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Aevum … Eingang zur Unsterblichkeit. Die Ewigkeit beginnt dort, wo das Licht niemals erlischt, der Himmel in goldenem Schein erstrahlt. Aevum … Die Zeit scheint stillzustehen, zu warten auf ihr eigenes Ende. Das Leben dort endet nie. Findest du den Weg nach Aevum, sei gewarnt: Gehst du durch die Pforte, gibt es kein Zurück mehr, deine Tage sind lang und ungezählt. Und bevor du durch die Pforte gehst, frage dich: Willst du so lange leben, wie kein anderer zuvor? Bérénice Savoy, Ex-Spacetrooperin und Agentin des Terranischen Geheimdienstes, muss wieder zu Katana und Lasersichel greifen, um sich ihrer Feinde zu erwehren. Mit Hilfe ihres Kampfroboters Freitag und ihrer Geliebten Naya versucht sie, den Krieg zwischen den Mazzar und den Menschen endlich zu beenden. Denn es wird höchste Zeit, sich der Bedrohung aus der anderen Dimension zu stellen …
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Seitenzahl: 629
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Werner Karl
Aevum
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Weitere Titel des Autors:
Klappentext
Vorwort
Januar 2317
Januar 2317
Januar 2317
Januar 2317
Januar 2317
Flashback Eins
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Flashback Zwei
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Flashback Drei
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Februar 2317
Flashback Vier
Februar 2317
März 2317
März 2317
März 2317
Flashback Fünf
März 2317
März 2317
März 2317
März 2317
März 2317
März 2317
Flashback Sechs
März 2317
März 2317
Ende März 2317
April 2317
April 2317
April 2317
April 2317
Kapitel 36
Flashback Sieben
Mai 2317
Mai 2317
Juni 2317
Juli 2317
Kapitel 41
Flashback Acht
Juli 2317
Juli 2317
Juli 2317
Juli 2317
Personenregister
Glossar
Nachwort
Danksagung
Bibliographie
Kapitel 1
Unter Arrest
Kapitel 2
Die Verhandlung
Kapitel 3
Vertrauen
Kapitel 4
Freitag reloaded
Kapitel 5
Mit Argusaugen
Kapitel 6
Jeder gegen Jeden
Kapitel 7
Jäger der Nacht
Kapitel 8
Drei sind kein Paar
Kapitel 9
Hellebarden
Kapitel 10
Nachrichten von einem Toten
Kapitel 11
Baden verboten
Kapitel 12
Die Einsamen von Samboll
Kapitel 13
Mens sana in corpore sano
Kapitel 14
Eye in the sky, looking at you
Kapitel 15
Am Meeresgrund
Kapitel 16
Kampf in der Tiefe
Kapitel 17
Ebbe und Blut
Kapitel 18
Schockstarre
Kapitel 19
Pilot der MATA HARI
Kapitel 20
In der Stille des Alls
Kapitel 21
Blitze
Kapitel 22
Festung im Eis
Kapitel 23
Die Angst vor dem Schatz
Kapitel 24
Empathie
Kapitel 25
Agenten sterben einsam
Kapitel 26
Die Clique
Kapitel 27
Angriff der Gorillas
Kapitel 28
Der Spion, der aus der Kälte kam
Kapitel 29
Eine Galaxis voller Mörder
Kapitel 30
Blick in die Unendlichkeit
Kapitel 31
Trennungsschmerz
Kapitel 32
Feinde in den eigenen Reihen
Kapitel 33
Clan 49
Kapitel 34
Titanenkinder
Kapitel 35
Titanenfaust
Kapitel 37
Die eine Seite der Waage
Kapitel 38
Halb Mensch, halb Schiff
Kapitel 39
Presskommando
Kapitel 40
Ein zusammengewürfelter Haufen
Kapitel 42
Slide
Kapitel 43
Wer den Tod sucht
Kapitel 44
Meuterei
Kapitel 45
Tote streiten nicht
Impressum neobooks
Science-Fiction
BLACK ICE (Quadrologie)
Band 1 Odyssee
Band 2 Aevum
Band 3 Hydra
Band 4 Nexus
The Fantastic Zone (Story-Band)
Fantasy
SPIEGELKRIEGER (Trilogie)
Band 1 Druide der Spiegelkrieger
Band 2 Königin der Spiegelkrieger
Band 3 Dämon der Spiegelkrieger
(Prequel-Trilogie in Vorbereitung)
Menosgada
Driftworld
Details zu den Titeln siehe Anhang
AEVUM
BLACK ICE II
Science-Fiction-Roman
von
Werner Karl
Aevum …
Eingang zur Unsterblichkeit.
Die Ewigkeit beginnt dort,
wo das Licht niemals erlischt,
der Himmel in goldenem Schein erstrahlt.
Aevum …
Die Zeit scheint stillzustehen,
zu warten auf ihr eigenes Ende.
Das Leben dort endet nie.
Findest du den Weg nach Aevum, sei gewarnt:
Gehst du durch die Pforte,
gibt es kein Zurück mehr,
deine Tage sind lang und ungezählt.
Und bevor du durch die Pforte gehst, frage dich:
Willst du so lange leben, wie kein anderer zuvor?
Bérénice Savoy, Ex-Spacetrooperin und Agentin des Terranischen Geheimdienstes, muss wieder zu Katana und Lasersichel greifen, um sich ihrer Feinde zu erwehren. Mit Hilfe ihres Kampfroboters Freitag und ihrer Geliebten Naya versucht sie, den Krieg zwischen den Mazzar und den Menschen endlich zu beenden. Denn es wird höchste Zeit, sich der Bedrohung aus der anderen Dimension zu stellen …
Als ich mit dem ersten Band zu Black Ice (Odyssee) fertig war, wollte ich eigentlich eine kleine Pause von der Trooperin machen und einen lange geplanten Fantasy-Roman – sozusagen als Erholung – einschieben. Aber dann ist mir etwas passiert, was mir noch nie passiert ist: Ich konnte mich von Bérénice Savoy, Naya und dem Roboter Freitag einfach nicht lösen. Trotzdem spukten neue Ideen zu dem Fantasy-Buch durch meinen Kopf … und hartnäckig weitere Einfälle zu dem Ihnen vorliegenden Band II (Aevum). Also schrieb ich eine Zeit lang abwechselnd an beiden Büchern. Es dauerte ein paar Monate, bis ich mich dem Drängen des Alls ergab und nur noch an Aevum arbeitete.
Und noch etwas muss ich zugeben: Ich habe versagt. Meine ursprüngliche Absicht, dass Sie, liebe Leser, jeden Band von Black Ice auch ohne Kenntnis der Vorgänger separat lesen können sollten, muss ich leider zurücknehmen. Zu sehr ist die Geschichte verwoben, zu sehr bauen die Nachfolger auf den Vorgängern auf. Ich bitte Sie also, die Reihe ab Band I zu lesen und nicht durcheinander.
Manchen Verlagen scheint mehr am Verkauf als an der Zufriedenheit der Leser zu liegen. Sie vermeiden oft den Hinweis auf dem Cover, dass es sich um Band soundso einer Reihe handelt. Sie tun dies in der Hoffnung, dass ein Leser einen Roman schon genießen werden wird und dann nach mehr – auch rückwärts lesend giert. Mir scheint aber die Gefahr, dass ein Leser der Handlung nicht folgen kann, weil ihm eben Band I oder II unbekannt sind, und dass er dadurch Frust empfinden könnte, größer zu sein. Daher achte ich darauf, dass jeder meiner Romane klar und deutlich zeigt, welcher Teil er ist. Denn Ihr Lesevergnügen ist mir wichtiger, als ein paar Euro mehr oder weniger.
Ganz aufmerksamen Lesern von Band I (Odyssee) wird vielleicht aufgefallen sein, dass das erste Textstück die Überschrift Epilog trägt. Natürlich ist ein Epilog ein Nachwort. Also was – zum (Schreib-)Teufel hat es am Anfang zu suchen? Ohne zu viel verraten zu wollen, sei Ihnen versichert, dass dies kein Fehler meinerseits, des Korrektorats oder Lektorats war, sondern pure Absicht. Ich sage nur so viel: »Alles hat ein Ende, nur die Wurst … äh … die Science-Fiction kann zwei haben.« Noch Fragen? Gemein, wie ich manchmal sein kann – zumindest schriftstellerisch, nicht menschlich –, werden Sie diese Frage erst am Ende von Band IV beantwortet bekommen. Und es bereitet mir eine diebische Freude, Sie so lange zappeln zu lassen.
Der Autor
Die schwarzhäutige Frau war sofort hellwach, als sie einen Laut hörte, der so gar nicht in das allgemeine nächtliche Tonkonzert des Gefängnisses passte. Als Spacetrooperin war sie an die verschiedenen Geräuschkulissen von Kampfschiffen, Raumstationen und planetaren Garnisonen gewöhnt. Doch dieses Geräusch schien ihr deplatziert zu sein, obwohl sie erst seit acht Tagen Gast dieser Einrichtung war und eventuell noch nicht alle Lautquellen erfahren hatte. Es hatte wie das Schnaufen einer Kreatur geklungen. Sicher war sie sich dessen aber nicht. Die Wände, Gänge und Gitter dieser Haftanstalt verfälschten alle möglichen Töne.
Bérénice erhob sich lautlos von ihrem Lager, schlich wie auf Katzenpfoten an das solide Gitter ihrer Zelle und verharrte dort, die Finger leicht um die kalten Stäbe gelegt. Außer dem lächerlichen Schimmern der wenigen Nachtleuchten war der Block in rabenschwarze Dunkelheit gehüllt. Da sie abgesehen von ihrer blauen Unterwäsche nichts trug, wirkte Bérénice selbst wie ein Schatten. Nicht spontan, sondern kontrolliert schloss sie ihre Augen und konzentrierte sich ganz auf ihr Gehör. Doch selbst nach etwa einer Minute stillen Lauschens wiederholte sich das Geräusch nicht. Nur die leisen Atemzüge ihrer Zellnachbarinnen und ab und an ein verhaltenes textiles Rascheln waren zu hören. Alles schien zu schlafen, nur sie nicht. Sie öffnete ihre Augen und spähte in die Gänge hinaus. Nichts bewegte sich.
