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Es war das Beste, was uns passieren konnte: Ein Sabbatjahr! Den Alltag vergessen, grenzenlos denken und Länder bereisen, die mir als Kind unerreichbar erschienen. Namibia, Südafrika, Australien und Neuseeland, Länder voller Extreme. Wir sahen wilde Tiere, bestiegen die höchste Düne der Welt, wurden Opfer krimineller Machenschaften, schnorchelten nach Korallen, beobachteten Wale und fuhren mit einem klapprigen Bulli durch die grüne Hölle Neuseelands. Kaum zurück in Deutschland zerstörten Jahrhundertbrände die australischen Regenwälder, fluteten Wolkenbrüche die Straßen Neuseelands, schloss Corona alle Grenzen. Doch mit diesem Buch bleiben unsere Erlebnisse lebendig. Das ebook enthält über 50 Fotos, Routenmaterial und Links.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
1. Vorbereitung
2. Namibia
3. Südafrika
4. Australien
5. Great Barrier Reef
6. Kreuzfahrt Südaustralien
7. Neuseeland - Nordinsel
8. Neuseeland Südinsel
9. Australia again!
10. Thailand
11. Hannover
12. Spanien
13. Echo
Danksagung
Über den Autor
Anhang
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
c 2020 Frank Domnick
Covergestaltung: Matthias Gerschwitz (www.gerschwitz.com)
Lektorat und Satz: Claudia Pietschmann, ebooks-perfekt.de
Liebe Leserinnen und Leser,
ich freue mich, dass Sie meinen Reisebericht zur Hand genommen haben und sich eine Auszeit vom hektischen Alltag gönnen. Begleiten Sie mich und meinen Mann Thomas durch unser Sabbatjahr. Kommen Sie mit auf eine Reise in fremde Länder mit ihrer spektakulären Natur und exotischen Tierwelt. Seien Sie nah bei uns, wenn wir all das bestaunen, hilfsbereite Menschen uns zur Seite stehen oder wir Opfer krimineller Machenschaften werden.
Vielleicht möchten Sie sogar Ihre eigene Weltreise planen und wissen, was Sie in der Fremde erwartet. Dann würde es mich freuen, wenn dieser Reisebericht dabei behilflich sein kann.
»Jetzt ist aber mal Sabbat!«
Ich erinnere mich an den Spruch aus meiner Kindheit, ohne dass mir ein religiöser Hintergrund meiner Eltern bekannt gewesen wäre. Der Satz bedeutete nichts anderes, als dass wir den Mund halten und den Unfug sein lassen sollten. »Macht mal eine Pause, hört auf zu streiten! Lasst jetzt alles stehen und liegen!«
In der Tora steht als älteste Gebotsversion überliefert, dass hebräische Sklaven im siebten Jahr zwischen Freiheit und Verbleib in ihrer Besitzerfamilie wählen durften. Laut dem dritten Buch Mose, auch Levitikon genannt, sollen im siebten Jahr die Felder brach liegen, damit sich die Pflanzen erholen und neue Kraft sammeln können. Die göttliche Rechtsordnung beschreibt den Wechsel von Arbeit und Ruhe zur Lebenserhaltung und als Schutz vor ausbeuterischer Handhabe.
Dass Gottes Wort in Zeiten einer kapitalistischen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts und in Erwartung optimierter Prozesse und Profitgier kaum Gehör findet, verwundert nicht. Stattdessen fühlen wir uns in einer druckvollen Leistungsgesellschaft zu Hause, in der wir uns dem Zischen und Pfeifen fremder Erwartungen und eigener Ansprüche kaum entziehen können. Klingt das verführerische Wort Sabbatjahr da nicht wie eine süße Schalmei im Getöse hämmernder Maschinen?
Im angelsächsischen Sprachraum beschreibt der Begriff Sabbatical die Zeit, in der Professoren ihre Lehrtätigkeit an Universitäten unterbrechen, um den Geist und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung in sich neu zu beleben und durch Publikationen die Menschen an den Erkenntnissen teilhaben zu lassen.
Grundschullehrer zu sein, betrachtet mein Mann Thomas nach seiner Balletttänzerkarriere als zweite Berufung. Er unterrichtet leidenschaftlich gern, macht sich viele Gedanken, beobachtet die schulische Umgebung, hadert und versucht, wechselnde ministeriale Vorgaben sinnvoll in die Praxis umzusetzen. Sein Engagement zu reduzieren kam ebenso wenig infrage, wie es bis zur Rente durchhalten zu können. Zum Glück hatte er eine Schuldirektorin an seiner Seite, die ihm statt der Reduzierung der Unterrichtsstunden eine Berufspause vorschlug, um Kraft zu tanken und mit neuer Begeisterung wieder einzusteigen.
»Nehmen Sie doch ein Sabbatjahr!«
Als Thomas mit der Idee nach Hause kam, war ich irritiert und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was das für mich bedeutete. Ein Jahr lang würde ich zur Arbeit gehen, während Thomas als Dauerurlauber abhing und nach einiger Zeit begann, die Zeit totzuschlagen? Doch er dachte längst weiter und schlug vor, dass ich auch ein Sabbatjahr beantragen könne.
Ich stutzte. Mir war der Gedanke an eine Auszeit fremd. Ein künstlerischer Betrieb wie die Oper braucht fraglos die komplette Mannschaft auf der Bühne und ich war als Opernchorsänger ein Teil davon. Zudem engagierte ich mich ehrenamtlich als Interessensvertreter des Kollektivs. Ich hielt mich keinesfalls für unersetzlich, doch konnte ich tatsächlich aus dem Trott ausbrechen? Je länger ich darüber nachdachte, umso verführerischer klang die Idee eines Sabbatjahres und weckte Sehnsüchte. Manchmal dürstet der Mensch erst, wenn ihm das Wasser vor die Nase gehalten wird. Während ich noch überlegte, überholte Thomas mich mit der nächsten Idee. Wir könnten reisen, wohin auch immer der Wind uns trug. Wir müssten nur den Segelschein beantragen, Segel setzen und losfahren. Die Freiheit liege uns zu Füßen. Wir könnten jedes Ziel ins Auge fassen, das Ruder herumreißen und ein anderes ansteuern, wann immer es uns gefiel.
Thomas und ich gehören einer Generation an, deren Eltern oft gesagt haben: »Wenn wir erst mal in Rente sind, dann …« Auch bei meinem Vater sah ich das Funkeln in seinen Augen, als er von der Zeit nach seinem Arbeitsleben sprach.
Statistisch kann der Mensch bis ins hohe Alter aktiv, geistig fit und körperlich mobil bleiben. Aber hält die Statistik, was sie verspricht, auch bei mir? Meine Eltern erkrankten kurz vor ihrer Rente an Krebs. Meine Mutter verstarb daran. Es ging mir sehr nahe, wie der fidele Rentnertraum meiner Eltern zerfiel. Mein Vater grub sich ein. Ohne seine Frau und wegen gesundheitlicher Beeinträchtigung waren die Wünsche zerplatzt.
Thomas und ich hatten unsere Traumberufe nur ergreifen können, weil wir es versucht und jede Chance genutzt hatten. Es nicht zu tun, hätten wir später zu Recht bereut. Unser Motto konnte also nicht lauten: »Wenn wir erst mal in Rente sind, dann …«, denn später heißt es oft: »Ach, hätte ich damals doch …«
Die Rechnung war schnell gemacht. Ein genehmigtes Sabbatjahr sah vor, über einen bestimmten Zeitraum bei voller Arbeitszeit auf einen Teil des Gehalts zu verzichten. Unsere Arbeitgeber würden diesen Verzicht für das Sabbatjahr ansparen und in unserem Fall vier Jahre lang zwanzig Prozent Gehalt zurücklegen, um uns im fünften Jahr, dem Sabbatjahr, achtzig Prozent des Gehalts überweisen zu können. Solange ich aber die Erlaubnis meines Arbeitgebers nicht eingeholt hatte, nützten alle Rechenmodelle nichts.
