Am Ende des Tages - Robert Hültner - E-Book
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Am Ende des Tages E-Book

Robert Hültner

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Beschreibung

Am Ende des Tages siegt die Gerechtigkeit. Wirklich? Kajetans schwierigster Fall!

In den Chiemgauer Alpen stürzt ein Flugzeug ab. Ein Bauer, der gleich nach dem Unglück aufgestiegen ist, um Verletzte zu bergen, kommt bald danach mitsamt seiner Familie bei einem Brand seines Hofes um. Hat er etwas gesehen, was er nicht hätte sehen sollen? Kajetan, der in einem ganz anderen Fall ermittelt und dem Hoffnungen gemacht wurden, dass er wieder in den Polizeidienst zurückkönne, gerät bald mitten hinein in eine politische Verschwörung, in der es um mehr als nur um Flugzeugabstürze geht.

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Robert Hültner

Am Ende des Tages

Roman

btb

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Copyright © 2013 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Satz: Uhl + Massopust, Aalen MM ∙ Herstellung: hag ISBN 978-3-641-10847-2 V002 www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

So sinnlos das Ganze auch erscheinen mochte, es musste einen tieferen Grund geben. Kein Windhauch regte sich, kein Blatt fiel, kein Vogel schrie ohne Grund.

TONY HILLERMAN

Hart wie Stahl war ichund liebte keinen. nur den einen,den ich liebte

JACQUES PRÉVERT

1.

Valentin wagte nicht zu atmen. Das Geräusch, das ihn aus dem Schlaf geschreckt hatte, klang noch in ihm nach. Ein papierenes Knistern. Ein Marder oder ein anderes Nachttier, das sich im Spalier unter dem Fenster verfangen hatte? Hungriges Wild aus dem bereits seit Wochen verschneiten Hochwald? Oder nur das Dachgebälk, das, obschon uralt, noch immer arbeitete und beim Wechsel der Jahreszeiten manchmal ein helles Knacken hören ließ?

Der junge Bauer kannte all diese Geräusche seit seiner Kindheit. Nie hatten sie ihn beunruhigt oder gar in Panik versetzt. Was war los mit ihm? So schreckhaft wie in letzter Zeit war er doch nie gewesen? Oder warnte ihn sein Instinkt zu Recht? Auch wenn die mörderischen Raubüberfälle, die sich in den Jahren nach dem Krieg gehäuft hatten, zurückgegangen waren – wer wie er mit seiner kleinen Familie außerhalb des Dorfes wohnte, musste vor lichtscheuem Gesindel durchaus noch immer auf der Hut sein.

Wieder hielt er die Luft an. Er lauschte, die Finger in die Bettdecke gekrallt. Durch die bedampften Scheiben sickerte aschfarbenes Licht in die Schlafkammer.

Nach einer Weile atmete er aus. Er war einfach überreizt, das war alles. Der gestrige Arbeitstag hatte Kraft gekostet, der Abtransport der gefällten Stämme aus dem steilen und durchweichten Gelände des Bergwalds war lebensgefährlich gewesen. Erst nach Anbruch der Dämmerung hatten sie die letzte Fuhre abliefern können. Danach hatte er mit dem Sägewerksbesitzer um seinen Lohn feilschen müssen. Harsche Worte waren gefallen. Es hatte Valentin mitgenommen, er stritt nicht gerne. Mit schmerzenden Gliedern war er nachhause gestapft, wo er nur noch die allernötigste Stallarbeit erledigt, das Nachtbrot hinuntergeschlungen und einige Worte mit seiner Frau gewechselt hatte, um kurze Zeit später erschöpft in das Bett zu fallen.

Valentin kippte den Kopf zur Seite und betrachtete die schlummernde Frau zu seiner Rechten. Sie sah abgezehrt aus. Das Mondlicht tiefte Kerben in ihre Wangen. Aus ihren geöffneten, rissigen Lippen drang ein schabendes Geräusch. Es versetzte ihm einen Stich. Thekla war noch keine dreißig.

Noch immer lebte das Bild in ihm, wie er sie, bei einem der ersten Kirchweihfeste nach dem Krieg, zum ersten Mal gesehen hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sie, eine sichere Abfuhr erwartend, stotternd um einen Tanz bat. Sie war heftig errötet, hatte die Augen gesenkt, und, nachdem sie einen verstohlenen Blick in ihre Umgebung geworfen hatte, mit einem scheuen Lächeln eingewilligt.

Sie waren noch nicht lange verheiratet, als sich erste Schatten über das Glück der jungen Familie legten. Wie viele andere im Dorf hatte auch Valentin sein weniges Erspartes verloren, nachdem der Kassierer der örtlichen Raiffeisenbank sämtliche Einlagen privat verspekuliert hatte. Die geringen Erträge gingen noch weiter zurück, die Schuldenlast des Hofs wuchs. Eine graue Verhärmtheit hatte sich über ihr Leben gestülpt. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Valentin versucht, sich daran zu erinnern, wann er Thekla zuletzt lachen gehört hatte. Es hatte ihm nicht einfallen wollen, und vergeblich hatte er darüber nachgedacht, wie es ihm gelingen könnte, sie wieder glücklich zu sehen. Bis ihm eine unerwartete Fügung zu Hilfe gekommen war.

Und bald würde alles gut werden. Valentin wurde ruhig. Seine Glieder entkrampften sich. Eine Weile lauschte er noch der raunenden Stille um ihn. Er zwinkerte. Dann fielen ihm die Augen zu.

In diesem Augenblick hörte er es wieder. Ein helles Knistern. Wie Schritte auf reifhartem Gras. Jetzt trieb es Valentin hoch. Er schlug die dampfende Tuchent zurück. Jedes Knarren der hölzernden Bettstatt vermeidend, wälzte er sich aus dem Bett. Durch eine abgewetzte Stelle seiner Bettsocken spürte er die Kälte der Bohlen. Er warf einen Blick auf seine Frau und auf das kleine Bettchen an ihrer Seite. Auch der Kleine schlief tief und fest.

Valentin zog die Türe zur Kammer behutsam hinter sich zu, wartete einige Atemzüge, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. In seinem Nachthemd schlotternd, tastete er sich auf dem Flur voran, fand die Hauslampe, machte Licht und betrat die Treppe zum Erdgeschoss. Vorsichtig setzte er Schritt vor Schritt in die Tiefe. Die Kerzenflamme flackerte und warf verzerrte Schatten an die Wand.

Plötzlich schnürte ihm das Gefühl einer namenlosen Bedrohung die Kehle zu. Wie von einem Faustschlag in die Eingeweide getroffen, krümmte er sich. Sein Herz schlug dröhnend gegen seine Rippen. Er klammerte sich an das Geländer, und für einen Moment war nichts als taube Leere in seinem Gehirn. Im gleichen Augenblick wurde ihm wieder bewusst, was ihn in diesen fiebrigen Aufruhr versetzte. Und dass es nicht allein das Gefühl eines nahenden Unheils war, was ihn bereits seit Tagen peinigte.

Es war Scham. Vor kurzem hatte er etwas getan, was er noch nie getan hatte. Von dem er sich nie hatte vorstellen können, dass er dazu fähig wäre.

Der junge Bauer spürte erneut, wie seine Augenwinkel vor hilflosem Zorn feucht wurden. Er schniefte, verachtete sich dafür, dass er einmal schwach geworden war. Und fast noch mehr dafür, dass es ihm zu schaffen machte.

