Zwischentöne einer Seelenreise - Eva Edlinger - E-Book

Zwischentöne einer Seelenreise E-Book

Eva Edlinger

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Beschreibung

Eine jahrelange Co-Abhängigkeit unter familiären Umständen, die ungewöhnlich erscheinen mögen und doch alltäglich in unserer Gesellschaft sind, lässt Eva in der Mitte ihres Lebens eine ganz besondere Reise antreten. Sie macht sich auf den Weg, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen und findet dabei ihre eigene spirituelle Bestimmung. Ihr Weg ist kein leichter, aber ein lohnender. Die spirituellen Stationen lehren die Autorin, dass alte Muster aufbrechen und sich zu neuen, kraftvollen Energieströmen wandeln können. Die Geschichte ihres Erwachens mit all ihren Überraschungen und Mühen ermutigt jeden, sich darauf einzulassen, die Welt medial zu entdecken. Für Frauen in der Mitte des Lebens und ihre Töchter.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wie Alles begann

Write hard and clear about what hurts

(Schreibe ehrlich und klar über das, was schmerzt)

Ernest Hemmingway

Meine Motivation

One day you will tell your story

About how you overcame what

You went through and it’ll be someone

elses survival guide

(Eines Tages wirst du deine Geschichte erzählen

Wie du überwunden hast,

was du durchgemacht hast, und es wird

ein Überlebensführer sein für Andere)

Brene Brown

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil 1

Die Sucht

Die Eltern

Der erste Freund

Die Schulzeit und Beruf

Der abwesende Vater

Teil 2

Was ist ein spiritueller Weg?

Autogenes Training

Yoga

Familienaufstellungen

Exerzitien

Reiki

Schule der Geistheilung nach Horst Krohne

Wen Gott liebt den züchtigt er

Bin ich ein Medium?

Trance

Spiritualist Healing

Philosophy

Prayers - Beten will gelernt sein

Forschung

Nachwort

Hilfreiche Adressen

Bibliographie

Über die Autorin

Vorwort

Ich wollte dieses Buch schreiben, um die Drogensucht meiner Tochter zu verarbeiten, doch dann wurde sehr viel mehr daraus.

Der Sinn des Lebens, Spiritualität, das Leben nach dem Tod, sind Themen, die gerade jetzt im Lichte der Corona-Pandemie und der vielen Menschen, die verstorben sind, ohne dass Ihre Angehörigen sich verabschieden konnten, von vielen Menschen hinterfragt werden.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Trauer über den Verlust eines Menschen sehr tief sein kann. Aber dieses Gefühl, sich nicht verabschieden zu können, dem Menschen, den man liebt, vor seinem Tod zu zeigen, wie sehr man sie oder ihn geliebt hat und eventuell noch offene Fragen zu klären, sich für etwas zu entschuldigen und zu sagen: „Es tut mir leid“, kann ungleich schwerer wiegen. Dieser Moment ist unwiederbringlich verloren und dieses Gefühl sorgt für eine Leere, die einen zerreißen kann.

Deswegen war es mir wichtig, nicht nur die Sucht und meine Co-Abhängigkeit zu thematisieren, sondern im zweiten Teil des Buches auch meinen spirituellen Weg aufzuzeigen und die Menschen, die ihre verstorbenen Angehörigen vermissen, zu ermutigen, mit diesen in Kontakt zu treten, damit sie Heilung erleben können. Ich habe selbst erfahren, wie heilsam und befreiend ein Jenseitskontakt oder eine Heilbehandlung sein kann.

Dieses Buch ist kein „How to“ Ratgeber, denn was für mich richtig war, muss nicht unbedingt für dich richtig sein. Ich erhebe mit diesem Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern teile lediglich meine Erfahrungen und würde mich freuen, wenn ich dich dadurch inspirieren kann, deinen eigenen spirituellen Weg zu gehen oder deine eigenen Nachforschungen anzustellen.

