Abschaffel - Wilhelm Genazino - E-Book

Abschaffel E-Book

Wilhelm Genazino

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Beschreibung

Abschaffel, Flaneur und "Workaholic des Nichtstuns" streift durch eine Metropole der verwalteten Welt. Mit innerer Phantasietätigkeit kompensiert er die äußere Ereignisöde seines Angestellten-Daseins und schlägt alle Zerstreuungsangebote der Freizeitindustrie aus. Im Verlauf der Trilogie unternimmt Abschaffel mehrere kläglich-komische Anläufe zum Ausbruch: Zum Beispiel versucht er sich selbst in der Rolle des Nutznießers von Ausbeutung, als Zuhälter nämlich. Zu guter Letzt jedoch zwingt ihn eine psychosomatische Krankheit zu einem mehrwöchigen Kuraufenthalt. Immerhin eröffnet sich ihm hier endlich die Möglichkeit der Reflektion.

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Hanser E-Book

Wilhelm Genazino

Abschaffel

Die Vernichtung der Sorgen

Falsche Jahre

Roman-Trilogie

Carl Hanser Verlag

Die drei Romane der Abschaffel-Trilogie erschienen zum ersten Mal in den Jahren 1977, 1978 und 1979

ISBN 978-3-446-24231-9

© 2002, 2004/2012 Carl Hanser Verlag, München

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

Abschaffel

5

Die Vernichtung der Sorgen

157

Falsche Jahre

399

Abschaffel

Die Stunden außerhalb des Bureaus

fresse ich wie ein wildes Tier.

Franz Kafka

(aus: Briefe 1902–1924)

Weil seine Lage unabänderlich war, mußte Abschaffel arbeiten. Er war schon mehrere Jahre in der gleichen Firma beschäftigt; er war Angestellter, und er arbeitete in einem Großraumbüro, das die Firma vor zwei Jahren eingerichtet hatte. In dem Großraumbüro saßen sich alle Angestellten in Zweiergruppen gegenüber. Zwischen den einzelnen Schreibtischkomplexen standen Gummibäume und andere Topfpflanzen, über die Abschaffel gelegentlich lachen mußte. Überhaupt war es ihm möglich, in diesem Büro sein Leben vorübergehend zu vergessen. Er mußte oft lachen, nicht nur über die Pflanzen zwischen den Schreibtischen. Er lachte über den mannigfachen Betrug, der hier mit den Angestellten getrieben wurde und der die Angestellten dazu ermunterte, sich auch selbst zu betrügen. Ein erster Höhepunkt des Betrugs waren die Berufsbezeichnungen der Angestellten; sie galten als Kaufleute, und in ihren Papieren und Zeugnissen wurden sie sogar Exportkaufmann, Importkaufmann oder Speditionskaufmann genannt. Sie telefonierten ein wenig, bis der Morgen vorüber war, oder sie füllten Formulare aus oder diktierten Briefe. Auch Abschaffel füllte Papiere aus, errechnete Frachtmargen oder bediente einen IBM-Schreibautomaten. Ruhig standen und saßen diese etwa hundert Angestellten in ihren weißen Hemden und grauen Anzugjacken da und zogen über den Knien ihre Hosen hoch, wenn sie sich setzten. Gelegentlich verschwand eine junge Angestellte in der Toilette und kam bald wieder heraus mit frisch geschminkten Lippen. Auch darüber wollte Abschaffel eigentlich lachen, aber er behielt es für sich, weil er nicht mochte, daß in diesem Büro über ihn nachgedacht wurde. Der etwa fünfzigjährige Mann, der ihm in grünlich schimmerndem Anzug gegenübersaß, war einer der Lächerlichsten im ganzen Büro. In seiner Aktentasche hatte er oft Frage- und Testbogen für Führungskräfte, die er sich aus Wirtschaftszeitschriften ausschnitt. Er füllte sie in der Mittagspause aus und schickte sie zurück an die Redaktion. Er aß Wurstbrote, schnaufte dabei und zupfte unablässig an sich herum. Wenigstens einmal am Tag hatte Abschaffel Lust, ihm zu sagen: Hören Sie auf damit, Sie werden niemals Führungskraft. Aber er sagte nichts zu ihm.

