Inspektor Kajetan kehrt zurück - Robert Hültner - E-Book
SONDERANGEBOT

Inspektor Kajetan kehrt zurück E-Book

Robert Hültner

4,7
6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 6,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

München am Ende der turbulenten 1920er Jahre: Kajetan ist auf der Flucht, weil er den korrupten Machenschaften der Münchener Polizei auf die Spur gekommen war. Vom Grenzort Zellach aus versucht er über die Berge nach Österreich zu fliehen. Doch dann verirrt er sich in einem Schneesturm, den er überlebt, nur um sofort in die nächste Bredouille zu geraten: Man nimmt ihn als vermeintlichen Mörder des Zellacher Wirts Thannheiser fest. Als der örtliche Kommissar Kajetans wahre Identität entdeckt, verspricht er ihm, ihn nicht nach München auszuliefern – wenn Kajetan ihn im Gegenzug bei den festgefahrenen Ermittlungen im Thannheiser-Mord hilft …

Zwischen den politischen Machenschaften des beginnenden Hitlerismus und einer kargen, archaisch dörflichen Welt erzählt Robert Hültner eine ebenso rasante wie tiefgründige Geschichte von politischer Verfolgung, perfider Verschwörung und menschlicher Verwerfung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 353

Bewertungen
4,7 (18 Bewertungen)
13
5
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis
 
Lob
 
 
Copyright
Er war kein Held.Dazu hatte er zuviel Phantasie.
THEODOR PLIVIER
München, Ende August 1928
 