Die Opernleitung überraschte mich mit ihrem Verständnis und genehmigte meinen Antrag, nachdem alle Details geklärt waren. Da Thomas ohnehin eine Fürsprecherin an seiner Seite wusste, war es nur eine Frage der Zeit, wann er die Genehmigung in den Händen hielt. Das Sabbatjahr würde kommen, gesund, krank oder mittellos spielte dabei keine Rolle. Ein Rücktritt vom Vertrag war ausgeschlossen.
Selbstverständlich gibt es andere Wege als das Sabbatjahr, sich eine Auszeit zu verschaffen. Einige bevorzugen den radikalen Schnitt und kündigen ihr Arbeitsverhältnis, weil der Job zur Qual geworden ist. Sie blicken selbstbewusst in die Zukunft, nehmen erst die Auszeit und suchen sich danach einen neuen Job. Das ist die mutigste Variante. Beim unbezahlten Urlaub kann sich der Arbeitnehmer wenigstens die weitere Anstellung sichern, muss aber ohne Gehalt nach einem Monat die Sozialabgaben selbst entrichten. Glücksspiele sind eine kitzelige Angelegenheit und viele warten bis ins hohe Alter auf den großen Gewinn.
Günter Jauchs Quiz »Wer wird Millionär?« besitzt zumindest den Charme, sich die Auszeit verdienen zu können. Doch reicht die Schlauheit, um sich einen ausreichenden Gewinn zu sichern?
Für Thomas und mich war das Sabbatjahrmodell alternativlos, die anschließende Rückkehr an unseren Arbeitsplatz garantiert. Es gab nur einen Haken: Wir mussten noch viereinhalb Jahre warten, bevor es hieß: »Leinen los!«
Bei jedem Blick auf den Globus feuerten wir uns gegenseitig an. Wohin sollte die Reise gehen? Wir schwirrten vom Nordpol zum Südpol, kreisten um die Welt und schwebten über die vielen Länder hinweg, die wie kleine Pralinen darauf warteten, von uns vernascht zu werden. In unseren Badewannengesprächen spielten wir nicht mit der Quietschente, sondern jonglierten mit zahlreichen Ideen: Vermietung der Wohnung ja oder nein, finanzielle Kalkulation, medizinische Vorsorge bei welchen Reisezielen und Reiserouten. Das mittlere Lebensalter verlangt bereits eine gewisse Bequemlichkeit und ist nicht mehr auf waghalsige Kletter- und Motorradtouren, Bungeejumping oder das Nächtigen auf steinigem Wüstengrund aus. Solange uns das Abenteuer davon verschont, würden wir eine fantastische Zeit vor uns haben.
Wir beschlossen, Australien und Neuseeland, das Ende der Welt, als Höhepunkt unserer Reise zu betrachten. Wann, wenn nicht im Sabbatjahr, könnten wir entspannter diese Traumziele erkunden? Aber auch der Weg galt als Ziel, denn ein Wunsch überlagerte alles andere. Wir wollten frei sein, unabhängig entscheiden und uns keinen Zwängen und Terminen unterwerfen, weshalb wir die Idee des »Around-the-World-Tickets« verwarfen. Für etwa viertausend Euro pro Person in der Economy-Class hätten wir bis zu sechzehn Stationen in eine Richtung um den Globus festlegen müssen, wobei Änderungen einen Aufpreis bedeutet hätten und jede Flexibilität verloren gegangen wäre. Doch die totale Freiheit, so erfuhren wir schnell, konnte es nicht geben. Die Visabestimmungen einzelner Länder machten uns einen Strich durch die Rechnung, denn sie verlangen bereits bei der Einreise die Angabe des Ausreisedatums.
Australien und Neuseeland liegen auf der Südhalbkugel. Wir überlegten, innerhalb des Sabbatjahres mit den gegensätzlichen Jahreszeiten zu spielen und die für uns beste Zeit zu wählen. Für Australien erschien uns der dortige Frühling oder Herbst ideal, um der großen Sommerhitze zu entgehen. Auf welchem Weg wir Ozeanien erreichen wollten, dafür blieb noch ausreichend Bedenkzeit.
Im Sommer 2016 stockte uns der Atem. Der Unfall meines Vaters riss uns aus allen Träumen. Er war in seiner Wohnung gestürzt und hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Mit einundachtzig Jahren hatte er nicht mehr viel dagegenzusetzen, wurde fehlerhaft operiert, bekam eine Lungenentzündung, wurde noch einmal operiert und durfte wochenlang das Bein nicht belasten. Schnell wurde klar, dass er sich nicht mehr selbst versorgen konnte. Ich fühlte mich schlecht, ihm das Heim nicht ersparen zu können, zumal ich wusste, wie sehr er sich dagegen sträubte.
Thomas' Mutter hingegen gehört trotz aller Wehwehchen bis heute zu den fittesten Ü-Achtzigern, die man sich vorstellen kann. Stramm organisiert sie noch immer ihren Alltag. Doch wie schnell eine vermeintlich stabile Lage kippen kann, war uns durch meinen Vater vor Augen geführt worden. Die Sorge um seine Zukunft ließ die Reiseplanung komplett in den Hintergrund treten.
Ein halbes Jahr später erzählten wir Freunden von unserem Sabbatjahrprojekt. Auf die Frage, ob wir über Asien oder Amerika Richtung Australien aufbrechen wollten, zuckten wir mit den Schultern. »Fliegt doch über Afrika!«, kam der Rat eines Freundes. Afrika, natürlich! In Südostasien rechneten wir mit schwüler Hitze, die uns grundsätzlich nicht gut bekommt. Thomas hatte zuvor Amerika erwähnt, das uns zwar spannende, aber riesige Distanzen bis Australien auferlegte. Also warum nicht Afrika? Da Thomas seit jeher für diesen Kontinent, seine Geschichte, aber auch die großen Tierwanderungen in der Serengeti schwärmt, kamen ihm sofort zahlreiche Ideen. Leider musste ich ihn ein wenig zügeln. Individualreisen nach Kenia, Tansania, Äthiopien und in andere, unter Bürgerkrieg, IS, Boko Haram und mangelnder medizinischer Versorgung leidende Staaten kamen für mich nicht infrage. Ich fürchtete, ohne Bindung an einen Veranstalter mit meinem insulinpflichtigen Diabetes unüberwindbare Probleme zu bekommen, von der Sicherheitsgefährdung ganz zu schweigen. Wie und wo sollte ich bei tagelangen Safaris meinen Jahresvorrat an Insulin permanent kühlen? Wie sah die Essensversorgung im afrikanischen Busch aus? Ich traute mir diesen Schritt im Rahmen einer Weltreise nicht zu.
Südafrika hatten Thomas und ich mit unseren damaligen Partnern bereits gesehen. Da Namibia in puncto politischer Unruhen und medizinischer Versorgung zu den sicheren Ländern Afrikas gehört und dennoch eine große Natur- und Artenvielfalt bietet, schienen wir den optimalen Kompromiss gefunden zu haben.
Eurowings bot im November 2017 günstige Flüge an. Thomas begann plötzlich zu drängen, wollte buchen und eine Entscheidung herbeiführen. Ich zögerte, fand es ratsamer, Preise zu vergleichen und zu überlegen, ob sich etwas Besseres auftat. Doch ich erlag der Überredungskunst meines Mannes und buchte die Tickets. Mit dem Flug nach Windhuk stand für den 31. August 2018 der Beginn unserer großen Reise fest.
Thomas packte derart das Planungsfieber, dass er gleich die Frage nach der Unterkunft aufwarf. Jeder suchte von nun an auf seinem eigenen Laptop.