Mehr einem Instinkt als einem Gedanken folgend, machte die Trooperin ein paar Schritte zur Mitte des Gitters hin und berührte leicht die schwere Zellentür. Zu ihrer Überraschung ließ sie sich öffnen. Für eine Sekunde spielte Bérénice mit dem Gedanken, ob es ihre Freundin Amélie Colbert möglicherweise für sinnvoll erachtet hatte, sie aus dem Gefängnis zu holen und an einem anderen Ort die Zeit bis zur Verhandlung verbringen zu lassen. Doch dann schüttelte sie ihren Kopf und verwarf diese Idee.
Es würde wie ein Schuldeingeständnis wirken, dachte sie und schob die Tür vollständig auf. Das schwere Metall glitt zur Seite, ohne Lärm zu machen. Bérénice trat hinaus, blieb dann aber stehen. Sie warf einen Blick zurück in ihre Zelle und überlegte. Doch da war nichts, was sie als Waffe hätte benutzen können. Denn dass sie bald eine brauchen würde, war ihr klar.
Da hat jemand etwas mit mir vor … und ich habe keine Ahnung was. Soll ich auf der Flucht erschossen werden? Soll ich fliehen und damit selbst mein Urteil fällen? Noch einmal warf sie einen Blick in die Zelle. Und wenn ich einfach hierbleibe? Irgendein Gefühl sagte ihr, dass die Zelle zu einer tödlichen Falle werden könnte. Also lieber dem Feind entgegentreten, als sich ihm in der engen Zelle stellen zu müssen, entschied sie, fasste an eine Stange der offenen Tür und drückte sie wieder behutsam ins Schloss. Ein leises Schnappen erklang. Wer auch immer meine Zelle geöffnet hat, hat dafür gesorgt, dass sie sich nicht noch einmal öffnen lässt.
Bérénice kannte nicht alle Sicherungsmaßnahmen dieses Gebäudes und ließ ihre Blicke über das Fastschwarz der Decken und Wände schweifen. Natürlich musste es Kameras, Mikrofone, Bewegungsmelder, Bioscanner, Thermaldetektoren und ähnliche Sensoren an allen möglichen Stellen geben. Doch bis jetzt war nicht ein einziges Warnsignal ausgelöst worden. Sie dachte an stumme Alarme in fernen Wachstuben, aber selbst die hätten längst Wachpersonal heranführen müssen.
Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, resümierte sie und blieb vor der Zelle ihrer linken Nachbarin stehen. Die Frau schlief ruhig. Bérénice schlich weiter. Auch in den nächsten Zellen regte sich niemand.
Die ehemalige Trooperin huschte auf nackten Sohlen durch den Flur und blieb an der nächsten Abzweigung stehen. Drei weitere Gänge führten in die anderen Flügel des Gebäudes, das wie ein Kreuz gebaut worden war. Einfache Treppen – keine Lifte – erlaubten den Zugang zu den Stockwerken unter und über der Etage, auf der sich Bérénice befand.
Ich bin im sechsten Stock, überlegte sie. Noch vierzehn über mir … eine Flucht über das Dach erscheint mir unwahrscheinlich. Der oder die Befreier müssten dann einen Gleiter oder ein anderes Fluggerät einsetzen. Das würde ganz sicher jemandem auffallen. Und auf dem Boden …?
Plötzlich hörte sie wieder den Laut. Dieses Mal deutlicher … und näher. Bérénice fällte eine Entscheidung. Nachdem ich selbst nicht fliegen kann und eine Flucht über das Dach meinen Gegnern eher die Chance bietet, mich abstürzen zu lassen, wähle ich den anderen Weg.
Dachte es und flog förmlich die einzelnen Stufen der Treppe hinab. Ein Mensch aus prä-stellarer Zeit hätte in der schwarzen Frau vielleicht die Schwester Nosferatus gesehen, die in raschem Tempo bereits vier Etagen geschafft hatte, als das Geräusch erneut aufklang … über ihr. Und wieder ein wenig näher.
Sie treiben mich vor sich her.
Sie nahm die letzten beiden Treppen mit hastigen, aber beherrschbaren Sprüngen in Angriff, erreichte die Gebäudebasis und ließ den unangenehmen Gedanken in sich nachhallen, dass sie mehrere Verfolger vermutete, obwohl der Laut eher von einem einzelnen Lebewesen stammen musste.
Ich laufe in eine Falle.
Bérénice spähte in das Schwarzgrau der Gänge.
Geradeaus geht es zum Ausgang in den Hof, erinnerte sie sich. Der Flur hinter mir führt zu den Duschen und Fitnessräumen. Links geht es in die Küche und die Speisehalle. Und rechts? Sie hatte diesen Gang noch nicht beschritten, eben weil sie dort nichts zu suchen hatte und die Wärter es gar nicht mochten, wenn eine Gefangene aus der Reihe tanzte. Der führt über einen weiteren Hof zum Trakt der Männer, fiel ihr der schematische Aufbau des Gefängnisses ein, den sie bei ihrer Ankunft auf einem Schild gesehen hatte.
Sie neigte dazu, den Weg zu den Fitnessräumen einzuschlagen, eben weil sie dort eine Chance sah, sich mit Hilfe der Sportgeräte besser wehren zu können. Die anderen Wege erschienen ihr als Sackgassen; überprüfen wollte sie sie trotzdem. Doch plötzlich erklang der Laut zum vierten Mal. Und wie sie jetzt deutlich vernehmen konnte, in beängstigend kurzer Distanz.
Ich habe keine Zeit nachzuprüfen, welche Tür sie offengelassen haben, schoss es ihr durch den Kopf. Außerdem wird gerade dort die Falle sein.
Mit einem Ruck riss sie sich herum und begann, in den dunklen Gang hinter ihr zu spurten. Sie verzichtete nun darauf, sich lautlos zu bewegen, sondern war bemüht, sich wieder einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Wenn sie nicht in die vorgesehene Falle tappte, würden ihre Verfolger sicher für einen Moment verwirrt sein. Die Tatsache, dass der Zugang zu den Duschen und benachbarten Räumen bisher nie verschlossen war, ließ sie hoffen, dass dies auch jetzt der Fall sein würde.
Augenblicklich erklang nun das rasche Tapsen von weichen Pfoten und das hechelnde Atmen eines Tieres. Eines großen Tieres. Und dahinter …
Die ein wenig entfernteren Stimmen von Männern.
Das ist kein Befreiungsversuch. Die wollen mich tatsächlich umbringen. Aber wieso?
Ihr blieb keine Zeit mehr, dieser Frage nachzugehen, denn sie hatte die Tür zum Sporttrakt erreicht und mit einem Stoß die beiden Flügel auseinanderschwingen lassen. Dahinter war es noch finsterer als im Flur davor, doch Bérénice wertete dies als kleinen Vorteil. Mit Bewegungen, die einem Hasen auf der Flucht glichen, huschte sie zwischen mehreren schweren Gerätschaften hindurch. Sie hatte gerade ein Regal mit Hanteln erreicht, als ihr tierischer Verfolger mit einem wütenden Knurren ebenfalls in die Halle eindrang.
Bérénice konnte das Tier nicht genau sehen, doch eine Ahnung, was es sein könnte, schob sich mit grausamer Wahrscheinlichkeit an die Oberfläche ihrer rasenden Gedanken. Die meinen es wirklich todernst, fuhr es ihr wie eisige Splitter durch das Hirn.
Als sich ihr animalischer Verfolger vorsichtig schnüffelnd ein paar Schritte in die Halle bewegte und der schwache Mondschein aus einem der Fenster seinen Kopf ein wenig beleuchtete, wurde ihre Ahnung zur Gewissheit.
Ein Werwolf!
Natürlich war dieses Tier kein Werwolf im literarischen Sinne. Aber die Aufzucht besonders großer und genmanipulierter Wölfe, in Kombination mit ins Gehirn implantierten, selbstredend verbotenen Steuergeräten, verwandelte diese eigentlich scheuen Jäger in blutrünstige Kreaturen. Die Befehle, die sie als pseudo-animalische Impulse erhielten, steigerten ihren natürlichen Jagdtrieb über jegliche Hemmschwelle hinaus. Das Ergebnis waren mordgierige Monster, deren eigener Überlebenswille ausgeschaltet worden war.
Bérénice war sofort klar, dass dieses Tier momentan ihren gefährlichsten Widersacher darstellte und nicht seine Peiniger, die sich noch im Hintergrund hielten.
Wenn ich euch in die Finger kriege, dachte sie zornig, lockerte ihre Muskeln und griff in das Regal. Bérénice biss die Zähne aufeinander und schleuderte dem Wolf eine Zwei-Kilo-Scheibe entgegen. Er hatte sie zwar gesehen, aber im Wirrwarr der Gerätschaften das Geschoss nicht wahrgenommen. Leider traf die Scheibe nicht den Schädel des Tieres, weil dieses ihn just in dem Moment witternd angehoben hatte. Aber das Metall schlug heftig an die Gurgel des Werwolfes und ließ ihn vorerst röchelnd zurückweichen. Bérénice konnte hören, wie die Kreatur mühsam schluckte und zu atmen versuchte, und nutzte die Zeit, um sich eine bessere Waffe zu schnappen. Sie hatte sich gerade für eine lange Hantelstange entschieden, die sie nun wie einen Kampfstab in ihren Händen ausbalancierte, als zwei Männer die Halle betraten. Auf den ersten Blick erkannte die Haitianerin, dass die beiden so gut wie unbewaffnet waren, sah man einmal von dem Steuergerät ab, das einer der beiden in den Händen hielt, und dem Messer in der Rechten seines Kumpels.
