Der Sommer der Gaukler - Robert Hültner - E-Book

Der Sommer der Gaukler E-Book

Robert Hültner

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Beschreibung

Zum Mozartjahr 2006: Ein mitreißender historischer Roman um den Librettisten von Mozarts »Zauberflöte« von einem sprachgewaltigen deutschen Autor.

Ein kleines Dorf in den Bergen, eine halbe Tagesreise von Salzburg entfernt. Am Ende des 18. Jahrhunderts geht ein tiefer Riss durch seine Bewohner: den saturierten Großbauern stehen die Bergwerksarbeiter gegenüber, deren Lage sich immer mehr verschlechtert. In diese gespannte Atmosphäre platzt der genialische und brachiale Emanuel Schikaneder mit seiner Wandertheatertruppe. Er hat an den sittenstrengen Salzburger Fürstbischof Colloredo ein Gesuch geschickt, an dessen Hofe auftreten zu dürfen, doch weil die Antwort auf sich warten lässt, sitzen die Schauspieler in dem Bergdorf fest. Der unübersehbare lockere Lebenswandel der Truppe stößt bei einem Teil der Bewohner von Tag zu Tag auf größeren Widerwillen. Zudem gerät Schikaneder in Geldnot, und es wird immer schwerer, seine Schaupieler zusammenzuhalten. Seine rettende Idee: er bringt ein reißerisches Trauerspiel zur Aufführung, eine Sensation für das kleine Dorf. Doch die Geschichte von dem hartherzigen Adligen und dem geschwängerten und im Stich gelassenen Bürgermädchen führt zu Tumulten und schließlich zum Eklat. Für den letzten Akt hat der Dorfrichter heimlich die Gendarmerie in Stellung gebracht, um dem revolutionären Aufruhr mit angemessenen Mitteln bekämpfen zu können …

WIRD VERFILMT VON H. W. GEISSENDÖRFER

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Seitenzahl: 263

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Robert Hültner · Der Sommer der Gaukler

Robert Hültner

Der Sommerder Gaukler

Roman

btb

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100

1. Auflage

Copyright © 2005 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

ISBN: 978-3-641-01138-3

www.btb-verlag.de

1

Der Konvoi der Schikanederischen Schau- und Operngesellschaft bestand aus zwei günstig in Augsburg georderten zweispännigen Kutschen für das Prinzipals-Ehepaar, die Ersten Damen und die Tänzerinnen, drei etwas weniger komfortablen Planwagen für die Herren und das Orchester sowie zwei hochbepackten, von stämmigen Kaltblütern gezogenen Gepäckwagen.

Seit die Truppe in der Miesenbacher Poststation Mittagsrast gehalten hatte, waren noch keine zwei Stunden vergangen. Trotzdem schien es Emanuel Schikander, als habe bereits die Dämmerung eingesetzt. Auch die Geräusche um ihn herum hatten sich verändert. Das eintönige Knirschen der eisenbeschlagenen Räder auf dem Schotter, unterbrochen nur vom Schnauben der Pferde und einem gelegentlichen, von einem unverständlichen Ruf des Kutschers begleiteten Peitschenknall, das Knarzen und Ächzen des Fahrwerks, alles hatte an Lautstärke zugenommen. Durch die Ritzen des Wagens war schwere Feuchtigkeit in das Innere der Kabine gedrungen.

Solange die Fuhrwerke noch gegen die zähe Landschaft des Voralpenlandes gezogen waren, hatte der Prinzipal ein wenig gedöst. Jetzt schob er sich im Sitz nach oben, um seinen nach Tagen der Rumpelei wundgeriebenen Steiß ein wenig zu entlasten. Er befreite sich behutsam von seiner im Schlaf an ihn gesunkenen Gattin und sah nach draußen.

