Leise singende Frauen - Wilhelm Genazino - E-Book

Leise singende Frauen E-Book

Wilhelm Genazino

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Beschreibung

Ein Mann streift durch die Großstadt. Er hat einen unscheinbaren, wertlosen, aber geliebten Gegenstand verloren, eine Kostbarkeit für ihn. Er kann seinen Gegenstand nicht wiederfinden, stattdessen stößt er auf andere, von Menschen aufgegebene oder nie beachtete Objekte und Abfallstücke, die an die Stelle des Verlorenen treten und für ihn vorübergehend zu Fetischen werden. Es wird ihm immer klarer, dass das Herumgehen nur ein Entgegenkommen für die überall verborgenen Ereignisse der Poesie ist, die der Erzähler sucht. Wiederzuentdecken ist einer der schönsten und doch bisher am wenigsten beachteten Romane Wilhelm Genazinos, eine Poetik der Poesie des Alltagslebens in Bildern von bezwingender Kraft.

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Seitenzahl: 174

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Hanser E-Book

Wilhelm Genazino

Leise singende Frauen

Roman

Carl Hanser Verlag

Die Erstausgabe erschien im Jahre 1992.

ISBN 978-3-446-25146-5

© Carl Hanser Verlag München 2014/2015

Bildnachweis Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung der Fotografie Reflection in a puddle; © Imagno / Getty Images

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Kreutzfeldt digital, Hamburg

1

Am Anfang, als der Regen eine leichte abendliche Sommerüberraschung war, saßen neun Gäste unter dem breiten, zeltartigen Schirm des Cafés; zwei junge Paare, ein älteres Paar, ein einzelner Mann, eine japanische Touristin und ich. Dann ist der Regen stärker geworden. Das ältere Paar und ich rückten etwas weiter nach innen unter die Mitte des Schirms, damit uns die seitlich niedergehenden Regenschauer nicht erreichten. Wenig später war dem älteren Paar auch dieser Platz zu ungemütlich geworden; die beiden riefen den Kellner herbei, zahlten und gingen. Der Regen prasselt in ziemlich gleichbleibender Stärke auf das Zeltdach. Abendspaziergänger haben sich in einem Hauseingang oder in einer Ausfahrt untergestellt. Manchmal schaut der Kellner zu uns herüber, aber er kann nicht mehr zu uns kommen, ohne selber durch und durch naß zu werden. Unter den Gästen hat sich, vermute ich, ein Gefühl schöner, weil harmloser Bedrohung eingestellt. Immer wieder blickt jemand zum Zeltdach hoch und überzeugt sich, daß es wasserdicht geblieben ist. In der Ferne kommt Donner auf. Ringsum bilden sich Rinnsale. Ich halte es für möglich, daß der starke Donner das Gefühl der japanischen Touristin verändert. Ihren Blicken ist eine Spur Ängstlichkeit beigemischt. Sie schaut planlos umher und faßt ihre Handtasche an. Ein älteres Fahrrad, das an einer Hauswand lehnt, zeigt seine vollständige Verlassenheit. In einzelnen Wohnungen wird Licht gelöscht. Immer klarer tritt die nasse Schwärze des Abends hervor. Ein Blitz taucht die Gegend für Sekunden in eine matte Bläue. Die Japanerin holt einen kleinen Kalender aus ihrer Handtasche; sie öffnet ihn und hält ihn sich vor das Gesicht. Ich kann erkennen, daß sie den U-Bahn-Plan einer japanischen Stadt betrachtet. Den beiden anderen Frauen wird die Lage deutlich unangenehm. Ich kann nicht hören, was sie zu ihren Begleitern sagen, aber sie scheinen nicht länger hierbleiben zu wollen. Die Rinnsale ringsum werden breiter; schon führen sie Dreck und kleine Abfälle mit sich. In der Mitte, wo sich der Platz leicht absenkt, rinnen die Wasserläufe zusammen und können doch nicht rasch genug abfließen. In der Ferne ist das Tönen eines Feuerwehrautos zu hören. Weit und breit ist jetzt kein einziger Spaziergänger mehr zu sehen. Die Japanerin hat bemerkt, daß ich ihr beim Betrachten des U-Bahn-Planes zugeschaut habe. Im Augenblick, als sie aufsah, bildete sich auf ihren Armen Gänsehaut. Der Regen wird stärker. Die Verbindung zum Café hinüber scheint abgerissen. Die Leute unter dem Zeltdach schauen sich an. Die Japanerin spielt mit zwei unbeschriebenen Ansichtskarten. Die Frauen beginnen zu frösteln und schauen wieder zum Zeltdach. Wir sind alle nur sommerlich gekleidet. Es ist fast aussichtslos geworden, plötzlich aufzustehen und loszurennen. Und es ist ebenso aussichtslos geworden, sitzen zu bleiben und zu warten, bis der Schirm zusammenbricht oder von einer Windbö umgestoßen wird. Wieder geht ein Blitz nieder. Das Gewitter ist genau über der Stadt. Im Augenblick des Blitzes hat die Japanerin die Augen etwas weiter geöffnet. Ich sah schöne runde Kugeln ohne sichtbare Iris. Mit vierzehn oder fünfzehn sehnte ich mich danach, ein Nachbarmädchen aus einem brennenden Haus retten zu dürfen. Meine Vorstellung setzte jedesmal mit einem hell und knisternd in Flammen stehenden Haus ein. Das Mädchen schlief im dritten oder vierten Stock und wußte nichts von der Gefahr, in der es sich befand. Die anderen Hausbewohner hatten sich schon in Sicherheit bringen können. Jetzt standen sie auf der Straße und debattierten. Da komme ich herbei, dringe in das Haus ein, rase die Stockwerke hoch und trage wenig später das schlafende Mädchen unversehrt auf die Straße. Drüben, vom Café aus, schauen ein paar Leute zu uns herüber. Mein Hemd wird ein wenig klamm. Jetzt bilden sich auch unterhalb des Zeltdachs kleine Rinnsale. Immer noch schön ist das Wegspritzen von zu groß geratenen Regentropfen vom Rand des Schirms. Sie zerplatzen und bringen sekundenschnell Reflexe aus Licht und Wasser hervor. Niemand rührt sich, alle blicken umher. Ich sehe, daß die Japanerin um ihre zierlichen Stoffschuhe besorgt ist. Sie hat ihre Füße auf einem Stuhl aufgestellt. Zum zweiten Mal überlege ich, wo ich die Japanerin hintragen werde, wenn die Flut erst richtig einsetzt. Ihr Kleid ist aus Seide und darf niemals naß werden. Ich werde sie auf die Arme nehmen und meine leichte Jacke über ihr ausbreiten. Die meisten Haustüren ringsum sind wahrscheinlich schon abgeschlossen. Inzwischen zweifle ich, ob meine Jacke diesem Regen standhalten kann. Ich bin jetzt sicher, daß die Japanerin auch von mir errettet werden möchte. In der Art, wie sie ihre kleinen Füße bewegt, als wären sie bittende Hände, habe ich den Rettungsauftrag erblicken können. Drüben, an der Hauswand, rinnt das Wasser sturzbachartig an den Plakaten herunter. Die darauf abgebildeten Gesichter sind kaum noch zu erkennen. Der junge Mann neben mir streichelt seiner Begleiterin die Hände; zwischendurch kratzt er vorsichtig den Lack von ihren Nägeln herunter. Um die Japanerin vor den Fluten wirklich schützen zu können, werde ich zuerst den jungen Mann überwältigen und ihn seines Mantels berauben müssen. Dieser Mantel ist dicht genug, den Regen abzuhalten. Nach der Rettung werde ich ihm den Mantel zurückbringen. Während meiner Überlegungen hat der Regen nachgelassen. Mit der gleichen Plötzlichkeit, mit der er stark geworden ist, verwandelt er sich jetzt zurück in ein weiches Getröpfel. Die Frauen atmen auf, die Männer sind erleichtert. Die Japanerin schaut auf ihre trocken gebliebenen Schuhe. Der Kellner kommt wieder zu uns herüber und will neue Bestellungen aufnehmen. Aber die meisten Gäste zahlen nur und gehen rasch. Auch die Japanerin möchte gehen. Aus ihrer Handtasche holt sie einen winzigen Geldbeutel heraus und öffnet ihn. Der Kellner sagt, daß sie dreifünfzig zu zahlen hat, aber sie versteht seine Worte nicht. Noch einmal nennt der Kellner den Betrag. Die Japanerin wird verlegen und schaut weg. Dann hält sie mir ihren geöffneten Geldbeutel hin. Ich entnehme den verlangten Betrag und lege das Geld auf den Tisch. Die Japanerin errötet und erhebt sich. Sie kreuzt die Arme über den Brüsten, verbeugt sich kurz vor mir und geht schnell weg.

