Adoptiert – mein Leben lang - Jochen Baier - E-Book

Adoptiert – mein Leben lang E-Book

Jochen Baier

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14,99 €

Beschreibung

Muss man mit seiner Familie verwandt sein? Als Jugendlichem wird Jochen Baier bewusst, dass er mit seinen Eltern nicht genetisch verwandt sein kann. Doch was bedeutet das für ihn? Er setzt sich mit dem Thema ausführlich auseinander, beginnt zu recherchieren und führt lange Gespräche mit seinen Adoptiveltern und mit seiner biologischen Mutter. Was brachte sie dazu, ihr eigenes Kind wegzugeben? Wie war es für seine Eltern, endlich das ersehnte Kind zu bekommen? Eine Adoption betrifft eine Vielzahl von Menschen – und Jochen Baier lässt jede Seite zu Wort kommen. Auf diese Weise gelingt ihm ein tief berührendes Buch, das die Vielstimmigkeit des Themas wunderbar wiedergibt, behutsam und sehr gefühlvoll.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 490

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Jochen Baier

Adoptiert

Mein Leben lang

HERBiG

Für meine Mutter · For my mother

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagmotiv: plainpicture/Johan Odman

Satz und eBook-Produktion: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7766-8252-6

Dies ist eine Geschichte, die auf wahren Ereignissen beruht – ein Destillat aus meinem eigenen Leben und nächtelangen Unterhaltungen mit Fremden, die ebenfalls als kleines Kind weggegeben wurden. Ich verdanke meine Existenz zwei sehr unterschiedlichen Müttern – einer geborenen Zickzackläuferin und einer begabten Geradeausläuferin. Menschen, die schließlich mühsam lernen mussten, beides zu können, während sie ihr Leben lang hauptsächlich eines suchten: Nähe. So wie ich auch. Die Tonbandaufzeichnungen und Tagebücher meiner beiden Mütter habe ich als meine Erzählform gewählt, mit dem Ziel, ihr Lächeln und ihre Tragik wirklichkeitsnah abzubilden und ihnen eine Stimme zu geben, die über meine Erinnerungen an unsere unzähligen Gespräche hinausgeht. Ein Teil handelt von der Frau, die mich geboren hat, und ein Teil von der, die sofort danach meine Mutter geworden ist. Viele kleine und größere Puzzleteile des Gesamten – aber alles ist Teil von mir, auch wenn die Namen der meisten Orte und aller beteiligten Personen geändert wurden – mich eingeschlossen. Zum Schutz der Menschen, die mir wichtig sind, und weil die Namen von Adoptierten und ihren Familien austauschbar sind. Es gibt so viele von uns. Überall.

Der rosa Strampler

Kölner Südstadt, hier wohne ich. In einem Jugendstilhaus, viertes Stockwerk, mit frisch gestrichener weißer Fassade und einzelnen grünen Fliesen, deren stilisierte Engel den Krieg überlebt haben. Aus dem kleinen Fenster in der Küche sieht man sogar ein Stückchen Fluss, aber für den Dom muss ich auf den Balkon gehen – Domblick nur im Sommer also. Schnell die Werbung vom Pizzaservice wegwerfen und den Schlüsselbund aus der Tasche kramen. Tür auf. Alleine. In der ersten Wohnung, in der ich mich manchmal zu Hause fühle. Vor allem an der Küchenbar, die ich aus alten Bohlen selbst gebaut habe. Links steht die Kaffeemaschine und rechts ein paar ungespülte Teller. Dazwischen die Einkäufe, die meine Freundin Pia heute Morgen hier vergessen hat und die wohl ein paar Tage hier liegen bleiben werden. Sie wird Zeit für sich brauchen, nach unserem komischen Gespräch gestern. Nur ein Gefühl, aber es war bisher immer so, wenn meine Freundin ihre Sportklamotten und ihre Dire-Straits-CD eingesteckt hat. Beides fehlt. Und Pia auch. Ich würde sie gerne anrufen, aber vielleicht ist es besser, wenn jeder von uns ein wenig für sich alleine nachdenkt. Ich vor allem über meine Unfähigkeit, mit Pias bisher verleugnetem Kinderwunsch umzugehen. Ich weiß nicht einmal, ob man es einen richtigen Streit nennen kann. Im Nachhinein fühlt es sich jedenfalls so an, obwohl alles ganz harmlos begonnen hat.

»Schau, was ich für Ullas Baby gekauft habe«, hat Pia beim Abendbrot zu mir gesagt, nachdem sie etwas umständlich eine durchgestylte Papiertüte geöffnet hatte. Und dann hat sie mir einen zartrosafarbenen Strampler in die Hand gedrückt. »Meinst du nicht, dass es für uns auch bald an der Zeit wäre?« Als sie merkte, dass ich mochte, wie sich der Stoff in meiner Hand anfühlte, fügte sie hinzu: »So ein Baby ist schon etwas sehr Besonderes.«

Mir wurde heiß und kalt, und es war mir unmöglich zu reagieren. Gelähmt vor Angst, die Verantwortung für so ein kleines Wesen auf meinen Schultern und in meinem Herzen zu tragen. Da half es überhaupt nichts, dass ich schon knapp über 40 war. So viel Verantwortung und so viele Möglichkeiten zu scheitern. Das hätte ich ihr vielleicht sogar erklären können, und dass ich mich zerrissen und unfertig fühlte. Schließlich war ich tief in mir drin doch immer noch ein Kind, das man im Alter von ein paar Wochen einfach weggegeben hatte. In irgendeinem beschissenen Strampler – von einer Mutter zur nächsten.

Während ich mich mit diesem Gedanken quälte, legte Pia ihren Kopf an meine Schulter und ich beschloss, das Thema für den restlichen Abend zu ignorieren. Morgen würden meine Eltern zu Besuch kommen, da war es sicher besser, einer langen Diskussion mit meiner Freundin vorläufig aus dem Weg zu gehen.

»Ich liebe dich, Pia«, habe ich irgendwann gesagt.

»Ich liebe dich, Bent.« Sie klang enttäuscht, als sie sich zu diesem Satz durchrang, aber sie würde ihn nie sagen, wenn sie ihn nicht von Herzen meinte. Glaube ich. Sie ist besonders. So viel weiß ich, und dass wir eine echte Chance haben, zusammen glücklich zu werden. Vielleicht ja sogar für immer.

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, und ich schiebe die Tüte mit dem Strampler für Ullas Kind ein klein wenig zur Seite. Dann lasse ich meinen Blick schweifen, bevor ich mich überwinden kann, das Chaos um mich herum etwas zu lichten. Noch zwei Stunden, bevor meine Mutter herkommt. Mit Papa. Zeit genug also, rede ich mir ein, für einen langen Blick auf den Fluss, der mir sonst immer eine gewisse Ruhe gibt. Heute jedoch nicht. Der glatt verputzte Gründerzeitblock gegenüber zieht meinen Blick an. Er ist so bedrückend leblos, so ganz anders als das Wasser des Rheins und so furchtbar ordentlich. Zum Glück gibt es da noch die notdürftig ausgebesserte Wand hinter meiner Bar, deren gefleckter Putz aussieht wie eine Kuh, die über einem Busch schwebt. Oder wie ein Fliegenpilz, der sich über einen Berg kämpft. Das haben meine Eltern, Paul und Konstanze, fast gleichzeitig festgestellt. Alltagsromantik nannten sie das, und dass man sie nur finden müsse.

»Du und Romantik, Papa?«, habe ich meinen Vater damals gefragt. Er schaute unbewegt aus dem Fenster, aber Mama nickte: »Ja. Dein Vater ist sicherlich kein Blumenschenker, aber ein Alltagsromantiker, das ist er.« Sie nahm ihn in den Arm, und er küsste sie so, als ob ich für diese eine Sekunde gar nicht da wäre. Ich glaube, so machen das Alltagsromantiker. Und ich weiß seit diesem Augenblick, dass meine Mutter ihn dafür ganz besonders liebte. Und er sie umgekehrt genauso, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr – einfach, weil er es irgendwann von ihr hatte lernen dürfen. Gut, dass sie einander hatten, dachte ich, auch wenn es den beiden nie leicht fiel, sich gemeinsam über ihre Berge zu kämpfen. Ebenso wenig wie Pia und mir. Oder meiner zweiten Mutter Hertina. Ihr fiel es vielleicht am schwersten von uns allen.

Es schellt Sturm. Mama ist da. Und Papa, der ein paar Meter hinter ihr die Treppe hinaufläuft. Es gibt Käsekuchen vom Bäcker und ein paar Geschichten aus Stuttgart, wo meine Eltern hingezogen sind, als mein Vater pensioniert wurde. Das war am Anfang nicht leicht, so weit weg und einsam, aber seit sie alle Nachbarn zum Grillen eingeladen haben, scheint es nicht mehr ganz so schlimm zu sein. Erzählen sie jedenfalls.