Abschaffel rauchte im Büro und drehte dabei zwischen Daumen und Zeigefinger die Haare seiner Augenbrauen. Er zwirbelte kleine Bündel zusammen und sah dann auf seine Fingerkuppen. Häufig lösten sich einzelne Haare, und Abschaffel legte sie vorsichtig nebeneinander auf den Aschenbecherrand. Manchmal steckte er sich ein einzelnes Augenbrauenhaar in den Mund, spielte eine Weile damit und zerkaute es. Abschaffel wußte, daß diese Art des Zeitvertreibs keinen guten Eindruck auf den ihm gegenübersitzenden Angestellten machte. Aber auch dieser hielt sich zurück und sagte kein Wort. Aus der dauernden Beobachtung des anderen ergaben sich große Spannungen, die mindestens einmal täglich heldenhaft unterdrückt werden mußten. Denn alle mußten arbeiten, und soviel wußte immerhin jeder: Es hatte keinen Sinn, einen Privatkrieg über zwei Schreibtische hinweg zu entfachen; das gab nur noch mehr Verdruß und am Monatsende keinen Pfennig mehr.

Wenn Abschaffel zuviel geraucht hatte, spürte er manchmal, wenn der Rauch in der Lunge hinunterzog, schon so etwas wie ein Loch, wie einen plötzlich freieren Durchzug durch den Körper, und er dachte, das Gefühl des Lochs ist das Gefühl vom Anfang einer Krankheit. Dann sah er sich rasch um, weil er einen Augenblick lang fürchtete, alle hätten dieses Loch bemerkt, und es würden ihm Nachteile daraus erwachsen. Oder er sah aus dem Fenster, das an die linke Seite seines Schreibtischs anschloß. Die Nähe des Fensters war ein großer Vorteil. Die wenigsten Schreibtischpaare waren um das Fenster herum aufgebaut; die meisten anderen standen verstreut im Saal, und wer an einem solchen Tisch arbeiten mußte, konnte sich noch nicht einmal durch einen Blick nach draußen ablenken. Wer in der Tiefe des Großraumbüros arbeitete, mußte unter irgendeinem geschäftsmäßigen Vorwand einen Kollegen aufsuchen, der seinen Schreibtisch am Fenster hatte. Das geschah oft. Wenn sich Abschaffel zu lange langweilte, ging er auf die Toilette und wusch sich die Hände mit sehr langsamen Bewegungen. Die Langeweile der Angestellten ist der Grund für ihre Sauberkeit. Man wäscht sich, wenn man sonst nichts mehr weiß. Und während des Händewaschens war er darum besorgt, daß kein Wasser auf die Manschetten spritzte. Denn er kannte alle Situationen auswendig, und er wußte in jeder Situation, was er vermeiden mußte, damit die Langeweile nicht durch weitere Unbehaglichkeiten verschlimmert wurde.

Eine starke Verschlimmerung der Langeweile war ohnehin jeden Tag auszuhalten, die Mittagspause. Sie dauerte eine Stunde, und es gab drei Möglichkeiten, sie auszufüllen. Einige Angestellte gingen gemeinsam spazieren. Das Bürohaus lag in einem Industriegelände, und wer hier spazierenging, mußte es zwischen Lastkraftwagen, Lagerhäusern und Drahtmaschenzäunen tun. Das wollte Abschaffel nicht. Die zweite Möglichkeit war, in der Kantine, die im Kellergeschoß eingerichtet war, etwas essen zu gehen. Die dort ausgegebenen Mittagessen waren nicht das Unerträglichste; es waren die Gespräche, die das Essen begleiteten. Abschaffel hatte diese Gespräche oft und oft angehört, und manchmal war seine Wut so groß geworden, daß er glaubte, er verwandle sich hier in einen hohen Turm, der dann von selbst umfällt. Die dritte Möglichkeit war, einfach am Schreibtisch sitzen zu bleiben, ein mitgebrachtes Brot zu essen und aus dem Fenster zu schauen. Die Angestellten machten von allen drei Möglichkeiten abwechselnd Gebrauch, und es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als sich dadurch lebendig vorzukommen. Abschaffel folgte ihnen darin, wenngleich er stets das Gefühl hatte, nicht eigentlich zu leben, sondern sein Leben immerzu zu überbrücken mit der zweit- und drittbesten Möglichkeit, weil die erste Wahl auch für ihn nicht zu haben war.

Heute würde Abschaffel in die Kantine in den Keller gehen. Schon beim Verlassen des Büroraums um die Mittagszeit hatte sich ihm Frau Schönböck angeschlossen. Heute ist es aber kalt, sagte sie, und schon war sie für eine Stunde an seiner Seite. Frau Schönböck war etwas über dreißig, geschieden und redselig. Sie war wie Abschaffel schon einige Jahre bei der Firma beschäftigt, und es hatte sich eine Art Vertrauensverhältnis zwischen ihnen gebildet. Es bestand darin, daß sie ihm alles erzählte, was ihr Leben betraf, und Abschaffel sie beruhigte, wenn das, was sie erlebte, etwas zuviel für sie geworden war. An ihrer Art, sich ihm anzuschließen, erkannte Abschaffel jedesmal, daß ihm jetzt wieder etwas erzählt werden sollte. In der Kantine sorgte sie dafür, daß sie vor Abschaffel die Essenschale erhielt; dann setzte sie sich an einen kleinen Zweipersonentisch, und Abschaffel brauchte nur noch den von ihr freigehaltenen Platz einzunehmen.

