gratulierte der Chefmonteur dem Kiener
„Das ist die Abschlussarbeit unseres Lehrlings, er hat alle Nieten geschlagen.“
„Was heißt hier Abschlussarbeit, das ist schon eher ein Gesellenstück, was da vor uns steht. Komm doch mal näher zu mir, Lehrling.“
Fritz, bescheiden, doch voller Stolz, trat in die Nähe des Fachmannes. „Was machst du nach der Lehre, bleibst du beim Kiener oder zieht es dich in die Fremde?“
„Bleiben kann ich nicht, für einen Gesellen gibt es zu wenig Arbeit, ich habe vor, nach Göschenen zu gehen und mich bei der Tunnelbaugesellschaft als Schmied anstellen zu lassen. Ich habe gehört, dass die dort kaum mithalten können mit dem Nachschmieden von Meißeln.“
„Da gibt es etwas Besseres. Einen, der wie du die Nieten schlägt, könnten wir sicher gut gebrauchen. Warte zwei Wochen, sobald wir hier fertig sind, fahren wir zurück in die Escher Wyss nach Zürich, dort rede ich mit meinem Chef. Bring mir in den nächsten Tagen deinen Lehrbrief. Du wirst dann sicher bald von uns hören.“ Kiener, der dabeigestanden und alles mitbekommen hatte, nickte mit dem Kopf und freute sich, dass sein Lehrling von einem derart großen Unternehmen ein Stellenangebot erhielt. „Noch heute Abend schreibe ich dir den Lehrbrief und dazu ein Empfehlungsschreiben.“
Keine drei Wochen später traf der Brief ein. Fritz Felder sollte zum Ersten in Zürich die Stelle eines Kesselschmieds antreten. Fürs Erste sei für ihn ein einfaches Zimmer bei Frau Küng, der Witwe eines verstorbenen Meisters, reserviert. Aufgrund seiner guten Zeugnisse und der vom Montagechef inspizierten Qualität seiner Arbeit erhalte er fürs Erste einen Lohn von 6 Franken pro Tag. Der Lohn sei gut und nur angesichts seines handwerklichen Geschicks gerechtfertigt. Man mache ihn deshalb darauf aufmerksam, dass er zu keinem Arbeiter über den Lohn reden solle.
Bis zum Monatsende blieben ihm zehn Tage. Kiener ließ ihn am Ende der Woche ziehen. Er sei ein guter Lehrling gewesen, und er wünsche ihm in der Fremde nur das Beste. Seine Frau übergab ihm mit Tränen in den Augen eine Enveloppe, darin fünfzig Franken. So wie er drei Jahre zuvor angereist war, marschierte er am Sonntag, diesmal mit einem Koffer, darin ein Anzug ohne Flicken, Hemden und neuen Schuhen, zurück zum Elternhaus. Während der vergangenen Jahre hatte er höchstens dreimal im Jahr den Weg dorthin unter die Füße genommen. Seine Besuche waren zunehmend zur Pflichtübung verkommen. Klara war ins Haus ihres Mannes gezogen, Mutter eines Buben geworden. Rinder und Säue gab es auch nicht mehr auf dem verlotternden Hof. Der Vater hielt einige Kaninchen, Mutter versorgte ein Dutzend Hühner.
Fritz trat über die vier Stufen der ausgetretenen Steintreppe ins Haus. Vom Hauseingang direkt in die Küche. Die Mutter, Kartoffeln schälend am großen Tisch. Herzlichkeit war in der Familie Felder nicht bekannt. Nur ein kurzes Nicken und „Da bist du ja“, die Begrüßung nach dem Wiedersehen nach etwas über drei Monaten. Aus seinem Koffer nahm er einen in Papier gewickelten Kuchen.
