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Zeitenwende? Höllenritt ? Jedenfalls mit Unterhaltungswert für die Nachgeborenen: Lotte Lenya verkauft das letzte Schmuckstück, das sie sich erschlafen hat; Bertolt Brecht fällt dreimal durch und wird berühmt; Kurt Tucholsky wird Banklehrling; in Thüringen und Sachsen ist Revolution; Adolf Hitler probt die Machtergreifung; Pianist George Antheil kauft sich für Konzerte eine Pistole; Franz Kafka spaziert in Steglitz. Und das Geld ? Ach, das Geld … Peter Süß erzählt in Rückblenden – unglaublich, so wie das ganze unvorstellbare Jahr. »1923 (…) dieses ›tolle Jahr‹ ist heute halb vergessen, aber es war das erregendste von vielen aufregenden Jahren, die Deutschland (…) durchlebt hat.« Sebastian Haffner »Ein Buch wie ein Film. Was passierte noch alles, und nicht nur im Kintopp, als Hitler im Bürgerbräukeller putschte? Deutschlands Schicksalsjahr in rasant erzählten Geschichten, mit Witz und Augenzwinkern. Und großartig geschrieben.« Dieter Kosslick
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Peter Süß
Endstation
Alles einsteigen!
BERENBERG
Aufblende
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember
Anhang
Anmerkungen
Benutztes Material
Danksagung
Über den Autor
Als Adolf Hitler an diesem kalten und trüben Donnerstagmorgen in seinem Münchner Pensionszimmer erwacht, plagen ihn heftige Kopf- und Zahnschmerzen.1 Aber für Ärzte ist heut keine Zeit. Denn Hitler plant nichts weniger als einen Putsch gegen die Reichsregierung der jungen Weimarer Republik, die seit ihrem Beginn, fünf Jahre zuvor, von einer Krise in die andere taumelt.
Gegen neun Uhr ruft er seinen Sekretär an, den ihm blind ergebenen Rudolf Heß, der sofort zum »Führer« eilt. Heute ist der Tag, auf den Hitler seit Monaten hingearbeitet hat.
Es ist der Morgen des 8. November 1923.
Vor zwei Tagen hat der bayerische Diktator Gustav von Kahr für den Abend zu einer Rede in den Bürgerbräukeller geladen, und kaum annonciert, fasst Hitlers den Entschluss, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen.
Rasch arbeitet er mit Heß eine Verhaftungsliste aus, sehr praktisch, dass alle wichtigen Notablen anwesend sein werden, darunter zahlreiche Kabinettsmitglieder der bayerischen Staatsregierung. Von München soll ein Signal ausgehen für den Marsch auf Berlin, ähnlich wie es Benito Mussolini in Italien ein Jahr zuvor mit seinem »Marsch auf Rom« vorexerziert hat.
Um elf Uhr stürmt Hitler in die NSDAP-Zentrale an der Schellingstraße, angetan mit zerknittertem Trenchcoat, die Nilpferdpeitsche in der Hand, und will Hermann Göring sprechen. Doch der ist mal wieder spät dran. Dem Chefredakteur des VölkischenBeobachters, Alfred Rosenberg, und Ernst »Putzi« Hanfstaengl, einem wohlhabenden Deutsch-Amerikaner und frühen Förderer Hitlers, ruft er zu: »Heute Abend schlagen wir im Bürgerbräukeller während Kahrs Ansprache los.«2
Gustav Ritter von Kahr, bayerischer Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten, bewegt sich seit seinem Eintritt in die Politik auf der äußersten rechten Seite des politischen Spielfeldes, wo man nur noch einen langen Strich hat, auf dem man gehen kann. Kahr ist ein biederer, bornierter Beamter, ein Mann, der noch im Sitzen stolziert, kein Politiker seinem Wesen nach.
Aber noch hat er was zu sagen, das herrschende »Triumvirat« besteht aus ihm selbst, dem Kommandanten der Reichswehr in Bayern, Otto von Lossow, sowie Polizeichef Hans von Seißer. Was haben sie vor? Vor allem, was beabsichtigt Kahr mit seiner Rede im Bürgerbräukeller, zu der die Münchner Oberschicht geladen ist? Plant er etwa, die Wittelsbacher Monarchie wieder einzusetzen, für Hitler degeneriertes Hofschranzentum?
Oder will sich Kahr nach langem Zögern, Hitler übergehend, an die Spitze der Bewegung gegen die verhasste Weimarer Republik stellen? Die rechte Hand weiß nicht, was die Hand noch weiter rechts von ihr plant, und umgekehrt.
Neben der Überlegung, möglichst viele Gegenspieler und Bremser eines Umsturzes auszuschalten, gesellt sich ein zweiter Grund für die Aktion, und den hat Hitler selbst zu verantworten: Die Geister, die er gerufen, er wird sie nicht mehr los! Über Monate hat er Putschgerüchte mal befeuert, mal dementiert, das letzte Mal vor ein paar Tagen. Doch die Wahrheit ist: Sein Stoßtrupp Hitler, Speerspitze der Attacke, will nicht mehr warten. Die Männer seiner Schutzgarde leiden materielle Not, seit Wochen ist vom »Losschlagen« die Rede, und werden Erwartungen ständig enttäuscht und nichts passiert, dann gehen Soldaten von der Fahne.
Hitler will das Überraschungsmoment nutzen. Durch den gewaltsamen Auftritt soll das Triumvirat unter Zugzwang gesetzt werden: »Wir müssen die Leute hineinkompromittieren, dann können sie nicht mehr zurück«,3 erklärt Hitler Hanfstaengl seine Absichten. Er will den drei Zauderern »einen kleinen Schubs geben«, auf »daß sie endlich in das ihnen zu kalt erscheinende Wasser«4 springen.
Kaum ist Hitler in der Schellingstraße eingetroffen, ergehen die Befehle zur Mobilisierung an die Führer der Nazi-Truppen, teilweise per Bote oder Fahrradkurier. Ein Problem: Hitler will den Kreis der Eingeweihten so klein wie möglich halten, damit nichts vorab durchsickert. Das führt dazu, dass Kampfverbände im Unklaren gelassen werden, was heute wirklich passieren soll, und einige bis zuletzt von einer Übung ausgehen.
Um 16 Uhr fährt Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff bei Kahr vor. Eigentlich hat er den Termin gemeinsam mit Hitler wahrnehmen wollen, doch seit einiger Zeit schneidet Kahr Hitler. Das Ziel Ludendorffs ist, wie er später selber sagt, »von Kahr persönlich zu erfahren, welche Position er einnahm und was er zu tun gedachte«. Kahr wiederum will Ludendorff davon überzeugen, »daß die Zeit noch nicht reif war«. Im Prinzip wollen beide dasselbe: Die verhasste Berliner Regierung Ebert/Stresemann stürzen und ein neues nationalistisches Regime errichten, um Deutschlands »Ruhm und Ehre«5 wiederherzustellen. Wie frühere Besprechungen führt auch diese zu nichts, um 17 Uhr gehen beide auseinander.
Der große Saal des Bürgerbräus an der Rosenheimer Straße fasst 3.000 Menschen und ist an diesem Abend voll besetzt. Tische und Stühle stehen so eng beieinander, dass die Kellnerinnen, die Masskrüge fest in den Händen, kaum durchkommen.
Hitlers roter Mercedes-Kompressor setzt sich von der Schellingstraße aus Richtung Innenstadt in Bewegung. Begleitet wird der Chef von seinem Leibwächter Ulrich Graf, Alfred Rosenberg und dem nichtsahnenden NSDAP-Gründer Anton Drexler. Am Bürgerbräu angekommen, eröffnet Hitler diesem, was er vorhat. Der verstimmte Drexler wünscht ihm viel Glück und zieht von dannen.
Inzwischen hat sich vor dem Gebäude eine beträchtliche Menschenmenge gebildet. Doch außer den Geladenen sowie Prominenz lässt die Polizei niemanden mehr rein. Im Saal selbst hat sich einerseits das Establishment der Stadt eingefunden, aber auch viele Nichteingeladene haben sich Zutritt verschafft, darunter auffällig viele von der NSDAP und Angehörige des Kampfbundes, des Zusammenschlusses der rechtsextremistischen Paramilitärs.6
Als Hitler das Gedränge vor dem Eingang sieht, ist er besorgt, dass er die eben begonnene Veranstaltung nicht werde stürmen können. Er wendet sich an einen Polizisten, den er kennt, und der Privatmann Adolf Hitler »befiehlt« diesem, den Bereich räumen zu lassen. Konrad Heiden, Hitlers erster Biograf, hat die Szene mit beißender Ironie kommentiert: »Die Polizei hat auf Hitlers Befehl den Weg für Hitlers Putsch freigemacht.«7
Mit seinem Gefolge begibt sich Hitler ins Brauhaus und lehnt sich an eine Säule ungefähr dreißig Meter entfernt vom Podium. Putzi Hanfstaengl schlendert mit einem Bündel großer Scheine zu einem Ausschank und kauft Bier. Aus dem Vorraum späht Hitler, innerlich aufs höchste erregt, immer wieder in den Saal. Es ist 20.15 Uhr. In wenigen Minuten sollen bewaffnete Sturmtruppen eintreffen.