Ein gestandenes Mannsbild wollte er sein? Lächerlich, was er sich da vorwarf! Wurde nicht überall auf der Welt getrickst, mal weniger, oft mehr? Wer von den Leuten im Dorf konnte wirklich von sich behaupten, seine Weste sei rein? Waren es nicht gerade die Frömmler, über die man sich hinter vorgehaltener Hand die schlimmsten Verfehlungen erzählte? Und da verging er wie ein greinender Betbruder vor Scham, schiss sich wie ein Schulbub aus Angst vor Bestrafung in die Hose? Wegen eines lächerlichen Fehltritts, bei dem er niemand wirklichen Schaden zugefügt hatte, für den es nie einen Beweis oder Zeugen geben würde?

Außerdem waren es nicht Gier und Bosheit gewesen, die ihn dieses eine Mal dazu gebracht hatten, gegen seine Prinzipien zu handeln. Nur aus Liebe zu einem Menschen, der ihm alles bedeutete und um den er sich sorgte, hatte er es getan. Gegen ein Gebot, ein Gesetz mochte er dabei verstoßen haben. Nicht aber gegen die Gerechtigkeit.

Aber war er wirklich gerissen genug vorgegangen? Was wäre, wenn seine Tat doch einmal ans Tageslicht käme? Was, wenn er übersehen hatte, dass man ihm längst auf den Fersen war? Vielleicht würde er bei einigen im Dorf noch auf Mitleid und Verständnis stoßen, aber auch das wäre nicht gewiss. Und würde ihm nicht helfen, wenn er vor dem Richter stände. Das Urteil würde ihn nicht den Kopf kosten, aber es würde ihn vernichten. Alles würde er verlieren. Man würde ihn meiden, mit dem Finger auf ihn zeigen. Auf ewig würde das Zeichen des Ehrlosen auf seiner Stirn brennen.

Valentin holte tief Atem. Er schüttelte den Kopf. Nein. Es bestand keine Gefahr. Zugegeben, für allzu Raffiniertes war er von je zu einfach gestrickt, alle halbscharigen Winkelzüge waren ihm immer zuwider gewesen. Aber er war kein Dummkopf. Hätte es auch nur das geringste Risiko gegeben, dass man ihn ertappen könnte, wäre er dieses Wagnis niemals eingegangen.

Die Kälte machte sich wieder bemerkbar. Valentin fasste sich, löste seine Finger vom Geländer und ging weiter. Im Erdgeschoss angekommen, stellte er die Lampe ab, nahm die Jagdflinte vom Haken, drückte die Klinke der Haustüre herab und trat ins Freie.

Milchiges Mondlicht beschien die Rodung. Die Luft war kalt und scharf. Sie roch nach dem Schnee, der seit Wochen bereits die Gipfel bedeckte. Valentin hob den Kopf. Sein dampfender Atem schwebte in Wölkchen zum schwarzblauen, von flirrendem Gestirn gestanzten Himmel. Im Unterland heulte ein Hund heiser auf, das Echo brach sich an den Wänden des Hochtals und erstarb. Einen Augenblick war es Valentin, als würde sich die Erde nicht mehr drehen. Dann hörte er wieder das Rauschen des Bergwaldes. Kälte kroch seine Waden empor. Nichts bewegte sich.

Ich hab mich geirrt, dachte er. Ich bin einfach überreizt, das ist alles.

Valentin ging in das Haus zurück, zog die Tür ins Schloss, schob den Riegel vor und hängte die Flinte zurück. In diesem Moment erschauerte er von einem eisigen Luftzug. Die Kerzenflamme flackerte auf und verlöschte. Valentin starrte in die Dunkelheit. Die Zugluft kam von der Tür, die den Wohntrakt vom Stall abtrennte.

Valentin gab einen verärgerten Laut von sich. Die verdammte Seitentür, dachte er. Nicht nur, dass sie sich seit einiger Zeit nicht mehr verriegeln ließ, jetzt schwang sie offensichtlich schon bei der leisesten Luftbewegung auf. Wenn der Schmied nur endlich Beschlag und Schloss reparieren würde, seit Wochen verspricht er es, immer sind ihm andere Aufträge wichtiger. Gleich morgen früh werde ich ihm auf die Füße steigen. Na, der kann sich auf etwas gefasst machen.

2.

Der Beamte des Meldeamts in der Ettstraße sah von seinem Register auf. »Also jetzt bittschön noch einmal ganz von vorn, Herr …«

»Kajetan. Paul.«

»Jaja.« Der Beamte schnaubte. »Sie sagen, Sie hätten Ihren Ausweis verloren …«

Kajetan bestätigte mit einem Nicken. »Kann mir auch gestohlen worden sein. Hab keinen Dunst, ehrlich.«

»… und dass Sies erst ein paar Monate später gemerkt haben und …«

»Richtig.«

»Redens mir nicht dauernd drein, ja? Wir sind hier auf einer Behörde und nicht in einer Judenschul, verstanden?«

Kajetan lächelte beschwichtigend. »Entschuldigung.«

»Möcht ich Ihnen auch geraten haben«, brummte der Beamte, nun ein wenig umgänglicher. »Dann … wo sind wir stehen geblieben?«

»Bei meinem Ausweis.«

»Ah ja. Sie möchten einen neuen Ausweis.«

Kajetan nickte geduldig.

»Weil Ihnen der alte gestohlen worden ist.«

»So ist es.«

Der Beamte beugte sich wieder über das Meldebuch.

»Und Ihr Name ist Kajetan, Vorname Paul.« Er sah zweifelnd auf. »Kajetan schon mit K, oder?«

»Mit K«, sagte Kajetan. »Wie sich’s gehört.«

Der Beamte sah nicht auf.

»Hmm … ja, aber …«

Auf das, was jetzt folgen würde, war Kajetan vorbereitet. Vor einigen Monaten war auf dem Ostfriedhof ein Mann begraben worden, der in das Quetschwerk einer Kiesgrube in einem Münchner Vorort geraten war. Die grauenhaft zugerichtete Leiche konnte nur noch anhand von Fetzen seiner Papiere identifiziert werden. Die Ermittler hatten sie zusammengesetzt und gelesen: Paul Kajetan.

Der Tote war in Wahrheit ein Kripo-Beamter gewesen, der sich den Nazis als Agent angedient und den Auftrag erhalten hatte, Kajetan zu liquidieren, nachdem ihnen dieser, wenn auch eher unabsichtlich, wiederholt in die Quere gekommen war. Ein Zufall hatte den Mordplan in letzter Minute vereitelt und den Agenten das Leben gekostet. Die misslungene Attacke auf sein Leben hatte Kajetan aber endgültig klar gemacht, dass er sofort aus der Stadt verschwinden musste. Wissend, dass die Leiche seines Gegners bei seinem Auffinden kaum noch zu identifizieren sein würde, hatte er ihr seinen Ausweis zugesteckt, sich aus der Stadt geschlichen und zu einem Dorf an der Grenze durchgeschlagen. Doch ein ungewöhnlich früher Wintereinbruch im Gebirge verhinderte, dass er sich über einen Schmugglerpfad ins Ausland davonmachen konnte. Kein Ausweg schien in Sicht. Dann aber versicherte ihm ein zuverlässiger Gewährsmann, dass seine bisherigen Gegner entmachtet oder tot waren und er gefahrlos wieder nach München zurückkehren konnte.