„Ich habe dir einen Osterkuchen mitgebracht.“ Ihre Augen auf die Kartoffel in der Hand gerichtet, sagte sie: „Leg ihn auf das Gestell neben dem Ofen.“ Das war alles, was sie zum Mitbringsel zu sagen hatte. Zum ersten Mal, seit er weggegangen war und beim Schmied gewohnt hatte, wurde ihm die Armseligkeit der Wohnstätte, in der er seine Kindheit verbracht hatte, bewusst. Das häusliche Leben fand in der dunklen Küche statt. Da saß man am Tisch, für den Vater neben dem Ofen ein Stuhl, auf dessen Sitzfläche ein schmutziges Kissen lag. Hinter der Küche die Schlafkammer der Eltern, ein Bett mit Strohsäcken und eine Kommode, die schon Vaters Eltern von ihren Vorfahren übernommen hatten. Oben, vom Flur her über eine enge Treppe erreichbar, zwei Kammern. In der einen hatten die Buben, in der anderen die Mädchen geschlafen. Oft zwei im selben Bett. Die Fenster klein und blind vor Schmutz. Vorhänge wie bei Kieners gab es nicht. Die Mädchenkammer schien, seit Klara zu ihrem Mann gezogen war, nie mehr betreten worden zu sein. Fritz verglich dies mit dem Haus, in dem er die vergangenen drei Jahre gelebt hatte, die stets aufgeräumte Küche, dann die Stube mit einem großen Tisch mit Stühlen. Sogar in seiner Kammer unter dem Dach waren die Fenster immer sauber, überall hingen dünne Vorhänge. Seinen Strohsack hatte er auf Weisung der Frau immer am ersten Samstag nach dem Beginn einer neuen Jahreszeit leeren und mit sauberem Stroh neu stopfen müssen.
Es hatte sich herumgesprochen, dass Kiener einen Druckkessel gebaut und nach Emmen geliefert hatte. Auch dass Fritz einen wichtigen Anteil am Entstehen gehabe, hatte, wusste der Vater. Er konnte sich allerdings nicht vorstellen, zu was diese gebraucht werden konnten. „Etwas Neues, das ich nicht verstehe», sei es.
Vom Umzug und der neuen Stelle in Zürich wussten die beiden Alten nichts. Erst als ihn nach der Begrüßung die Mutter fragte, ob er jetzt als Schmied in den Gotthardtunnel gehen würde, erzählte Fritz, dass er nach Zürich in eine Fabrik, in der Dampfmaschinen für Eisenbahnen und Schiffe gebaut wurden, gehen würde. Sie erschrak, das Blut in ihren Adern entleerte sich. Fritz nahm die Taumelnde und führte sie zum nächststehenden Stuhl. „Was ist daran so schlimm, dass du beinahe in Ohnmacht fällst, nur weil ich in einer Fabrik arbeiten werden?“, fragte Fritz verstört durch die Reaktion seiner alten Mutter.
„Warum gehst du nicht zum Gotthard, dort sind die Leute rechtschaffen und haben den rechten Glauben? In Zürich bist du unter lauter Reformierten, wie kannst du dort den Seelenfrieden finden? Was wird unser Pfarrer sagen, wenn er hört, dass unser Jüngster zu den Sündern gezogen ist?“
Daran hatte Fritz nicht gedacht, nicht einmal geahnt hatte er, dass er sich in einen Zwiespalt begeben würde. Sein Lehrmeister war kein Kirchgänger, an den sonnigen Sonntagmorgen nahm er seine Lehrlinge stets mit auf kleine und größere Wanderungen. Wenn es regnete, saßen sie in der Stube, wo er seine jungen Berufsleute unterrichtete im Zeichnen, Winkelrechnen und Kostenrechnen. „Ihr könnt noch so gute Schmiede sein, könnt im Jahr hunderte von Hufe beschlagen, Pickel und Haken schmieden, immer müsst ihr dafür einen rechten Lohn verlangen. Und was ein rechter Lohn ist, müsst ihr berechnen, eure Kosten berücksichtigen. Macht nie den Fehler, eure Arbeit unter ihrem Wert zu verkaufen. So mancher Schmied wurde bevogtet, weil er verlumpte. Nach dem Saufen ist nicht zu verrechnen der häufigste Grund, weshalb hin und wieder eine Schmiede zu haben ist. Und noch etwas müsst ihr beachten: Wartet nicht zu lange damit Geld einzutreiben, wenn jemand nicht zahlt.“
Solche Sonntage hatte Fritz geliebt, nie hatte ihm die Pflege der Seele in der Kirche gefehlt. Hier hatte er von seinem Meister Unterricht und übermittelnde Erfahrungen erhalten, die ihn fürs Leben vorbereiteten und vor Fehlern bewahren sollten. Dass seine Mutter derart heftig reagieren würde, kam unerwartet. „Mutter, ich habe keine Angst, auch in Zürich leben Katholiken. Auch ist die Zeit vorbei, als in der Schweiz sich Christen zweier Glaubensrichtungen die Köpfe einschlugen. Ich bin kein Kirchgänger, werde auch in Zürich keiner werden. Mein Ziel ist ein guter Arbeiter zu sein, vorwärtszukommen und ein redliches Leben führen.“
Er fühlte sich unwohl in seinem Zuhause, im Bett stank es, rings ums Haus nur Schmutz und Dreck. So fiel ihm der Entschluss leicht, statt erst am Ende der Woche bereits am Montag nach Zürich zu reisen.