Auftragsmörder aus dem Männertrakt, zuckte die Erkenntnis durch Bérénice. Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Werwolf. Der hatte offensichtlich seine Kehle wieder unter Kontrolle bekommen. Vielleicht waren es aber auch die Befehle, die er erhielt. Denn der erste Mann grinste nun hämisch und fingerte an dem Gerät herum.
Bérénice ging ein paar Schritte zur Seite und positionierte sich vor einem Ding, das entfernt an eine Eiserne Jungfrau erinnerte. Anstelle von tödlichen Dornen besaß es eine Vielzahl von fingerdicken Metallstäben mit abgerundeten und mäßig gepolsterten Enden, welche die Muskulatur eines Sportlers durch Knetbewegungen anregen sollten.
Der Werwolf jedoch hatte nur Augen für sein Opfer … das nun in erreichbarer Nähe war.
In Bérénice schien ein unsichtbarer Schalter umzuspringen. Alles um sie herum wirkte so, als wäre es plötzlich wie in Acryl gegossen und völlig bewegungslos. Von einem Augenblick zum anderen war sie die kalte Killerin. In ihrem Inneren jedoch sah es völlig anders aus. Sie nahm Bewegungen wahr und konnte jeder winzigsten problemlos folgen, als wäre die ganze Welt – und ganz besonders dieser Raum und ihre Gegner – zu Eis erstarrt, das sich nur langsam schmelzend fortbewegte. Die wallende Glut in ihr schien diese Starre zu bedrohen, erfüllte die schwarze Frau jedoch bis in die letzten Fasern ihres Körpers.
Dann …
… flog der Werwolf mit gewaltigen Sprüngen auf Bérénice zu, die mit ruhigem Blick den Tod auf sich zukommen sah. Das Tier riss seine Kiefer mit vermeintlichem Schneckentempo auseinander, bereit, sie in das Fleisch der wartenden Gefangenen zu schlagen. Bérénice ließ sich niederfallen, wirbelte herum und aktivierte den Verschlussmechanismus des Sportgerätes. Der Schwung des Werwolfes ließ ihn durch die offenen Türflügel der Maschine krachen und drinnen Bekanntschaft mit den sonst harmlosen Dornen machen. Er war nur schwach verletzt, eher überrascht und leidlich benommen. Hätte er seinen freien Willen gehabt, wäre er sicher misstrauischer gewesen und hätte seinen Angriff anders ausgeführt. Jetzt genügte Bérénice, beziehungsweise der Maschine, dieser Moment, um die Flügel zu schließen. Das allein wäre noch nicht tödlich gewesen, denn die Sicherheitsvorrichtung verhinderte bei Widerstand ein völliges Zuschnappen. Aber für die ehemalige Trooperin war es mehr als genug Zeit, dem Werwolf die eiserne Hantelstange mit aller Kraft ins Genick zu treiben. Wie in Zeitlupe sah sie das kühl im Mondlicht schimmernde Metall in seinen Schädel eindringen. Sie hörte seine Nackenwirbel mit einem grässlichen und lang gezogenen Knirschen bersten und sah dann, wie das arme Tier endlich zusammenbrach.
Als wäre der Tod des Werwolfes ein Signal an den imaginären Schalter in ihrem Kopf gewesen, fanden ihr Geist und ihr Körper wieder in den normalen Zeitablauf zurück. Die Agentin wartete das letzte Zucken ihres Gegners nicht ab, sondern zog ihre Waffe sofort wieder heraus. Dann ging sie mit schnellen Schritten zu einer Stelle, die ihr mehr Bewegungsfreiheit ließ.
Die beiden gedungenen Mörder hatten sich offenbar auf ihr animalisches Mordinstrument verlassen und bekamen nun die Rechnung für ihren Fehler präsentiert. Der Anblick der bluttriefenden Hantelstange in den Händen einer schwarzhäutigen Amazone, die gerade bewiesen hatte, wie man mit so einem Ding zweckentfremdet umgehen konnte, ließ sie für einen Moment regungslos auf die Frau starren. Ihr zweiter Fehler war, dass sie keine Anstalten machten, ihr Vorhaben in letzter Minute noch aufzugeben.
»So, Jungs …«, knirschte Bérénice eiskalt zwischen ihren Zähnen hervor, als sie sah, dass die Kerle ihren Schock überwunden hatten und langsam auf sie zuschritten, »… jetzt zu euch beiden.«
»Miss Savoy, Sie geben also zu, Agent White kaltblütig erschossen zu haben.« Der Satz hing so klar im Raum, dass niemand auf die Idee kam, ihn tatsächlich als Frage zu betrachten. Dazu kam, dass der Vertreter der Staatsanwaltschaft einen so unangenehm ätzenden Tonfall an sich hatte, der nicht nur Bérénice und ihrer Verteidigerin in den Ohren schmerzte, sondern auch etlichen der zahlreichen Beobachter. Selbst der Richter verzog leicht seinen Mund, äußerte sich aber nicht.
»Einspruch, Euer Ehren«, rief Amélie Colbert. »Miss Savoy hat die Tat nie abgestritten. Im Gegenteil: Sie hat unmittelbar nach dem Schuss selbst den Notruf ausgelöst.«
»Im klaren Bewusstsein dessen, dass ein Plasmastrom aus einem Nadler – abgeschossen aus weniger als zwei Metern Entfernung – jedes Herz zerplatzen lässt wie eine Seifenblase! Das nenne ich kaltblütig, Frau Verteidigerin!«
Colbert schüttelte genervt den Kopf und ihre bis zu den Kieferknochen reichende Pagenfrisur verlor für einen Augenblick ihre akkurate Form. »Von kaltblütig kann keine Rede sein. Miss Savoy – übrigens Agentin Savoy, aber darauf komme ich später noch einmal zurück – hat ohne Zweifel in Notwehr gehandelt. Es ist nichts anderes als blanke Ignoranz, Herr Staatsanwalt, diese Tatsache immer und immer wieder auszuklammern.« Die bildhübsche Agentin – hier als Verteidigerin Savoys und Vertreterin des Terranischen Geheimdienstes in Personalunion – setzte ein stahlhartes Lächeln auf. »Und wenn Sie es noch tausendmal zu unterdrücken versuchen: Ich werde Sie, das hohe Gericht und alle anderen hier im Saal gerne daran erinnern.« Sie wandte sich halb von Staatsanwalt Ferguson ab und Richter Hassan Yildirim zu. »Möchten Sie die Aufnahme der Kabinen-Aufzeichnung noch einmal sehen, Euer Ehren?«
Yildirim hob seine linke Hand eher die Pranke eines Schwerstarbeiters als die eines Richters und wedelte mit dem mächtigen Zeigefinger. »Nein, das ist wirklich nicht nötig. Wir haben den Clip mindestens ein Dutzend Mal gesehen … und auch seine Echtheit und Unversehrtheit ausreichend belegt bekommen.« Dann wandte er sich an Ferguson. »Wenn Sie sich also an die Fakten halten würden, Herr Staatsanwalt. Konzentrieren Sie sich eher auf das Motiv …«
Ferguson sah wie ein Hai aus, dem man einen blutigen Brocken hingeworfen hatte. »Aber mit Vergnügen, Euer Ehren. Miss Savoy …«
»Ich meinte nicht Agentin Savoy«, unterbrach ihn Yildirim. »Mich – uns – interessiert alle das Motiv des Agenten White! Warum wollte er seine Kollegin – und wie wir nun auch alle wissen: seine ehemalige Kommilitonin und Geliebte – töten? Sie hat den Auftrag, der ihr erteilt wurde …«
»Unwissentlich!«, warf Colbert ein.
»… zunächst unwissentlich erteilt wurde«, fuhr Yildirim fort, »erfolgreich ausgeführt … mehr oder weniger.«
Ferguson warf einen übertrieben bedeutungsschweren Blick ins Publikum. Vielleicht eine Geste, die er sich für Verhandlungen vor Zivil- und Strafgerichten angewöhnt hatte, die hier aber fruchtlos blieb, da alle Anwesenden entweder dem Militär, dem Geheimdienst oder der Regierung der Terranischen Föderation angehörten. Die Öffentlichkeit war selbstverständlich ausgeschlossen worden. Richter Yildirim sah den Blick natürlich ebenfalls und machte sich eine Notiz. Amélie Colbert hatte den Eindruck, dass Fergusons Minuskonto gerade um einen Punkt gewachsen war. Auch er schien nun zu bemerken, dass er auf dünnem Eis ging.
»Na schön, dann eben ohne weitere Hintergrundermittlung«, murmelte er. Dann hob er seinen Kopf und versuchte es mit Zustimmung. »Ja, Agent White hatte eine Waffe bei sich, als er die Kabine der Angeklagten betrat. Und das völlig legitim, wie ich betonen darf. Agent White musste sich vergewissern, ob Miss Savoy noch vertrauenswürdig war oder nicht. Der Auftrag wurde ausgeführt …«
»Erfolgreich ausgeführt«, warf Amélie Colbert ein und erntete dafür einen strafenden Blick Yildirims. Mit einem charmanten Lächeln nickte sie ihm entschuldigend zu.
Ferguson fuhr ungerührt fort: »… doch eben nicht in der Weise, wie es ihre Anweisungen verlangten.«
»Einspruch, Euer Ehren. Agentin Savoy war vollgepumpt mit Stimulanzien, Codewörtern und Implantaten. Die Liste dieser Eingriffe haben wir schon gründlich durchdiskutiert. Sie ist übrigens auch jetzt noch nicht wieder alleinige Herrin über ihren Körper und Geist.«
»Einspruch gew…«, begann Richter Yildirim, wurde aber von Ferguson unterbrochen.
»Sie wollen uns doch wohl jetzt nicht mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit kommen, Frau Verteidigerin?« Ferguson hatte eine lauernde Miene aufgesetzt.