Bereits anwesend ist das nichtsahnende Triumvirat. Ihr Anführer, der Diktator Gustav von Kahr, bewegt sich schwerfällig zum Podium. Er trägt einen altmodischen Gehrock, seine Schultern hängen, die Ärmel sind viel zu lang. Eher murmelnd denn flammend sprechend, beginnt er seine Rede.
Sehr bald verbreitet sich im Saal gähnende Langeweile, Kahrs aneinandergereihte hohltönende Phrasen über Marxismus, menschliche Trägheit und die faule Masse vermögen kein Feuer zu entfachen.
Hitler hat längst genug gehört. An der Garderobe entledigt er sich seines Trenchcoats, und nun kommt ein eigentümliches Gewand zum Vorschein: Er trägt eine dunkelgestreifte Hose sowie einen langen schwarzen Gehrock, und wäre nicht das angeheftete Eiserne Kreuz, man hielte ihn für einen Kellner, der gerade pausiert, oder für den Portier eines drittklassigen Hotels.
Draußen vor dem Bürgerbräu schiebt Wachtmeister Johann Bruckmeier den Kragen seines Mantels hoch, um sich vor der nassen Kälte zu schützen, und späht hinaus auf die vom fahlen Laternenlicht beleuchtete Rosenheimer Straße. Plötzlich rattern aus beiden Richtungen Konvois von Lastwagen mit Anhängern auf das Brauhaus zu. Vom Trittbrett des Wagens an der Spitze springt der beleibte Hermann Göring. Dutzende Schwerbewaffnete in Kampfausrüstung mit Gewehren, Pistolen und Handgranaten folgen ihm und stoßen auf das Gebäude vor, das komplett abgeriegelt wird.
Hitler wirft einen Blick auf seine Taschenuhr, es ist 20.30 Uhr, als Göring zusammen mit seinem Trupp im Vestibül auftaucht. Dieses Mal tatsächlich pünktlich.
»In nationalen Kreisen«, nuschelt Kahr, »glaubt man, es genüge die Wiederherstellung einer starken Staatsautorität. Auch der stärkste und mit der größten Macht ausgestattete Mann kann das Volk nicht retten ohne tatkräftige und von nationalem Geist getriebene Hilfe vom Volk …«8
Als neben ihm das Maschinengewehr in den Vorraum gefahren wird, gibt Hitler, mit gezücktem Browning, das Zeichen, die gewaltigen Schwingtüren zum Saal aufzureißen. Er nimmt einen letzten Schluck, wirft die halbe Mass klirrend zu Boden und stürmt zusammen mit etwa zwanzig bewaffneten Männern in den Saal. Den Abschluss der Gruppe bilden Göring im Gummimantel mit Gürtel, gezogenem Säbel, den Pour le Mérite um den speckigen Hals, auf dem Kopf einen Stahlhelm mit aufgemaltem großem Hakenkreuz, und Hanfstaengl, der seine Pistole so weit wie möglich vom Körper hält, weil er Angst hat, sie könnte losgehen.
»Wollte man ohne sich auf die begeisterte Mithilfe des Volkes …«9 Weiter kommt Kahr nicht, denn inzwischen ist der Tumult hinten im Auditorium nicht mehr zu ignorieren.
Hitler rechnet mit einem schnellen Auftritt, doch obwohl seine Mitverschwörer und Stuhlbeinrevoluzzer ihm unter Drohungen und Einsatz von Gewalt den Weg bahnen, benötigt er mehrere Minuten bis zur Bühne, was den beabsichtigten dramatischen Effekt beträchtlich mindert.
Während um ihn herum Stühle umkippen und Bierkrüge zerscheppern, springt Hitler, jetzt schon in der Nähe des Auditoriums, auf einen Tisch und schießt, nur wenige Meter von dem wie eingefroren wirkenden Kahr entfernt, mit seiner Pistole in die Decke: »Die nationale Revolution ist ausgebrochen«, schreit er. »Der Saal ist von 600 Schwerbewaffneten besetzt. Ein Verlassen des Saals ist unmöglich. Wenn nicht sofort Ruhe eintritt, kommt noch ein Maschinengewehr auf die Galerie.«
Schlagartig wird es still, bleich und mit vor innerer Erregung gellender Stimme brüllt Hitler: »Die bayerische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt, eine provisorische Reichsregierung wird gebildet, die Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und Landespolizei rücken bereits unter den Hakenkreuzfahnen heran.«10
Auf dem Podium verfolgt Gustav von Kahr das Geschehen entgeistert und stumm. Barsch wendet sich Hitler an das Triumvirat und fordert es auf, mit ihm in das von Heß am Nachmittag angemietete Nebenzimmer zu gehen. Laut, dass alle es hören können, fügt er hinzu: »In zehn Minuten ist alles erledigt. Ich garantiere für Ihre Sicherheit.«
Ein Gefühl von Ekel und Wut erfasst Kahr, und zunächst weigert er sich, mit Hitler zu sprechen. Doch wird er zusammen mit Lossow und Seißer von schwerbewaffneten Kräften aus dem Saal geführt.
Inzwischen hat das Publikum nicht nur seine Fassung wiedergewonnen, auch Unmut über das eben gesehene Schauspiel regt sich. »Theater«, »Mexiko« oder »Südamerika« rufen einige, und die SA hat Mühe, mit den üblichen Saalschlachtmethoden Ordnung zu schaffen.
Im Nebenraum kommt es zu einer bizarren Szene, und wiewohl sich die Versionen von ihr mitunter beträchtlich unterscheiden, treten ihre Grundzüge doch deutlich hervor.
»Komödie spielen«, will Lossow den beiden Mittriumvirn zugeflüstert und sie sich durch Blicke darauf verständigt haben. Das ist mehr als unglaubwürdig, denn es passt so gar nicht zu der Auseinandersetzung, die sich zwischen Hitler und dem Triumvirat entspinnen soll.
Vielmehr dient die Komödienerzählung dazu, später den Eindruck zu stützen, das Trio sei nur zum Schein Hitlers Weg des gewaltsamen Putsches gefolgt.
Im Saal bricht sich inzwischen die Erkenntnis Bahn, in einer Falle zu sitzen. Die SA bewacht alle Ausgänge, schlägt und tritt jeden, der versucht, das Lokal zu verlassen. Erneut flackert Unmut auf, den zunächst der frühere Polizeipräsident Ernst Pöhner beruhigen will. Doch wird er von einem SA-Mann in den Nebenraum gebeten, weil Hitler ihn braucht.
Jetzt wirft Hermann Göring seinen Gummimantel über einen Stuhl, wuchtet seinen massigen, ordensgeschmückten Leib auf das Podium und bellt die Leute in Kommandoton an: »Volksgenossen! Heute beginnt die Nationale Republik.« Die Aktion, so schreit er weiter, richte sich nicht gegen Kahr, nicht gegen die Truppe oder die Polizei, sondern ausschließlich gegen die »Berliner Judenregierung«.
Gemeint ist das wohl als Beruhigung der Versammelten, in ihrer Mehrheit Anhänger Kahrs. Aber Görings launischen Schlusssatz empfindet das überwiegend bürgerliche Publikum als Affront: »Im übrigen können Sie zufrieden sein, Sie haben ja ihr Bier!«11
In diesem Aufzug stürmt Hermann Göring am Abend des 8. November 1923 an der Seite Hitlers den Saal des
Bürgerbräus
in München. Als die Nazis an der Macht sind, behält »der letzte Renaissancemensch«, als der sich Göring selbst gerne sieht und als zweiter Mann im Dritten Reich, die Vorliebe für eigenwillige Uniformen, die er sich schneidern lässt und bis zu dreimal am Tag wechselt. Seine größte Vorliebe gilt den extravaganten Kostümen, die er als »Reichsjägermeister« trägt. Eines Abends kommt er zu spät zu einem Empfang des britischen Botschafters Sir Eric Phipps und entschuldigt sich damit, er habe bis eben gejagt. Was Sir Eric Phipps trocken kommentiert: »Auf Tiere, wie ich hoffe.«
12
Unterdessen redet im Nebenzimmer ein erregter Adolf Hitler auf das Triumvirat ein: »Niemand verläßt lebend das Zimmer ohne meine Erlaubnis.« Und im gleichen Atemzug und mit der Pistole fuchtelnd, versichert Hitler, niemandem werde ein Leid geschehen, und dann noch, wie zur Entschuldigung: Er habe so handeln müssen, um den Herren die Übernahme ihrer neuen Ämter zu erleichtern. Die verteilt Hitler freigebig: Pöhner soll Ministerpräsident mit diktatorischen Vollmachten werden. Kahr trägt Hitler das Amt eines Landesverwesers an, das es bis dato gar nicht gibt. Und so in einem fort: Reichsregierung Hitler, Nationalarmee Ludendorff, Seißer Polizeiminister.