Der schnaubende Atem des Meldebeamten holte ihn aus seinen Gedanken.

»Aber das … das geht nicht!«, stieß er hervor.

Kajetan gab den Ahnungslosen. »Wieso denn?«

»Wieso, fragt er!« Sein Gegenüber warf seine Hände in die Höhe. »Weil Sie tot sind!«

Kajetan bedachte sein Gegenüber mit einem entwaffnenden Schmunzeln. »Das meinens jetzt aber nicht ernst, gell?«

»Im meinem Register ist es so vermerkt! Sie sind tot! Seit heuer, achtundzwanzigster August!« Er tippte erregt auf das Meldebuch. »Hier! Schwarz auf weiß! Tot!«

»Jetzt hörens aber auf!« Kajetan zeigte gegen seine Brust. »Schau ich vielleicht wie ein Toter aus? Sie! Der erste April ist lang vorbei, und zum Fasching ists noch hin!«

»Aber wenns doch da steht!«

»Dann muss es ein Irrtum sein!«

»Ausgeschlossen!« Das Gesicht des Meldebeamten hatte sich gerötet. »Sie, Herr – entweder sind Sie ein Schwindler und möchten mir einen Bären aufbinden, oder …«

Kajetan stemmte seine Fäuste in die Hüften. »Schwindler?!«, sagte er scharf. »Also, das muss ich mir nicht sagen lassen!«

Der Beamte verstummte für einen Moment. Er roch Autorität. »Aber … aber da muss doch ein Irrtum …« Er warf hilfesuchende Blicke um sich, um schwächlich zu enden: »Ich mein … das geht doch nicht gegen Sie, wenn ich sag, dass Sie tot sind …« Er schüttelte den Kopf. »Aber … aber Sie müssen sich täuschen, Herr.«

»Darin, dass ich nicht tot bin?«

»Da-dann … dann stimmt halt der Nam nicht!«

»Ja, bin ich denn im Narrenhaus?«, fuhr Kajetan auf. »Ich werd doch wohl am besten wissen, wie ich mich schreib!« Der Beamte schnappte nach Luft. Er drosch mit der Faust auf sein Meldebuch. »Ein Bürger namens Paul Kajetan ist gestorben! Noch gestorbener geht gar nicht! Und wenns möchten, sag ich Ihnen auch noch die Sektion auf dem Ostfriedhof, wo sein Kommunalgrab ist!«

Kajetan spielte den Fassungslosen. Als fehlten ihm nun endgültig die Worte, schüttelte er den Kopf. Schließlich lenkte er gefasst ein: »Bittschön, Herr. Schauens mich einfach an. Und dann sagens mir, ob ich lebendig bin oder nicht.«

Der Beamte kramte ein Tuch unter seinem Ärmel hervor und tupfte sich den Schweiß von Stirn und Glatze.

»Es muss irgendjemand in der Verwaltung ein Fehler unterlaufen sein«, setzte Kajetan begütigend nach. »Der Ihre ist es bestimmt nicht.« Die Blick des Beamten irrlichterte über Kajetans Gesicht. Hinter seiner Stirn arbeitete es.

Kajetan nickte bekräftigend. »Das Meldeamt kann da bestimmt nichts dafür.«

Der Beamte trat von einem Fuß auf den anderen.

»Ja … schon …«, räumte er ein, »freilich seh ich, dass Sie nicht tot sind … Sie wissen doch, wie ichs mein …«

Kajetan schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln. »Kommt ja wahrscheinlich auch nicht alle Tag vor, hm?«

»Ja, so was … so was ist mir mein Lebtag noch nicht untergekommen.« Der Meldebeamte strich sich mit der Hand über den kahlen Hinterkopf. »Was tu ich jetzt?«, lamentierte er. »Muss ich da jetzt den ganzen Behördengang zurückverfolgen oder was?«

Er hielt inne. In seinem Blick glomm Misstrauen auf… »Ich muss mit einem Oberen telefonieren.« Er wies befehlend auf eine Sitzbank an der Wand. »Sie warten derweil, ja?«

Kajetans Puls ging schneller. »Jetzt machens doch keine Umständ«, sagte er jovial. »Sie korrigieren einfach, was der schlampige Kollege …«

Der Meldebeamte ließ ihn nicht ausreden. »Sie rühren sich ja nicht von der Stell!« Er stieß den Zeigefinger drohend in Kajetans Richtung. »Haben Sie mich verstanden?« Er verschwand im Nebenraum und zog die Türe hinter sich zu. Wenig später drang eine gedämpfte Stimme durch das Türblatt. Die Worte des Meldebeamten waren nicht zu verstehen, wohl aber, dass er aufgeregt war.

Kajetan spürte, wie ihm heiß wurde. Ab jetzt musste er auf der Hut sein.

Der Beamte kam zurück. Minuten später schwang die Tür hinter Kajetan auf.

»Ah!«, rief der Beamte triumphierend. »Die Kriminalabteilung nimmt sich der Sach gleich selber an.«

Der Kommissar war ein junger, breitschultriger Mann. Er musterte Kajetan von oben bis unten.

»Der ist es?«, fragte er über die Schulter.

Der Meldebeamte nickte eifrig. »Hab mir ja gleich gedacht, dass da eine Lumperei dahintersteckt.«

»Unverschämtheit!«, sagte Kajetan hitzig.

Der Miene des Kriminalbeamten blieb ausdruckslos. »Kommens mit«, sagte er.

Kajetan schnappte entrüstet nach Luft. »Lassen Sie sich doch erst einmal erklären …«

Der Kommissar packte seinen Oberarm.

»Red ich böhmisch?« Der Griff war hart.

»Wohin überhaupt?«

»Gleich nach ganz oben«, krähte der Meldebeamte. »Und wies ausschaut, danach gleich nach ganz unten.«

3.

Dr. Leopold Herzberg hatte Mühe, seine Erschütterung zu verbergen. Obwohl erst einige Wochen vergangen waren, seit er seinen Mandanten zum letzten Mal besucht hatte, schien ihm Ignaz Rotter während dieser Zeit um Jahre gealtert. Das Gesicht des einst stämmigen Mittdreißigers war grau, seine Schultern hingen schlaff herunter, seine dunkel umrandeten Augen waren tief in die Höhlen gesunken. Der Anwalt stellte seine Aktenmappe ab und streckte ihm die Hand entgegen.

»Wie geht es Ihnen, Herr Rotter?« Herzberg hörte, wie seine Stimme im kahlen Besprechungsraum des Straubinger Zuchthauses nachhallte. Was für eine jämmerliche Frage, dachte er. Ein Blinder würde erkennen, dass der Mann nicht mehr lange durchhält.

Der Zellenwärter wandte sich teilnahmslos ab und ließ sich auf einem Schemel neben der Tür nieder.

Ignaz Rotter ergriff die Hand des Anwalts, drückte sie kraftlos und murmelte eine Begrüßung. Herzberg erwiderte sie beklommen.

»Und …?«, flüsterte der Gefangene.

Der Anwalt wies auf Tisch und Stühle in der Mitte des Raums. Er hüstelte sich die belegte Stimme frei. »Nehmen wir doch erst einmal Platz, Herr Rotter«, sagte er. Er wiederholte seine Geste.