»Nein, ganz sicher nicht. Im Moment des Schusses war meine Mandantin klar bei Sinnen und verfügte über die ihr in vielen Monaten von Militär und Geheimdienst antrainierten Reflexe. Allein diese retteten ihr das Leben. Agent White galt auch unter Kollegen als blitzschneller und treffsicherer Schütze.«
»Er hatte aber sein Urteil über Miss Savoy noch nicht gefällt, liebe Frau Verteidigerin«, sprudelte es aus Ferguson heraus. Im gleichen Moment, als er den Satz beendet hatte, erkannte er seinen Fehler und schob hastig nach: »Wir alle wissen, dass es manchen Mitgliedern des Terranischen Geheimdienstes gestattet ist, in außergewöhnlichen Fällen ein eigenes Urteil und die entsprechenden Maßnahmen …«
»Mord!«, donnerte Amélie Colbert dazwischen und hatte in dieser Sekunde nichts an sich, was sonst die Männer sich nach ihr umdrehen ließ.
Fergusons von einem Augenblick zum anderen erstarrtes Gesicht ließ es nicht zu, dass er seinen Satz beenden konnte. Dagegen kam Amélie Colbert jetzt erst richtig in Schwung.
»Und wieder ist Ihre Ignoranz nicht zu überbieten, Herr Staatsanwalt. Agent White hätte seine Bewertung Savoys – nicht sein Urteil einem ordentlich bestellten Gremium vortragen können. Agent White hätte dazu alle Zeit der Welt gehabt.« Die hübsche Französin beugte sich ein wenig nach vorn und drosch ihre flache Hand auf den Tisch, dass es krachte. »Aber nein, er zog es vor, selbst Richter und Henker in Doppelfunktion zu spielen. Die Aufnahmen zeigen glasklar, dass er nach seiner Waffe griff. Agentin Savoy hatte weder eine Wahl noch eine einzige Sekunde Zeit. Sie handelte in Notwehr. Agent White hingegen handelte ohne Zwang oder Not!«
Ferguson schnappte für eine Entgegnung nach Luft, aber die Verhandlung war nun an dem Punkt angekommen, auf den Amélie Colbert die ganze Zeit gewartet hatte.
»Ich darf hier noch einmal auf die Nacht des 21. Januar 2317 zurückkommen: Zwei gedungene Mörder aus dem Männertrakt des New-Alcatraz-Gefängnisses auf Terra – samt einem Werwolf – hatten versucht, meine Mandantin zu ermorden. Beide Versuche sind für mich glasklarer Beweis dafür, dass jemand, wahrscheinlicher aber eine Gruppe, meine Mandantin tot sehen will. Selbst diese Verschwörer sind somit der Ansicht, dass Bérénice Savoy in Notwehr gehandelt hat, also unschuldig ist und somit als freie Bürgerin Terras aus der Haft entlassen werden muss. Wäre sie schuldig, könnten die Verschwörer sich bequem zurücklehnen und die Hinrichtung Savoys abwarten.« Colbert richtete sich auf und blickte jedes einzelne Mitglied der Geschworenengruppe so intensiv an, dass dieses das Gefühl bekommen musste, nur es sei angesprochen. »Die Frage ist nur: Welche brisanten Informationen sind in den Tiefen des Gehirns meiner Mandantin verschüttet, dass man immer wieder versucht, sie zu töten?«
Sie machte eine Pause, doch weder Ferguson, noch der Richter erwiderten etwas darauf. Amélie Colbert glaubte für einen Moment, Richter Hassan Yildirim zustimmend nicken zu sehen. Aber die Bewegung war so minimal, dass sie offensichtlich niemand anderer gesehen hatte.
»Ich darf ebenfalls in Erinnerung rufen, dass meine Abteilung und ich Agentin Savoy seit dieser Nacht bis zum heutigen Tag in einer Einrichtung des Geheimdienstes in Schutzhaft genommen haben, um weitere Mordversuche zu verhindern.« Sie straffte sich und blickte zunächst Yildirim und danach jeden seiner Beisitzer in die Augen. »Ich beantrage also hiermit die sofortige Rehabilitation und Freilassung meiner Mandantin.«
Der Rest der Verhandlung verlief ohne weitere Aufregung. Nur kurz versuchte Ferguson in seinem Plädoyer, White als Opfer darzustellen, schien aber selbst zu merken, dass es nur ein Rückzugsgefecht war. Nach einer Beratung, die keine halbe Stunde gedauert hatte, betrat Richter Hassan Yildirim mit seinen sechs Beisitzern, zwei vom Militär, zwei vom Geheimdienst und zwei nicht stimmberechtigten Vertretern der Regierung, wieder den Sitzungssaal. Automatisch erhoben sich alle Anwesenden. Nachdem Yildirim und seine Beisitzer Platz genommen hatten, setzten sich auch die Vertreter der Anklage und das zahlreiche Publikum. Nur Bérénice Savoy und Amélie Colbert blieben stehen. Als wenige Augenblicke später Ruhe herrschte, blickte Yildirim die Angeklagte direkt an, die ihm dunkel und gefasst entgegensah.
»Ich erspare uns die Auflistung aller Zeugen, Techniker, Ausbilder und Vorgesetzten der Angeklagten. Es gibt keinen einzigen darunter, der die technische oder telepathische Überprüfung nicht bestanden hätte. Ich darf diesem Personenkreis für die Aufklärung des Falles ausdrücklich Dank aussprechen.«
Er blickte auf seine Notizen und machte ein Gesicht, das auf Verteidigerin Amélie Colbert wie eine Mischung aus Respekt und Erleichterung wirkte. Erleichterung in dem Sinne, dass er nicht zu den Feinden der Angeklagten zählte.
»Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass die beiden männlichen Gefangenen, welche Agentin Savoy angegriffen haben, überleben werden. Die Mediziner versichern, dass die Wunden, welche die Angeklagte ihren Gegnern zugefügt hat, einzig und allein darauf abzielten, diese kampfunfähig zu machen.« Wieder blickte er auf seine Aufzeichnungen. »Sie werden allerdings erst in einigen Monaten die Gefängnisklinik verlassen und den Rest ihrer Strafe nur mit Hilfe von … äh … mehreren Prothesen absitzen können.«
Er nahm einen Schluck Wasser, erhob sich und wandte sich dann wieder an die beiden immer noch stehenden Frauen.
»Nach Abwägung aller Fakten und … anderer Beweggründe, kommen wir ohne einzige Gegenstimme zu folgendem Urteil: Agentin Bérénice Savoy hat in Notwehr gehandelt. Der Vorwurf des Mordes wird daher abgewiesen. Wir können aber nicht völlig ausschließen, dass es ihr möglich gewesen wäre, Agent White nur kampfunfähig zu schießen. Auch Agentin Savoy ist eine hervorragende Schützin. Doch hier vor Gericht zählen nur Fakten und keine Möglichkeiten. Daher sprechen wir die Agentin Bérénice Savoy in allen Punkten der Anklage frei!«
Yildirim setzte sich wieder und nickte Savoy und Colbert zu, sich ebenfalls niederzulassen. Bérénice rührte sich zunächst nicht, doch Amélie Colbert fühlte mehr, als dass sie es sah, wie ihre Freundin sich entspannte. Schon wollte sie sich ihr zuwenden und sie in die Arme nehmen, als noch einmal die Stimme Yildirims erklang.
»Wir ordnen allerdings mit sofortiger Wirkung an, dass Agentin Savoy für unbestimmte Zeit – aber bei vollen Bezügen – vom aktiven Dienst suspendiert wird. Dies soll auch ihrem Schutz dienen. Erst nach einer gründlichen medizinischen Überprüfung kann ihr ein Ärzteteam die Wiederaufnahme ihres Dienstes gestatten. Sofern Agentin Savoy dies wünscht.« Er sah, dass beide Frauen immer noch standen, und lächelte leicht. »Bitte setzen Sie sich doch.«
Endlich folgten die Freigesprochene und ihre Anwältin der Aufforderung.
Richter Yildirim seufzte beinahe unmerklich und hatte dabei einen Gesichtsausdruck angenommen, der wie eine Liaison zwischen einer Zitrone und einer Orange wirkte. »Nachdem die Prägung des Kampfroboters, einem Modell der BEHEMOTH-Klasse III …«, er stoppte kurz und warf einen Blick auf seine Notizen, »… mit derSerien-Nummer 5776893B1122-Alpha, nicht rückgängig gemacht werden kann, steht es Agentin Savoy frei, den Roboter mit dem Individualnamen Freitag als ihr Eigentum anzunehmen … oder seiner sofortigen Verschrottung zuzustimmen.«
Bérénice sah überrascht zu Amélie hinüber, dann wieder zu Richter Yildirim. Der zeigte erneut den Hauch eines Lächelns und fast noch weniger wahrnehmbar die Andeutung eines Nickens. »Das letzte Wort hat die Beklagte … Entschuldigung: Agentin Savoy.«
»Ich nehme das Urteil … und die Suspendierung an. Sie sagten, Euer Ehren, ein Ärzteteam kann mich eventuell reaktivieren. Das hört sich so an, als könnte ich diese Untersuchung auch ablehnen.«
»Können Sie, Agentin Savoy. Wir sind keine Barbaren. Zwang gegenüber verdienten Agenten gehört nicht zu unserer Auffassung von Gerechtigkeit. Sie haben den Krieg mit den Mazzar beendet … zumindest in diesem Raumsektor.«
»Und Freitag gehört wirklich mir?«
»Wenn Sie ihn nicht nehmen, wird er eingeschmolzen. Die Prägung auf Sie ist irreparabel.«
Bérénice schüttelte mit dem Kopf, sodass ihre schwarzen Locken tanzten.