Im Buch verwende ich das Wort Gott und meine damit Gott, so wie ich ihn verstehe, als kollektives Bewusstsein. Natürlich kannst du das Wort Gott durch eine andere Bezeichnung, die dich mehr anspricht, ersetzen. Ich möchte dich gerne einladen den Gott, so wie du ihn verstehst, in dein Leben einzuladen und zu erfahren, dass alles, was du im Leben brauchst, schon in dir ist.

Indem du mit diesem kleinen Funken Gottes, dem Geist in dir, in Verbindung trittst, wirst du schnell merken, wie viel Spaß es macht in der Fülle der Gottesenergie zu sitzen und zu spüren, dass du unschlagbar bist.

Einstein sagte schon, „Energie kann niemals zerstört werden, sondern ändert immer nur die Form“. Wenn wir das auf unser Leben beziehen, so können wir davon ausgehen, dass durch den Tod unser Körper zwar stirbt, aber unsere Seele als veränderte Energie weiterexistiert und sich in der etherischen Welt weiterentwickelt. Du kannst dich also auf ein interessantes ewiges Leben freuen.

Es freut mich, wenn ich deine Neugierde geweckt habe und du dich auf deinen ganz persönlichen spirituellen Weg machst, der dir neue Perspektiven deines Selbst eröffnet und dir ein Feuerwerk der Selbsterkenntnis bescheren kann, wenn du es zulässt.

Teil 1

Die Sucht (2012-2019)

I am powerless over people, places and things

(Al-Anon)

Gott sei Dank, endlich Feierabend!

Du kennst sie wahrscheinlich auch, diese Tage, an denen nur Kleinigkeiten und noch mehr Zeitraubendes erledigt werden muss, um dich dann am Ende des Tages zu fragen: „Was habe ich denn heute überhaupt Produktives geleistet?“ Ich hasste diese Tage, die sich wie Zeitverschwendung anfühlten, nahm sie aber als Lehrstück für meine Geduld an.

Meine Fahrt von der Arbeit nach Hause gestaltete sich genauso wie mein Tag. Die Straßen waren mit Autos verstopft und es ging nur langsam voran. Ich habe nie verstanden, warum die Autofahrer in Brüssel immer hupten, wenn sie im Stau standen, aber dieses Mal schien es zu helfen. Der Verkehr lief wieder und ich konnte meine Fahrt zügig fortsetzen.

Die Sonne ging gerade unter, der Himmel färbte sich in diesem glänzenden Orange-Rot, wie ich es nur in Brüssel gesehen habe. Die Häuser hinter den Woluwe-Seen waren noch schemenhaft erkennbar, und es schien, als wollten sie in dieses Orange-Rot eintauchen, um ihre mysteriöse Schönheit zu verbergen. Auch nach vierzehn Jahren in Brüssel genoss ich diesen Anblick, der mein Herz überschwänglich verzückte.

Während ich an der Ampel wartete, dachte ich an Christiane. Wie es ihr wohl ging? Seit mehr als zwei Wochen hatte ich nichts mehr von meiner Tochter gehört, was mich sehr ärgerte. Ich fühlte mich zurückgewiesen und spürte, dass etwas nicht stimmte.

Und da war es wieder, dieses Gefühl, das ich so gut aus meiner Kindheit kannte. Diese Angst, einen mir lieben Menschen zu verlieren, die mich so lähmen konnte, dass ich nicht mehr weiterwusste. Auszuhalten, dass ich trotz dieser Ohnmacht nichts tun konnte und dem ungeachtet in Aktion treten zu wollen, waren Gefühle, die ich nur zu gut kannte, waren sie doch meine Begleiter, seit meiner Kindheit.

Zu Hause angekommen hörte ich Lachen und freudige Stimmen im Esszimmer. Die Arbeitskollegen meines Partners Ben waren zu Besuch. Er hatte sich bei seinem letzten Halbmarathon einen Achillessehnenriss zugezogen und sie machten einen Krankenbesuch bei ihm. Alle hatten gute Laune, und das Bier und die Häppchen, die ich vorbereitet hatte, trugen ihren Teil dazu bei.