Das schwule Buchungsportal Misterb&b brachte uns alsbald mit Rolf und Hermann in Windhuk zusammen, die für vierzig Euro pro Nacht ein Privatzimmer anboten. Wir planten, so oft wie möglich bei Einheimischen unterzukommen, die uns aus erster Hand über Land und Leute berichten könnten. Eine Woche in der Hauptstadt des Landes erschien uns angemessen, um uns zu akklimatisieren und mit Namibia vertraut zu machen.
Wir waren am Ende beide froh, den Anfang gemacht zu haben, und vertagten uns bei der Frage, wie eine individuelle Reise durch Namibia aussehen könnte. Kurze Zeit später lasen wir, dass Lodges in Namibia ein Jahr im Voraus gebucht werden sollten. Thomas machte große Augen und hatte die Idee, sich Hilfe bei der Agentur »Afrika & mehr« in Hannover zu suchen. Als wir zum Termin erschienen, sah uns die Mitarbeiterin skeptisch an und versprach, ihr Möglichstes für eine vierwöchige Rundreise zu tun. Innerhalb weniger Tage hatte sie aus den noch verfügbaren Kapazitäten einen Plan erstellt. In den Orten Swakopmund und Lüderitz sorgten wir per Airbnb und booking.com selbst für eine Bleibe. Doch was war aus dem Wunsch geworden, unabhängig und frei entscheiden zu wollen, wann, wie und wohin wir fuhren? Ich muss gestehen, dass wir für den geordneten Beginn des Sabbatjahres dankbar gewesen sind, zumal unsere Vorfreude dadurch keineswegs getrübt wurde. Ganz im Gegenteil, das Planungsfieber setzte sich fort. Unser Herz schlug noch immer für die Traumstadt Kapstadt, sodass wir nach Namibia dorthin zurückkehren wollten. Mit einer Flugstunde lag es quasi um die Ecke von Windhuk.
Obwohl wir uns noch viel Zeit hätten lassen können, fragte ich mich mit Blick auf die Landkarte, wie es nach Südafrika weitergehen sollte. Es lag nahe, von Johannesburg nach Sydney zu fliegen. Ich recherchierte. Mit jedem Tag stieg der Preis und die Anzahl der freien Plätze schrumpfte, denn ich hatte Thomas’ Einverständnis vorausgesetzt, dass wir uns ab acht Flugstunden den »Luxus« der komfortableren Premium Economy leisten wollten. Er konnte sich daran nicht erinnern, und wenn doch, fürchtete er um unser Budget. Ich fürchtete allerdings um meine langen Beine bei fast zwei Metern Körperlänge und buchte kurzentschlossen für gut zweitausend Euro die Tickets.
»Wenn wir so weitermachen, kommen wir nicht weit«, behauptete er, doch ich schätzte unser finanzielles Polster anders ein.
Von nun an stand fest: Wir würden uns der absolut spontanen Reisefreiheit im weiteren Verlauf Schritt für Schritt nähern. Namibia war durchorganisiert, in Südafrika würden wir drei Wochen zur freien Verfügung haben, um anschließend mit dem dreimonatigen Visum in Australien endlich schalten und walten zu können, wie es uns beliebte.
Thomasʼ Schuljahr und meine Opernsaison neigten sich langsam dem Ende entgegen. Wir begannen, Verträge zu kündigen. Ich versorgte mich bei der HanseMerkur für sieben Monate und 250 Euro mit einer Auslandskrankenversicherung. Wir hielten es für sinnvoll, zwei Reisekreditkarten bei der Santander Bank zu beantragen, die mittlerweile mit ihren Konditionen die bislang beliebte DKB-Bank abgelöst hatte.
Nebenher war ich damit beschäftigt, für meinen Vater und den Diabetes Vorsorge zu treffen, weshalb ich stundenlang mit Krankenkassen und Ärzten telefonierte. Ich musste erklären, Widerstände abbauen und um Verständnis für ein ungewöhnlich großes Medikamentenpaket bitten. Im Frühsommer bekam ich endlich die Zusagen und lehnte mich einen Moment zufrieden zurück.
Als ich mit meinem Vater häufiger über unsere Pläne sprach, schien ihm bewusst zu werden, was das Sabbatjahr für ihn bedeutete: Lange Zeit würde ich nicht in seiner Nähe sein. Er begann plötzlich, uns von risikoreichen Ländern abzuraten, womit er auf alle unsere Reiseziele anspielte. Er würde es lieber sehen, wenn wir in Deutschland Urlaub machten. Dabei drückte er fast flehentlich meine Hand und sah mich lange an. Ich war gerührt. Solche Gefühlsregungen kannte ich von ihm nicht, versuchte ihm aber zu erklären, dass es kein normaler Urlaub sei, sondern eine einmalige Chance im Leben, die wir kein zweites Mal bekommen würden. Doch mein Vater ließ nicht locker und schlug zähneknirschend vor, dann eben nur in Europa Urlaub zu machen. Zum Glück fielen mir seine beruflichen Reisen ein, die ihn mit Stolz nach Rio de Janeiro, Amsterdam und Miami geführt hatten. Daran erinnert, musste er zugeben, dass das schon tolle Reisen gewesen seien. So konnte ich ihm ein wenig Verständnis für unsere Situation abringen. Wir kamen überein, dass wir heutzutage von jedem noch so entfernten Winkel der Welt in Kontakt treten könnten. »Da hast du auch wieder recht«, sagte er, drückte nochmals meine Hand und wünschte uns viel Spaß. Ich war mir sicher, dass meine Schwester eine gute Vertretung für mich sein würde.
Einen emotionalen Moment ganz anderer Art bescherte uns Thomas’ Mutter. Als wir Ostern in großer Familienrunde zusammensaßen, erfuhren wir, dass sie sich einen Reisepass hatte ausstellen lassen. Auf die erstaunte Frage nach dem Grund flüsterte man uns zu, dass sie gewappnet sein wolle, falls uns etwas zustoße. Mit zweiundachtzig Jahren würde sie notfalls das nächste Flugzeug besteigen, um uns mit allen Mitteln zu retten. Wäre sie selbst verhindert gewesen, hätte sie sicherlich jemanden gekannt, der die deutsche Luftwaffe alarmieren und uns aus verdreckten Spitälern oder Gefängnissen befreien und nach Deutschland ausfliegen würde. Sie blieb in Gedanken der Fels in der Brandung. Uns hätte nichts Besseres passieren können.
Vor den Sommerferien verabschiedeten uns Thomas’ Schulkinder und deren Eltern sehr herzlich mit einer Gartenparty, bei der Thomas ein kleines Kunststoff-Känguru überreicht wurde. Es sollte uns Glück bringen und auf Fotos zu sehen sein, damit die Kinder sicher sein konnten, dass ihr Lehrer an sie denkt.
Im Mai 2018 hatte ich mein Coming-out als Schriftsteller, meinen Debütroman veröffentlicht, und wollte nun als Buchautor ins Blickfeld einer großen Leserschaft kommen. In kurzer Zeit veranstaltete ich Lesungen, um auf das Buch aufmerksam zu machen.
Am Tag nach der ersten Lesung begann die große Anspannung von mir abzufallen. Geist und Körper signalisierten mir, nur das Notwendigste zu tun. Dass wir dennoch zu einem Fahrradausflug aufbrachen, war ein Fehler gewesen. Ich hantierte ungeschickt, fiel vom Rad und kehrte mit einem gebrochenen Handgelenk zurück. Es war zum Heulen. Glück im Unglück bedeutete, dass noch genug Zeit war, die Reise ohne Gips anzutreten. Die letzte Lesung fand im Altenheim meines Vaters statt. Ich freute mich sehr, dass unweit des Gymnasiums, an dem ich vor dreiunddreißig Jahren das Abitur bestanden hatte, ehemalige Lehrer und Schülereltern dem Presseaufruf gefolgt waren.
