Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman - Wilhelm Genazino - E-Book

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman E-Book

Wilhelm Genazino

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Beschreibung

Mit einem ironischen Blick auf die sechziger Jahre beschreibt Genazino den Weg eines jungen Mannes: Ein Träumer, der immer an dasselbe denkt: ans Lesen und Schreiben. Und daran, endlich erwachsen zu werden und die drei Dinge zu haben, die es dazu braucht: eine Frau, eine Wohnung und einen eigenen, selbst geschriebenen Roman. Vorerst führt er jedoch ein Doppelleben zwischen Lokalblatt und Lieferscheinen..

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Seitenzahl: 201

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Hanser eBook
Wilhelm Genazino
Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-24232-6
© 2003/2012 Carl Hanser Verlag München Wien
Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten
E-Book-Konvertierung: Beltz Bad Langensalza GmbH
Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de
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Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

1

Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein. Kurz zuvor war ich vom Gymnasium geflogen und sollte, auf Drängen meiner Eltern, eine Lehrstelle annehmen. Ich selbst wußte damals nicht, welchen Beruf ich »ergreifen« könnte. Ich war ratlos, wollte aber meine erschrockenen Eltern beschwichtigen. Eine Lehre wollte ich nicht beginnen, aber schließlich gab ich dem Druck nach und ließ mich von der Mutter in verschiedenen Personalbüros vorstellen. Die Bewerbungsgespräche verliefen in einer gedrückten und peinigenden Atmosphäre. Jedesmal, wenn ich hinter meiner Mutter ein Chefzimmer betrat, fühlte ich mich von neuem eingeschüchtert. Anstatt einen guten Eindruck zu machen, hörte ich bloß zu und schaute mich um. Die Chefs gefielen mir nicht, ich gefiel den Chefs nicht. An diesem Morgen lief es besonders schlecht. Wir saßen dem Chef einer Großgärtnerei gegenüber. Er hielt mein Abschlußzeugnis in Händen und unterdrückte seine Bedenken nicht. Auch die Allgemeinbildung eines Gärtners muß überdurchschnittlich sein, sagte der Chef und sah mir direkt ins Gesicht. Ich traute mich nicht zu sprechen, meine Mutter gab die Antworten für mich. Sie suchte nach immer neuen Erklärungen für meine schlechten Noten. Eben sagte sie, daß auch der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ein sehr schlechter Schüler war und dann doch ein weltberühmter Chirurg geworden ist. Der Chef und ich waren verblüfft. Beide betrachteten wir meine Mutter. Wie kam sie nur dazu, mein elendes kleines Schülerleben mit Ferdinand Sauerbruch in Verbindung zu bringen? Der Geschäftsführer wollte wahrscheinlich hören, ob ich überhaupt sprechen und ob ich zusammenhängende Sätze bilden konnte. Ich blieb verstockt, ich brachte die Lippen nicht auseinander. Ich sah dem Chef ins Gesicht und doch an seinem Gesicht vorbei nach draußen. Hinter ihm gab es ein großes Fenster, das den Blick auf eine belebte Straße freigab. In diesen Augenblicken begann draußen ein Mann, ein neues Plakat auf eine Werbewand zu kleben. Es war ein riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter-Schokolade. Es dauerte keine halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, daß ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand und daß mir das Plakat half, meine Lage zu verstehen. Über diese unerwartete Hilfe empfand ich plötzlich Dankbarkeit. Ich wollte mir das Wort am liebsten aufschreiben, aber das ging im Augenblick nicht, also merkte ich mir das Wort. Die Wahrheit ist, daß ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr fast täglich mit Literatur beschäftigt war. Ich las und schrieb und schrieb und las. Ich brachte kleine Skizzen und Kurzgeschichten hervor, die ich wahllos an Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften schickte. Das Spektrum reichte von einer Wochenschrift mit dem Titel Lukullus, einer sogenannten Kundenzeitschrift, die damals in der Metzgerei auslag, in der wir einkauften, bis hin zum Münchner Simplicissimus, einer Satire-Zeitschrift mit berühmter Vergangenheit, von der ich damals freilich nichts wußte. Nach weiteren zwei Minuten signalisierte uns der Chef, daß das halbbittere Vorstellungsgespräch, kurz bevor es ganz bitter wurde, beendet war und daß wir gehen sollten. Mutter schob mein letztes Schulzeugnis zurück in ihre Handtasche. Es war klar, daß ich kein Gärtner werden mußte, und ich war nicht böse drum. Es tat mir leid, daß Mutter meinetwegen betrübt war. Auch in der Straßenbahn, während der Heimfahrt, löste sich die Beklemmung nicht. Ich hoffte, daß mir Mutter keine Vorwürfe machen würde. Tatsächlich blieb sie still. Wenigstens dafür wollte ich ihr danken, aber ich brachte auch jetzt den Mund nicht auf. Draußen schnippte ein junger Mann seine Kippe gegen die Straßenbahn, in der wir saßen. Dummerweise mußte ich darüber kurz lachen. Sofort sah Mutter zu mir herüber. Sie verstand nicht, wie ich nach diesem enttäuschenden Tag kichern konnte, wenn auch nur kurz. Ich verstand es selbst nicht. Aus Verärgerung schaute Mutter mit absichtlicher und größtmöglicher Fremdheit an mir vorbei. Ich behielt für mich, daß ich diesen aufgespaltenen Blick (nicht angeschaut werden, aber doch gemeint sein) noch weniger verstand als mein Lachen.

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