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Adornos Erben schreibt die Geschichte der Kritischen Theorie neu: als große, vielstimmige Erzählung aus der alten Bundesrepublik – einem Land, das zwanzig Jahre mit Adorno existierte und zwanzig Jahre ohne ihn.
Im Oktober 1949 kehrte Theodor W. Adorno aus dem amerikanischen Exil in seine Geburtsstadt zurück, um wieder an einer deutschen Universität zu lehren. Frankfurt lag in Trümmern, die Nazis hatten nur die Kleider gewechselt, aber die Studierenden kamen in Scharen. Bald war der Philosoph wöchentlich im Radio zu hören und zum Stichwortgeber und »Erzieher« der jungen Bundesrepublik geworden. Als Adorno 1969 starb, waren das Institut für Sozialforschung und sein Direktor bundesweit bekannt. Die Frankfurter Schule befand sich auf dem Zenit ihrer öffentlichen Wirkung.
Dieser Denkraum und seine Metamorphosen zwischen Nachkrieg und Wiedervereinigung sind das Thema dieses Buches, zwölf Mitarbeiter Adornos seine Protagonisten. Nach dem Tod des »Meisters« zerstreuten sie sich von der Stadt am Main nach Gießen, Lüneburg oder Starnberg. Jörg Später folgt ihren Wegen und schildert, wie sie in Wissenschaft, Politik und den neuen sozialen Bewegungen Adornos Erbe annahmen und veränderten.
Adornos Erben:
Regina Becker-Schmidt, Gerhard Brandt, Ludwig von Friedeburg, Karl Heinz Haag, Jürgen Habermas, Elisabeth Lenk, Oskar Negt, Helge Pross, Alfred Schmidt, Herbert Schnädelbach, Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann
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Seitenzahl: 1206
Veröffentlichungsjahr: 2024
Jörg Später
Adornos Erben
Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2024
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Umschlaggestaltung: Nick Teplov
Umschlagabbildung: das Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main, 1970. Fotos / Kontaktbogen von Abisag Tüllmann, © bpk-Bildagentur
eISBN 978-3-518-77872-2
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung
Prolog. Was bisher geschah – Ursprünge und Elemente Kritischer Theorie
Erster Teil. Schulbildung,
1949
-
1969
Frankfurt um
1950
Die ersten Schüler in der Philosophie
Öffentliche Soziologie und Zaungäste am Frankfurter Hof
Die zweite Welle
Zeugnisse in der
BRD
noir
Emanzipation und Engagement
Abschied von Adorno
Zweiter Teil. Die Schule entlässt ihre Kinder
Schlachtbeschreibung: Wer folgt Adorno?
Der scheiternde Frankfurter Schulminister
Linke Sozialforschung und Soziologie für Manager
Ausgrabungen und verblühende Landschaften: Frankfurter Philosophie
Ästhetische Erfahrungen und adornoeske Philologie
Notizen aus der Provinz
Dritter Teil. Kritische Theorie im Handgemenge
Öffentlich-politische Profile: Habermas, Negt, Kluge
Varianten des Feminismus
Die großen Frankfurter Erzählungen der
1980
er Jahre: Ein Theoriemuseum
Der Erbschaftsstreit: Konferenzen, Konflikte, Konkurrenzen
Vermischte Nachrichten
Die Rückkehr der
NS
-Geschichte und die Neubelebung Kritischer Theorie
Schluss
Dank
Anmerkungen
Literatur
Bildnachweise
Namenregister
Informationen zum Buch
Am 13. August 1969 wurde Theodor W. Adorno zu Grabe getragen. Er hatte eine Woche zuvor in den Schweizer Bergen sein »irdisches Ende« (Alexander Kluge) gefunden und war nicht nach drei Tagen wieder auferstanden.1 Zur Beerdigung kamen über 2000 Menschen. Die Trauerfeier wurde vom Hessischen Rundfunk übertragen. Es sprachen Max Horkheimer, der hessische Kultusminister Ernst Schütte und Ralf Dahrendorf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.2 Am Grab fand Ludwig von Friedeburg noch einige Worte. Weggefährten und Kollegen wie Wolfgang Abendroth, Ernst Bloch, Alexander Mitscherlich, Gershom Scholem, Jacob Taubes und Siegfried Unseld hatten sich in Frankfurt versammelt, auch Jürgen Habermas, der seinen Urlaub abgebrochen hatte. »Ein Regenguß, gewitterartig, überraschte den Trauerzug auf halbem Wege«, berichtete Alexander Kluge über einen »Gefahrenmoment für die Letzten der Kritischen Theorie bei Adornos Beerdigung«: »Die Köpfe der GELEHRTEN MÄNNER durchnäßt, auch die Kleidung. Keiner von der ›Kritischen Theorie‹ besaß Schirme.« Am Rande des Zuges, eher abseits, hielt sich ein Trupp Studenten auf, angeführt von Hans-Jürgen Krahl, dem Frankfurter SDS-Cheftheoretiker, der im vergangenen Jahr in schweren Konflikt mit seinem nun toten Doktorvater geraten war. Ob sie den Sarg entführen wollten? »DIE ALTEN MÄNNER DER KRITISCHEN THEORIE scharten sich bei Auszug auf der fahrbaren Trage ins Freie demonstrativ um den Sarg«, beobachtete Kluge.3
Jacob Taubes hingegen ärgerte sich hinterher, »daß man nicht die Studenten den Sarg tragen ließ. Es wäre doch ein Zeichen der Versöhnung gewesen, und einige hätten durch ein solches Zeichen für manches Abbitte leisten können, das sie ihrem Lehrer in den letzten Monaten angetan haben. So wie es geschah, wurde der Graben noch vertieft. Es sprachen […] von den Studenten her gesehen – die anderen. Sie selbst […] waren sprachlos und ohne jede, wenn auch nur ritualisierte Funktion dabei.«4 Dabei hatte Krahl offenbar zuvor einer Gruppe von SDS-Rockern Prügel angedroht, wenn sie es wagen würden, die Beerdigung zu stören. Und 33 Studentinnen und Studenten Adornos, mindestens ein Drittel davon später in Wortberufen tätig, gelobten öffentlich und kämpferisch ewige Treue: »Hinter der Stilisierung Adornos zum einmaligen Geistesheroen wie zum politischen Verführer steht das eindeutige Interesse, kritische Theorie zu liquidieren. Dagegen werden wir deren Intentionen in Zukunft auch im Rahmen universitärer Institutionen weiterführen.«5
Abb. 1: Hinter dem Sarg die Professoren und Honoratioren (oben). Und am Rande die Genossen um Hans-Jürgen Krahl (unten).
Adornos Geist würde also in seinen Jüngern weiterleben, während andere aus der Frankfurter Schule danach strebten, Adorno zu aktualisieren und seine Ideen den neuen Bedingungen anzupassen, denn der Lehrer hatte ja gesagt: »Wer Schönberg die Treue hält, müßte warnen vor allen Zwölftonschulen.«6 Wieder andere würden der Frankfurter Sozialphilosophie den Rücken kehren, weil die Kritische Theorie von der gesellschaftlichen und politischen Dynamik überholt wurde und sie an wissenschaftliche Trends nicht mehr anschlussfähig schien. Aber auch diese Abtrünnigen standen in einem ständigen inneren Dialog mit dem Lehrer, dessen Charisma es ihnen abnötigte, dass sie ihren Weg begründen mussten.
Ob es eine »Frankfurter Schule« überhaupt gegeben hat, ist umstritten. Die Akteure selbst sahen es unterschiedlich. Manche wie Habermas gaben kund, dass so etwas wie eine Schule nie existiert habe, das sei ein mediales Konstrukt. »Adorno aber wollte die ›Frankfurter Schule‹«, berichtete hingegen Ivan Nagel über seine fünf Jahre am Philosophischen Seminar. Alfred Schmidt sah es so: »Sein [Adornos] Verhältnis zu Mitarbeitern war korrekt und höflich, aber zu ihm vorgedrungen […] sind nur wenige.« Michael Rutschky, der keinen Zutritt ins Gesichtsfeld des Meisters erhielt, meinte im Nachhinein, dass er es gar nicht für erstrebenswert gehalten habe, »Mitglied einer esoterischen Gemeinschaft zu sein, die ein geheimes Wissen über den Gesamtzustand der Gesellschaft eint […]«.7
Wie auch immer man den Zusammenhang um das Institut für Sozialforschung und das Philosophische Seminar in der Goethe-Universität wahrnahm oder benannte: Es gab einen solchen. Und es lag durchaus in Adornos Absicht, eine Schule aufzubauen, wie ich in diesem Buch zeigen möchte. Das Argument, dass erst die Medien die Frankfurter Schule haben entstehen lassen, ist für einen Historiker, der auch Blicke von außen und Konstruktionen ernst nimmt, nur eine zusätzliche Information, kein ausreichender Grund, den Begriff nicht zu benutzen. Wer unbedingt will, soll ihn sich in Anführungszeichen denken. Etiketten wie »Frankfurter Schule«, »Adornos Erben« oder auch »heilige Familie«, wie Ralf Dahrendorf Adorno und seine Gefolgschaft unter dem Patriarchat Horkheimers spöttisch bezeichnet hat, sind gewiss Konstruktionen, die man in Frage stellen kann. Aber wirkmächtig sind sie eben doch und für dieses Buch ein heuristisches Mittel, um den unerwarteten Aufstieg und den erwartbaren Niedergang der Frankfurter Sozialphilosophie in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1990 zu beschreiben.