Ben und ich kannten uns seit den frühen achtziger Jahren. Der Zufall wollte es, dass wir uns wieder trafen, als Christiane vier Jahre alt war. Ich war alleinerziehende Mutter und 1990 von Trier nach Nürnberg umgezogen. Ben war wieder Single und lebte in Belgien. Er lud mich ein, ihn dort zu besuchen, und das war der zögerliche Anfang unserer Beziehung, die bis heute anhält.

Ich setzte mich zu Bens Kollegen an den Tisch, amüsierte mich und vergaß meinen Ärger über die Arbeit, den Verkehr und Christiane. Wir hatten alle gute Stimmung, lachten und machten Witze, ich fühlte mich wohl. Als mein Messenger kontinuierlich klingelte und eine Nachricht nach der anderen eintraf, fuhren meine Gefühle mit mir Achterbahn. Da war sie wieder, diese Angst, die mich nervös machte und mir signalisierte, dass meine Tochter in Schwierigkeiten war. Sie beherrschte nun mein ganzes Denken.

Ich konnte mich kaum zurückhalten und hätte die Mitteilungen gerne gelesen, aber ich blieb höflich und schaltete den Ton des Messenger-Dienstes ab. Innerlich war ich zum Bersten angespannt. Ich konnte das Zusammensein nicht mehr genießen und hätte es begrüßt, wenn Bens Kollegen gegangen wären. Während sie sich weiterhin unterhielten und amüsierten, wurde ich immer stiller. Gott sei Dank gingen alle eine Stunde später nach Hause. Eine Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam.

Angespannt öffnete ich mein Tablet und hoffte, dass die Nachrichten nicht von Christiane waren, aber meine Befürchtungen wurden bestätigt.

Christiane war 2010 von zu Hause ausgezogen, um ein Praktikum an der Filmschauspielschule in Hamburg zu beginnen. Dieser Entscheidung voraus gingen zwei Schulabbrüche, viele wilde Diskussionen, Krach und Enttäuschung. Nachdem sie sich fünf Monate lang dem Nichtstun hingab und nur noch zu Hause abhing, gab ich keine Ruhe, bis sie sich um einen Platz in einer anderen Schule oder eine Ausbildung kümmerte. Christiane entschied sich dann, einen Praktikumsplatz in einer Hamburger Filmschauspielschule anzunehmen.

Wir telefonierten die ersten Monate fast jeden Tag miteinander. Ich merkte jedes Mal mehr, dass sie nicht glücklich war, auch weil sie meiner Meinung nach zu hohe Erwartungen an ihr Praktikum stellte.

Christiane unterstützte den Kameramann und war gelangweilt, weil es so viele Unterbrechungen gab, in denen sie warten mussten und nichts passierte. Es fiel ihr schwer zu akzeptieren, dass sie nur Aushilfsjobs machen durfte.

Trotzdem ermutigte ich sie weiterzumachen und durchzuhalten, damit sie die Erfahrung machen konnte, etwas zu Ende gebracht zu haben. Aber Christiane entschied sich dagegen.

Die Entscheidung, mit ihrem Praktikum aufzuhören, war keine Überraschung für mich. Gleichwohl war es dieses Mal anders. Sie hatte sich in der Fachoberschule eingeschrieben, um ihr Fachabitur nachzuholen. Ich war stolz auf sie, weil sie diese Entscheidung getroffen hatte, ohne dass ich sie dazu gedrängt hatte.

Ihr Start in der Fachoberschule war erfolgreich. Die elfte Klasse, die sie schon in Brüssel abgeschlossen hatte, wurde nicht anerkannt und sie musste sie wiederholen, was ihr einen Vorsprung gegenüber ihren Klassenkameraden brachte. Sie wurde Klassensprecherin und fand neue Freunde. Ende des Jahres stellte Christiane uns ihren Freund Florian vor, den ich sehr mochte. Wir verstanden uns gleich sehr gut. Ich war so beeindruckt von den beiden. Wenn sie sich anschauten, sah ich eine tiefe Seelenverbindung. Es freute mich riesig, dass Christiane einen Menschen gefunden hatte, den sie liebte und verehrte.

Leider hatte sie auch an der neuen Schule immer wieder Fehlstunden und eckte mit manchen Lehrern an, hielt dieses Mal aber durch. Es war wohl ihr Freund Florian, der ihr den nötigen Antrieb oder besser gesagt „Motivationstritte“ gegeben hatte. Im August 2012 fuhren wir nach Hamburg, um Christianes Fachhochschulreife zu feiern.