Am Sonntagabend verkündete er seinen Entschluss, das Haus noch in der Dunkelheit des frühen Morgens zu verlassen. Beinahe erlöst, den sich ihnen entfremdeten Sohn los zu sein, gab es keinen Widerspruch. Den Abschied empfand er so emotionslos und kühl wie der Empfang zwei Tage zuvor.
Frohen Mutes und dankbar, dass es nicht regnete, nahm er den Weg nach Willisau zur nächsten Bahnstation unter seine Füße. Leichtfüßig, seinen Koffer an den Rücken gehängt, lief er auf der Straße zum Bezirkshauptort. Erst kurz vor seinem Ziel begegneten ihm die ersten Fuhrwerke. Keiner fragte nach dem Woher und Wohin. Das war ihm recht so. Ihn beschäftige das, was auf ihn zukommen würde. Was er hinter sich ließ, schien ihm nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen.
Am Bahnhof angekommen erkundigte er sich nach der Abfahrtszeit des nächsten Zugs nach Luzern und löste am Billettschalter eine einfache Fahrkarte, dritter Klasse nach Zürich. „Du musst dich gedulden, der Zug wird erst in einer dreiviertel Stunde von Bern hier eintreffen und dann fünf Minuten später weiterfahren. Du fährst nach Zürich und willst dortbleiben?“ „Ja“, entgegnete Fritz, der im selben Moment erkannte, dass wer ein einfaches Billett kaufte, nicht im Sinn hatte, bald wieder zurückzukehren. „Ich fange am Montag bei der Escher Wyss als Kesselschmid an.“ „Aha, dann sind wir ja beinahe in derselben Branche tätig, du baust Dampfkessel für Lokomotiven und ich schaue, dass Leute die Fahrt mit den Zügen bezahlen“, lachte der schon ältere Mann. „Viel Glück.“
Die Zeit bis zur Abfahrt seines Zuges erlaubte Fritz zurück ins Dorf zu gehen und sich in der Bäckerei ein Stück Brot und beim Metzger vis-à-vis eine Räucherwurst als Reiseproviant zu kaufen. Dann zog es ihn zurück zur Bahn. Auf einem der Abstellgleise stand eine Lokomotive. Ein technisches Wunderwerk. Meister Kiener hatte ihm auf Skizzen erklärt, wie sie funktionierte. Jetzt die Maschine vor sich konnte er nur noch staunen.
Seine Brust schwellte an beim Gedanken, dass er künftig am Bau von Dampfmaschinen einen kleinen, jedoch wichtigen Anteil haben würde.
Die erste Zugfahrt genoss er wie ein kleiner Bub. Das Fauchen der Lokomotive, das Geratter und die Geschwindigkeit, mit der der Zug über die Schienen flog. Nach einer kurzen halben Stunde bereits in Luzern, mit dem Fuhrwerk eine Tagesreise. Nun wurde es Fritz bewusst, dass eine neue Zeit angebrochen war, er war ein kleines Zahnrad im Getriebe der Evolution.
