Mittelmäßiges Heimweh - Wilhelm Genazino - E-Book

Mittelmäßiges Heimweh E-Book

Wilhelm Genazino

4,7

Beschreibung

Auf dem Fernsehschirm in der Kneipe flimmert ein Fußballspiel, auf dem Fußboden liegt ein Ohr. Dieter Rotmund weiß sofort: Das kann nur seines sein. Hat jemand etwas bemerkt? Und wie findet man durch den Alltag, wenn die Körperteile abhanden kommen? Wilhelm Genazino erzählt die Geschichte eines Mannes, der neben seinem Ohr noch weitere Verluste erleiden muss. Und der davor erschrickt, dass selbst seine Gefühle nur noch mittelmäßig sind. Ein Roman voller Ironie, Detailbesessenheit und mit einer Bosheit, die den Figuren nichts erspart.

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Hanser E-Book

Wilhelm Genazino

Mittelmäßiges Heimweh

Roman

Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-25147-2

Alle Rechte vorbehalten

© Carl Hanser Verlag München 2007/2015

Schutzumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung eines Fotos © Sven Hagolani / CORBIS

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

1

ES IST FRÜHABEND und immer noch hell. Die Stadt ist fast leer. Die meisten Leute sind in Urlaub oder sitzen in Gartenlokalen. Die Hitze drückt auf die Dächer. Ich könnte in mein Apartment gehen, aber dort ist es genauso warm wie draußen. Gestern abend bin ich so lange in der Stadt umhergelaufen, bis ich durch die Müdigkeit ganz leicht geworden war. Schließlich habe ich mich auf eine Bank gesetzt und bin dort sogar eingeschlafen. Grölende Jugendliche haben mich zwanzig Minuten später geweckt, das war unangenehm. Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein. Ein Halbschuh liegt auf der Straße, die Sohle nach oben. Aus einer Seitenstraße kommt das Geräusch eines Autos, das über eine Plastikflasche fährt. Es überholt mich ein Angestellter mit einem über der Schulter hängenden Koffer. Der Koffer zieht so stark nach unten, daß der Trageriemen den Rückenteil des Anzugs nach unten zieht und den Mann wie ein gehendes Unglück aussehen läßt. Ich ekle mich ein bißchen über die tief nach unten hängenden Unterlippen einiger vorüberkeuchender Jogger. Die Türen vieler Lokale sind weit offen. In manches Lokal trete ich kurz ein und kehre rasch wieder um. In Kürze werde ich dazu keine Lust mehr haben und mich einfach irgendwo auf einen Stuhl setzen und ein Glas Bier bestellen. Ich biege in die Wormser Straße ein und sehe in einiger Entfernung das Sportlereck. In diesem Lokal bin ich in der vorigen Woche zweimal gewesen. Der Wirt hob schon beim zweiten Mal wohlwollend die Hand, als er mich wiedererkannte. Die Tür und die Fenster des Pils-Stübchens sind ebenfalls weit geöffnet, der Lärm der Besucher dringt auf die Straße und vermischt sich mit dem Lärm anderer Wirtschaften. Seit etwa einer Woche werden im Fernsehen die Spiele der Fußball-Europameisterschaft übertragen. In den meisten Lokalen sind die Fernsehapparate eingeschaltet. Meine Schritte führen mich halbautomatisch in die offene Tür des Sportlerecks hinein, obwohl ich mich nicht für Fußball interessiere. Ich suche sogar den Blick des Wirts, damit er in mir wieder den halbwegs bekannter werdenden Fremden erkennt. Im Sportlereck ist an der rechten Stirnseite eine Großbildleinwand aufgebaut, und an der vorderen Stirnseite, fast über der Theke, hängt ein zweiter, normaler Fernsehapparat. Besonders stark ist das Geschrei, wenn zwei verschiedene Spiele gleichzeitig übertragen werden. An diesem Abend spielt auf der Großbildleinwand Deutschland gegen Tschechien. Das Lokal ist voll, obwohl das Spiel noch nicht begonnen hat. Ich finde noch einen Sitzplatz ganz vorne, dicht vor der Wand. Männer in Unterhemden treten ein und drängeln sich zwischen Garderobe und Theke nach vorne und lassen sich auf einer Holzbank nieder. Ein übergewichtiger Mischling betritt die Kneipe, einige Leute rufen: Hansi kriegt sofort ein Bier. Ich bestelle ein Glas Weißwein und ein Mineralwasser. Einige Frauen massieren ihren Männern den Rücken. Die Frauen sind es, die am lautesten schreien. Das Spiel wird angepfiffen, der Wirt stellt vor dem Mann namens Hansi ein riesiges Bier ab. Die meisten Gäste sind mit den deutschen Spielern sofort unzufrieden. Kauf dir eine Blindenbrille, ruft ein Mann einem Spieler nach. So gehts nicht, sagt der Mann neben mir. Nach einer halben Stunde sagt der Reporter: Deutschland macht zuwenig. Ein ältliches Fräulein sagt am Nebentisch: Manchmal lauert die Gefahr dort, wo man sie nicht wittert. Männer gehen zwischendurch nach draußen, laufen eine Weile umher, wenn sie zu erregt sind. Ich sitze jetzt mitten im allgemeinen Gebrüll. Der Wirt bringt neue Biere und sagt: Wenn die Deutschen jetzt kein Tor machen, kriegen sie in der achtzigsten Minute eines rein, und dann ist Feierabend. Das Zittern nimmt zu, sagt der Reporter.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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