»Ich weiß, daß den Herren der Schritt schwerfällt, der Schritt muß aber gemacht werden. Man muß es den Herren erleichtern, den Absprung zu finden. Jeder hat den Platz einzunehmen, auf den er gestellt wird, tut er das nicht, so hat er keine Daseinsberechtigung. Sie müssen mit mir kämpfen, mit mir siegen oder mit mir sterben. Wenn die Sache schiefgeht, vier Schüsse habe ich in der Pistole, drei für meine Mitarbeiter, wenn sie mich verlassen, die letzte Kugel für mich.« Dann setzt Hitler sich in einer theatralischen Szene die Pistole an die Schläfe, um dem bestürzten Triumvirat mitzuteilen: »Wenn ich nicht bis morgen nachmittag Sieger bin, bin ich ein toter Mann.«
Im Prozess 1924 wird Hitler aussagen, Kahr sei ein gebrochener Mann gewesen, als er ihm das Amt angetragen habe. Dessen Entgegnung zeugt hingegen von einiger Standhaftigkeit, besonders bei einem Mann, der für Heldenmut nicht bekannt ist: »Sie können mich festnehmen«, erklärt Kahr Hitler ruhig. »Sie können mich totschießen lassen, Sie können mich selber totschießen. Sie haben jetzt die Macht. Sterben oder nicht sterben ist für mich bedeutungslos.«13
Es ist diese Mischung aus Resignation und Trotz, an der Hitler sich die Zähne ausbeißt. Auch verfangen sanftere Töne nicht und der Appell, die Not der Menschen nicht zu vergessen und es den »Novemberverbrechern« in Berlin keinesfalls zu gestatten, den fünften Jahrestag ihres »Verrats« am deutschen Volk zu begehen. Als er auf das Unvermeidliche der Situation aufmerksam macht und erklärt: »Die nationale Revolution ist ausgebrochen, ein Zurück gibt es nicht mehr«, antwortet ihm ein erboster Seißer in eisigem Ton: »Aber Sie haben Ihr Wort, keinen Putsch zu machen, gebrochen.«
»Ja, das habe ich getan«, antwortet Hitler, fuchtelt wieder mit seinem Browning rum und setzt zu einem neuerlichen Monolog an: »Verzeihen Sie mir. Aber ich tat es im Interesse des Vaterlandes und …«
»Aber unter diesen Umständen«, unterbricht Kahr, »können Sie nicht von mir erwarten, daß ich mitmache. Denn ich wurde von Bewaffneten herauseskamotiert. Es könnte bei der Versammlung der Eindruck erweckt werden, als ob ich bei meinen Entschlüssen unter einem Zwang gestanden hätte.«14
Die Abwehrfront gegen ihn ist von der Härte eines Schildkrötenpanzers. Frustriert von den störrischen Triumvirn, begibt Hitler sich wieder in den Festsaal, in der Hoffnung, dort die Stimmung zu drehen.
Die hat sich in den etwa 15 Minuten, seit Hitler mit seinem bewaffneten Haufen die Versammlung gesprengt hat, fast komplett gegen ihn gewendet. Als zu irrsinnig und unmöglich empfinden die meisten Hitlers Gebaren. Jetzt kommt er zurück. Er hat es also nicht vermocht, das Triumvirat zu überzeugen. Was wird nun folgen?, fragt sich die Menge.
Hitler tritt ans Podium, und war sein erster Auftritt noch von herrischer Erregung geprägt, ist er nun die Ruhe selbst: »Deutsche Volksgenossen«, beginnt er. »Heute vor 5 Jahren wurde die größte Schandtat begangen, die unser unglückliches, armes Volk in dieses maßlose Elend gestürzt hat. Heute noch müssen wir dem Elend und der Schande ein Ende setzen.«15
Und er fährt fort: »Eine neue deutsche nationale Regierung wird hier in Bayern, hier in München, heute noch ernannt. Es wird sofort gebildet eine deutsche nationale Armee. Ich schlage daher vor: Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute Deutschland tief zugrunde richten, übernehme die Leitung der Politik der provisorischen nationalen Regierung ich (…). Die Aufgabe der provisorischen Regierung ist, mit der ganzen Kraft dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu retten.«16
Ohne pathetisch zu werden, zieht Hitler die Trugbilder der Realität vor. Ganz so, als handele es sich bereits um vollendete Tatsachen, dass die Reichsregierung abgesetzt, eine neue gebildet sei, mit Ludendorff, Lossow, Seißer und ihm selbst an der Spitze sowie Kahr als Reichsverweser in Bayern. Hitlers Autosuggestion überträgt sich auf den Saal, mit einer meisterhaften Rede dreht er die Stimmung wie »einen Handschuh« um. »Es hatte, so beschreibt es ein Zeitzeuge, etwas von einem Hokuspokus, von einer Zauberei.«
Denn jetzt setzt Hitler an, den letzten Stoß zu führen. Auch Putschkunst, so könnte man in Abwandlung eines berühmten Satzes sagen, beruht auf Betrug. Nicht ohne einen Anflug von Selbstergriffenheit wendet er sich direkt ans Auditorium: »Ich frage Sie nun: Draußen sind drei Männer: Kahr, Lossow und Seißer, sie ringen schwer mit dem Entschluß. Kann ich Ihnen sagen, daß Sie hinter ihnen stehen werden? ›Ja! Ja!‹ scholl es sturmartig anschwellend von allen Seiten.« Getragen von einer Welle der Begeisterung, ja Massenpsychose setzt Hitler den Schlusspunkt: »Der Morgen findet entweder eine deutsche nationale Revolution oder uns tot.«17
Nebenan hat sich unterdessen die Stimmung entspannt. Von ihren Bewachern erbitten sich Lossow und Seißer eine Zigarette, nur Kahr hört nicht auf zu quengeln: Unerhört sei es, dass seine Rede unterbrochen und er aus dem Saal eskamotiert worden sei.
Auf dem Weg zurück ins Nebenzimmer drückt Hitler Göring die Liste mit den Namen der zu Verhaftenden in die Hand und befiehlt, diese im ersten Stock festzusetzen. Anschließend beschwört er das Triumvirat erneut, seinen Widerstand aufzugeben. Die Versammlung werde sie auf Händen tragen, doch wieder erntet er nichts als pikiertes Gemurre von Kahr, der darauf keinen Wert legt.
Von draußen sind jetzt Heilrufe zu hören, Beifall brandet auf, ein neuer Akteur tritt auf, der einiges Gewicht auf die Waagschale bringt, einer der »Helden« des Ersten Weltkriegs und Idol der Völkischen, General Erich Ludendorff.
Undenkbar, dass er über den Putsch nicht Bescheid weiß. Vielleicht ist er verärgert, weil Hitler sich selbst an die Regierungsspitze befördert hat und ihm nur die Aufgabe zukommt, die bayerische Reichswehr gen Berlin zu führen. Jedenfalls schneidet er, wie sich die Zeitzeugen erinnern, bei seinem Erscheinen im Nebenraum Hitler, würdigt ihn keines Blickes.
In der Sache freilich argumentiert er genau wie dieser. »Der Schritt ist getan, es handelt sich um das Vaterland und die große nationale völkische Sache, und ich kann Ihnen nur raten, gehen Sie mit uns, tun Sie das gleiche.«
Und zum Landeskommandanten gewandt: »Na, Lossow, jetzt machen wirs.«
Der ist ganz gerührt. Da steht der größte Soldat des Krieges vor ihm und erwartet kameradschaftlich Pflichterfüllung. Mit »Tränen in den Augen«18 knallt Lossow die Hacken zusammen, schlägt mit kräftigem Handschlag ein, das nennt sich Gefolgschaft.
Gefangen im Passepartout des Soldatentums, jener endlosen Abfolge von Befehl und Gehorsam, willigt auch Oberst Ritter von Seißer ein, als Ludendorff ihn bittet, den Putsch zu unterstützen. Die begleitenden Ehrbezeugungen und Gesten der Zustimmung strafen alle späteren Behauptungen des Triumvirats Lügen, ihre Zusicherungen seien erpresst worden.
Nur Kahr ist immer noch verstockt und damenhaft beleidigt. Hitler verabscheut er, Ludendorff ist ihm seit je zuwider, seine Mitstreiter haben ihn im Stich gelassen. Und weil alle nicht müde werden, auf ihn einzureden, greift Kahr nach dem letzten Strohhalm und holt für sich heraus, was rauszuholen ist: Unter gewissen Umständen sei er bereit, die Geschicke Bayerns zu leiten, als Statthalter der Monarchie. Die ist zwar das Letzte, was Hitler will, den Kronprinzen sieht er als Ballast an, ihn über Bord zu werfen aber als das Problem eines anderen Tages. Wichtig ist jetzt, dass Kahr nach außen sichtbar mitzieht. Hitler dankt ihm überschwänglich.