»Und Karsten ist auch letzte Woche vorbeigeschneit«, sagt Papa. Karsten ist ein alter Freund, den er schon kannte, bevor sie mich 1969 bekommen haben. Ich nicke und bin glücklich, dass es Papa mit seinen Freundschaften etwas besser hin zu bekommen scheint als ich, gerade jetzt, wo ich so viel Zeit mit Pia verbringe. »Karsten mag dich«, fügt Mama hinzu. Das tut seltsamerweise jeder, denke ich, und trotzdem gibt es so wenige Konstanten in meinem Leben. »Richtet einen lieben Gruß aus«, sage ich schnell, bevor meine Stimmung kippt, und gebe meinem Vater noch ein Stück Kuchen, während Mama sich unauffällig umsieht. Es ist nicht so ordentlich wie sonst, wenn mir Pia beim Aufräumen hilft, und meine Mutter merkt das natürlich sofort.

»Was ist denn eigentlich mit Pia?«, fragt sie, und ich druckse etwas herum, bis sie misstrauisch wird. »Ihr hattet doch nicht etwa Streit, oder?«

»Nicht direkt«, antworte ich, und mein Blick fällt unwillkürlich auf die Tüte mit dem Strampler für Ulla.

»Darf ich mal sehen?«, fragt Mama und macht sich daran zu schaffen, ohne mein Okay abzuwarten. »Grundgütiger, sie will ein Kind, oder?«, fragt sie mit untrüglichem Instinkt, als sie das zartrosa Teilchen entdeckt. Ja, denke ich, und dass ich noch nicht dafür bereit bin.

»Vielleicht«, antworte ich ausweichend, während ich bereue, die Tüte nicht säuberlich in irgendeinem Schrank versteckt zu haben.

Mutter schaut mich herausfordernd an: »Jetzt sag schon.«

»Sie will jedenfalls ihre Zukunft planen«, antworte ich und merke Verzweiflung in mir aufsteigen. »Und ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Das ist auch schwierig«, sagt Mama, und dass Papa und sie sich ja damals zum Glück komplett einig waren, wie die Zukunft aussehen solle. »Wir wollten dich doch beide so sehr«, fügt sie hinzu.

»Ja, schon«, bemerke ich, und meine Gedanken gehen unwillkürlich zu dem Wenigen zurück, was ich über meine Vergangenheit weiß. »Aber bei euch war auch nicht so viel unklar«, werfe ich ein. »Also, was euch selbst anbelangt, meine ich. Und die Vergangenheit.«

Stille.

Mein Vater bricht schließlich das Schweigen. »Das bedeutet, du bist mit der Vergangenheit noch nicht klar, oder?«, fragt er, und es klingt gleichzeitig so überzeugt, als ob er und Mama das sowieso schon in vielen Gesprächen zuvor beschlossen hätten. Ich nicke zögerlich, weil es mir schwerfällt das einzugestehen, und meine Eltern sehen sich lange an.

»Was ist?«, frage ich und versuche zu ergründen, was in ihnen vorgeht.

»Ich hätte es vielleicht schon früher tun sollen«, sagt Konstanze schließlich. Sie zögert.

»Was?«, wiederhole ich.

»Ach Bent. Dir meine Tagebücher schicken. Das ist das Einzige, was ich wirklich tun kann.« Ihre Tagebücher, in denen meine Vergangenheit ganz präzise aufgezeichnet sein muss. Etwas zum Festhalten.

»Bist du wirklich sicher, Mama?«, frage ich, während ich mir vorstelle, wie mein feister Briefträger ein mächtiges Paket mit schwarz eingeschlagenen Tagebüchern die Treppe hochwuchtet.

»Ja«, entgegnet sie, und dass mir ihre Aufzeichnungen irgendwie sowieso ein Stück weit gehören. Also uns beiden.

»Oder soll ich sie vielleicht lieber in Stuttgart lesen?«, frage ich nach, um es irgendwie einfacher zu machen. »Wenn du dabei bist?« Die Angst, ihr und mir selbst wehzutun, indem ich ihr Geschenk annehme, wird in diesem Moment übermächtig.

Sie überlegt. »Möchtest du die Tagebücher denn wirklich mit mir zusammen lesen?«

Ich weiß es nicht. Man liest eigentlich überhaupt keine fremden Tagebücher, denke ich.

»Ich schicke sie los, sobald ich wieder in Stuttgart bin«, bekräftigt meine Mutter noch einmal, und es scheint fast so, als müsse sie es sich selbst irgendwie einreden. »Ich glaube, ich schulde dir das irgendwie. Vielleicht ist es dann leichter, nach vorne zu schauen.«

›Nach vorne schauen‹, wiederhole ich in Gedanken und überlege, dass ich vielleicht doch eines Tages mit meiner Geschichte abschließen und selber Kinder haben könnte. Eine vage, aber schöne Hoffnung. Und dennoch: Warum kann denn nicht einfach alles so bleiben, wie es ist? Eine typische Reaktion, sagen die Psychologen – ein letzter Versuch, all das zu schützen, was sowieso schon begonnen hat unkontrolliert zu beben. Und ein tragischer Versuch dazu.

Als mich meine Mutter schließlich fest in den Arm nimmt, zerstreuen sich die letzten Zweifel, ob ich ihre Tagebücher in Besitz nehmen kann. Unsere gemeinsame Geschichte, schwarz auf weiß.

»Rede mit mir, wenn dir zu sehr wehtut, was du liest, okay? Ruf an oder komm einfach vorbei.«

»Versprochen.« Dann schließen wir beide für einen Moment die Augen und halten uns einfach nur fest. Wir sind plötzlich komplett da und zusammen. Und als wir aufblicken, sieht mein Vater uns an. So, als kenne er alle unsere Ängste und vielleicht sogar seine eigenen auch. Dann ein angedeutetes Nicken – kaum zu bemerken, aber jeder, der meinen Vater kennt, hätte seine unbändige Liebe darin erkannt.

Ich weiß in diesem Augenblick, dass ich meine ganze Wahrheit finden muss. Und vielleicht auch kann. Die Verzweiflung von vorhin ist einer tiefen Angst gewichen, aber ich werde es versuchen, werde die Tagebücher von Konstanze lesen. Mit dem Rücken zum Flur, damit ich hinaus auf den Fluss schauen kann, wenn mir das Glück oder die Schmerzen zu viel werden.

Dann fehlt aber noch die andere Hälfte, denke ich unwillkürlich. Die Wahrheit meiner zweiten Mutter. Und die ist in New York, auf der anderen Seite des Atlantiks. »Pack halt einen Käsekuchen ein und fahr hin«, hat mein Vater noch scherzhaft gesagt, als wir uns kurz über Hertina unterhalten haben, und meine Mutter hat versucht zu lächeln. Als ob das Ganze so einfach wäre. Noch ein Stück Käsekuchen.

Als meine Eltern am nächsten Tag nach Hause fahren, bleibt meine Wohnung für zwei Tage lang stumm. Pia ist auf einer Fortbildung, superanstrengend angeblich. Und ich kann mich selbst nicht leiden. Habe nicht einmal Lust, Musik zu hören, wobei ich nicht weiß, was ich unerträglicher finde – die Vorstellung, meine Anlage anzuschalten, oder das Wissen, dass ich weder die Rolling Stones, noch Pink, noch irgendjemand anderen mit einer Gitarre in der Hand ertragen könnte. Kurt Cobain auf Heroin vielleicht. Kein Rhythmus zu spüren, alles verläuft.

Das Herz im Namen

Drei Tage später öffne ich dem Zusteller die Haustür. Da kommen sie, die Tagebücher meiner Mutter.

»Lange drauf gewartet?«, fragt der Bote, und ich weiß nicht, ob das eine Standardfrage ist oder ob er es mir ansieht.

»Ja«, sage ich. Die letzten zwei Nächte und streng genommen ungefähr 40 Jahre, in denen ich offensichtlich nie wirklich mit meiner Vergangenheit im Reinen war. Weder als ich vermutete, dass ich adoptiert bin, noch als ich es wusste, und auch nicht nach meinem ersten kurzen Treffen mit meiner leiblichen Mutter vor ungefähr 21 Jahren. Fruchtlos und bis heute nie wiederholt.

Das Paket ist jedenfalls ziemlich schwer, und mir fällt sofort auf, dass das ›Bent Maier‹ im Adressfeld mit einem ›n‹ geschrieben ist, das fast exakt so geformt ist wie ein Herz. Unbewusst vielleicht, aber sehr eindeutig. Das Packpapier ist schnell entfernt, und es kommen ein Dutzend schwarze Lederbände zutage – mein Leben, auf dem ein Brief meiner Mutter liegt. Ich kann kaum abwarten, was darin steht, und zerreiße ihn fast beim Öffnen.