Die Sommerferien vergingen. Nachbarn und Freunde kehrten aus ihren Urlauben zurück. Sie begannen wieder zu arbeiten. Und wir schauten ihnen dabei zu.
Unser jährliches Nachbarschaftsgrillen wandelten wir in eine große Abschiedsparty um. Viele bedachten uns mit kleinen Geschenken und praktischen Andenken, die wir während der Reise gut gebrauchen konnten. Dieses Fest bewies aufs Neue, wie viele wunderbare Menschen uns verbunden sind.
Mit der Zeit aber begann uns das ständige Abschiednehmen zu nerven. Die Zeit der Planung und des Redens war vorbei.
Wir packten die Koffer und schafften es um Haaresbreite, das Gewichtslimit einzuhalten. Da wir in gemäßigte Klimazonen reisten, wählten wir zweckmäßige Kleidung für zwei Wochen. Der weitaus gewichtigere Rest bestand aus zwei Laptops, der Kamera mit Objektiven, Akkus, Kabeln und zwei Handys. Thomas wollte bestimmte Dinge wie seinen Haartrimmer, die elektrische Zahnbürste und ein Potpourri diverser Cremes nicht missen, während ich auf das Nageletui bestand. Nicht zu vergessen die vielen Reiseführer, die selbstredend Land für Land abgearbeitet und entsorgt werden mussten. Die aufgequollenen Granulattaschen zum Kühlen der Insulinmenge wogen extrem und durften nur im Handgepäck verstaut werden, ebenso das voluminöse Zubehör, das jeden Diabetiker beruhigt auf Reisen gehen lässt. Eigentlich hatten wir alle Ratschläge erfahrener Weltreisender komplett in den Wind geschlagen und es uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht leicht gemacht.
Thomas hatte stolz einen Reiseblog eingerichtet, der Freunde und Familien auf dem Laufenden halten sollte. Damit sich alle unsere Blogadresse merken konnten, hatte er sie ausgedruckt und auf Hunderte Packungen Tempo-Taschentücher geklebt. Eine witzige und schöne Idee, wie ich fand.
Wir waren unserer Nachbarin und Freundin Melanie unendlich dankbar, dass sie sich bereiterklärt hatte, sich während unserer Abwesenheit um die Wohnung und die Post zu kümmern. Wir würden per WhatsApp in Verbindung bleiben für den Fall, dass Fragen oder ungeahnte Probleme auftauchen würden.
Am 31. August 2018 war der Tag der Abreise gekommen. Unser Sabbatjahr begann!
Am 31. August schnallten wir uns die schweren Rucksäcke um, trugen die Koffer auf die Straße und sahen uns an. Wann würden wir zurückkehren? Und wie? Was würde bis dahin passiert sein? Thomas sorgte sich allen Ernstes um seinen geliebten Mandarinenbaum, obwohl die Hausbewohner versprochen hatten, ihn zu pflegen. Ob auf sie Verlass war?
Während der ICE von Hannover nach München rollte, saßen wir im Bordrestaurant und nippten am Kaffee. In unseren Gesprächspausen sah ich aus dem Fenster und betrachtete die Hügel, Wälder, Äcker und grünen Wiesen. Nichts lag brach, alles hatte seine Bestimmung. Deutschland war bis auf die letzte Stelle hinterm Komma durchdacht.
Ich musste lächeln, denn mir ging Thomas’ Vorhaben durch den Kopf, dass er jede Gelegenheit nutzen wolle, frühmorgens am Strand joggen zu gehen, um mit Brötchen zum Frühstück zurückzukommen. Das Sabbatjahr sollte für ihn auch ein Fitnessjahr werden. Dass er den Ayers Rock besteigen, im Great Barrier Reef schnorcheln oder mal eine Wanderung machen würde, hielt ich für denkbar, am Strand zu joggen jedoch nicht.
Der Alltag hatte bisher jedem von uns genügend Raum für eigene Bedürfnisse gelassen. Zeitversetzte Arbeit, zeitversetzte Freizeit und doch genug Zeit für Gemeinsamkeit. Von nun an würden wir ein Jahr lang vierundzwanzig Stunden am Tag auf engstem Raum zusammen und in der Fremde aufeinander angewiesen sein. Konnten wir damit umgehen?
Nach gut fünf Stunden kamen wir am Flughafen an und irrten durch die Halle. Das Personal wies uns sanft, aber bestimmt auf diverse Automaten hin, an denen wir selbst einchecken konnten. Dazu gehörte, die Reisepässe zu scannen, um unsere Bordkarten und irgendwelche Schnipsel zu erhalten, mit denen wir zur automatisierten Gepäckaufgabe gehen sollten. Dieses Prozedere hatten wir so noch nie durchlaufen, weshalb wir uns der technischen Herausforderung stellten, um auf anderen Flughäfen gewappnet zu sein. Somit vermieden wir die langen Schlangen am Abfertigungsschalter.
Unsere Fingerkuppen tanzten auf den Displays und probierten diverse Buttons aus, bis wir nach mehrfachem Error endlich begriffen, wie der Pass eingelegt werden musste. Dank der Schnipsel verschwand das Gepäck alsbald in dunklen Kanälen. Der Airbus 330 nach Windhuk stand bereits auf dem Flugfeld. Mit diesem enttäuschend kleinen Fluggerät segelten wir also ins Sabbatjahr. Dabei hatte ich mich so sehr auf den Jumbo, die Boeing 747 gefreut, die für mich immer als Synonym für Flüge in die große weite Welt galt.
Bei der Platzreservierung hatten wir clever sein wollen und die erste Reihe vor der Wand zum Personalbereich gewählt, um ein paar Zentimeter mehr Platz zu schinden. Das Gegenteil war der Fall. Ich bat das Flugpersonal um Erlaubnis, die freien Plätze hinter uns nehmen zu dürfen, sodass ich meine Beine unter dem Sitz des Vordermannes ausstrecken könnte. Mit einem schlichten »Leider nein!« endete das Gespräch. Ich ärgerte mich, da meines Erachtens niemand einen Nachteil gehabt hätte. In der Nacht sah ich, dass das Flugpersonal die freien Plätze zum Schlafen nutzte. Es war ihnen gegönnt.
Vor uns lagen zehn Stunden Flug. Als wir Afrika überquerten, erinnerte ich mich an einen Moment auf meiner Südafrikareise Anfang der Neunziger. Von Brüssel nach Johannesburg hatte die Maschine einen Stopp in der Republik Kongo eingelegt und ich hatte die schwüle, leicht modrige Luft sowie das entfernte Heulen der Tiere durch die geöffneten Luken wahrgenommen. Dass mich dieses sinnliche Erlebnis nun auf unserem Nonstop-Flug einholte, zeigte mir, dass bedeutende Erlebnisse unvergesslich bleiben.
Frühmorgens gegen halb sieben betraten wir namibischen Boden. Die »ewige afrikanische Sonne« begrüßte uns, während die noch frische Luft des zu Ende gehenden Winters uns um die Nase wehte, erst recht auf 1600 Höhenmetern.
Kaum hatten wir den Kerosingestank hinter uns gelassen, setzte der Beamte auch schon nach kritischem Blick den Stempel in unseren Pass. Die offizielle Warnung lautete, der namibische Zoll könne »aus Versehen« ein zu frühes Rückreisedatum eintragen, was zu ändern großen Aufwand bedeuten würde. Uns jedoch wurde sogar mehr Zeit zugestanden, als nötig gewesen wäre.