Während des Tages war der graue Himmel wie ein verwaschenes Leintuch über der Stadt gehangen. Am späten Nachmittag sank die Wolkendecke tiefer, stäubend feiner Niederschlag brachte das Pflaster und das matte Blattwerk der Straßenbäume zum Glänzen. Als die Dämmerung hereinbrach, rissen die Wolken auf, es wurde wieder etwas milder, doch plötzlich färbte schwefelgelber Schein den Abendhimmel. Das Gezwitscher der Vögel verstummte. Jäh prasselte ein Wolkenbruch mit ohrenbetäubendem Getöse herab, scheuchte die Städter in ihre Häuser und brachte das geschäftige Treiben auf den Straßen und Gassen zum Erliegen. Eine endlos wirkende Zeit goss es wie aus Kübeln. Rasch schwollen Isar und die Bäche der südlichen Vorstadt an.
Allmählich klang das Unwetter ab und ging in ein lautloses Nieseln über. Als der mitternächtliche Glockenschlag der Giesinger Kirche wimmernd ausklang, erfüllte das Rauschen von Fluss und Bächen noch immer die Luft. Nebel wälzte sich durch die Gassen, dicht wie der Dampf in einer Waschküche.
Vom Haidhauser Hochufer kommend, hastete Lipp Kerschbaumer durch den Lichthof einer milchig schimmernden Straßenlampe an der Ohlmüller-Straße, um sogleich vom Dunkel der schmalen Gassen wieder verschluckt zu werden.
Kurze Zeit später platschte er durch die Pfützen im lichtlosen Innenhof einer aufgelassenen Sägemühle und verschwand in der Tür eines heruntergekommenen Gebäudes. Er tastete sich das unbeleuchtete Stiegenhaus in den ersten Stock hinauf. Auf dem Absatz hielt er inne und lauschte in die Dunkelheit. Aus einem Schlitz unter einer Türe am Ende des Flurs schimmerte Licht. Leises Gemurmel war zu hören, ein Bodenbrett knarrte unter einem schweren Schritt.
Lipp Kerschbaumer atmete durch, um seinen hämmernden Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er hastete auf die Türe zu und stieß sie auf. Das Licht einer Kerze flackerte. Die beiden Männer in der kleinen Kammer fuhren alarmiert herum und starrten ihn an.
»Da ist er ja«, hörte er eine erleichterte Stimme.
Lipp holte röhrend Luft. »Wer ist es gewesen!?« Mit einem Hackentritt schlug er die Tür hinter sich zu. »Wer hat geschossen?«, rief er. Er presste seinen Rücken an das Türblatt, als könne er damit das Eindringen eines weiteren Unglücksboten verhindern. »Hölzl!?«
Der Angesprochene war ein untersetzter Mann mit fleischigem Gesicht und kleinen, dunklen Augen unter der wulstigen Stirn.
»Endlich bist da, Kerschbaumer«, beschwichtigte er den Ankömmling. »Wo bist denn so lang geblieben?«
»Ich hab euch was gefragt!«
»Plärr noch lauter! Scheinst wohl scharf drauf zu sein, dass uns die Grünen gleich erwischen, oder was?«
»Wers gewesen ist, möcht ich wissen«, keuchte Lipp. Sein Blick flog in die Ecke der Kammer, in der Jakl Dosch auf einer Wandbank gekrümmt kauerte und noch immer stoßend atmete. Wie sie es vereinbart hatten, war jeder von ihnen nach diesem unglückseligen Unternehmen auf unterschiedlichen Wegen zum aufgelassenen Holzlager in Untergiesing gerannt, um das weitere Vorgehen zu beraten.
»Jakl!« Lipp zog den Rotz hoch. »Bist dus gewesen?«
Der Angesprochene hob sein hohlwangiges Gesicht. »Was schaust ausgerechnet mich an?« Matte Empörung klang aus seiner Stimme. »Möchst dus vielleicht mir anhängen?«
»Ich schau euch alle zwei an!«
»Weckts nur das ganze Viertel auf«, sagte Hölzl. Der Parteifunktionär griff sich einen Schemel, ließ sich darauffallen und streckte die Beine von sich. »So ists recht. Genau so gehört sichs für ein geheimes Parteikommando.« Er kramte in seiner Jackentasche und zog ein verbeultes Päckchen Zuban hervor. »Ganz genau so.«
»Wer es war, möcht ich wissen!«, schrie Lipp. Seine alte Narbe an der Stirn pochte.
Hölzl streifte ihn mit einem zornigen Blick, steckte sich eine Zigarette an der Kerze an und nahm einen tiefen Zug. »Hock dich hin, Lipp«, sagte er beherrscht. »Geschehn ist geschehn.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn, drehte sich zum Fenster und sah in die tintige Nacht hinaus. Regen prasselte gegen die Scheiben. »Der Schöttl ist ein Lump gewesen. Er hats nicht anders verdient.« Sein Blick kehrte zu Lipp zurück. »Es ist egal, wers gewesen ist. Jeder von uns hat eine Pistole dabei gehabt, und zum Schluss ist es drunter und drüber gegangen. Aber deswegen brauchst jetzt nicht gleich die Nerven zu verlieren. Kein Mensch hat uns gesehen.«
Lipp Kerschbaumer trat einen Schritt vor. Seine Schuhe schmatzten beim Gehen, von den Säumen seiner durchnässten Kleidung tropfte noch immer Wasser und bildete kleine Pfützen zu seinen Füßen. Sein Gesicht glühte, die nassen Haare klebten ihm in Strähnen über Stirn und Schläfen. Das Licht der Lampe, die von der Decke der niedrigen Kammer baumelte, ließ seine noch jungen Züge ausgemergelt erscheinen.
»Du warst es, Hölzl«, sagte er leise.
»Reiß dich zusammen! Noch bin ich der Kommandant.«
»Drauf scheiß ich ab jetzt! Gibs endlich zu.«
»Auf was ein Genosse wann scheißen darf, ist noch nicht ausgemacht, Kerschbaumer«, sagte Hölzl ungerührt. »Und wie kommst überhaupt drauf, dass ich es gewesen bin? Hast dus vielleicht gesehen?«
Lipp schien die Frage nicht gehört zu haben. »Warum hast du geschossen? Es war anders ausgemacht. Er hätt einen Denkzettel kriegen sollen. Ein paar Watschen, sonst nichts!«
Hölzl paffte und sah an ihm vorbei. »Ob dus gesehen hast, hab ich dich gefragt.«
Lipp spürte, wie sein Herzschlag vor ohnmächtiger Wut zu poltern begann. Eine Übelkeit kroch heran.
»Der Lipp hat recht. Von Schießen ist nie die Red gewesen«, warf Jakl verdrossen ein. Er hielt seine Arme um seinen Oberkörper geschlungen, als friere ihn.
Wieder unterdrückte Hölzl einen zornigen Impuls. »Jetzt hörts einmal zu, Genossen«, begann er. »Wir spielen hier nicht Räuber und Schandi, kapiert? Die Partei ist von oben bis unten von Spitzeln verseucht. Fangen wir einen, schleicht sich von der anderen Seite wieder ein Neuer rein.« Er hob seine Stimme: »Kerschbaumer! Dosch! Muss ich Euch erzählen, wie viele von uns schon eingefahren sind, weil bei der Verhandlung auf einmal einer von diesen Drecksäuen als Zeuge aufgetaucht ist? Die besten Kameraden waren drunter! Ist euch das auf einmal egal?«