Geliebter Sohn,

Verstehen zu wollen, wie die einzelnen Teile deines Lebens zusammenpassen, ist bestimmt ein Wagnis, aber du musst es wahrscheinlich eingehen. Habe keine Angst. Wir lieben dich, so wie du bist, und das werden wir immer tun. Wir wünschen dir, dass die Suche nach der Vergangenheit dein Leben ordnet und deine Fragen über uns und vor allem über dich selbst beantwortet. Papa sagt, es sei vielleicht so wie mit dem Zauberwürfel, den Du, als du noch klein warst, von Karsten geschenkt bekommen hast und der dich monatelang beschäftigt hat. Widerspenstig und auf den ersten Blick unüberwindbar. ›Ich kann das nicht‹, hast du damals gesagt und geweint. Jedes Mal, wenn sich die Seiten zu sortieren schienen, hat eine einzige falsche Drehung alles wieder zunichte gemacht. Du hast es schließlich doch geschafft, und wir wissen, dass Du es auch diesmal schaffen wirst.

In Liebe, egal was passiert, Deine Mutter

PS. Papa fragt, warum Du nicht einfach über New York fliegst, wenn Du Deinen Vortrag in Philadelphia hältst. Du weißt schon.

Ich lege den Brief zur Seite und überlege, ob es wirklich Sinn macht, was Papa vorschlägt. So schnell. Eigentlich hatte ich den Gedanken daran erfolgreich verdrängt. Der Kongress in Philadelphia ist doch schon so bald – noch nicht mal mehr eine Woche bis dahin, und ganz unwichtig ist er ja auch nicht. ›Das geht mir zu plötzlich‹, durchfährt es mich. Mein Vater kann so übergriffig sein. Auch wenn ich weiß, dass er mir nur helfen will, meine Angst zu überwinden. Und seine eigene.

Woher soll ich denn wissen, ob ich das überhaupt kann? Die liebevollen Worte meiner Mutter, die sich beim Lesen so wunderschön und ermutigend angefühlt haben, sind jedenfalls zusammen mit dem PS davongeflogen. Mir stehen die Tränen in den Augen, und ich schaue einen Moment aus dem Fenster, bevor ich mit dem ersten Tagebuch beginne, dem abgewetztesten Band von allen. Meine Mutter muss später noch oft darin geblättert haben.

Tagebucheintrag Konstanze vom 20.07.1968

Frau Berg von der Adoptionsstelle war ziemlich unfreundlich, und ich weiß nicht, ob wir eine echte Chance haben, ein Kind von ihr zu bekommen. »Es ist 14 Uhr und 2 Minuten«, sagte sie anstelle von »Guten Tag«.

»Hallo, Frau Berg« – wahrscheinlich war ihre Woche besonders lang, und es gibt viele Mitbewerber, die auf ein Baby hoffen. Paul, denke ich, hätte sofort mitkommen sollen, denn es hat sie beeindruckt, dass er Diplom-Ingenieur ist und mit 30 Jahren schon als Beamter beim Land arbeitet. Sie machte jedenfalls einen dicken Haken in ihr Formular und ordnete dann ihre Haare.

»Sie haben also ein gutes Auskommen. Wohnung?«

Ich musste ihr natürlich sagen, dass wir noch in der Rendstraße wohnen, aber dass wir irgendwann umziehen wollen nach Elberfeld. Paul hat ja erst angefangen, richtiges Geld zu verdienen, aber das hat sie nicht davon abgehalten, statt eines Hakens diesmal ein Kreuz zu machen.

»Die Rendstraße ist keine besonders gute Gegend, wenige Spielplätze. Haben Sie wenigstens einen Balkon?«

So ein Unfug, als ob es in der Rendstraße Balkone gäbe. Die meisten Leute dort sind Hilfsarbeiter im Walzwerk oder in der Galvanik, und vor dem Ende des Januars würden sie den Balkon in ihren kleinen Kohleöfen verfeuern. Bei manchen Nachbarn gibt es nicht einmal mehr einen Wohnzimmerschrank. Es war ein mulmiges Gefühl, aber ich dachte, es sei besser, wenn wir wenigstens einen kleinen Balkon hätten – da habe ich ihr das ganz einfach gesagt, und sie hat noch einen Haken gemacht. Dann hat sie mir einen Stapel Papiere gegeben: zu Krankenkasse, Elternhaus, Mitgliedschaften in Parteien, Ausbildung, Allergien und Vorstrafen. Ich habe eine Stunde lang alles ausgefüllt. Auch, dass ich an drei Vormittagen als Übersetzerin für Italienisch und Portugiesisch bei Krupp arbeite. Hatte ich davor völlig vergessen, ihr zu sagen.

Erst ganz am Schluss hat sie mich gefragt, warum wir überhaupt ein Kind adoptieren wollen. Darauf war ich natürlich vorbereitet, dachte, es würde die erste Frage sein: »Wir wollen eine echte Familie sein, und das Kind wird es sehr gut bei uns haben, das können Sie mir glauben.«

Frau Berg fühlte sich auf einmal sehr fern an, aber eine andere Antwort gab es in diesem Moment nicht. Wir haben uns ja nie damit beschäftigt, längere Erklärungen zu formulieren – es war einfach so klar und so richtig, es fühlte sich im Herzen gut an. Ganz von innen. Ein unendliches Verlangen, ein Kind in den Armen zu halten und ihm alles von einem selbst zu geben. Zu sehen, wie es wächst, innerlich und äußerlich. Es ganz einfach jede Sekunde zu lieben. Wahrscheinlich wäre das die eigentliche Antwort gewesen.

»Es hat noch niemand etwas anderes gesagt, Frau Maier, aber vielleicht überlegen Sie ja noch mal. Wir werden sehen.«

Vorhin habe ich dann den Paul gefragt, warum wir eigentlich ein Kind haben wollen. Er hat mich in den Arm genommen und gemeint, dass er sich nichts mehr wünscht und dass es doch der einzige Weg für uns sei, ein Kind zu bekommen. Etwas pragmatisch vielleicht, und doch sagte er es erstaunlich liebevoll für einen Menschen, den sein eigener Vater nicht ein einziges Mal in seinem Leben umarmt hatte. Ob Junge oder Mädchen sei Paul völlig egal, nur dass er mit einem Jungen Fußball spielen würde und bei einem Mädchen schon eine Idee für einen schönen Namen hätte. Mia, so wie die Schauspielerin Mia Farrow aus dem Film ›Mary und John‹.

»Hat das Kind denn nicht schon einen Namen, wenn es zu uns kommt?«, habe ich ihn gefragt. »Ich weiß nicht, ob du einem Kind einen Namen gibst, wenn du es weggibst und nie mehr wiedersiehst. Außerdem wäre es besser, wenn es einen neuen bekommt, damit man es nicht mehr wiederfinden kann.«

»Warum sollte jemand nach dem Kind suchen?«

Paul wusste darauf keine Antwort, aber sicher ist sicher, denn vielleicht hat er ja recht und die Mutter von dem Kind überlegt es sich nach ein paar Monaten anders. Ich merkte, wie sich meine Gedanken bei dem Wort ›Mutter‹ in der Unlogik der Situation verirrten. Bald werde ich auch eine Mutter sein. Jedenfalls, wenn Frau Berg uns tatsächlich ein Kind gibt. Was müssen wir dafür tun?

Ich lasse das Gelesene kurz auf mich wirken und blättere durch das Tagebuch. Meine Mutter schrieb damals ganz regelmäßig, fast schon täglich, etwas hinein. Zurück zum Anfang, der nächste Eintrag war nur zwei Tage später.

Tagebucheintrag Konstanze vom 22.07.1968

Es fiel mir nicht leicht, heute Morgen zum Spielplatz zu gehen, um dort vielleicht eine Antwort auf Frau Bergs Frage zu finden – die Kinder sehen doch so schön aus, wenn sie spielen. Und ich weiß ja nicht einmal, ob ich jemals ein eigenes Kind haben werde. Das letzte Mal, als ich auf einem Spielplatz war, habe ich zwei Nächte nicht geschlafen, und in der zweiten Nacht habe ich Paul um drei Uhr geweckt, weil ich dachte, ich hätte vielleicht einen Eisprung. Irgendwie muss es doch gehen, habe ich damals gedacht, und für einen Moment war die Angst verschwunden, dass wir überhaupt keine Kinder bekommen konnten. Mutter hatte einmal gefragt, ob wir »krank« seien. Den Moment, zum Arzt zu gehen, um unser Problem gezielt anzusprechen, hatten wir jedenfalls schon vor einigen Jahren verpasst.

Die Frauen auf der Bank neben dem Sandkasten lachten sich heute kaputt, als ich sie fragte, warum sie ihre Kinder bekommen haben. Eine Frau aus der Rendstraße bewegte ihr Becken ziemlich vulgär vor und zurück. Es sah bemerkenswert geübt aus: »Weißt wohl nicht, wie das geht, oder doch?«

Das Lachen der anderen war eigentlich freundlich, aber der helle Ton zog sich wie ein Strudel in meinem Bauch zusammen, sodass ich mich fast in den Sandkasten übergeben musste, zwischen den Plastikeimern und einer verbogenen Schaufel, die alle Kinder auf dem Spielplatz für ein Samuraischwert hielten.

Mein Fehler. Die versammelten Mütter konnten ja nicht wissen, dass es bei Paul und mir mit dem Kinderkriegen nicht so richtig funktioniert. Die halbe Träne auf meinem Gesicht habe ich kaum bemerkt. Nicht einmal ein ganzer Tropfen, eher ein kurzer dünner Wasserfaden, der meine Traurigkeit in seiner bemitleidenswerten Gestalt ausdrückte.