Der Gefangene, den Blick an die Brust seines Gegenübers geheftet, bewegte sich nicht. Der Anwalt ließ seine Schultern fallen und gab ein beredtes Seufzen von sich.

Rotters Kinn sank auf seine Brust.

Der Anwalt bestätigte mit einem bekümmerten Nicken. »Die Strafkammer des Landgerichts hat den Antrag auf Wiederaufnahme verworfen«, sagte er und fügte hinzu: »Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich anderes erwartet habe.«

»Und … warum diesmal, Herr Doktor?«

»Die übliche Floskel. Der Antrag sei unbegründet. Man habe unsere Einwände schon einmal überprüft, überzeugende neue Fakten seien nicht hinzugekommen, weshalb bei einer erneuten Verhandlung nichts anderes als die Bestätigung der lebenslangen Zuchthausstrafe zu erwarten sei.«

Der klobige Schädel des Gefangenen sank zwischen seine Schultern. »Aber … das ist doch keine Gerechtigkeit nicht«, flüsterte er, »ich hab meine Frau nicht erschossen … Ich bin doch gar nicht an dem Platz gewesen, wo es passiert ist …«

»Aber das wissen wir doch!«, rief der Anwalt mit demonstrativer Überzeugtheit. »Und deshalb, Herr Rotter, geben wir nicht auf, hören Sie?«

Der Gefangene stierte auf die Brust des Anwalts.

Herzberg griff nach einer Stuhllehne. »Setzen wir uns doch erst einmal.« Er legte seinen Homburg auf die abgeschabte Tischplatte und setzte sich. Mit einer unwillkürlich ungeduldigen Handbewegung, die er sofort wieder bereute, bedeutete er seinem Mandanten, es ihm gleichzutun.

Der Sträfling löste sich aus seiner Starre und ließ sich auf der anderen Seite des Tisches nieder, während Herzberg eine Schriftmappe aus seiner Tasche zog und mit geschäftiger Geste aufschlug. »Ich habe natürlich sofort Beschwerde beim Obersten Landesgericht eingereicht. Ich rechne damit, dass wir in spätestens zwei Monaten eine Antwort haben. Ich weiß, dass das für Sie erneutes Warten bedeutet und es für Sie wie Hohn klingen muss, wenn ich sage: Sie sitzen nun schon seit fast zehn Jahren hier ein, da kommt es auf ein paar weitere Monate nicht mehr …« Er beendete den Satz nicht. Es klingt nicht nur wie Hohn, dachte er. Es ist Hohn.

Rotters Stimme war kaum zu hören: »Und wenn … wenn das auch wieder abgelehnt wird?«

»Dann gibts die nächste Beschwerde«, tönte der Anwalt mit gezwungener Zuversicht. »Das ist doch wohl selbstverständlich, Herr Rotter! Wir sind im Recht und werden Recht bekommen!« Er setzte ein überlegenes Lächeln auf. »Alles, was ich in den vergangenen Jahren an entscheidenden neuen Erkenntnissen beigebracht habe, als unmaßgeblich zu bezeichnen, wäre ja nun wahrlich ein starkes Stück.«

Er wich zurück. Der Gefangene hatte den Stuhl mit lautem Scharren zurückgestoßen und war aufgesprungen. Seine Augen brannten. »Es hat doch keinen Zweck mehr!«, brüllte er.

»Hock dich hin, Naz«, ließ sich der Wärter vernehmen.

»Bitte«, sagte Herzberg beschwörend. »Behalten Sie Ruhe, Herr Rotter. Wir wollen doch jetzt nichts riskieren.«

»Hinhocken«, wiederholte der Beamte ruhig. »Schreierei vertrag ich nicht. Da kann ich ganz ekelhaft werden. Das weißt ja, Naz. Oder nicht?«

»Bitte, Herr Rotter«, sagte der Anwalt.

Der Gefangene blickte wild um sich. Dann nickte er, tastete nach dem Stuhl und setzte sich wieder. Sein Kinn bebte. Er verbarg sein Gesicht in seinen Händen.

»Ich bins doch nicht gewesen …«, flüsterte er.

»Und genau deshalb geben wir nicht auf! Menschenskind! Rotter!«

Der Sträfling wischte sich mit dem Handrücken über die Wange.

»Aber … das … das geht doch ewig so weiter, und … und mir geht doch auch langsam das Geld aus …«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Das wird sich regeln, wenn die Sache ausgestanden ist. Bestätigen Sie mir lediglich, dass Sie sich mit meinem weiteren Vorgehen einverstanden erklären.«

Der Gefangene brütete eine Weile vor sich hin. Schließlich nickte er.

»Was anderes … was anderes bleibt mir eh nimmer.«

»Es ist in der Tat das einzig Richtige, Herr Rotter«, munterte ihn Herzberg auf. »Noch einmal: Wir dürfen nicht aufgeben, hören Sie? Fassen Sie Mut. Achten Sie auf Ihre Gesundheit. Versprechen Sie es mir?«

Der Sträfling schien die Frage überhört zu haben. Er schüttelte kraftlos den Kopf und murmelte: »Wieso … wieso hätt ich meine Frau denn umbringen sollen?«

Herzberg beugte sich fragend vor. Wieder stieg Widerwillen in ihm auf. Wann würden die Landschulmeister den Landbewohnern endlich beibringen, sich verständlich auszudrücken. »Bitte was?«, fragte er beherrscht.

Rotter sah auf, als würde ihm erst jetzt wieder die Anwesenheit seines Anwalts bewusst. »Wieso ichs getan haben soll«, sagte er. »Dafür hätts doch gar keinen Grund nicht gegeben.«

»Das wissen wir doch, Herr Rotter.«

Nicht schon wieder, dachte Herzberg. Tausendmal haben wir das jetzt schon durchgekaut. Aber du musst ihn jetzt reden lassen. Er hat keinen anderen mehr. Es hilft ihm.

Er fuhr fort: »Leider wissen wir aber auch, dass das Gericht glaubt, darauf eine Antwort gefunden zu haben. Man sieht das Tatmotiv eben darin, dass es um Ihre Ehe nicht zum Besten gestanden hat. Es sei erwiesen, dass Sie und Ihre Frau häufig lautstark gestritten haben.«

Der Gefangene blickte zur Seite. »So schlimm wars doch gar nicht«, sagte er leise. »Was meinen die denn, wies anderswo zugeht? Die Fanny ist halt eine arg ungeschickte Person gewesen. Eine große Hilfe ist sie mir nicht gewesen, und mit dem Geld hats erst recht nicht umgehen können. Aber was willst machen? Ich hab sie nun einmal geheiratet.«

Herzberg musterte ihn nachdenklich. Was Rotter über seine Frau äußerte, war für diese nicht weniger als vernichtend. Zumindest in einer ländlichen Gegend.

»Haben Sie eigentlich nie in Erwägung gezogen, sich scheiden zu lassen?«

Rotter schüttelte entgeistert den Kopf. »Wo denkens hin. Auf dem Land geht das nicht.«

»Verstehe«, sagte der Anwalt. Ich bemühe mich jedenfalls, dachte er. Auch wenn mir die Vorstellung widerstrebt, dass es ein Mann im besten Alter hinnimmt, sein Leben mit einer Frau zu verbringen, die er nicht mehr achten kann. War dieser Mann ein seelenloser Klotz? Oder hatte er trotzdem noch etwas für sie empfunden? Zumindest Dankbarkeit, dass sie ihm, dem zuvor mittellosen Fuhrknecht, den Traum vom eigenen Hof ermöglicht hatte? Die kraftlose Stimme seines Mandanten holte Herzberg aus seinen Gedanken: »Und überhaupt … was mir allweil noch nicht in den Kopf gehen möcht … die Ludmilla hats dem Kommissär doch bezeugt, dass ichs nicht getan haben kann. Weil ich im Stall gewesen bin.«

Der Anwalt seufzte tief. Genau das ist unser Problem, dachte er. Wann geht das endlich in seinen Schädel?