Die Stimmung im überfüllten, alkohol- und rauchgeschwängerten Saal ist inzwischen gereizt. Einige sind ungeduldig, weil sie schon über eine Stunde festgesetzt sind, andere in gespannter Erwartung, als die Akteure auf das Podium zurückkehren. Es ist nicht breit genug, um allen nebeneinander Platz zu bieten, und so findet sich Ludendorff in der Mitte, neben sich Kahr und Hitler, während die anderen, kaum zu sehen, mit den Plätzen in der zweiten Reihe vorliebnehmen müssen.
Der immer noch maskenhaft wirkende Kahr legt ein verschwiemeltes Bekenntnis zur Monarchie ab, dem frenetisch applaudiert wird. Mit schimmernden blauen Augen und glücklich lächelnd ergreift Hitler daraufhin die Hand Kahrs, und den Anwesenden drängt sich der Eindruck auf, einer Verbrüderungsszene beizuwohnen, »ein(e) Art Rütlischwur vor versammeltem Volk«.19
Hitler verspricht, »nicht zu ruhen und zu rasten, bis die Novemberverbrecher zu Boden geworfen sind, bis aus den Trümmern des heutigen jammervollen Deutschlands wieder auferstanden sein wird ein Deutschland der Macht und der Größe, der Freiheit und der Herrlichkeit. Amen!«
Die Menge schreit und jubelt ob dieser Travestie des Vaterunsers. Jetzt ist Ludendorff an der Reihe. Immer noch ergrimmt über Hitler, spricht er, als wäre er sein eigenes Denkmal: »Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich mich kraft eigenen Rechts der deutschen Nationalregierung zur Verfügung.«20
Dann bekennen sich Lossow, Seißer und Pöhner zum Umsturz. Und Hitler schüttelt auch ihnen mit kindlicher Freude die Hand. Die Menge tobt. Gerührt und überwältigt von nationalen Gefühlen stimmt sie die Nationalhymne an. 3.000 Kehlen für Deutschland. Es ist 21.40 Uhr.
Die Verheerungen des Ersten Weltkriegs und die Wirren der Nachkriegszeit haben den einstigen Gefreiten auf die politische Bühne gespült. Jetzt ist er der Star des Abends, alle Demütigungen der letzten Jahre – in einer guten Stunde getilgt. Die mächtigsten Männer Bayerns an seiner Seite, den Nationalheroen Ludendorff neben sich. Der verhockte Eigenbrötler, 34 ist er, nichts hat er gelernt, wenig bis nichts geleistet in seinem Leben, mit wenig mehr gesegnet als rednerischem Furor und brachialer Rücksichtslosigkeit, jetzt betritt er die große, die nationale Szene.
Und im Augenblick seines Triumphs unterläuft Hitler ein kapitaler Fehler.
In der Neujahrsnacht tanzt Anita Berber das Laster, das Grauen und die Ekstase, und der einflussreichste Journalist Deutschlands ist angeekelt. Auch Joseph Goebbels ekelt sich, und zwar vor sich selbst, denn er muss bei einer Bank arbeiten. Der junge, unbekannte Bertolt Brecht fordert selbstbewusst, um nicht zu sagen: affenarrogant, ein eigenes Theater, um seine Stücke zu spielen. Gegen Ernst Ludwig Kirchner verschwört sich mal wieder die Welt. So sagt er. Vor allem die Kunstkritiker mögen ihn nicht. So glaubt er. Lässt sich dagegen gar nichts tun? Oh, doch! Die Franzosen rücken ins Ruhrgebiet ein, in Deutschland nimmt die Tragödie ihren Lauf. Gleichzeitig verstrickt sich der spätere »Kronjurist des Dritten Reiches«, Carl Schmitt, in Liebesdingen und futtert Pralinen, bis ihm schlecht wird. Weil Irrationalismus so hoch im Kurs steht wie der Dollar, sitzt Thomas Mann in München einer okkulten Sitzung vor. Dort plant Hitler den ersten Parteitag der NSDAP mit 6.000 bewaffneten SA-Männern und sich selbst als Attraktion in nicht weniger als zwölf Veranstaltungen. Das verbietet die bayerische Staatsregierung. Hitler ist außer sich und wagt die offene Kraftprobe. Schnallen Sie sich an: Es wird ein holpriges Jahr!
In einem eng anliegenden schwarzen Kleid bewegt sich Anita Berber, weiß geschminkt, die Haare kupferrot, der Mund blutfarben, zu einem Lehnstuhl auf der Bühne des Intimen Theaters an der Berliner Bülowstraße. Es ist die Neujahrsnacht, und sie tanzt Morphium.
Im Publikum missfällt dem wirkmächtigsten deutschen Journalisten, Flieger-Major a. D. Adolf Stein, was er sieht: In Berbers Hand kreist die Nadel, mit der sie sich die Droge spritzt.21 Die Nadel fällt zu Boden. Stille, eine dramatische Pause. Dann stützt sich Berber auf die Armlehnen, spannt den Körper zu einem sagenhaften Bogen, »einem morbiden Regenbogen, der nichts Gutes verkündet«.
Die Musik setzt ein, ein Walzer von Mischa Spoliansky.
Was folgt, ist weniger Tanz als Pantomime und Spuk, eine »leicht wellenförmige Trance schüttelt die Tänzerin in langen unvollendeten Bewegungen von einem Stadium ins andere, von Wust zu Wirrnis, von einer halbgrauen Vision zur nächsten«.
Sparsam die Gesten, schlicht die Gesichtsausdrücke, die an »europäisierte japanische Masken«22 erinnern. »Mit barbarischem Elan einer rituellen Handlung vor einem teuflischen Fetisch« in »hinreißender Art ausgeführt«. Morphium ist neben Kokain Berbers berühmteste Darbietung. Sie weiß sehr genau, was sie tanzt.
Vor jedem Auftritt leert Anita Berber eine Flasche Dujardin, die lässt sie sich vertraglich zusichern. Rückhaltlos wie keine Zweite liefert sie sich aus in einer aufsehenerregenden Selbstentblößung und gilt als das erste »It-Girl« der jungen Republik. Vor allem aber ist sie eine kompromisslose Frau, die alles preisgibt von sich und ihrer Kunst alles unterordnet. Doch das begreift fast niemand.
Am Ende der Performance liegt sie über den Armlehnen des Stuhls, und wieder formt ihr Körper einen Bogen, zum Bersten gespannt.
»Wirkliches Morphium ist schmerzstillend, dieser Tanz aber tut einem weh. Ich kann so viele Rippen nicht vertragen«,23 ätzt Stein über die Aufführung. Angewidert notiert er: »So erbricht sich Berlin zum Jahresanfang. Daraufhin kann man schon prophezeien, man habe den Eindruck, daß es 1923 noch keinen Aufstieg für uns gäbe. Erst müssen wir uns des fremden Taumelgiftes, dieses Wiener Methylalkohols der Bühnen, entledigen. Die heilige Scham muß wiederkehren. Ihr folgt die Ehrfurcht vor Größe. Und dann wird ein Volk, auch ein so zerbrochenes, von fremdem Eifer überflutetes, wie das unsrige, wieder stark.«24
Am Beginn des »tollen« Jahres 1923, es ist »das erregendste von vielen aufregenden Jahren«,25 so Sebastian Haffner, beschwört der rechte Starjournalist die Mumie des monarchistischen Deutschlands und die Tänzerin des Lasters, des Grauens und der Ekstase das Rauschgift. Der Vorhang ist aufgezogen für das Stück »Zusammenprall der Kulturen«. Es wird das Jahr prägen.
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Ebenfalls um die Jahreswende will der Dramatiker Arnolt Bronnen den Menschen helfen, die Welt verbessern. Menschen sollten nicht mehr hungern. Was sein Freund, der noch fast vollkommen unbekannte 24-jährige Bertolt Brecht, mit der Bemerkung quittiert, dass es Bronnen doch gar nichts angehe, wenn die Menschen hungern. Was anderes ist ihm viel wichtiger: »Man muß hinaufkommen, sich durchsetzen, ein Theater haben, auf dem man seine eigenen Stücke aufführen kann.«26
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Die lösen bei dem bereits berühmten Dichterkollegen Arthur Schnitzler nicht eben Begeisterungsstürme aus. Er liest Brechts Trommeln in der Nacht und notiert: »Talentspuren, nicht viel mehr. Riecht nicht sehr nach Entwicklung.«27 Da gefällt ihm Waldemar Bonsels Biene Maja besser, »ein feines poetisches Buch«.28
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Der 25-jährige Joseph Goebbels ekelt sich vor sich selbst. Der Grund: Die wirtschaftlichen Verhältnisse zwingen ihn dazu, bei einer Filiale der Dresdner Bank in Köln zu arbeiten.29 Am 2. Januar ist sein erster Arbeitstag. Er, der doch eigentlich Schriftsteller sein will, mindestens aber Journalist, der überall mit »Dr. Goebbels« unterschreibt, muss seine Ideale von der »deutschen Seele« über den Haufen werfen und sich für ein erbärmliches Gehalt dem Mammon andienen.