Sie befanden sich bereits im Gebirge. Es hatte leicht zu regnen begonnen. Noch im vollen Laub stehendes, triefendes Buchengeäst neigte sich über die Straße, eine von Farn gesäumte, von schlammigen Pfützen gelöcherte und tiefen Fahrrillen gefurchte Piste. Zu ihrer Linken stieg das Gelände steil an. Nach wenigen Metern verlor es sich in einer schwarzen Tannenwaldung, aus der nackte Kalkfelswände in neblige Höhen flohen. Auf der rechten Seite schützte nur ein niedriger Steinwall vor einem bedrohlichen Abgrund, aus dessen dämmeriger Schlucht das finstere Orgeln eines Gebirgsbachs nach oben drang und sich mit einem fernen Donnergrollen mischte.

Die Steigung hatte kaum merklich zugenommen, die Fahrt sich verlangsamt. Die Felsen rückten näher an den Wegrand. Käme ihnen jetzt ein Fuhrwerk entgegen, müsste mit langem, von Beleidigungen und Drohungen begleitetem Palaver geklärt werden, wer zurückzusetzen hätte. Doch niemand kam. Der Treck passierte eine verlassene Mautstation. Einige Kehren später polterte er an einem sturmschiefen, rindengedeckten Unterstand vorbei.

Johann Joseph Emanuel Schikaneder – seine beiden ersten, etwas bäurisch klingenden Vornamen hatte er schon früh unter den Tisch fallen lassen, und auch seinen ursprünglichen Nachnamen >Schickeneder‹ hatte er ein wenig veredelt – war noch nicht lange Prinzipal. Vor noch nicht drei Jahren hatte er die leidlich eingeführte Truppe von der Witwe des früheren Besitzers für viertausend Gulden erworben, mit allem menschlichen und sonstigen Inventar. Das Risiko hatte sich gelohnt: Schon nach einem Jahr hatte er den Kaufkredit zurückzahlen können. Mit seinen noch nicht dreißig Jahren war er jetzt der Leiter einer der erfolgreichsten Wandertheater-Compagnien zwischen den süddeutschen Ländern und dem kaiserlichen Österreich, dazu ein unermüdlicher Stückeschreiber und gefeierter Erster Charakterdarsteller. Er hatte ein gesundes Selbstbewusstsein, und dennoch war es Balsam für seine Seele, was das Gothaer >Theaterjournal für Deutschland‹ kürzlich über ihn geschrieben hatte. Noch im Schlaf hätte er es herbeten können: »Hrn. Schikaneders Wuchs ist von Natur aus ungemein vorteilhaft und schön, er ist groß, sehr wohlgewachsen, und seine Stimme ist rein und melodienreich. Sein Enthusiasmus hebt sich über alle Schwierigkeiten, und er verdient mit einem Wort unter die Reihe der besten Schauspieler und einsichtsvollsten deutschen Direkteure gesetzt zu werden.« Nein – nicht nur das Publikum, auch die Göttin Fortuna liebte ihn. Von den Unannehmlichkeiten der Reise abgesehen, hätte er also höchst gelassen in die Zukunft blicken können.

Doch Emanuel Schikaneder hatte Sorgen. Er rechnete wieder und wieder, wollte es nicht glauben, fing von vorne an: Unmöglich! Es konnte nicht sein, dass er nahezu bankrott war! Das Gastspiel in Augsburg war doch ein voller Erfolg gewesen! Was das in Massen strömende Publikum, die Begeisterung während der Aufführungen und die Lautstärke des Applauses betraf, hätte die Bilanz nicht besser sein können. An manchen Abenden toste ein Rasen und Trampeln durch das Theaterhaus, dass Schikaneder einen Einsturz des hölzernen Theaterbaus befürchtete. Eine Panik hatte es unter den Zuschauern ausgelöst, als er die Furien aus ›Orpheus und Euridice‹ mit brennenden Kappen auf die Bühne schickte. Der Prinzipal hatte auf die Bühne rennen, einer der Tänzerinnen den Blechhut abnehmen und dem staunenden Publikum demonstrieren müssen, dass es ein winziger, in Spiritus getränkter Schwamm war, der diesen nie gesehenen Effekt erzeugt hatte. Tobender Applaus hatte ihn belohnt, und erst nach geraumer Zeit konnte die Vorstellung fortgesetzt werden.