»Da drum gehts doch gar nicht«, sagte Jakl. »Aber wenn ich gewusst hätt, dass -«, Hölzl schnitt ihm mit einer gereizten Handbewegung das Wort ab und fuhr beschwörend fort: »Wir haben vom Genossen Grabow persönlich den Auftrag, diese Drecksäu unschädlich zu machen. Wenn ihr gemeint habt, es langt, denen ein bissl mit dem Finger zu drohen, dann habt ihr in einem Geheimen Parteikommando nichts verloren, verstanden?«
»Dieser Grabow... keiner in der Partei kennt ihn, bloß du.«
Hölzl verdrehte die Augen zur Zimmerdecke. »Darf ich nicht drüber reden, Dosch. Wie oft soll ichs dir noch erklären.«
»Was hat uns eigentlich ein Russ zu befehlen? Wir sind die bayerische Partei.«
»Und von der Komintern hast auch noch nie was gehört, stimmts?«
»Doch...«, sagte Jakl müde.
»Na, wenigstens etwas«, seufzte Hölzl.
»Du kapierst nicht!«, setzte Jakl wieder an. »Hätt ich gewusst, dass einer bei der Sach draufgehen kann, hätt sich die Partei einen anderen suchen müssen.« Er hob sein schmales Gesicht zu Hölzl. »Und ich wars nicht, der geschossen hat.« Er drehte sich zu Lipp. »Hab doch nicht einmal entsichert gehabt.« Seine letzten Worte waren in ein Flüstern übergegangen.
Hölzl strich sich in gespielter Verzweiflung mit der Hand über seinen Schädel. »Kapiert ihr denn allweil noch nicht, ihr Anfänger? Es ist komplett egal, wem von uns ein Schuss abgegangen ist. Ist wie bei den Weibern. Ist nicht vorgesehen gewesen, richtig, kann aber vorkommen! Je nervöser einer ist, desto eher!«
Lipp lachte grimmig auf. »Genauso werdens die Richter auch sehn.«
Hölzl ging nicht darauf ein. »Genossen!«, setzte er wieder mit eindringlicher Stimme an. »Ich sags noch mal: Keine Sau hat uns gesehen. Es gibt also bloß eins, das uns gefährlich werden könnt. Nämlich, wenn einer von uns jetzt die Nerven verliert!« Drohend ergänzte er: »Das aber wird die Partei nicht zulassen, da könnts Gift drauf nehmen.« Er fixierte Jakl, dessen Schädel zwischen seine Schultern zu schrumpfen schien. Hölzl registrierte befriedigt sein erschöpftes Nicken, warf seine Zigarette zu Boden und sagte lauernd: »Du auch, Kerschbaumer? Haben wir uns verstanden?«
Lipp war noch immer fassungslos. Er klappte den Mund ein paarmal auf und zu, bevor er hervorstieß: »Habt ihr überhaupt eine Ahnung, was jetzt losgeht? Wenn ers nicht überlebt -«
»Dann hat ers nicht anders verdient!«, fiel ihm Hölzl heftig ins Wort.
»Aber wir... wir werden als Mörder gesucht!« Dass er spürte, wie seine Augenwinkel feucht wurden, machte Lipp nur noch zorniger. »Was ist mit den Genossen im Ruhrgebiet droben wegen einer gleichen Sach passiert, vor zwei Jahren? An die Wand gestellt sinds worden!«
»Klassenjustiz ist das gewesen«, sagte Hölzl. »Sogar die Bürgerlichen habens zugeben müssen.«
»Und damit, dass die Bürgerlichen hinterher was zugeben, könnens jetzt die Würmer füttern, oder was?!« Lipps Stimme überschlug sich. »Hölzl... bist dus gewesen? Red, sonst -!«
»Es muss endlich durchgegriffen werden! Gründlich!«
»Ob du geschossen hast?! - Du warst es!«
»Zum letzten Mal«, sagte Hölzl beherrscht. »Hast dus gesehen?«
»Nein! Bin doch schon wieder im Hausgang gewesen, wies gekracht hat!«
»Also nichts hast gesehen«, stellte Hölzl fest. »Ich sag dirs noch mal, Lipp. Reiß dich ja zusammen. Die Geduld der Partei hat Grenzen.«
»Ich... ich trau dir nicht, Hölzl...« Lipps Stimme klang jetzt heiser. »Ich hab dir noch nie getraut...«
Der Mund des Funktionärs zuckte. Verächtlich maß er sein Gegenüber. »Kann auf Gegenseitigkeit beruhen, Kerschbaumer. Ich frag mich auch langsam, auf was für einer Seiten du eigentlich stehst.« Er bemerkte, dass ihn Dosch ungläubig anstarrte. Seine Stimme wurde wieder drängend: »Herrgott! Ihr seids doch keine Weiber! Ihr müsst es endlich kapieren! Es ist Krieg, Genossen!« Wie zur Bekräftigung schlug er seine Hände auf seine Oberschenkel. »Und jetzt ist Schluss mit der Winslerei! Hab ichs denn mit Kommunionbuben zu tun, oder was?« Er stand auf und ging zum Fenster. Der Regen hatte nachgelassen. Hölzl schob den Saum des verschlissenen Vorhangstoffes zurück und sah prüfend in die Nacht hinaus. Er zog den Vorhang wieder zu und kehrte zu seinem Schemel zurück. »Und jetzt reden wir darüber, was wir den Kriminalern sagen, wenn sie uns...«
»Ich trau ihm nicht, Jakl«, setzte Lipp wieder an. »Der ist nicht sauber -« Sein Magen krampfte sich. Er tat einen ungelenken Schritt zurück und tastete nach der Türklinke.
»Wohin gehst?«, sagte Hölzl scharf.
»Aufs Scheißhaus...«, würgte Lipp hervor. »Ich muss … speiben. Oder wärs dir... lieber, ich täts da herin?«
Er wartete Hölzls Entgegnung nicht mehr ab, ging hinaus und zog die Türe hinter sich zu. Seine Kehle wurde eng, Säuregeschmack füllte seinen Gaumen. Er rang nach Luft, wankte einige Meter vorwärts, bis er die Türfassung des Aborts mit seinen Fingern ertastet hatte, drückte die Türe auf und griff nach dem Abortdeckel.
In diesem Moment hörte er mehrere Schläge, die an die Haustüre unter ihm donnerten, nur wenige Augenblicke danach das Splittern und Bersten des nachgebenden Holzes, dann das Poltern der Stiefel und den hechelnden Atem mehrerer Männer auf der Stiege.
Lipp zog die Türe hinter sich zu und hielt den Atem an. Durch den Schlitz unter der Türe huschte der Schein flackernder Lampen vorüber. Sekunden später dröhnten nur wenige Meter entfernt wieder Schläge.
»Polizei!!«, hörte er eine laute Stimme. »Waffen weg! Einzeln und mit erhobenen Händen herauskommen!«
Lipp stieg auf das Abortbrett, suchte nach dem Fensterhaken, drehte ihn, öffnete das schmale Fenster und wand sich hinaus. Noch immer fiel Regen. Unter ihm gurgelte der schwarze Stadtbach. Der Geruch abgestandener Lauge und Fäkalien drang an seine Nase. Er stieß sich ab. Als er im Wasser landete, spürte er einen Schlag. Ein reißender Schmerz schoss durch seine Wade. Er tauchte unter.
Südostbayern, Bezirk Dornstein, Anfang September 1928
 