»Das hätte er nicht verdient. Ich nehme ihn!«
Die 3. Heimatflotte unter dem Kommando von Admiralin Diana Carpenter war immer noch im Laurin-System stationiert. Bérénice und Naya befanden sich in der Kabine der schwarzhäutigen Trooperin an Bord des Flaggschiffes TSS LEONIDAS und hielten jeweils ein Glas rigelianischen Rotweins in der Hand. Beide hatten nur wenig davon getrunken und schienen auf unterschiedliche Weise davon abgehalten, ihn wirklich genießen zu können. Die Verhandlung und der Freispruch lagen erst wenige Tage zurück. Trotzdem herrschte eine undefinierte Spannung zwischen ihnen, die sie ihre alte Unbeschwertheit nicht wiederfinden und die neu gewonnene Freiheit vorerst ungenutzt bleiben ließ.
»Scanne mich!«, stieß Bérénice unvermittelt hervor und stellte abrupt ihr Glas ab. Der schwere Wein schwappte ein wenig über den Rand und rann in einer dunklen Spur auf den Tisch.
»Bist du sicher?«
»Ich vertraue dir mehr als mir selbst.«
Die Rigelianerin nickte unmerklich und dachte darüber nach, wem ihre finstere Freundin wohl überhaupt vertrauen konnte.
Kann ich ihr denn vertrauen? Sie trägt immer noch eine ganze Reihe terranischer und mazzarischer Implantate in sich. Dazu Depots geheimnisvoller Chemikalien, die sonst etwas in ihr auslösen können. Einzig den Sender hat sie sich entfernen lassen. Die Code- und Schlüsselwörter, versteckt in Myriaden von Synapsen und Gehirnwindungen, schlummern aber immer noch in ihr. Kann ich sie entdecken? Und wenn ja: Was soll ich dann tun? Ich bin weder Psychotherapeutin noch Neurologin … nur eine Empathin und Telepathin. Und wenn es kompetente Fachleute dafür gäbe … was würden sie mit ihr anstellen? Würde sie es überhaupt zulassen? Ich fürchte, sie hegt gegen die gesamte terranische Ärzteschaft eher Rache- und Todesgelüste. Rikard … Mister White war nur der Erste.
Naya strich eine widerspenstige rote Locke aus ihrem Gesicht und stellte ebenfalls ihr Glas ab. Ich muss wenigstens versuchen, ihr zu helfen. Dann senkte sie ihre Lider halb herab und sandte ihren Geist zu ihrem Gegenüber. Bérénice saß ruhig in ihrem Sessel und machte ein Gesicht, dem man ansehen konnte, wie gering sie die Chancen einstufte, von der Rigelianerin erhellende Erkenntnisse über ihren Geisteszustand zu erhalten. Und tatsächlich öffnete Naya nach nur einer Minute ihre Augen wieder vollständig und schüttelte bedauernd ihren Kopf.
»Es tut mir leid, Nice. Es geht nicht. Da ist eine Barriere, die ich nicht durchdringen kann. Aus Erfahrung weiß ich, dass solchermaßen konditionierte Gehirne nicht allein auf para-sensitive Weise durchleuchtet werden können.«
»Aber auf chemische Weise.«
Naya erschrak. »Das wirst du doch wohl nicht ernsthaft in Erwägung ziehen? Die Erfolgsaussichten sind mehr als fraglich. Die dabei entstehenden Schäden dagegen treten umso zuverlässiger ein. Ich habe Probanden erlebt, die nach einer solchen Prozedur nicht mehr waren, als stupide vor sich hin glotzende Pflanzen.« Sie schüttelte angewidert ihren Kopf. »Du wirst damit leben müssen.«
»Und mich immer wieder fragen, ob meine Handlungen aus mir selbst entstehen … oder das Reagieren auf irgendein Schlüsselwort sind?« Bérénices Wangenknochen mahlten und ein gehetztes Flackern durchzuckte ihre Augen.
»Ja, so wird dein Leben von jetzt an sein.« Naya beugte sich nach vorne und legte ihre Rechte auf eine Hand der ehemaligen Trooperin. »Auch wenn meine Fähigkeiten bei dir nutzlos sind: Ich werde auf dich aufpassen … wenn du das willst.«
»Was ist mit deiner Dienstverpflichtung?«, fragte Bérénice. »Ich bin ja vorerst davon entbunden.«
Naya lächelte schwach. »Sie haben mir freigestellt, ob ich zu meiner Einheit zurückgehe oder bei dir bleibe.«
»Und?«
»Ich lasse dich nicht allein.«
Das Gesicht ihrer Freundin entspannte sich. Nur um unmittelbar danach die Härte anzunehmen, die eine unausgesprochene Warnung an alle war, die in dieser Frau Black Ice sahen. »Das freut mich … mehr als du glauben dürftest.« Dann nahm Bérénice ihre zweite Hand und legte sie auf die Nayas und ihre eigene. »Ich werde nicht still auf dem Sofa sitzen, meine Liebe. Ich nehme dich und Freitag … und fliege zurück nach Samboll.«
Die Rigelianerin riss die Augen auf. »Was willst du dort? Die Gefangenen werden sicher durch ein Trooperkontingent befreit werden. Die Terranische Föderation wird wahrscheinlich den ganzen Planeten nach Lagern und Überlebenden absuchen. Und wenn die Mazzar Wort halten, werden sie auch ihre Verbündeten dazu bringen, Frieden zu schließen.«
»Ich glaube nicht, dass ich so lange warten kann, Liebes. Siyoss und Bozadd haben schon zugestimmt, als ich sie fragte.« Dann grinste sie und Naya sah förmlich all die kommenden Gefahren darin aufblitzen. »Selbst das Spionageschiff der Mazzar-Agenten darf ich behalten.«
»Is´ nicht dein Ernst!«
»Oh doch. Der Grund dafür ist einfach: Es gibt keinen Menschen außer mir, der es bedienen kann.«
Ihr säuerlicher Tonfall erinnerte Naya daran, dass ihre Freundin nur einen Teil der Mazzar-Einrichtungen bewusst bedienen konnte. Der andere, bislang unbewusste Teil, machte beiden Frauen immer noch Sorgen. Gelinde ausgedrückt.
Bérénice lächelte zaghaft. »Freitag wird aber sozusagen als kleine Nebenaufgabe all meine Schaltvorgänge und sämtliche Daten des Schiffes unter Einsatzbedingungen erfassen und bei jeder sich bietenden Möglichkeit unserem Geheimdienst und dem Militär gleichzeitig übermitteln.«
»An Amélie Colbert und Admiralin Carpenter, nehme ich an.«
»Richtig. AC/DC werden dafür sorgen, dass relevante Erkenntnisse sofort nutzbringend umgesetzt werden.«
»Den beiden scheinst du auch zu vertrauen. Bei der Admiralin stimme ich dir ja zu. Sie war in den Plan nicht eingeweiht gewesen. Colbert dagegen schon …«
»AC war es, die verhindert hat, dass Rikard und seine Kollegen mich fallen ließen wie eine heiße Kartoffel.«
»Nichtsdestotrotz hat sie dem Wahnsinn zugestimmt … den Implantaten … den Stimulanzien.«
Bérénice schüttelte den Kopf. »Ein Teil des Wirrwarrs in meinem Kopf dürfte auf Wechselwirkungen zwischen den terranischen mit den mazzarischen Substanzen zurückzuführen sein. Zumindest behaupten das die Ärzte. Das konnte niemand vorhersehen.«
»Und Freitag? Auch er hat dich hintergangen.« Naya war verblüfft, wie sorglos ihrer Meinung nach Bérénice mit der Angelegenheit umging.
»Ich sehe das nüchterner. Er ist eine Maschine. Er wurde so programmiert.« Dann wurde ihre Miene um eine Nuance finsterer. »Nach Rikards … Tod und der Verhandlung habe ich Freitags Speicher checken lassen. Außer dem Befehl, sich mir erst ab dem Eintritt ins Laurin-System zu offenbaren, hat er keinerlei ähnliche Befehle erhalten. Seine Prägung auf mich hätte auch nichts anderes zugelassen. Die Robo-Techniker haben eine fast schon sprichwörtliche Höllenangst vor Befehlskonflikten … und damit vor amoklaufenden Robotern. Erst recht, wenn es sich um ein Modell der Baureihe BEHEMOTH handelt. Nein, nein: Freitag ist kein Verräter.«
Naya nickte, nur zögerlich zustimmend, löste sich von Bérénice und ließ sich in ihren Sessel zurücksinken. »Also willst du nicht nur wegen deiner Trooperkollegen zurück nach Samboll.«
»Es gibt noch zwei weitere Gründe«, bestätigte Bérénice. »Besser: Lebewesen, die mich dorthin ziehen.«
Die Rigelianerin hob fragend die Augenbrauen. Auch ohne Telepathie wusste sie die Antworten beziehungsweise die Namen. »Doktor Muramasa … und diese Pazifistin. Wie hieß sie noch mal?«
»Kefann.«
»Richtig, Kefann. Siyoss und Bozadd erwähnten in einer ihrer Aussagen, dass sie auf Samboll die einzige Pazifistin sei. Sie waren ziemlich stolz darauf, sie in die geheime Station eingeschleust zu haben. Es war also mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sie, die dir die Mazzar-Implantate verpasst hat.« Naya blickte Bérénice ruhig an. »Wirst du sie töten … so wie Rikard?«
»Nein. Denn ein Gefühl sagt mir, dass ich es vielleicht auch ihr zu verdanken habe, dass ich noch lebe. Laut Siyoss´ und Bozadds Beteuerungen würde eine Pazifistin niemals einem Befehl der Nestführung nachkommen, ohne sicherzustellen, dass sie damit nicht sich selbst und ihre eigenen Interessen verrät.«
»Selbst einem Feind, einem Menschen gegenüber?«
»Ja.« Bérénice lächelte zaghaft. »Wir verstehen noch längst nicht die Psychologie der Mazzar, geschweige denn die ihrer Pazifisten.«
»Deswegen nimmst du die beiden Pazifisten mit.«
»Nicht nur wegen Kefann. Ich will mit ihnen auch zurück nach Eternity.«
Naya wurde blass. »Das ist nicht dein Ernst, Nice!«
»Oh doch, ich meine das todernst.«
Die männliche Wache vor dem breiten Schott reagierte nur mit einem Nicken, als die schlanke Frau an ihn herantrat und auf das Öffnen des Zuganges wartete. Der Mann schien sie allein am Gesicht identifiziert zu haben und überließ seinem Partner die Arbeit. Der zweite Wächter – ein BEHEMOTH der Klasse II – rührte sich zunächst gar nicht. Sein elektronisches Auge fiel auf die ID-Karte an der Brust der Agentin außer Dienst und nur eine Sekunde später öffnete sich das schwere Schott.