»Wieso glaubt ihr denn keiner?«, hörte er Rotter.

Herzberg hob die Hände. »Das alles haben wir doch nun schon oft genug erörtert, Herr Rotter. Man stufte Ihre ehemalige Magd als unglaubwürdig ein, weil man den Verdacht hatte, sie könnte Ihnen« – er hielt inne, suchte nach dem geeigneten Wort – »zugetan gewesen sein.«

»Freilich … die Ludmilla und ich … Wir haben uns gut vertragen. Sie ist gut zum Haben gewesen bei der Arbeit. Ich hab nichts an ihr auszusetzen gehabt.«

»Ich weiß es«, sagte der Anwalt ungeduldig. Sag es nur immer wieder, dachte er. Der Staatsanwalt reibt sich die Hände.

»Wir sollten diesen Fakt aber nicht allzusehr betonen, Herr Rotter.«

»Warum sollt ich lügen? Ist das eine Sünd? Muss doch nicht allweil Krieg sein zwischen dem Bauern und seinen Dienstboten.«

Herzberg betrachtete ihn nachdenklich. Wieder flackerte ein unbestimmtes Misstrauen in ihm auf. Er räusperte sich. »Herr Rotter, ich wiederhole mich jetzt vielleicht, wenn ich Ihnen sage, dass wir ganz offen zueinander sein müssen. Wie ich Ihnen auch noch einmal versichere, dass mir nichts Menschliches fremd ist.«

Rotter sah ihn verständnislos an.

Den Anwalt überkam eine plötzliche Gereiztheit. Er fixierte seinen Mandanten scharf. »Und deshalb zum letzten Mal, Herr Rotter. Ich lege mein Mandat augenblicklich nieder, wenn ich auch nur den leisesten Hinweis darauf erhalte, dass Sie mir keinen reinen Wein eingeschenkt haben, als sie mir beteuerten, mit Ihrer Magd kein geschlechtliches Verhältnis gehabt zu haben.«

Rotters Blick wanderte ungläubig über Herzbergs Gesicht. Dann verstand er. Er stöhnte auf. »Ich schwörs Ihnen zum hundertsten Mal, Herr Doktor. Ich hab seit meiner Hochzeit mit keiner mehr was gehabt!« Er sah mit einem Ruck auf. In seinen Augen war jetzt Leben. »Aber wie oft soll ichs eigentlich noch sagen?!«

Herzberg machte eine beschwichtigende Geste, doch der Häftling ließ sich nicht mehr besänftigen. »Allweil wieder kommts ihr mit dem Schmarren daher! Ihr Doktoren, ihr Richter, ihr … und streichts mein Geld ein … und …« Der Stuhl polterte hinter ihm auf den Betonboden, als er aufsprang und brüllte: »… und allweil wieder geht das saudumme Gered von vorn los!«

»Hinhocken«, sagte der Wärter. »Ich sags zum letzten …«

Rotter wirbelte herum. »Halt dein Maul, du blöder Hund!«

Der Wärter runzelte die Stirn. Er stand auf und zog seine Uniformjacke straff.

»Dann tät ich sagen, Naz, ist jetzt Feierabend, gell?«

»Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften!«, versuchte Herzberg auszugleichen. Er fühlte, wie Schweiß auf seine Stirn trat.

Der Wärter ging auf den Sträfling zu und packte ihn am Arm. Rotter machte sich mit einer heftigen Bewegung frei und versetzte dem Wärter einen Faustschlag auf die Brust. Der Angegriffene duckte sich und stürzte sich auf Rotter.

Herzberg schoss aus dem Sitz. »Aufhören!«, brüllte er.

Mit geübtem Griff hatte der Wärter seinem Gefangenen die Arme auf den Rücken gedreht. Rotter stöhnte gepeinigt auf. Der Wärter schob ihn zur Tür. Er warf dem Anwalt einen ausdruckslosen Blick zu.

»Werden einsehen, dass ich das melden muss, Herr Doktor.«

Er stieß den Gefangenen zur Tür hinaus. Herzberg starrte ihnen nach.

Das bedeutet wieder Einzelhaft, dachte er, zwei, drei oder mehr Wochen. Lange hält Rotter das nicht mehr durch.

Mechanisch zog er ein Tuch aus seiner Tasche und wischte sich über die Stirn. Dann griff er nach Mappe und Hut.

Ich muss mir etwas einfallen lassen, dachte er.

4.

Der dumpfe Mief von Leinöl, durchzogen vom Duft süßlichen Virginiatabaks, empfing Kajetan, als er in das Büro des neuen Leiters der Kriminalabteilung der Polizeidirektion München geführt wurde.

Regierungsrat Dr. Rosenauer war eine stattliche Erscheinung mit soldatisch ausrasiertem Bürstenschnitt und gepflegtem Knebelbart. Nachdem er den Kommissar mit einer Kopfbewegung aus dem Raum gewiesen hatte, winkte er Kajetan heran.

»Also Sie sind derjenige, der sich nicht davon abbringen lassen mag, dass er am Leben ist.« Er lehnte sich zurück und legte seine Hände auf die Schreibtischkante. »Der von den Toten Auferstandene, sozusagen.«

»Sozusagen«, echote Kajetan. Er nahm den Hut ab und versuchte ein Lächeln.

Sein Gegenüber erwiderte es nicht. Seine Lippen kräuselten sich abschätzig. »Wenn ich Sie mir so anschau, kann ich dem tatsächlich erst einmal nicht widersprechen. Jedenfalls schauns tatsächlich nicht aus wie einer, der ein paar Monat auf dem Ostfriedhof vor sich hingemodert hat.«

Er wies gebieterisch auf einen Stuhl. Kajetan gehorchte.

Es klopfte. Eine Sekretärin trippelte herein, legte ein Aktenbündel auf den Tisch des Kripoleiters und zog sich wieder zurück.

Rosenauer schickte ihr ein knappes Nicken hinterher, verschränkte seine Arme vor der Brust und betrachtete Kajetan mit ausdrucksloser Miene. »Ihr Erscheinen in der Einwohnermeldestelle scheint da aber irgendwo doch den Verdacht genährt zu haben, Sie könnten ein Schwindler sein.«

»Bin ich aber nicht. Ich …«

»Sie reden, wenn ich Sie etwas gefragt habe, verstanden?«, sagte der Kripochef schneidend.

Kajetan atmete flach. Er nickte.