Der gelbe DAAG der ›Alpenkraftpost‹ bremste kurz hinter der Stauffenbrücke abrupt ab. Er war kaum am Straßenrand zu stehen gekommen, als ein Dutzend Gendarmen, die Waffen schussbereit gehoben, den Wagen umstellte.
Kajetan atmete flach. Er sah zu den Ausgängen. Vor jedem hatten sich Polizisten postiert. Er saß in der Falle.
Einer der beiden Beamten, die Uniform wies sie als Sergeanten der Grenzpolizei aus, hatte sich bereits in der Nähe des Ausstiegs an der Seite des Kondukteurs postiert, während der andere damit begann, den Mittelgang langsam abzuschreiten und jeden der Reisenden zu mustern.
War während der Fahrt noch munteres Stimmengewirr zu hören gewesen, so war dies beim Auftreten der beiden Sergeanten - jeder den Daumen der Rechten in den Gürtel gehakt, in Griffnähe zur Pistolentasche - in beunruhigtes Gemurmel und schließlich in lähmendes Schweigen übergegangen. Als hätte das Auftreten der Staatsmacht die zwei Dutzend Passagiere in ein Häuflein kleinlauter Sünder verwandelt, von denen jeder in diesem Moment in seinem Gedächtnis gekramt und auch prompt darin etwas gefunden hatte, das ihn ein Strafgericht befürchten ließ, duckten sich die Passagiere unter dem durchdringenden Blick des Sergeanten weg.
Kajetan knetete den Hutrand auf seinem Schoß; seine Handflächen waren heiß und schweißfeucht. Ein verkrampftes Hüsteln drang an sein Ohr. Aus den Augenwinkeln fischte er den misstrauischen Blick seines Nebenmannes auf.
Der Grenzpolizist kam näher. Seine Miene ließ keine Regung erkennen, nur seine Augen lebten. Er bewegte sich leicht vornübergebeugt, war angespannt, auf überraschende, gefahrvolle Situationen vorbereitet.
Kajetan wagte einen verstohlenen Blick. Er bemerkte, dass der Grenzer die Alten, die Frauen und Kinder nur mit einem kurzen Blick streifte und niemand nach Papieren fragte.
Sie suchten einen Mann. Einen, der als gefährlich eingeschätzt wurde, vielleicht sogar bewaffnet war. Einen, auf dessen Papiere sie nichts gaben, weil anzunehmen war, dass sie gefälscht waren. Von dem sie jedoch eine Personenbeschreibung hatten, welche eine vermutlich nicht veränderbare, unverwechselbare Äußerlichkeit aufwies.
Kajetan betrachtete sich in der Spiegelung des Fensters. Noch immer kam er sich fremd vor: Er hatte seinen Bart bis auf eine kleine Bürste über der Oberlippe abrasiert, sein Kopfhaar beinahe militärisch gestutzt und seinen Scheitel verlegt, was sein Gesicht breiter wirken ließ. Aber würde er die Beamten damit täuschen können?
Dabei war bisher alles nach Plan gelaufen. Noch vor Sonnenaufgang hatte die Witwe Süssmayr, seine Nachbarin in der Hildegardstraße, an die Tür des Verschlags hinter ihrem Bücherlager geklopft. In diesem hatte sich Kajetan bereits seit mehreren Wochen verborgen gehalten, nachdem nicht mehr daran zu zweifeln war, dass es ein Mordkommando auf ihn abgesehen hatte. Dabei hatte er keinen Schimmer, wer es überhaupt darauf anlegte, ihn aus dem Weg zu schaffen. Und warum? Er ahnte, dass es etwas mit seinem letzten Fall zu tun haben musste, in dessen Verlauf er mit der erst kürzlich gegründeten Politischen Polizei in einen Konflikt geraten war, der ihm beinahe das Leben gekostet hatte. Ein Fall, bei dem nicht ausgeschlossen war, dass auch die Nazi-Partei in ihn verwickelt war. Waren es die Nazen, die Jagd auf ihn machten? Arbeitete die Polizei mit ihnen zusammen? Aber wie kämen auf die Republik vereidigte Polizeibeamte dazu, mit Feinden des Staates gemeinsame Sache zu machen? Ein unglaublicher Skandal wäre das doch, hatte er Frau Süssmayr bestürmt. Worauf die alte Frau ihn nur ein wenig mitleidig gemustert, fast unmerklich den Kopf geschüttelt und geschwiegen hatte. Nur eines sei sicher, meinte sie: dass Kajetans Wohnung im Hinterhaus seit Tagen von wenig vertrauenerweckenden Gesellen observiert würde, denen man die schlechte Absicht schon am Gesicht ablesen könne. Denen in die Hände zu fallen, würde sie ihm jedenfalls nicht wünschen.
Ein letztes Mal hatte ihm die alte Frau eingeschärft, wie er den Weg bis zur Grenze zurückzulegen, mit wem er, wenn er dort angekommen sei, Kontakt aufnehmen müsse. Er war nicht einmal mehr dazu gekommen, sie zu befragen, wie es eine biedere Ladnerin wie sie zustande gebracht hatte, innerhalb kürzester Zeit Kontakt zu jener geheimen Schleuserorganisation herzustellen, die ihn bald über die grüne Grenze bringen sollte. Zu mehr als einer Andeutung darüber, dass ihr verstorbener Ehemann eben ein alter Soze gewesen sei, der als junger Kerl noch die Verbotszeit miterlebt hatte, hatte sie sich nicht bewegen lassen.
