1291 - Bruno Meier - E-Book

1291 E-Book

Bruno Meier

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Beschreibung

1291 gilt in der Schweiz bis heute als Anfang der Eidgenossenschaft. Grund dafür ist der "Bundesbrief", ein Dokument, das mit den Worten "zu Anfang des Monats August 1291" endet, das aber erst im 19. Jahrhundert zum Gründungsdokument der Schweiz gemacht wurde. Die mythische Bedeutung von 1291 kontrastiert stark mit dem Wissen über dieses Jahr. Der Historiker Bruno Meier erzählt die Geschichte von 1291 auf neue Art, als dichte Beschreibung der Ereignisse von Januar bis Dezember, mit Rückblenden und Ausblicken. Wir befinden uns im Spätmittelalter, als ein König wie Rudolf von Habsburg seine Macht durch ständiges Reisen, durch Bündnisse und Ehepolitik sichern muss. Als er im Juli 1291 stirbt, geht sein Nachfolgeplan nicht auf und führt im Folgejahr zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Genfer- und Bodensee. So entsteht ein völlig neues Bild dieses Jahres, fern vom mit Mythen beladenen Schweizbild.

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INHALT

Mythos und Geschichte

Die Hauptpersonen

PROLOG

Friedensschluss nach einem langen Konflikt

JANUAR, KONSTANZ

Ein alter König kehrt zurück

FEBRUAR, BADEN

Bilanz eines erfolgreichen Lebens

MÄRZ, BÜRGLEN

Bewegung am Gotthard

APRIL, LUZERN

Ein wegweisender Verkauf

MAI, MURTEN

Sicherung des Westens

JUNI, STRASSBURG

Ein letztes Mal in der geliebten Stadt

JULI, SPEYER

Der inszenierte Tod

AUGUST, PAYERNE

Savoyen und Bern im Gleichschritt

SEPTEMBER, KERZERS

Die Gegner formieren sich

OKTOBER, ZÜRICH

Die Innerschweizer in Zürich

NOVEMBER, RAPPERSWIL

Die Erbin im Clinch

DEZEMBER, WIL

Krieg im Osten

EPILOG

Die Entscheidungen fallen

1291 als Projektion

Anhang

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Personenregister

Übersichten Verwandtschaften

MYTHOS UND GESCHICHTE

Unlängst während einer Führung durch das Parlamentsgebäude in Bern: Die Besucher stehen vor den drei mächtigen Eidgenossen in der Haupthalle und hören zu, wie von den Gründervätern erzählt wird. Sie hätten 1291 auf dem Rütli den Bundesbrief, den sie in ihren Händen halten, beschworen, woraus die Eidgenossenschaft und die Schweiz hervorgegangen sei. Ein Geschichtsbild, in dem sich Mythos, Geschichte und Gegenwart aufs Engste verwoben haben, und das im wahrsten Sinn des Wortes in Stein gemeisselt ist. Wenn man heute Menschen nach der Bedeutung des Jahres 1291 für die Geschichte der Schweiz fragen würde, die Antwort der Mehrheit wäre mit Sicherheit, dass es das Gründungsjahr sei. 1291 gilt in der Schweiz nach wie vor als Beginn der Eidgenossenschaft. Es wird politisch verbunden mit Werten wie Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität. Grund dafür ist der sogenannte Bundesbrief, der Ende des 19. Jahrhunderts neu bewertet und zum Gründungsdokument der Schweiz gemacht wurde, obwohl er über Jahrhunderte hinweg ohne Verwendung beziehungsweise unbekannt war.