Als wir aus dem Gebäude traten, suchten wir zuerst nach dem Platz für Raucher. Nachdem wir kurze Zeit später die Zigarette entsorgt hatten, wollten wir die Bushaltestelle ausfindig machen, von der die Busse nach Windhuk losfuhren. Da wir keine fanden, fragte Thomas eine Flughafenangestellte. Doch sie schüttelte eher gelangweilt den Kopf. Der Reiseführer sei nicht aktuell. Es stünden nur Mietautos oder Taxis zur Verfügung. Letzteres für vierhundert namibische Dollar. Bei einem Kurs von 1:15 für vierzig Kilometer würde uns die Fahrt fünfundzwanzig Euro kosten. Thomas hatte in Deutschland bereits etwas Geld in namibische Dollar umgetauscht. Wir beschlossen, eine höhere Summe an einem der beiden Bankautomaten im Eingangsbereich zu ziehen. Dafür nutzte ich erstmals die neue Reisekreditkarte. Als auch der zweite Versuch mit der Meldung »Prozess abgebrochen« scheiterte,atmete ich tief durch. Beim dritten Fehlversuch drohte die Karte eingezogen zu werden. Und das am ersten Tag unserer Reise. Thomas gestikulierte, dass er es mit seiner Karte probieren wolle. Doch auch er scheiterte, woraus ich schlussfolgerte, dass es weder an uns noch an den Karten liegen konnte. Wir stellten uns am anderen Automaten an, wo sich nicht ohne Grund eine Schlange gebildet hatte. Als wir kurze Zeit später den gewünschten Betrag in den Händen hielten, fiel mir ein Stein vom Herzen.
Wir fuhren mit dem Taxi durch das trockene, schroffe Land, das seine Vegetation gänzlich verschluckt zu haben schien und nichts Lebendiges hervorbrachte.
Erst hinter dem Auas- und Erosgebirge sprossen zarte Knospen an bewaldeten Hängen und ließen den Frühling erahnen. Nach dem Gewerbegebiet erreichten wir den Stadtteil Klein Windhuk. Das Taxi hielt vor einem mächtigen schwarzen Eisentor, während hohe Mauern und Stacheldraht das Grundstück sicherten.
Von der ersten Sekunde an empfing uns Herzlichkeit. Rolf begrüßte uns sofort mit »My dears!« als Freunde des Hauses. Ich hatte mit jeder Art von einfacher Unterkunft gerechnet, doch als wir das Innere des Gebäudes sahen, schlug unser Herz höher. Weite, offene Ebenen, wo Türen verpönt waren, außer zu den Schlafzimmern. Balkone und Terrassen durften wir für vierzig Euro pro Nacht ebenso nutzen wie alle anderen Räume, das Streicheln der sechs dicken Labradore inbegriffen. Obwohl wir das kleinste Gästezimmer bekamen, waren wir glücklich.
Rolf und Hermann beherbergten drei weitere Gäste. Die Hausangestellte wurde uns als »Familienmitglied« vorgestellt.
»Do what you want. It’s your house« lautete das Motto.
Rolf als CEO einer Gesundheitsorganisation und Hermann als Steuerberater, Buchhalter und Liquorshop-Besitzer gehörten zweifellos zu den namibischen Millionären. Hermann überließ Rolf das Geschäft mit der Vermietung und machte sich selbst rar. Rolf hingegen trug sein Herz auf der Zunge und bot eine kurze Rundfahrt durch Windhuk an. Wir sagten natürlich nicht Nein. Für den nächsten Tag schlug er das GocheGanas Spa Camp vor, das sich dreißig Kilometer vor der Stadt befindet. Ein Wellnessbesuch am zweiten Tag in Namibia kam mir befremdlich vor, andererseits freuten wir uns über Tipps von Einheimischen.
Rolf hatte umgehend einen Taxifahrer geordert, der uns zum GocheGanas Camp bringen sollte. Wir fuhren durch Gewerbegebiete auf der Bundesstraße gen Süden, bogen nach einigen Kilometern auf eine Schotterpiste ab und ruckelten durch verdorrtes Buschland. Bodenwellen und Schlaglöcher strapazierten die Achsen und Räder des Fahrzeugs auf beängstigende Weise.
Nach gut der Hälfte der Strecke wies uns der Fahrer auf eine Baumgruppe hin, hinter der sich eine Giraffe befand. Wir drückten uns die Nase am Fenster platt. Plötzlich streckte sie den Kopf über die Baumkronen hinweg, trat langsam aus der Deckung und zeigte sich in ihrer ganzen Pracht. Wir sahen unsere erste, in freier Wildbahn lebende Giraffe! Ich kramte aufgeregt nach dem Handy, um ein Foto zu schießen, doch der Fahrer zeigte sich wenig empathisch und trat aufs Gaspedal. Wir drehten uns um, doch die Giraffe verschwand in einer Wolke aus Staub. Ich war enttäuscht. Dieses Afrika mit einer Giraffe zwischen Wellnesscenter, Autohäusern oder Werkshallen entsprach nicht meiner Erwartung.
Als wir das GocheGanas Camp erreichten, fühlten wir uns fehl am Platz. Es wirkte ausgestorben und abweisend, sodass wir uns nur zögerlich herantrauten. Am Einlass machte das Personal mit wenig einladender Mimik deutlich, dass wir keinen guten Tag erwischt zu haben schienen. Nach dem ersten Rundgang ahnte ich bereits, dass wir die vier Stunden, bis das Taxi uns abholen sollte, mehr oder weniger absitzen würden. Zum einen verdiente die lauwarme Sauna den Namen nicht, zum anderen war der Außenpool mit eiskaltem Wasser gefüllt. Und für einen beheizten Indoor-Pool war ich nicht nach Namibia gereist. Ich fühlte mich hier fremd. Einzig der Blick über das Buschland mit seinen skelettartigen Bäumen machte mir gute Laune, weil es sich einen Moment lang wie Afrika anfühlte.
Wir staunten, wie stark die Sonne bereits am Tag des kalendarischen Frühlingsanfangs auf unsere Körper brannte. Während ich im schattigen Windzug fröstelte, schlief Thomas in der Sonne ein. Die trügerische UV-Strahlung verschaffte ihm den sattesten Sonnenbrand auf dem Bauch, den ich je gesehen habe.
Ich studierte den Reiseführer, holte Getränke und suchte erfolglos die Umgebung nach wilden Tieren ab.
Ein anderer Taxifahrer brachte uns nach Hause und erfüllte mir den Wunsch, bei den Giraffen zu verweilen, damit ich endlich mein Foto machen konnte.
In den nächsten Tagen erkundeten wir die Innenstadt Windhuks. Anfangs zu Fuß, später mit den sehr günstigen Taxis. Als wir bei der Gelegenheit dem Taxifahrer den Bahnhof als Ziel nannten, schien er nur Bahnhof zu verstehen. Die englische Übersetzung station machte es für ihn auch nicht klarer. Wir zweifelten an den Sprachkenntnissen des jungen Mannes und bald gingen uns die Ideen aus. Ich wurde misstrauisch, ob er mit seiner gespielten Unwissenheit Umwege fuhr, die uns teuer zu stehen kommen könnten. Doch das Hin und Her klärte sich, als er plötzlich »Stadion!« rief und im nächsten Moment vor dem alten Gebäude hielt.
Viele Gebäude erkannten wir aus der Reisedokumentation »Verrückt nach Zug« wieder, mit der wir uns zu Hause auf Namibia vorbereitet hatten. Der alte Bahnhof und die umliegenden Handels- und Verwaltungsgebäude blitzten wie kleine Diamanten aus der Kolonialzeit inmitten der modernen Bebauung auf. Straßennamen, Amtsstuben und Institutionen tragen zum Teil heute noch deutsche Namen wie Kaiserliches Vermessungsamt, Lüderitzstraße, Stübelstraße usw.
Auf uns wirkte Windhuk pragmatisch, bescheiden und wenig glamourös. Namibiakenner hatten die Stirn gerunzelt, als wir sagten, wir würden uns dort eine Woche aufhalten. »Warum? Da gibt’s doch nichts zu sehen.« Sie hatten nicht ganz unrecht verglichen mit Hamburg, Paris oder Berlin, die im Gegensatz zu Windhuk eine weit zurückreichende Geschichte haben.