Nachdem Kajetan die Anweisungen zu ihrer Zufriedenheit wiederholt hatte, steckte sie ihm wortlos den neuen Ausweis und ein Bündel Scheine zu. Beinahe schroff wehrte sie seinen Dank ab. Sonst sei er gesund? Was fasele er da? Habe er ihr nicht vor Kurzem in einer verzweifelten Lage geholfen? Na also!
Sie drängte ihn zur Tür. Vor der Toreinfahrt stand ein Fuhrwerk, wie sie die Bauern des Umlandes zur Belieferung des Viktualienmarktes benutzten. Der behäbige Fuhrknecht und die Alte verständigten sich mit einem verschwörerischen Nicken. Nachdem sie sich mit flinken Blicken in alle Richtungen vergewissert hatte, dass noch niemand auf der morgendlichen Gasse zu sehen war, winkte die alte Frau in das Hausinnere. Kajetan schlüpfte hinter die Plane der Ladefläche und kroch unter die leeren Kartoffelsäcke.
Wenig später hörte er, wie das Gefährt das holprige Pflaster der Altstadtgassen verließ und in die Prinzregentenstraße einbog. Schnaubend quälte sich das Zugtier das Isarufer empor. Nach mehreren Stunden hielt das Fuhrwerk außer Sichtweite des Grafinger Bahnhofs, und kurz darauf befand sich Kajetan bereits auf dem Weg durch eine unwirkliche, von Nebel verhüllte Landschaft. Dampfige Wärme erfüllte die Luft seines Abteils, sie vermischte sich mit dem süßlichen Qualm, der aus der Pfeife eines älteren Mannes mit gefurchten Zügen emporstieg. Neben ihm fütterte eine stämmige Bäuerin ihren kleinen Jungen mit Brotstücken. Die anderen Fahrgäste - ein ungesund rotgesichtiger Bursche im Armeerock und ein älterer Mann in einem schäbigen dunklen Anzug und ölig über die Glatze geklebtem Haar - sinnierten schläfrig vor sich hin und lauschten dem gleichmäßigen Takt, den die Räder des Zugs auf den Gleisnähten schlugen.
Gegen die Mittagszeit riss der Himmel auf. Die gezahnte Silhouette des Gebirges glitzerte in der Ferne, als Kajetan den Zug eine Station vor dem Grenzbahnhof verließ und nach kurzem Warten in den Wagen der ›Alpenkraftpost‹ umstieg.
Der Bus war bis auf wenige Plätze besetzt. Mehrere Passagiere waren an ihren gewalkten Jankern als Bewohner der Region auszumachen, bei anderen verrieten Kleidung und Ausrüstung, dass es sich bei ihnen um Touristen oder Bergsteiger handeln musste. Auch Kajetan trug wetterfeste Wandermontur und Rucksack. Niemand nahm Notiz von ihm, nicht mehr jedenfalls, als es die Höflichkeit erforderte, mit der sich die in enge Sitze gepferchten Reisenden untereinander zu arrangieren hatten. Die nervöse Wachsamkeit, die noch zu Beginn seiner Reise seinen Puls beinahe schmerzhaft angetrieben hatte, war allmählich von ihm abgefallen und dem Gefühl gewichen, er befände sich bereits in Sicherheit.
Er hatte sich zu früh gefreut.
Der Grenzpolizist war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Er verharrte bei einem jüngeren Mann mit eingefallenen Wangen, der sich bemühte, der strengen Musterung des Beamten trotzig standzuhalten.
»Tuns den Hut runter!«, befahl der Fahnder. Der junge Mann gehorchte.
»In Ordnung!«, gab der Grenzer schließlich brummend von sich. Er drehte ab.
Ein Kleinkind auf den vorderen Plätzen hatte zu weinen begonnen, als sich neben Kajetan ein dunkler Schatten aufbaute. Kajetan hob das Gesicht, streifte für den Bruchteil einer Sekunde den ausdruckslosen Blick des Polizisten. Hinter dessen Stirn schien es zu arbeiten.
Kajetans Muskeln spannten sich unwillkürlich, sein Herz pochte an seine Rippen. Panik ergriff ihn. Flieh!, schrie jede Faser seines Körpers, doch im selben Augenblick erfüllte ihn das Gefühl einer lähmenden Resignation.
Er hatte verloren.
Und jetzt würde er sich nicht weiter lächerlich machen.
Er würde aufstehen, die Hände heben und sagen: Ersparen wir uns das Theater, Leute. Ihr habt mich.
Er öffnete den Mund. Seine Zunge fühlte sich pelzig an.
»Wohin gehts?«, hörte er. Es musste die Stimme des Sergeanten gewesen sein.
Vor Kajetans Augen flirrte es.
»Nach...«, er musste husten, »... ins Gebirg.«
»In Ordnung.«
Der Fahnder ging weiter. Als Kajetan die Augen wieder hob, hörte er die nölende Stimme seines Sitznachbarn wie aus weiter Ferne: »Um was gehts denn eigentlich, Herr Wachtmeister? Wen suchens denn?«
»Meinens, dass Ihnen des was angeht?«, raunzte der Sergeant über die Schulter.
»Entschuldigens, ich -«
»Ruhe!«
Kajetan saß wie betäubt. Erst nach einer geraumen Weile nahm er wahr, dass die Grenzpolizisten den Wagen wieder verlassen hatten und der Bus die Fahrt unter dem jetzt umso lebhafteren Geschnatter der Passagiere fortsetzte. Je mehr seine Benommenheit wich, desto deutlicher spürte er, dass es in seinem Magen zu rumoren begonnen hatte. Er würde den Kondukteur bei der nächsten Station bitten müssen, ihn für einige Minuten aus dem Wagen zu lassen.
Gemeinde Zellach, Bezirk Dornstein (Oberbayern)
 