Bérénice betrat die Wartungshalle 4 auf Deck C an Bord der TSS LEONIDAS und musterte die lange Reihe Roboter verschiedenster Typen und Bauart. Die meisten Kampfroboter der BEHEMOTH-Klasse standen dort in Reih und Glied. Die Trooperin sah Modelle aller in Dienst gestellten Baureihen. Fast ein Dutzend von ihnen jedoch saß auf massiven Stühlen, lag auf Montagetischen oder stand in der Mitte des Saales und hatte Teile seines Chassis geöffnet. Techniker wuselten zwischen ihnen umher und arbeiteten an Aufgaben, die sich der Frau nicht sofort erschlossen. Sie nahm aber an, dass Verschleißteile ausgetauscht und Munitionsdepots aufgefüllt wurden. Business as usual. Dass dies nicht durch andere Roboter erledigt wurde, zeigte ihr wieder einmal, dass sensible Aufgaben immer noch von Menschen erledigt werden mussten.
Als sie näher an die Reihe der Alkoven herantrat, in denen die Roboter an allerlei Verbindungsleitungen angekoppelt waren, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass Freitag kein individuelles äußeres Merkmal trug. Er hatte bei ihrem ersten Zusammentreffen zwar seine Seriennummer genannt, doch die war ihr längst entfallen. Also trat sie an einen der Techniker heran.
»Guten Morgen, Sir. Ich bin … Bérénice Savoy. Ich suche meinen Roboter. Leider kann ich Ihnen seine Bezeichnung nicht nennen, Sir.«
Der Mann und sicher auch seine Kolleginnen und Kollegen hatten sie schon bei ihrem Eintreten bemerkt, ihre Arbeit aber vorerst nicht unterbrochen. Jetzt richteten sich alle Augen auf die schwarzhäutige Frau.
»Ich – wir alle – wissen Bescheid, Miss Savoy. Admiralin Carpenter hat uns schon darauf hingewiesen, dass Sie irgendwann nach ihm sehen würden.« Er setzte dabei ein Gesicht auf, das der suspendierten Agentin verriet, dass er sie bewunderte. Offensichtlich war bislang noch keinem der Robo-Techniker des Flaggschiffes der 3. Heimatflotte ein Mensch begegnet, auf den ein BEHEMOTH uneingeschränkt geprägt worden war.
Bérénice nickte und blickte zu den Exemplaren, an denen die Technikergruppe gerade arbeitete. Freitag schien nicht darunter zu sein. Irgendein Gefühl sagte ihr, dass dem so war.
»Wo finde ich ihn?« Und noch bevor der Mann ihr eine Antwort geben konnte, fügte sie hinzu: »Wie könnte man ihn … äh, markieren? Er hat sich etwas mit seinem Chassis.«
Plötzlich grinste der Techniker. »Ja, das haben wir ziemlich gut hinbekommen, nicht wahr? Es ist sehr schwer, eigentlich fast unmöglich, dort einen Kratzer oder etwas Ähnliches anzubringen. Uns sind aber an ihrem Roboter tatsächlich einige schwache Schrammen aufgefallen. Sie würden uns wohl nicht verraten, wie oder durch was das möglich war?« Als sie nicht darauf reagierte, zuckte er mit den Schultern. »Schon gut, sicher Geheimsache, nicht wahr? Aber was halten Sie denn von einer farblichen Markierung? Wir haben da so ein Zeug aus der früheren deutschen Region der Erde, das dafür geeignet sein könnte. Probiert haben wir es aber noch nicht.«
»Nun, eigentlich wäre es auch nicht zwingend notwendig. Meine … anstehenden Pläne beschränken sich auf die Nutzung eines einzelnen Roboters, eben Freitag. Trotzdem wäre es schön, wenn ich an ihm etwas fände, das ihn einmalig macht.«
»Warten Sie bitte einen Moment, Madam. Ich werde die Farbe holen. Sie können sich einstweilen überlegen, wie die Markierung aussehen soll.« Er wollte sich schon abwenden, blieb dann aber kurz stehen. »Wünschen Sie einen bestimmten Farbton? Oder gar mehrere?«
Bérénice zögerte eine Sekunde, dann lächelte sie den Mann ehrlich und freundlich an. »Seine Grundfarbe ist ja Stahlblau, also ein dunkles, fast schwarzes Blau. Ich stelle mir etwas mit gutem Kontrast dazu vor. Haben Sie Goldfarbe? Und als Zeichen … sagen wir: einen Blitz?«
Der Mann betrachtete ihre ebenholzfarbene Haut und die goldfarbene Schminke ihrer Augen, Lippen und Fingernägel. Dann nickte er verstehend. »Natürlich haben wir auch Goldfarbe. Wir sind das Flaggschiff der 3. Heimatflotte. Wir haben alles!«
Etwa eine halbe Stunde später stand Bérénice vor Freitag, dessen Stirnpartie nun mit einem kleinen goldenen Blitz geschmückt war. Es war ein dezentes Zeichen, dem in seinem verhaltenen Seidenglanz eine Eleganz innewohnte, die im krassen Gegensatz zu den üblichen Fähigkeiten und Aufgaben eines Kampfroboters stand. Die Agentin musterte die 220 Zentimeter hohe Statur der Maschine und suchte nach den Spuren der zurückliegenden Erlebnisse.
Die seltsamen Felsen auf Violetta III konnten seiner Hülle einige leichte Kratzer versetzen, erinnerte sie sich. Die Explosion des Mazzar-Frachters erstaunlicherweise nicht. Zu weit entfernt, den Göttern des Alls sei Dank. Ein kleiner Teil ihres Verstandes machte sich eine Notiz, dass es wohl interessant und sicher auch lohnenswert wäre, eine Probe dieses Felsmaterials terranischen Forschern vorzulegen. Wenn schon das Erz auf dem Blitz-Planeten so fantastische Eigenschaften besitzt, dass die Mazzar so ein Geheimnis daraus machen, könnte der Ursprung in der generellen Geologie dieses Planeten begründet sein. Und damit das Erz, das sie dort abbauen …
Bérénice warf einen Blick auf ein halb zerlegtes HAWKING-Modell, das neben Freitags Alkoven auf einem Montagetisch mit geöffneten Brustplatten lag. Die Augen in dem etwas länglichen Metallschädel waren geschlossen. Mehrere Leitungen führten davon zu einer ganzen Batterie von Messgeräten und Monitoren, die Schaltpläne, Diagramme und andere Daten zeigten, die der Trooperin nichts sagten.
Vielleicht sollte ich einen dieser Eierköpfe mitnehmen. Ein Analyse-Roboter würde gut in die Mannschaft passen.
Sie verwarf den Gedanken gleich wieder, als sie an die beengten Verhältnisse an Bord ihres kleinen Schiffes dachte. Bérénice wandte sich wieder ihrem eigenen Roboter zu und betrachtete ihn mit gemischten Gefühlen.
Ich hoffe, ich kann mich auf deine Prägung verlassen, Blechschädel. Du bist schon in deiner Grundfunktion ein unschätzbarer Gefährte. Als auf mich fixierter Bodyguard kannst du auf mich aufpassen, wenn mich wieder mal ein Blackout niederstreckt …
Plötzlich bemerkte sie, dass Freitag an keine einzige Versorgungsleitung angeschlossen war.
»Freitag?«
Er öffnete sofort seine optischen Sensoren. Rotglühende Augen senkten sich auf die Frau vor ihm.
»Agentin Savoy. Sind Sie mit meiner Betrachtung und Markierung fertig? Darf ich fragen, was Sie auf meiner Stirn und meinem Rücken haben anbringen lassen?«
Die ehemalige Trooperin staunte ein wenig, dass er den Vorgang offensichtlich mitbekommen hatte. Dann fiel ihr ein, dass er lediglich auf Stand-by gestanden haben musste und nicht völlig deaktiviert gewesen war.
»Deine Seriennummer konnte und wollte ich mir nicht merken. Nur allein deswegen habe ich dich aber nicht Freitag getauft. Ich brauchte damals – und wie es aussieht auch in Zukunft – einen Partner, auf den ich mich verlassen kann. Und so jemand sollte einen Namen haben. Geraten wir aber jemals in Situationen, in denen mehrere BEHEMOTH agieren, würde ich gerne wissen, wer von ihnen mir gehört. Du trägst einen kleinen goldenen Blitz auf deiner Stirn und auf dem Rücken einen größeren.«
»Ich bin zwar nicht zu Gefühlen fähig, Agentin Savoy, aber ich berechne eine 96,7%ige Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen meine Existenz nicht völlig egal ist.«
»Du gehörst mir, Freitag«, sagte Bérénice und hatte plötzlich feuchte Augen.