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Schnitt auf Ernst Ludwig Kirchner und die Schweiz: Anfang des Jahres ist er sauer und macht aus seiner Mördergrube kein Herz.30 Was ist passiert? Die Frau seines Arztes Lucius Spengler, Helene Spengler, hat es gewagt, ihm zu Weihnachten eine Büchse englischen Tees zu schenken. Eigenhändig trägt der geniale Expressionist und Mitbegründer der Brücke ihn zurück in die Villa Fontana in Davos, wo Frau Doktor samt Gatten residiert. Den Tee lässt Kirchner unerwähnt, stellt ihn beim Gehen einfach an der Garderobe ab. Das wiederum findet Helene Spengler unerhört.
Dem reizbaren Kirchner geht die Frau seit geraumer Zeit auf die Nerven, obwohl er – oder weil er? – den Spenglers so viel zu verdanken hat. Nicht nur haben sie ihm im Krieg den Aufenthalt in der Schweiz ermöglicht, Helene Spengler hat ihn auch vom Veronal und Morphium entwöhnt.31 Seitdem scheppert es immer mal wieder zwischen den beiden. Und nun auch noch das!
»Ach Gott, ich habe den Tee nur zurückgegeben, um zu verhindern, daß ich das nächste Mal einen Laib Käse bekomme«, mokiert sich Kirchner. Um dann zu einer seiner berüchtigten Schimpf- und Schmähreden anzusetzen: »Mir ist wirklich Angst vor der sogenannten Güte dieser Frau. Total verlogen und gutmütig, wenn man ihrer Eitelkeit schmeichelt, ist das ein Mensch, der in meinem Leben etwas sagen könnte?«
Die Antwort gibt er sich gleich selbst: »Ich versuchte, ihr den reinen Genuß der Kunst zu zeigen. Aber leichter versteht ein Tier schreiben als diese Frau das Eigentliche an Malerei. Sie stellt sich ein, wenn sie hier ist, aber oh Jammer und Komik, es entfährt ihr einer: Dies Bild ist sehr dekorativ, die (Eidechse) beim grünen Akt, ach gute Frau, geben Sie sich keine Mühe. Sie lernen es nie.«32
Auch setzt eine hartnäckige Grippe Kirchner zu, und seine Lebensgefährtin und Muse Erna Schilling »ist wieder kratzbürstig«.33
Anscheinend hat sich mal wieder die ganze Welt gegen ihn verschworen.
In ruhigen Minuten ist ihm durchaus klar, dass er mit seinen unsteten Gefühlsschwankungen die Welt vor den Kopf stößt. So schreibt er, kurz nach seinem Wutanfall, an seinen alten Freund, den Philosophen Eberhard Grisebach, der zudem der Schwiegersohn Helene Spenglers ist: »Die Geschichte mit dem Tee hat mir nachträglich leid getan, weil Frau Doktor bei all ihrer Güte sie doch ganz falsch verstanden hat. Sie warf mir Laune, Diplomatie und Politik vor, und doch ließ mich nur aufrichtiges Gefühl das tun. Es wäre gewiß leichter für mich und die anderen, hätte ich nur ein wenig diplomatisches Geschick, so würde ich nicht immer in dieser Weise anstoßen.«34
Ein paar Tage später ist die Teegeschichte scheinbar vergessen: Kirchner schickt Orchideen an Helene Spengler, am 20. begibt er sich in die Villa Fontana und lädt die Hausherrin ein, fertig gerahmte Bilder bei ihm zu besichtigen.35
Ihm ist aufgegangen, dass er und seine Lebensgefährtin und Muse Erna Schilling von der Hilfe der Spenglers abhängen. Er will keinen Streit. Doch dann gehen die Pferdchen erneut mit ihm durch. Er ist und bleibt ein Ekelpaket: »Und so ordinär, wie sie sonst empfindet, dürfte auch ihre Rache sein. Da ich hier nur geduldet bin, muß ich so handeln, daß sie keinen Grund zur Rache hat.«36
Diese Einsicht wird seinen Groll weiter befeuert haben. Im Mai zerbricht die Beziehung zu Helene Spengler und Eberhard Grisebach endgültig. Dessen Nerven sind von den wiederkehrenden Auseinandersetzungen angegriffen, und giftig schreibt er an seine Schwiegermutter am Ende des Jahres, er verstehe jetzt, warum Plato die Künstler aus seinem Staat hat ausweisen lassen. »Wo ich ernsten Künstlern begegne, werde ich gerne bei ihnen einkehren, aber allen Krampf kann ich nicht mehr vertragen … «37
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Am 2. Januar scheitern die Reparationsverhandlungen in Paris an der starren Haltung Belgiens und Frankreichs. Binnen weniger Tage steigt der Dollar sprunghaft an, am 4. Januar kostet er 8.800 Mark.
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Brechts Trommeln in der Nacht wird am 5. Januar nach nur vier Aufführungen wegen mangelnden Erfolgs vom Spielplan des Deutschen Theaters genommen. Brecht ist wütend auf Theaterleiter Felix Hollaender, der ein »schwarzes Herz« habe. »Gott wird Gericht über ihn halten«,38 zürnt Brecht. Verärgert ist er außerdem über Otto Falckenberg. Zu bedächtig, zu ruhig und zu langsam ist der 49-jährige Münchner Regisseur nach Brechts Meinung für Berlin. Der nicht mal halb so alte Dichter und Dramatiker macht keine Gefangenen.
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Am 6. Januar verurteilt das Berliner Landgericht den größten Schwindler der Inflationszeit zu drei Jahren Haft, 105.000 Mark Strafe und fünf Jahre Ehrverlust.39
Max Klante ist sein Name, wie alt er ist, weiß er nicht. 38 oder 39 – wen interessiert das schon?
Nach dem Krieg verbringt der gelernte Fotograf aus Breslau die meiste Zeit auf der Pferderennbahn. Bald wird er »Tipster«, gibt Wettratschläge gegen Gewinnbeteiligung. Seine Vorhersagen sind gut, und Breslau wird ihm zu klein.
Berlin ist das Zentrum für Wettspiele aller Art, das verrufene Scheunenviertel mutiert zu einem neuen Monte Carlo, und jede Menge Glücksritter stürmen die vier Pferderennbahnen der Stadt.
Viele suchen im verarmten Deutschland der Nachkriegszeit nach einem Nebenverdienst oder Gewinn ohne Mühe, ein Strudel hat die Menschen erfasst, und ohne groß nachzudenken, stürzen sie sich ins Abenteuer und investieren bei Klante, zumal dieser, obschon formal ungebildet, zeitgenössischen Schilderungen zufolge über Charisma verfügt und große Überredungskunst.40
Bald gründet er seinen eigenen Rennstall, mietet sich in der Großen Frankfurter Straße Räume, stattet das Wettbüro und das angrenzende Café mondän aus und wirft einen Prospekt auf den Markt, in dem er sechshundert Prozent Gewinn im Jahr verspricht.
Er erwirbt gute Vollblüter, die mehrere Rennen gewinnen. Zu Beginn zahlt Klante den versprochenen Profit aus. Seine Anhänger sind begeistert: Klantes System ist, wie er immer wieder betont, »todsicher«.
Er gilt als Volksbeglücker, und wenn er auf der Rennbahn auftaucht mit einem Koffer voller Geld, um die Einsätze zu tätigen, lässt man ihn hochleben. Er erwirbt das Café Rheingold, baut es um und nennt es nach einem Rennpferd Sport-Café Gallipoli. Dieses »Anreißercafé« ist stets gut besucht, dort werden ihm lärmende Ovationen dargebracht, immer neue Glücksritter setzen auf Klante.
Das klassisch aufgebaute Schneeballsystem spült immer fantastischere Summen in seine Kasse, und Klante wird Mitglied der High Society: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere besitzt er eine Villa in Karlshorst, drei Autos, beschäftigt zwei Chauffeure, hält sich mehrere Geliebte, veranstaltet pompöse Feste. In Breslau dirigiert er mit Zustimmung von Richard Strauss ein Werk des Komponisten, und im Gallipoli spielt die uniformierte Kapelle den »Max-Klante-Marsch«:
Es braust ein Ruf durch ganz Berlin.
Voran! Laßt uns mit Klante ziehn!
Und wär’ der Weg auch hart, der Weg so steil,
Wir rufen laut: Max Klante Heil, ja Heil!41
Rund 260.000 Menschen vertrauen Klante ihr Erspartes in Höhe von neunzig Millionen Goldmark an. Die Geldschwemme ist der Anfang vom Ende, denn niemand kann so viel dauerhaft gewinnbringend einsetzen. Klante kürzt seine Dividende, einige seiner Kunden springen ab. Doch haben sich längst Konkurrenzfirmen etabliert, die nach wie vor mit schwindelerregenden Margen locken. Das ganze Land ist im Spielfieber, und Berlin die Spielhölle der Welt.
Am Ende bekommt Klante Besuch vom Finanzamt, rasch stellt es fest, dass der Volksheld nie Kapitalertragssteuern bezahlt hat. Klante taucht kurz unter, wird bald verhaftet und vor Gericht gestellt. 1955 nimmt er sich in seiner schäbigen Wohnung in der Nähe des Alexanderplatzes mit Gas das Leben, und es wird erzählt, ein Totoschein sei das Letzte gewesen, was er besessen.