Schon berührte die sinkende Sonne die Zinnen des Gebirges im Westen, doch noch immer spannte sich ein makellos tiefblauer Himmel über das Zellacher Tal. Über den ostwärts gerichteten Hängen herrschte bereits Dämmerung, als der staubgelbe Bus die letzte Steigung vor dem Ort emporschnaubte, wenig später auf den Dorfplatz einbog und neben der Kirchhofsmauer zu stehen kam.
Die letzten Fahrgäste verabschiedeten sich voneinander unter gelassenem Geplauder. Der Kondukteur sprang federnd vom Trittbrett, hantierte am Verschluss einer Seitenklappe, öffnete sie, entnahm ihr einen schlaffen Postsack und steuerte die Poststation am Ende des Platzes an.
Kajetan hatte sich an der Haltestange neben der Einstiegstüre festhalten müssen. Einige Atemzüge lang hatte er das Gefühl, der Boden schwanke unter seinen Füßen - die letzten Kilometer auf der schmalen Gebirgsstraße waren eine Tortur gewesen, Kurve hatte sich an Kurve gereiht, polternd, schaukelnd und spotzend hatte sich der Wagen auf der von Schlaglöchern übersäten Straße das Hochtal hinaufgekämpft.
Kajetan atmete tief durch. Klamme Kälte füllte seinen Gaumen, biss in seine Schleimhäute wie winzige Nadelstiche, er musste heftig niesen. Ein älterer Wanderer, der schweren Schrittes die Hauptstraße hinaufstapfte, sah zu ihm herüber, wandte sich aber, als sich ihre Blicke kreuzten, sogleich wieder ab.
Ein eisiger Windhauch fegte über den Dorfplatz, versetzt mit dem süßfaulen Geruch dampfenden Dungs. Eine gelassene Ruhe lag über dem Ort; nur noch wenige Menschen waren unterwegs. Über einigen der Dorfhäuser, die sich auf mehreren Hangstufen um die kalkgelb verputzte Pfarrkirche scharten, stand die dünne Rauchsäule eines Herdfeuers. Die Felder des engen Talgrundes waren abgeerntet, einige der schmalen Ackerstreifen bereits schwarz aufgebrochen. Das plumpe Geläut einer Weideglocke drang an Kajetans Ohr, von einer Mühle im tiefer liegenden Ortsteil flog das Kreischen einer Holzsäge heran, irgendwo sprachen Leute miteinander; alle Geräusche vermischten sich mit dem steten Rauschen des milchgrünen Baches, dessen Wasser um glatt geschliffene Kalksteinblöcke tänzelte.
Er hob den Kopf. Im Westen und Osten flutete der Nadelwald wie ein schwarzes, lanzenbewehrtes Heer die steilen Hänge empor, an deren Ende er in herbstlich flammenden Laub- und Föhrenwald überging, um schließlich in von Felsblöcken übersäten Geröllhängen auszubranden. Darüber erhoben sich, fast senkrecht in schwindelerregende Höhen aufragend, die nackten Zinnen des Hochgebirges. Hoch über der Talsohle im Süden war ein baumloser Bergsattel zu erkennen, auf den sich das graue Band einer Straße zuschlängelte. An ihrem höchsten Punkt fing ein hell verputztes Gebäude das letzte Licht der untergehenden Sonne. Die Grenzstation.
Kajetan griff nach seinem Rucksack und machte einige unentschlossene Schritte zur Mitte des Platzes, als ihn ein energisches Klingeln hinter seinem Rücken zusammenfahren ließ. Ein kleines Mädchen mit wippenden Zöpfen, das Gesicht vor Eifer und Anstrengung gerötet und energisch in die Pedale ihres klapperigen Fahrrades tretend, bog vor ihm auf den Vorplatz der Gemischtwarenhandlung ein, sprang vom Rad und verschwand unter dem dünnem Patschen ihrer nackten Sohlen im Laden, den im selben Moment zwei Frauen mit gefüllten Einkaufskörben verließen, die, nachdem sie Kajetan einen flüchtigen Blick zugeworfen hatten, gemächlich über den Platz davonschlenderten.
Kajetan drückte sein Kreuz durch. Er bemerkte, dass sich die Luft binnen weniger Minuten abgekühlt hatte. Fröstelnd schulterte er seinen Rucksack und knöpfte seine Jacke bis unter das Kinn zu.
Bis jetzt hatte er den Zettel noch nicht zu Hilfe nehmen müssen, den man ihm in München in die Hand gedrückt hatte. Jetzt brauchte er ihn. Ein handgeschriebener Brief mit belanglos privatem Inhalt war es, der mit einem einfachen Zahlencode zu dechiffrieren war. Kajetan buchstabierte:
Peterbauerhof. Hinter Kirchplatz ueber Bruecke, erste Zweigung bergwaerts hoch...
Kajetan verstaute das Papier, fixierte die beschriebene Brücke und machte sich auf den Weg.
Die von Rillen der Fuhrwerke gefurchte Schotterpiste wand sich im Zickzack über strohbraune Hangstufen empor. Nach etwa einer Stunde flachte sich der Weg ab, um sich zu einer kleinen Rodung zu öffnen. An ihrem Ende stand der Peterbauerhof, breit und gedrungen, mit wettergrauen Holzschindeln gedeckt, von Obstbäumen in Herbstlaub umgeben.