Was also geschah nach Adornos Tod 1969 mit diesem Denkzusammenhang, der nun weder Meister noch Zentrum hatte? Und wie hängt diese kleine Apostelgeschichte mit der Geschichte der Bundesrepublik zusammen? Darum geht es in diesem Buch, für das ich zwölf akademische Schülerinnen und Schüler ausgesucht habe, plus einen nichtakademischen, nämlich Alexander Kluge, den Chronisten von Adornos Beerdigung, der sich selbst »Hofpoet der Kritischen Theorie« nennt. Der älteste dieser Schüler ist 1923 geboren worden, die jüngste des Ensembles ist Jahrgang 1937. Es handelt sich also nicht um die 68er-Studenten, sondern um deren Dozenten, die entweder von Adorno und Horkheimer promoviert wurden und/oder als ihre Assistenten tätig waren oder sich an der Philosophischen Fakultät habilitierten. Diese Gruppe umfasst Weltprominenz wie Jürgen Habermas, die Frankfurter Koryphäe Alfred Schmidt und einen Einzelgänger wie Karl Heinz Haag. Darunter befinden sich Schüler wie Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann, die »ihrem« Frankfurt lebenslang die Treue hielten, sowie solche, die den Bannkreis verließen wie Herbert Schnädelbach. Politische Praktiker gingen aus der Kritischen Theorie hervor wie Ludwig von Friedeburg und Oskar Negt, der eine hessischer Kultusminister, der andere Vordenker der Neuen Linken. Aus Adornos Seminaren stammten Soziologen der Arbeiterklasse wie Gerhard Brandt und Soziologinnen der Managerelite wie Helge Pross, und nicht zuletzt mit Regina Becker-Schmidt und Elisabeth Lenk zwei Feministinnen, die ihren Feminismus und auch ihre Kritische Theorie sehr verschieden auslegten.
Die Auswahl dieser zwölf, die zwischen 1949 und 1962 am Institut für Sozialforschung studierten und arbeiteten, erfolgte entweder aufgrund ihrer Funktion im Adorno-Orbit oder einer Rolle, die sie nach 1969 spielten. Alexander Kluge, Adornos junger Freund und »angenommener Sohn« (so Gretel Adorno) steht stellvertretend für viele Zaungäste aus Kunst und Kultur am Frankfurter Hof. Überhaupt ist der Blick über den Schulzaun hinaus konstitutiv für diesen Zusammenhang gewesen. Denn was immer diese Frankfurter Philosophen und Sozialwissenschaftlerinnen taten, sie alle lebten in der Bonner Republik, deren intellektuelle Hauptstadt Frankfurt am Main war. Selbst die akademischsten Texte und natürlich auch Kluges Spielfilme lassen sich als Zeitdiagnosen und politische Kommentare lesen. Nach dem Tod Adornos verstreuten sich seine Schützlinge in alle Winde. Von Frankfurt aus verbreitete sich die Kritische Theorie in die Provinzen des Landes. Was stellten Adornos Schüler mit dem Gelernten und Erlebten, mit ihrer Erbschaft an? Was nahmen sie mit aus der Zeit am Institut für Sozialforschung, und wie verwendeten sie es in den beiden Jahrzehnten nach Adornos Tod in ihrer Forschungspraxis, in akademischen Debatten und in den politischen Kämpfen der Zeit?
Was die Kritische Theorie der Frankfurter Schule8 war beziehungsweise ist, soll nicht mit einer Definition vorab geklärt werden, sondern bildet das hier Darzustellende. So wie in einer Familie über die Erbschaft gestritten wird, haben Adornos Schüler und Schülerinnen miteinander um das angemessene Verständnis von Kritischer Theorie gerungen: von welchen erkenntnisphilosophischen Prämissen sie auszugehen hat, welcher Begriff von Gesellschaft ihr zugrunde liegen sollte, wie ihr Verhältnis zur Wissenschaft ist und wie politisch sie sein darf, schließlich mit welchen Methoden sozialwissenschaftliche Forschung zu betreiben sei, welchen Platz Kritische Theorie in der Philosophiegeschichte einnimmt und wie ihr Verhältnis zur Ästhetik einzustufen ist. Die Geschichte der Kritischen Theorie kann nur eine ihrer Interpretationen sein, weshalb ich sie hier anhand der subjektiven Positionen und Praktiken einiger maßgeblicher Akteure erzähle.9
So viel lässt sich allerdings vorab festhalten: Der Begriff »Theorie« zeigt an, dass die großen Zeiten der metaphysischen Philosophie, die als Königsdisziplin über den Wissenschaften thronte, bereits in den 1930er Jahren vorbei waren, als Horkheimer die Idee einer »kritischen Theorie« vorbrachte, als Gegenentwurf zur »traditionellen Theorie«, der er vorhielt, unter dem Vorzeichen der Trennung von Subjekt und Objekt nur die gegebene Wirklichkeit erfassen und reproduzieren zu können.10 Die Erkenntnis von Wirklichkeit und die Möglichkeit von Wahrheit benötigte ihm zufolge eine Gesellschaftstheorie, denn alles sei gesellschaftlich vermittelt, auch die Perspektiven der Denker und Forscherinnen selbst. Horkheimers »kritische Theorie« sollte auf empirischer Forschung aufbauen, aber ohne positivistisch und szientifisch zu sein. »Kritik« bedeutete mehr als Urteilen, Überprüfen und Korrigieren, sondern meinte auch die Möglichkeit einer vernünftigen Gesellschaft. Die zur zweiten Natur verfestigte und scheinbar unveränderliche Ordnung der kapitalistischen Gesellschaft sollte als historisch gewachsene und prinzipiell veränderbare sichtbar gemacht werden, und zwar im Sinne der Aufklärung, des mündigen Subjekts und der gesellschaftlichen Freiheit. Überhaupt gehörte es zu den Grundannahmen dieses Theorietypus, dass es keine Trennung zwischen »drinnen« (in der Universität) und »draußen« (in der Welt) geben könne. Das Leiden und die Probleme der Menschen, mithin das Politische, sollten Impuls, Motiv und Inhalt jeglicher Form und Ausprägung »kritischer Theorie« sein, ihr Ziel nicht weniger als das irdische Glück.
Trotz dieser »Wesenselemente« haben aber auch Theorien eine Geschichte. »Theoria« im antiken Sinne hat das bestritten, die Kritische Theorie, die von einem »Zeitkern der Wahrheit« (Walter Benjamin) ausgeht, bestreitet das nicht. In diesem Sinne lässt sich Kritische Theorie historisieren, was zweierlei bedeutet: sie in ihren Zeitbezügen zu verstehen und sie in andere, ihr nicht immanente Zusammenhänge zu stellen. Weder Horkheimer und Adorno noch die hier vorgestellten Schüler und Schülerinnen haben ihre Ideen je anders verstanden. Die Frankfurter Schule ist eine historische Gestalt mit einem philosophisch-politischen Kern.
Die Geschichte der Kritischen Theorie und ihrer Gründer ist gut erforscht, manche meinen: »überforscht«. Das gilt sowohl für die theoretische, politische und institutionelle Geschichte der Frankfurter Schule als auch für die Lebensläufe und die Werke ihrer wichtigsten Protagonisten aus der ersten Generation plus Habermas. Die Menge an interpretatorischen Texten allein zu Adornos Werk ist unüberschaubar, die »Handbuchisierung« der Kritischen Theorie (Dirk Braunstein) hat mittlerweile ein fortgeschrittenes Stadium erreicht.11 Bis heute ragen zwei Gesamtdarstellungen heraus: Martin JaysThe Dialectical Imagination. A History of the Francfort School and the Institute of Social Research 1923-1950 aus dem Jahr 1973 und Rolf Wiggershaus’Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung von 1986. Wiggershaus’ Buch endet mit Adornos Tod und einem kurzen Ausblick auf die Zeit danach, überschrieben mit: »Habermas auf dem Weg zu einer Kommunikationstheorie der Gesellschaft« und »Adornos Vermächtnis: Ästhetische Theorie als Basis einer Philosophie im Zeichen des Glücksversprechens«.12 Seiner Ansicht nach waren das die beiden Alternativen. Nimmt man jedoch zur Kenntnis und auch ernst, was Adornos Erben in den beiden Jahrzehnten nach dessen Tod an intellektueller Arbeit verrichtet haben, wird das Bild vielfältiger, erst recht, wenn nicht allein wissenschaftsgeschichtliche Fragen, sondern auch die politischen Kontexte einbezogen werden. Clemens Albrecht und ein Autorenteam um den Soziologen Friedrich Tenbruck, der übrigens in Frankfurt ein erbitterter Gegenspieler von Horkheimer, Adorno und Habermas war, haben 1999 mit Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule vorgelegt, deren Grundfrage auch die meine ist. Allerdings beantworte ich sie zum Teil anders und dehne zudem den Zeitrahmen bis 1990 aus.13 Die Frankfurter Schule möchte ich nicht wissenschaftssoziologisch untersuchen, meine Geschichte soll eher eine politische Ideengeschichte sein.14 Ich will den verstreuten Spuren folgen, welche die Frankfurter Sozialphilosophie im Kreis ihrer Schüler sowie im politisch-kulturellen Leben der Bundesrepublik hinterlassen hat. Natürlich sind die Perspektiven der historischen Akteure beschränkt, denn sie bewegten sich in Milieus und Teilöffentlichkeiten, die mal mehr, oft aber weniger relevant für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen waren. Gleichwohl ist Adornos Erben durchaus der Versuch, einen Beitrag zur Erkundung der politisch-kulturellen Physiognomie der alten Bundesrepublik zu leisten.
Methodisch bewege ich mich im Rahmen der Ideengeschichte, in der heute die »Intellectual History« federführend ist. Sie hat ihren Verdienst darin, nicht so sehr auf die Ideen und die Texte zu starren, sondern in den »Maschinenraum des Denkens« (Quentin Skinner) hinabzusteigen und Kontexte wie die Lebenswelt wichtig zu nehmen: »die kleinen Bezüge der großen Ideen« (John Pocock). Mittlerweile nähert sie sich allerdings, zumindest im deutschsprachigen Raum, in Sprache und Denken immer mehr den Ingenieurswissenschaften an: Es werden Vermessungen vorgenommen, Sonden ausgelegt, Probebohrungen durchgeführt. Ich möchte hingegen eine Geschichte erzählen, und zwar klassisch-realistisch. Aus meiner Sicht haben Ideen in aller Regel »ein lebensweltliches Unterholz« (Siegfried Kracauer), denn Denken ist ein soziales Phänomen, Texte sind Sprechakte und das Resultat von gelungenen wie misslungenen Kommunikationen. Erzählte Theoriegeschichte stelle ich mir – so von Kracauer empfohlen – wie einen Film vor, mit sehr vielen Nahaufnahmen und gelegentlichen Totalen. Ich erzähle Episoden »in Bodennähe« und stelle sie dort, wo das möglich ist, in einen Zusammenhang mit der Geschichte »aus der Luft betrachtet«. »Close-ups« und »long-shots« nannte der philosophische Filmtheoretiker aus Frankfurt das.