Ein auskunftsfreudiger Lokomotivführer, der mit einem Ölpintli-Lager und Gelenke an seiner Lokomotive schmierte, gab Fritz Auskunft und erklärte ihm seine Maschine. Im Bahnhof war ein Kommen und Gehen. Bald konnte er erkennen, dass es Leute gab, für die das Reisen im Zug etwas beinahe Alltägliches war. Sie stiegen in ihren Zug, suchten sich einen Sitzplatz und begannen sich noch vor der Abfahrt in ein Buch oder eine Zeitung zu vertiefen. Beinahe verpasste er seinen Zug nach Zürich.
Jetzt auf der Fahrt nach Zürich dachte er zum ersten Mal daran, dass Frau Küng, seine künftige Vermieterin, ihn erst zum Ende der Woche erwarten würde. Seine Abreise hatte er spontan und übereilt gefasst.
Die Zustände in seinem Elternhaus hatten ihn derart bedrückt, dass ihn nichts mehr hielt und er fluchtartig den vorgezeigten Weg in die Zukunft genommen hatte. Er musste sich gestehen, seine Eltern waren nicht bösartig, auch stritten sie kaum und wenn, nur kurz. Sie waren in ihrer kleinen Welt gefangen. Ohne andere Lebensumstände zu kennen, schien sie das auch nicht zu betrüben. Das kleine Gewerbe hatte nie so viel abgeworfen, dass sich ihre Verhältnisse hätten verbessern können. In jungen Jahren, während mehr als einem Jahrzehnt, jedes Jahr ein Neugeborenes, ein Mund mehr zu füttern. Und dann, keiner der Söhne war bereit, das Heimetli zu bewirtschaften. Alle waren sie ausgezogen, verdienten ihr Brot in anderen Berufen. Die jugendlichen Kräfte fehlten, die steilen Wiesen zu heuen, wurde je mehr die Zeit verging, immer schwieriger. Vater tat, was er konnte, zog sich schließlich zurück, hielt nur noch so viele Rinder, wie er Futter für sie hatte. Wie es weitergehen sollte, falls Mutter oder Vater krank und bettlägerig würde, blendete er aus.
Mit der Einfahrt des Zugs in den Bahnhof Zürich war der Entscheid gefasst. Er würde zu Frau Küng gehen und fragen, ob er sein Zimmer schon früher beziehen könne. Er verliess den Bahnhof und fragte einen dort auf Kundschaft wartenden Kutscher nach dem Weg. „Über die Limmat, dann links dem fließenden Wasser entlang. Nach der Escher Wyss die dritte Strasse wieder rechts, dann bist du schon nahe an der Adresse.“
Er bedankte sich und schritt über die Brücke, vor sich die riesigen Werkgebäude seines künftigen Arbeitgebers. Durch die offenen Fenster hörte er das laute Schlagen und Schnauben eines Dampfhammers. „Da drin werde ich einen Teil meines Lebens verbringen, zu jenen gehören, die neue Maschinen bauen“, dachte er stolz.
Erstaunt über den noch nicht erwarteten Zimmerherrn, öffnete die betagte Vermieterin die Tür, vor der Fritz stand. Sie schaute an dem groß gewachsenen, kräftigen jungen Mann hoch. „Ich bin Fritz Felder, die Escher Wyss hat für mich ein Zimmer vermittelt. Eigentlich hatte ich vorgesehen, erst am Wochenende anzureisen, deshalb frage ich Sie, ob es möglich wäre, bereits heute hier zu wohnen. Selbstverständlich bezahle ich die zusätzlichen Tage.“
„So hatte ich sie mir nicht vorgestellt, ein Mann aus dem Entlebuch habe ich mir bis heute immer klein und hager vorgestellt. Aber sie machen einen sauberen und gmögigen Eindruck auf mich. Kommen Sie herein, Felder, sicher sind sie hungrig von der langen Reise.“
Überrascht über den freundlichen Empfang trat er ein in den mit Tonplatten ausgelegten Hausgang. Frau Küng ging vor ihm und öffnete hinten die rechtsseitige Tür.