Als die Frau mit dem Lachen fertig war, hat sie gesagt, dass sie doch letztes Jahr geheiratet habe und dass es ganz einfach dazugehöre. Ihr Sohn Thomas sei jetzt ihr Ein und Alles. Überhaupt sei jedes Kind wunderschön, und ich bräuchte nicht zu weinen, nur weil ich schwanger sei. Kinder seien doch etwas so Tolles, und dass mir schlecht sei, sei auch absolut normal.

»Freu dich doch einfach.«

»So ein Kind ist das Einzige, das dir ganz allein gehört.«

»Ich habe drei Monate nur gekotzt.«

»Hoffentlich hast du einen guten Mann, sonst musst du ihn schnell loswerden.«

»Wohnen deine Eltern in der Nähe?«

Eine hat dann noch gesagt, dass sie bei der Geburt ihrer Tochter schon 35 war und es langsam höchste Zeit wurde. Eine hat die Pille vergessen, eine hat angeblich ein kaputtes Kondom benutzt und eine war zu betrunken, um sich überhaupt zu erinnern. Das fanden alle ganz besonders witzig, nur die Frau mit den geschmeidigen Beckenbewegungen hat ziemlich mitleidig geschaut. Eigentlich hatte keine der Frauen einen richtig guten Grund, ein Kind zu bekommen, also jedenfalls keinen Grund, der Frau Berg gefallen hätte. Vielleicht musste ich anders fragen: »Warum habt ihr denn überhaupt ein Kind gewollt?« Alle haben sich unauffällig umgesehen, als könnten die anderen ihnen vorsagen. Keine von ihnen hat überhaupt etwas gesagt. Ist das nicht schlimm? Trotzdem hat es bei ihnen mit dem Schwangerwerden geklappt – es ist so ungerecht, dass es bei Paul und mir nicht geht. Ich finde, man müsste jeden zwingen, vorab einen Eignungstest zu machen, bevor man überhaupt Sex haben darf. Am besten bei Frau Berg.

Auf dem Rückweg habe ich überlegt, ob ich beim Jugendamt anrufe und Frau Berg sage, dass meine Gründe immerhin besser sind als die der meisten echten Mütter. Klar weiß ich, dass es vernünftiger ist, es nicht zu tun. Ich darf keinen Fehler machen. Wenigstens so muss es jetzt klappen.

Ich fragte mich, wann meine Mutter das Wörtchen »wenigstens« durchgestrichen hatte. Gleich nach dem Schreiben oder erst viel später?

Tagebucheintrag Konstanze vom 27.08.1968

Heute Morgen sind meine Eltern mal wieder überraschend vorbeigekommen, was in letzter Zeit ziemlich selten passiert.

»Hallo Papa, hallo Mama.«

»Hallo mein Kind«, sagte meine Mutter. Mein Vater sagt nie etwas, aber er ist mir manchmal trotzdem unglaublich nah. So wie früher.

Sie sahen beide völlig überanstrengt aus, irgendwie mit den Nerven fertig. Wahrscheinlich läuft gerade vieles bei ihnen nicht gut. Eigentlich hätten sie wohl genug mit sich selbst zu tun, aber das hält Mutter keineswegs davon ab, MIR zu sagen, was ICH alles falsch mache. Und das sind mindestens sieben Dinge. Wenn sie darüber schimpft, schaut sie über den Rand ihrer Brille hinweg, als ob es die sieben Todsünden seien und sie das Fegefeuer: Dass Paul angeblich nicht genügend Fleisch bekommt und dass ich schon viel zu lange keine Donauwellen mehr für meinen Vater gemacht habe, sind die beiden ersten. Die kann ich großzügig übergehen. Auch der Verweis, unsere Bettwäsche sei nicht präzise gebügelt, zu faltig an den Kanten, und dass ich für Paul lieber blaue als weiße Hemden herauslegen soll, kann ich über mich ergehen lassen. Und dann: Die Socken sind schlecht gestopft – ist mir völlig gleichgültig. Was hat Pauls Kumpel Karsten neulich noch gesagt? ›Wo ist der Bus mit den Leuten, die das interessiert?‹ Ist schließlich alles reine Geschmackssache, einschließlich der Frage, ob es tatsächlich ›vernünftig‹ ist, stundenlang Laken und Kissenbezüge zu bügeln.

Verweis Nummer sechs brennt dagegen schon richtig, und ich kann ihn jedes Mal ein bisschen schlechter ertragen: »Weißt du, Konstanze, die Gerda hat lange nichts mehr von dir gehört. Es ist dir schon klar, dass sie ein recht ordentliches Vermögen hat und keine eigenen Kinder, oder? Ihr könntet es doch sooo gut gebrauchen …« Und spätestens an dieser Stelle nickt mein Vater.

Die ganze Sache mit Tante Gerda wäre sicher nur halb so schlimm, wenn sie nicht auf subtile Weise all die Werte infrage stellen würde, die meine Eltern mir als Kind mitgegeben haben. Die sie immer hochgehalten haben, ich weiß es noch genau: »Mit eigenem Fleiß und Bescheidenheit«, hat Mutter damals gesagt, »kommt man vielleicht nicht so weit wie mit Berechnung und Abscheulichkeit, aber man braucht sich dafür nicht jeden Tag zu schämen, wenn man in den Spiegel schaut, mein Kind.« Als kleines Mädchen habe ich mir natürlich in allen Einzelheiten vorgestellt, wie schlimm es ist, sich ständig und immer schämen zu müssen, und ich hätte geschworen, dass sich Mama niemals in ihrem ganzen Leben irgendeinen Vorteil erschleichen würde. Oder sogar Reichtum als Grund ansehen würde, einen Menschen anders zu behandeln als andere.

Heute ist das vergessen. Es liegt eine fast infame Berechnung in ihren Worten, zumal sie genau weiß, dass ich Tante Gerda überhaupt nicht ausstehen kann. Von mir aus kann sie mit ihrem ganzen Geld zum Teufel gehen oder meine Cousine Wanda Elisabeth damit überschütten, die in ihren altjüngferlichen Strickpullovern genauso zusammengestückelt wirkt wie ihr Name. Sicher könnte sie die Erbschaft eher gebrauchen als ich, und man sollte sie ihr einfach gönnen. Das kann Mutter nicht: Sie muss ihre eigenen Werte über das Älterwerden völlig verdrängt haben. 55 Jahre ist sie jetzt; ich 31 und wahrscheinlich die Einzige, die sich noch erinnert, woran SIE früher fest geglaubt hat. (Warum? Und warum komme ausgerechnet ich mir jetzt trotzdem schuldig vor?)

Mein Vater hat sich genauso verändert. Heute hat er schon wieder beteuert, immer noch der alte Gewerkschaftler von früher zu sein, ein letzter Heimüller vielleicht, der ehrliche Gewerkschaftsvorsitzende, sozial bis zum Letzten, und gleichzeitig ist er schon lange viel konservativer geworden als die CDU, die er immer so gehasst hat. Dass ich mich jetzt an Tante Gerda heranschleichen soll, um an ihre Aktienpakete zu kommen, stört ihn entsprechend wenig. Dabei ist doch gerade mein Vater jedem Menschen gegenüber immer einhundertprozentig ehrlich gewesen – gleichgültig, was dieser Mensch besaß oder was man vielleicht von ihm bekommen konnte.

Als Kind durfte ich zum Beispiel als einziges Mädchen mit diesem Zigeunerjungen spielen, der für ein paar Wochen in einem Wäldchen in der Nähe herumstrich. Sdravko hieß er, und mein Vater hat ihm sogar eines seiner Taschenmesser geschenkt, was mir damals wie heute als ein untrügliches Zeichen seiner Güte und Großzügigkeit erscheint. Ich weiß noch genau, wie Papa es poliert und ihm gegeben hat und wie Sdravkos Mutter dann am nächsten Tag zu uns kam, weil sie nicht glauben konnte, dass jemand ihrem Sohn, dem Zigeuner, etwas so Wertvolles geschenkt hatte. Sie misstraute tatsächlich ihrem eigenen Kind, hatte ihn am Vorabend sogar schlimm bestraft, weil es so unwahrscheinlich schien. Und es war wirklich außergewöhnlich: Mein Vater hatte auf seine Art mehr Vertrauen in diesen fremden kleinen Kerl gesetzt als dessen eigene Mutter. Auch deshalb war ich immer stolz darauf gewesen, dass er MEIN Vater war.

Zurechtweisung Nummer sieben ist dann jedes Mal der Höhepunkt familiärer Verzweiflung, und man merkt es Mama tatsächlich schon fünf Minuten vorher an, dass sie es gleich wieder sagen wird. Manchmal nicken Paul und ich uns unauffällig zu, wenn wir den Eindruck haben, dass der Countdown beginnt. Die Flammen beginnen, nach oben zu schlagen. Mutter kämpft dagegen an, denke ich jedenfalls, aber schließlich kann sie nicht mehr anders, als es tatsächlich loszuwerden: »Es ist schade, dass ihr immer noch kein Kind habt.«

Meine Kinderlosigkeit liegt Mama selbstverständlich schwer auf der Seele. Jedes Mal, wenn sie erzählt, wie weh es ihr tut, dass sie noch nicht Oma ist, wirkt es verbitterter. Härter und strafender. Es geht ihr ums Prinzip, und dass es ihr Recht ist, einen eigenen Enkel zu haben.