Die allgemeine Bedeutung dieser Jahreszahl und des damit verbundenen Nationalfeiertags kontrastiert stark mit dem Wissen über das Jahr und den Umständen, in denen ein solches Dokument entstehen konnte. Bekannt ist der Tod von →König Rudolf von Habsburg im Sommer 1291. In der Folge hätten sich die drei Innerschweizer Länder zu einem Bund zusammengetan, um sich in der unsicheren Zeit gegenseitig beizustehen. Und daraufhin habe man die bösen Vögte vertrieben und die Freiheit errungen. Der neu bewertete Bundesbrief wurde mit der mythischen Befreiungsgeschichte verbunden, deren Überlieferung im späten 15. Jahrhundert einsetzt. Dieses Geschichtsbild ist im Nachgang von 1891 entstanden und hat in der Zwischen- und Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts seine grösste Bedeutung erlangt. Und es ist bis heute fest in der DNA der Schweiz verankert.

Wenn man nun ein Buch über das Jahr 1291 schreibt, muss man nicht mehr die historiografischen Verwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts erklären. Sie sind bekannt. Dass sich der 1848 neu gegründete Bundesstaat eine Gründungsgeschichte zugelegt und – allerdings erst nach Jahrzehnten – einen Nationalfeiertag festgelegt hat, ist mehr als plausibel. Es gehörte zum Selbstverständnis der entstehenden Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Ein Buch über 1291 muss auch nicht mehr eine tiefschürfende Analyse des Bundesbriefs leisten, die ist längst gemacht. Ein Buch über 1291 soll hingegen genau hinschauen, das Verständnis für historische Prozesse und Zusammenhänge wecken, die Eindimensionalität der Geschichtsbetrachtung hinterfragen. Schlicht: erzählen, was man weiss. Die Methode dazu ist einfach, es ist die klassische Methode der Geschichtsschreibung: die Analyse, Auswertung und Interpretation der vorhandenen Quellen, ihre Einordnung in die grösseren Zusammenhänge, die Berücksichtigung der Vorgeschichte, die Auswirkungen auf die Folgezeit. Der Rahmen des Buches ist der Jahreslauf, Monat für Monat. Die Betrachtung darf sich dabei nicht auf den engeren Raum der heutigen Schweiz beziehen, sondern muss den damaligen politischen Rahmen ins Blickfeld nehmen, das Heilige Römische Reich und seine Nachbarn. Der Raum zwischen Genfersee und Bodensee ist früher wie heute Teil von Europa und kann nicht unabhängig von der Verflechtung mit aussen beschrieben werden.

Da wir aus den spärlichen Quellen wenig über die Ereignisse von 1291 wissen, braucht es Rückblenden, um die Geschehnisse des Jahres verstehen zu können. Und es braucht einen Ausblick, nur so lässt sich die Bedeutung des Jahres für die Entstehung der Eidgenossenschaft in den nachfolgenden Jahrzehnten einordnen. Hinzu kommt: Die Beschränkung auf das Jahr selbst ist willkür lich. Die Ereignisse rund um den Tod von Rudolf von Habsburg bedingen eine Öffnung des Blicks auf die Zeit in etwa zwischen Frühling 1290 und Herbst 1292. Das Buch beginnt denn auch mit dem Ende eines Konflikts, der sich im Lauf des Jahres 1291 aufgebaut und in den ersten Monaten des Folgejahres entladen hat.

1291 hat die Funktion eines Dreh- und Angelpunkts innerhalb all jener Ereignisse und Verflechtungen, welche die damalige Zeit prägten und in den weiteren Verlauf der Geschichte der sich langsam bildenden Eidgenossenschaft hineinwirkten. 1291 ist ein Jahr ohne Schwurbrüder, aber das Jahr, in dem König Rudolf von Habsburg stirbt, in dem es um seine Nachfolge, um Macht und Einfluss zwischen Elsass und Innerschweiz, Bodensee und Genfersee geht.

Gewiss, die Geschichte der drei Eidgenossen, die sich einst die Treue geschworen haben sollen gegen die fremden Vögte und die Besucher und Parlamentarier heute in Stein gemeisselt über der grossen Treppe im Bundeshaus empfangen, hat ihren Reiz. Sie ist einfach und plakativ, lässt sich geradlinig erzählen. Es ist eine gute Geschichte, nicht mehr. Die tatsächlichen Begebenheiten rund um das Jahr 1291 – soweit wir aus Quellen davon wissen – sind komplexer, verschlungener, aber aus der Nähe betrachtet nicht weniger spannend.