2

Leider habe ich meinen Kreisel verloren oder irgendwo liegenlassen. Es ist mir unerklärlich, wie das geschehen konnte. Der Kreisel hatte eine vergleichsweise lange Mittelachse und einen breiten hölzernen Körper. Aufgrund dieser Konstruktion hatte er eine überproportionale Schwerkraft und beschrieb, wenn ich ihn auf einem Tisch kreiseln ließ, knappe enge Ellipsen. Ich hatte den Kreisel auf einem Weinfest im Rheingau gekauft. Ich hielt ihn kurz in der Hand und wußte sofort, daß ich ihn künftig in meiner Jackentasche herumtragen wollte. Schon wenig später, als ich mich niedersetzte und ein Glas Wein bestellte, holte ich den Kreisel hervor und ließ ihn auf den Tisch springen. Ein mäkelndes Kind verfiel daraufhin sofort in ein schönes staunendes Schweigen. Ich mußte der Mutter erklären, wo es dieses unscheinbare Spielzeug zu kaufen gab. Seither trug ich den Kreisel fast jeden Tag bei mir. Leider habe ich den Verlust erst vor einer halben Stunde bemerkt. Ich stellte die paar Sachen, die ich unterwegs eingekauft hatte, in der Küche ab, griff in meine Jackentasche und fand ihn nicht mehr. Ich erinnere mich, daß ich mir unterwegs einmal die Nase geputzt habe. Vielleicht hat sich der Kreisel in mein Taschentuch verwickelt und ist, als ich das Tuch aus der Tasche zog, auf die Straße gefallen. Natürlich möchte ich meinen Kreisel wiederhaben. Am besten wird sein, ich gehe dieselben Straßen noch einmal, die ich beim Heimweg schon gegangen bin.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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