Ich betrachte mich als Chronisten, der eine profane Rekonstruktion der Frankfurter Schule und ihrer kritischen Theorien versucht. Anders als es Habermas in seiner Rekonstruktion des Historischen Materialismus praktiziert hat, geht es mir nicht darum, die verschiedenen Vorstellungen meiner Protagonisten darüber, was Kritische Theorie sei, auseinanderzubauen und neu zusammenzusetzen, um eine neue und bessere Theorie herzustellen. Adornos Erben ist überhaupt kein theoretischer Beitrag, auch wenn ich mir Kommentare und Anmerkungen zu Theorien erlaube. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Handgemenge und Großwetterlagen, die letztlich dafür verantwortlich waren, ob Kritische Theorie eine Hausse oder eine Baisse erlebte. »Anteilnehmender Beobachter« ist vielleicht die beste Beschreibung der Rolle, die ich einzunehmen versuche. Und es war mein erstes Motiv, die Apokryphen der Frankfurter Schule kennenzulernen, also die Schriften derjenigen Schüler und Schülerinnen, die nicht in den großen Kanon der Schlüsseltexte aufgenommen worden sind.15 Meine Perspektive ist die eines Nachgeborenen, den Kritische Theorie seit seiner Adoleszenz begleitet hat und der nun Ahnenforschung betreibt. Ich gehöre der Gemeinde der heutigen Kritischen Theoretiker allerdings nicht an, allenfalls würde ich einem Förderverein beitreten. Als wissenschaftlicher Autor und Historiker bin ich zu Distanz verpflichtet, als Erzähler folge ich meinen eigenen Impulsen und Vorlieben.
Neben den Schülerschriften bildeten Korrespondenzen meine wichtigsten Quellen, denn der Fokus soll ja auf die Lebenswelt der Protagonisten gelegt werden. Das Material zu den einzelnen Akteuren dieses Buchs ist vom Umfang her sehr unterschiedlich, was sich – leider – auch in meiner Darstellung niederschlägt. Die meisten Bestände liegen im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main (UBA FfM), darunter mit dem Vorlass von Jürgen Habermas der bei Weitem umfangreichste (Na 60). Es ist faszinierend zu sehen, mit wem Habermas alles in Kontakt stand, allein aus diesem Bestand könnte man eine kleine Ideengeschichte der Bundesrepublik generieren.16 Auch den Briefbestand von Oskar Negt (Na56) habe ich für den Untersuchungszeitraum vollständig gesichtet. Dazu kam die unsystematische Sichtung der Nachlässe von Ludwig von Friedeburg (Na 57), Alfred Schmidt (Na 62), Hermann Schweppenhäuser (Na 77) und Karl Heinz Haag (Na95), die noch nicht aufbereitet waren – umso dankbarer bin ich für die Erlaubnis zur Einsichtnahme. Im Institut für Sozialforschung durfte ich Ordner des Instituts unter dem Direktor Gerhard Brandt durchschauen, im Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt am Main, dessen digitaler Bestand in der Berliner Akademie der Künste (AdK), und zwar im Walter Benjamin Archiv, einzusehen ist, habe ich mit Adornos Korrespondenzen und seinen Gutachten gearbeitet. Dort befindet sich auch das Rolf Tiedemann-Archiv, und in fast häuslicher Nachbarschaft, nämlich im Literaturarchiv der AdK, befindet sich seit Kurzem der Nachlass von Elisabeth Lenk, ebenfalls in noch ungeordnetem Zustand. Für die Erlaubnis, damit zu arbeiten, danke ich Rita Bischof. Außerdem bin ich nach Siegen (UA Siegen) gefahren, um Briefe von und an Helge Pross zu studieren. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) habe ich vor allem das Pressearchiv des Suhrkamp Verlages durchforstet, im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) Material über das Sozialistische Büro in Offenbach, dessen Impulsgeber in Theoriefragen Oskar Negt war.
Viele Informationen, Inspirationen und Ideen habe ich durch Gespräche mit den Protagonisten, ihren Schülern und Mitarbeiterinnen, mit Zaungästen und Zeitzeugen erhalten. Diese Begegnungen waren für mich unermesslich wertvoll und werden in Erinnerung bleiben, auch wenn vieles davon gar nicht direkt in das Buch eingeflossen ist. Sie dienten zuerst dazu, ein Gefühl für die Sache zu gewinnen, und hatten manchmal den Effekt einer Korrektur erstarrter Bilder. Leider waren nicht alle der von mir Angefragten dazu bereit, sich zu einem persönlichen Gespräch zu treffen. Manche haben immerhin geduldig Mails beantwortet, mit einigen habe ich telefoniert. Nicht jeder möchte genannt werden. Ich danke in alphabetischer Reihenfolge und unberücksichtigt des Umfangs, der Intensität und der Dauer der Kommunikation: Regina Becker-Schmidt, Rita Bischof, Micha Brumlik, Hauke Brunkhorst, Detlev Claussen, Dan Diner, Wolfgang Eßbach und Christa Karpenstein-Eßbach, Friderun Fein, Hubert Fein (der im Januar 2023 gestorben ist), Christoph Gödde, Klaus Günther, Jürgen Habermas, Ute Habermas, Lutz Hieber, Axel Honneth, Claudia Kalász, Alexander Kluge, Eberhard Knödler-Bunte, Gertrud Koch, Wolfgang Kraushaar, Matthias Lutz-Bachmann, Stefan Müller-Doohm, Oskar Negt (im Februar 2024 gestorben), Hans-Helmut Prinzler (im Juni 2023 gestorben), Dorothea Rein, Axel Rütters, Hans-Ernst Schiller, Heide Schlüpmann, Gunzelin Schmid Noerr, Norbert Seitz und Christoph Türcke. Vor allem Detlev Claussen danke ich für den ständigen Austausch und dafür, dass er nie versucht hat, das entstehende Buch zu kontrollieren. Jürgen Habermas hat eine Megaliste von Zitaten aus seiner Korrespondenz genehmigt, ohne auch nur erahnen zu können, in welchem Kontext sie stehen würden. Ich bin vor allem denen zu Dank verpflichtet, die mit mir kooperiert haben, obwohl ihnen manches an meinen Texten missfallen hat. Meinem früheren Deutschlehrer Horst Wiegard danke ich für eine Zeitreise zurück in die Schulwelt der 1980er Jahre, an der auch sein Kollege Wolf Gebhardt und deren ehemalige Schülerin Andrea Drescher teilgenommen haben. Schließlich gilt mein Dank allen, die mir Genehmigungen zum Zitieren aus Briefen erteilt haben.17
Das Buch berichtet über 40Jahre Frankfurter Schule, 20 mit Adorno, 20 ohne ihn. Die Geschichte beginnt 1949/50, aber sie hat einige Voraussetzungen, die zunächst eingeführt werden müssen. Daher ein Prolog: Was bisher geschah, von der Institutsgründung bis zur Rückkehr nach Frankfurt …
Was bisher geschah – Ursprünge und Elemente Kritischer Theorie
Ruhrkrise, Hyperinflation, Hitler-Putsch: Im Jahr 1923 wurde die noch junge Weimarer Republik von multiplen Krisen heimgesucht, Koalitionen platzten, Regierungen scheiterten, Extremisten mordeten. Not und Elend heizten die politischen Spannungen der Klassengesellschaft immer weiter an. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, das Land rutschte ins Chaos, ein Bürgerkrieg lag in der Luft. Zu Beginn dieses Krisenjahres, am 23. Januar, wurde nach einem Erlass des preußischen Bildungsministeriums das Institut für Sozialforschung gegründet.1 An seinem Sitz in Frankfurt am Main wollte es sich dem Studium des Sozialismus und der Geschichte der Arbeiterbewegung widmen. Drei junge Männer Anfang zwanzig standen hinter dem Projekt: Felix Weil, Friedrich Pollock und Max Horkheimer. Und was sie verband, war das Bewusstsein einer dreifachen Krise – der Krise des Marxismus, der Krise jüdischer Existenz und der Krise der Philosophie.
Alle drei waren Anhänger der rätekommunistischen Bewegung gewesen, die ihre revolutionären Hoffnungen hatte begraben müssen. Zunächst scheiterten der Spartakusaufstand und die Münchner Räterepublik, dann auch im Herbst 1923 der Versuch der KPD in Thüringen und Sachsen, im Rahmen einer »Einheitsfront« mit der SPD einen Umsturz vorzubereiten. Zwar misslang in jenen Tagen auch die Gegenrevolution von rechts, aber für die drei sozialistischen Akademiker stellte sich die Frage, warum »ihre« Revolution in Deutschland gescheitert war – und warum die »Mutterrevolution« in Russland sich erkennbar in die falsche Richtung entwickelte, nämlich autoritär. Warum brach der Kapitalismus nicht zusammen, wie von Karl Marx und Friedrich Engels prognostiziert? Warum bevorzugten die Arbeiter gegen ihre eigenen Interessen nicht den Sozialismus? Es war an der Zeit, den Historischen Materialismus zu aktualisieren.