DIE HAUPTPERSONEN

Rudolf IV. von Habsburg, als König Rudolf I., stirbt am 15. Juli

Albrecht I. von Habsburg, Herzog von Österreich und der Steiermark, Sohn des Königs

Rudolf von Habsburg-Laufenburg, Bischof von Konstanz, Vetter des Königs

Berchtold von Falkenstein, Abt des Klosters Murbach

Volker von Fulach, Abt des Klosters Wettingen

Elisabeth von Wetzikon, Äbtissin des Fraumünsters in Zürich

Elisabeth von Rapperswil, Gräfin von Rapperswil, Witwe des Ludwig von Homberg

Wilhelm von Montfort, Abt des Klosters St. Gallen

Hugo II. von Werdenberg-Heiligenberg, genannt der Einäugige

Amadeus V., genannt der Grosse, Graf von Savoyen

Wenzel II., König von Böhmen, Schwiegersohn von König Rudolf von Habsburg

Burkart Schüpfer, Alt-Landammann von Uri

Arnold von Silenen, Landammann von Uri

Werner II. von Attinghausen, künftiger Landammann von Uri

Konrad Ab Iberg, Landammann von Schwyz

Ausführlichere Informationen zu den beteiligten Personen und Übersichten zu den verwandtschaftlichen Verflechtungen sind im Anhang zu finden.

Bei der ersten Erwähnung einer Person weist ein Pfeil auf das Register im Anhang hin.

Die Darstellung von Rudolf von Habsburg gilt als das erste lebensechte Herrscherporträt im Heiligen Römischen Reich. Die Grabplatte ist heute, nach langer Odyssee, in der Krypta des Doms von Speyer (DE) zu sehen.

PROLOG

FRIEDENS-SCHLUSSNACH EINEMLANGENKONFLIKT

Mitte Juli 1291 war König Rudolf von Habsburg 73-jährig in Speyer gestorben. Ein gutes Jahr später, am 24. August 1292, versammelte sich eine illustre Schar von Männern im kleinen Dorf Sirnach unweit des St. Galler Städtchens Wil. Die wichtigsten Häupter der grossen Adelsgeschlechter rund um den Bodensee hatten neun Tage zuvor einen Waffenstillstand vereinbart und versuchten nun einen Friedensschluss.1 Seit besagtem Sommer 1291 hatte sich ein Konflikt hochgeschaukelt, der im Dezember in kriegerischen Aktionen gipfelte. Auf der einen Seite stand der österreichische →Herzog Albrecht, Sohn des verstorbenen ersten habsburgischen Königs Rudolf. Sein Kontrahent war →Rudolf von Habsburg-Laufenburg, Bischof von Konstanz und Vetter König Rudolfs. Nach der Niederschlagung des Aufstands des sogenannten Landsberger Bundes in der Steiermark war Albrecht im April über Innsbruck nach Westen gereist. Er hatte Schwiegervater Meinhard von Tirol seine Aufwartung gemacht und hoffte nun, die Nachfolge seines Vaters anzutreten: In Frankfurt am Main stand Anfang Mai, zehn Monate nach dem Tod Rudolfs von Habsburg, endlich die Wahl des neuen Königs an. In den letzten Monaten hatte sich die politische Situation im Reich allerdings zu Albrechts Ungunsten verändert. Der →böhmische König Wenzel und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg hatten ihm die Unterstützung entzogen, ebenso die rheinischen Erzbischöfe. Am 5. Mai wählten die Reichsfürsten Graf Adolf von Nassau zum König. Herzog Albrecht war mit seiner Anhängerschaft ins Elsass gezogen und wagte sich nicht nach Frankfurt. Er zog sich schliesslich südlich des Rheins zurück und nahm sich der Probleme in den habsburgischen Stammlanden zwischen Genfersee und Bodensee an.2