Das Dreigestirn aus Parlamentsgebäude, Tintenpalast genannt, mit seinem vorgelagerten Garten, der Christuskirche und dem mächtigen Owela Museum bildete für mich das optische Zentrum. Typisch deutsch fand ich die Erklärung für den Namen Tintenpalast, der auf die Unmenge Tinte verweist, die deutsche Bürokraten in ihren Amtsstuben verbraucht hatten. Am Fuße des Parliament Gardens steht wirkungsvoll und dennoch bescheiden seit 1913 die neoromanische Christuskirche, mittlerweile umgeben von der breiten Robert Mugabe Avenue. Unweit ragt das Owela Museum in die Höhe, dessen drei goldglänzende Fassaden sich wie riesige Türzargen über den zylindrischen Gebäudekörper stülpen. An breiten Hauptstraßen liegen mehrgeschossige Hotelkomplexe und Konzernfilialen, die ein typisch modernes Stadtbild abgeben.
In einer Nebenstraße entdeckte ich das Schild National Theatre of Namibia. Neugierig schaute ich hinein. Außen wie innen war es karg und schmucklos und ähnelte einer größeren Schulaula. Das Historische Museum an der Ecke wirkte ebenfalls improvisiert.
Wie in einem Darkroom schlängelten wir uns auf engstem Raum an provisorischen Trennwänden vorbei, um Trachten, Fotos, Zeitungsberichte und Nachbauten von Strohhütten zu entdecken. Ich hatte das Gefühl, ständig den Kopf einziehen zu müssen und Gefahr zu laufen, etwas umzuwerfen. Die Ausstellung wurde, wie ich fand, den vielen stolzen Ethnien Namibias in ihrer Vielfalt und Geschichte nicht gerecht.
Eines Abends entdeckten wir unweit des Zentrums auf einem Hügel die Heinitzburg, von deren Terrasse wir uns einen schönen Sonnenuntergang mit Blick über Windhuk und das Bergpanorama erhofften. Doch leider kamen im letzten Moment die Wolken dazwischen. Inzwischen zum Luxushotel umgebaut, wurde die Burg 1914 von Wilhelm Sander errichtet und wenig später an den Grafen von Schwerin verkauft, wie wir erfuhren. In der Zwischenzeit fiel uns auf, dass Namibias Geschichte einzig über die deutsche Kolonialzeit definiert schien.
In der frühen Abenddämmerung im Stadtgebiet herumzuspazieren, löste in uns ein mulmiges Gefühl aus. Menschenleere Straßen machten uns misstrauisch, denn wir wussten zu wenig über die Sicherheitslage in diesem Land und besonders in der Stadt. Eine Unberechenbarkeit lag in der Luft, die uns nicht behagte. Das Bild von hohen Mauern und Stacheldraht tat sein Übriges. Unsere Gastgeber machten große Augen und schüttelten den Kopf, als wir ihnen unsere Empfindungen schilderten. Sie rieten uns, gegen Abend nicht sorglos durch die Straßen zu streifen. Dem entnahmen wir, dass es tagsüber kein Problem wäre, und planten, bei strahlendem Sonnenschein die beinahe festungsartig gesicherte Wohnsiedlung von Klein Windhuk zu durchstreifen, mit dem Ziel, dem Botanischen Garten einen Besuch abzustatten.
Als wir uns durch die schmalen Straßen geschlängelt und über die Architektur und den kreativen Baustil der Wohlhabenden ereifert hatten, erreichten wir eine Hauptstraße, auf der wir steil bergauf in Richtung Innenstadt gingen. Ein Hinweisschild zum Botanischen Garten fanden wir nicht, obwohl wir ganz in der Nähe sein mussten. Das brach liegende Niemandsland auf der anderen Straßenseite konnte wohl kaum Teil der Gartenanlage sein.
Hinter der nächsten Abbiegung fanden wir endlich den Eingang.
Nachdem wir statt eines Eintrittspreises eine angemessene Spende entrichtet und den Rundgang voller Erwartung auf superexotische Pflanzen gestartet hatten, trauten wir unseren Augen nicht. Vor uns tat sich eine braune Welt auf, die uns in ihrer Totenstarre erschreckte. Die Namensschilder wirkten wie Grabsteine. Wir riefen uns in Erinnerung, dass der namibische Winter erst zu Ende gegangen war und wir Unmögliches verlangten. Umso schwerer fiel es uns, diesen Pflanzenfriedhof mit seinen endemischen Gewächsen wertzuschätzen, und wir begannen zu witzeln. Die Stimmung kippte vollends, als Thomas am Picknickplatz zwei Äpfel aus dem Rucksack nahm, die zur Wegzehrung gedacht waren, und sie an die trockenen Äste eines Baumes hielt, während ich ihn beim »Pflücken« filmte. Unsere Blogleser sollten sich die Augen reiben, welche Naturwunder wir zur Dürrezeit in Namibia erlebten.
Enttäuscht, aber gut gelaunt verließen wir den Garten und fragten uns, wohin der Weg rechts von uns wohl führen mochte. Manchmal überkommt uns die Neugier. Dann gehen wir seltsame Pfade und hoffen, auf Unerwartetes zu stoßen, was beim Erklimmen der kaum asphaltierten Anderson Street auch passierte. Über Staub und Stein erreichten wir das Plateau, von wo aus sich ein herrlicher Blick über die Stadt und die umliegenden Berge bot. Drei Stunden später hätten wir hier einen fantastischen Sonnenuntergang in romantischer Zweisamkeit erlebt. Doch so lange wollten wir nicht warten, erst recht nicht, als wir ein Schild entdeckten, auf dem dieser Hügel zur »High Criminal Area« erklärt wurde. Wir schluckten. Hier wurde nicht nur vor Taschendieben gewarnt. Meine Fantasie ging mit mir durch. Hätte es nicht mehr Sinn ergeben, das Schild am Fuße des Hügels aufzustellen und den Spaziergänger rechtzeitig zu warnen? Jegliche Romantik war verflogen. Wir eilten auf der anderen Seite den Berg hinunter. Zwei Autos, die langsam an uns vorbeifuhren und deren Fahrer uns ansahen, als hätten wir nicht alle Tassen im Schrank, oder uns als potenzielle Opfer ausspähten, spornten uns an, noch schneller zu laufen.
Erleichtert erreichten wir die belebte Nelson Mandela Avenue und traten den Heimweg an.
Unterwegs beobachteten wir Kleinbusse, die niemals durch den deutschen TÜV gekommen wären. Sie hielten dort, wo ein Pulk Menschen auf sie wartete. Wie wir später erfuhren, bringen die Busse die Arbeiter nach Feierabend in ihre Townships zurück, um sie am nächsten Morgen wieder abzuholen. Das hing damit zusammen, so erklärten Rolf und Hermann, dass Firmen die pünktliche Anwesenheit dieser Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz sicherstellen wollten. Wir sollten also lernen, dass diese Menschen ohne Busse nicht in der Lage waren, den Arbeitsweg selbstverantwortlich und pünktlich zu organisieren. Es fiel uns schwer, die herabwürdigende Erklärung zu akzeptieren. Dabei wirkten unsere Gastgeber weder blasiert noch protzten sie mit ihrer privilegierten Stellung. Im Gegenteil, sie monierten die schwache Politik, die es nicht schaffe, der benachteiligten Bevölkerung Perspektiven aufzuzeigen. Rolf und Hermann selbst boten diesen Menschen Kleinjobs als Gärtner oder Reinigungskräfte an und besorgten Fahrräder für bessere Mobilität. Doch oft verhinderten gesellschaftlich und kulturell bedingte Unterschiede den langfristigen Erfolg einer Teilhabe am Wachstum. Thomas und ich waren nur Touristen, die Land und Leute kennenlernen wollten. Aber nicht jede Information schmeckte uns, vor allem wenn unser Menschenbild von Gleichheit und Gleichberechtigung infrage gestellt wurde. In Namibia unterstellten wir, dass Menschen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit abqualifiziert wurden. Dass dies nur die halbe Wahrheit sei, behaupteten unsere Gastgeber, könnten wir daran sehen, dass People of Color nicht nur ihre Nachbarn, sondern äußerst erfolgreiche Geschäftsleute seien. Auch sie lebten hinter Mauern und Stacheldraht, um sich vor Kriminellen zu schützen. Nicht die Hautfarbe, sondern Bildung, Erfolg und Reichtum würden über die gesellschaftliche Stellung entscheiden.