Herr Abschaffel, sagte sie, ich muß Ihnen etwas erzählen. Ich habe da vor einiger Zeit einen älteren Mann kennengelernt; er hat einen charmanten und sportlichen Eindruck auf mich gemacht, wir sind einige Male zusammen weggefahren, er war einmal Lehrer von Beruf gewesen und ist sehr gebildet, und das ist ja gleich etwas ganz anderes, wenn man mit einem gebildeten Menschen zusammen ist. Aber jetzt am Wochenende ist etwas Schreckliches passiert, sagte sie. Haben Sie mit ihm geschlafen? fragte Abschaffel. Ja, nein, sagte sie, ach Gott, es ist schrecklich. Wie alt ist der Mann, fragte Abschaffel. Neunundfünfzig, sagte Frau Schönböck; ja, fuhr sie fort, er wollte mit mir schlafen, ich habe es gar nicht gewollt, aber ich konnte ihn nicht zurückweisen, ich habe es nicht fertiggebracht, ihn so zu verletzen. Abschaffel lachte und sagte: Das ist gelogen, Frau Schönböck, das glaube ich Ihnen nicht. Denn Frau Schönböck war außer geschieden und redselig auch verlogen. Sie konnte banale Ereignisse aus ihrem Leben nicht erzählen, ohne sie durch ein paar Lügen nicht erträglicher gemacht zu haben. Und sie hatte es Abschaffel stillschweigend erlaubt, von ihm auf ihre Lügen aufmerksam gemacht zu werden. (Sie mußte immer lachen, wenn er sie wieder einmal beim Lügen erwischt hatte.) Abschaffel vermutete, daß es ihr sogar Spaß machte, wenn er ihre Lügen aufdeckte; denn die Aufdeckung blieb ohne Folgen, also auch ohne Strafe, und es konnte gut möglich sein, daß das Lügen selbst Spaß machte. Also gut, sagte sie, ich fand ihn nett, und warum sollte man dann nicht, das haben Sie selbst schon öfter gesagt, Herr Abschaffel. Aber es war schrecklich; ich hatte ja keine Ahnung, sagte Frau Schönböck, wie ein alter Mann aussieht. Seine Brust war ja noch in Ordnung, aber sein Hals war entsetzlich. Auch die Vorderseiten seiner Oberschenkel waren noch in Ordnung, aber die Hinterseiten. Die Knie waren nicht gut, sie hingen herunter. Das Entsetzlichste war sein Hintern, sagte sie. Wieso? fragte Abschaffel. Faltig, und wie faltig, sagte Frau Schönböck. Ach so, sagte Abschaffel. Und? Haben Sie mit ihm geschlafen? Es ging nicht, sagte sie; ich habe ihn gedrückt, gepackt und alles, aber es geschah nichts, und trotzdem hat er es versucht, stellen Sie sich das einmal vor, und hat so getan als ob. Und Sie, fragte Abschaffel, was haben Sie gemacht? Ich habe die Augen geschlossen und gebetet, daß ich schnell wieder aus der Wohnung herauskomme. Nach einer halben Stunde habe ich mich angezogen, sagte Frau Schönböck, und stellen Sie sich vor, was er zu mir gesagt hat. Ich könnte schon wieder mit Ihnen schlafen, hat er gesagt; stellen Sie sich das vor! Der ist genauso verlogen wie Sie, Frau Schönböck, sagte Abschaffel, aber sie ging nicht darauf ein und fragte, was sie jetzt machen solle. Nichts natürlich, sagte Abschaffel, was denn sonst, die Geschichte einfach auslaufen lassen durch Nichtstun. Aber er hat mich gestern abend schon angerufen, nachts, sagte sie, weil er wissen will, ob ich mit einem anderen Mann wirklich schlafe, er verwickelt mich in lange Gespräche und will wieder mit mir wegfahren und alles, es ist fürchterlich, was soll ich denn jetzt machen, sagte sie wieder. Das nächste Mal, sagte Abschaffel, freunden Sie sich mit einem zehnjährigen Jungen an. Der hat bestimmt einen wundervollen Hintern, und Sie werden begeistert sein. Aber ich versichere Ihnen, wenn Sie mit dem Jungen schlafen wollen, wird es wieder zu ganz tollen Peinlichkeiten kommen. Und Sie haben den Vorteil, daß der Junge Sie nachts nicht anrufen wird, denn ab neun Uhr schläft der wie ein Murmeltier. Und dann kommen Sie am nächsten Tag ins Büro und erzählen mir wieder alles, sagte Abschaffel.

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