Rudolf von Habsburg hatte 1254 →Gertrud von Hohenberg geheiratet, die aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht stammte und Besitz im Elsass in die Ehe brachte. Bei der Geburt Albrechts 1255 war Rudolf bereits 37 Jahre alt und stand schon 15 Jahre an der Spitze der Familie. Sein Vater hatte sich möglicherweise 1239 für den Kreuzzug der französischen Barone zur Verteidigung der Reste des Königreichs Jerusalem gegen die ägyptischen Ayyubiden verpflichtet. Er war 1240 im Heiligen Land verstorben. Die Habsburger waren Grafen im Aargau und Elsass und treue Vasallen des Stauferkaisers Friedrich II. Der Kaiser soll der Legende nach 1218 Taufpate von Rudolf gewesen sein. Rudolf selbst stand 1241 in Norditalien bei Faenza und Spoleto in Diensten Friedrichs. Die namensgebende Burg, hoch über der Aare bei Brugg gelegen, war damals bereits kaum mehr von Bedeutung. Rudolf hatte Besitz und Rechte zwischen Strassburg und der Innerschweiz, war ständig unterwegs, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten und auszubauen. Die damaligen Herrscher regierten überwiegend aus dem Sattel, besassen noch keinen Hofstaat mit vielen Bediensteten und mussten sich durch ihre Präsenz die Herrschaft sichern.

Kaiser Friedrich II. starb 1250. Rudolf konnte seine Positionen in den Wirren der letzten Jahre der Stauferherrschaft und danach – teilweise gegen den Widerstand seiner Vettern aus der eigenen Familie, der Linie Habsburg-Laufenburg – ausbauen. Und wenige Jahre später gelang es ihm, das Erbe der letzten beiden Grafen von Kyburg, die 1263 und 1264 verstorben waren, an sich zu reissen. Rudolf, als Sohn Heilwigs von Kyburg, der Schwester des letzten Kyburgers im Mannesstamm, vermochte sich gegen die mächtigen Grafen von Savoyen, die ebenfalls Erbansprüche angemeldet hatten, durchzusetzen. Mit diesem Erfolg war Rudolf zwar immer noch ein kleiner Graf im Südwesten des Heiligen Römischen Reichs, hatte aber mittlerweile eine bedeutende Hausmacht im Dreieck zwischen Freiburg im Uechtland, Konstanz und Strassburg aufgebaut. Im Frühling 1273 versuchte er, die Stadt Basel zu erobern. Eine Stadt, mitten in seinem Einflussbereich und natürliche Hauptstadt seines Territoriums. Währenddessen allerdings erreichte ihn die Nachricht seiner Wahl zum König und er brach die Belagerung ab. Die grossen Fürsten und wichtigsten Erzbischöfe des Reichs wählten nicht einen der ihren – der →böhmische König Ottokar galt als Favorit –, sondern einen weniger mächtigen Grafen; ein überraschender Entscheid.

Rudolf von Habsburg erwies sich als zielstrebiger und erfolgreicher König. Nicht nur konnte er die Strukturen im Reich nach einem inneren Zerfall von über 20 Jahren – dem berühmt gewordenen Interregnum – wiederherstellen, er schaffte es auch, seine Familie auf Augenhöhe mit den grossen Reichsfürsten zu bringen. Er schmiedete Koalitionen und konnte seine Kinder erfolgreich verheiraten. Dazu gehörten Verbindungen mit den Herzögen von Bayern und Sachsen, den Markgrafen von Brandenburg und dem böhmischen Königshaus. Die Verbindung mit Böhmen war möglich geworden, nachdem Rudolf von Habsburg seinen wichtigsten Gegenspieler, König Ottokar von Böhmen, in der Schlacht auf dem Marchfeld nördlich von Wien besiegt hatte. Mit diesem Erfolg im Jahr 1278 gelang es Rudolf, die dem Reich ledigen Herzogtümer im Osten, Österreich und die Steiermark, seiner Familie zu sichern. 1282 akzeptierten die Reichsfürsten die Installierung seiner Söhne Albrecht und →Rudolf als Herzöge von Österreich und der Steiermark in Wien und Graz. Damit hatte Rudolf der Familie eine vielversprechende Machtbasis für die Zukunft gesichert. Und er verheiratete Albrecht mit →Elisabeth, Tochter seines wichtigsten Mitstreiters →Graf Meinhard von Görz-Tirol, der seinerseits das Herzogtum Kärnten erhielt.