„Hier ist Ihre Kammer. Wir haben es halt einfach, aber ich gebe mir Mühe, es immer sauber zu halten. Das erwarte ich auch von meinem Zimmermieter“, sagte sie, als sie zur Seite trat und Fritz eintreten ließ. Im Zimmer ein hohes Bett mit dicken Matratzen. Ein zweitüriger Schrank. Ein Waschtisch, darauf ein Wassergefäß. Das große, mit Vorhängen behangene Fenster ließ seinen Blick in einen Hinterhof mit kleinem Gemüsegarten streifen. „Durch die Tür am Ende des Gangs geht’s in den Hof, dort ist auch das Häuschen mit dem Herz auf der Tür. Wir benützen das mit anderen Bewohnern im oberen Stock. Legen Sie ihre Sachen ab und folgen Sie mir ins Stübli.“
Die entgegengebrachte Freundlichkeit war ihm neu. Wohl war die Frau des Schmieds immer gewissenhaft, bedacht auf Sauberkeit. In ihrer Stimme war jedoch stets ein herrschender Ton. Und hier traf er auf eine aus dem Herzen kommende Freundlichkeit. „Ich mache uns einen Tee und Wärme den Rest der Suppe vom Mittag auf.“
Nachdem sie Fritz einen Stuhl zum Sitzen angeboten hatte, flitze sie geschwind wie ein Wiesel, schlank und für ihr Alter behänd, aus dem Stübli. Im Zimmer hingen Bilder und Zeichnungen von Blumen und Wäldern. Von einer eingerahmten Fotografie schaute ein streng dreinblickender Mann ins Zimmer. Der mit Buchendielen ausgelegte Boden roch nach Bodenwichse. An der Decke hing eine Petroleumlampe unter einem Lampenschirm. Fritz fühlt sich auf Anhieb wohl. „Das ist mein Mann selig“, sagte Frau Küng, nachdem sie zurück ins Stübli eingetreten war und auf die Fotografie an der Wand zeigte. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens war er Abteilungsmeister bei der Escher Wyss gewesen. Sie hatten ihn alle geschätzt. Leider hatte er allzu jung gehen müssen. Eine heimtückische Krankheit hatte ihn, bevor er sechzig Jahre alt wurde, aus dem Leben gerissen. „Ja, und jetzt sind Sie hierher aus dem abgelegenen Entlebuch in die lebendige Stadt Zürich gekommen. Ich freue mich darauf, wenn sie mir hin und wieder Gesellschaft leisten.“
Es war schon eine andere Welt hier. Schon auf dem Weg vom Bahnhof zur Adresse sei ihm bewusstgeworden, dass hier ein anderer Wind wehte. Die vielen Leute, die sich nicht grüßten, auf den Straßen, Kutschen und Fuhrwerke, die sich darauf bewegten, die sich oft in die Quere kamen. Er würde sicher einige Zeit benötigen, bis er hier heimisch werden würde. Nochmals ging die Vermieterin aus dem Zimmer, kam bald mit einem dampfenden Teller mit Suppe zurück, ein großes Stück Brot in der anderen Hand. „Hier essen Sie“, sagte sie und stellte den Teller auf den Tisch.
„Danke, sehr gütig von Ihnen“, sagte er, bevor er die dicke Kartoffelsuppe schlürfte.
„Erzählen Sie von sich“, forderte sie ihn auf, nachdem der Teller ausgelöffelt war. Fritz erzählte mit wenigen Worten von seiner Herkunft, der großen Familie, in der er aufgewachsen war. Von der Lehre beim Schmied Kiener und seinem Gesellenstück, dem Dampfkessel, der schlussendlich Anlass gegeben hatte, dass er am kommenden Montag seine neue Arbeitsstelle antreten könnte.