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Ernst Ludwig Kirchner hegt weiter Groll – zur Abwechslung gegen Journalisten. Sie schreiben seit Jahren zu wenig über ihn, und wenn, kommt nur Unsinn dabei raus, findet er. Es gibt eine Ausnahme, die heißt Gustav Schiefler, ehemaliger Richter in Hamburg, vor allem aber Kunstfreund, -sammler und Förderer Kirchners. Ein großartiger Stilist überdies, der an einem Katalog zum Werk Kirchners arbeitet.
Die zweite Ausnahme ist der französische Arzt und Kunstkenner schwarzafrikanischer Abstammung Louis de Marsalle. Im Januar schickt Kirchner Schiefler einen Aufsatz von seinem »hiesigen Freunde de Marsalle«, der nach Meinung Kirchners »einfach ideal schreibt«. Im Krieg habe er seine Bekanntschaft gemacht. Kirchner hofft, dass er mit Hilfe Marsalles wird beweisen können, »daß meine Arbeit wirklich unabhängig und rein von der zeitgenössischen französischen Kunst entstand und sich entwickelt hat«.
Schiefler liest den Aufsatz, wie er beteuert, mit Genuss. Aber ein Anflug von Ironie schwingt in seiner Antwort mit: »Diese Art sachlicher Kunstbetrachtung, ohne Schmuserei und qualliges Geschwöge, wirkt herrlich beruhigend und wohltuend.«
Über die plastischen Arbeiten Kirchners schreibt Marsalle, Kirchner sei einer der »ganz wenigen heutigen Künstler«, die begabt genug seien, »formschaffend und stilbildend zu wirken«.
Und über seine Grafiken gerät der Franzose geradezu ins Schwärmen: »große Freude« mache es, den Formen Strich für Strich nachzugehen«, und »die freie Kühnheit«, mit der die Figuren gestaltet sind, besonders die kleinen im Hintergrund, lassen einen staunen. Aus den Blättern spreche eine »urkräftige, künstlerische Sinnlichkeit«.42
Fürwahr, da hat Kirchner einen großen Bewunderer seiner Kunst gewonnen. Der später berühmte Will Grohmann, er wird Gerhard Richter entdecken, arbeitet als Redakteur der Zeitschrift Cicerone. Nachdem er Kirchner persönlich kennengelernt hat und viel von dem französischen Freund gehört und gelesen, möchte er ihn gern treffen. Doch ständig ändern sich dessen Adressen. Die neue in Paris hat Kirchner noch nicht, sagt er. Oder aber, ach, nein, er ist nicht mehr in Paris, er ist jetzt in Algier. Wunderbar, entgegnet Grohmann, ich will nach Tunis, von da mache ich einen Abstecher nach Algier. Aber, ach, oh weh, Kirchner hat auch diese Adresse nicht, aber wahrscheinlich sei de Marsalle inzwischen ohnehin als Arzt beim Militär.43
Manche Passagen bei Marsalle lesen sich, als habe er, während Kunst entsteht, neben dem »Meister« gestanden, was undenkbar ist angesichts des schwierigen und äußerst unzugänglichen Charakters Kirchners.
Als die lästigen Nachfragen nach dem Franzosen auch zehn Jahre später immer noch nicht verstummen wollen, niemand kennt ihn, nie kommt er zu Ausstellungseröffnungen, da erscheint es Kirchner ratsam, seinen guten Freund de Marsalle 1933 sterben zu lassen.
Den Selbstvermarktungstrick Kirchners kann man nicht anders als genial nennen. Eine schillernde Figur erfinden und dann in ihrem Namen die eigene Kunst besprechen. Darauf ist nicht mal Andy Warhol gekommen.
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Thomas Mann fällt unter die Okkultisten. Und das nicht zum ersten Mal. Doch heute, am Dreikönigstag, darf er den Vorsitz führen. Er begibt sich an den Münchener Karolinenplatz, der hochumstrittene Albert Schrenck-Notzing hat in sein Palais geladen. Das »Medium« Willi Schneider, ein zwanzigjähriger Knabe aus Österreich, soll mit seiner psychischen Kraft Gegenstände hin und her bewegen, einen kleinen Holzstab zerbrechen, ohne ihn zu berühren, kurz: Dinge tun, die nicht möglich erscheinen. Im Salon wird das Licht abgeschaltet.
Thomas Mann hält Schneider während der Versuchsanordnung fest, so dass dieser sich nicht bewegen kann, ohne dass Mann dies bemerkt hätte. Und doch »hob er einen kleinen Holzstab, der auf der Tischplatte lag, mit Hilfe einer unsichtbaren Kraft auf, die er unter großen Qualen erzeugte und die wie ein geheimnisvolles Fluidum seinem Körper zu entströmen schien. Ich sah und hörte, als eine Glocke, die etwa anderthalb Meter von ihm entfernt lag, unter dem Druck desselben Fluidums zu läuten begann. Ich war erstaunt und bekehrt.«44
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Am 7. Januar gründen die Brüder Walt und Roy Disney das Unternehmen Disney Brothers Cartoon Studio.
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Am 11. Januar marschieren französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein. Der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré nimmt eine säumige Lieferung von ein wenig Kohle, Holz und ein paar Telegrafenmasten zum Anlass, seine Theorie der »produktiven Pfänder« in die Tat umzusetzen. Ihn beherrscht der Nationalismus, er will das »blutige Phantom des französischen Sieges gegenwärtig«45 halten. Man muss sich holen, was Deutschland nicht freiwillig zu geben bereit ist, muss Deutschland immer wieder klarmachen, wer den Krieg gewonnen, vor allem wer ihn verloren hat. Deutschland schwächen heißt Frankreich stärken. So denkt der engstirnige und unerbittliche Mann.
Vielleicht unterschätzt Poincaré den Kampfeswillen der Bevölkerung. Vielleicht setzt er zu stark auf den Gegensatz zwischen Arbeitern und Schlotbaronen.
Rasch formiert sich teils spontaner, teils organisierter Widerstand. So ziehen am 15. Januar fünfhundert Demonstranten durch Bochum mit dem Schlachtruf: Siegreich wolln wir Frankreich schlagen!
Am 19. ergeht der Aufruf der Reichsregierung zum passiven Widerstand: Den Anordnungen der illegalen Besatzer darf niemand folgen. Zechen werden geschlossen, kein Stück schwarzes Gold soll an Frankreich und Belgien gehen. Tatsächlich gelingt es den Truppen nicht, nennenswerte Mengen aus dem Ruhrgebiet herauszuschaffen. Lieferungen an das unbesetzte Deutschland aber werden verhindert. Das Reich ist abgeschnitten von seiner wichtigsten Industrieregion und muss überdies deren Bevölkerung versorgen, was enorme Summen verschlingt.
Die Franzosen verweisen etliche Staatsdiener des Landes, auch sie muss das Reich alimentieren. Poincaré kreiert ein ökonomisches Verdun. Wird er sein Ziel erreichen, nämlich Deutschland wirtschaftlich auszubluten?
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Die Hoteliers im Ruhrgebiet rächen sich auf bizarre Weise. Ab Sonntag, dem 21. Januar, nehmen sie weder Franzosen noch Belgier auf. Auch werden keine französischen Weine mehr serviert. Harry Graf Kessler kommentiert trocken: »Nationalistische Torheiten.«46
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Zurück in Wien, wo sie ihre Dezember-Tournee fortsetzt, entfacht Anita Berber einen Skandal. In den frühen Morgenstunden des 12. Januar macht sie den Nachtclub Tabarin im Wiener I. Bezirk zu einem Schlachtfeld. Was ist geschehen? In Wien haben Berber und ihr Tanzpartner Sebastian Droste Schulden aufgehäuft, von bis zu 200 Millionen Kronen ist die Rede. In ihrer Garderobe im Tabarin liegt als Pfand einiger Schmuck von Frau Berber. Nach ihrer letzten Vorstellung nimmt sie ihn an sich und will das Etablissement verlassen, wird jedoch vom Portier aufgehalten, dem sie daraufhin ins Gesicht schlägt. Der schlägt sehr unfein zurück. »Es kam zu einer Raufszene, an der sich schließlich Kellner und Gäste beteiligten, die sich auf die wütend um sich schlagende Tänzerin stürzten.«47
Pelze, Brillanten und wertvolle Toiletten hat sie sich ertanzt, der Luxus hat das Gesicht des Lasters für sie erträglich, vielleicht sogar attraktiv gemacht. Jetzt wird Anita Berber ausgewiesen und mit einem fünfjährigen Einreiseverbot belegt. Sie wird Wien nie wiedersehen.