Nachdem zwei Söhne früh verstorben waren, versuchte der König, den gleichnamigen dritten Sohn als seinen Nachfolger im Reich aufzubauen. Er verheiratete ihn mit →Agnes von Böhmen, einer Tochter des besiegten böhmischen Königs. Rudolf der Jüngere sollte die habsburgischen Besitzungen im Westen übernehmen, das zerfallene Herzogtum Schwaben wiederaufbauen, zu dem auch das Elsass und das heutige Schweizer Mittelland gehörten. Dieser Plan scheiterte mit dessen frühem Tod im Frühling 1290. Damit war Albrecht der einzige männliche Erbe.

Nach dem Tod König Rudolfs hatte sich zwischen August und November 1291 eine breite Koalition von Gegnern gebildet, die Albrechts Herrschaft in den alten Stammlanden südlich des Rheins infrage stellten und seine lange Abwesenheit in den österreichischen Herzogtümern, an deren Spitze er seit 1282 stand, nutzen wollten. Gegner, die in den vergangenen Jahren auf der Verliererseite gestanden hatten. Anführer dieser Koalition waren Graf →Amadeus V. von Savoyen, mit Hausmacht rund um den Genfersee bis nach Murten, sowie Rudolf von Habsburg-Laufenburg, Vetter König Rudolfs und seines Zeichens Bischof von Konstanz. Dazu gehörten aber auch die wichtigen Reichsstädte Bern, Zürich und Konstanz. Selbst das im April 1291 habsburgisch gewordene Luzern hatte sich abgewandt. Eine gefährliche Situation für den Habsburger Herzog, der im Winter mit schweren Problemen in der Steiermark gefordert gewesen war.

Der Friede von Sirnach Ende August 1292 stellte im Wesentlichen den Status quo wieder her. Herzog Albrecht konnte seine Stellung zwischen Genfersee und Bodensee wiedergewinnen und neu absichern. In der letzten Augustwoche kam damit ein Konflikt zum Abschluss, der in den Ereignissen des Jahres 1291 gründete. Diese stehen in der Folge im Mittelpunkt: das Ende der beeindruckenden Laufbahn des 1273 zum König gewählten Habsburgers Rudolf und die Widerstände, die nach seinem Tod im Sommer zwischen Genf und Konstanz aufloderten.

JANUAR

KONSTANZ

EINALTER KÖNIGKEHRTZURÜCK

Der alt gewordene König Rudolf trifft Ende Januar 1291 von Nürnberg kommend in Konstanz ein. Er hat schwierige Monate hinter sich. Sein erst 20-jähriger Sohn Rudolf ist im Mai des Vorjahres überraschend verstorben, im Juli fiel der ungarische König einem Mordanschlag zum Opfer. Einiges ist schiefgelaufen mit seinen Plänen, die Zukunft des Reichs und das Wohlergehen seiner Familie zu sichern. Wie lange wird er noch Zeit haben, seine Angelegenheiten zu regeln?