Es ist doch mein Leben, Mama! Du kannst mir doch nicht auch noch meinen Schmerz darüber stehlen, kein Kind zu haben! Vor lauter Ärger hätte ich fast vergessen, den Termin mit Frau Berg zu bestätigen, morgen um 10:00 im Jugendamt. Wer weiß, vielleicht geht es dann ja schon voran mit dem ›eigenen‹ Enkel.

Ach ja: »Kannst du Paul denn nicht befriedigen?«, hat sie mich heute außerdem gefragt, was dann eindeutig zu weit ging.

»Mutter!«

»Ach, mein Kind, es ist doch so wichtig in der Ehe, dass beide Partner auch im Bett glücklich sind, weißt du?«

Es gibt einfach Dinge, die Eltern nicht mit ihren Kindern besprechen sollten, vor allem nicht, wenn sie selbst diese Körperlichkeit immer als eine Art Geheimnis definiert haben. Ein geheimes Geheimnis sogar: Ich glaube, ich habe Mutter in meinem ganzen Leben nur ein einziges Mal nackt gesehen, meinen Vater überhaupt noch nie. Und aus ihrem Schlafzimmer habe ich auch noch nie irgendetwas gehört, das auf irgendeine Form von körperlicher Nähe zwischen den beiden schließen ließ. In der einzigen Nacht, in der ich sicher war, so etwas gehört zu haben, war mein Vater allerdings in Hamburg. Leider. Er war es also nicht, der in diesem Bett glücklich war. Warum hätte ich es ihm sagen sollen? Es hätte ihm damals das Herz gebrochen.

Tagebucheintrag Konstanze vom 29.08.1968

Heute war endlich der erste gemeinsame Termin bei Frau Berg. Paul sollte das blaue Hemd anziehen, weil er damit viel freundlicher aussieht als mit dem weißen, aber er hat sich geweigert. Dabei ist er so ein schöner Mann, wenn er sich Mühe gibt. Vor allem aber, wenn er seine störrischen Haare so komplett gebändigt hat wie heute. Jetzt im Sommer sind sie etwas heller, und von dem dunkelroten Schimmer, den sein Bart manchmal im Winter bekommt, ist nichts zu sehen. Mein Mann. Und dazu noch die braunen Augen. Warum zickt er bloß mit dem Hemd so rum?

Paul sagt: »Davon wird es nicht abhängen, ob wir ein Kind kriegen.«

Da hat er natürlich recht, und trotzdem musste möglichst jedes Detail stimmen. Dreimal war ich schon alleine beim Jugendamt. Heute mussten wir Frau Berg gemeinsam überzeugen.

»Tu es mir zuliebe, bitte.«

Er zog es dann sogar zweimal an, einmal sofort und ein weiteres Mal, nachdem ich den linken Ärmel noch sorgfältiger gebügelt hatte.

Frau Berg fiel es sofort auf, dass Paul perfekt zurechtgemacht war, und sie musterte ihn bis hinunter zu den Schuhen. Die hatte er selbst geputzt.

»Es ist schön, dass sie mitgekommen sind, Herr Maier.«

Paul war perfekt. Er ließ sich über den aktuellen Stand aufklären, und als Frau Berg begann, ihn auszufragen, stand er Rede und Antwort wie Kennedy in den Fernsehdebatten mit Nixon. Es war dann plötzlich kein nettes Gespräch mehr, eher ein Verhör.

Frage Nummer eins: »Wie erklären Sie es sich, dass es bei Ihnen beiden mit der Zeugung eines Kindes nicht klappt?«

»Nun, wenn wir das wüssten, wären wir wahrscheinlich nicht bei Ihnen«, antwortete Paul ziemlich schlagfertig, aber Frau Berg hatte offensichtlich nicht vor, ihn so einfach davonkommen zu lassen. Es hörte sich sogar fast so an, als fühlte sie sich durch die kurze Antwort provoziert.

»Ihre Frau sagte mir, sie seien oft im Stress, und das führt natürlich zu Spannungen in der Beziehung. Das ist in vielen Partnerschaften so, wenn der Mann einen guten Beruf hat. Kann es vielleicht sein, dass Sie Ihre Ehe vernachlässigen? Ihre Frau deutete so etwas an.«

Diese verdammte Kuh. Es platzte fast aus mir heraus, dass das gar nicht stimmte, ein schlimmes Missverständnis – vielleicht sogar böse Absicht –, schließlich hatte ich nur ein einziges Mal erwähnt, dass Paul lange arbeiten müsse und daher ein Termin nach 17 Uhr am besten wäre. Ich hätte sie am liebsten beschimpft. Innerlich habe ich in diesem Moment so sehr gehofft, dass Paul mich wenigstens kurz ansehen würde, damit ich ihm ein Zeichen geben konnte. Niemals hätte ich so etwas Ungeheuerliches über ihn gesagt. Ich starrte in seine Richtung. Er musste stinksauer sein, und er sah auch aus, als ob er jeden Moment explodierte. Seine Brauen schoben sich immer ein wenig nach oben, wenn er böse war, und zwischen seinen Augen vertiefte sich eine kleine Falte zu einer tiefen Furche. Er würdigte mich keines Blickes, aber irgendwann hat er dann endlich geantwortet. Seine Antwort war so präzise wie ein Schriftsatz, den er in Sekundenschnelle in seinem Kopf zurechtgelegt hatte. Es hätte nur noch gefehlt, dass er am Ende ›mit freundlichen Grüßen, Paul Maier‹ sagte.

»Liebe Frau Berg, sehen Sie, meine Frau und ich sind seit zehn Jahren verheiratet, mit allem Aufwärts und Abwärts, das eine Ehe zwangsläufig mit sich bringt, aber ich bin absolut sicher, dass meine Frau nie sagen würde, dass ich sie vernachlässige. Wenn es nämlich so wäre, wäre ich der Erste, der es erfährt. Und zwar von ihr höchstpersönlich und garantiert nicht von Ihnen. Wir können also im beiderseitigen Einvernehmen diesen kleinen Test überspringen und unser Treffen für Wichtigeres nutzen.«

Frau Berg machte einen Haken in ihren Block und schaute ihn an. »Sie werden sicher verstehen, dass wir irgendwie prüfen müssen, ob unsere Kandidaten eine funktionierende Ehe führen.«

Der nächste Punkt auf Frau Bergs Liste war unsere Unfruchtbarkeit. Das Thema hatte sie bisher komplett vermieden, und es war besonders unangenehm, dass sie es zum ersten Mal ansprach, als Paul dabei war. Es kam so überraschend, dass es schon wieder ein Brennen in mir verursachte, diesmal aber so, als ob man aus Versehen eine ganze Peperoni verschluckt, die sich dann einen Weg zwischen Herz, Lunge und Magen hindurch sucht. Erst Schmerzen, dann Übelkeit. Das Fegefeuer meiner Mutter war angenehmer gewesen.

»Wir empfehlen immer, dass Paare, die ein Kind adoptieren wollen, zuerst noch einen Fruchtbarkeitstest machen«, sagte Frau Berg, und jeder Widerspruch wäre zwecklos gewesen, obwohl mir die Idee schon auf den ersten Blick völlig unsinnig erschien. Was sollte bei dem Test herauskommen? Ein Schuldiger, vielleicht sogar zwei Schuldige? Paul und ich hatten viel Zeit und versteckte Tränen gebraucht, uns stillschweigend darauf zu einigen, dass wir beide zusammen eben kein Kind zeugen konnten. Irgendetwas passte halt nicht zusammen bei uns beiden, aber in unserer Übereinkunft gab es keinen Schuldigen. Noch gab es keinen Schuldigen … Kein Arzt hatte jemals etwas gesagt, obwohl wir unsere Routineuntersuchungen natürlich immer regelmäßig gemacht hatten. Ich beim Frauenarzt und Paul beim Hausarzt. Sogar als ich vor zwei Jahren die Probleme mit den Eileitern hatte, hat danach niemand davon gesprochen, dass es jetzt mit dem Kinderkriegen vorbei ist. Warum in drei Teufels Namen sollten wir jetzt alles wieder komplett aufrollen?

»Sie ist eine blöde Kuh«, habe ich auf der Heimfahrt gesagt, aber Paul hat nur abgewinkt.

»Nein, dass sie uns getestet hat, ist in Ordnung. Stell dir vor, alle Deppen könnten einfach so ein Kind vom Jugendamt bekommen, und dann ist nur Streit in der Familie. Vielleicht gibt es sogar Paare, die nur ein Kind wollen, damit es in ihrer Beziehung wieder besser klappt.«

Ich heulte auf einmal los, weil mir die Frauen vom Spielplatz einfielen, aber Paul legte seine Hand auf mein Bein, und es war sofort vorbei.