»Also!« Rosenauer fixierte ihn streng. »Ich erwarte eine Erklärung für diese, wie Sie zugeben müssen, reichlich konfuse, zudem makabre Angelegenheit, Herr Kajetan. Und damit Sies gleich wissen: Das Märchen, Sie hätten Ihren Ausweis verloren oder er sei Ihnen gestohlen worden, können Sie Ihrer Großmutter auftischen.«

»Wieso? So was kommt doch immer wieder mal vor?«

»Da haben Sie Recht«, erwiderte der Kripoleiter eisig. »Von derartigen Fällen unterscheidet sich Ihre Angelegenheit lediglich durch die Tatsache, dass man vor mehreren Wochen eine Leiche geborgen hat. Eine, die nur noch durch einige Fetzen eines Ausweises identifizieren werden konnte.« Er reckte sein Kinn gegen Kajetan. »Ihres Ausweises.«

Kajetan setzte zu einer Entgegnung an. Rosenauer hob abwehrend die Hand.

»Ich weiß, mit was Sie mir kommen möchten. Es könnte sich bei dieser Leiche schließlich um die Person gehandelt haben, die Ihnen Ihren Ausweis gestohlen hat, nicht wahr?«

Kajetans Unruhe wuchs. Diese Erklärung war es, die er sich zurecht gelegt hatte. Er versuchte, sich harmlos zu geben. »Liegt doch nah, oder?«

»Auf den ersten Blick, sicher«, räumte der Kripoleiter herablassend ein. »Was einen aber dennoch einigermaßen stutzig machen könnt, ist Ihr rätselhaftes Verschwinden unmittelbar nach dem Tod dieses angeblichen Diebes. Woraus sich die Frage ergibt, weshalb Sie untergetaucht sind. Dem Beamten in der Meldestelle habens was von einem längeren Erholungsaufenthalt im Gebirge weismachen wollen.«

»Aber es stimmt. Ich …«

»Schluss jetzt!« Rosenauer beugte sich mit einem Ruck vor. »Für wie dumm halten Sie uns?« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er das Aktenbündel heran. »Das ist Ihr Akt!« Er setzte seine Brille auf, schlug den Deckel zurück, beugte sich über die Papiere und las laut: »Paul Kajetan, geboren 21. Oktober 1888 in Unterföhring bei München. Einziges Kind der Eheleute Kajetan Jakob, zuletzt Ziegelei-Akkordant, und seiner Gattin Maria, geborene Schilleder. Während die Mutter eine gebürtige Münchnerin ist, handelt es sich beim jung verstorbenen Vater um einen naturalisierten Fremdarbeiter aus dem Friaul, dessen Geburtsname Giacomo Gaetano lautet. Übliche Schullaufbahn, Zensuren für ein Arbeiterkind über dem Durchschnitt, aber durchwachsenes Betragen. Danach Lehrzeit als Ziegelbrenner. Im Sechser Jahr nach Ableistung des Militärdienstes in die königliche Schutzmannschaft eingetreten, anschließend Übernahme in die Kriminalabteilung der Münchner Polizeidirektion. In den Jahren bis Kriegsbeginn in ungewöhnlich rascher Folge Beförderungen, zuletzt zum Kriminalinspektor. Danach mehrere Aufsehen erregende Ermittlungserfolge, unter vielen nur zu nennen der Tschurtschow-Fall, der Bohlen-Lewinski-Mord und der Einbruch in die Königliche Münze.« Rosenauer nahm die Brille ab und hob das Gesicht. »Sie galten als einer der besten Ermittler, Herr Kajetan. Wenn nicht sogar als der Beste.« Ein karges Schmunzeln umspielte seinen Mund. »Womit Sie sich nicht nur Freunde gemacht haben. Der alte Reingruber jedenfalls soll regelmäßig Gift und Galle gespuckt haben, wenn er bloß Ihren Namen gehört hat.« Er setzte die Brille wieder auf und fuhr fort: »Anschließend August 14 freiwillige Meldung zum Fronteinsatz, Frühjahr 15 Verdienstkreuz III, anschließend jedoch …«

»Schon gut«, sagte Kajetan. »Hab verstanden.«

»So?« Rosenauer sah ihn über den Rand seiner Brille an. »Und das wäre was?«

»Dass Sie alles über mich wissen.«

»Weshalb ich mir sparen könnte, Ihnen das vorzulesen? Das seh ich, mit Verlaub, anders. Für mich, der ich erst vor einigen Wochen die Leitung der Kriminalabteilung übernommen habe, ist das sogar äußerst interessant.« Rosenauer schickte ein bekräftigendes Nicken hinterher. »Im Übrigen würde ich Ihnen empfehlen, mich nicht zu unterbrechen, ja? Es sollte Ihnen klar sein, dass Ihre Angelegenheit mit der Bezeichnung ›heikel‹ nicht einmal annähernd treffend beschrieben ist.« Rosenauer schob seine Brille wieder gegen die Nasenwurzel und las weiter: »Es folgen eine Verwundung bei einem Artilleriegefecht bei Fort Doaumont. Diese ist zwar eher unerheblich und hinterlässt keine bleibende Beeinträchtigung …«, er schlug das Blatt um, »… zieht jedoch einen mehrmonatigen Aufenthalt in einem Sanatorium für Nervenleiden und anschließende Entlassung nach sich.« Er warf ihm einen scharfen Blick zu. »Eine Simulation?«

Kajetan starrte ihn an. Rosenauer zuckte die Schultern. »Ist gar nicht so selten vorgekommen. Also?«

»Muss ich drauf antworten?«

»Ich empfehle grundsätzlich, auf jede meiner Fragen zu antworten.«

»Auch wenn sie eine Beleidigung sind?«

»In Ihrer Lage würde ich nicht die empfindliche Seele spielen«, sagte Rosenauer. »Ich habe das Recht zu erfahren, mit wem ich es zu tun habe, ja?«

Kajetan schwieg.

»Na gut.« Der Kripoleiter nickte bräsig. »Ich will das ausnahmsweise einmal als Antwort gelten lassen.« Er neigte sich wieder über den Personalakt und las murmelnd: »Eine mehrere Wochen andauernde vollständige Lähmung. Die Ärzte vermuteten einen Nervenschock als Auslöser …«

»Ist lang her«, unterbrach Kajetan gereizt.

Rosenauer ignorierte seinen Einwurf und las weiter. »… aber wie es scheint, sind Sie wieder vollständig gesund geworden, denn anschließend können Sie wieder den Dienst in der Kriminalabteilung aufnehmen … hm … sogar mit frischer Energie und wiederum guten Erfolgen … hm …« Er sah auf. »Dann aber scheint Sie irgendwann der Hafer gestochen zu haben, was? Die Beurteilungen durch Ihre Vorgesetzten werden jedenfalls reservierter. Wies scheint, haben Sies gegenüber einigen Vorgesetzten und Kollegen öfters an Respekt fehlen lassen.«

Kajetan zuckte die Achseln.

Der Finger des Kripoleiters glitt wieder über die Zeilen. »Hm … von den Ermittlungen im Mordfall Ministerpräsident Eisner werden Sie – offensichtlich auch auf staatsanwaltschaftliches Betreiben hin – ferngehalten, obwohl diese eigentlich in Ihr Ressort gefallen wären. Bald darauf geraten Sie mit einem meiner Vorgänger aneinander, dem sie mit Ihren Hypothesen über eine Offiziersverschwörung gegen den Präsidenten gehörig auf die Nerven gegangen sein müssen. Nach dem Einmarsch der Weißen beginnen Sie noch mit Ermittlungen zur Ermordung eines Redakteurs der ›Süddeutschen Freiheit‹. Wobei Sie einen hochrangigen Offizier der Weißen Garden ins Visier nehmen, was das Fass offensichtlich zum Überlaufen bringt. Ihre Karriere endete jedenfalls abrupt, und Sie werden in eine kleine Bezirksinspektion im Chiemgau strafversetzt. Als Begründung wird angeführt, Sie hätten im Mai 19 einem politischen Verbrecher zur Flucht verholfen.« Er nahm die Brille ab. »Nun, eine gerechtfertigte, wenn nicht gar eher milde Entscheidung, würde ich sagen.«

»Ich nicht«, sagte Kajetan.