Ende Januar 1291 traf König Rudolf von Habsburg mit seinen Getreuen in der Bischofsstadt Konstanz ein. Er kam von einem Hoftag im thüringischen Erfurt und war über Nürnberg und Ulm in den Süden gereist. In Erfurt hatte er sich seit Dezember 1289 fast ein Jahr lang aufgehalten. Entscheidendes war geschehen, aber nicht alles war nach seinen Vorstellungen gelaufen; familiäre Katastrophen und schwierige Reichspolitik hatten die letzten Monate bestimmt.

Zwar hatte er die Nachfolgeprobleme in Thüringen, Meissen und der Lausitz im Sinne des Reichs lösen können. Am 10. Mai 1290 war aber der erst 20-jährige Sohn Rudolf – sein potenzieller Nachfolger – überraschend in Prag verstorben.3 Ehefrau, und nun Witwe, war Agnes von Böhmen, Tochter von König Ottokar von Böhmen, dem grossen Konkurrenten von Rudolf um die Königskrone, der 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld nördlich von Wien gegen den Habsburger sein Leben gelassen hatte. In Prag hatte der Schwager von Rudolf dem Jüngeren, der um ein Jahr jüngere Wenzel, Sohn von Ottokar, 1288 die Herrschaft übernommen. Er war verheiratet mit →Guta von Habsburg, einer Tochter des Königs. Die Habsburger hatten sich durch die doppelte Verschwägerung einen verstärkten Einfluss auf die böhmische Krone erhofft. Und sie zählten auf die Unterstützung des Böhmen für eine habsburgische Nachfolge im Reich. Mit dem Tod Rudolfs des Jüngeren war diese vorerst ausser Traktanden gefallen.

Am 10. Juli 1290 war eine weitere Hiobsbotschaft gefolgt: Der ungarische König Ladislaus IV. war vom Ehemann seiner kumanischen Geliebten ermordet worden. Das Turkvolk der Kumanen war in der Folge des Mongolensturms 1239 bis 1241 in den Westen gelangt und hatte sich zu einer Stütze des ungarischen Königshauses entwickelt. Ladislaus selbst hatte eine kumanische Mutter. Er hatte zwischen 1276 und 1278 den Habsburger König Rudolf unterstützt und massgeblich zu dessen Sieg über Ottokar von Böhmen beigetragen. Ladislaus war kinderlos, und so stürzte sein gewaltsamer Tod das Königreich Ungarn in ein Interregnum. Seine Witwe Isabella von Neapel aus dem französischen Haus der Anjou stand einem feindseligen ungarischen Adel gegenüber, der keinen Nachfolger aus Frankreich oder dem italienischen Süden wollte. Das ungarische Königshaus der Arpaden drohte zudem auszusterben. Schliesslich wurde der 25-jährige Andreas III. aus einem Seitenzweig des Hauses auf den Schild gehoben. Er wurde der «Venezianer» genannt, weil er eine venezianische Mutter hatte und einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Venedig verbracht hatte. König Rudolf aber wollte Andreas’ Thronübernahme verhindern: Am 19. August traf Sohn Albrecht mit grossem Gefolge in Erfurt ein, und der König übertrug ihm am 31. August das Königreich Ungarn.4 Ein Entscheid, der ohne Folgen blieb, nicht zuletzt, weil es umstritten war, ob Ungarn überhaupt als Reichslehen angesehen werden konnte, und auch, weil sich Papst Nikolaus IV., der erste Franziskaner auf dem Heiligen Stuhl, vehement dagegenstemmte. Andreas III. konnte sich in der Folge in Budapest durchsetzen. Wie würde er zum habsburgischen König stehen. Loyal wie sein Vorgänger, oder würde er sich gegen den König oder seinen Sohn wenden?

Herzog Albrecht war aber nicht nur wegen der ungarischen Sache an den Reichstag nach Erfurt gekommen. Es ging um mehr. Sein Vater wollte ihn nach dem frühen Tod des jüngeren Bruders Rudolf noch zu seinen Lebzeiten zum König und damit zu seinem Nachfolger wählen lassen. Der Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Oberbayern,