»Und der Test?«

»Der Test ist eine Scheißidee.«

Danach sagte keiner mehr etwas zu unserem Gespräch mit Frau Berg. Wir wussten beide, dass wir um den Test nicht herumkamen. Wir akzeptierten es. Pauls Hand blieb auf meinem Bein, bis wir zu Hause waren. Er ist tatsächlich ohne zu schalten im zweiten Gang aus der Stadtmitte bis hinaus in die Rendstraße gefahren. Unbeschreiblich schön. Ein paar Sekunden habe ich sogar vor lauter Glück geweint, und die Furcht vor der Untersuchung verschwand für einen kleinen Moment. Vielleicht hat sie aber auch nur die Chance genutzt, sich ganz tief in mir zu vergraben.

Anfänge aus Kaffee und Benzin

Es ist so furchtbar fremd, all diese Dinge zu durchforschen, und ich brauche ewig dafür. Manchmal fühlt es sich so an, als ob die Zeilen meiner Mutter gar nichts mit mir zu tun haben – ein Blick auf das Leben eines anderen, und im nächsten Moment ist alles wieder komplett vertraut. Dann mache ich Pause, gehe spazieren und arbeite erfolglos an meinem Vortrag für Philadelphia.

Manchmal räume ich sogar auf, um mich abzulenken, oder rufe bei Pia an. Wir könnten uns ja zum Skaten oder Radfahren verabreden, auf unserer Lieblingsstrecke den Rhein entlang, doch sie hebt nicht ab. Ob sie mich vor dem Umweg über New York warnen würde? Oder mich bestärken? Mein Bedürfnis danach hat sich nämlich in den letzten Tagen verselbstständigt, und jedes Mal, wenn ich in den Tagebüchern meiner Mutter lese, wende ich mich in Gedanken unwillkürlich auch der anderen Hälfte meiner Vergangenheit zu: der Wahrheit meiner zweiten Mutter Hertina. Soll ich nicht vielleicht doch von Philadelphia aus zu ihr fahren?, habe ich mich immer wieder gefragt. Dem Wunsch nachgeben, auch über sie mehr zu erfahren und alles aufzuschreiben? Etwas Greifbares in der Hand zu halten? Jetzt, wo ich weiß, wie viel es mir bedeutet, dass ich die Tagebücher meiner ersten Mutter habe. Es wäre doch so wichtig. Für mich, aber auch für Pia und diesen rosa Strampler. Dieser Gedanke hat sich irgendwie verfestigt, und nachdem mir Papa vorhin eine SMS geschrieben hat, um nach meinem Vortrag zu fragen, buche ich meinen Rückflug spontan um. Ich habe Angst davor, aber ich muss zumindest einen Anfang wagen, wenn ich schon mal in die Staaten komme. Die entscheidende Bordkarte, die ich ausdrucke, ist mit ›Philadelphia – New York, JFK‹ beschriftet.

Nach der Konferenz verbringe ich also drei Stunden in Sitz 2E, nachdem ich den gesamten Papiermüll des Symposiums bereits beim Einsteigen entsorgt habe, um mich ganz auf New York zu konzentrieren. Ein Tomatensaft, ein Sandwich mit fragwürdiger Konsistenz, ein Cognac zum Entspannen und viel zu viele Gedanken an das erste Treffen mit meiner Mutter Hertina vor 21 Jahren. Es war so schmerzhaft oberflächlich verlaufen und hatte kaum Fragen beantwortet. Wir hatten uns damals getroffen, um uns auszuweichen, denke ich heute. Auch der Frage nach meinem Vater.

Ich bete nicht oft, aber heute tue ich es. Für Verständnis und Ehrlichkeit, die es brauchen wird, wenn Hertina mir ihre Geschichte erzählt. Ich werde sie aufnehmen, habe ich mir überlegt, und später alles abtippen, damit ich diesen Teil meines Lebens ebenso schwarz auf weiß vor mir habe. Vielleicht, so die Hoffnung, verliert die Geschichte dann auch dieses merkwürdig Unwirkliche, das ihr anhaftet, seit ich damals festgestellt habe, dass ich nicht der Sohn meiner Eltern bin. Ich wundere mich über mich selbst, als ich am Gepäckband die Bordkarte als Erinnerung in meine Tasche stecke. Was ist, wenn alles schiefgeht? Wenn Hertina und ich niemals Nähe empfinden?

Queens Avenue B445, vierter Stock. Auf dem Klingelschild steht Hertina Olberic. Das Lächeln zur Begrüßung ist echt, der Kaffee schon gekocht. Dünn und amerikanisch.

»Schön, dich zu sehen.«

»Das finde ich auch.«

Die Umarmung ist ebenfalls dünn.

»Wie lange haben wir Zeit?«

Sie weiß, dass wir sofort anfangen sollten, denn mein Rückflug ist noch heute Nacht. Es gab letzte Woche nichts anderes mehr, und ich konnte ja auch nicht wissen, wie das hier wird – ob sich Hertina überhaupt darauf einlässt. Wahrscheinlich habe ich schon zu lange damit gewartet, fürchte ich in diesem Moment. Seit 1969 sind immerhin mehr als vierzig Jahre vergangen.

Egal. Hertina ist tatsächlich bereit, ihre Geschichte, und damit auch meine, auf Band zu sprechen, und möchte direkt loslegen. Vielleicht hat sie Angst davor, es sich noch mal anders zu überlegen.

»Es wird wehtun«, sagt sie.

»Ich weiß.«

Das Mikrofon ist schnell aufgestellt, aber sie braucht 20 Minuten, um den ersten Satz zu sagen.

»Fang doch einfach an. Wenn der Anfang nicht gut ist, kann ich es doch nachher ganz einfach ändern.«

Sie schüttelt den Kopf: »Nein, das stimmt nicht. Wenn der Anfang nicht gut ist, kannst du es nachher nicht mehr ändern.« Ich verstecke mich hinter meiner Kaffeetasse. Und Hertina beginnt zu erzählen.

Es fing damit an, dass ich im Sommer1968 mit meinem Freund Svonko und seinem neuen Lada von Slowenien nach Deutschland gekommen bin– wir waren auf dem Weg ins Rheinland, weil er eine Bekannte in Köln hatte. Sie hieß Silvina, war vor ein paar Jahren ausgewandert und hatte ihm einen Monat zuvor einen langen Brief geschrieben, ob er nicht vorbeikommen wollte. Kurz oder für immer, hatte sie geschrieben.

»Wir fahren zu einer anderen Frau?«

»Sei doch nicht so. Ich kenne sie aus Maribor– zu einem Bier hab ich sie mal eingeladen«, hat Svonko gesagt, und dass sie ihm viel erzählt habe über Deutschland. Bei einem Besuch in Jugoslawien sei ihr alles so klein vorgekommen, da, wo einmal ihre Heimat gewesen war. Sogar das Reisebüro ihres Vaters erschien ihr schäbig, obwohl alle immer gesagt hatten, es sei eines der modernsten im ganzen Land. Der Vater war schließlich mit einigen der wichtigen kommunistischen Funktionäre befreundet gewesen und hatte deren Auslandsbesuche abgewickelt.

»Überleg doch mal. Schon nach drei Jahren in dieser fremden Stadt war Jugoslawien für sie nur noch eine Reise in die Vergangenheit.«

»Wird es bei uns auch so sein?«

»Deutschland ist die Gegenwart, alles ist viel größer«, hat er gesagt. Ich weiß aber nicht mehr genau, ob es von ihm stammte oder von Silvina.

Die Fahrt dauerte fast zwei Tage, vor allem weil Svonko alle paar Kilometer anhalten musste, um den Korken im Unterboden seines Lada Shiguli herauszuziehen, wo sich das Benzin aus der kaputten Leitung unter dem Schalthebel gesammelt hatte. Das Auto war nicht einmal sehr alt. Alles lief dann aus dem Schacht in einen rostigen Topf, den Svonko unter das Auto geschoben hatte. Dann kippte er ihn oben wieder zurück in den Tank. In Deutschland haben wir dann einen Mercedes oder einen Opel, hat Svonko gesagt, und dass man so was damit natürlich nicht mache, aber bei einem Shiguli sei das okay– zumindest solange niemand eine Zigarette unter das Auto werfe, hat er behauptet und gegrinst. Ich müsse mir keine Sorgen machen, wir sollten einfach unsere Zeit genießen. Ich war18, da kannst du dir ungefähr vorstellen, was er damit meinte. Wir haben auf der Rückbank geschlafen, so nah beieinander, dass man das Benzin nicht mehr riechen konnte. Das war eigentlich sehr schön.

Als wir in Köln ankamen, sind wir direkt zu Silvina nach Heimersdorf gefahren. Sie umarmte Svonko zur Begrüßung und lächelte.

»Du bist sicher Hertina, oder?«, sagte sie zu mir gewandt, und dann hat sie mich auch umarmt.