Der Kripoleiter hob die Brauen. »Einsicht zu zeigen, war offensichtlich noch nie eine Ihrer Stärken, wie?«

»Es ist ein Lehrbub aus meiner Nachbarschaft gewesen, noch keine siebzehn. Ich hab gewusst, dass er nichts getan hat. Und auch, wer seiner Mutter mit der Denunziation eins hat auswischen wollen.«

»Sie hätten sich im Prozess für ihn einsetzen können.« Rosenauer griff nach einem Etui und entnahm ihm eine Brissago, ohne sein Gegenüber aus den Augen zu lassen. »Ihre Stimme als Polizeibeamter hätte Gewicht gehabt.«

»Es war noch Standrecht. Der Bub wär auf der Stell erschossen worden.«

»Es ist trotzdem nicht zu billigen. Wo kämen wir hin, wenn jeder Beamter nach privatem Ermessen handeln würde?«

Kajetan sah zur Seite. »Vielleicht wars … nicht besonders geschickt von mir, ja.«

Rosenauer entfernte den Halm aus seiner Zigarre und zündete sie damit an. »Na, immerhin scheinens auch einmal was einzusehen. Übrigens – da Sie mit dieser Tat nicht hausieren gegangen sein werden, liegt doch nahe, dass Sie jemand verpfiffen hat. Oder was meinen Sie?«

»Habs nie rausgekriegt.«

Rosenauer paffte. »Es war die Mutter des Buben. Natürlich unabsichtlich. Aber in ihrer Erleichterung hat sie sich im Milchladen verplappert. Einen Tag später wusste ganz Giesing davon.« Er schmunzelte überheblich. »Sehens, so ein Blick in die Akten kann gelegentlich doch ganz aufschlussreich sein, findens nicht?« Wieder wartete er Kajetans Erwiderung nicht ab. Er sah auf den Akt und überlas murmelnd einige Zeilen. »Jedenfalls scheint es ab da mit Ihnen steil bergab zu gehen. In Dornstein im Chiemgau ermitteln Sie noch in einem Mordfall in einem Dorf namens …«

»Walching.«

»Richtig. Dabei versteigen Sie sich zu guter Letzt dazu, Ihrem dortigen Vorgesetzten eine Mittäterschaft anhängen zu wollen. Wofür Sie aber leider nicht ausreichend Beweise vorlegen können und deshalb endgültig entlassen werden. Danach – hier werden unsere Einträge naturgemäß ein wenig dürftiger – wursteln Sie sich eine Zeit lang mit einem eigenen Detektivbüro durch. Dabei sind Sie meist mit läppischen Betrugsfällen, dem Observieren unsolider Brautleute und ähnlichen Banalitäten befasst. Ihr wirtschaftlicher Erfolg hält sich jedenfalls deutlich in Grenzen.« Er registrierte Kajetans verblüfften Gesichtsausdruck. »Was schauens mich so an? Bilden Sie sich bloß nicht ein, Sie wären der einzige Münchner Bürger, über den ein Dossier vorliegt. Aber wenn Sies schmeichelt – der Umfang Ihres Akts zeigt, dass man Sie auch nach Ihrer Entlassung noch einer Beobachtung für würdig befand. Was besonders für die politische Abteilung gegolten zu haben scheint.« Der Anflug eines spöttischen Lächelns umspielte Rosenauers Lippen, um sogleich wieder zu ersterben. »Und jetzt erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie sich dessen nicht bewusst waren. So naiv können Sie nicht sein.«

Kajetan senkte den Kopf. Doch, dachte er, das war ich.

Rosenauer kam zum Ende: »Tja, und dann findet man Ende Sommer diesen Jahres in einer Laimer Kiesgrube einen Kadaver, den man als den Ihren zu erkennen glaubt. Damit hätte der Deckel zugemacht werden können, was manchem vermutlich nicht unlieb gewesen wäre. Einige Wochen später geht aber eine Meldung ein, dass sich ein verdächtiges Subjekt, dessen Beschreibung ziemlich genau auf Sie zutrifft, in einem Dorf an der Grenze herumtreiben soll. Es ist ein Dorf, das unter anderem dafür bekannt ist, dass dort Schmuggler ihr Unwesen treiben. Wie auch dafür, dass über die dortige Grüne Grenze hin und wieder politische Flüchtlinge außer Landes gebracht werden. Es ist zwecklos abzustreiten, dass Sie dort waren.«

»Tu ich auch nicht, aber …«

Der Kripoleiter fiel ihm ins Wort: »Sie wollten sich von Ihren extraordinär hohen Honoraren den Luxus eines mehrmonatigen Erholungsurlaubs gönnen, möchtens sagen? Ich hab da eher den Verdacht, dass Sie sich ebenfalls außer Landes stehlen wollten. Was die Frage nach sich zieht, weshalb. Wie wärs, wenns mir das erklären würden?« Drohend fuhr er fort: »Und ich rat Ihnen zum letzten Mal: Verärgern Sie mich nicht!«

»Ich hab keine andere Erklärung als die, die ich …«

Rosenauers Faust knallte auf den Tisch. »Ich stell fest, dass Sie den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben! Deshalb sperrens jetzt einmal die Ohren auf: Auch noch der begriffsstutzigste Ermittler könnt einen Zusammenhang zwischen dem Leichenfund in Laim, ihrem unmittelbar danach erfolgten Abtauchen und Ihrem Aufenthalt in einem Dorf an der Grünen Grenze herstellen. Was soll mich also davon abhalten, Sie auf der Stelle verhaften zu lassen?«

Kajetan glaubte zu spüren, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. »Ich hab keinen umgebracht«, sagte er heiser.

»Ach ja«, sagte Rosenauer gedehnt. »Wissens, mit einer Aussage wie dieser bin ich noch nie konfrontiert worden.« Bedächtig stippte er die Zigarre in der Aschenschale ab. »Ihnen ist klar, dass auf Mord in der Regel die Todesstrafe steht?« Ohne sein Gegenüber aus dem Auge zu lassen, fügte er mit betonter Beiläufigkeit hinzu: »Und dass sie sogar ziemlich sicher verhängt wird, sollt es sich – nur ein Beispiel, ja? – beim Opfer um einen Staatsbeamten gehandelt haben?«

Kajetans Herz machte einen Ruck. Seine Knie hatten unwillkürlich zu zucken begonnen. Durch das Rauschen in seinen Ohren hörte er: »Sagen Sie, Kajetan – kommen Sie sich nicht selbst allmählich ein bisserl kindisch vor?«

Kindisch?, dachte Kajetan. Ich komm mir eher vor wie die Maus in der Falle.