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Im Erich Reiss Verlag in Berlin erscheinen Die Gesammelten Schriften Gottfried Benns. Ganze 214 Seiten umfasst der Band. In seinen Gedichten seziert der praktizierende Arzt »was ihm an körperlicher wie geistiger Erscheinung unter die Finger kommt, mit größter Sachlichkeit, alles Unnütze in den Mülleimer stopfend«.48
Dahin wünscht Benn im Grunde das ganze Buch: »Nun erscheinen meine gesammelten Werke, ein Band, 200 Seiten, sehr wenig, man müßte sich schämen, wenn man noch am Leben wäre. Kein nennenswertes Dokument; ich wäre erstaunt, wenn sie jemand läse; mir selber stehen sie schon sehr fern, ich werfe sie hinter mich wie Deukalion die Steine«.49
Ein atemverschlagendes Urteil des Dichters über seine Werke, die einen der Gipfelpunkte deutscher Literatur im 20. Jahrhundert markieren.
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Den Gipfel erklimmen will auch Bertolt Brecht. Er blickt zurück auf ein unstetes, aber erfolgreiches Jahr. Zwischen Augsburg, München und Berlin hin und her pendelnd, erlebt er nicht nur die Uraufführung seiner Trommeln in der Nacht in München, auch die Hauptstadt hat ihm die Türen geöffnet. Den Weg ebnet ihm vor allem Lion Feuchtwanger, der über den jungen Dichter im Oktober 1922 im Tage-Buch eine Lobeshymne veröffentlicht: Als »am meisten reich, schöpferisch, repräsentativ«50 preist Feuchtwanger Brecht.
Seine drei Stücke, neben Trommeln der Baal und Im Dickicht, haben die Aufmerksamkeit des einflussreichen Kritikers des Berliner Börsen-Couriers erregt: Herbert Ihering, ein früher Förderer Brechts, hat ihm 1922 den begehrten Kleist-Preis verliehen.
Doch zufrieden ist Brecht nicht: »Ich habe die denkbar besten Verträge mit Vertrieben, Bühnen, Verlagen. Ich kann mich weder über die Presse noch über das Publikum beklagen (…). Aber ich kann nicht leben.
Ich fahre nicht Auto und besuche nicht Spielhöllen. Ich kann mit meinen Einnahmen meinen Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen. Die Miete ist mir zu hoch (…). Ich nehme an, daß die Öffentlichkeit zu sehr mit ihren eigenen Nahrungssorgen beschäftigt ist.«51
Seiner Frau, der Schauspielerin und Opernsängerin Marianne Zoff, vertraut er an:
»Wir werden verhungern, unser Kind wird nichts zu essen haben, alles braucht so viel Zeit, nichts geht voran.«52 Ist er in Berlin, reicht das Geld oft nur für Löffelerbsen und Gratisbrot bei Aschinger.53
Geheiratet hat er, weil Zoff von ihm schwanger ist. Das Kind soll seinen Namen tragen.54 Was er von der Ehe hält? Sein Tagebuch gibt Auskunft: »Und ich kann nicht heiraten. Ich muss Ellbögen frei haben, spucken können, wie mirs beliebt, allein schlafen, skrupellos sein.«55
Was will die frisch getraute Marianne mehr?
In der zweiten Januarhälfte beziehen die Brechts eine bescheidene Zweizimmerwohnung an der Akademiestraße 15 in München.56 Da ist Brecht selten. Meist hält er sich auf bei Lion Feuchtwanger, um mit ihm zusammen das Dickicht mit der Axt und feinerem Werkzeug zu lichten.
Den Kampf an sich will Brecht auf die Bühne bringen. Den Kampf zwischen dem aus Malaysia stammenden Holzhändler Shlink und dem Angestellten einer Leihbücherei, George Garga, im Chicago des Jahres 1912.
Da es kein Motiv und kein auslösendes Ereignis gibt, das den Kampf der beiden Männer begründet, sitzt Brecht von Anfang an dramaturgisch schwer in der Patsche. Wem soll das Publikum bei diesem Kampf im Großstadtdschungel eigentlich die Daumen drücken, wenn es nicht mal weiß, was der Grund für den Kampf ist? Das ist Brecht nicht nur egal, sondern genau das strebt er an: Er will nicht, dass das Publikum sich badet in den Emotionen der Figuren, das »Schmarotzenwollen am Schicksal und am Leben der anderen muß (…) dem Publikum ausgetrieben werden«.57 Es soll sich, um Himmels willen, auf keinen Fall »einfühlen«.
Brecht ist zu dieser Zeit besessen von der Idee des Kampfes um des Kampfes willen. Zum Boxen geht er, zum Auto- und Radrennen, er will den Wettkampf sehen und nicht den Faustkampf zur Kunstform erheben wie der berühmte Kunsthändler, Galerist und Verleger Alfred Flechtheim.
Ein Kampf, wenn nicht Krampf war auch die erste Zeit mit Marianne Zoff, die Brecht 1921 kennengelernt hat. Beide steckten in Beziehungen. Sie mit dem deutlich älteren Münchener Verleger und Geschäftsmann Oskar Camillus Recht, er mit Paula »Bi« Banholzer. Mehrfach kommt es zwischen den Männern zu Eifersuchtsszenen und Auseinandersetzungen um die Gunst Mariannes, die zwischen den beiden Liebhabern hin und her schwankt. »Er nützt seine Bösewichtgesten ab, rapid. Ich sehe auch die Grenzen seines Temperaments. Einmal lehnt er es ab, ein Messer in die Hand zu nehmen (auch ich hatte eins): er ist feig«,58 schreibt Brecht über seinen Nebenbuhler ins Tagebuch.
Kurze Zeit später beginnt Brecht mit dem Schreiben von Im Dickicht und seinem motivationslosen Kampf um des Kampfes willen.
Die Erfahrungen des eigenen Lebens spielen nur insofern eine Rolle, als dass sie nutzbar gemacht werden können, um das Theater zu revolutionieren. Eine Dreiecksgeschichte, ein Kampf um eine Frau, das wäre zu gewöhnlich.
»Der Garga wird unverwechselbarer Brecht«, der Shlink erhält »die souveräne, gedehnte, humorige Sprache Feuchtwangers«,59 notiert Arnolt Bronnen.
Marianne fühlt sich vernachlässigt und schüttet Martha Feuchtwanger ihr Herz aus. Die zeigt wenig Mitleid: »Wenn man mit einem Genie verheiratet ist, muß man auf manches verzichten können.« »Ich will kein Genie«, erwidert Marianne. »Ich will einfach einen Mann, der mich liebt.«60
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Ein ähnlich kompliziertes Liebesleben wie Brecht führt der 34-jährige Staatsrechtler Carl Schmitt. Nach einem kurzen Professoren-Gastspiel in Greifswald hat er einen Ruf aus Bonn erhalten. Rastlos ist er unterwegs, ständig umherreisend und Kontakte suchend wie ein Ertrinkender einen Rettungsring. Seit acht Jahren ist er mit der Hochstaplerin Cari Dorotić verheiratet, erst vor ein paar Monaten im Zuge der avisierten Scheidung hat er herausgefunden, dass sie keine Gräfin, keine Tochter eines adeligen kroatischen Gutsbesitzers ist, sondern unehelich in Wien geboren wurde. Fünf Jahre jünger hat sie sich noch dazu gemacht, die Tänzerin aus dem Tingel-Tangel.
Jetzt lernt Schmitt die 19-jährige Serbin Duška Todorović kennen, eine Studentin. Das scheint seine Spezialität zu sein. Denn verliebt ist Schmitt immer noch in seine ehemalige Studentin Kathleen Murray, eine Irin, die aber inzwischen in Sydney lebt. »Es gibt doch nur eine Frau für mich, Kathleen«, notiert er mit »Sehnsucht«.61
Während er zarte Bande knüpft zu Duška, seiner alten Flamme Kathleen hinterherschmachtet, hat er eine stürmische Affäre mit der lebenslustigen Hamburger Ärztin Carola »Lo« Sauer. Die treibt ihn in den Wahnsinn. Er denkt an sie mit Verachtung, ist wütend über die Rohheit, mit der sie ihn angeblich behandelt, vor allem wenn sie sich auf seine Briefe und Telegramme wochenlang nicht meldet. »Morgens wieder kein Brief, kein Telegramm von L., empört«, notiert er am 31. Januar in sein Tagebuch. Um nicht ohne Weinerlichkeit fortzufahren: »Lächerlicher Zustand, der man nacheinander kühle Abschieds- und dann wieder zärtliche, innige Liebesbriefe (schickt). Unheimliche Stille. Es naht wohl die Katastrophe.« Gleichzeitig hat er das Gefühl, untreu gegenüber Kathleen zu sein.
Am selben Tag geht er mit Duška zum Dinner ins Hotel Königshof in der Nähe der Universität. »Wie kindlich und freundlich sie ist, ihre wunderbaren, dunklen Augen«, notiert Schmitt.
Sein unbändiger Ehrgeiz, Geltungsdrang und die Gier nach Ruhm lassen ihn in allen Lebenslagen, beruflich wie privat, Maßlosigkeit zur Maxime seines Handelns machen. Das treibt mitunter seltsame Blüten: So mampft er Unmengen von Pralinen, vorzugsweise vor dem Schlafengehen, bis ihm schlecht wird.