Mir gefiel die Idee, die Township Katutura aufzusuchen und uns selbst ein Bild von den dortigen Lebensumständen zu machen. Hermann fragte leicht genervt, ob wir Armutstourismus betreiben und uns in Gefahr begeben wollten. Natürlich nicht. Ich fühlte mich unverstanden und rang nach den richtigen Worten. Licht mag faszinierende Bilder entstehen lassen, doch der Schatten gehört zur Wahrheit. Katutura bedeutet übersetzt: Der Ort, wo man nicht leben möchte.
Bevor wir unsere vierwöchige Rundreise antraten, besuchten wir Martin und seine Familie in Ludwigsdorf, einem ebenfalls wohlhabenden Stadtteil von Windhuk. Martin war mit Thomas’ Cousine verbandelt gewesen. Als Geologe hielt er sich längere Zeit in Namibia auf und erklärte sich bereit, meinen überschüssigen Insulinvorrat während der Rundreise in seinem Kühlschrank zu lagern, was mich kolossal erleichterte. Wir trafen uns bei ihm und seiner Familie zu einem Braai, wie ein Grillabend im südlichen Afrika genannt wird, und philosophierten über das Leben in Namibia. Sie bestätigten Rolfs und Hermanns Bild von der namibischen Gesellschaft.
Nach einer Woche verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern, bei denen wir uns sehr wohlgefühlt hatten.
Das Mietauto, mit dem wir nun vier Wochen das Land bereisen wollten, wartete am kleinen zentrumsnahen Flughafen der Stadt auf uns. Nach unkomplizierter Übernahme stand eine Premiere bevor. Wir mussten uns im Linksverkehr beweisen. Zu Fuß oder im Taxi hatten wir versucht, seitenverkehrtes Denken zu trainieren.
Thomas versuchte, als aufmerksamer Beifahrer zu helfen, und wies mich auf mögliche Komplikationen und Unfallgefahren hin. Wir fürchteten einen frühzeitigen Schadensfall, weshalb ich meine ganze Konzentration aufbot, um Fahrmanöver korrekt durchzuführen. Doch zwei nervöse, sich sorgende Menschen sind oft einer zu viel. Je öfter Thomas helfen wollte und meine Gedanken kreuzte, umso zappeliger wurde ich. Wir hatten das Navi mit all unseren Zielen programmiert und mit auf die Reise genommen. Es bewährte sich ab dem ersten Moment.
Auf dem Weg zum dreihundert Kilometer entfernten Waterberg Plateau fuhren wir an Menschen vorbei, die im Dunst von Abgasen, Staub und Hitze Lebensmittel und Haushaltsdinge verkauften. Als wir an ihnen vorbeifuhren, erloschen ihre erwartungsvollen Blicke.
Die Landschaft blieb karg, während lange, schnurgerade Strecken uns ermüdeten. Der Autovermieter hatte auf Unfallgefahren wie abschüssige Straßenränder hingewiesen, die einen Überschlag provozierten, wenn nicht die Spur gehalten würde. Dass die gravel roads eine viel heftigere Herausforderung bedeuteten, würden wir noch erleben. Steinschlag und Reifenpannen gehören zum alltäglichen Ärgernis von Touristen.
Die weite Ebene bot wenig fürs Auge. Manchmal tauchten in der Ferne einzelne kegelförmige Berge oder kleine Gebirgszüge auf. Nach gut zweihundertfünfzig Kilometern verließen wir die Nord-Süd-Tangente, bogen östlich Richtung Waterberg Plateau ab und fuhren durch die Kalahari. Die Bedeutung des Wortes Kalahari ist »weiter, großer Abstand«, was die Landschaft nicht besser hätte beschreiben können.
Als wir am Straßenrand Warzenschweine entdeckten, schreckten wir auf. Sie mussten sich durch den für sie errichteten Zaun gemogelt haben, um sich am grünen Gras im Graben laben zu können. Wir drosselten die Geschwindigkeit, damit sie nicht unter unsere Räder kamen, falls sie sich entschlossen, plötzlich loszustürmen. Was wir unter wachsamem Blick als Warzenschwein zu erkennen glaubten, entpuppte sich beim Vorbeifahren oftmals als kaputter LKW-Reifen.
Da achtzig Prozent der namibischen Straßen nicht asphaltiert sind, hüllte uns der Gegenverkehr in eine riesige Staubwolke.
Auf den letzten Kilometern zu unserer Lodge sahen wir auf beiden Seiten Termitenhügel, die uns in Abständen wie rote Zinnsoldaten den Weg wiesen. Sie begeisterten mich wegen ihrer Größe und wechselnden Gestalt. Einige spitzten sich wie der sprechende Hut bei Harry Potter kegelförmig zu. Ihre Höhe reichte teilweise bis in die Kronen der Savannenbäume. Zig Millionen Termiten hatten über Monate und Jahre an diesen beeindruckenden Kunstwerken gebaut.
Und dann war es so weit. Ein breites Tor öffnete sich wie auf einer Ranch und wir fuhren auf geharktem rotem Schotter bis zur Rezeption der Wabi Game Lodge vor. Eine freundliche Mitarbeiterin führte uns zur Unterkunft, die aus zwei riesigen Zimmern bestand, sodass wir im Badezimmer kurz einen Walzer tanzten. Die Anlage glich einem Gutshof, der Geräteschuppen, kleine Tiergehege und domestizierte Wildtiere vorhielt. Pfauenhennen trippelten an uns vorbei und ließen sich auf dem Rand des Zierbrunnens nieder, während der Hahn beeindruckend krächzende Balzlaute ausstieß. Dabei stellte er sein farbenprächtiges Rad auf und drehte sich um die eigene Achse. Obwohl mir Pfaue aus Deutschland bekannt waren und sie ursprünglich nicht aus Afrika stammen, empfand ich diese Szene als verheißungsvollen Start unserer Rundreise durch die namibische Wildnis.
Am nächsten Vormittag planten wir, das Waterberg Plateau zu erklimmen. Dreißig Minuten sollte der Aufstieg dauern und für jeden leicht zu bewältigen sein. Stattdessen mühten wir uns auf und ab, stiegen über Baumwurzeln an Büschen und Ästen vorbei, kletterten um Felsen und fragten uns, warum wir keinen Meter an Höhe gewannen und nur die Felsflanke entlanggingen. Dennoch rangen wir nach Luft und bestaunten in den Pausen die unglaublichen Farben der Felswand. Gelbe und zartgrüne Flechten lagerten auf hellrotem Granit, dunklem Basalt und Schiefer. Uns kam es vor, als hätte jemand mit breitem Pinsel seine Farbpalette ausprobiert.
Endlich sahen wir den steilen Zugang zum Plateau und kämpften uns mit knapper Luft nach oben. Uns wurde eine grandiose Aussicht über die unendliche Kalahari geschenkt, die in der Ferne den Horizont küsste. Karge dunkle Büsche bedeckten den Boden wie Streusel einen Blechkuchen. Wir hockten uns auf einen Stein und ließen den Blick schweifen, während der Wind unseren Schweiß trocknete. Wie auf dem Reißbrett entworfen, zogen Zufahrtswege kahle helle Schneisen durch die Landschaft.