„Dann habe Sie ja noch einige Tage Zeit, unsere Stadt zu erkunden. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, sich von einem alten Müetti, wie ich es bin, führen zu lassen, zeige ich Ihnen morgen die wichtigsten und schönsten Plätze der Stadt.“
„Es ist gütig von Ihnen, Frau Küng. Tatsächlich habe ich keine Ahnung und bräuchte ohne Einführung länger, bis ich mich in der Stadt einigermaßen auskenne. Noch etwas, ich bin es nicht gewohnt, per Sie angesprochen zu werden. Nennen Sie mich doch einfach Fritz.“
„Abgemacht, Fritz, dann starten wir morgen gegen neun zu unserer Stadtführung.“
Zurück in seinem Zimmer, durchdrang ihn eine große Zufriedenheit. Es schien, als ob er es gut getroffen hatte. „Wenn es in der Fabrik ebenso gut läuft wie mit dem Zimmer und meiner Zimmerwirtin, gibt es keine Ursache, mich nach Entlebuch zurückzusehnen.“
Nach einem kleinen Frühstück zog das ungleiche Paar los. Neben dem großen, kräftigen Mann erschien die Frau kleiner und unscheinbarer, als sie war.
Zuerst führte sie ihr Weg zur unweit von der Wohnung fließenden Limmat. „Zur Stadt gehts nach rechts, von wo aus du gestern gekommen bist, am Bahnhof vorbei bis zum See.“ Immer wieder anhaltend, erklärte sie ihrem jungen Begleiter ein Gebäude oder einen Platz, den sie gerade vor sich hatten. Sie weibelte neben ihm, fuchtelte mit den Armen und ihr Mundwerk war in Bewegung. Der See zeigte sich an diesem sonnigen Frühlingstag von seiner besten Seite. Fritz kam aus dem Staunen nicht heraus. „Du musst an einem schönen Sonntag hierher gehen, dann treibt sich die halbe Stadt herum, flaniert und zeigt sich im schönsten Sonntagsstaat. Komm, setzen wir uns auf die nächste Bank und ruhen uns etwas aus.“
Nach einer Weile Schweigen fragte Frau Küng zögerlich: „Fritz, möglicherweise bin ich jetzt etwas zu vorwitzig und direkt, aber es ist mir ein Anliegen, dass du dich hier wohlfühlst. Sind die Kleider, die du trägst, die einzigen, über die du verfügst?“ Er staunte über die Frage, trug er doch Hosen, die sauber und nur an einer kleinen Stelle geflickt waren.
Was meinen Sie damit?“
„So, wie du gekleidet bist, ist es in Ordnung, um zur Arbeit zu gehen. Für die Stadt, die Kirche oder einen vergnüglichen Spaziergang erscheinst du wie ein Bauer vom Land. Ich empfehle dir, von deinem ersten Lohn eine neue Hose aus feinerem Stoff, bequeme Schuhe und ein Hemd zu kaufen. So erscheinst Du nicht schon von Weitem als ein Hinterwäldler.“
Nach einer kurzen Denkpause sah er es ein, dass seine Begleiterin Recht hatte. „Ich pflichte ihnen bei, ich möchte nicht als Bäuerlein vom Napf erscheinen, allerdings auch nicht herausgeputzt wie ein Herr, das bin ich nicht. Ja, und zur Kirche werde ich kaum gehen, denn was die Pfaffen erzählen, hat mich bis heute noch nicht überzeugt. Aber ich habe von den fünfzig Franken, die mir mein Lehrmeister zum Abschied gab, noch fast alles. Wenn Sie mir helfen, kann ich mich heute oder morgen neu einkleiden.“
Erleichtert von seiner Einsicht, der Zustimmung und gar der Bitte ihn zu beraten, stand sie auf und sagte beim Weitergehen: „Dann haben wir für morgen unser Programm, ich werde dich sicher begleiten. Heute gehen wir links der Limmat und morgen schauen wir, was es rechts davon Sehenswertes gibt.“
Fritz staunte immer mehr, wie quick die alte Frau mit ihm durch die Gassen zog. Ihm taten die Füße weh, sie schien das Umhergehen nicht zu ermüden. „Das Umhergehen in der Stadt ist eben ermüdend, aber wir gehen nun zu einem Ort, wo wir uns ausruhen können“, lachte sie bübisch.