Alle drei waren Söhne jüdischer Unternehmer, die auf Emanzipation durch Assimilation gesetzt hatten. Und doch bestand ihr Freundeskreis ganz überwiegend aus anderen Juden. Die vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Deutschen war zwar juristisch erfolgt, aber in Frankfurt existierte die »Juddegass« in den Köpfen der Bürger weiter und der Antisemitismus war ständiger Begleiter im Alltag. Gershom Scholem bezeichnete später augenzwinkernd die Frankfurter Schule als eine der bedeutendsten Sekten, die das deutsche Judentum hervorgebracht hatte. Der Grund für die Vielzahl an jüdischen Institutsmitarbeitern ist indessen schlicht: Die Einrichtung war der einzige Ort weit und breit, an dem für jüdische Intellektuelle ihr Judentum keine Rolle spielte. Hier waren sie einfach Wissenschaftler, während sie in der Gesellschaft immer Juden bleiben mussten.2
Alle drei waren schließlich der Auffassung, dass die gesamte bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts im Weltkrieg untergegangen war, einschließlich der Sphäre des Geistes und seiner Wissenschaften. Insbesondere die Metaphysik, welche die Frage nach den ersten und letzten Dingen beantwortet, war an ihr Ende gekommen, der Vernunftglaube in einer schweren Krise. Die akademische Philosophie insgesamt, die sich um das, was außerhalb der Hörsäle vor sich ging, wenig scherte, schien den jungen Gründern unzeitgemäß und inakzeptabel. Der nachgeborene Frankfurter Schüler Eckhard Henscheid wusste, warum die Bürgersöhne sich der Sozialphilosophie in praktischer Absicht zugewandt hatten: »Nun, als Max Horkheimer noch nicht Kritischer Theoretiker, sondern noch Betriebsleiter der väterlichen Firma im schwäbischen Zuffenhausen war, geschah es, daß er plötzlich das Leid der Welt erkannte. ›Mensch, Mensch‹, dachte Horkheimer und wandte sich erst mal dem Marxismus zu. Ähnlich dachten damals viele.«3
Doch trotz aller Zeitzeichen und Krisensymptome wäre es nicht zur Institutsgründung gekommen, hätte Felix Weil seinen Vater Hermann, einen überaus vermögenden Getreidehändler, nicht dazu überreden können, das Projekt zu finanzieren. Das war wiederum möglich, weil die 1914 gegründete Frankfurter Universität eine Stiftungsuniversität war.4
Vorgeschlagen hatte die Institutsgründung der gerade nach Frankfurt berufene Nationalökonom und Soziologe Kurt Albert Gerlach. Er stand auch als Direktor bereit, starb jedoch überraschend im Oktober 1922, kurz nachdem die Gesellschaft für Sozialforschung, die Trägerin des Instituts sein sollte, ins Leben gerufen worden war.5 Angesichts leerer Kassen nahm die noch junge Stiftungsuniversität die externe Finanzierung der neuen Universitätseinrichtung nach den Verhandlungen im Winter 1922/23 gerne an. Das Institut sollte unmittelbar dem Ministerium unterstehen und durch einen Lehrstuhl mit der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät verbunden sein, bei deren Herren sich die Begeisterung allerdings in Grenzen hielt. Sie erkannten, welches Gespenst da an die Universität gebracht wurde.6
An Pfingsten 1923 trafen sich im Örtchen Geraberg bei Ilmenau im Thüringer Wald kommunistische Intellektuelle unter Federführung von Weils Doktorvater Karl Korsch und unter Beteiligung von Georg Lukács zur »Ersten Marxistischen Arbeitswoche«. Das war die intellektuelle Gründung des Instituts.7 Es war, wie Detlev Claussen vermutet, »sicher die fortgeschrittenste intellektuelle Diskussion über Revolution und Marxismus […], die sich damals denken ließ«.8 Korsch und Lukács waren die führenden intellektuellen Köpfe des Linkskommunismus, die es bis in Ministerränge gebracht hatten – Korsch gehörte jener Thüringer »Volksfront«-Regierung an, die Reichspräsident Friedrich Ebert Ende 1923 absetzen sollte, Lukács war 1919 stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen in der ungarischen Räteregierung von Béla Kun gewesen. Auch hier zeigte sich die Verbindung des Instituts zum kämpfenden Marxismus.9
Ein entscheidender Inkubator dessen, was später die Kritische Theorie der Frankfurter Schule genannt werden sollte, war darüber hinaus das Heidelberger Milieu junger, bürgerlicher und linker Intellektueller zu Beginn der 1920er Jahre, zu dem Leo Löwenthal, Erich Fromm, Alfred Sohn-Rethel und Alfred Seidel gehörten. Auch Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer standen mit ihm in Verbindung. Die synkretistische Gestimmtheit der überhitzten, verzweifelten und orientierungslosen jungen Männer in den Seminaren von Alfred Weber und Karl Jaspers verhandelten wild und schwärmerisch die ästhetischen, politischen, philosophischen und geisteswissenschaftlichen (allerdings nicht soziologischen) Grundfragen, die das Institut unter Horkheimers Direktorat später systematischer anging. Die jungen Intellektuellen drängten auf eine wirkliche, lebensnahe Philosophie. Im »Heidelberger Synkretismus«, wie Christian Voller das nennt, äußerte sich ein metaphysisches Bedürfnis in einer Zeit, in der die akademische Philosophie postmetaphysisch wurde.10
Horkheimer und Pollock, die sich vertraglich ewige Freundschaft versprochen hatten, wollten sich nicht nur mit dem Weltelend, sondern auch mit den Möglichkeiten von Welterkenntnis beschäftigen. Beides gehörte zusammen. Nicht aber »formale Erkenntnisgesetze, […] sondern materiale Aussagen über unser Leben und seinen Sinn haben wir zu suchen«, schrieb Horkheimer 1921.11 Die bürgerliche Gesellschaft lehnten sie ab – ohne allerdings wie die Lebensreformer den Wunsch nach Askese oder die Sehnsucht nach einem einfachen Leben zu verspüren. Das wäre in ihren Augen eine Verhöhnung der Armen und Ausgebeuteten gewesen, die sich doch nichts mehr wünschten, als am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Der zukünftige Sozialismus sollte auf dem Wohlstand und der Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft aufbauen, nicht hinter sie zurückfallen.12
Erster Direktor des Instituts wurde der Austro- und Kathedermarxist Carl Grünberg, ein Staatsrechtler und Soziologe, der den Schwerpunkt auf das Studium des wissenschaftlichen Marxismus legte und seine 1911 gegründete Zeitschrift Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung mitbrachte.13 Das Institut gliederte sich auf in die Disziplinen Wirtschafswissenschaft, Staatswissenschaft und Theorie der politischen Ökonomie und zeigte sich damit »einem sozialistischen Fortschrittsoptimismus« verpflichtet, der, so Magnus Klaue, »von der Wissenschaftlichkeit und Rationalität des Marxismus überzeugt war«.14 Felix Weil blieb dem Institut verbunden, war aber noch auf anderen Felder aktiv, etwa als Unterstützer des Berliner Malik-Verlags, der 1923 Lukács’ bahnbrechendes Buch Geschichte und Klassenbewußtsein herausbrachte. Horkheimer wiederum musste erst in der akademischen Philosophie Fuß fassen und stieg zunächst nicht direkt in die sozialwissenschaftlich ausgerichtete Institutsarbeit ein. Pollock hingegen verschrieb sich der Kritik der politischen Ökonomie beziehungsweise den Wirtschaftsdingen selbst und war von Beginn an als Geschäftsführer in administrative Aufgaben eingebunden.15 Noch 1923 reichte er seine Dissertation zu Marx’ Theorie des Geldes an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Frankfurter Universität ein. Sie stand unter der Prämisse, dass die politische Ökonomie die einzige »universale Grundwissenschaft« sei, weil die »Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens« aller Kultur und allem Denken vorausgehe. Die Differenz von Wesen und Erscheinung, verdinglicht im Phänomen des Geldes, das die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiere, war für Pollock der Ausgangspunkt kritischer Wissenschaft, ähnlich wie zur selben Zeit bei Korsch, Lukács und anderen materialistischen Ideologiekritikern. Die Vorstellung, dass der Kapitalismus die soziale Welt verzaubert habe, also nichts so ist, wie es scheint, lag offensichtlich in der Luft.16
Lukács’Geschichte und Klassenbewußtsein war der hochfliegende Versuch, eine neue Orthodoxie mit philosophischen Mitteln zu begründen, und hatte eine außerordentlich tiefe Wirkung auf die junge Intelligenz. Sie fiel allerdings bei Lenin in Ungnade und geriet unter die Räder der Moskauer Politik gegen die sogenannten Linksabweichler und ihre »Kinderkrankheiten«. Der Rezeption schadete das kaum, eher im Gegenteil. Das Kapitel über den Warenfetischismus und die Verdinglichung als Grund von Entfremdung wurde zu einem der Basistexte des entstehenden westlichen Marxismus, auch wenn sich sein Autor später vor dem Staatssozialismus verbeugte und von sich selbst distanzierte. Ebenfalls 1923 erschien KorschsMarxismus und Philosophie, das den jungen revolutionären Marx gegen den erstarrten Marxismus der Zweiten Internationale stellte. Dem Autor ging es um die Wiederbelebung des revolutionären Elans angesichts des erstarrten wissenschaftlichen Sozialismus. Dazu bezog er sich auf den Philosophen Marx, auf dessen Lehrer Hegel und auf ein Verständnis von Dialektik, das den Faktor der Subjektivität im Rahmen des Historischen Materialismus hervorhob. Später sprach man daher von einem Hegelmarxismus, der in Frankfurt zuhause sei.17
Dieses Zuhause materialisierte sich nur wenige Monate nach der Gründung des Instituts in Form eines fünfgeschossigen Gebäudes in der Viktoria-Allee im Frankfurter Westend. Im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet, war es Ende November 1923 bezugsfähig und wurde am 22. Juni 1924 eingeweiht. Die Ausstattung mit 18 Arbeitszimmern, mehreren Seminarräumen, einer stattlichen Bibliothek plus Lesesaal und Magazin sowie einigen Gästezimmern war großzügig, die Organisation patriarchal: Das wissenschaftliche Personal war mit Ausnahme von Hilde Weiss männlich, die Bibliotheksangestellten mit Ausnahme der Leitung weiblich. Der Architekt Franz Roeckle hatte für die Fassaden fränkischen Muschelkalk ausgewählt. »Er verleiht dem Äußeren einen ernsten, beinahe festungsartigen Charakter«, berichtete Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung, »den der durch die flachen Dächer erzielte horizontale obere Abschluß noch beträchtlich steigert.«18 Dass sich das neue Institut zu verbarrikadieren schien, hatte Symbolcharakter. Dem Gros der Universität war diese offenkundig rot gefärbte Einrichtung nicht geheuer. Und als das Institut mit dem Moskauer Marx-Engels-Institut, in Person von David Borissowitsch Rjazanow, eine gemeinsame historisch-kritische Gesamtausgabe der Marx-Engels-Manuskripte vorbereitete, geriet es in den Fokus der politischen Polizei.19
Die Forschungsstudien des Instituts für Sozialforschung in den nächsten Jahren widmeten sich den Problemen des Sozialismus in globaler Perspektive, wie sich an den Büchern ablesen lässt, die zwischen 1929 und 1931 in der hauseigenen Schriftenreihe herauskamen: Henryk GrossmannsDas Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Friedrich PollocksDie planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917-1929 und Karl August WittfogelsWirtschaft und Gesellschaft Chinas. Mittlerweile waren auch einige Doktoranden mit Stipendien am Institut, unter ihnen die Nationalökonomen Julian Gumperz, Kurt Mandelbaum und Paul Massing sowie mit Leo Löwenthal nun auch ein Literaturwissenschaftler.