Das Haus musste uralt sein. Über dem massigen Erdgeschoss - ein von wenigen Fensteröffnungen durchbrochenes Mauerwerk - hob sich das balkengezimmerte, von einer Altane umgürtete Obergeschoss. Der über der Stallung mit Brettern verschlagene Wirtschaftstrakt lehnte sich an die Rückseite des Hofgebäudes.
Ein Hund schlug empört an, als sich Kajetan dem Haus näherte. Wie überall in den Bergen war die Haustüre nicht verschlossen. Auf sein Rufen antwortete eine Frauenstimme aus einem Raum am Ende des dunklen Hausflurs. Kajetan folgte ihr.
Die junge Frau unterbrach ihre Arbeit nicht. Sie stand vor dem Herd und rührte in einer Pfanne. In einem Topf perlte kochendes Wasser. Dampf umnebelte sie und rötete ihr Gesicht. Sie war klein und stämmig, hatte das volle, dunkelbraune Haar unter ein Kopftuch verstaut, trug eine Schürze über einer ausgewaschenen Bluse und knöchellangem Kittel. Sie streifte ihn mit einem prüfenden Blick, bevor sie seinen Gruß erwiderte.
»Um was gehts?«
Den Peterbauern müsse er sprechen, sagte Kajetan. Er sei doch hier richtig?
Sie bestätigte es, ihm ihr Profil zuwendend. Der Bauer sei noch beim Viehgatter, müsse aber bald zurück sein. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn und wies zur Stubentür. »Wenns Ihnen derweil hinhocken möchten, Herr?«
Kajetan nickte dankend, trat unter den niedrigen Türsturz hindurch und ließ sich am Tisch nieder. Eine Weile hörte er nichts als das leise Scheppern des Küchengeschirrs nebenan, dann ein angestrengtes Stöhnen. Er sprang auf und sah, dass sich die junge Frau in der Küche abmühte, ein Schaff an den Ausguss zu wuchten.
Er packte wortlos an. Sie streifte ihn mit einem dankbaren Blick.
»Was hat Er da verloren?«, schnauzte eine Stimme hinter ihm. Ein untersetzter Mann stand auf der Türschwelle, das Gesicht dunkel vor Wut. Er machte einen drohenden Schritt auf Kajetan zu.
»Er will zu dir«, sagte die junge Frau schnell.
»Was hat er dann in der Kuchl herumzuschlieffen?!«
»Karl. Spinn dich aus. Er hat mir bloß geholfen.«
Kajetan fasste sich. »Ich muss mit Ihnen reden, Peterbauer«, sagte er. »Ich hab gehört, dass Sie ein zuverlässiger Bergführer sein sollen.«
Der Bauer sah ihn scheel an. »Wer sagt dir so was?«
»Ein Herr Knecht in München, von dem ich Sie lieb grüßen soll.«
Lieb. Knecht. Die Parole. Die Züge des Bauern entspannten sich, zeigten aber noch immer Skepsis. Kajetan streckte die Hand aus. Der Bauer ergriff und drückte sie. Er nickte kaum merklich, als er dabei den abgewinkelten Mittelfinger seines Besuchers erspürte.
»Der Gruß geht retour«, sagte er.
»Gehts rüber«, sagte die junge Frau. »Ihr stehts mir im Weg umeinand.«
Der Peterbauer brummte etwas zur Antwort und ging voraus. In der Stube angekommen, zog er die Türe hinter sich zu.
»Nicht, dass die Schwester und ich ein Geheimnis voreinander hätten«, erklärte er. »Es ist bloß: Was die Lies nicht weiß, kann sie auch keinem erzählen.« Der Bauer deutete auf die Bank. Kajetan setzte sich.
»Und nimm mirs nicht krumm, dass ich dich...« Der Peterbauer unterbrach sich und rieb sich verlegen die stoppelige Wange. »Hab dich für einen anderen gehalten.«
Kajetan winkte verständnisvoll ab. Der Bauer hängte seine Schürze an den Wandhaken und nahm am anderen Ende des Tisches Platz. »Es ist nämlich schon länger keiner mehr da gewesen. Hab mir schon fast gedacht, dass die Zeiten besser werden und es den ganzen Krampf nimmer braucht.« Resigniert fügte er hinzu: »Hab ich mich wohl täuscht.«
»Bleibt er zum Essen, Karl?«, rief Lies durch die Tür.
»Nein.« Der Peterbauer sah Kajetan an. »Pass auf: Ich brauch ein paar Tag, um den Genossen drüben Bescheid zu sagen. Die sinds, die dich über die Muntenwand bringen. Die ist nämlich schon auf der österreichischen Seiten.«
»Es sind nicht Sie, der mich -?«
Der Bauer schüttelte den Kopf.
»Wo denkst hin? Ich kann nicht so lang von der Arbeit fort. Von mir kriegst bloß die Stell gesagt, wo sie dich abholen und durch die Wand bringen.«
Die Wand? Es hörte sich nicht nach einem bequemen Weg an. Der Bauer bestätigte es.
»Der Muntensteig ist kein kommoder Spazierweg. Wirst dich anseilen müssen.« Der Bauer grinste spärlich. »Bequemere Wege gäbs freilich. Aber da riskierst du, dass du einer Streifen der Grenzpolizei oder einem Revierjäger in die Quer kommst.«