Dass er es einmal gewagt hatte, ›Romeo und Julia‹ mit einem Happy End zu versehen, hatte einen Skandal verursacht, heftiger, als er ihn von den behäbigen Schwaben erwartet hätte. Doch danach war die Schikanederische Gesellschaft für Wochen einziges Stadtgespräch. Aus purer Neugier drängten die Augsburger an die Kasse und prügelten sich um Karten.

Schikaneders Rezept hatte sich bestens bewährt: Hanswurstiaden und Possen für das schlichte Volk, Komödien und Singspiele für die Lachsüchtigen, Lessing, Wieland und Shakespeare für diejenigen, die auf Bildung hielten, Ballett und Erbauliches für die naserümpfenden Feingeister. Gelegentlich geriet ein sauertöpfischer Schwarzrock außer sich, weil nach seiner Beobachtung bei dieser oder jener Szene zu viel nackte Wade zu sehen gewesen wäre. Machte er aber den Fehler, dies während der Vorstellung zu äußern, musste er einen Orkan der Empörung, versetzt mit unflätigstem Protest und matschigen Wurfgeschossen, über sich ergehen lassen.

Was also diesen die Seele wärmenden Erfolg betraf, konnte Emanuel Schikaneder nicht klagen. Aber ärgerlich war gewesen, dass nicht allein das sensationslüsterne und leicht verführbare Stadtvolk, sondern auch die Deputierten des Augsburger Magistrats augenscheinlich von einer plötzlichen Theaterleidenschaft ergriffen wurden. Ungerührt auf hiesige, angeblich seit jeher gültige Gepflogenheiten verweisend, orderten sie Abend für Abend eine größere Menge von Freibillets. Sie verteilten sie großzügig an Ehefrauen, Schwiegerleute, Geschäftspartner und Mätressen, nahmen dreist die besten Plätze in Beschlag und beschwatzten den Prinzipal dafür anschließend mit Ratschlägen, wie sein Programm zu verbessern wäre. Schikaneder musste sich zähneknirschend fügen. Zu laut durfte er nicht murren. Die Konkurrenz war groß, und es war der Magistrat, der es in der Hand hatte, ob er im nächsten Jahr mit seiner Wandertruppe wieder hier gastieren durfte. Also ließ er es dabei, flocht lediglich mit der betrübten Miene seines Hamlet Klagen über die hohen Kosten eines anspruchsvollen Theaters in die Gespräche. Er erntete verständnisvolle Seufzer, mehr nicht.

Natürlich hatte dies der Bilanz nicht gut getan. Auch zwangen ihn in dieser Saison gewisse Umstände, etwas höhere Privatentnahmen anzusetzen. Demoisell Fanny, die erst im Frühjahr zum Ensemble gestoßen war – ein üppiges, stets wohlgelauntes und in jeder Beziehung verspieltes Ding mit annehmbarem darstellerischen Ausdruck, vor allem von umwerfender Wirkung auf junges, eher klobiges Handwerksvolk im Publikum –, Fanny hatte ihm eines Abends etwas zugeflüstert, was ihm seitdem sorgenvolle Stunden bereitete. Eines war ihm augenblicklich klar: In der Stadt durfte unter keinen Umständen bekannt werden, dass der hehre Künstler Schikaneder, bejubelter Darsteller hochmoralischer Dramengestalten, seine vom Publikum nicht weniger hymnisch verehrte Gattin mit einer zweitrangigen, mäßig talentierten ›Naiven‹ betrogen hatte.