Die Philosophie übernahm erst nach 1930 die Federführung, als nach Grünbergs krankheitsbedingtem Ausscheiden und einer Interimszeit unter Pollock Max Horkheimer Direktor wurde. Der Universitätslehrstuhl, der mit der Leitung des Instituts verbunden war, wurde in einen für Sozialphilosophie umgewandelt, der sich in einer Art Konkurrenz zur sozialwissenschaftlichen Soziologie sah, für die in Frankfurt seit 1929 Karl Mannheim stand. Die sozialistisch orientierte Sozialforschung des Instituts war zwar hegel-marxistisch grundiert, allerdings im Bewusstsein der Grenzen sowohl des denkenden Subjekts als auch des verwissenschaftlichten Denkens.20 Von nun an herrschte hier einerseits ein eher pessimistischer Blick auf die Geschichte, andererseits auch eine gewisse Hoffnung auf die Wissenschaft. »Daß die Geschichte eine bessere aus einer weniger guten verwirklicht hat, daß sie eine noch bessere in ihrem Verlaufe verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, daß der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt«,21 heißt es entsprechend in Horkheimers Schrift über die Anfänge bürgerlicher Geschichtsphilosophie. Und in seiner Antrittsvorlesung von 1931, »Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung«, forderte er ein Nebeneinander von Denken und Beobachten, von Philosophie und Gesellschaftsforschung, das möglich werde, »indem die Philosophie als aufs Allgemeine, ›Wesentliche‹ gerichtete theoretische Intention den besonderen Forschungen beseelende Impulse zu geben vermag und zugleich weltoffen genug ist, um sich selbst von dem Fortgang der konkreten Studien beeindrucken und verändern zu lassen«. Die Aufgabe des Instituts sah der neue Direktor darin, »auf Grund aktueller philosophischer Fragestellungen Untersuchungen zu organisieren, zu denen Philosophen, Soziologen, Nationalökonomen, Historiker, Psychologen in dauernder Arbeitsgemeinschaft sich vereinigen und das gemeinsam tun, was auf anderen Gebieten im Laboratorium einer allein tun kann, was alle echten Forscher immer getan haben: nämlich ihre aufs Große zielenden philosophischen Fragen an Hand feinsten wissenschaftlichen Methoden zu verfolgen, die Fragen im Verlauf der Arbeit am Gegenstand umzuformen, zu präzisieren, neue Methoden zu ersinnen und doch das Allgemeine nicht aus den Augen zu verlieren«. Die Aktualität der Philosophie bestehe darin, »der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen auf den Kulturgebieten im engeren Sinne« nachzugehen.22 Mit anderen Worten: Die Vernunft sollte gesellschaftlich und die Gesellschaft vernünftig werden. Aber in der Philosophie nach Hegel konnte das reale Sein nicht mehr einfach aus obersten Prinzipien deduziert werden. Die dialektische Verbindung von Gesellschaftstheorie und empirischer Sozialforschung sollte daher mittels interdisziplinärer kollektiver Forschung entstehen. Dabei diente die Marx’sche Theorie wiederum dazu, diese wissenschaftlichen Bewusstseinsformen zu kritisieren, aber auch zu organisieren. Das sollte über Jahrzehnte der Kern des Frankfurter Projekts bleiben, war sozusagen die Corporate Identity der »Frankfurter Schule«, die ihren Namen allerdings erst sehr viel später erhalten würde.23
Horkheimers Konzeption zielte darauf ab, die Krise des Marxismus durch einen wissenschaftlichen Input zu überwinden. Der avisierte vierte Band der Schriftenreihe hätte Die Krise des Marxismus heißen sollen (blieb allerdings ungeschrieben).24 Bemerkenswert ist, dass die Leitideen aus der Psychoanalyse stammten, die noch keinen Platz an der Universität gefunden hatte. Am Institut erforschte man unter der Leitung von Erich Fromm und Hilde Weiss, warum sich das Proletariat nicht gegen die Klassenherrschaft erhebt, unter der es leidet, und warum der Kapitalismus sich immer wieder reproduzieren kann. Die Studien über Arbeiter und Angestellte sowie später über Autorität und Familie gaben – ungewöhnlich in marxistischen Zusammenhängen – sozialpsychologische Antworten auf diese Frage. Neben Marx’ Das Kapital gehörte Sigmund FreudsDas Unbehagen in der Kultur zum intellektuellen Grundstock des Instituts. Von Paul Lazarsfeld stammt das Bonmot, nach einer siegreichen Revolution brauche man Ingenieure, nach einer erfolglosen Psychologen.25 Von Beginn an hatte das Institut eine psychoanalytische Abteilung, die von Freuds Schüler Karl Landauer geleitet wurde, der später (im Januar 1945) im Konzentrationslager Bergen-Belsen den Hungertod starb. Die Ergebnisse der Forschungen über den autoritären Charakter der Arbeiter und Angestellten waren übrigens so erschütternd, dass Horkheimer und Pollock begannen, über eine Auswanderung in die Schweiz nachzudenken.26
Neben der psychoanalytischen Sozialpsychologie fand mit Horkheimers Direktorat auch die Kulturkritik Eingang in die Frankfurter Sozialforschung: Das Institut verlagerte seinen Schwerpunkt von der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus auf die Theorie der Gesellschaft und die Sozialphilosophie, in Horkheimers Worten: auf »die gesamte materielle und geistige Kultur der Menschheit überhaupt« und die »Kulturgebiete im engeren Sinn«.27 Das waren neue Töne und Wege. Nicht nur die bürgerliche Software spielte nun eine Rolle, auch die Orientierung auf die Arbeiterbewegung schwächte sich ab. Während Korsch und Lukács, die Vordenker der marxistischen Erneuerung nach dem Weltkrieg, noch mit der kommunistischen Praxis verbunden gewesen waren,28 dominierten nun mit Horkheimer und Pollock zwei Intellektuelle, die der KPD skeptisch, ja zunehmend ablehnend gegenüberstanden.29
Für den Wandel von der Praxisorientierung zur Theoriebildung und vom Klassenkampf zur Kulturkritik steht paradigmatisch Theodor Wiesengrund Adorno, der drei Monate nach Horkheimers Antrittsvorlesung selbst eine solche als Privatdozent für Philosophie an der Frankfurter Universität hielt. Dass er offenkundig unter dem Einfluss von akademischen Außenseitern wie Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Ernst Bloch stand und dies auch im Vortrag wie eine Fahne vor sich hertrug, stieß unmittelbar auf Verärgerung – wohl auch bei seinem älteren Freund Max Horkheimer, dem der Vortrag offenbar nicht marxistisch genug war und der bereits einige Jahre zuvor am Scheitern der Habilitation von Benjamin beteiligt war, weil er mit dessen Schrift über den Ursprung des deutschen Trauerspiels rein gar nichts anfangen konnte.30 Der junge Musiktheoretiker Wiesengrund, der sich mit einer Arbeit über Kierkegaard und die Widersprüche bürgerlicher Innerlichkeit im Fach Philosophie habilitiert hatte und nun wie Horkheimer und doch ganz anders über »Die Aktualität der Philosophie« sprach, rief große Irritationen hervor, vor allem wegen seines Gebarens. Denn weder trug er die Ergebnisse seiner Habilitationsschrift vor, noch konkretisierte er, was die von Benjamin propagierte materialistische Version »deutender Philosophie« und »exakter Phantasie« leisten könne. Vielmehr behauptete er einfach deren Überlegenheit über alle Wissenschaft. Mit Bezug auf die abgelehnte Habilitationsschrift des Privatgelehrten verkündete Wiesengrund geheimnisvoll: »Echte philosophische Deutung trifft nicht einen hinter der Frage bereit liegenden und beharrenden Sinn, sondern erhellt sie jäh und verzehrt sie zugleich.« Die Aktualität der Philosophie bestand also vornehmlich in Bilderrätseln.31
Schon bald aber würde sich das Institut in Adornos Richtung bewegen. Die immanente Kritik des Idealismus als der bürgerlichen Ideologie par excellence wurde zu einer zentralen methodischen Säule, und Benjamin zum wichtigen Ideengeber. Begriffe wie etwa »Erlösung«, »Eingedenken«, »Mimesis« und »Zeitkern der Wahrheit« belebten vor allem Adornos Denken.32 Von Martin Heidegger her kommend schloss sich zudem der Philosoph Herbert Marcuse den Frankfurtern an, weil er dessen Seinsphilosophie gesellschaftskritisch zu füllen beabsichtigte. Die sozialphilosophische dominierte bald die sozialwissenschaftliche Belegschaft des Instituts. Überhaupt verdrängte der Idealtypus des »ideologiekritischen Theoretikers« allmählich das »Proletariat« auf der Subjektstelle revolutionärer Theorie.33 Die politpraktische Seite des Frankfurter Marxismus verblasste zugunsten einer intellektuellen Radikalität, die ihm wiederum Originalität und Profil verlieh.