Unvorstellbare achtundvierzig Kilometer in der Länge und fünfzehn Kilometer in der Breite misst das Plateau. Ich wies Thomas auf einen rotbraunen Felsen hin, aus dem der weiße Stamm eines kleinen Baumes wuchs und dessen Baumkrone im hellen Blattgrün leuchtete. Ich wusste, dass manche Pflanzen die Kraft haben, Stein zu durchdringen, doch dieser Baum wirkte wie eine Kunstinstallation.
Je länger wir uns dort aufhielten, umso plastischer rückte mir die Geschichte um das Plateau ins Bewusstsein. Am Waterberg hatte 1904 die Schlacht zwischen den deutschen Streitkräften und dem Stamm der Hereros gewütet. Leutnant Lothar von Trotha war als knallharter Hund mit zweitausend Soldaten zur Verstärkung von Hamburg nach Swakopmund geschickt worden, um die Truppen vor Ort zu unterstützen und den Aufständischen eine verheerende Niederlage beizubringen. Zehntausende Hereros hatten sich Schutz suchend an den Waterberg zurückgezogen. Doch gegen die Brutalität eines von Trotha kamen sie nicht an. Als der Sieg der Deutschen längst besiegelt war, schnitt von Trotha den Hereros zusätzlich alle Versorgungswege ab, sodass diese elendig verdursteten. Selbst damalige Militärs waren angewidert von dem Massaker und der Begriff vom ersten Völkermord im 20. Jahrhundert wurde zum unrühmlichen Beginn eines kriegerischen und zerstörenden Jahrhunderts durch die Deutschen. Es brauchte nicht erst einen Dr. Mengele von Hitlers Gnaden, um Rassenforschung an Opfern zu betreiben. Das geschah bereits im Falle der Hereros und Nama im Namen des deutschen Kaisers.
Rechtzeitig kehrten wir zur Lodge zurück, um an einer Sundowner-Tour teilzunehmen. Josef fuhr unsere Gruppe im Jeep durch den großen Savannenbesitz der Wabi Game Ranch. Einige Tiere wie Gazellen, Giraffen und Helmperlhühner mit ihrem leuchtend hellblauen Kopf waren noch unterwegs und kreuzten unseren Weg. Als die Sonne sich langsam senkte, kamen wir an ein großes Wasserloch und rissen die Augen auf. Vor uns badete eine kleine Gruppe Flusspferde. Nach einigen Minuten näherten sich die Tiere dem Ufer, wo Josef ein paar Strohballen deponiert hatte. Die massigen Viecher trotteten aus dem Wasser, rissen die Mäuler auf und verschafften uns tiefe Einblicke in ihren leuchtend rosafarbenen Schlund. Die Kameras klickten. So einen Moment bekamen wir kein zweites Mal geschenkt.
Am nächsten Tag hatten wir eine Halbtagessafari gebucht. Da die Gäste abgereist und neue noch nicht angekommen waren, hatten wir die einmalige Chance, Josef ungehemmt mit unseren Fragen über Land und Leute zu torpedieren. Er gab sich schüchtern und dennoch auskunftsfreudig. Die Lodge stehe für neunundneunzig Millionen namibische Dollar zum Verkauf. Ein neues Gesetz erlaube keinem Ausländer, sondern nur Namibiern und dem Staat, sie zu erwerben. Leider könne keine der beiden Gruppen diese Summe aufbringen. Außerdem berichtete Josef, dass er elf Monate arbeite und im Dezember, wenn die Lodge schließe, zwei, drei Wochen nach Windhuk zu seiner Familie fahre. Somit sehe er seinen Sohn nur einmal im Jahr. Bei einem Trauerfall bekomme er außer der Reihe frei und dürfe die Ranch verlassen. Wir fragten, ob er sich denn nicht ein Leben in Windhuk vorstellen könne. Josef winkte ab. Es gebe dort für ihn keine Arbeit. Außerdem lebe er für das weite Land und die Tiere. Nur hier fühle er sich wohl. Thomas und ich nickten stumm.
Auf der Rückfahrt schritt eine Giraffe majestätisch über die rote Landepiste, die den Gästen und dem Besitzer der Lodge für den privaten Anflug zur Verfügung stand. Gazellen, eine Herde Ellipsen-Wasserböcke, Büffel, Warzenschweine, Steinböcke, Perlhühner, die in rauen Mengen vor uns flüchteten und protestierende Schreie ausstießen, all diese Tiere erfüllten unsere Sehnsucht nach dem »wahren« Afrika. Vögel schwirrten durch die Lüfte, doch waren sie so flatterhaft, dass wir nur den behäbigen Gelbschnabeltoko vor die Kamera bekamen. In den Bäumen fielen uns fein gewebte, korbähnliche Riesennester auf. Thomas hatte gelesen, dass sich Webervögel auf kunstfertige und artistische Weise ihre beeindruckende Behausung bauen.
Oft waren es die Giraffen, die uns lange in ihren Bann zogen. Mit ihrem schlanken Kopf und den wachen Augen hielten sie den Blick aufs große Ganze gerichtet, während ihr Maul geruhsam die Blätter kaute. Ich bewunderte ihre zweigeschossige grazile Gestalt, die auf den dürren Beinen so zerbrechlich wirkte wie eine schlanke Blondine auf extrem hochhackigen Pumps. Der lange Hals pendelte seelenruhig hin und her, und fast könnte der Betrachter vergessen, mit welcher Schlagkraft die Giraffe damit ihren Gegner bekämpft.
Bei einem Kaffee auf der Terrasse der Lodge bekamen wir am Nachmittag die Gelegenheit, uns mit der leitenden Angestellten zu unterhalten. Sie gehört den Damara an, einem Volksstamm, der nur einen geringen Prozentsatz der namibischen Bevölkerung ausmacht. Uns waren beim Sprechen ihre Klick- und Schnalzlaute aufgefallen. Darauf angesprochen zögerte sie ein wenig, sie uns vorzuführen. Das Wort »Khoekhoegowab« war somit für uns unaussprechlich. Als wir es ausprobierten, lächelte sie belustigt. Außerdem gab sie uns Einblicke in ihr Leben und erklärte uns, wie wenig Geschwister, Freunde und zukünftige Ehepartner gegen das gewichtige Wort der Mutter auszurichten haben. Gehe ein junges Paar eigene Wege, müsse es sich vor der Enttäuschung der Mutter hüten. Sie habe aber das Glück gehabt, sich ausbilden lassen und über Jobs hocharbeiten zu können, um nun mit ihrem Kollegen die Lodge verantwortungsvoll führen zu dürfen.
Nach drei erlebnisreichen Tagen verabschiedeten wir uns von der Wabi Game Ranch und erreichten nach knapp 280 Kilometern die Grenze zum Etosha Nationalpark, der große Hotspot für jeden Namibiabesucher. Auch für uns standen die »Big Five« auf dem Wunschzettel. Elefanten, afrikanische Büffel, Nashörner, Löwen und Leoparden. Auf einem Gelände so groß wie Hessen fieberten wir dem Moment entgegen, sie aufzuspüren.
Der Nationalpark erhielt seinen Namen Etosha wegen der großen Salzpfanne, die übersetzt großer weißer Platz bedeutet.
Da wir frühzeitig in der Emanya Lodge eingecheckt hatten, lag es nahe, am Nachmittag eine erste Erkundungstour zu starten. Wir entrichteten achtzig Dollar Eintritt pro Person und wussten, dass wir spätestens mit Einsetzen der Dämmerung den Park verlassen mussten.
Kaum fuhren wir am äußeren Rand der Salzpfanne entlang, bat mich Thomas, die Fahrt zu unterbrechen. Er war auf eine Gruppe Vögel aufmerksam geworden, die hektisch mit ihren Schnäbeln auf etwas herumhackten. Aufgrund der Entfernung erkannten wir erst nach einiger Zeit, dass es sich um Geier handelte, die ihre Köpfe tief im Aas versenkten und sich dran satt aßen.