»Ich stelle einige Parallelen in Ihrem und meinem erweiterten Äußeren fest. Dieser Markierung hätte es nicht bedurft. Ich bin auf Sie geprägt.«
In Bérénices Ohren klang es so, als hätte er gesagt: »Ich bin Ihr Freund.« Sie lächelte verhalten und ließ ihre Blicke über sein Chassis schweifen. »Bist du voll einsatzfähig?«
»Selbstverständlich. Wir BEHEMOTH sind grundsätzlich so konstruiert, dass wir so gut wie keine Verschleißteile besitzen. Lediglich während massiver Kampfhandlungen erlittene Schäden müssen repariert und zerstörte Bestandteile ersetzt werden. Und ich war noch an keinem Kampf beteiligt, der in die Kategorie massiv einzuordnen gewesen wäre.«
Bérénice erinnerte sich an die brenzligen Situationen, die sie mit Freitag erlebt hatte, und erschauerte ein wenig, als sie sich vorstellte, was nach seiner Beschreibung denn eine massive Kampfhandlung sein mochte. Irgendein Gefühl sagte ihr, dass sie in der Zukunft solche erleben würden.
Und hoffentlich überleben!
»Wir, also du und ich, Naya und die beiden Pazifisten, gehen auf eine Reise, in der es vielleicht massiv werden könnte. Ich hoffe es allerdings nicht.«
»Ich wurde darüber informiert, dass der Krieg mit den Mazzar beendet werden konnte. Und dies aufgrund Ihrer Bemühungen, Agentin Savoy«, sagte er und Bérénice hatte den Eindruck, dass ein wenig Stolz in seinen Worten mitschwang.
Du fängst schon wieder an, dieser Maschine Gefühle zuzuschreiben, dumme Kuh!, schalt sie sich und konnte trotzdem ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken.
»Nun, ja … stimmt schon. Der Krieg mag in diesem Sektor der Milchstraße beendet sein. Aber das All ist verdammt groß. Ich kann mir vorstellen, dass wir auf Mazzar stoßen könnten, die davon noch nichts mitbekommen haben.«
»Dann muss ich sie also immer noch als feindlich einstufen?«
»Ja … und nein.« Bérénice ahnte, dass es nicht nur für ihn schwierig sein würde, zwischen friedlichen und feindseligen Mazzar – und deren Verbündeten – unterscheiden zu können.
»Mit dieser Antwort kann ich nichts anfangen, Agentin Savoy. Spezifizieren Sie.«
»Das kann ich nicht … zumindest nicht generell. Du wirst mich in diesem Punkt beobachten oder auf mich hören müssen. Wenn ich schieße, schießt du auch, okay? Zumindest Siyoss und Bozadd sind keine Feinde, verstanden? Und ich hoffe, wir werden noch auf viele Pazifisten stoßen. Du erkennst sie an ihrem Zeichen.«
»Natürlich, Agentin Savoy. Wann werden wir starten?«
»Heute … du kannst mich gleich begleiten, Freitag.« Dann wandte sie sich um und sah den Techniker in einem Abstand zu ihnen stehen, der ausreichend respektvoll, aber in Hörweite war. »Ich hatte unlängst nach einem Vorrat an Munition für Freitag gefragt, Sir. Wurde der schon auf mein Schiff gebracht?«
Der Mann trat ein paar Schritte auf sie zu und wieder sah sie seine Bewunderung für sie in seinen Augen aufleuchten. »Selbstverständlich, Madam. Unsere Kollegen vom Depot haben schon vor einigen Stunden mitgeteilt, dass ein Ausrüstungspaket B-III-Alpha vor Ihr Schiff gebracht wurde. Ihre … Kollegin Naya nahm es in Empfang. Die Beladung wurde allerdings von Kerlen des Geheimdienstes durchgeführt. Niemand sonst darf das Schiff betreten.« Er kniff seinen Mund zusammen und machte ein Gesicht, das eine gehörige Portion Neugier zeigte, gemischt mit einem deutlich geringeren Anteil von Verständnis. »Was gäbe ich dafür, mit Ihnen durch das All fliegen zu dürfen, Agentin Savoy. Ihnen gehört sogar ein BEHEMOTH der Klasse III … und ein Mazzar-Spionageschiff! Was für ein aufregendes Leben Sie führen. Ich bin nur ein langweiliger Robo-Techniker; immer an Bord eines Raumschiffes.«
Sie bot ihm ihre Hand an und er ergriff sie überrascht. »Glauben Sie mir, Techniker …«, sie warf einen kurzen Blick auf sein Namensschild, »Quentin: Ich wünschte mir, es wäre deutlich weniger aufregend … und tödlich. Ich habe viele Freunde verloren.« Sie löste ihre Hand aus seiner und wandte sich ab.
Freitag folgte ihr und alle Techniker in der Halle sahen dem ungleichen Paar hinterher. Nur der Roboter hörte ihre leis gesprochenen Worte, erwiderte aber nichts darauf.
»Und jetzt fliege ich dorthin, wo noch welche sein müssen.«
»Sie hat sich ihren Roboter geholt und trägt auch ihr Schwert wieder.« Der Stimme der Frau war anzuhören, dass sie nur ungern zugeben würde, dass auch im 24. Jahrhundert eine so antiquiert wirkende Waffe ihre Vorteile hatte. Nur mühsam konnte die Besitzerin der Stimme ihre Ungeduld unterdrücken. »Sie ist startbereit. Wir sollten uns ebenfalls an Bord unseres Schiffes begeben, Mister Green. Schließlich wollen wir sie nicht schon zu Beginn verlieren.«
»Das werden wir nicht, Miss Silver«, klang die dunkle Stimme des Mannes auf, an den ihre Worte gerichtet waren. Er trat näher an die Kanzelscheibe des Hangar-Meisters heran und blickte zusammen mit der Frau in die Tiefe der riesigen Halle. Mehr als dreißig kleinere Raumschiffe standen dort in Reih und Glied, umgeben vom Gewimmel aus Wartungstechnikern, Lastrobotern, Mannschaften und anderem Personal. Mittendrin der Hangar-Meister, der es sich offensichtlich leisten konnte, seinen Aussichtsposten immer wieder durch Präsenz am Ort des Geschehens tauschen zu können. Der Rest des Kanzelpersonals war zu beschäftigt und zu weit von dem Paar entfernt, um dessen Gespräch mithören zu können.
Nur ein Schiff passte nicht so recht in das Bild aus Ordnung und kontrolliertem Durcheinander. Es war das einzige Mazzar-Raumschiff im Hangar und vermutlich momentan auch das einzige im ganzen Laurin-System. Und genau das ärgerte den Mann, der wie seine Begleiterin in einfache Straßenkleidung gehüllt war. Nicht, dass er wünschte, es würden sich mehr Raumschiffe der Mazzar in der Kernregion der Terranischen Föderation aufhalten, nein. Aber er hätte es niemals dieser Frau überlassen, der er nicht völlig vertraute. Nicht mehr vertraute. Er hätte es lieber gesehen, wenn sich dem Schiff ganze Horden von Schiffsingenieuren und Technikern des Geheimdienstes gewidmet hätten. Es bis zur letzten Schraube – wenn es denn solche überhaupt besaß zerlegt, analysiert und wieder zusammengebaut hätten. Aber nein, die Admiralität und das Oberste Gericht der Föderation hatten es Bérénice Savoy überlassen. Natürlich kannte er sie und bewunderte sie für das, was sie erlebt, überlebt und geleistet hatte. Aber er vertraute ihr eben nicht.
Es war für ihn ein Leichtes gewesen, die Genehmigung für eine Mission zu erhalten, die er selbst vorgeschlagen hatte. Auch einige seiner Vorgesetzten teilten seine Bedenken. Erst recht, weil eine ihrer Agentinnen – ehemaligen Agentinnen – einen Mann aus den eigenen Reihen umgebracht hatte. Ob nun in Notwehr oder nicht, interessierte offenbar die Hälfte der Geheimdienstführung nicht. Ihn dagegen umso mehr. Er hatte Hinweise entdeckt, die in ihm den Verdacht hatten aufkommen lassen, dass es eine Gruppierung innerhalb des Geheimdienstes gab, die eigene – nicht offizielle oder von der Terranischen Regierung genehmigte – Ziele verfolgte. Und nach seiner ureigenen Meinung spielte Bérénice Savoy darin eine Rolle. Ob nun bewusst oder unbewusst: Das war für Mister Green die spannende Frage. Er hatte zwar ein Gefühl, doch auf Gefühle allein wollte er sich nicht verlassen. Also hatte er seine persönlichen Beweggründe für diese Mission für sich behalten. Nicht eines der Besatzungsmitglieder dieses Geheimdienstschiffes wusste von seinen wahren Plänen. Auch nicht seine rechte Hand, Miss Silver.
Ich muss ganz von vorne beginnen, dachte er und beobachtete, wie ein BEHEMOTH in Begleitung zweier Frauen in Trooper-Uniformen den Hangar betrat und mit ihnen auf das Spionageschiff der Mazzar zuging. Selbst aus dieser Entfernung sah der Geheimdienstmann den goldenen Blitz auf dem Rücken des Kampfroboters. Der BEHEMOTH betrat das Schiff, die beiden Trooperinnen unschwer an der schwarzen Haut als Bérénice Savoy und den roten Locken als deren rigelianische Freundin Naya erkennbar blieben noch davor stehen und unterhielten sich mit zwei Männern der Hangar-Crew. Jeder könnte zu dieser Clique gehören. Wenigstens kann sich Savoy auf ihren Roboter und die Rigelianerin verlassen.
Mister Green war ein alter Hase des Terranischen Geheimdienstes und in wenigen Jahren würde er seinen mehr als wohlverdienten Ruhestand antreten.
Aber nicht bevor ich herausgefunden habe, wer Bérénice Savoy umbringen will. Und vor allem: warum?
Was ihn ebenfalls zwischen Hoffnung und Misstrauen schwanken ließ, war, dass Savoy zwei Mazzar bei sich hatte. Es fiel ihm immer noch schwer, die Feinde vieler Jahre jetzt als Verbündete, ja sogar als Freunde im Kampf gegen diese mysteriösen Hydren zu betrachten. Und noch etwas beschäftigte ihn: Die Psychologen des Geheimdienstes stritten wie übrigens auch ihre zivilen Kollegen über die Frage, ob diese neue, dritte Partei innerhalb der Mazzar-Gesellschaft, diese sogenannten Pazifisten, eine vernachlässigbare und kurzfristige Erscheinung darstellte oder zu nachhaltigen Veränderungen im Verhalten der Mazzar führen würde. Vom grundsätzlichen Verständnis der außerirdischen Psychologie einmal ganz abgesehen.