Horkheimer gründete gleich nach seinem Amtsantritt die Zeitschrift für Sozialforschung. Sie sollte in der nächsten Dekade zum organisatorischen Zentrum des Instituts werden – vor allem, nachdem die Frankfurter Sozialforscher aus Deutschland fliehen mussten. Denn statt des Kapitalismus brach bloß die Weimarer Republik zusammen, obwohl nach der Weltwirtschaftskrise infolge des Börsencrashs von 1929 beides möglich schien. Das Stiftungskapital hatten Horkheimer und Pollock noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die Schweiz gebracht.34 Wenige Tage nach dem 30. Januar 1933, an dem ein SA-Trupp Pollocks und Horkheimers Privathaus in Kronberg besetzte, zog Horkheimer selbst nach Genf. Fromm, Marcuse und Löwenthal folgten. Gut ein Jahr später lud Nicholas M. Butler, der Präsident der Columbia University, Horkheimer ein, mit dem Institut nach New York überzusiedeln, und stellte ein ganzes Gebäude zur Verfügung.35 Dass die Frankfurter Sozialphilosophie sich globalisierte, dafür hatten also die Nazis gesorgt, die das Institut wegen »staatsfeindlicher Tendenzen« liquidierten. Am 5. März 1933 besetzte die SA das Gebäude in der Victoria-Allee, Kriminalbeamte folgten zehn Tage später und versiegelten die Räume. Der Senat der Universität beantragte umgehend beim preußischen Kultusminister die bisherige Verbindung zwischen Universität und Institut zu kappen. Sie sei schon immer lose gewesen, hieß es. Ein knappes Jahrzehnt nach ihrer Eröffnung wurde die »jüdisch-marxistische« Festung geschliffen.36
Im Viertel Morningside Heights in Manhattan scharte Horkheimer eine äußerst produktive Gruppe von aus Deutschland geflüchteten jungen Sozialphilosophen und Sozialwissenschaftlern jüdischer Herkunft um sich: Zu Fromm, Löwenthal und Marcuse stießen 1936 Franz L. Neumann und Otto Kirchheimer,1938 kam schließlich Theodor Wiesengrund aus Oxford dazu, wohin er 1934 emigriert war. Er nannte sich fortan Theodor W. Adorno, weil er als einwandernder Wissenschaftler und nicht als jüdischer politischer Flüchtling wahrgenommen werden wollte.37 Frankfurter Kranz wäre zwar ein schöner Name für diesen Zusammenhang der deutsch-jüdischen Intellektuellen in New York, aber man sollte doch besser von einer Intellektuellenassoziation sprechen, von einem »Kreis«, umgeben von weiteren Kreisen. Das Zentrum bildete das Freundespaar Horkheimer und Pollock: Der Direktor führte das Institut zwar diktatorisch, aber in enger Abstimmung mit seinem Vertrauten Pollock, der Außenstehenden als graue Eminenz erschien.38 Nach Pollock waren dem Direktor die noch aus Frankfurt mitgekommenen Institutsmitarbeiter am nächsten, also Löwenthal, Marcuse und Fromm. Dann folgt eine etwas größere Gruppe von Intellektuellen, die dem Institut nicht angehörten, aber ihm nahestanden oder hineinwollten – zu ihnen gehörte Adorno. Zuletzt folgte ein äußerer Ring mit Dutzenden von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die in der Zeitschrift oder für das Archiv publizierten.39 Immerhin, so hat Philipp Lenhard ausgerechnet, hat das Institut zwischen 1934 und 1944 fast 200000US-Dollar – umgerechnet auf die heutige Kaufkraft etwa 3,4 Millionen Euro – an insgesamt 116 Doktoranden und 14 Promovierte ausgezahlt, die vielen kleinen Spontanhilfen und leistungsunabhängigen Zuwendungen nicht mitgerechnet.40 Das kam nicht von ungefähr: Der Horkheimer-Kreis verfügte über zwei Ressourcen, die ihm unter den Emigranten eine privilegierte Stellung sicherten: das Stiftungskapital und die Zeitschrift für Sozialforschung. Zwar formten auch die Frankfurter in New York einen Notbund, aber sie waren in der Lage, einen eigenen Denkstil herauszubilden, der auch zur intellektuellen Distinktion gegenüber anderen diente. Das Institut war eine Anlaufstelle für alle Emigranten, die kein Geld, aber Ideen hatten, die danach drängten, publiziert zu werden.41 Wer in die Arche hineinwollte, musste sich streng redigieren lassen. Horkheimer erwies sich in diesen Zeiten als »der Steuermann der Kritischen Theorie« (Alexander Kluge).42
In New York entstand 1937 der Text, der den späteren Firmennamen lieferte, Horkheimers »Traditionelle und kritische Theorie«. Die traditionelle Theorie war darin die cartesianische, die das Subjekt vom Objekt trennt und damit die Wissenschaft von der Gesellschaft. Horkheimers kritische Theorie ging hingegen von der gesellschaftlichen Verschränkung von Subjekt und Objekt aus und von einem Gesamtzusammenhang namens »kapitalistische Gesellschaft«, der erfahren werden könne und über den ein negatives Existenzialurteil gefällt werden müsse. Ziel dieser Theorie war die Veränderung jener Gesellschaft mit der normativen Idee der freien Assoziation der Produzenten, die alle Freiheiten, welche die bürgerliche Gesellschaft biete, mitzunehmen habe. Die Marx’sche Herkunft der Kritik wurde auch hier, aus berechtigter Vorsicht, aesoplike nicht offen zur Schau gestellt.
Zu der von Horkheimer so genannten traditionellen Theorie zählte die junge empirische, »positivistische« Sozialforschung, wie sie in den USA federführend war. Gleichwohl kann man nicht sagen, dass die aus Deutschland stammenden Philosophen mit ihr durchweg gefremdelt hätten. Nein, sie engagierten sich in verschiedenen empirischen Forschungsprojekten zu Massenmedien, zum Antisemitismus und zur autoritären Mentalität. Allerdings insistierten die Frankfurter auf dem Primat des Denkens gegenüber dem Beobachten: Was eine Tatsache sei, bestimme die Theorie.43 Aus Europa brachten die zumeist jüdischen Intellektuellen und Wissenschaftler nicht nur Marx und Freud mit, sondern die Erfahrung von Faschismus und Vertreibung, eine riesige Narbe, die einen ständig daran erinnerte, wie naiv es ist, irgendetwas für unumstößlich zu halten, seien es Fakten oder Theorien. Umgekehrt lernten sie, wie es Adorno nach seiner Rückkehr nach Deutschland treffend formulierte, »Kultur« und den »deutschen Geist« von außen zu betrachten.44 Man kann daher getrost sagen: »Keine Kritische Theorie ohne Amerika!«45
In New York entstand nicht nur der programmatische Titel »kritische Theorie«, der versprach, die Gesellschaft unter der Perspektive der vernünftigen Veränderbarkeit zu betrachten. Hier verfestigte sich zugleich die Überzeugung, unter entfalteten kapitalistischen Verhältnissen sei eine Revolution unmöglich. Die »amerikanische Erfahrung« beinhaltete ausdrücklich Lernprozesse in der Sozialforschung (als Beispiel sei nur das Nachkriegsprojekt The Authoritarian Personality zur Vermessung antisemitischer Einstellungen mit der berühmten F-Skala genannt).46 Mit Martin Jay lässt sich über Adorno sagen, dass er in Amerika seine Umgebung durch den Filter eines europäischen Gelehrten interpretiert hat, aber dann, nach seiner Rückkehr, Deutschland mit den Augen eines New Yorker Emigranten wahrgenommen hat. Vor allem fand er, dass die demokratischen Formen in den USA »ins Leben eingesickert sind«, während sie in Deutschland nicht mehr als formale Spielregeln geblieben seien.47
Ein ganz besonderer Mitarbeiter des Instituts war ein Abwesender, nämlich Walter Benjamin, der nach der Flucht hauptsächlich in Paris lebte. Immerhin veröffentlichte er zwischen 1934 und 1939 in der Zeitschrift neben seinen Aufsätzen allein 13 Rezensionen und Sammelbesprechungen. Auf den kanonischen Grundlagen von Horkheimers »kritischer Theorie«, namentlich Marx, Hegel und Freud, stand Benjamin indessen nicht.48 Benjamins Marxismus war sehr eigenwillig. Er war infolge von Lukács’Geschichte und Klassenbewußtsein auf der Suche nach einer materialen Ästhetik, ließ sich von Horkheimer und Adorno die Warenform erklären und war von der Person und Dramatik Bertolt Brechts fasziniert.49 Seit 1927 arbeitete er am »Passagen-Werk«, benannt nach den Pariser Geschäftspassagen aus dem 19. Jahrhundert, die den Warenhäusern hatten weichen müssen. Benjamin ging es um eine materiale Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, mit der die gegenwärtige Katastrophe des Faschismus zu verstehen sei. Er wollte in philosophischen Dingen möglichst konkret werden und beleuchtete dazu die verlorene Dingwelt, die Physiognomie verschwundener Pariser Landschaften, als handele es sich um eine geträumte Welt gemäß Marx’ Einsicht, dass auch der Kapitalismus vom Menschen gemacht sei, aber ohne Bewusstsein und Plan, wie im Traum eben, aus dem nun ein Alptraum entwachsen war.50 Diese ungeheuer originelle Arbeit über »die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« wurde vom Institut prioritär gefördert. Insbesondere Adorno hielt Benjamin für ein Genie und das Projekt für das Aufregendste, was die zeitgenössische Philosophie zu bieten habe, trotz heftiger Kritik an einzelnen Teilen des Passagen-Werks, insbesondere an der Arbeit über Charles Baudelaire, die Benjamin daraufhin für die Zeitschrift komplett umschrieb. Adorno stieg indessen nach seiner Übersiedlung in die USA rasch zur intellektuellen Führungsfigur im Horkheimer-Kreis auf.51
Der Horkheimer-Kreis war in jenen Jahren zwischen 1934 und 1939 ein sehr enger Zusammenhang, vielleicht eine epistemische Gemeinschaft, die Horkheimers Ideal der gegenseitigen Durchdringung von Philosophie und Einzelwissenschaften nahekam. Man kann beinahe von einer Schule sprechen – wenn nicht die Schüler gefehlt hätten.52 Das Institut stellte nach wie vor die finanziellen Mittel bereit, um den Forschern und Denkern zu ermöglichen, an ihren Projekten zu arbeiten. Die Rechtswissenschaftler Neumann und Kirchheimer brachten neuen Schwung und Perspektiven in die Diskussion. Mit Adorno war ein Mitarbeiter gewonnen, in dem Horkheimer den Partner sah, der seinen eigenen Gedanken Flügel verleihen konnte. Die Zeitschrift (vor allem die Honorare, die sie zahlte) war in Emigrantenkreisen gefragt. Und man hatte eine genaue Vorstellung davon, was in ihr stehen sollte und in welcher Form. Was später manchem als »Zensur« erschien, war Resultat einer klaren und selbstbewussten Konzeption von »kritischer Theorie«.