Ich hatte das Gefühl, dass Christiane noch nie so ausgeglichen war wie in diesem Moment. Es fühlte sich so gut an, zu sehen, dass sie das Leben genoss.

Ben stimmte mir zu und sagte: „Ich hoffe, sie hat jetzt verstanden, worum es im Leben geht.“

Auf unserer Rückreise von Hamburg nach Belgien freute ich mich so sehr über Christianes Erfolg, dass ich mir erlaubte, mir einzugestehen, dass ich doch nicht alles falsch gemacht hatte in ihrer Erziehung.

Christiane schrieb sich in der Fachhochschule ein, um Wirtschaftsinformatik zu studieren. Ich kam für alle Kosten auf, weil ich einfach nur froh war, dass sie ihr Leben in die Hand nahm.

Bis zu diesem besagten Novemberabend, als Bens Kollegen zu Besuch waren, hatte ich die Hoffnung, dass meine Tochter ihren Weg gefunden hatte. Jetzt konnte ich nicht glauben, was ich las.

Christiane teilte mir mit, dass sie drogenabhängig war, und beschrieb mir ihre Situation sehr detailliert. Sie erzählte, dass sie davon ausgegangen war, mental stark genug zu sein, die Droge zu beherrschen. Für mich war es der Supergau. Mein Magen drehte sich in alle Richtungen.

Mein erster Gedanke war: Wie konnte Christiane mir das nur antun und warum wirft sie ihr Leben einfach so weg, verschwendet es an eine Droge? Der zweite Gedanke, der gleich folgte: Hoffentlich kommt sie von diesem Scheißzeug weg. Alle meine Hoffnungen, dass Christiane ein glückliches und erfolgreiches Leben führen konnte, stürzten ein wie Mauern, die keinen Halt hatten.

Es fühlte sich an, als wäre Christiane gestorben oder zumindest die Illusion, die ich für Christianes Lebensentwurf vorgesehen hatte. Ich sah keinen Ausweg aus dieser Situation und Wut kam in mir hoch.

So ein Quatsch, Heroin durch mentale Stärke kontrollieren zu wollen! Wie dumm konnte man sein, sich so zu überschätzen? Ich war voller Groll und Vorwürfe gegen Christiane.

Wie einfältig von mir, nicht öfter nachzufragen und Beweise für ihre Ausgaben zu verlangen! Ich erkannte, wie naiv ich reagiert hatte, wenn sie mich um Geld bat. Es waren immer kleine Beträge, die logisch erklärt waren, und ich nicht begriff, oder heute würde ich sagen, nicht begreifen wollte, dass es vorne und hinten nicht passte. Durch meinen Kopf jagten so viele Gedanken, dass mein Gehirn überzulaufen schien und mein Kopf nur so dampfte.

Ich fühlte mich einfach nur hilflos. Irgendetwas musste doch jetzt passieren, Christiane musste doch von diesem Zeug wegkommen. Ich wollte nach Hamburg fahren und bei ihr sein, sie drücken und ihr sagen, dass sie nicht alleine ist. Mein tolles Mädchen, mein Ein und Alles, sie konnte doch nicht an der Nadel enden.

Christiane lehnte ab. Sie wollte nicht, dass ich sie so sah, und vor allem wollte sie die Sache alleine regeln, nur mit der Hilfe ihres Freundes Florian. Er unterstützte sie sehr, telefonierte mit unzähligen Arztpraxen. Da er Soziale Arbeit studierte, wusste er, welche Formulare Christiane ausfüllen musste. Es dauerte weitere vier Wochen bis sie eine Arztpraxis gefunden hatten, die Christiane ins Methadonprogramm aufnahm, denn obwohl sie sich nach einem körperlichen Entzug für clean wähnte, war der erste Rückfall schnell gekommen. Die Abhängigkeit war einfach zu stark.