Silvina war wirklich eine tolle Frau, ein schönes Gesicht, super Figur, schick angezogen. Weißt du, hier in der Mitte, beim Ausschnitt, ein bisschen offener, aber nicht zu viel. Sie war bestimmt fünf, sechs Jahre älter als ich und sehr selbstsicher. Der Freund hatte uns etwas gekocht, und wir haben Wein getrunken, der angeblich aus Dalmatien kam. Ich fand, er schmeckte anders als der richtige, den wir noch im Auto hatten, aber irgendwann war das dann auch egal. Ich kann mich erinnern, dass ich ewig geschlafen habe. Es gab Rollläden, die alles dunkel gemacht haben, nicht nur Stoffgardinen wie in Jugoslawien … oder wie hier in den USA.

Hertina sieht sich im Raum um und hört auf zu sprechen: »Du siehst jetzt auch ziemlich müde aus, Bent. Machen wir mal eine Pause?«

Ich nicke, obwohl ich eigentlich lieber weiter zugehört hätte.

»Trinkst du immer noch den Wein aus Jugoslawien?«

»Nein«, sie lacht, »aber ich kann uns einen Trockenen aus Kalifornien aufmachen.«

Schnell zaubert sie zwei passende Gläser aus dem Küchenschrank und holt den Korkenzieher aus der Schublade des alten Holztischs. Mein Blick fällt auf ein paar alte Briefe, einen Ring und etliche lose Perlen, die neben einer vergilbten Schachtel liegen. Sicher ein Platz für Erinnerungen, eine ›Seelenschachtel‹; so hatte meine Großmutter solche Pappkartons immer genannt. Und ich frage mich, ob Hertina auch Überbleibsel aufgehoben hat, die sie an mich erinnern.

Gerne würde ich genauer in diese Schublade gucken. Vielleicht würde ich mehr von den verdrängten Schätzen entdecken und den losen, ausgeleierten Enden, die sich in ihrem Leben angesammelt haben. Die Überbleibsel von Liebschaften zum Beispiel, von Träumen und Wünschen. Das Ende von Hoffnungen, die es nicht geschafft haben, die Welt für sich zu gewinnen, oder vielleicht auch nur die Reste von einfachen Gedanken, die sie einmal hatte. Erzähl mir bitte mehr, denke ich und fühle Ungeduld, Rastlosigkeit in mir aufsteigen, während ich versuche, möglichst ruhig zu wirken. Wie zur Antwort stellt Hertina ihr Glas ab. Dann nickt sie mir zu und beginnt erneut zu reden.

Für Svonko und mich war die neue Welt wie ein großer, runder Teppich, weich und bunt, aber völlig undurchschaubar, wenn man sich einmal wie eine Ameise in seinem Geflecht verfangen hatte. Köln. Da bin ich damals eine ganze Zeit durch Svonkos Leben gelaufen; und das wahrscheinlich nicht einmal aus Liebe, sondern eher, um mein eigenes zu finden. Er war wirklich ein netter Kerl, nahm mich überall mit hin, kümmerte sich um mich, jedenfalls so lange, bis er seinen ersten Job in einem Lagerhaus bekam. Das war harte Arbeit– so, als ob sich für ihn zwischen 6Uhr morgens und Feierabend ein großes Loch mitten in unserem weichen Teppich auftat, unter dem nur noch der blanke Beton war– aber das war ihm völlig egal. Jeden Abend schliefen wir mit denselben Worten ein: »Schön, dass es dich gibt, meine Liebste.« Mal war es ein samtiger Hauch, mal einfach nur Erschöpfung.

Ich musste nur da sein. Für mich gab es keine richtige Arbeit, nur manchmal bin ich mit Silvina putzen gegangen, zu einem Professor von der Uni. In Jugoslawien habe ich immer gearbeitet. In einem Kino nämlich, als Filmvorführerin. Alle Frauen haben dort gearbeitet. Die ganze Zeit: Meine Mutter hat ihr ganzes Leben in einem stinkenden Büro zugebracht und trotzdem sieben Kinder bekommen. Sieben Stück. Und die hat sie dann so sehr geliebt, wie sie ihre Arbeit gehasst hat. »Arbeit schändet nicht«, hat mein Vater irgendwann mal zu ihr gesagt, als sie nach Feierabend müde auf der Küchenbank saß, statt einen Tee für ihn zu kochen. Da hat sie das einzige Mal vor uns allen geweint.

»Du kannst dich doch immer noch ausruhen, wenn du mir meinen Tee gekocht hast«, hat mein Vater wiederholt, weil er es seit Jahren so kannte.

»Lass sie doch mal in Ruhe«, habe ich gesagt. Dreimal, bis er mich schließlich geohrfeigt hat. Da hat Mama noch mehr geweint, weil sie sich auch dafür die Schuld gab, und ich wusste in diesem Moment, dass ich niemals so leben wollte wie sie: mit einem Beruf, den ich nicht leiden, und einem Mann, der sich nicht einmal seinen Tee selber kochen konnte. Hilflos stand er da, bis schließlich meine Schwester Mila das Wasser aufgesetzt hat. Die hat sich immer bei ihm eingeschmeichelt, und sie war so etwas wie seine kleine Prinzessin. Richtig überschüttet hat er sie mit Liebe, die auch Mutter verdient gehabt hätte. Ich glaube, sie wäre sicher von Vater weggegangen, wenn sie nur gekonnt hätte.

Ich weiß noch, was der Professor damals dazu gesagt hat, nämlich dass die Befreiung der Frau in vollem Gange sei und dass irgendwann die meisten Ehen nach ein paar Jahren wieder geschieden würden. Sogar in Jugoslawien.

»So lange kann es Jugoslawien gar nicht geben«, hat Silvina gesagt, und er hat sie strafend angesehen, so wie einen seiner Studenten, der gerade etwas besonders Dummes von sich gegeben hatte. Nun ja, so lange hat es Jugoslawien ja dann tatsächlich nicht mehr gegeben.

»Ich frage ihn jedes Mal, was es Neues an der Uni gibt«, hat Silvina mir damals erklärt. »Manchmal unterhalten wir uns stundenlang, und dann bezahlt er mir die ganze Zeit. So, als ob ich geputzt hätte.«

»Er ist sehr nett.«

»Leider etwas zu alt, sonst wäre das doch was für uns, oder?«

Sie lachte, dann hat sie erzählt, dass sie einmal sogar schon miteinander geschlafen haben, und ich habe sie natürlich gefragt, wie es war. Ich Idiot. Da stellte sie klar, dass ich mir keine Gedanken machen müsse, weil es mit Svonko auf jeden Fall wesentlich besser sei– ganz einfach so hat sie das gesagt, als sei es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt. Es dauerte daher eine Weile, bis ich den Sinn von Silvinas Worten überhaupt verstand. Ich konnte es nicht glauben. Meine einzige Freundin hatte Sex mit meinem Freund!

»Überleg dir das mal, Bent«, sagt Hertina und wartet auf irgendeine Reaktion, die mir aber nicht gelingen will. Auch ich brauche einen Moment, um gänzlich zu erfassen, was Hertina passiert ist. Sie sieht meine Ungläubigkeit und muss unwillkürlich lachen, obwohl ihr Schmerz noch immer spürbar ist.

»Scheiße, und dann?« In dem Moment klingelt mein Wecker.

»Du musst jetzt los, oder?«

Mein Handy habe ich auf exakt 00:15 gestellt, meine Zeit mit Hertina ist schon vorbei. Ich wusste, dass wir heute nicht alles würden bereden können, aber ich glaube, jetzt erst verstehe ich, dass hier etwas begonnen hat, das mich noch lange begleiten wird. Etwas, das ich auch nicht mehr rückgängig machen kann.

Teures Taxi, teures Bier und noch ein teures Bier in der Flughafen-Lounge. In dem Moment, in dem ich das zweite Budweiser getrunken habe, hasse ich mich dafür, dass ich mein Ticket nicht einfach habe verfallen lassen. Auf einmal ist mir klar, dass es falsch ist, heute abzureisen. Stur nach Plan. Ich will doch, dass alles aufgeschrieben wird. Wer weiß, ob sie es sich mit dem Erzählen nicht noch mal überlegt. Wir sind uns doch noch so fremd. Ein Wunder, dass sie mir das überhaupt alles anvertraut.

Meine eigene Mutter weiß vermutlich nicht mehr über mich als mein Facebook-Profil hergibt: Bent Maier, geboren am 2.10.1969 in Köln, Grundschule und Gymnasium Graurheindorf bei Bonn, von Beruf Professor für englische und amerikanische Literatur, Spezialgebiete vor allem ›Schmerz und Emotion im modernen Theater‹ und ›Grenzen der Fiktion‹. Dazu 74 Freunde. »Es bleibt schwierig« als häufigster Beziehungsstatus (aktuell: vergeben an Pia). Nichts Auffälliges also, aber eben auch nur eine viel zu kleine Schachtel für die Seele. Bin ich das wirklich? Ich? Würde Hertina mich in meinem Profil erkennen, oder ich sie in ihrem?