Doch Fanny zeigte sich zu seiner Erleichterung einsichtig. Da sie praktisch veranlagt war, rechnete sie nicht damit, dass sich der Prinzipal ihr zuwenden könnte. Sie akzeptierte schließlich, mit einem braven, vor Leidenschaft nahezu erblindeten Beamten verkuppelt zu werden. Da sie aber nicht nur in Liebesdingen praktisch veranlagt war, wusste die Demoisell ziemlich gut, was der Tarif für ihr Einverständnis war. Bei seinem Versuch, sie herunterzuhandeln, hatte sie Standhaftigkeit gezeigt. Daran, dass sie mit der – vorerst nur dem eingeweihten Betrachter auffallenden – kleinen Wölbung ihres Bäuchleins die definitiv besseren Karten hatte, war nicht zu rütteln.

Schikaneder war mit sich hart ins Gericht gegangen. Ein Idiot war er gewesen. Was hatte er erwartet? Dass er schon irgendwie davonkommen würde? Wie in Linz, in Laibach, in Nürnberg oder Regensburg? Da hatte es ihn nie bekümmern müssen, ob Monate nach seiner Abreise in bürgerlichen oder aristokratischen Wiegen etwas krähte, was seine Nase hatte oder mit seinen Augen lächelte. Emanuel Schikaneder warf einen verstohlenen Blick auf seine Frau. Hatte Eleonore etwas davon mitbekommen? Er hatte seine Transaktionen geschickt vertuscht. Eine rätselhafte Erkrankung, die angeblich hohe Arzthonorare verschlang, die Überholung der ausgeleierten Transportables, die Auffrischung der durch den Transport ramponierten Kortinen, der Nachschub für die pyrotechnische Maschinerie, all diese Mätzchen waren leicht zu fingieren gewesen. Eleonore hatte diese Entscheidungen stets ihm überlassen, sie mischte sich immer erst dann ein, wenn es brenzlig zu werden drohte. Dann aber machte sie ihm heftige Vorwürfe, drohte an, sein finanzielles Gebaren ab sofort aufs Schärfste zu kontrollieren.

Seit er die Compagnie übernommen hatte, waren derartige finanzielle Krisen an der Tagesordnung. Doch so häufig sie auch auftauchten, meist verschwanden sie wie von Zauberhand wieder – ein berührter Mäzen half aus der Klemme, wochenlanges Schlechtwetter ließ die Massen strömen, eine Aufführung traf den Nerv der Zuschauer, die Kunde blutiger Rangeleien vor der Kasse des längst überfüllten Theaters und von spektakulären Ohnmachtsanfällen während der Vorstellungen verbreiteten sich wie Lauffeuer.

Doch diesmal war keine Rettung in Sicht. Mit der Summe, die sich noch in der Kasse befand, konnte er bestenfalls noch zwei, höchstens drei Übernachtungen in einem passablen Gasthaus finanzieren. Es ginge sich gerade noch aus, wenn sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Salzburg mit den Aufführungen beginnen konnten. Das aber war das Problem.

Die Salzburger Theaterkommission hatte bisher noch nicht reagiert. Von einem Reisenden hatte Schikaneder erfahren, dass der erzbischöfliche Hofkämmerer in den vergangenen Wochen unpässlich gewesen sei. Das ließ ihn aufhorchen. Unpässlich? Also nicht schwerkrank oder gar im Sterben liegend? Das roch doch nach einer diplomatischen Finte! Wurde gegen ihn intrigiert? Hatten sich seine Konkurrenten, die Böhm’schen, Hornung’schen und Wahr’schen Compagnien, bei Erzbischof Graf Colloredo mit ihren bieder beschaulichen Aufführungen lieb Kind gemacht? Hatte ihn ein eifernder Schwarzrock als Blasphemiker und Sittenstrolch verleumdet, nur weil in einer seiner harmloseren Possen ein Mönch zu sehen war, der weltlichen Gelüsten nicht so widerstehen konnte, wie es die katholische Lehre predigte?