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Auch Adolf Hitler ist eine Naschkatze. Kuchen verschlingend schmiedet er Pläne im Carlton an der Münchner Brienner Straße. Für den 27. Januar setzt er den ersten Parteitag der NSDAP an. Er will ihn verbinden mit einer furchteinflößenden Demonstration seiner Macht: Auf dem Münchner Marsfeld sollen 6.000 SA-Männern Standarten verliehen werden. Hitler plant nicht weniger als zwölf Großveranstaltungen in der Innenstadt mit ihm als Hauptredner.62 Die Zeit scheint günstig, mit einer Propagandaschlacht ohne Beispiel die seit der Ruhrbesetzung aufgepeitschte Stimmung in der Bevölkerung zu nutzen.
Die bayerische Staatsregierung ist die reaktionärste in ganz Deutschland, viele ihrer maßgeblichen Vertreter stehen dem Anführer der Nazipartei wohlwollend gegenüber, und das schon seit Jahren. Hitler gilt zwar als unflätig, aber stramm rechts und patriotisch. Auch haben einige verkappte Nazis bereits die Behörden durchsetzt wie der einstige Polizeipräsident Ernst Pöhner.
Das Nationale wie eine Monstranz vor sich hertragend, alles, was nach Weimar riecht, verteufelnd, das lasterhafte Berlin sowieso, sehen sich die Verantwortlichen in München gegenüber einer verhetzten Öffentlichkeit außerstande, radikal vorzugehen gegen die NSDAP und ihren Anführer. Denn breite Kreise der Bevölkerung sehen in ihnen nicht weniger als die Retter des Vaterlandes aus tiefster Not. Gleichzeitig können die Regierenden den zunehmenden Grenzüberschreitungen der Nazis, dem Terror gegen Andersdenkende, dem gellenden Hass und Antisemitismus nicht tatenlos zusehen, ohne auf Dauer an Autorität zu verlieren.
Die bayerische Staatsregierung hat sich ein schlechtes Bett bereitet.
Die fortwährenden Putschgerüchte, die seit Herbst durch die Stadt summen, verunsichern die Herren im Kabinett: Man möchte nicht von einer nationalsozialistischen Welle überrollt werden, und so regt sich in den Behörden halbgarer Widerstand: Die Standartenweihe soll nicht auf dem Marsfeld, sondern im nahen Circus Krone stattfinden, und Herr Hitler solle lieber nur sechs statt zwölf Veranstaltungen abhalten. Die undankbare Aufgabe, ihn über die Beschneidungen zu informieren, erhält der neue Polizeipräsident Eduard von Nortz zwei Tage vor dem Parteitag.
Hitler setzt alles auf eine Karte, und hier ist erstmals das Muster zu erkennen, das ihn als Politiker so überaus erfolgreich sein lässt bis 1940 (von da an ist es vorbei, da kreuzt Churchill seinen Weg, der keine Lust hat auf Appeasement). Hitler beschwört Nortz, der Parteitag müsse wie geplant stattfinden, alles andere sei eine Niederlage für die nationale Bewegung. Doch Nortz’ Bescheid bleibt kühl und abschlägig. Nun beginnt Hitler zu toben und zu schreien: Die SA werde marschieren, und wenn die Polizei schieße, dann werde die Regierung erledigt sein, »denn dann kommt die rote Flut«.63
Die Staatsregierung retourniert die wüsten Drohungen zunächst souverän: Sie verhängt den Ausnahmezustand, und der antinazistische Innenminister Franz Xaver Schweyer verbietet den Parteitag gleich ganz.
Nun befindet sich Hitler in einer prekären Situation. Nicht nur ist er im Begriff, sich vor seinen Anhängern lächerlich zu machen, seine ganze politische Zukunft schwebt in der Luft.
Die Rettung naht, nicht zum ersten Mal, in Gestalt der Reichswehr. Dem Hauptmann und Nazi der ersten Stunde, Ernst Röhm, und seinem Chef, Generalmajor Ritter von Epp, gelingt es, ein Gespräch zwischen Hitler und General von Lossow zu arrangieren. Der nervöse und linkisch agierende Hitler sichert Lossow zu, den Parteitag in Ruhe abzuhalten.
Lossow empfiehlt der Staatsregierung, das Verbot aufzuheben. Er ist nicht scharf darauf, seine Reichswehr gegen die SA in Stellung zu bringen.
Der Keim der Spaltung, er geht auf: Der unnachgiebige Schweyer wird überstimmt, Nortz trifft am Abend des 26. Hitler. Der erklärt, im Gefühl des sicheren Sieges, jovial, die Standartenweihe werde von zwei Stunden auf eine halbe Stunde verkürzt. Undeutlich stimmt Hitler auch zu, sie in den Circus Krone zu verlegen.
Einen letzten Versuch, Hitlers totalen Triumph zu vereiteln, unternimmt am nächsten Tag Innenminister Schweyer. Er setzt die Zahl der Veranstaltungen wieder auf sechs herab.
Triumphierende Mordbereitschaft übernimmt die Stadt: Jubelnd und antisemitische Schmähungen grölend – »Ja, und wir wollen keine Judenrepublik, pfui Judenrepublik! Schmeißt sie raus, die ganze Judenbande aus unserm deutschen Vaterlande!« – ziehen die uniformierten Sturmabteilungen durch die Stadt zum Marsfeld, wie zum Hohn vorbei an den Plakaten, die vom Ausnahmezustand künden.
Hitler hält unter dem Motto »Deutschland erwache!« alle zwölf Veranstaltungen ab und weiht, in dichtem Schneegestöber, die von ihm selbst entworfenen Standarten auf dem Marsfeld. Für seine Gegner regnet es Hohn und Spott: »Die Herren der Regierung klammern sich zu sehr an ihre Ministersessel, um die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß auf wehrlose Männer geschossen wird.«64
Die Ereignisse rund um den Parteitag bilden die Ouvertüre für die kommenden Auseinandersetzungen, und unverlierbar vermittelt sich in diesen Tagen des Machtkampfes den Menschen die Unfähigkeit des Staates, seiner zivilen wie militärischen Institutionen, mit einem zu allem entschlossenen Gegner fertigzuwerden.
Was, wenn er doch mehr ist als der schnaubende Schausteller, der große Worte macht und für dessen Veranstaltungen man Eintritt zahlt vor allem deshalb, um eine »Gaudi« zu erleben? Gerade noch belächelt oder bestaunt wie ein Wesen aus Alice im Wunderland, wechseln die Leute zunehmend anerkennende Blicke, hat Hitler doch stärkere Nerven gezeigt, größere Kaltblütigkeit und mehr politisches Geschick als seine Widersacher. Die Mitgliedszahlen der NSDAP steigen, Spenden fließen, Hitler ist in aller Munde, und mit dem Januar-Coup etabliert er sich als Anführer jener »vaterländischen Verbände«, von denen es in München wimmelt.
Erich Kästner veröffentlicht erstmals eine Erzählung, während Lotte Lenya ihr letztes Schmuckstück versetzt und in ihrer ärmlichen Pension ein Nijinsky-Plakat anstarrt. Der Dollar steigt und steigt. C. G. Jung baut sich einen Turm, und Sigmund Freud ignoriert eine Erkrankung. Thomas Mann prostituiert sich in Berlin, und Bertolt Brecht ist genervt, dass er nicht dort sein kann, sondern in München sein muss. Geld hat er auch keins. Immerhin dreht er mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt einen lustigen Film. Die berühmteste Schauspielerin der Republik, Henny Porten, fällt bei den Kinobesitzern in Ungnade. Ihre Kollegin Elisabeth Bergner erobert unterdessen die Zuneigung der Theaterbesucher und -kritiker. Alle, wirklich alle lieben sie. Der bad boy of music, George Antheil, gibt in der Berliner Singakademie ein Konzert und wird von Adolf Stein misstrauisch beäugt. Sensation, Sensation: Die größte Ladendiebin der Welt steht in Berlin vor Gericht. Das Sechstagerennen zieht die Massen an, und der Sportpalastwalzer wird geboren.
Am 1. Februar notiert Gerhart Hauptmann, der berühmteste Dichter Deutschlands: »Es sind die Tage der Ruhrbesetzung. Deutschland zittert vor innerer Erregung. Es leistet Widerstand. Das geschieht seit dem Waffenstillstand zum ersten Mal. Eine große Spannung ist in der Atmosphäre. Sie ist geladen. Der Haß, die Wut wegen des Überfalls im Frieden durch Frankreich können nicht stärker sein. Es besteht nahezu deutsche Einigkeit in diesem Haß, in dieser Wut, deren Ausbruch, falls Waffen vorhanden wären, verheerend für die Franzosen sein würde.«65
Sein Hurra-Patriotismus von 1914 steht Gewehr bei Fuß.
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Ein Dollar kostet 48.000 Mark.
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Erich Kästner veröffentlicht erstmals im Leipziger Tageblatt. Die kleine Inflationssatire Max und sein Frack