Der Krieg änderte alles. Man hatte ihn nicht vorausgesehen, im Gegenteil: Noch wenige Wochen vor dem September 1939 waren sich Horkheimer, Pollock und Adorno sicher, dass die kapitalistischen Länder keinen Krieg gegen Nazideutschland führen würden. Pollock, der als politischer Ökonom gewissermaßen die Deutungskompetenz in der Frage hatte, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln würden, verspekulierte noch dazu einen Großteil des Stiftungsvermögens an der Börse. Zwar half Felix Weil mit einer weiteren Finanzspritze, doch der Haushalt verlangte eine harte Sparpolitik, was die Mitarbeiter unmittelbar betraf.53 Und im Institut kam es zu einem Streit, der zwar für die Nachgeborenen erkenntnisreich und fruchtbar war, aber für die, die ihn austrugen, eine ernste und belastende Angelegenheit darstellte. Es ging um die »Neue Ordnung« des Nationalsozialismus. Pollock interpretierte den Nationalsozialismus als »Staatskapitalismus«, als eine neue Form des Kapitalismus, in der es einen Primat der Politik gebe. Das implizierte wiederum, dass die Marx’sche Methode einer Kritik der politischen Ökonomie das neue Phänomen nicht angemessen erfassen würde. Pollock und mit ihm Horkheimer und Adorno vertraten die resignative These, dass dieser Staatskapitalismus in der Lage sei, die Krisen des Kapitalismus auf absehbare Zeit zu lösen. Im Rahmen solcher Diskussionen fiel auch der Begriff »integraler Etatismus«, den Horkheimer auf den sowjetischen »Staatssozialismus« münzte.54
Das stieß auf den vehementen Widerspruch der Gruppe um Franz L. Neumann, der an seinem monumentalen Buch Behemoth arbeitete. Die Kontroverse wurde im November und Dezember 1941 sogar öffentlich im Rahmen einer Vortragsreihe an der Columbia University ausgetragen, was zweifellos für die Vitalität und die Souveränität des Horkheimer-Kreises spricht.55 Neumann hielt den Begriff des Staatskapitalismus bereits für eine contradictio in adiecto. Einen Kapitalismus ohne Kapitalisten und Markt konnte er sich nicht vorstellen. Das nationalsozialistische Deutschland war für ihn ein autoritärer Staat, der sich im Rahmen des Bekannten bewege, ein »totalitärer Monopolkapitalismus«.56 Wie Neumann dachten auch Kirchheimer und Marcuse in ihren Grundprämissen orthodox marxistisch. Die drei waren es auch, die sich einen neuen Job suchen mussten, nachdem sich die Finanzkrise des Instituts zugespitzt hatte. Sie fertigten ab Ende 1942 in der »Research & Analysis Branch« des amerikanischen Geheimdienstes OSS Expertisen über den Feind und den Aufbau einer Demokratie in Deutschland nach dem Krieg an. Auch das war eine bedeutende amerikanische Erfahrung: dass dieses hochkapitalistische Land marxistische Forscher noch dazu deutsch-jüdischer Herkunft einstellte!
Horkheimer hingegen war bereits im Frühjahr 1941 zusammen mit seinem – abgesehen von Pollock – nun engsten Mitarbeiter Adorno nach Kalifornien gezogen. Beide gingen im Einklang mit Pollock einen neuen Weg. Horkheimer hatte vor dem Krieg und dem Judenmord den Antisemitismus streng politökonomisch mit der Liquidierung der Zirkulationssphäre in der nationalsozialistischen Wirtschaft erklärt und diesen wiederum als Krisenerscheinung des Kapitalismus gedeutet – zusammengefasst in dem nach 1968 berühmt gewordenen Satz: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.«57 Ein Jahr nach Beginn des Krieges verstand er, dass die Bedrohung der Juden eine unmittelbare war: »Ich bin überzeugt, daß die Judenfrage die Frage der gegenwärtigen Gesellschaft ist.«58 Die antisemitische Vernichtungspolitik verschob dann endgültig die Perspektive. Vor »Auschwitz« war die zentrale Hypothese, dass der Antisemitismus nur durch die kapitalistische Gesellschaft verstanden werden könne. Nach Auschwitz galt, dass die Gesellschaft nur durch den Antisemitismus zu verstehen sei. Nicht das Proletariat, sondern die Juden bildeten nun die gesellschaftliche Gruppe, über deren Schicksal die negative Wahrheit über die Gesellschaft erfahren werden könne.59
Das Institut brach auseinander. Pollock blieb noch eine Zeitlang in New York, um die Fassade zu wahren, dann folgte er dem Philosophentandem an die Westküste. In Pacific Palisades stützte sich die Kritische Theorie nicht mehr auf den interdisziplinären New Yorker Arbeitszusammenhang, sondern wie zu Anfang auf Freundschaft, wobei der Bund nun um Adorno erweitert wurde.60 In dieser kooperativen und kommunikativen Weise entstand die Dialektik der Aufklärung. Das Buch wurde sozusagen im Schatten von »Auschwitz« geschrieben, und die Autoren stellten sich die Frage, »warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt«.61 Es ging nun nicht mehr bloß um die ausgebliebene Revolution oder um die Unmöglichkeit von Revolution, sondern um eine menschheitsgeschichtliche Katastrophe, die angesichts der technischen Möglichkeiten und des Fortschritts der Produktivkräfte eigentlich undenkbar gewesen war, aber nun mit ebendiesen Dingen in Verbindung gebracht werden sollte: Zivilisation und Massenmord waren demnach ineinander verschränkt. In der Dialektik der Aufklärung wurde in einer geschichtsphilosophischen Perspektive der Aufstieg und die Selbstzerstörung »der Aufklärung« reflektiert und vor allem im wissenschaftlich-technischen Projekt der Naturbeherrschung die Antwort auf den Triumph der Destruktivkräfte gefunden. Was sich im Faschismus entladen hatte, war nicht einfach nur ein enthemmter unmenschlicher Kapitalismus, sondern die gesamte mythische Gewalt der von Herrschaft geprägten menschlichen Vorgeschichte. Naturbeherrschung und Naturverfallenheit, Fortschritt und Regression, Moderne und Mythos waren in dieser pessimistischen Deutung unausweichlich ineinander verschlungen, gleichwohl erfolgte die Kritik der Aufklärung in der Hoffnung ihrer Rettung, indem sie »aus ihrer Verstrickung in blinder Herrschaft« gelöst werde. Horkheimer und Adorno betrachteten die Zivilisationsgeschichte mit dem Fluchtpunkt Auschwitz, einem »Wendepunkt in der Geschichte«. Nach Hitler musste man selbst Homer anders lesen.62
Die Vernichtung der europäischen Juden, getragen von einer paranoiden Weltanschauung, veränderte auch die kritischen Theoretiker selbst: Die Theorie wurde radikaler, die Philosophie unpraktischer, die Politik konservativer. Fortan gab es »kein richtiges Leben im falschen« mehr. Aber wie man im »beschädigten Leben« sich zurechtfinden kann, darüber dachte Adorno gleichwohl nach: »Daß die Kultur bis heute mißlang, ist keine Rechtfertigung dafür, ihr Mißlingen zu befördern.« Aus der immanenten Kritik von Kultur und Gesellschaft sollte demnach die Richtung einer Praxis und damit eine Idee von Wahrheit gefunden werden. Minima Moralia, ein Buch noch in der Emigration geschrieben und 1951 in der Bundesrepublik veröffentlicht, war ja immerhin als »kleinste Ethik« eine Verhaltenslehre, eine Moralistik, die Orientierungswissen anbot. Adorno hielt sogar »zum Ende« am Erlösungsgedanken fest: »Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint.«63 Vielleicht brauchte es gerade wegen der Größe des Unglücks das utopische Gegengewicht, die Möglichkeit von Heilung, die nicht von dieser Welt ist. Ob diese theologische Perspektive ein Als-ob-Gedankenspiel oder wörtlich zu nehmen oder einfach eine Dramatisierung war, um den Zivilisationsbruch zu markieren, ist Auslegungssache. Das haben messianische Schriften so an sich. Die Exegese übernehmen dann die Studenten und Jünger.