Ein heftiger Stoß brachte die Kabine ins Wanken. Ein Wasserschwall klatschte an die Seitentüren. Eleonore Schikaneder schlug die Augen auf, suchte instinktiv an ihrem Mann Halt und blickte suchend um sich. Der Kutscher draußen brüllte etwas, das im Wageninneren nicht zu verstehen war, sich aber nicht nach einem frommen Gebet anhörte. Der Wagen schaukelte noch ein wenig nach, dann ging die Fahrt weiter.

»Wir hätten doch die neue Straß nehmen sollen, Schani«, nölte Eleonore. Ein erneutes Ächzen des Fahrwerks begleitete ihre Worte. »Die wär doch viel kommoder gewesen. Diese Rumpelei!«

Schikaneder sah sie nicht an. Sein Blick haftete zwischen Demoisell Bichler und Demoisell Mayer, die ihm gegenübersaßen.

»Die ist wahrscheinlich der Grund, warum du wieder meinen Namen vergisst«, giftete er zurück. »Darf ich dich daran erinnern, dass ich mich nicht Schani, sondern Emanuel nenn? Und das nicht erst seit gestern?«

Demoisell Bichler, Erste Naive der Schikaneder’schen Truppe, warf ihrer Kollegin einen verstohlenen Blick zu, den diese mit unauffälligem Zwinkern erwiderte.

»Emanuel Schikaneder, deutscher Schauspieldirekteur«, sagte sie mit treuherzigem Lächeln, als gälte es, Gelerntes folgsam zu vertiefen.

»Ich bin informiert!«, schnappte die Gattin des Direktors zurück. »Aus erster Hand, gewissermaßen!«

Salome Bichler hielt kurz die Luft an. Madame war die Chefin. Dann atmete sie aus, zuckte leichthin, ein wenig die Missverstandene gebend, mit den Schultern und begann, ihre Fingernägel zu begutachten. Unbeteiligt und mit der Miene des Abgeklärten, der es seit langem aufgegeben hat, für die Gefühlsausbrüche der Frauen eine Erklärung zu suchen, sah Schikaneder den vorbeiziehenden Nebelschwaden nach. Dennoch ging sein Puls jetzt ein wenig schneller. Hatte seine Frau womöglich etwas mitbekommen? Unmöglich! Vielleicht sagte Eleonore einfach der Instinkt, dass sie auf der Hut sein müsse. Die anderen Damen des Ensembles hatte sie nie für voll genommen. Demoisell Mayer beispielsweise war zu jung und darüber hinaus eine zu schlechte Schauspielerin. Bei Salome Bichler lag der Fall jedoch ein wenig anders. Auch wenn sie nie an das Können Eleonores herankäme (wer weiß aber, ob sie vielleicht bisher einfach noch keine Gelegenheit bekommen hatte, es zu zeigen?), so war sie doch eine gute, für ihr Alter bereits sehr routinierte Schauspielerin. Schnell in der Auffassung, mitreißend lustvoll in jede neue Verwandlung schlüpfend, ihre Rollen mit Glaubhaftigkeit und dennoch eigener Persönlichkeit versehend, mit raffiniert gesetztem, das Publikum betörendem Charme. Schon stand Demoisell Bichler bei den meisten Aufführungen, in denen Madame Schikaneder die Hauptrolle spielte, auf der Ausfallliste. Dass sie hätte einspringen müssen, war bisher allerdings noch nicht eingetroffen. Vor allem dann, wenn Eleonore Schikaneder mitbekommen hatte, dass Demoisell Bichler die entsprechende Rolle schon synchron mitsprechen konnte, bewies sie ihre eiserne Gesundheit. Doch so gefährlich sicher der Instinkt Eleonores auch sein mochte – er konnte ihr unmöglich gesagt haben, dass Demoisell Bichler vor einigen Tagen eine günstige Gelegenheit beim Schopf ergriffen hatte, die Nachfolge der tränenreich verabschiedeten Fanny anzutreten.