Gott sei Dank wurde Christiane angenommen. Ich sprach mit niemandem über Christianes Drogensucht. Der Schmerz war einfach zu stark und die Hürde, nach Hilfe zu fragen, konnte ich damals nicht nehmen. Der Einzige, der eingeweiht war, war Ben, die Stütze in meinem Leben.

Ich kaschierte Christianes Drogenprobleme als Probleme mit Autoritäten, und wenn ich die Eltern ihrer früheren Freunde traf, erzählte ich zwar, dass Christiane nicht mehr studierte und stattdessen jobbte, aber über die Suchtprobleme schwieg ich. Ging ja auch niemanden etwas an.

Christiane musste parallel zur Methadon-Therapie eine psychosoziale Betreuung des Sozialen Dienstes machen. Dafür musste sie sich alle zwei Wochen vorstellen und hatte dann ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter. Florian kümmerte sich wirklich sehr um Christiane. Ich war froh, dass sie nicht alleine war und würde sogar so weit gehen und sagen, dass Christiane ohne Florians Hilfe nicht mehr am Leben wäre. Obwohl ich mich schon fragte, wieso Florian bei ihr blieb. Sie war durch die Sucht die Unzuverlässigkeit in Person. Aber durch seinen Helferberuf hatte er wohl dieses Kümmer-Gen in sich.

Ich unterstützte Christiane, wo ich konnte, zahlte Arztrechnungen und Psychologen, sowie Uni-Kosten, Wohnung und Unterhaltskosten, und sie teilte mir dann eines Tages mit, dass sie clean wäre und kein Methadon mehr brauchte. Die Beziehung zwischen Florian und Christiane hatte natürlich sehr gelitten und ging dann auch nach acht Jahren in die Brüche.

Seit Christianes Messenger-Mitteilung 2012 waren mittlerweile zehn Jahre vergangen. Zehn Jahre, in denen ich mir etwas vorgemacht und gehofft hatte, dass Christiane von ihrer Sucht loskommen würde, wenn ich sie nur lange genug unterstützte. Sie versuchte immer wieder zu studieren, aber ihre Belastungsgrenze war schnell erreicht, weswegen sie den Abschluss des 1. Semesters nie schaffte.

Ich fühlte mich immer noch verantwortlich für sie und ignorierte, dass sie mittlerweile eine erwachsene Frau war und nicht mehr das schutzbedürftige Kind von einst. Mir selbst erlaubte ich nicht, mein Leben in seiner ganzen Fülle zu genießen. Es fühlte sich an, als ob ich kein Recht dazu hätte, während Christiane süchtig war.

Leider kam 2019 wieder ein Hilferuf. Christiane hatte einen Rückfall und bat mich um Hilfe. Dieses Mal fuhr ich nach Hamburg und begleitete sie zu den verschiedenen Terminen, um eine Entzugstherapie zu finden, aber es gab keine freien Plätze. Ich lernte auch, dass die Zulassungshürden sehr hoch waren und für jemanden, der wirklich süchtig ist und keine Unterstützung hat, fast nicht zu erreichen.

Eine Beratungsstelle konnte uns dann doch weiterhelfen. Sie vermittelte Christiane wieder in eine Methadontherapie, damit sie sich stabilisieren konnte. Ich war sehr froh darüber, denn sie konnte wieder Hoffnung schöpfen.

Mir wurde jetzt ganz klar, dass ich Christiane in dieser Situation noch unterstützen würde, dass sie aber danach das Schiff ihres Lebens selber steuern musste. Ich hatte Christianes Verantwortung zu meiner gemacht und das konnte so nicht weitergehen. Es musste sich etwas ändern in unseren Leben.

Ich beschloss, eine Psychologin aufzusuchen, um meine Situation mit ihr zu besprechen. Sie sprach davon, dass ich coabhängig wäre. Aber was hieß das genau?