Rosenauer legte die Zigarre ab. »Gut. Sie wollen es nicht anders.«

Kajetan verlor die Beherrschung: »Herrgott! Was soll ich denn noch sagen!?«

»Die Wahrheit, Kajetan«, sagte Rosenauer ungerührt. »Schlicht und einfach die Wahrheit.«

»Aber …!«

»Bleiben Sie hocken!«, warnte der Kripoleiter. »Sonst lass ich Sie augenblicklich abführen.«

Kajetan sank auf den Stuhl zurück. Er schüttelte den Kopf.

»Aber … das ist die Wahrheit«, sagte er.

»Was ich Ihnen nicht abnehme, wie Sie bemerkt haben dürften.« Rosenauer seufzte. »Ehrlich gestanden, Sie fangen an, mich zu ermüden, Herr Kajetan.« Er stemmte sich aus dem Sessel und ging zum Fenster seines Amtszimmers. Eine Weile sah er wie abwesend auf die verregnete Straße unter ihm.

Was ist hier eigentlich los?, dachte Kajetan. Er ist auf der richtigen Spur. Worauf wartet er noch?

»Na gut«, begann Rosenauer. »Dann werd ich Ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen, Kajetan. Seit Ihrem Verschwinden aus München wird auch einer unserer Kriminalinspektoren vermisst. Einer, um den es nicht sonderlich schade ist, wenn ich aufrichtig sein soll. Er hat gehörig Dreck am Stecken gehabt. Solche Leute widern mich an. Konspirieren gegen die Republik, kennen aber kein Genieren, von ihr monatlich das Gehalt zu kassieren.« Er sah über die Schulter. »Sie wissen, wen ich mein, richtig?«

Kajetan starrte ihn an. Kein Zweifel, Rosenauer wusste Bescheid. Aber warum quälte er ihn noch?

Als rechne er gar nicht mit Antwort, stieß sich der Kripoleiter von der Fensterbank ab. Mit gemessenen Schritten, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ging er in der Amtsstube auf und ab. »Der Name des Schufts war Scharmann. Nach allem, was ich mir zusammengereimt hab, ist er es, der unter Ihrem Namen begraben worden ist. Wir wissen mittlerweile, dass er seit längerem bei den Hitlerischen aktiv gewesen ist. Von diesen ist er beauftragt worden, all jene unserer Ermittlungen zu torpedieren, die ihre Partei gefährden könnten. Mein Amtsvorgänger hat nicht die Schneid gehabt, dazwischenzufahren, und der damalige Leiter der Politischen Abteilung – der Herrgott hab diesen parfümierten Gecken ebenfalls selig – hat ihn gedeckt. Ich vermute, dass Sie dieser Bagage irgendwie in die Quer gekommen sind und der Scharmann deswegen auf Sie losgegangen ist. Wobei er dann aber den Kürzeren gezogen hat.« Er blieb stehen und sah Kajetan herausfordernd an. »Richtig?«

»Er … er hat mich in eine Falle gelockt.«

»Aber Sie waren schneller«, stellte Rosenauer fest.

»Nein. Hab bloß Glück gehabt.«

Rosenauer nickte wissend. »Das nehme ich Ihnen sogar ab. Aus der Leiche hat man nämlich eine Terzerol-Kugel geholt. Es hätt mich schwer gewundert, wenn jemand wie Sie sich einer läppischen Damenwaffe bedient hätte. Aber interessieren würd mich jetzt trotzdem noch, wer Scharmann letztlich erledigt hat. Na?«

Kajetan sah zur Seite. »Hab ich nicht sehen können.« Er fühlte den bohrenden Blick Rosenauers auf sich. Er weiß, dass ich es weiß, dachte er.

»Ich weiß, dass Sie es wissen, Kajetan«, sagte Rosenauer. »Ob Ihnen aber klar ist, dass Sie Ihren Kopf noch lange nicht aus der Schlinge gezogen haben, weiß ich wiederum nicht.«

»Da war eine Schießerei.« Kajetan hob hilflos die Hände. »Aber ich hab keine Ahnung, wer geschossen hat. Es ist finster gewesen.«

Der Regierungsrat sah auf Kajetan herab.

»Sie haben sehr wohl eine Ahnung, decken aber den Täter, weil er Ihnen das Leben gerettet hat.«

»Es ist finster gewesen«, wiederholte Kajetan. »Stockfinster!«

»Hören Sie doch endlich auf!«, polterte Rosenauer. »Es reicht.« Er straffte sich und kehrte wieder auf seinen Sessel zurück.

Idiot! Kajetans Magen krampfte sich. Er hatte sich hereinlegen lassen. Der Kripoleiter hatte das alte Spiel gespielt, das er früher selbst oft bei Vernehmungen gespielt hatte: Wir verstehen dich ja … wir sind völlig einer Meinung mit dir … wir kennen das doch … wir sind doch alle bloß Menschen … Warum war er nicht bei seiner Ausrede geblieben, er wäre bestohlen worden? Niemand hätte ihm das Gegenteil beweisen können!

Der Regierungsrat griff nach seiner Brissago und schien unschlüssig zu sein, ob er sie wieder anzünden sollte. »Jetzt passens einmal auf, Herr Kajetan«, begann er, »Sie können mir glauben, dass ich nicht die Absicht hab, diesen ganzen Dreck wieder aufzurühren. Diese Affäre gereicht der Polizeidirektion München wahrlich nicht zur Ehre.« Er legte die Zigarre auf die Schale und rieb sich die Nasenwurzel. »Erst recht werd ich mich nicht aufhängen, wenn ich mich mit solchem Gesindel nicht mehr herumärgern muss. Wir haben leider noch immer zu viel davon.« Er stutzte, als er die verdutzte Miene seines Gegenübers bemerkte. »Was ist?«

»Nichts«, sagte Kajetan. »Ich … ich hör Ihnen zu.«

Hatte die Stimme des Kripo-Leiters zuvor noch resigniert geklungen, so tönte sie jetzt entschlossen: »Aber zum Glück sehen das immer mehr meiner Kollegen auch so. Darunter dürften zwar etliche Helden sein, die ihre Tapferkeit erst wieder entdeckt haben, seit die Hitlerischen in letzter Zeit immer miserablere Wahlergebnisse einfahren. Nicht mal drei Prozent im Reichstag und lausige sechs Prozent bei der Landtagswahl haben sie geholt. Unser bayerischer Mussolini kutschiert zwar noch immer stolz mit seinem Mercedes-Kompressor durch die Gegend, aber den wird er auch bald mit einem Drahtesel austauschen müssen, weil seine Partei finanziell fast ruiniert ist.« Rosenauer brach kurz ab, die Vorstellung schien ihn zu erheitern. Er wurde wieder ernst. »Aber genau so viele waren mit mir schon immer der Überzeugung, dass mit der Unterwanderung der Münchner Polizei schon längst hätt Schluss gemacht werden müssen.« Er nahm seine Brille ab und sah Kajetan ins Gesicht. »Damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Ich habs absolut nicht mit denen, die am liebsten die ganze Welt umbauen möchten, mit den Sozen, Kommunisten und wie diese unkommoden Gschaftlhuber alle heißen. Ich bin da bescheiden geworden. Ich wär schon damit zufrieden, wenn sich einfach nach dem gerichtet wird, was im Gesetz drin steht. Ich bin, wenn Sie so wollen, noch einer von der altmodischen Sorte. Verstehen Sie das?«

Kajetan nickte.

»Und täusch ich mich sehr, wenn ich vermute, dass wir zwei da gar nicht so weit auseinander sind?«

Kajetan räusperte sich. »Eher nicht.«