Der Wagen war wieder in heftige Schaukelbewegung geraten. »Die Straß ist einfach die Höll«, setzte Madame Schikaneder wieder an. »Und außerdem ein Umweg.«

»Aber landschaftlich viel attraktiver«, gab Schikaneder launig zurück.

Madame schwenkte ihre Augen nach draußen. Zweifelnd hob sie die Brauen.

»Auch wenn man mehr sehen könnt, wärs Ansichtssach. Sag – warum müssen wir unbedingt über den alten Jochenpass? Warum haben wir nicht die neue Straß genommen?«

Schikaneder fuhr gereizt herum. »Weil ich mich erstens um das Wohl meiner Leute zu bemühen hab –«

Wieder geriet der Wagen ins Schaukeln.

»Ich merks«, sagte Madame.

»Und weil zweitens deine kommode neue Straß eine Maut kostet, deren Höhe jeden Raubritter in höchsten Zweifel stürzen würd, ob er sich nicht doch den verkehrten Beruf ausgesucht hat! Und weil«, jetzt legte Schikaneder eine verächtliche Schärfe in seine Stimme, die sie zugleich hasste und fürchtete, »weil weiters das Wort ›kostet‹ mit dem Wort ›Kassa‹ nicht bloß den gleichen Anfangsbuchstaben, sondern auch sonst ziemlich viel gemeinsam hat!«

Madame Schikaneder, vom Ausbruch ihres Mannes überrascht, war ein wenig von ihm abgerückt. Sie hätte einiges als Antwort parat gehabt, oh!, und gerade zum Thema ›Kassa‹! Aber nicht hier. Nicht vor Mitgliedern des Ensembles.

Er maß sie mit einem erstaunten Blick. Dann brummte er etwas, das wie ein Einlenken klingen sollte.

»Außerdem hab ich mich selbstverständlich erkundigt«, sagte er versöhnlich. »Die alte Straß ist noch in bestem Zustand!«

Er hatte noch etwas ähnlich Beruhigendes hinzufügen wollen, kam aber nicht mehr dazu. Der Wagen kam abrupt zu stehen. Dann, unter dem Kreischen der Frauen, Wiehern der Pferde und dem cholerischen Gebrüll des Kutschers, kippte er sacht zur Seite. In Richtung Abgrund.

2

Vester war noch keine Dreißig, aber sein von drahtigem Bartgestrüpp und zerzaustem Schopf gerahmtes Gesicht war fahl olivfarben wie das aller Bergleute. Die dünngewetzte juchtene Hose und der gewalkte, mit Flickaufsätzen übersäte Rock um- schlotterten seinen knochigen Körper. Bevor er in das Dunkel des Berges trat, blieb er stehen und sah nach oben. Der Himmel war grau wie der verwitterte Kalk des Gebirges, pfeifender Wind und Dohlen durchsichelten die Luft, und um die Schroffen des Kogelberges klumpten sich Gewitterwolken. Ein Unwetter um diese Jahreszeit war nichts Ungewöhnliches. Trotzdem befiel den Steiger eine plötzliche Unruhe.

Etwas braute sich zusammen.

Vester war wenig abergläubisch, nicht einmal besonders gläubig. Zwar stand er nie abseits, wenn die Heilige Barbara wieder einmal um reiche Ausbeute und Schutz vor Stolleneinstürzen angefleht wurde. Betrachtete er aber das Bildnis der Schutzheiligen, befiel ihn jedesmal Skepsis. Wie sollte ihnen dieses zerbrechliche Weibsbild mit seinem himmelwärts gerichteten Blick helfen können, wenn es hart auf hart ging? Und wenn die Alten von ihren Begegnungen mit den Stollengeistern fabelten, wollte er nichts davon wissen.

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