Für Co-Abhängigkeit gibt es noch keine allgemein anerkannte Definition, sie wird wissenschaftlich immer noch diskutiert. Grundsätzlich kann man sagen, dass Co-Abhängigkeit sich auf verschiedene Weise äußern kann. Sie betrifft die Angehörigen von Suchtkranken, sei es Alkohol, Heroin, Kokain, Spiel- oder Sexsucht, deren Leben durch die Sucht des Angehörigen überschattet oder sogar bestimmt wird. Das heißt nichts anderes, als dass die Angehörigen im Umgang mit der Erkrankung ein Verhalten entwickeln, das ihnen selbst schadet, wie z.B. das Zurückstellen eigener Bedürfnisse, das Verheimlichen der Suchterkrankung oder deren Kontrolle, und ein weiterer ganz wichtiger Punkt sind die Scham- und Schuldgefühle, die die Angehörigen quälen.

Bei mir stand das Beschützen meiner Tochter im Vordergrund, indem ich ihre Sucht und ihr Verhalten entschuldigt habe, ihren Unterhalt und ihre Schulden bezahlt habe. Hinzu kamen Scham und Schuldgefühle, mit denen ich nicht umgehen konnte.

Die Psychologin besorgte mir die Telefonnummer einer Al-Anon Gruppe. Al-Anon Gruppen sind Familien-Selbsthilfegruppen, die ursprünglich gegründet wurden, um Angehörigen und Freunden von Alkoholikern Hilfe und Trost anzubieten. Meine Gruppe erlaubte es auch Angehörigen von Menschen mit anderen Süchten beizutreten.

Ich kann nur immer wiederholen, wie dankbar ich für diese Selbsthilfegruppe bin. Als ich das erste Mal dort war, kam mir viel Liebe und Verständnis entgegen und keine Be- oder Verurteilung meiner Person. Ich war willkommen mit all meinen Sorgen und Ängsten, denn alle Teilnehmer kannten diese Gefühle durch eigenes Erleben.

Das Treffen wurde eröffnet mit der Präambel und danach bekam jeder Teilnehmer, drei Minuten Zeit, um zu sprechen, wenn er denn sprechen wollte. Mir kam es vor, als dauerten diese drei Minuten eine Ewigkeit. Ich stellte mich vor und schilderte meine Situation. Zwischendrin versagte mir die Stimme. Die Tränen liefen mir die Wangen herunter, aber die Gruppe trug mich mit all ihrer Energie und Liebe, bis ich wieder weitersprechen konnte. Ich wurde angenommen in meinem Schmerz, ohne dass ich bemitleidet wurde, und konnte meine schmerzenden Gefühle zulassen und zeigen.

Durch den regelmäßigen Besuch dieser Al-Anon Meetings änderte sich meine Sichtweise auf Christianes Sucht und ich erkannte, dass ich als ihre Mutter ihre Sucht nicht stoppen konnte, egal wie sehr ich mich anstrengte. Das Einzige, was ich tun konnte, war mein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, anstatt Christianes Leben zu meinem zu machen.

Die Worte des Serenity Prayers oder Gelassenheitsgebet, wie es auf Deutsch heißt, bekamen für mich eine ganz neue Bedeutung.

„Gott,

gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und

die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern konnte, kam in meinem Wortschatz nicht vor. Ich arbeitete ständig an mir, um meine Ziele zu erreichen. Dazu gehörte auch, aus Christiane einen guten und erfolgreichen Menschen zu machen und sie vor den Widrigkeiten der Welt zu schützen, sollte es nötig sein. Wenn Christiane etwas nicht gelungen war, dann musste ich mehr tun, denn ich war die Mutter und sie das Kind.

Bei Al-Anon lernte ich, dass es bedeutet, Christianes Sucht anzunehmen und zu akzeptieren, auch wenn ich mich dabei hilflos fühlte. Dass es Christianes Entscheidung ist, wenn sie einen anderen Pfad im Leben beschreiten möchte als den, den ich mir für sie wünschte, und dass ich ihr zugestehen muss, ihre eigenen Fehler zu machen.

Es wurde mir bewusst, dass ich keine Entscheidungen mehr für sie treffen und sie nicht mehr beschützen konnte. Es schmerzte in der Mitte meiner Brust, und doch nahm es gleichzeitig etwas von dem Druck weg, den ich mir selbst in meinem Perfektionismus auferlegt hatte. Ich erkannte, dass Christianes Leben ihre persönliche Verantwortung ist und nicht meine. Ich musste loslassen und sie ihrem Schicksal überlassen, denn nur sie konnte sich ändern.