In einer Seitengasse zog sie ihren Begleiter in einen Eingang und trat in ein Ladenlokal ein. Eine Glocke, angeschlagen durch einen an der Ladentür befestigten Bolzen, schlug an. Vor lauter Staunen über das geschäftige Treiben hatte er den Laden nicht bemerkt. Nur ein kleines Fenster zur Gasse zeigte die dort ausgestellten Dinge. Drinnen Schreibpapier, Schreibbücher, Journale mit Tabellen, Tinte, Federn, Blei- und Farbstifte, Radiergummi, alles, was es in Büros und Kanzleien brauchte, lagen auf Gestellen und hinter Vitrinen. Eine Frau, einige Jahre jünger als Frau Küng, kam ihnen entgegen. „Was führt dich in die Stadt, liebe Schwester? Und dieser junge Mann, so stattlich wie der erscheint, kann das nur dein Leibwächter sein“, lachte sie und schaute zu Fitz auf.
„Das ist meine Schwester Hedwig, sie führt diesen Laden mit ihrer Tochter Hilda“, und zur Schwester gewandt, stellte sie Fritz als ihren neuen Zimmerherrn vor, der am Montag seine neue Stelle antreten würde.
Sie bat ihre Besucher in einen Raum im hinteren Bereich des Ladens und bot ihnen Stühle zum Sitzen an. Aus einer Kanne, die sie auf dem kleinen Holzofen warmhielt, goss sie Tee in kleine Tassen, die hinter der Tür eines Schranks versorgt waren.
Immer mit einem Ohr gegen den Laden gerichtet, nahm Hedwig zwischen den beiden Besuchern Platz. Sie betrachtete den jungen Mann an ihrer Seite. Scheu und unbeholfen saß er da, die Teetasse verschwand in seinen groben Händen beinahe, spürbar ungewohnt in einer Damengesellschaft. Geübt, auf Menschen zuzugehen und ihre Neugier zu befriedigen, begann sie ihn auszufragen über Herkunft, Familie, Beruf, Ziele. Darin hatte sie Talent, ihr blieb nichts verborgen, stets fand sie den Zugang zu unbekannten Menschen. Nie empfanden sich die Befragten als Opfer. Auch Fritz kam aus sich heraus, so lernte auch seine Vermieterin ihn näher kennen.
Die Glocke an der Ladentür klang an, eine junge Stimme rief: „Ich bin es.“
„Hilda, wir haben Besuch, komm trink auch einen Tee mit uns“, rief Hedwig. Fritz erhob sich, als das brünette Mädchen, mit langen geflochtenen Zöpfen ins Hinterzimmer trat. Lebhaft, beinahe hüpfend begrüßte sie erst ihre Tante und dann den jungen Besucher. „Das ist Fritz, seit gestern, Zimmerherr bei Tante Heidi.“
„Grüezi, Fritz, ich darf Sie doch beim Vornamen nennen? Den Familiennamen kenne ich ja nicht. Ich bin Hilda“, lachte sie, als sie ihm ihre Hand zum Gruß entgegenhielt. Hedwig ließ ihre Tochter vis-à-vis von Fritz an den Tisch sitzen und schenkte auch ihr aus dem Krug ein.
„Wissen Sie, Fritz, Hilda ist, seit sie vor einem Jahr die Schule beendete, hier im Laden tätig. Sie hilft mir, macht Botengänge, stellt Bestellungen zusammen. Ich hoffe, dass ihr die Arbeit in meinem Laden gefällt und den später übernimmt.“ In einer Damenrunde, allein als Mann, der zuvor noch nie mit fremden Frauen an einem Tisch gesessen hatte und plauderte, fühlte sich Fritz gehemmt. Einige Jahre älter als das Mädchen schien es ihm, als ob dieses aus einer anderen Welt stamme. So aufgeweckt, ungezwungen, freundlich und dabei doch gesittet Abstand haltend. Erneut ertönte die Glocke, Hedwig erhob sich und begab sich in den Laden.