»Wird denn oft kontrolliert da oben?«
»Sie sind seit einiger Zeit wieder schärfer geworden.« Der Peterbauer kratzte sich am Handrücken. »Frag mich nicht, wieso. Geschmuggelt wird bei Weitem nimmer so viel wie noch vor ein paar Jahr, das kanns nicht sein. Das Lästigste aber ist, dass es sich früher sofort rumgesprochen hat, wenn wieder eine Patrouille ansteht. Heut aber kriegst es fast nimmer raus.« Er hob das Gesicht und lächelte. »Aber in die Muntenwand hat sich noch keiner von denen reingetraut.«
»Wie lang wirds dauern, bis Sie -«
»Bis ich die Genossen von der Gilde drüben erwischt hab? Ein, zwei Tag tät ich sagen. Eher gehts nicht.«
»Kann ich derweil bei Euch unterkommen?«
Der Bauer schüttelte den Kopf. »Auf gar keinen Fall. Dafür kennen mich ein paar Leut im Dorf zu gut.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Küchentüre. »Und der Lies möcht ich auch nicht alles auf die Nasen binden.« Er verzog den Mund zu einem leichten Grinsen, das aber sofort wieder erlosch. »Du hast auch keinem gesagt, dass du zu mir gehst? Oder nach dem Weg zu mir gefragt?«
Kajetan verneinte. Er habe es genauso gemacht, wie man ihm gesagt hatte.
»Gut. Das Gescheiteste ist, dass du dir für ein paar Tag beim ›Taffern‹-Wirt drüben ein Zimmer nimmst und den Sommerfrischler markierst. Genug Geld dafür hast?« Das Nicken Kajetans registrierend, fuhr er fort: »Du gehst am besten auf der Stell los, bevors finster wird.« Er sah aus dem Fenster. Die Dämmerung hatte sich ausgebreitet. Langsam verglühte auch der rötliche Schimmer der Felswände im Osten. »Und wenn dich unterwegs jemand fragt, was du in der Näh vom Peterbauer zu suchen hast, dann lass dir was einfallen. Du hättest dich vergangen, oder so. Kapiert?«
»Wie krieg ich mit, wenns so weit ist?«
»Wirst dann schon merken«, sagte der Peterbauer. Wieder verkniff er den Mund zu einem schmalen Lächeln. »Du solltest es dir jedenfalls nicht mit den Kellnerinnen vom ›Taffern‹ verscherzen.«
»Mit denen soll sichs einer eh nie verscherzen«, gab Kajetan zurück.
Der Peterbauer lachte leise. »Das ist gescheit.«
Das Gasthaus »Taffern« lag an der Grenzstraße, einige Gehminuten oberhalb des Kirchdorfs, von dem es eine in das Tal ragende, bewaldete Felszunge trennte. Es war ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, wenn nicht älter, behäbig, dreistöckig, bis an die Giebel aus Stein gebaut. Die der Straße zugewandte Fassade mit ihren meterdicken Wänden, tiefen Fensterlaibungen, runden Türöffnungen und holzschindelgedecktem Walmdach atmete Behaglichkeit und den unaufdringlichen Stolz seiner Erbauer. Eine verblasste, über dem Portal auf den kalkgelben Putz gemalte Fuhrleute-Szene erzählte davon, welche Gäste hier die Jahrhunderte hindurch Rast gemacht hatten.
Kajetan bat eine durch den geräumigen Hausflur huschende Bedienstete, nach den Wirtsleuten zu rufen.
Kurze Zeit später öffnete sich die Türe zum Gastraum. Eine Frau erschien, umkränzt von ausfallendem Licht und behäbigem Gemurmel. Mit kurzem Augenaufschlag taxierte sie ihn, bevor sie die Türe hinter sich zuzog, mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit grüßte und sich hinter einem schmalen Pult postierte. Kajetan schätzte sie auf höchstens Mitte dreißig. Sie war kräftig gebaut, das volle, bäuerlich schöne Gesicht mit dichten, dunklen Brauen war von kastanienbraunen, zum Gretl-Kranz geflochtenen Haaren gerahmt. Sie stand aufrecht, den stattlichen Busen gereckt, die Linke auf die Hüfte gestemmt. Es musste die Wirtin sein.
»Der Herr wollen über die Nacht bleiben?«
Sie ließ eine Reihe ebenmäßiger Zähne sehen und sah ihn erwartungsvoll an. Kajetan, vom schnell zurückgelegten Fußmarsch noch immer außer Atem, bestätigte mit einem Nicken.
»Sind der Herr allein unterwegs?«
»Ja.«
»Ein Einzelzimmer also.« Sie zog das Belegbuch heran und schlug es mit einer resoluten Bewegung auf. Sie nickte zufrieden, als bestätige sich ihr das, was sie bereits wusste. »Habens Glück, Herr. Die Nummer sechs ist frei.« Sie bedachte
Verlagsgruppe Random House
 
 
 
1. Auflage
Copyright © 2009 by btb Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
eISBN : 978-3-641-02508-3
 
www.btb-verlag.de
 
Leseprobe
 

www.randomhouse.de