Auch wenn es mir so vorkam, war ich dennoch nicht hilflos, denn ich konnte immer NEIN sagen, um mich selbst zu schützen. Leider war NEIN sagen zu Christiane das Schwierigste für mich. Es fühlte sich egoistisch an, als ob ich meine Tochter verraten und sie alleine lassen würde, anstatt sie in schwierigen Zeiten zu unterstützen.

Ich spürte, dass sich meine Rolle als Mutter deutlich verändern musste. Auch wenn ich noch nicht wusste wie, so wusste ich, es gab sehr viel zu tun für mich.

Ich beschloss, mir eine Sponsorin zu suchen und das Al-Anon Programm der 12 Schritte zu durchlaufen. Die 12 Schritte sind ein Instrument zum persönlichen spirituellen Wachstum. Durch das Praktizieren der 12 Schritte und den Austausch in der Gruppe über das Gelernte lernen die Mitglieder der Gruppe gegenseitig voneinander.

Meine Sponsorin ermutigte mich, mir aus der Al-Anon Gruppe drei bis fünf Menschen zu suchen, die ich regelmäßig anrufen konnte, um über meine Nöte, Bedürfnisse oder Freude zu sprechen.

Es fiel mir nicht leicht, nach all den Jahren offen über meine Gefühle zu sprechen, denn ich hatte sie ja immer unterdrückt, statt sie zu thematisieren. Zuerst musste ich mir überhaupt darüber bewusstwerden, welche Bedürfnisse ich denn hatte.

Ganz ehrlich, ich wusste es nicht. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, mir über die Bedürfnisse anderer Menschen Gedanken zu machen, dass ich nicht wusste, was Selbstfürsorge bedeutete.

Für mich selbst zu sorgen, was hieß das? Zuallererst hieß es, mit anderen Menschen über mich selbst zu sprechen, mich zu öffnen und zuzugeben oder besser gesagt anzunehmen, dass ich nicht perfekt bin, dass ich Fehler mache und dass ich diese Fehler in Liebe annehmen kann, ohne mich zu verurteilen.

Eine meiner größten Fehleinschätzungen war wohl, dass ich als alleinerziehende Mutter dachte, ich müsste zur Supermutter mutieren und Christiane auch den Vater ersetzen. Sie sollte nicht darunter leiden, dass ihr Vater keinen Kontakt zu uns haben wollte.

Ich konnte alles bereitstellen, was Christiane brauchte. Wir waren finanziell abgesichert, wir hatten ein Haus, Christiane genoss eine gute Schulbildung. Alles war da, aber diese Lücke, die die Abwesenheit des Vaters hinterließ, konnte ich nicht füllen, egal was ich tat.

Beim Durcharbeiten der 12 Schritte fiel mir auf, dass ich durch alle meine Handlungen auch selbst emotional profitiert hatte, denn es gab mir ein gutes Gefühl, die gute und fürsorgliche Mutter zu sein, die alles für ihr Kind tat. Auf der anderen Seite nahm ich dadurch meiner Tochter die Gelegenheit, an sich und ihren Fehlern zu wachsen.

Ich setzte keine Grenzen, weder eigene noch welche für Christiane, sondern wollte Christiane in all ihrem Tun unterstützen. Was meine Eltern bei mir falsch gemacht hatten, wollte ich nicht wiederholen, sondern besser machen. Welch ein Irrtum. Ich ging mit meinem Verhalten Konflikten mit Christiane aus dem Weg, denn das war es, was ich in meiner Kindheit gelernt hatte. Konflikte machten mir Angst.

Hinzu kam, dass ich dachte, ich müsste Christiane alle Chancen bieten, die ich nicht hatte, z.B. eine gute Schulbildung, Universitätsbesuch, Reisen, um andere Kulturen kennenzulernen etc. Heute weiß ich, dass dies meine Träume waren und nicht die richtigen für meine Tochter. Die Grundlagen für diese falsch verstandene Liebe wurden schon sehr viel früher in meiner Kindheit gelegt.

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