Ergo hatte Mister Green die Erlaubnis bekommen, mit dem neuesten Schiffsmodell der Menschheit – einem Chamäleonsamt einer kleinen Besatzung, der schwarzen Amazone auf den Fersen zu bleiben. Der Frau, die ihren Namen Black Ice auch durch ihn und seine damalige Bewertung erhalten hatte.
»Wie können Sie so sicher sein, dass wir sie nicht verlieren, Sir?«, brachte sich seine Kollegin wieder in Erinnerung. »Der Mazzarsender in dem Schwert wurde nachweislich und irreparabel zerstört. Unsere Techniker waren ziemlich stolz darauf, dies ohne Beschädigung – und Spuren – hinbekommen zu haben.«
Green nickte und wusste auch, dass Savoy den Ärzten nur erlaubt hatte, den terranischen Sender in ihrem Körper zu entfernen. An die anderen Implantate und Medikamenten-Depots ließ sie die Ärzte nicht heran, auch wenn diese beteuerten, ihr Bestes geben zu wollen. Agent Whites konkreter Aussage, besser: Warnung, diese seien nicht ohne Komplikationen zu entfernen, schien sie zu glauben.
Egal, wir können ihr auch so auf den Fersen bleiben, dachte Green und konnte dabei dem Gedanken, eine Mitschuld an Savoys Misstrauen zu haben, nicht widersprechen.
»Dieses Mazzarschiff ist ein Spionagemodell inklusive einer Tarnvorrichtung, die wir noch nicht erforschen konnten«, brachte ihn Miss Silver wieder in die Gegenwart zurück.
Ohne auf ihre Frage einzugehen, wandte er sich zu ihr um und lächelte geheimnisvoll. »Sie hat das Schiff MATA HARI getauft. Interessant, nicht wahr?«
Sie schien mit dem Namen nichts anfangen zu können, sondern nickte nur.
Greens Lächeln verschwand und machte einem zufriedenen Ausdruck Platz. »Wir schlafen nicht, Miss Silver. Unser hübsches neues Schiffchen hat auch einige Innovationen eingebaut. Eine davon hat von ihren Konstrukteuren einen so langen Namen erhalten, dass ich der Überzeugung bin, ihre Erfinder wollten schon allein damit ihre Funktion bis ins Detail beschreiben. Ich nenne sie einfach die Leine. Es ist ein Signalgerät, das es uns ermöglichen wird, dieses Mazzarschiff bis zu einer Distanz von 20 Lichtjahren anzupeilen, egal ob man es getarnt hat oder nicht. Dabei ist die Leine selbst – ohne entsprechenden Empfänger – so gut wie nicht zu orten. Sie sendet ihre Signale nämlich nicht durch den Normalraum, sondern durch den Ultraraum. Im Grunde ist sie eine Weiterentwicklung der Ortungstechnologie, welche in den Ultraraum ein- und austretende Raumschiffe erfasst.«
Miss Silver, eine attraktive, aber drahtige Frau, nickte wieder, dieses Mal verstehend. »Ich erinnere mich an das Briefing, Sir. Ich wusste nur nicht, dass unser Schiff schon damit ausgerüstet ist.« Sie schien für einen Moment verärgert zu sein, dass sie diese Information erst jetzt erhielt, deutete dann aber beruhigt in den Hangar hinab. »Wir können also abwarten, bis Agent Savoy die LEONIDAS verlässt.«
»Ja«, antwortete er. »Gehen wir also an Bord der GHOST, meine Liebe.«
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er den Eindruck, dass sie bei der ungewohnten Anrede gelächelt hatte, und setzte nun selbst das charmanteste Gesicht auf, zu dem er in der Lage war.
»Ich denke, wir werden während unserer Mission genügend Gelegenheit haben, um uns näher mit den Eigenschaften der GHOST vertraut zu machen. Und uns besser und intensiver untereinander … äh … auszutauschen.«
Auch sie war nicht erst seit gestern beim Geheimdienst und verstand sofort die Botschaft, die in seinen Worten steckte. Nachdem Mitglieder des Terranischen Geheimdienstes so gut wie nie Familie hatten, schien sie nicht abgeneigt zu sein.
Also fange ich mit ihr an, dachte Green. Mal sehen, ob ich ihr vertrauen kann.
Es war ruhig an Bord des Mazzarschiffes; fast alle schliefen. Bérénice lag zwar in ihrer Koje, doch ihr Geist fand keine Ruhe und trieb an der Grenze zwischen Wachsein und leichtem Schlaf. Immer wieder wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Sie murmelte unverständliche Worte, manchmal nur Silben und rang mit der sich ständig verheddernden Schlafdecke. Als sich ihr der kleine Nadler, der eigentlich unter ihrem Kopfkissen hätte liegen sollen, unangenehm in den Rücken drückte, gab sie es auf, ein paar Stunden Ruhe zu finden. Mit einem Ruck richtete sie sich auf und starrte mit weiten Augen in die Dunkelheit der Kabine. Und von einem Moment zum anderen wähnte sie sich an einem ganz anderen Ort …
Irgendetwas sticht mir in den Rücken. Sie stöhnte auf, als sie sich eine bequemere Lage verschaffen wollte und spürte, dass ihr gesamter Oberkörper völlig verspannt war. Na schön, dachte sie, dann eben Schluss mit Schlafen. Ich …
Sie brachte den Gedanken nicht mehr zu Ende, denn ihr Hirn glaubte nicht, was ihre nun offenen Augen ihm zutrugen. Sie lag oder besser: kauerte auf einem schmalen Felsvorsprung und kalter Wind fuhr ihr durch das Haar. Sie blickte an sich herab und registrierte mit dem nüchternen Teil ihres Verstandes die Thermo-Variante eines Trainingskampfanzuges. Der andere, heißblütigere Teil in ihr, spülte Wut aus ihrem Inneren herauf.
Was soll denn das für eine Übung werden?
Die Trooperin zog den Reißverschluss des Anzuges bis ganz nach oben und erhob sich. Mit einem einzigen Schritt nach hinten wich sie von der Kante des Simses ab, auf dem sie wohl geschlafen hatte. Sie hatte damit bereits die Wand erreicht, die hinter ihr fast senkrecht in die Höhe stieg. Und vor ihr in einen scheinbar unendlichen Abgrund führte.
Es ist nur eine Simulation, Mädchen. Die Kerle der Planungsgruppe sollen schon die skurrilsten Einfälle gehabt haben.
Sie sah förmlich Major Tyler Palmwood vor dem Auditorium der Rekruten stehen und glaubte, seine Worte in ihrem Kopf nachhallen zu hören: »Die Trainingssequenzen, die Sie erleben werden, werden Ihnen völlig authentisch vorkommen. Sie werden Hitze, Kälte, schneidenden Wind … und Schmerzen fühlen. Alles, was Sie in der Realität auch spüren würden.« Sein Blick hatte eine Härte angenommen, die sie alle als Warnung empfunden hatten und die von ihm auch garantiert so gedacht worden war. Er hatte begonnen, wie ein Tiger im Käfig vor ihnen auf und ab zu marschieren. Vielleicht hatte er es getan, um möglichst vielen von ihnen in die Augen schauen zu können. »All Ihre Sinne werden Ihrem Gehirn signalisieren: Das ist echt!« Er hatte eine winzige Pause gemacht, möglicherweise nur, um ein noch finstereres Gesicht aufsetzen zu können. »Die Wunden, die Sie sich möglicherweise einhandeln, sind natürlich nicht wirklich. Wir wollen schließlich keine Krüppel aus Ihnen machen. Aber die Schmerzen werden Sie sehr wohl als wahr empfinden. Es hat immer Kandidaten gegeben – und wird es wohl auch in Zukunft geben , die diese Qualen nicht ertragen können. Und solche, die den Korrekturbutton nie oder zu spät erreicht und gedrückt haben. Sie sind gestorben. Die meisten gottlob nur virtuell … manche aber absolut real.« Er hatte seine Wanderung am Rand der ersten Reihe des Auditoriums beendet und sich kerzengerade aufgerichtet, als gelte es, eine Medaille entgegenzunehmen.
»Das Terranische Spacetrooper-Korps ist stolz darauf, durch dieses Auswahlverfahren die Verlustquote im Einsatz deutlich niedriger halten zu können, als alle Armeen der Erde zu früheren Zeiten. Lieber verlieren wir pro Jahr eine Handvoll Rekruten durch Schock, als eine Vielzahl in einem echten Gefecht durch mangelnde Eignung. Aber vergessen Sie nicht: Das Ziel ist immer die Erfüllung der Mission! Im Idealfall auf eine Art und Weise, die Sie eine weitere Mission übernehmen lässt. Und noch eine … und noch eine.«
Bérénice hatte nach seinen Ausführungen beobachtet, wie einige der Kandidaten betroffene Gesichter gezeigt hatten. Ihr war noch am gleichen Tag in der Garnison zu Ohren gekommen, dass 18 % der Spacetrooper-Anwärter das Handtuch geschmissen und ihre Ausbildung beendet hatten.
Sie schüttelte die Erinnerung ab und betrachtete den Verlauf des Felssimses nach beiden Seiten. Er endete in jeder Richtung nach wenigen Metern. Na super, Jungs. Das bedeutet wohl ein Free Solo. Dann schwor sie sich: Du wirst diesen ersten Test … und alle weiteren überstehen, Mädchen!
Letzte Blicke nach unten und zu den Seiten der Felswand bestätigten ihr, dass es nur einen Weg gab: nach oben. Bérénice seufzte und tastete mit beiden Händen nach einem sicheren Halt … und stutzte.