Unser erstes Treffen war vor 21 Jahren, also 1989. Eine ganze Woche hatte Hertina damals in Deutschland verbracht, Zeit genug eigentlich, aber am Ende wurde es auch damals hektisch. Vielleicht hätten wir ja auch schon damals die Zeit nutzen sollen, um unsere Geschichten zu erzählen, die wirklich wichtigen Dinge, statt jeden zusätzlichen Schmerz vermeiden zu wollen. Es war eine unausgesprochene Übereinkunft aus einer Unsicherheit heraus: die Konzentration auf das Hier und Jetzt, weil wir wohl beide Angst davor hatten, ich könne sie hassen.

Wahrscheinlich wäre ich zu jung gewesen, um zu verstehen, warum sie mich nach der Geburt weggegeben hatte. Selbst heute ist das schwer. Einfache Dinge taten wir damals: Essen gehen, Spazieren, Shoppen und im Kino waren wir auch – vor allem, damit wir nicht miteinander reden mussten, glaube ich, oder uns zu lange in die Augen schauten. Bei aller Freude tat es ihr einfach viel zu weh, mich zu sehen und meine Nähe zu fühlen. Der erste Frieden ist vielleicht nicht immer glücklich, dachte ich damals. Sie fasste meine Hand, das war genug, und ich fasste sie sofort zurück. Fest und ohne die Gefahr zu spüren, dass wir uns auf diese Weise vielleicht nur vergeblich kennenlernten. Also oberflächlich, meine ich, und ohne Chance, jemals mehr zu erfahren, als dass der andere Cola oder Sprite zu seinem Popcorn bestellt.

Natürlich hätte ich Hertina sehr viel mehr gefragt, hätte ich gewusst, dass wir uns danach fast 21 Jahre lang aus dem Weg gehen würden – in der Illusion, dass jeder sein eigenes Leben hat, völlig unabhängig vom anderen. Jetzt wusste ich es besser, und wahrscheinlich – das hoffte ich jedenfalls – würde ich mir bald noch genauer erklären können, was bei unserem ersten Treffen geschehen war. Was hatte sie bewegt? Was mich selbst? Und konnte man das überhaupt trennen? Sie und mich? Eine Frage, die ich mir damals auch bei meinen Eltern gestellt habe, als ich erfahren habe, dass ich adoptiert bin. Die Antwort war ›nein‹, und ich glaube, heute bei Hertina ist sie das auch, selbst wenn es vielleicht eine andere Art von ›nein‹ ist.

Geburtstag

Es ist ein rastloser Rückflug nach Deutschland, an Schlaf ist nicht zu denken. In den ersten Stunden wühlt Hertinas Geschichte in mir, und über dem Nordmeer reiht sich dann ein Luftloch an das nächste. »Das ist sehr sehr selten«, gibt der Pilot feierlich bekannt, und mir wird immer schwindeliger, ohne dass ich weiß, ob es an Hertina oder den Turbulenzen liegt. Noch zwei Stunden, dann müssten wir landen. Zum Glück geht es direkt nach Stuttgart, denke ich, wo Papa Geburtstag feiert.

»Grüß Gott«, sagt der Zollbeamte mit leicht schwäbischem Einschlag und wirft einen kurzen Blick auf meinen Pass, der mich klar als Europäer identifiziert. Ein hellroter Umschlag, der mich zum Deutschen, mindestens zum Holländer, Spanier oder Italiener macht. Oder zum Slowenen. Wo ist heute der Unterschied, frage ich mich.

Heimat, ich komme, denke ich, und ob sich Hertina wohl noch an das slowenische Wort für ›Heimat‹ erinnert. Also falls es das gibt. Im Englischen ist das ja nicht so.

»Hallo, Bent«, sagt eine Stimme in meine Gedanken hinein.

»Pia!« Ich fasse es nicht. Sie holt mich ab. Tatsächlich. Sie trägt das schicke kurze Kleid, das wir zusammen gekauft haben, und hält ein Schild hoch, auf dem ›Welcome back‹ steht. Und ein knallrotes Herz. Es scheint alles wieder gut zu sein zwischen uns, und als ich sie mitsamt ihrem Rucksack umarme, geht es durch und durch.

»Ich bin mit der S-Bahn gekommen«, sagt Pia und dass wir mit derselben Linie ganz einfach bis nach Bad Cannstatt zu meinen Eltern fahren können.

»Taxi«, beschließe ich und nehme ihr die Tupperdose mit dem Kuchen ab, den sie extra für meinen Vater gebacken hat. Von mir bekommt er seinen Lieblingswhiskey, den wir dann das kommende Jahr über zusammen trinken werden. Bushmills – Black Bush. Das machen wir schon seit ewigen Zeiten so.

Die Taxipreise in Stuttgart sind wie in New York, aber der Fahrer ist Italiener und kein Araber. »Sie könnten auch in New York fahren«, sage ich nach einem etwas riskanten Manöver, und der Mann am Steuer fühlt sich merkwürdig bestärkt. Es dauert nicht lange, bis wir ankommen.

»Trag du den Kuchen«, verlangt Pia.

»Aber du hast ihn doch gebacken«, wende ich ein und nehme ihn dann schließlich doch, weil mein Vater uns bereits entgegenkommt. Er sieht glücklich aus und strahlt uns beide an.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, sage ich, während Pia die passende Melodie summt. Zu einem vollständigen Ständchen reicht es bei uns beiden nicht, aber das holen die Nachbarn eine Viertelstunde später nach, während meine Gedanken für einen Moment nach New York zurückschweifen.

Nach dem nachbarschaftlichen Singen wird Kaffee getrunken und über alles Mögliche philosophiert – über Schwaben, die Bundesliga und die schlechte Politik, und dass man viel öfter reisen müsse, wenn das ›Geschäft‹ es denn zuließe. So nennen die Schwaben ihre Arbeitsstelle, und zwar unabhängig davon, ob sie als Verkäufer oder Bademeister arbeiten.

»Ah so, Professor sind Sie also«, stellt eine Frau mit blond-grauen Löckchen irgendwann fest, und es kommt mir merkwürdig vor, dass meine Mutter die Gelegenheit nicht nutzt, meine Vortragsreise nach Philadelphia zu erwähnen. Wann hält der eigene Sohn schon mal die Eröffnungsrede eines renommierten internationalen Fachkongresses? Nicht ein Wort. Auch nicht von Papa, der doch sonst immer so stolz auf mich ist, aber gerade eher betreten dreinschaut. Vielleicht macht der Abstecher nach New York meinen Eltern doch mehr aus, als sie dachten. Was, wenn alles nur Worte waren und ich mit dem Besuch bei meiner zweiten Mutter etwas kaputt mache, das ich nie wieder würde gutmachen können? Shit, das könnte schon sein. Aber der falsche Moment, um darüber nachzudenken, ermahne ich mich selber. Zum Glück wechseln die Nachbarn das Thema ›Geschäft‹ so schnell wie alle anderen zuvor auch.

Als schließlich Witze erzählt werden, sieht mein Vater wieder glücklich aus und lädt sich das dritte Stück von Pias Kuchen auf. »Sehr lecker«, stellt er fest, lächelt und fragt, was das denn für ein Kuchen sei.

»New York Cheesecake«, erklärt Pia und verbringt die nächste Viertelstunde damit, alle Versammelten über die Tücken des Rezepts aufzuklären und dass es kein Käsekuchen im eigentlichen Sinn sei, weil der Boden aus Kekskrümeln bestehe. Und auch im übertragenen Sinn nicht, füge ich innerlich hinzu. Pia merkt nicht, dass mein Vater aufgehört hat zu essen, weil ihm allein der Name den Appetit verdorben hat. Dass er nicht nach dem Kongress in Philadelphia gefragt hat, war also kein Zufall. Nur sehr selten zeigt mein Vater sich so empfindsam, zerbrechlich. Warum nur hat Pia ausgerechnet diesen Kuchen gemacht?

»Es ist nicht so schlimm«, sagt Mama später, als wir beide für einen kurzen Moment alleine in der Küche stehen und das Geschirr in die Spülmaschine räumen.

»Es ist scheiße«, sage ich und dass Pia für so etwas keinen Sinn hat. »Ich weiß«, antwortet Mama, bevor sie fragt, ob wir das Thema New York für diesen Besuch vielleicht besser ruhen lassen.

»Ich merke, dass es euch wehtut«, sage ich dann doch noch. Sie zögert und überlegt, bis sie schließlich entgegnet. »Aber wir schaffen das, Bent.«

Als Pia und ich am nächsten Tag nach Köln fahren, sprechen wir kurz über Papas Geburtstag und dann über Hertina. New York, die Aufzeichnung, wie Hertina aussah und wie ihre Wohnung war. Ich merke, dass es mir ähnlich schwerfällt wie meiner Mutter in Queens, nun selbst zu erzählen. Zum Glück haben wir das Abteil für uns, denn meine Stimme ist brüchig. Pia holt sich eine Cola und versucht zuzuhören, während sie etwas unruhig auf ihrem Sitz hin und her rutscht. Es geht um Slowenien, den Lada von Svonko und was sich Hertina wohl erhofft hat, als sie in das Auto einstieg.