Das nachhaltigste Kapitel in der Dialektik der Aufklärung wurde das über die sogenannte Kulturindustrie. Es ist auf dem ersten Blick ein Existenzialurteil über den Film, den die Autoren für die Speerspitze der Massenkultur hielten. Der Film sei ein »Geschäft«, das sich als Kunst ausgibt, ein »Stahlbad« des Vergnügens, kurzum: nichts als ein Manipulations- und Herrschaftsmittel. Als solches halte die Kulturindustrie, deren Produkte serienmäßig und zum Verkaufszwecke produziert würden, die entfremdete und verdinglichte Gesellschaft in gleicher Weise zusammen wie »Autos und Bomben«. Die standardisierte Kunst reproduziere das Immergleiche, Freizeit sei die Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln, letztendlich zerstörten sich Kunst und Unterhaltung über ihren gemeinsamen Nenner, den Warencharakter, gegenseitig.64
Damit scheint sich jedes weitere Wort über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Film zu erübrigen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Adorno, auf den das Kulturindustrie-Kapitel wahrscheinlich zurückgeht, exponierte den Film vermutlich derart, weil er das Kino für das fortschrittlichste Medium in der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaft hielt.65 Hier hielt kein europäischer Bildungsbürger Gericht über eine primitive US-amerikanische Kunstform. Nicht, dass Massenkultur »für alle« und demokratisch ist, war für Adorno das Problem, sondern dass sie Demokratie nur verspreche, aber nicht einlöse – ähnlich wie Pornografie in Bezug auf die Libido. Es ging ja um die Dialektik der Aufklärung, also die Überlegung, dass Fortschritt in sein Gegenteil umschlage. Und das Fortschrittlichste in der neuen Massenkultur um 1945 war eben der amerikanische Film. Abendländische Bildungsfreunde, reaktionäre Maschinenstürmer und die »Provinziellen« aus der vorkapitalistischen Vergangenheit erledigte Adorno eher im Vorbeigehen. Er suchte sich keine Pappkameraden, sondern attackierte den stärksten Gegner, in dessen Nachbarschaft der Text entstand: Hollywood. In dessen Dunstkreis bewegte sich Adorno während seiner Zeit in Pacific Palisades zwischen Ende 1941 und Herbst 1949. Er stand in gesellschaftlichem, manchmal sogar freundschaftlichem Kontakt zu Künstlern aus dieser Branche. Er kannte und bewunderte Charlie Chaplin, den »Rastelli der Mimik«, der ihn auf einer Party in Malibu, außerhalb von Los Angeles, einmal nachahmte.66 Mit dem Schönberg-Schüler und Brecht-Partner Hanns Eisler schrieb er ein kleines Buch über Filmmusik, in dem es nicht nur um Soziologie, sondern auch die immanente Ästhetik des Films geht.67 Und in Amerika freundete er sich mit dem Regisseur Fritz Lang an, den er zärtlich seinen »Kitschbruder« nannte.
Nach Kriegsende stellte sich die Frage, was mit dem Institut weiter geschehen solle. In den Vereinigten Staaten war man keineswegs erfolglos – gerade die empirisch-theoretische Studie The Authoritarian Personality, die 1950 herauskam, sollte die Fachwelt beeindrucken. Sie demonstrierte zum einen, dass die »Frankfurter« mit den amerikanischen Soziologen und Psychologen, ja selbst mit »Positivisten« durchaus gut kooperieren konnten, wenn sie Sinn und Zweck der Forschung als vernünftig erachteten. Zum anderen war die Studie ein ziemlich avanciertes Projekt, denn Horkheimer erhoffte sich im Vorwort eine neue Anthropologie des Individuums im Kapitalismus. Seine Charakterisierung des »autoritären Menschentypus« in einer »hochindustrialisierten Gesellschaft« liest sich frappierend aktuell, als würden hier Wutdenker und Querbürger im Zeitalter von Pandemie und Paranoia beschrieben, die nach einem Einsemesterstudium an der YouTube-Universität wissen, dass das Robert Koch-Institut von der Pharmaindustrie bezahlt wird: »Er [der autoritäre Menschentypus] ist zugleich aufgeklärt und abergläubisch, stolz, Individualist zu sein, und in ständiger Furcht, nicht so zu sein wie alle anderen, eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit bedacht und geneigt, sich blindlings der Macht und Autorität zu unterwerfen.«68
Die Studie war vom American Jewish Committee finanziert worden. Das Stiftungsgeld von Felix Weil ging langsam, aber sicher zur Neige. Horkheimer und seine Gefährten mussten sich entweder ganz auf die Sozialforschung in den USA einlassen oder eine neue Perspektive finden. In dieser Situation erhielt die Gesellschaft für Sozialforschung, namentlich Felix Weil und Friedrich Pollock, die Aufforderung, nach Frankfurt am Main zurückzukehren. Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Wilhelm Gerloff ging davon aus, dass die Stiftung »über sehr große Mittel verfügt«, über die Juden eben so verfügen. Das war derselbe Gerloff, der 1933 als Rektor der Universität die Trennungserklärung der Universität gegenüber dem Institut für Sozialforschung unterschrieben hatte.69 Die Goethe-Universität, das Hessische Kultusministerium und die Stadt Frankfurt folgten der Empfehlung der Fakultät im Oktober 1946, und der sozialdemokratische Oberbürgermeister Walter Kolb rief am 1. Januar 1947 emigrierte jüdische Bürger der Stadt auf, »trotz aller Not und allen Mißtrauens« wieder zurückzukehren.70
Sollten Horkheimer, Pollock und Adorno wirklich ins zerstörte Frankfurt zurückkehren? »Deutschland ist ja wieder einmal das Land der Zukunft und lebensfroher und böser als je«, berichtete Horkheimer bei einer seiner Sondierungsreisen im Juni 1948.71 Im April des Jahres war er das erste Mal nach Frankfurt gekommen und hatte sich mit dem Rektor und den beiden Dekanen getroffen: »Sie wissen noch nicht genau, sollen sie in mir einen relativ einflussreichen Amerikareisenden oder den Bruder ihrer Opfer sehen, dessen Gedanke die Erinnerung ist.« Bei der Rückkehr des alten Herrn waren die früheren Kollegen jedenfalls lieb und nett: »Die Fakultät, an deren Sitzung ich gestern teilgenommen habe, ist überfreundlich und erregt Brechreiz. Die Brüder sitzen noch genau so da und machen ihre heimtückischen kleinen Schelmenstreiche wie vor dem Dritten Reich (und unter ihm), als ob nichts geschehen wäre.«72 Gleichwohl plädierte Horkheimer eher für eine Rückkehr, während Pollock, der im Frühjahr und Sommer 1949 den Freund nach Frankfurt begleitete, lieber in den Vereinigten Staaten geblieben wäre. Adorno war allerdings von dem Gedanken schnell angetan, denn für ihn war die deutsche Sprache sein intellektuelles Lebenselixier. Wie so manches Mal zuvor fügte sich Pollock schließlich Horkheimers Willen. Nach langen Diskussionen beschloss man, eine Zweigstelle des Instituts in Frankfurt einzurichten.73
Im Juli 1949 entschied die Regierung des Landes Hessen, Max Horkheimer rückwirkend zum 1. Mai 1949 zum ordentlichen Professor auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu berufen.74 Horkheimer nahm das Wort vom »Wiedergutmachungslehrstuhl« in den Mund. Man hätte ihm ja einfach seinen alten Posten wiedergeben können, was aber vorausgesetzt hätte, dass seine Entfernung aus der Position als Unrecht empfunden worden wäre. Horkheimer ging die Sache ohne Illusionen und mit kühlem Kopf an. Zunächst ließ er sich im Wintersemester 1949/50 von Adorno vertreten und kam selbst erst im Februar 1950 an die Frankfurter Universität, innerlich reserviert und entschlossen, strategisch zu handeln. An seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft hielt er fest.
Am 14. November 1951 wurde das neue Institut für Sozialforschung, das zu je einem Drittel von der Stadt, dem Land und der Stiftung getragen werden sollte, schräg gegenüber der Ruine des ersten eröffnet. Die Viktoria-Allee hieß nun Senckenberganlage. Adorno fungierte als stellvertretender Direktor, während Pollock seine Hintergrundrolle als graue Eminenz noch stärker akzentuierte. Da Horkheimer im Herbst 1950 zum Rektor der Universität gewählt wurde und kaum Zeit für die Institutsleitung hatte, rückten Adorno und seine Frau Gretel – in vielen praktischen Dingen gewandter als ihr Mann – in entscheidende Funktionen. Pollock erhielt zunächst eine außerordentliche, 1958 dann eine ordentliche Professur für Volkswirtschaftslehre und Soziologie, Adorno 1953 eine außerordentliche Professur für Philosophie und Soziologie, die (erst) 1957 »ordentlich« wurde.75 Der Frankfurter Orientalist Hellmut Ritter, der kein Nazi, sondern selbst Emigrant war, ließ sich aus Protest daraufhin in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Es reiche offenbar aus, so beschwerte er sich, Jude und mit Horkheimer befreundet zu sein, um in Frankfurt Karriere zu machen.76
Das von den Architekten Alois Giefer und Hermann Mäckler entworfene Gebäude in der Senckenberganlage gehörte nun Horkheimer, Pollock und Adorno. Wenn man es verließ, musste man vorsichtig sein.
Schulbildung, 1949-1969
Die Stadt glich einer riesigen Ruine. Bei den Bomberangriffen vom März 1944 hatten die Alliierten rund 15000 Tonnen Sprengstoff und Millionen von Brandbomben abgeworfen. 5559 Menschen kamen ums Leben, ein Fünftel davon waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Vor allem der historische Stadtkern war zerstört worden, der Römer völlig ausgebrannt. Nur noch die Hälfte aller Wohnungen konnte benutzt werden, vier Fünftel waren beschädigt worden. Ein Jahr später erreichte die US-Armee die Stadt, und die Amerikaner machten das I.G.-Farben-Haus zum Hauptquartier ihrer Streitkräfte in Europa – was auch während des ab 1948 sich deutlich abzeichnenden Kalten Kriegs mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten so blieb. Frankfurt wurde damit eine Frontstadt im Systemgegensatz zwischen Ost und West. Das sollte auch den Umgang mit der NS-Vergangenheit beeinflussen: Die Entnazifizierung von Stadtverwaltung und Wirtschaft begann wie andernorts mit energischer Hand und endete wie andernorts in der »Mitläuferfabrik« (Lutz Niethammer)
